und begrüßt worden , und da große Höflichkeit und mehr noch große Herzensgüte zu seinen Tugenden zählte , so gab er sich einen Ruck und ging guten Muts auf die Honig zu , zu deren Kenntnissen und Urteilen er übrigens ein aufrichtiges Vertrauen hegte . » Sehr erfreut , mein liebes Fräulein , Sie mal allein und zu so guter Stunde zu treffen ... Ich habe seit lange so dies und das auf dem Herzen , mit dem ich gern herunter möchte ... « Die Honig errötete , weil sie , trotz des guten Rufes , dessen sich Treibel erfreute , doch von einem ängstlich süßen Gefühl überrieselt wurde , dessen äußerste Nichtberechtigung ihr freilich im nächsten Momente schon in beinah grausamer Weise klar werden sollte . » ... Mich beschäftigt nämlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung , an der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken sehe - ich wähle diesen Schafottausdruck absichtlich - , der mich von meinem einfacheren Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfüllt . « Das Bologneser Hündchen , das Czicka hieß , zog in diesem Augenblick an der Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen , das sich , vom Hof her , in den Garten verirrt hatte ; die Honig verstand aber keinen Spaß und gab dem Hündchen einen Klaps . Czicka seinerseits tat einen Blaff und warf den Kopf hin und her , so daß die seinem Röckchen ( eigentlich bloß eine Leibbinde ) dicht aufgenähten Glöckchen in ein Klingen kamen . Dann aber beruhigte sich das Tierchen wieder , und die Promenade um das Bassin herum begann aufs neue . » Sehen Sie , Fräulein Honig , so wird auch das Lizzichen erzogen . Immer an einer Strippe , die die Mutter in Händen hält , und wenn mal ein Perlhuhn kommt und das Lizzichen fort will , dann gibt es auch einen Klaps , aber einen ganz , ganz kleinen , und der Unterschied ist bloß , daß Lizzi keinen Blaff tut und nicht den Kopf wirft und natürlich auch kein Schellengeläut hat , das ins Klingen kommen kann . « » Lizzichen ist ein Engel « , sagte die Honig , die während einer sechzehnjährigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt hatte . » Glauben Sie das wirklich ? « » Ich glaub es wirklich , Herr Kommerzienrat , vorausgesetzt , daß wir uns über Engel einigen . « » Sehr gut , Fräulein Honig , das kommt mir zupaß . Ich wollte nur über Lizzi mit Ihnen sprechen und höre nun auch noch was über Engel . Im ganzen genommen ist die Gelegenheit , sich über Engel ein festes Urteil zu bilden , nicht groß . Nun sagen Sie , was verstehen Sie unter Engel ? Aber kommen Sie mir nicht mit Flügel . « Die Honig lächelte . » Nein , Herr Kommerzienrat , nichts von Flügel , aber ich möchte doch sagen dürfen Unberührtheit vom Irdischen , das ist ein Engel . « » Das läßt sich hören . Unberührtheit vom Irdischen - nicht übel . Ja , noch mehr , ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schön finden , und wenn Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und zielbewußt vorsetzen würden , eine richtige kleine Genoveva auszubilden oder eine kleine keusche Susanna , Pardon , ich kann im Augenblicke kein besseres Beispiel finden , oder wenn alles ganz ernsthaft darauf hinausliefe , sagen wir für irgendeinen Thüringer Landgrafen oder meinetwegen auch für ein geringeres Geschöpf Gottes einen Abklatsch der heiligen Elisabeth herzustellen , so hätte ich nichts dagegen . Ich halte die Lösung solcher Aufgabe für sehr schwierig , aber nicht für unmöglich , und wie so schön gesagt worden ist und immer noch gesagt wird , solche Dinge auch bloß gewollt zu haben ist schon etwas Großes . « Die Honig nickte , weil sie der eigenen , nach dieser Seite hin liegenden Anstrengungen gedenken mochte . » Sie stimmen mir zu « , fuhr Treibel fort . » Nun , das freut mich . Und ich denke , wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben . Sehen Sie , liebes Fräulein , ich begreife vollkommen , trotzdem es meinem persönlichen Geschmack widerspricht , daß eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen Engel hin erzieht ; man kann nie ganz genau wissen , wie diese Dinge liegen , und wenn es zum letzten kommt , so ganz zweifelsohne vor seinem Richter zu stehen , wer sollte sich das nicht wünschen ? Ich möchte beinah sagen , ich wünsch es mir selber . Aber , mein liebes Fräulein , Engel und Engel ist ein Unterschied , und wenn der Engel weiter nichts ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem Seifenkonsum berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf die Weißheit seiner Strümpfe gestellt wird , so erfüllt mich dies mit einem leisen Grauen . Und wenn es nun gar das eigene Enkelkind ist , dessen flachsene Haare , Sie werden es auch bemerkt haben , vor lauter Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen , so wird einem alten Großvater himmelangst dabei . Könnten Sie sich nicht hinter die Wulsten stecken ? Die Wulsten ist eine verständige Person und bäumt , glaub ich , innerlich gegen diese Hamburgereien auf . Ich würde mich freuen , wenn Sie Gelegenheit nähmen ... « In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als zuvor . Treibel , der sich in Auseinandersetzungen der Art nicht gern unterbrochen sah , wollte verdrießlich werden , aber ehe er noch recht dazu kommen konnte , wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar , zwei von ihnen ganz gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet . Es waren die beiden Felgentreus , denen Helene folgte . » Gott sei Dank , Helene « , sagte Treibel , der sich - vielleicht weil er ein schlechtes Gewissen hatte - zunächst an die Schwiegertochter wandte , » Gott sei Dank , daß ich dich einmal wiedersehe . Du warst eben der Gegenstand unseres Gesprächs , oder mehr noch dein liebes Lizzichen , und Fräulein Honig stellte fest , daß Lizzichen ein Engel sei . Du kannst dir denken , daß ich nicht widersprochen habe . Wer ist nicht gern der Großvater eines Engels ? Aber , meine Damen , was verschafft mir so früh diese Ehre ? Oder gilt es meiner Frau ? Sie hat ihre Migräne . Soll ich sie rufen lassen ... ? « » O nein , Papa « , sagte Helene mit einer Freundlichkeit , die nicht immer ihre Sache war . » Wir kommen zu dir . Felgentreus haben nämlich vor , heute nachmittag eine Partie nach Halensee zu machen , aber nur wenn alle Treibels , von Otto und mir ganz abgesehen , daran teilnehmen . « Die Felgentreuschen Schwestern bestätigten dies alles durch Schwenken ihrer Sonnenschirme , während Helene fortfuhr : » Und nicht später als drei . Wir müssen also versuchen , unserem Lunch einen kleinen Dinner-Charakter zu geben oder aber unser Dinner bis auf acht Uhr abends hinausschieben . Elfriede und Blanca wollen noch in die Adlerstraße , um auch Schmidts aufzufordern , zum mindesten Corinna ; der Professor kommt dann vielleicht nach . Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett mitbringen , darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung ... « » Und Reserveoffiziere « , ergänzte Blanca , die jüngere Felgentreu ... » Reserveoffiziere « , wiederholte Treibel ernsthaft . » Ja , meine Damen , das gibt den Ausschlag . Ich glaube nicht , daß ein hierlandes lebender Familienvater , auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Töchter versagte , den Mut haben wird , eine Landpartie mit zwei Reservelieutenants auszuschlagen . Also bestens akzeptiert . Und drei Uhr . Meine Frau wird zwar verstimmt sein , daß , über ihr Haupt hinweg , endgültige Beschlüsse gefaßt worden sind , und ich fürchte beinah ein momentanes Wachsen des tic douloureux . Trotzdem bin ich ihrer sicher . Landpartie mit Quartett und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung - die Freude darüber bleibt prädominierendes Gefühl . Dem ist keine Migräne gewachsen . Darf ich Ihnen übrigens meine Melonenbeete zeigen ? Oder nehmen wir lieber einen leichten Imbiß , ganz leicht , ohne jede ernste Gefährdung des Lunch ? « Alle drei dankten , die Felgentreus , weil sie sich direkt zu Corinna begeben wollten , Helene , weil sie Lizzis halber wieder nach Hause müsse . Die Wulsten sei nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen , von denen sie nur sagen könne , daß sie » shocking « seien . Zum Glück sei Lizzichen ein so gutes Kind , sonst würde sie sich ernstlicher Sorge darüber hingeben müssen . » Lizzichen ist ein Engel , die ganze Mutter « , sagte Treibel und wechselte , während er das sagte , Blicke mit der Honig , welche die ganze Zeit über in einer gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte . Zehntes Kapitel Auch Schmidts hatten zugesagt , Corinna mit besonderer Freudigkeit , weil sie sich seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer häuslichen Einsamkeit herzlich gelangweilt hatte ; die großen Sätze des Alten kannte sie längst auswendig , und von den Erzählungen der guten Schmolke galt dasselbe . So klang denn » ein Nachmittag in Halensee « fast so poetisch wie » vier Wochen auf Capri « , und Corinna beschloß daraufhin , ihr Bestes zu tun , um sich bei dieser Gelegenheit auch äußerlich neben den Felgentreus behaupten zu können . Denn in ihrer Seele dämmerte eine unklare Vorstellung davon , daß diese Landpartie nicht gewöhnlich verlaufen , sondern etwas Großes bringen werde . Marcell war zur Teilnahme nicht aufgefordert worden , womit seine Cousine , nach der eine ganze Woche lang von ihm beobachteten Haltung , durchaus einverstanden war . Alles versprach einen frohen Tag , besonders auch mit Rücksicht auf die Zusammensetzung der Gesellschaft . Unter dem , was man im voraus vereinbart hatte , war , nach Verwerfung eines von Treibel in Vorschlag gebrachten Kremsers , » der immer das Eigentliche sei « , das die Hauptsache gewesen , daß man auf gemeinschaftliche Fahrt verzichten , dafür aber männiglich sich verpflichten wolle , Punkt vier Uhr und jedenfalls nicht mit Überschreitung des akademischen Viertels in Halensee zu sein . Und wirklich um vier Uhr war alles versammelt oder doch fast alles . Alte und junge Treibels , desgleichen die Felgentreus , hatten sich in eigenen Equipagen eingefunden , während Krola , von seinem Quartett begleitet , aus nicht aufgeklärten Gründen die neue Dampfbahn , Corinna aber mutterwindallein - der Alte wollte nachkommen - die Stadtbahn benutzt hatte . Von den Treibels fehlte nur Leopold , der sich , weil er durchaus an Mister Nelson zu schreiben habe , wegen einer halben Stunde Verspätung im voraus entschuldigen ließ . Corinna war momentan verstimmt darüber , bis ihr der Gedanke kam , es sei wohl eigentlich besser so ; kurze Begegnungen seien inhaltreicher als lange . » Nun , lieben Freunde « , nahm Treibel das Wort , » alles nach der Ordnung . Erste Frage , wo bringen wir uns unter ? Wir haben verschiedenes zur Wahl . Bleiben wir hier Parterre , zwischen diesen formidablen Tischreihen , oder rücken wir auf die benachbarte Veranda hinauf , die Sie , wenn Sie Gewicht darauf legen , auch als Altan oder als Söller bezeichnen können ? Oder bevorzugen Sie vielleicht die Verschwiegenheit der inneren Gemächer , irgendeiner Kemenate von Halensee ? Oder endlich , viertens und letztens , sind Sie für Turmbesteigung und treibt es Sie , diese Wunderwelt , in der keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm entdecken konnte , treibt es Sie , sag ich , dieses von Spargelbeeten und Eisenbahndämmen durchsetzte Wüstenpanorama zu Ihren Füßen ausgebreitet zu sehen ? « » Ich denke « , sagte Frau Felgentreu , die , trotzdem sie kaum ausgangs Vierzig war , schon das Embonpoint und das Asthma einer Sechzigerin hatte , » ich denke , lieber Treibel , wir bleiben , wo wir sind . Ich bin nicht für Steigen , und dann mein ich auch immer , man muß mit dem zufrieden sein , was man gerade hat . « » Eine merkwürdig bescheidene Frau « , sagte Corinna zu Krola , der seinerseits mit einfacher Zahlennennung antwortete , leise hinzusetzend , » aber Taler « . » Gut denn « , fuhr Treibel fort , » wir bleiben also in der Tiefe . Wozu dem Höheren zustreben ? Man muß zufrieden sein mit dem durch Schicksalsbeschluß Gegebenen , wie meine Freundin Felgentreu soeben versichert hat . Mit anderen Worten : Genieße fröhlich , was du hast . Aber , liebe Festgenossen , was tun wir , um unsere Fröhlichkeit zu beleben oder , richtiger und artiger , um ihr Dauer zu geben ? Denn von Belebung unserer Fröhlichkeit sprechen hieße das augenblickliche Vorhandensein derselben in Zweifel ziehen - eine Blasphemie , deren ich mich nicht schuldig machen werde . Landpartien sind immer fröhlich . Nicht wahr . Krola ? « Krola bestätigte mit einem verschmitzten Lächeln , das für den Eingeweihten eine stille Sehnsucht nach Siechen oder dem schweren Wagner ausdrücken sollte . Treibel verstand es auch so . » Landpartien also sind immer fröhlich , und dann haben wir das Quartett in Bereitschaft und haben Professor Schmidt in Sicht und Leopold auch . Ich finde , daß dies allein schon ein Programm ausdrückt . « Und nach diesen Einleitungsworten einen in der Nähe stehenden mittelalterlichen Kellner heranwinkend , fuhr er in einer anscheinend an diesen , in Wahrheit aber an seine Freunde gerichteten Rede fort : » Ich denke , Kellner , wir rücken zunächst einige Tische zusammen , hier zwischen Brunnen und Fliederbosquet ; da haben wir frische Luft und etwas Schatten . Und dann , Freund , sobald die Lokalfrage geregelt und das Aktionsfeld abgesteckt ist , dann etwelche Portionen Kaffee , sagen wir vorläufig fünf , Zucker doppelt , und etwas Kuchiges , gleichviel was , mit Ausnahme von altdeutschem Napfkuchen , der mir immer eine Mahnung ist , es mit dem neuen Deutschland ernst und ehrlich zu versuchen . Die Bierfrage können wir später regeln , wenn unser Zuzug eingetroffen ist . « Dieser Zuzug war nun in der Tat näher , als die ganze Gesellschaft zu hoffen gewagt hatte . Schmidt , in einer ihn begleitenden Wolke herankommend , war müllergrau von Chausseestaub und mußte es sich gefallen lassen , von den jungen , dabei nicht wenig kokettierenden Damen abgeklopft zu werden , und kaum daß er in Stand gesetzt und in den Kreis der übrigen eingereiht war , so ward auch schon Leopold in einer langsam herantrottenden Droschke sichtbar , und beide Felgentreus ( Corinna hielt sich zurück ) liefen auch ihm bis auf die Chaussee hinaus entgegen und schwenkten dieselben kleinen Batisttücher zu seiner Begrüßung , mit denen sie eben den alten Schmidt restituiert und wieder leidlich gesellschaftsfähig gemacht hatten . Auch Treibel hatte sich erhoben und sah der Anfahrt seines Jüngsten zu . » Sonderbar « , sagte er zu Schmidt und Felgentreu , zwischen denen er saß , » sonderbar ; es heißt immer , der Apfel fällt nicht weit vom Stamm . Aber mitunter tut er ' s doch . Alle Naturgesetze schwanken heutzutage . Die Wissenschaft setzt ihnen zu arg zu . Sehen Sie , Schmidt , wenn ich Leopold Treibel wäre ( mit meinem Vater war das etwas anderes , der war noch aus der alten Zeit ) , so hätte mich doch kein Deubel davon abgehalten , hier heute hoch zu Roß vorzureiten , und hätte mich graziös - denn , Schmidt , wir haben doch auch unsere Zeit gehabt - , hätte mich graziös , sag ich , aus dem Sattel geschwungen und mir mit der Badine die Stiefel und die Unaussprechlichen abgeklopft und wäre hier , schlecht gerechnet , wie ein junger Gott erschienen , mit einer roten Nelke im Knopfloch , ganz wie Ehrenlegion oder ein ähnlicher Unsinn . Und nun sehen Sie sich den Jungen an . Kommt er nicht an , als ob er hingerichtet werden sollte ? Denn das ist ja gar keine Droschke , das ist ein Karren , eine Schleife . Weiß der Himmel , wo ' s nicht drin steckt , da kommt es auch nicht . « Unter diesen Worten war Leopold herangekommen , untergefaßt von den beiden Felgentreus , die sich vorgesetzt zu haben schienen , à tout prix für das » Landpartieliche « zu sorgen . Corinna , wie sich denken läßt , gefiel sich in Mißbilligung dieser Vertraulichkeit und sagte vor sich hin : » Dumme Dinger ! « Dann aber erhob auch sie sich , um Leopold gemeinschaftlich mit den andern zu begrüßen . Die Droschke draußen hielt noch immer , was dem alten Treibel schließlich auffiel . » Sage , Leopold , warum hält er noch ? Rechnet er auf Rückfahrt ? « » Ich glaube , Papa , daß er futtern will . « » Wohl und weise . Freilich mit seinem Häckselsack wird er nicht weit kommen . Hier müssen energischere Belebungsmittel angewandt werden , sonst passiert was . Bitte , Kellner , geben Sie dem Schimmel ein Seidel . Aber Löwenbräu . Dessen ist er am bedürftigsten . « » Ich wette « , sagte Krola , » der Kranke wird von Ihrer Arznei nichts wissen wollen . « » Ich verbürge mich für das Gegenteil . In dem Schimmel steckt was ; bloß heruntergekommen . « Und während das Gespräch noch andauerte , folgte man dem Vorgange draußen und sah , wie das arme verschmachtete Tier mit Gier das Seidel austrank und in ein schwaches Freudengewieher ausbrach . » Da haben wir ' s « , triumphierte Treibel . » Ich bin ein Menschenkenner ; der hat bessere Tage gesehen , und mit diesem Seidel zogen alte Zeiten in ihm herauf . Und Erinnerungen sind immer das Beste . Nicht wahr , Jenny ? « Die Kommerzienrätin antwortete mit einem langgedehnten » ja , Treibel « und deutete durch den Ton an , daß er besser täte , sie mit solchen Betrachtungen zu verschonen . Eine Stunde verging unter allerhand Plaudereien , und wer gerade schwieg , der versäumte nicht , das Bild auf sich wirken zu lassen , das sich um ihn her ausbreitete . Da stieg zunächst eine Terrasse nach dem See hinunter , von dessen anderm Ufer her man den schwachen Knall einiger Teschins hörte , mit denen in einer dort etablierten Schießbude nach der Scheibe geschossen wurde , während man aus verhältnismäßiger Nähe das Kugelrollen einer am diesseitigen Ufer sich hinziehenden Doppelkegelbahn und dazwischen die Rufe des Kegeljungen vernahm . Den See selbst aber sah man nicht recht , was die Felgentreuschen Mädchen zuletzt ungeduldig machte . » Wir müssen doch den See sehen . Wir können doch nicht in Halensee gewesen sein , ohne den Halensee gesehen zu haben ! « Und dabei schoben sie zwei Stühle mit den Lehnen zusammen und kletterten hinauf , um so den Wasserspiegel vielleicht entdecken zu können . » Ach , da ist er . Etwas klein . « » Das Auge der Landschaft muß klein sein « , sagte Treibel . » Ein Ozean ist kein Auge mehr . « » Und wo nur die Schwäne sind ? « fragte die ältere Felgentreu neugierig . » Ich sehe doch zwei Schwanenhäuser . « » Ja , liebe Elfriede « , sagte Treibel . » Sie verlangen zuviel . Das ist immer so ; wo Schwäne sind , sind keine Schwanenhäuser , und wo Schwanenhäuser sind , sind keine Schwäne . Der eine hat den Beutel , der andre hat das Geld . Diese Wahrnehmung , meine junge Freundin , werden Sie noch verschiedentlich im Leben machen . Lassen Sie mich annehmen , nicht zu sehr zu Ihrem Schaden . « Elfriede sah ihn groß an . » Worauf bezog sich das und auf wen ? Auf Leopold ? oder auf den früheren Hauslehrer , mit dem sie sich noch schrieb , aber doch nur so , daß es nicht völlig einschlief . Oder auf den Pionierlieutenant ? Es konnte sich auf alle drei beziehen . Leopold hatte das Geld ... Hm . « » Im übrigen « , fuhr Treibel an die Gesamtheit gewendet fort , » ich habe mal wo gelesen , daß es immer das Geratenste sei , das Schönste nicht auszukosten , sondern mitten im Genusse dem Genuß Valet zu sagen . Und dieser Gedanke kommt mir auch jetzt wieder . Es ist kein Zweifel , daß dieser Fleck Erde mit zu dem Schönsten zählt , was die norddeutsche Tiefebene besitzt , durchaus angetan , durch Sang und Bild verherrlicht zu werden , wenn es nicht schon geschehen ist - denn wir haben jetzt eine märkische Schule , vor der nichts sicher ist , Beleuchtungskünstler ersten Ranges , wobei Wort oder Farbe keinen Unterschied macht . Aber eben weil es so schön ist , gedenken wir jenes vorzitierten Satzes , der von einem letzten Auskosten nichts wissen will , mit andern Worten , beschäftigen wir uns mit dem Gedanken an Aufbruch . Ich sage wohlüberlegt Aufbruch , nicht Rückfahrt , nicht vorzeitige Rückkehr in die alten Geleise , das sei ferne von mir ; dieser Tag hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen . Nur ein Scheiden speziell aus diesem Idyll , eh es uns ganz umstrickt ! Ich proponiere Waldpromenade bis Paulsborn oder , wenn dies zu kühn erscheinen sollte , bis Hundekehle . Die Prosa des Namens wird ausgeglichen durch die Poesie der größeren Nähe . Vielleicht , daß ich mir den besonderen Dank meiner Freundin Felgentreu durch diese Modifikation verdiene . « Frau Felgentreu , der nichts ärgerlicher war als Anspielungen auf ihre Wohlbeleibtheit und Kurzatmigkeit , begnügte sich , ihrem Freunde Treibel den Rücken zu kehren . » Dank vom Hause Österreich . Aber es ist immer so , der Gerechte muß viel leiden . Ich werde mich auf einem verschwiegenen Waldwege bemühen , Ihrem schönen Unmut die Spitze abzubrechen . Darf ich um Ihren Arm bitten , liebe Freundin ? « Und alles erhob sich , um in Gruppen zu zweien und dreien die Terrasse hinabzusteigen und , zu beiden Seiten des Sees , auf den schon im halben Dämmer liegenden Grunewald zuzuschreiten . Die Hauptkolonne hielt sich links . Sie bestand , unter Vorantritt des Felgentreuschen Ehepaares ( Treibel hatte sich von seiner Freundin wieder frei gemacht ) , aus dem Krolaschen Quartett , in das sich Elfriede und Blanca Felgentreu derart eingereiht hatten , daß sie zwischen den beiden Referendarien und zwei jungen Kaufleuten gingen . Einer der jungen Kaufleute war ein berühmter Jodler und trug auch den entsprechenden Hut . Dann kamen Otto und Helene , während Treibel und Krola abschlossen . » Es geht doch nichts über eine richtige Ehe « , sagte Krola zu Treibel und wies auf das junge Paar vor ihnen . » Sie müssen sich doch aufrichtig freuen , Kommerzienrat , wenn Sie Ihren Ältesten so glücklich und so zärtlich neben dieser hübschen und immer blink und blanken Frau einherschreiten sehen . Schon oben saßen sie dicht beisammen , und nun gehen sie Arm in Arm . Ich glaube beinah , sie drücken sich leise . « » Mir ein sichrer Beweis , daß sie sich vormittags gezankt haben . Otto , der arme Kerl , muß nun Reugeld zahlen . « » Ach , Treibel , Sie sind ewig ein Spötter . Ihnen kann es keiner recht machen und am wenigsten die Kinder . Glücklicherweise sagen Sie das so hin , ohne recht dran zu glauben . Mit einer Dame , die so gut erzogen wurde , kann man sich überhaupt nicht zanken . « In diesem Augenblicke hörte man den Jodler einige Juchzer ausstoßen , so tirolerhaft echt , daß sich das Echo der Pichelsberge nicht veranlaßt sah , darauf zu antworten . Krola lachte . » Das ist der junge Metzner . Er hat eine merkwürdig gute Stimme , wenigstens für einen Dilettanten , und hält eigentlich das Quartett zusammen . Aber sowie er eine Prise frische Luft wittert , ist es mit ihm vorbei . Dann faßt ihn das Schicksal mit rasender Gewalt , und er muß jodeln . .. Aber wir wollen von den Kindern nicht abkommen . Sie werden mir doch nicht weismachen wollen « - Krola war neugierig und hörte gern Intimitäten - , » Sie werden mir doch nicht weismachen wollen , daß die beiden da vor uns in einer unglücklichen Ehe leben . Und was das Zanken angeht , so kann ich nur wiederholen , Hamburgerinnen stehen auf einer Bildungsstufe , die den Zank ausschließt . « Treibel wiegte den Kopf . » Ja , sehen Sie , Krola , Sie sind nun ein so gescheiter Kerl und kennen die Weiber , ja , wie soll ich sagen , Sie kennen sie , wie sie nur ein Tenor kennen kann . Denn ein Tenor geht noch weit übern Lieutenant . Und doch offenbaren Sie hier in dem speziell Ehelichen , was noch wieder ein Gebiet für sich ist , ein furchtbares Manquement . Und warum ? Weil Sie ' s in Ihrer eigenen Ehe , gleichviel nun , ob durch Ihr oder Ihrer Frau Verdienst , ausnahmsweise gut getroffen haben . Natürlich , wie Ihr Fall beweist , kommt auch das vor . Aber die Folge davon ist einfach die , daß Sie - auch das Beste hat seine Kehrseite - , daß Sie , sag ich , kein richtiger Ehemann sind , daß Sie keine volle Kenntnis von der Sache haben ; Sie kennen den Ausnahmefall , aber nicht die Regel . Über Ehe kann nur sprechen , wer sie durchgefochten hat , nur der Veteran , der auf Wundenmale zeigt ... Wie heißt es doch ? Nach Frankreich zogen zwei Grenadier , die ließen die Köpfe hangen ... Da haben Sie ' s. « » Ach , das sind Redensarten , Treibel ... « » ... Und die schlimmsten Ehen sind die , lieber Krola , wo furchtbar gebildet gestritten wird , wo , wenn Sie mir den Ausdruck gestatten wollen , eine Kriegsführung mit Sammethandschuhen stattfindet oder , richtiger noch , wo man sich , wie beim römischen Karneval , Konfetti ins Gesicht wirft . Es sieht hübsch aus , aber verwundet doch . Und in dieser Kunst anscheinend gefälligen Konfettiwerfens ist meine Schwiegertochter eine Meisterin . Ich wette , daß mein armer Otto schon oft bei sich gedacht hat , wenn sie dich doch kratzte , wenn sie doch mal außer sich wäre , wenn sie doch mal sagte : Scheusal oder Lügner oder elender Verführer ... « » Aber , Treibel , das kann sie doch nicht sagen . Das wäre ja Unsinn . Otto ist ja doch kein Verführer , also auch kein Scheusal ... « » Ach , Krola , darauf kommt es ja gar nicht an . Worauf es ankommt , ist , sie muß sich dergleichen wenigstens denken können , sie muß eine eifersüchtige Regung haben , und in solchem Momente muß es afrikanisch aus ihr losbrechen . Aber alles , was Helene hat , hat höchstens die Temperatur der Uhlenhorst . Sie hat nichts als einen unerschütterlichen Glauben an Tugend und Windsor-soap . « » Nun meinetwegen . Aber wenn es so ist , wo kommt dann der Zank her ? « » Der kommt doch . Er tritt nur anders auf , anders , aber nicht besser . Kein Donnerwetter , nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben Mückenstichs , oder aber Schweigen , Stummheit , Muffeln , das innere Düppel der Ehe , während nach außen hin das Gesicht keine Falte schlägt . Das sind so die Formen . Und ich fürchte , die ganze Zärtlichkeit , die wir da vor uns wandeln sehen und die sich augenscheinlich sehr einseitig gibt , ist nichts als ein Bußetun - Otto Treibel im Schloßhof zu Canossa und mit Schnee unter den Füßen . Sehen Sie nun den armen Kerl ; er biegt den Kopf in einem fort nach rechts , und Helene rührt sich nicht und kommt aus der graden Hamburger Linie nicht heraus ... Aber jetzt müssen wir schweigen . Ihr Quartett hebt eben an . Was ist es denn ? « » Es ist das bekannte : Ich weiß nicht , was soll es bedeuten ? « » Ah , das ist recht . Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage , besonders auf Landpartien . « Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare , vorauf der alte Schmidt und seine Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen Leopold und Corinna . Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten , ihr die Mantille tragen zu dürfen , denn es war etwas schwül unter den Bäumen . Jenny hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen ; als sie aber wahrnahm , daß der gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen und sich abwechselnd in Wacholder und Heidekraut verfangen ließ , bat sie sich die Mantille wieder aus . » Sie sind noch geradeso wie vor vierzig Jahren , lieber Schmidt . Galant , aber mit keinem rechten Erfolge . « » Ja , gnädigste Frau , diese Schuld kann ich nicht von mir abwälzen , und sie war zugleich mein Schicksal . Wenn ich mit meinen Huldigungen erfolgreicher gewesen wäre , denken Sie , wie ganz anders sich mein Leben und auch das Ihrige gestaltet hätte ... « Jenny seufzte leise . » Ja , gnädigste Frau , dann hätten Sie das Märchen Ihres Lebens nie begonnen . Denn alles große Glück ist ein Märchen . « » Alles große Glück ist ein Märchen « , wiederholte Jenny langsam und gefühlvoll . » Wie wahr , wie schön ! Und sehen