muß er abgefallen sein . « Er deutete auf den Hund , der bei einer vorspringenden Steinplatte hielt und die Nase winselnd über den Fels hinausstreckte . In fieberndem Eifer , kläffend und mit trippelnden Füßen suchte der Hund einen Weg in die Tiefe . » Packen S ' den Hirschmann , Herr Graf ! « schrie Franzl . Im gleichen Augenblick verlor der Hund auf der abschüssigen Platte den Halt ; er versuchte noch einen Sprung , überschlug sich und stürzte in die Tiefe . Man hörte einen dumpfen Klatsch . Franzl wurde dunkelrot im Gesicht , doch er schwieg . » Dös macht ihm nix ! « meinte Schipper . » Es ist net hoch nunter . « Da hörten sei ein Winseln des Hundes , dann seinen hellen Standlaut . » Er hat den Bock ! « rief Graf Egge . » Nur hinunter jetzt , hinunter ! « Schipper klomm in ungestümer Hast über die Scharte ; Franzl wollte ihm folgen , doch Graf Egge rief ihn zurück - beim Abstieg versagte ihm der schmerzende Fuß , und er brauchte einen Helfer . Während die beiden durch die Steinrinne langsam niederstiegen , erreichte Schipper den Latschenbusch , in welchem Hirschmann an der starren Wildleiche zauste . Mit einem Faustschlag trieb Schipper den Hund zurück , faßte einen Steinbrocken und rieb damit die zerhackte Hirnschale des Bockes , daß sie frisch zu schweißen begann . Schwer atmend trat Graf Egge , von Franzl gestützt , aus der Steinrinne auf den kiesigen Hang heraus . Da hörte er hinter der Biegung der Felswand die erschrockene Stimme seines Büchsenspanners : » Mar ' und Josef ! « Diese Worte ließen nichts Gutes ahnen . » Schipper ? « Als keine Antwort kam , setzte Graf Egge sich in Trab . » Herrgott , der Bock wird sich doch die Kruck net abgfallen haben ! « » Ja , Herr Graf , mit der Kruck is was passiert ! « klang die Stimme Schippers . Stolpernd rannte Graf Egge über das Geröll ; als er die Biegung der Felswand erreichte , sah er Schipper auf dem Kieshang stehen , und hinter dem Jäger lag der Bock . » Aber so red doch ! Was is denn ? « Scheu zog Schipper den Hut , mit einer Trauermiene , als hätte er einem Leichenbegängnis beizuwohnen , und seine Stimme zitterte : » Ich trau mir ' s gar net sagen , Herr Graf ! Dem Bock is mit ' m Messer die Kruck abgschlagen . « Graf Egge rührte nur die Lippen , doch er brachte kein Wort heraus ; sein Gesicht war weiß wie Kalk geworden , und auf der fahlen Stirn sah man die Stelle der geschwundenen Beule als einen blaugrünen Fleck . Auch Franzl hatte vor Schreck die Sprache verloren . Wortlos standen sie alle drei um den Bock herum und guckten die frisch blutende Stirnhöhle an . Endlich sagte Schipper : » Da droben in der Latschen is er glegen . Da hat der Franzl vom Wechsel aus net hinsehen können . Und gelt , Franzl , vom Wechsel bist ja net wegkommen ? « » Ich ? Kein Schritt ! « » Freilich , es hätt auch net viel gholfen . Der Hund hat ja rein auf den Bock auffifallen müssen , daß er ihn findt . Aber gelten S ' , Herr Graf , gelten S ' , hätten S ' mir gfolgt gestern abend , und hätten wir den Bock gleich gsucht . Vielleicht wär er zum ausmachen gwesen , und ' s Malör wär net gschehen . Weil S ' aber auch gar nie folgen wollen und allweil ' s eiserne Köpfl aufsetzen . Ich kann mir ' s gar net anders denken : einer von die Hüterbuben muß der ganzen Jagd zugschaut haben - « » Aber geh , « fiel Franzl ein , » die Hüter sind ordentliche Leut . « Schipper verlor die Ruhe . » Es muß aber doch einer gwesen sein ! Wo is denn die Kruck ? Wer hat s ' denn davon ? Der Lump , der gottvergessene , hat von weitem den angschossenen Bock in der Wand drin gsehen . Und kaum sind wir in der Hütten gwesen , is der her , der Tropf , und hat schön heimlich gwart , bis der Bock abigfalln is . « » Du Schafskopf ! Bist du blind ? « Das war hochdeutsch ; Graf Egges Lippen zitterten vor Wut , und seine Augen funkelten . » So sieh doch her ! Die Schale schweißt noch , und der Schnitt ist frisch . « Betroffen beugte sich Schipper über den Bock . » Meiner Seel ! « Blitzschnell glitten seine Augen an Franzl hinauf , und Graf Egge gewahrte diesen Blick . » Dös hab ich vor lauter Schreck net beobacht ! Da kann ja ' s Malör erst heut in der Fruh gschehen sein ? « Wieder hefteten sich seine kalten grauen Augen auf den Kameraden . Franzls Gesicht verlor unter diesem Blick alle Farbe . » Aber Schipper , wie kannst denn so was reden ! Wie ' s Tag worden is , bin ich ja schon dagwesen , und unter meine Augen hat ' s doch wahrhaftiger Gott net gschehen können ! « Ratlos hob Schipper die Arme und ließ sie wieder fallen . » Da hat der Franzl wieder recht . Ich weiß nimmer , was ich denken soll . « Graf Egge hielt die Augen auf Franzl geheftet und fragte mit schmalen Lippen : » Hornegger ? Was hast du ? Ist dir übel ? Du siehst aus wie ein Gestorbener ? « » Aber Herr Graf ! Man wird mir halt außen anmerken , wie mir inwendig z ' mut is . « Franzl würgte mühsam jedes Wort hervor . » Ich weiß doch , was Ihnen die Krucken gilt . Und ich bin außer Rand und Band , ich spür kein Tropfen Blut nimmer . « Die Stimme erlosch ihm . » Dös is doch begreiflich , « nickte Schipper , » mir selber is gradso , in jedem Augenblick siedheiß und wieder eiskalt . Um Gotts willen , Herr Graf , was machen wir denn ? « » Macht , was ihr wollt ! « Graf Egge ging mit wankendem Knie auf einen Felsblock zu und ließ sich nieder . » Hier sitze ich und stehe nicht wieder auf , eh ich nicht die Kruck in meiner Hand habe . Macht , was ihr wollt ! Die Kruck muß her ! « Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen . » Und wenn ich umsonst warte , seid ihr um euren Dienst ! Alle beide ! « Schipper erbleichte . » Aber Herr Graf , was kann denn ich dafür ? « Franzl hatte kein Ohr für den merkwürdigen Nachdruck , mit welchem Schipper das » ich « betonte . Er legte die Hand begütigend auf den Arm seines Kameraden . » Geh , der Herr Graf meint ' s net so . Es redt halt der grechte Unmut aus ihm raus . Wer die Krucken gsehen hat , wie ich gestern beim Treiben , der begreift am End alles . So was soll man verlieren müssen ! « Langsam wandte Graf Egge das Gesicht , als er diese Worte hörte , und musterte forschend den jungen Jäger vom Kopf bis zu den Füßen . » Komm , Schipper , mit ' m Jammer is nix gholfen . Jetzt müssen wir uns rühren . Heut in der Fruh kann ' s net gschehen sein , entweder gestern spät am Abend oder heut in der Nacht . Spring du zur Mitterkaseralm abi , ich lauf zur Hochalm ummi . Von die Hüterbuben war ' s keiner , da leg ich d ' Hand ins Feuer . Aber es kann ja sein , daß d ' Sennleut auf ' n Abend an verdächtigen Kerl gwahrt haben . Probieren wir ' s halt . « Franzl griff nach seiner Büchse und sprang in die Latschen . Schipper stand unschlüssig ; sein graues Gesicht hatte einen Stich ins Grüne ; endlich wandte er sich und ging ohne Büchse davon . Mit schlagenden Armen kämpfte er sich durch die wirren Büsche , und als er außer Hörweite seines Herrn war , fluchte er leise vor sich hin : » Himmel Sakrament , die Gschicht geht schief ! « Da hörte er einen gellenden Jauchzer , dann Franzls jubelnde Stimme : » Herr Graf ! Herr Graf ! Die Kruck ! Ich hab die Krucken gfunden ! « Schipper stand wie versteinert , während droben bei der Wand die vor Erregung heisere Stimme seines Herrn klang : » Her damit ! Her damit ! « Schipper rannte durch die Latschen zurück , und als er den offenen Kieshang erreichte , sah er Franzl , das schwarze Krickel in der erhobenen Hand , über das Geröll hinaufstürmen . Nun versuchte auch er einen Jauchzer und schlug die Hände über dem Kopf zusammen . » Meiner Seel , es is wahr ! Ja weil nur die Kruck da is ! Gott sei Lob und Dank ! « Als Franzl seinem Herrn das Krickel reichte , war er so atemlos , daß er kein Wort herausbrachte . Aber seine Augen leuchteten , und unter schnappenden Atemzügen lachte sein ganzes Gesicht . Mit zuckender Hand hatte Graf Egge das Krickel erfaßt ; die Freude trieb ihm das Blut in die Stirn , und seine Augen hingen an dem Gehörn wie an einem unbezahlbaren Schatz . » Herrgott und alle Heiligen , ist das eine Kruck ! Über tausend hab ich drunten hängen . Keine zweite wie die ! « Mit zitternden Fingern maß er die Spannenlänge des Gehörns ; dann hastig , als hätte er einen neuen Verlust zu befürchten , schob er das Krickel unter die Joppe und schloß die Knöpfe . Suchend blickte er umher : » Wo ist der Hund ? « » Hirschmann ! Hirschmann ! « kreischte Schipper und pfiff durch die Finger . Der Hund blieb verschwunden . » Entweder is er durch und jagt , oder er is heim in d ' Hütten . D ' Hauptsach is , daß die Kruck da is ! « Endlich vermochte Franzl zu sprechen . » Gott sei Dank ! Ich hab glaubt , ich muß aus der Haut fahren vor lauter Freud , wie ich durch d ' Latschen durchspring , und es blitzt mir auf einmal die Kruck ins Gesicht - einghakelt in an Astl , wie mit der Hand dran hinghängt ! Jetzt soll mir a Mensch sagen , wie die Kruck da eini kommt in d ' Latschen ! « » Ich glaub schier , dös begreif ich ! « lachte Schipper . » Der Lump , der miserablig , wird ' s Kurasch net ghabt haben , daß er die Kruck mit in d ' Sennhütten nimmt . So hat er s ' in d ' Latschen einighängt und hat sich denkt , er holt s ' wieder , wann der erste Spektakel vorbei is ! So a Wunder ! Daß grad der Franzl die Krucken gfunden hat ! Dös is schon merkwürdig . « Mit langsamen Augen betrachtete Graf Egge die beiden Jäger und sagte kalt : » Ja , das ist wirklich merkwürdig ! « Er wandte sich ab und stieg über das Geröll hinunter . Erschrocken sah Franzl ihm nach . Schipper schüttelte den Kopf und sagte . » Franzl ? Was is denn dös ? Der Herr Graf wird doch um Gottes willen net glauben , daß du ... « Er sprach nicht aus , was er sagen wollte ; aber es stand in seinen Augen zu lesen . Franzl erblaßte . Mit heiserem Laut warf er die Büchse auf das Geröll , sprang auf Schipper zu und schlug ihm die Fäuste um die Kehle . » Du ! Dös Wort nimm zruck ! « » Schipper ! « klang die scharfe Stimme Graf Egges von den Latschen her . Franzl ließ die Arme sinken und taumelte . » Schipper ! Her zu mir ! Und du , Hornegger , mach deinen Dienst ! « Einen brennenden Blick des Hasses warf Schipper auf seinen Kameraden , dann ging er mit aschfahlem Gesicht auf seinen Herrn zu und sagte ruhig : » Ich bitt , Herr Graf , was soll mit dem Bock gschehen ? « Graf Egge machte eine heftig abweisende Geste mit der Hand . » Laß ihn liegen ! Heut kommen die Treiber . Sie sollen den Bock unter sich aufteilen , ich will kein Haar mehr von ihm sehen . « Er griff an die Joppe , unter der er das Krickel verwahrt trug , und suchte den Heimweg zur Hütte . Schipper holte die beiden Gewehre und folgte seinem Herrn . » Ich bitt , Herr Graf , Sie haben ' s ja selber gsehen - und jetzt muß ich schon sagen : dös tut kein gut mehr mit ' m Franzl und mir ! Wir zwei können von heut an nebenanander nimmer bleiben . Entweder - « Da wandte sich der Graf und brüllte : » Halte dein Maul ! « Nicht diese Worte machten den Jäger verstummen , sondern der drohende Zorn , der ihm aus den Augen seines Herrn entgegenblitzte . Schweigend schritt er hinter dem Grafen her , die eine Büchse auf dem Rücken , die andere über der Brust . Die Hände krampfte er um den Bergstock , daß die Finger weiß wurden , nagte an der farblosen Lippe und blies den Atem durch die Nase . Als er sah , daß Graf Egge mit dem rechten Fuß immer vorsichtiger aufzutreten begann , kniff er die Augen ein und lächelte boshaft vor sich hin . 10 Graf Egge und Schipper waren schon längst in den Latschen verschwunden , und noch immer stand Franzl auf dem gleichen Fleck , totenbleich , an allen Gliedern zitternd . Verstört betrachtete er die starre Wildleiche , aus deren zerhacktem Haupt die blutumronnenen Augäpfel hervordrangen ; dann hob er die Büchse vom Geröll und faßte den Bergstock . Kaum hatte er sich durch die ersten Büsche gewunden , da hörte er ein leises Winseln und fand im Schatten einer Latsche den Schweißhund , der an einer blutenden Schenkelwunde leckte . » Richtig , jetzt hat dös arme Hundl auch sein Treff dabei kriegen müssen ! « Der Zorn ballte ihm die Fäuste . » Dös is ja nimmer Jagd , dös is ja Metzgerei ! « Der Hund hatte den Kopf gehoben . Franzl ließ sich nieder und wollte die Verletzung untersuchen ; da schnappte der Hund nach seiner Hand , doch e biß nicht , sondern hielt nur mit den Zähnen die Finger des Jägers fest . Franzl zog die Hand nicht zurück und streichelte mit der anderen den Kopf und Nacken des Hundes . » Aber Hirschmanndl , geh , wie magst denn schnappen nach mir ! Schau , Alterl , wir zwei , wir sind heut gleich schlecht wegkommen , du und ich ! « Da gab Hirschmann die Hand des Jägers frei und schüttelte die Ohren . Willig ließ er an seine Wunde rühren und stieß nur , wenn die fühlenden Hände seine Schmerzen mehrten , die Nase winselnd an den Arm des Jägers . Die Wunde war tief gerissen und zog sich über den ganzen Schenkel . Mit dieser Verletzung hatte der Hund noch seine Pflicht erfüllt und das tote Wild verbellt . Zärtlich kraulte Franzl ihm die Ohren . » Ja , Hirschmanndl , hast schon recht ! Man muß oft Unrecht leiden . Aber sei ' Sach muß man in Ordnung machen , sonst is man um kein Granl besser als die andern ! « Er nahm den Hund auf die Arme und tat ein paar Schritte , als wollte er den Weg zur Jagdhütte suchen . Kopfschüttelnd hielt er inne . » Na ! Jetzt net ! Ich könnt mich net zruckhalten . Z ' erst muß ich mich auslaufen , daß mir der Zorn vergeht . « Er schlug den Weg nach der eine halbe Stunde entfernten Hochalm ein . Unter dem Gewicht des Hundes waren ihm die Arme steif geworden , als er die Hütte erreichte . In der Kammer wurde Hirschmann auf den Kreister gebettet , und die Sennerin brachte dem Jäger , was er nötig hatte , um die Wunde zu vernähen und ein Heftpflaster aufzulegen . Während Franzl schor und nähte und kleisterte , hielt die Sennerin unter endlosem Geschwatz den Kopf des Hundes fest . Zum Schluß der nicht sonderlich kunstvollen Operation wurde die Außenseite des Pflasters noch mit Pfeffer eingerieben . Das hatte seinen Zweck ; denn kaum war Hirschmann aus den Händen der Sennerin erlöst , da wollte er sein gewohntes , schmerzstillendes Heilmittel versuchen und an der Wunde lecken ; die Sache hatte ihre Bitternis ; verdrossen schüttelte er den Kopf und schlenkerte die brennende Zunge . Das war drollig anzusehen ; die Sennerin kreischte vor Vergnügen , und sogar Franzl brachte ein müdes Lächeln zuwege . Er streichelte den Hund , reichte der Sennerin die Hand und ging . Winselnd hob Hirschmann den Kopf , als er den Jäger verschwinden sah . Vor der Hütte nahm Franzl seine Büchse von der Bank und gewahrte mit Schreck den Schaden , den sie gelitten hatte , als er sie auf das Geröll geworfen . Ein echter Jäger , pflegte er seine Waffe in tadellosem Zustand zu halten . Und wie sah sie nun aus ! Der polierte Schaft von splitterigen Rissen durchzogen , die sonst so spiegelblanken Läufe fleckig und zerkratzt , und von einem der beiden Hähne war der Hammer abgebrochen . » Der Hund , mein Büchsl und ich ! Gut schauen wir aus alle miteinander ! « Über die offenen Almen schritt er dem Bergwald zu . Stunde um Stunde rannte er umher , von dem unklaren Wirrsal seiner Gedanken und seines Zornes erfüllt , und tat mechanisch seinen Dienst . Alle Hauptwechsel des Rotwildes besuchte er , alle Salzlecken und Suhlen , zählte die Fährten der jagdbaren Hirsche und kritzelte die Zahlen in sein Taschenbuch . Als die Sonne über Mittag stand , begann er durch den Bergwald wieder emporzusteigen gegen die kahlen Wände , um mit der Schattenzeit die Gemsreviere zu erreichen . Ehe der Wald ein Ende nahm , wollte er eine Weile rasten . Neben dem Steig , der zu den Mitterkaseralmen führte , ließ er sich auf einen vom Sturm geworfenen Baumstamm nieder . Als sein müder Körper ruhte , suchte er auch das Gewirbel in seinem Kopf zur Ruhe zu bringen und begann die Ereignisse des verwichenen Abends und der Morgenstunden zu überdenken . Das Ergebnis dieser Gedanken mehrte nur seine Unruhe . Er war gewiß so unschuldig wie der lichte Tag . Aber er fühlte : eine Reihe von Zufällen sprach wider ihn , und er wußte , wie mißtrauisch Graf Egge in allen Dingen war , welche die Jagd betrafen . Daß der ungerechte Verdacht seine Stellung bedrohte , daran dachte er nicht . Er fühlte nur den brennenden Makel , der auf seine Jägerehre gefallen war . Und die selten schöne Krucke wog ja auch schweres Geld - das war wie versuchter Diebstahl ! Er griff sich mit beiden Händen an die glühende Stirn . » Herrgott im Himmel ! Was tu ich denn ? « Wieder begann er zu grübeln . Er sagte sich : Hat Graf Egge diesen Verdacht einmal empfunden , so wird er ihn auch nicht eher wieder aufgeben , ehe nicht der Täter gefunden ist . Franzl preßte das Gesicht in die Hände . Tag um Tag nun sollte er umherlaufen mit diesem drückenden Gewicht auf seiner Brust , keinen Blick mehr sollte er zu dem Gesicht seines Herrn erheben dürfen , ohne fühlen zu müssen , daß der andere im stillen denkt : Du bist ein Dieb ! Er mußte den Menschen ausfindig machen , der es getan ! Aber wie ? Es war ihm schon völlig unerklärlich , wann der Diebstahl begangen wurde , und weshalb das Gehörn in den Latschen hing . Die Erklärung , die Schipper so flink bei der Hand gehabt hatte , war leeres Geschwätz . - Schipper ? - Schipper ? - Franzl brachte seine Gedanken nicht mehr los von diesem Namen . Aber was ihm wider Willen durch die Sinne fuhr , erfüllte ihn mit Ingrimm gegen sich selbst . » Ich muß a schlechter Kerl sein , weil ich dem Kameraden zutrauen kann , was ich von mir selber abwehren will . « Schon wollte er sich erheben , als von rückwärts zwei warme Hände seine Augen umschlossen . Franzl meinte , das könnte nur die Sennerin vom Mitterkaser sein , doch er war nicht aufgelegt zum Raten . Unwillig befreite er seinen Kopf . Als er die Augen hob , versagte ihm vor freudigem Schreck beinah die Stimme . » Mali ! « Lachend ließ das Mädel sich neben dem Jäger nieder . » Gelt ! Da schaust ? « Er wußte sich kaum zu fassen . » Wie kommst denn du auf amal daher ? « » Vom Mitterkaser komm ich . « Sie zog das weiße Tuch vom Kopf , das sie zum Schutz gegen die Sonne umgebunden hatte . » Heut in der Fruh - mein Bruder is schon fort gwesen in der Holzarbeit , gar net weit da drunten hat er sein Schlag - heut in der Fruh kommt unser alte Nachbarin ummi zu mir und jammert , sie hätt ghört , daß ihr Madl im Mitterkaser droben verkrankt wär . « » D ' Sennerin ? « » Ja . Und d ' Nachbarin is ganz ausanand gwesen vor lauter Sorg . Hab ich halt gsagt : Tu mir aufpassen auf meine Kinder , so spring ich nauf und bring dir Botschaft . « Mali lachte . » ' s Madl is schon wieder kreuzfidel . A paar Tag hat ' s Magenweh ghabt . Ich glaub , sie hat am letzten Fasttag z ' viel Schmelznudeln verschluckt . « » Unser Herrgott soll ihr die nächste Schüssel gut anschlagen lassen ! Dös hat d ' Sennerin verdient um mich . Lieber hättst mir in keiner Stund in Weg laufen können als heut . Da muß sich der Herrgott rein denkt haben : Heut braucht er an Trost ! « Schon der Klang seiner Stimme hatte sie befremdet , und als sie sah , wie blaß er war , erschrak sie . » Ums Himmels willen , was is denn ? « Er atmete schwer . » So Sachen halt , weißt - ich kann net reden davon . « » Ah , da schau ! « Energisch faßte Mali seinen Arm . » Ein ' z ' erst erschrecken bis in d ' Seel und nachher den Heimlichen spielen ! Ich bin dei ' alte Kamerädin . Jetzt redst auf der Stell ! « Franzl schüttelte den Kopf . » Paß auf , Franzl ! « Mali schob ihren Arm unter den seinen . » Bsinnst dich noch auf den selbigen Tag , wo wir als Kinder miteinand gut Freund worden sind ? Weißt es nimmer , wie ich hinter der Hecken gsessen bin und gweint hab ? Und wie mir d ' Handln niederzogen hast , und ich hab ' s kaum rausbracht , daß mir der Nachbarbub mein Dockerl1 genommen und die Zöpf halb ausgrissen hat . Kein Wörtl hast gsagt und bist davon . Und bist neben meiner wieder aussigschloffen aus der Hecken , ' s Gwand zerrissen und käsweiß im Gsicht . Und mein Dockerl hast in der Hand ghalten und hast mich anglacht : Du ! Den hab ich fest verdroschen ! Freilich , ' s Dockerl hat kein Kopf nimmer ghabt . « Franzl nickte . » Den hat er abigrissen in der Wut , wie er gmerkt hat , daß er die Docken wieder hergeben muß ! « » Und weißt noch , wie dich hingsetzt hast neben meiner ? Und daß ich nimmer weinen soll , hast den ganzen Sack voll Haselnussen vor mir ausgleert . Und alle harten hast mir aufbissen . « Herzlich rüttelte Mali seinen Arm . » Und schau , heut hab ich dich hinter der Hecken gfunden . Sei gscheit und sag mir alles ! Und wenn ' s von alle Nussen die härteste wär - Franzl , ich hilf dir beißen . « Da konnte er nimmer schweigen . Mit jagenden Worten begann er die Geschichte der verwichenen Stunden zu erzählen . Er schalt und jammerte nicht . Aber die Kränkung , die er an seiner Ehre erfahren , redete aus seinen Augen . Schweigend lauschte Mali . Als er erzählte , wie Schipper den Verdacht gegen ihn ausgesprochen , fuhr es ihr in Zorn heraus : » So was von Kamerad ! Respekt ! Und Schipper heißt er ? « Sie grübelte vor sich hin , als würde eine Erinnerung in ihr lebendig . » Schipper ? Is dös a Verwandter vom selbigen Schipper , der früher Holzknecht gwesen is ? « » Es is der nämliche . « » Und der is Jager jetzt ? - No , da dank ich ! Da hast an noblen Kameraden ! Ganz gut bsinn ich mich drauf , daß der Vater selig allweil schelten hat müssen auf ' n Bruder , weil er Freundschaft mit ' m Schipper ghalten hat , der ihn zu alle Lumpereien hätt verführen mögen . Wenn der deinige der nämlich is , nachher glaub ich schon gleich , daß er die Krucken selber gstohlen hat . « Franzl wehrte erschrocken : » Na , Mali , so was därfst net sagen ! « » Sei ' s , wie ' s mag . Du bist unschuldig . Und so an Verdacht darfst net auf dir sitzen lassen ! « Malis Augen blitzten . » Da brauchst den Gauner net erst ausfindig machen . Wer Augen hat wie du , braucht kein andern Beweis als sein ehrlichs Gsicht ! Jetzt machst in Ordnung dein Dienst . Und auf ' n Abend stellst dich hin vor dein Grafen und sagst ihm alles ins Gsicht , gradso , wie du ' s mir gsagt hast , und gradso , wie mich , so schaust ihn an mit deine Augen . Da muß er dir glauben . Und jetzt halt dich nimmer auf ! Und meintwegen sollst nix versäumen im Dienst . « Sie hob die Büchse hinter dem Baum hervor und reichte sie dem Jäger . » Da hast dei ' Kugelspritzen ! Was wir gredt haben , bleibt unter uns . Und jetz mach weiter ! Bhüt dich Gott ! « Mit der Büchse hatte Franzl auch Malis Hand gefaßt . » Ganz aufgricht hast mich wieder . Vergeltsgott tausendmal ! « Die Hände der beiden lagen eine Weile ineinander . Dann fragte da Mädel : » Du , Franzl ? « » Was ? « » Hast vielleicht du mit meim Bruder auch was ghabt ? An Streit oder so was ? « » Ich ? Gott bewahr ! Warum fragst denn ? « Sie schien verlegen zu werden . » No weißt , weil er gestern so ungut zu dir gwesen is . « » Haben halt d ' Sorgen aus ihm rausgredt . Was macht denn ' s Netterl ? « » D ' Nacht heut is gut gwesen . Mit Gotteshilf wird sich ' s Kindl doch wieder in d ' Höh machen . Grad recht , daß d ' mich dran mahnen tust . Jetzt fang ich aber ' s Hupfen an . « Lachend nickte sie dem Jäger zu , und dann hetzte sie flink über den Steig hinunter . Franzl sah ihr nach , bis sie verschwunden war . Dann spähte er durch die leis rauschenden Wipfel , als möchte er am Himmel die Stelle suchen , an der in der Nacht die Sternschnuppe erloschen war . » Lichtl da droben , du hast net glogen ! « Er stieg durch den Wald hinauf und erreichte die offenen Almen . Fern am Waldsaum , in der Tiefe der Almfelder , gewahrte Franzl zwei Männer ; er meinte einen Büchsenlauf blinken zu sehen und zog das Fernrohr auf . Schipper war es - mit einem Treiber , der den von Graf Egge am verwichenen Abend erbeuteten Gemsbock auf dem Rücken trug . Kurze Zeit , nachdem der Graf mit seinem Büchsenspanner die Jagdhütte erreicht hatte , waren die von Franzl bestellten Treiber eingetroffen . Graf Egge kümmerte sich nicht um ihre Ankunft . Er wanderte in der Stube zwischen den engen Wänden auf und nieder und rastete nur zuweilen für einige Minuten , um unter grübelnden Gedanken das Krickel , das mit der blutigen Hirnschale auf dem Tisch lag , zu betrachten , oder um den rechten Fuß auf einen Stuhl zu heben und mit beiden Händen das schmerzende Bein zu frottieren . Als Schipper die Tür öffnete , um nach den Befehlen seines Herrn zu fragen , schrie ihn Graf Egge an : » Ruh will ich haben ! « Mit einem Fußtritt schlug er dem Jäger die Tür vor der Nase zu . Wartend , unter leisem Geplauder , saßen die Männer vor der Hütte , während Schipper in der Küche die Gewehre putzte . Nach zwei Stunden rief Graf Egge den Rottmeister der Treiber in die Stube : » Heute wird nicht mehr gejagt . Einer von euch tragt den Bock , der draußen hängt , nach Hubertus hinunter , die andern sollen machen , was sie wollen . Morgen früh um fünf Uhr seid ihr bei der Hütte . « Er trat zur Tür . » Schipper