all die Zeit über unter ihm gelitten , Innstetten noch mehr als ich , und als wir Anfang April hörten , Major von Crampas sei da , das ist nämlich der Name des neuen , da fielen wir uns in die Arme , als könne uns nun nichts Schlimmes mehr in diesem lieben Kessin passieren . Aber , wie schon kurz erwähnt , es scheint , trotzdem er da ist , wieder nichts werden zu wollen . Crampas ist verheiratet , zwei Kinder von zehn und acht Jahren , die Frau ein Jahr älter als er , also sagen wir fünfundvierzig . Das wurde nun an und für sich nicht viel schaden , warum soll ich mich nicht mit einer mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können ? Die Trippelli war auch nahe an Dreißig , und es ging ganz gut . Aber mit der Frau von Crampas , übrigens keine Geborne , kann es nichts werden . Sie ist immer verstimmt , beinahe melancholisch ( ähnlich wie unsere Frau Kruse , an die sie mich überhaupt erinnert ) , und das alles aus Eifersucht . Er , Crampas , soll nämlich ein Mann vieler Verhältnisse sein , ein Damenmann , etwas , was mir immer lächerlich ist und mir auch in diesem Falle lächerlich sein würde , wenn er nicht , um eben solcher Dinge willen , ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte . Der linke Arm wurde ihm dicht unter der Schulter zerschmettert , und man sieht es sofort , trotzdem die Operation , wie mir Innstetten erzählt ( ich glaube , sie nennen es Resektion , damals noch von Wilms ausgeführt ) , als ein Meisterstück der Kunst gerühmt wurde . Beide , Herr und Frau von Crampas , waren vor vierzehn Tagen bei uns , um uns ihren Besuch zu machen ; es war eine sehr peinliche Situation , denn Frau von Crampas beobachtete ihren Mann so , daß er in eine halbe und ich in eine ganze Verlegenheit kam . Daß er selbst sehr anders sein kann , ausgelassen und übermütig , davon überzeugte ich mich , als er vor drei Tagen mit Innstetten allein war und ich , von meinem Zimmer her , dem Gang ihrer Unterhaltung folgen konnte . Nachher sprach auch ich ihn . Vollkommener Kavalier , ungewöhnlich gewandt . Innstetten war während des Krieges in derselben Brigade mit ihm , und sie haben sich im Norden von Paris bei Graf Gröben öfter gesehen . Ja , meine liebe Mama , das wäre nun also etwas gewesen , um in Kessin ein neues Leben beginnen zu können ; er , der Major , hat auch nicht die pommerschen Vorurteile , trotzdem er in Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll . Aber die Frau ! Ohne sie geht es natürlich nicht und mit ihr erst recht nicht . « Effi hatte ganz recht gehabt , und es kam wirklich zu keiner weiteren Annäherung mit dem Crampasschen Paare . Man sah sich mal bei der Borckeschen Familie draußen , ein andermal ganz flüchtig auf dem Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boot- und Vergnügungsfahrt , die nach einem am Breitling gelegenen großen Buchen- und Eichenwalde , der » der Schnatermann « hieß , gemacht wurde ; es kam aber über kurze Begrüßungen nicht hinaus , und Effi war froh , als Anfang Juni die Saison sich ankündigte . Freilich fehlte es noch an Badegästen , die vor Johanni überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten , aber schon die Vorbereitungen waren eine Zerstreuung . In der Plantage wurden Karussell und Scheibenstände hergerichtet , die Schiffersleute kalfaterten und strichen ihre Boote , jede kleine Wohnung erhielt neue Gardinen , und die Zimmer , die feucht lagen , also den Schwamm unter der Diele hatten , wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet . Auch in Effis eigener Wohnung , freilich um eines anderen Ankömmlings als der Badegäste willen , war alles in einer gewissen Erregung ; selbst Frau Kruse wollte mittun , so gut es ging . Aber davor erschrak Effi lebhaft und sagte : » Geert , daß nur die Frau Kruse nichts anfaßt ; da kann nichts werden , und ich ängstige mich schon gerade genug . « Innstetten versprach auch alles , Christel und Johanna hätten ja Zeit genug , und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine andere Richtung zu bringen , ließ er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen und fragte statt dessen , ob sie denn schon bemerkt habe , daß drüben ein Badegast eingezogen sei , nicht gerade der erste , aber doch einer der ersten . » Ein Herr ? « » Nein , eine Dame , die schon früher hier war , jedesmal in derselben Wohnung . Und sie kommt immer so früh , weil sie ' s nicht leiden kann , wenn alles schon so voll ist . « » Das kann ich ihr nicht verdenken . Und wer ist es denn ? « » Die verwitwete Registrator Rode . « » Sonderbar . Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht . « » Ja « , lachte Innstetten , » das ist die Regel . Aber hier hast du eine Ausnahme . Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension . Sie kommt immer mit viel Gepäck , unendlich viel mehr , als sie gebraucht , und scheint überhaupt eine ganz eigene Frau , wunderlich , kränklich und namentlich schwach auf den Füßen . Sie mißtraut sich deshalb auch und hat immer eine ältliche Dienerin um sich , die kräftig genug ist , sie zu schützen oder sie zu tragen , wenn ihr was passiert . Diesmal hat sie eine neue . Aber doch auch wieder eine ganz ramassierte Person , ähnlich wie die Trippelli , nur noch stärker . « » Oh , die hab ich schon gesehen . Gute braune Augen , die einen treu und zuversichtlich ansehen . Aber ein klein bißchen dumm . « » Richtig , das ist sie . « Das war Mitte Juni , daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten . Von da ab brachte jeder Tag Zuzug , und nach dem Bollwerk hin spazierengehen , um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten , wurde , wie immer um diese Zeit , eine Art Tagesbeschäftigung für die Kessiner . Effi freilich , weil Innstetten sie nicht begleiten konnte , mußte darauf verzichten , aber sie hatte doch wenigstens die Freude , die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende , sonst so menschenleere Straße sich beleben zu sehen , und war denn auch , um immer wieder Zeuge davon zu sein , viel mehr als sonst in ihrem Schlafzimmer , von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten ließ . Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles , was sie wissen wollte ; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende Gäste waren , so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen , sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben . Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi . Grade am Johannistage aber traf es sich , daß kurz vor elf Uhr vormittags , wo sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete , statt der mit Ehepaaren , Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken , aus der Mitte der Stadt her , ein schwarzverhangener Wagen ( dem sich zwei Trauerkutschen anschlossen ) die zur Plantage führende Straße herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen Hause hielt . Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei Tage vorher gestorben , und nach Eintreffen der in aller Kürze benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens eben dieser beschlossen worden , die Tote nicht nach Berlin hin überführen , sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen . Effi stand am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene , die sich drüben abspielte . Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen waren zwei Neffen mit ihren Frauen , alle gegen vierzig , etwas mehr oder weniger , und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe . Die Neffen , in gutsitzenden Fracks , konnten passieren , und die nüchterne Geschäftsmäßigkeit , die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte , war im Grunde mehr kleidsam als störend . Aber die beiden Frauen ! Sie waren ganz ersichtlich bemüht , den Kessinern zu zeigen , was eigentlich Trauer sei , und trugen denn auch lange , bis an die Erde reichende schwarze Kreppschleier , die zugleich ihr Gesicht verhüllten . Und nun wurde der Sarg , auf dem einige Kränze und sogar ein Palmenwedel lagen , auf den Wagen gestellt , und die beiden Ehepaare setzten sich in die Kutschen . In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist , hinter der zweiten Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche Person , die die Verstorbene zur Aushülfe mit nach Kessin gebracht hatte . Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin , wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war ; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber , einer Witwe , sah man dagegen fast allzu deutlich an , daß sie sich beständig die Möglichkeit eines Extrageschenkes berechnete , trotzdem sie in der bevorzugten und von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war , die für den ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können . Effi , als der Zug sich in Bewegung setzte , ging in ihren hinter dem Hofe gelegenen Garten , um hier , zwischen den Buchsbaumbeeten , den Eindruck des Lieb- und Leblosen , den die ganze Szene drüben auf sie gemacht hatte , wieder loszuwerden . Als dies aber nicht glücken wollte , kam ihr die Lust , statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen weiteren Spaziergang zu machen , und zwar um so mehr , als ihr der Arzt gesagt hatte , viel Bewegung im Freien sei das Beste , was sie , bei dem , was ihr bevorstände , tun könne . Johanna , die mit im Garten war , brachte ihr denn auch Umhang , Hut und Entoutcas , und mit einem freundlichen » Guten Tag « trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf das Wäldchen zu , neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel zulief . Unterwegs standen Bänke , von denen sie jede benutzte , denn das Gehen griff sie an , und um so mehr , als inzwischen die heiße Mittagsstunde herangekommen war . Aber wenn sie saß und von ihrem bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete , die da hinausfuhren , so belebte sie sich wieder . Denn Heiteres sehen war ihr wie Lebensluft . Als das Wäldchen aufhörte , kam freilich noch eine allerschlimmste Wegstelle , Sand und wieder Sand und nirgends eine Spur von Schatten ; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und Bretter gelegt , und so kam sie , wenn auch erhitzt und müde , doch in guter Laune bei dem Strandhotel an . Drinnen im Saal wurde schon gegessen , aber hier draußen um sie her war alles still und leer , was ihr in diesem Augenblicke denn auch das liebste war . Sie ließ sich ein Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das Meer hinaus , das im hellen Sonnenlichte schimmerte , während es am Ufer in kleinen Wellen brandete . » Da drüben liegt Bornholm und dahinter Wisby , wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte . Wisby ging ihm fast noch über Lübeck und Wullenweber . Und hinter Wisby kommt Stockholm , wo das Stockholmer Blutbad war , und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die Mitternachtssonne . « Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht , das alles zu sehen . Aber dann gedachte sie wieder dessen , was ihr so nahe bevorstand , und sie erschrak fast . » Es ist eine Sünde , daß ich so leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und mich wegträume , während ich doch an das Nächste denken müßte . Vielleicht bestraft es sich auch noch , und alles stirbt hin , das Kind und ich . Und der Wagen und die zwei Kutschen , die halten dann nicht drüben vor dem Hause , die halten dann bei uns ... Nein , nein , ich mag hier nicht sterben , ich will hier nicht begraben sein , ich will nach Hohen-Cremmen . Und Lindequist , so gut er ist - aber Niemeyer ist mir lieber ; er hat mich getauft und eingesegnet und getraut , und Niemeyer soll mich auch begraben . « Und dabei fiel eine Träne auf ihre Hand . Dann aber lachte sie wieder . » Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn , und Niemeyer ist siebenundfünfzig . « In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs . Aber mit einem Male war es ihr , als ob die Stühle geschoben würden ; vielleicht stand man schon auf , und sie wollte jede Begegnung vermeiden . So erhob sie sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz , um auf einem Umweg nach der Stadt zurückzukehren . Dieser Umweg führte sie dicht an dem Dünenkirchhof vorüber , und weil der Torweg des Kirchhofs gerade offenstand , trat sie ein . Alles blühte hier , Schmetterlinge flogen über die Gräber hin , und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen . Es war so still und schön , und sie hätte hier gleich bei den ersten Gräbern verweilen mögen ; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick heißer niederbrannte , ging sie höher hinauf , auf einen schattigen Gang zu , den Hängeweiden und etliche an den Gräbern stehende Trauereschen bildeten . Als sie bis an das Ende dieses Ganges gekommen , sah sie zur Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel , mit vier , fünf Kränzen darauf , und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende Bank , darauf die gute , robuste Person saß , die , an der Seite der Hauswirtin , dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte Leidtragende gefolgt war . Effi erkannte sie sofort wieder und war in ihrem Herzen bewegt , die gute , treue Person , denn dafür mußte sie sie halten , in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden . Seit dem Begräbnis waren wohl an zwei Stunden vergangen . » Es ist eine heiße Stelle , die Sie sich da ausgesucht haben « , sagte Effi , » viel zu heiß . Und wenn ein Unglück kommen soll , dann haben Sie den Sonnenstich . « » Das wär auch das beste . « » Wie das ? « » Dann wär ich aus der Welt . « » Ich meine , das darf man nicht sagen , auch wenn man unglücklich ist oder wenn einem wer gestorben ist , den man liebhatte . Sie hatten sie wohl sehr lieb ? « » Ich ? Die ? I , Gott bewahre . « » Sie sind aber doch sehr traurig . Das muß doch einen Grund haben . « » Den hat es auch , gnädigste Frau . « » Kennen Sie mich ? « » Ja . Sie sind die Frau Landrätin von drüben . Und ich habe mit der Alten immer von Ihnen gesprochen . Zuletzt konnte sie nicht mehr , weil sie keine rechte Luft mehr hatte , denn es saß ihr hier und wird wohl Wasser gewesen sein ; aber solange sie noch reden konnte , redete sie immerzu . Es war ' ne richtige Berlinsche ... « » Gute Frau ? « » Nein ; wenn ich das sagen wollte , müßt ich lügen . Da liegt sie nun , und man soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen , und erst recht nicht , wenn er so kaum seine Ruhe hat . Na , die wird sie ja wohl haben ! Aber sie taugte nichts und war zänkisch und geizig , und für mich hat sie auch nicht gesorgt . Und die Verwandtschaft , die da gestern von Berlin gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht ... , na , die taugt auch nichts , die taugt erst recht nichts . Lauter schlechtes Volk , happig und gierig und hartherzig , und haben mir barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn ausgezahlt , bloß weil sie mußten und weil es bloß noch sechs Tage sind bis zum Vierteljahrsersten . Sonst hätte ich nichts gekriegt ; oder bloß halb oder bloß ein Viertel . Nichts aus freien Stücken . Und einen eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben , daß ich nach Berlin zurückreisen kann ; na , es reicht so gerade für die vierte Klasse , und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen müssen . Aber ich will auch gar nicht ; ich will hier sitzen bleiben und warten , bis ich sterbe ... Gott , ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch ausgehalten bei der Alten . Und nun ist es wieder nichts , und soll mich wieder rumstoßen lassen . Und katholsch bin ich auch noch . Ach , ich hab es satt und läg am liebsten , wo die Alte liegt , und sie könnte meinetwegen weiterleben ... Sie hätte gerne noch weitergelebt ; solche Menschenschikanierer , die nich mal Luft haben , die leben immer am liebsten . « Rollo , der Effi begleitet hatte , hatte sich mittlerweile vor die Person hingesetzt , die Zunge weit heraus , und sah sie an . Als sie jetzt schwieg , erhob er sich , ging einen Schritt vor und legte seinen Kopf auf ihre Knie . Mit einem Male war die Person wie verwandelt . » Gott , das bedeutet mir was . Da is ja ' ne Kreatur , die mich leiden kann , die mich freundlich ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt . Gott , das ist lange her , daß ich so was gehabt habe . Nun , mein Alterchen , wie heißt du denn ? Du bist ja ein Prachtkerl . « » Rollo « , sagte Effi . » Rollo ; das ist sonderbar . Aber der Name tut nichts . Ich habe auch einen sonderbaren Namen , das heißt Vornamen . Und einen andern hat unsereins ja nicht . « » Wie heißen Sie denn ? « » Ich heiße Roswitha . « » Ja , das ist selten , das ist ja ... « » Ja , ganz recht , gnädige Frau , das ist ein katholscher Name . Und das kommt auch noch dazu , daß ich eine Katholsche bin . Aus ' m Eichsfeld . Und das Katholsche , das macht es einem immer noch schwerer und saurer . Viele wollen keine Katholsche , weil sie soviel in die Kirche rennen . Immer in die Beichte ; und die Hauptsache sagen sie doch nich - Gott , wie oft hab ich das hören müssen , erst als ich in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin . Ich bin aber eine schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen , und vielleicht geht es mir deshalb so schlecht ; ja , man darf nich von seinem Glauben lassen und muß alles ordentlich mitmachen . « » Roswitha « , wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die Bank . » Was haben Sie nun vor ? « » Ach , gnäd ' ge Frau , was soll ich vorhaben . Ich habe gar nichts vor . Wahr und wahrhaftig , ich möchte hier sitzen bleiben und warten , bis ich tot umfalle . Das wär mir das liebste . Und dann würden die Leute noch denken , ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und hätte von ihrem Grabe nicht weg gewollt und wäre da gestorben . Aber das ist falsch , für solche Alte stirbt man nicht ; ich will bloß sterben , weil ich nicht leben kann . « » Ich will Sie was fragen , Roswitha . Sind Sie , was man so kinderlieb nennt ? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern ? « » Gewiß , war ich . Das ist ja mein Bestes und Schönstes . Solche alte Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde , denn sie ist nun tot und steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen - , solche Alte , wie die da , ja , das ist schrecklich , was man da alles tun muß , und steht einem hier vor Brust und Magen , aber solch kleines , liebes Ding , solch Dingelchen wie ' ne Puppe , das einen mit seinen Guckäugelchen ansieht , ja , das ist was , da geht einem das Herz auf . Als ich in Halle war , da war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin , und in Giebichenstein , wo ich nachher hinkam , da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen ; ja , gnäd ' ge Frau , das versteh ich , da drin bin ich wie zu Hause . « » Nun , wissen Sie was , Roswitha , Sie sind eine gute , treue Person , das seh ich Ihnen an , ein bißchen gradezu , aber das schadet nichts , das sind mitunter die Besten , und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen gefaßt . Wollen Sie mit zu mir kommen ? Mir ist , als hätte Gott Sie mir geschickt . Ich erwarte nun bald ein Kleines , Gott gebe mir seine Hülfe dazu , und wenn das Kind da ist , dann muß es gepflegt und abgewartet werden und vielleicht auch gepäppelt . Man kann das ja nicht wissen , wiewohl ich es anders wünsche . Was meinen Sie , wollen Sie mit zu mir kommen ? Ich kann mir nicht denken , daß ich mich in Ihnen irre . « Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau ergriffen und küßte sie mit Ungestüm . » Ach , es ist doch ein Gott im Himmel , und wenn die Not am größten ist , ist die Hülfe am nächsten . Sie sollen sehn , gnäd ' ge Frau , es geht ; ich bin eine ordentliche Person und habe gute Zeugnisse . Das können Sie sehn , wenn ich Ihnen mein Buch bringe . Gleich den ersten Tag , als ich die gnäd ' ge Frau sah , da dacht ich : Ja , wenn du mal solchen Dienst hättest . Und nun soll ich ihn haben . O du lieber Gott , o du heil ' ge Jungfrau Maria , wer mir das gesagt hätte , wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und die Verwandten machten , daß sie wieder fortkamen , und mich hier sitzenließen . « » Ja , unverhofft kommt oft , Roswitha , und mitunter auch im guten . Und nun wollen wir gehen . Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf das Tor zu . « Roswitha war gleich bereit , trat aber noch einmal an das Grab , brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz . Und dann gingen sie den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu . Drüben lag die eingegitterte Stelle , deren weißer Stein in der Nachmittagssonne blinkte und blitzte . Effi konnte jetzt ruhiger hinsehen . Eine Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin , bis sie , dicht vor Utpatels Mühle , den Außenrand des Wäldchens erreichte . Da bog sie links ein , und unter Benutzung einer schräglaufenden Allee , die die » Reeperbahn « hieß , ging sie mit Roswitha auf die landrätliche Wohnung zu . Vierzehntes Kapitel Keine Viertelstunde , so war die Wohnung erreicht . Als beide hier in den kühlen Flur traten , war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren , das da umherhing , wie befangen ; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren Betrachtungen kommen und sagte : » Roswitha , nun gehen Sie da hinein . Das ist das Zimmer , wo wir schlafen . Ich will erst zu meinem Manne nach dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen , in dem Sie gewohnt haben - und will ihm sagen , daß ich Sie zur Pflege haben möchte bei dem Kinde . Er wird wohl mit allem einverstanden sein , aber ich muß doch erst seine Zustimmung haben . Und wenn ich die habe , dann müssen wir ihn ausquartieren , und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven . Ich denke , wir werden uns schon vertragen . « Innstetten , als er erfuhr , um was sich ' s handle , sagte rasch und in guter Laune : » Das hast du recht gemacht , Effi , und wenn ihr Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt , so nehmen wir sie auf ihr gutes Gesicht hin . Es ist doch , Gott sei Dank , selten , daß einen das täuscht . « Effi war sehr glücklich , sowenig Schwierigkeiten zu begegnen , und sagte : » Nun wird es gehen . Ich fürchte mich jetzt nicht mehr . « » Um was , Effi ? « » Ach , du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste , mitunter schlimmer als alles . « Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven ein . Als der Tag um war , ging sie früh zu Bett und schlief , ermüdet wie sie war , gleich ein . Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die seit einiger Zeit ( denn es war gerade Vollmond ) wieder in Ängsten lebte - , wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe . » Was ? « fragte diese . » Oh , nichts . Ich meine nur so ; so was , wie wenn ein Besen fegt oder wie wenn einer über die Diele schlittert . « Roswitha lachte , was auf ihre junge Herrin einen besonders guten Eindruck machte . Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr erschrocken gewesen sein , wenn man an und in ihr was Katholisches entdeckt hätte ; trotzdem glaubte sie , daß der Katholizismus uns gegen solche Dinge » wie da oben « besser schütze ; ja , diese Betrachtung hatte bei dem Plane , Roswitha ins Haus zu nehmen , ganz erheblich mitgewirkt . Man lebte sich schnell ein , denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen Zug der meisten märkischen Landfräulein , sich gern allerlei kleine Geschichten erzählen zu lassen , und die verstorbene Frau Registratorin und ihr Geiz und ihre Neffen und deren Frauen boten einen unerschöpflichen Stoff . Auch Johanna hörte dabei gerne zu . Diese , wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte , lächelte freilich und verwunderte sich im stillen , daß die gnädige Frau an all dem dummen Zeuge soviel Gefallen finde ; diese Verwunderung aber , die mit einem starken Überlegenheitsgefühle Hand in Hand ging , war doch auch wieder ein Glück und sorgte dafür , daß keine Rangstreitigkeiten aufkommen konnten . Roswitha war einfach die komische Figur , und Neid gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen , wie wenn sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte . So verging eine Woche , plauderhaft und beinahe gemütlich , weil Effi dem , was ihr persönlich bevorstand , ungeängstigter als früher entgegensah . Auch glaubte sie nicht , daß es so nahe sei . Den neunten Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei ; da gab es ein Laufen und Rennen , Innstetten selbst kam ganz aus seiner gewohnten Reserve heraus , und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis Bett eine Wiege . Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand und sagte : » Wir haben heute den Tag von Königgrätz ; schade , daß es ein Mädchen ist . Aber das andere kann ja nachkommen , und die Preußen haben viele Siegestage . « Roswitha mochte wohl Ähnliches denken , freute sich indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das , was da war , und nannte das Kind ohne weiteres » Lütt-Annie « , was der jungen Mutter als ein Zeichen galt . » Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein , daß Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei . « Selbst Innstetten wußte nichts dagegen zu sagen , und so wurde schon von Klein-Annie gesprochen , lange bevor der Tauftag da war . Effi , die von Mitte August an bei den Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte , hätte die Taufe gern bis dahin verschoben . Aber es ließ sich nicht tun ; Innstetten konnte nicht Urlaub nehmen , und so wurde denn der 15. August , trotzdem es der Napoleonstag war ( was denn auch von seiten einiger Familien beanstandet wurde ) , für diesen Taufakt festgesetzt , natürlich in der Kirche . Das sich anschließende Festmahl , weil das landrätliche Haus keinen Saal hatte , fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk statt , und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen . Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und allseitig bewunderten Toaste leben , bei welcher Gelegenheit Sidonie von Grasenabb zu ihrem Nachbar , einem adligen Assessor von der strengen Richtung , bemerkte : » Ja , seine Kasualreden , das geht . Aber seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten ; er ist ein Halber , einer von denen , die verworfen sind , weil sie lau sind . Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren . « Gleich danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort , um Innstetten leben zu lassen . » Meine Herrschaften , es sind schwere Zeiten , in denen wir