. Jetzt stand die Hanne auf , zündete die Lampe an , nahm ihr Tuch von dem Nagel an der Zimmertüre und sagte bittend : » Jetzt kannst du mir etwas zulieb tun , und ich will es dir mein Lebtag danken . « » Was denn ? « fragte der Leopold und schaute wie ein todmüder Mensch zu ihr hin . » Bleib bei dem Kind , bis ich wiederkomme . Ich komm bald . Warte nur auf mich . « » Kindisches Ding ... dir zuliebe ... ich bin froh , daß ich dir noch was zulieb tun kann ... Ich wart schon . « » Alsdann in Gottes Namen « , flüsterte die Hanne , drückte ihm die Hand und eilte davon . Wie ein Putztisch sah sich das kleine Zimmer an , in dem die Lene saß und eifrig nähte . Alles Ersparte hatte sie an die Einrichtung gewendet , und nun endlich hing und stand alles genauso da , wie sie es geträumt hatte . Auf dem Boden lag ein grauweißer Teppich mit blauen Blümchen , an den Fenstern und über dem Bette hingen weiße Zitzvorhänge mit blauen Blümchen , die Stühle und das kleine Sofa waren überzogen von demselben Stoff mit blauen Blümchen , und mitten in der Stube schwebte eine blaue Glasampel mit hellblauen Blümchen . Die zierlichen Schränke , der Tisch , das Bettgestell waren weiß lackiert und mit blauen Streifen gerändert , und die Tapete war weißgrau mit blauen Blümchen . Mitten in diesem verwirklichten Traum saß die glückselige Lene , sogar der weiße Schlafrock mit den gestickten Falbeln und den blauen Schleifen gehörte dazu . Wenn sie die Nadel rasten ließ und aufblickte , da wurde das schöne Gesicht noch reizender durch den Ausdruck des innerlichsten , zufriedensten Behagens , aber sie ließ sich nie viel Zeit , ihre Herrlichkeiten zu genießen , sie nähte wieder emsig weiter . Seit sie einmal als Kind das Schlafzimmer einer jungen Dame gesehen hatte , seit sie die Kammerfrau , für die der Lene ihre Mutter die Wäsche wusch , in das Stübchen gucken ließ , wollte ihr das Weiß mit den blauen Blümchen nimmer aus dem Sinn . War das bei ihrer Mutter oder in der großen Stube der Frau Weis möglich ? Nun war sie längst kein Mädchen mehr und endlich ihre eigene Frau , jetzt konnte sie ihren Traum verwirklichen Stück um Stück ; und sie , die sonst nichts entbehren wollte , sie kargte mit dem Bissen Brot , sie legte Kreuzer zu Kreuzer , um nach und nach noch eine Elle Zitz zu kaufen , damit die Falbeln an den Vorhängen reicher wurden . Mit ehrlicher Pünktlichkeit bezahlte sie dem Tischler jeden Monat einige Gulden , um rascher ihrer Schuld ledig zu sein , vom grauenden Morgen arbeitete sie daheim , bis sie zu Madame Margot gehen mußte , und wenn sie heimkam , betrachtete sie mit andachtsvollem Entzücken ihre Stube , dann setzte sie sich an die Arbeit und nähte , bis ihr fast die Augen zufielen . Jetzt waren ja alle Wünsche ihres Lebens erfüllt , dieses Gemach , keinen Mann , kein Kindergeschrei , von allen gehätschelt , bewundert und begehrt , aber doch allein , ganz allein , eine zufriedene , ehrbare Frau . Die Leni war freilich nie so schön gewesen als nun in dieser lichten , duftigen Umrahmung . Friede , Stille und Schönheit umfloß sie , und kein Gedanke verirrte sich zurück in den Winkel , aus welchem ihr Liebreiz emporgeblüht war » wie eine reine , stolze Lilie unter dürftigen blassen Veilchen , schwerfälligen Distelblumen und allerlei farbenschreiendem , niederem Unkraut « . Die Lene las nämlich auch jetzt an Sonn- und Feiertagen manchmal Romane , und wenn sie dann darüber nachzudenken versuchte , so machte sie zwischen sich und der Heldin und dem Leben in der Blauen Gans Vergleiche und schwang sich zu großen Empfindungen auf , die darin zusammenflossen , daß sie ehemals sehr mißhandelt war . Jetzt war sie schon auf einem Standpunkt , wo sie das weiße Lilienbewußtsein ohne jeden rückdenkenden Vergleich trug , der weißgestickte Mullschlafrock machte sie zu einer Dame , und ihre Tugend war über alle Zweifel , das sagten alle Leute , sie saß in dem weißen Zimmer mit den blauen Blümchen , in aller Zukunft konnte jetzt nichts mehr kommen , was sie aus ihrem Geleise bringen mochte . Aber das Alter , die Schönheit vergeht - ! » Das Alter . Ich werde eine sehr schöne alte Frau werden , hat neulich ein Bildermaler bei der Madame Margot gesagt « , antwortete sie sich selbst und dachte an die weiteste Zukunft , an sehr schöne weiße Haare . Nun tat ihr eben diese Denkerei schon wieder weh , das war kein Geschäft für sie , lieber lustig darauflosgenäht , jeder Stich ist ja Geld . Mit einem Male war es dunkel geworden , die Lene zündete die Hängeampel an , und der bläulich-weiße Lichtschein ergoß sich über das Gemach . Wie jeden Abend , so staunte sie auch jetzt wieder das Wunder an , daß die blaue Glaslampe einen weißen Schimmer geben konnte , denn eigentlich war jetzt sie und jedes Stücklein ganz wundersam weiß . Gerade war sie wieder daran , nachdenken zu müssen , als es leise an ihre Türe pocht . Wer kann das sein ? Die Lene streckte das Köpfchen vor und horchte . Die Hauswirtin , der Briefträger ? Sie setzte sich aber doch in ihrem Lehnstuhl hübsch zurecht , so vornehm wie die noblen Damen bei der Madame Margot , sie lehnte den Kopf zurück , breitete seitwärts die Schleppe ihres Schlafrockes aus und ließ ihren kleinen Fuß mit dem blauen Pantoffel sehen . Da klopfte es zum zweiten Male , lauter , dringlicher . » Herein ! « Langsam geht die Türe auf , nur ein Stückchen - und durch den engen Spalt schiebt sich mit gesenktem Kopfe eine schmale zaghafte Gestalt . Sie drückt mit den Ellenbogen die Türe wieder hinter sich zu , ohne daß sie sich umwendet , dafür aber lehnt sie sich mit den Schulterblättern rasch an . Die Lene reißt die Augen weit auf , als ob das leichenhafte Geschöpf mit den dunklen Haarsträhnen , die an ihrer Stirne kleben , ein Gespenst wäre , dann zieht sie die Augen klein zusammen , macht ihre vornehmste Miene und will reden , als aber die andere nur die Lippen bewegt , schüttelt sie den Schreck und die Vornehmheit plötzlich ab , springt auf , stemmt die Hände in die Hüften und sagt mit einem langsamen Blick , der von unten bis oben über die gebeugte Gestalt gleitet : » Das ist zu keck ! « » Ich weiß es « , erwidert die Hanne mit gebrochener Stimme , » aber ich bitte dich , höre mich an . « » Schau zu , daß du aus meinem Zimmer kommst ! « ruft die Lene drohend . » Dein Kind ! « » Ich hab kein Kind , seit es in solche Händ ist - Pfui ! « » Dein Mann ! Hör mich an ... « » Red nicht von ihm . « » Gnad und Erbarmen , Lene ! « Das junge Mädchen fiel auf die Knie , erhob den Kopf und streckte die gefalteten Hände weit von sich . » Wär ich gekommen ? Hätte ich mich getraut ? « sagte sie erschöpft , » wenn nicht dein - der Leopold - Lene ! - er stirbt ! « Die schmale Gestalt brach zusammen und fiel vornüber , so daß sie mit der Stirne auf den weißen Teppich mit den blauen Blümlein schlug . » Wer stirbt ? « frug die Lene halblaut , und es schüttelte sie am ganzen Leibe , als sie auf das Wesen vor sich niedersah . » Stirbt « , das Wort erweckte alle Sinne der Halbohnmächtigen , sie raffte sich zusammen , kroch auf den Knien der Frau näher und lallte mühsam : » Dein Mann - stirbt - kann nimmer leben - ohne dich - erbarm dich - komm heim . « » Sonst nichts ? - Ich heim ? « frug die Lene spöttisch . Sie blickte sich in dem kostbaren weiß-blauen Zimmer um . » In das Loch dort zurück ? - Ich hab es ihm gesagt , und er muß närrisch sein , wenn er glaubt , ich komme . « » Er glaubt es nicht - er weiß , daß du dein Wort hältst « , beteuerte die Hanne und richtete sich an einem Stuhl wieder auf , » und darum will er sich erschießen - heut - morgen - übermorgen - wer weiß es ? - Komm , um Gottes Barmherzigkeit , komm , eh ' es zu spät ist . « » Hat er dich hergeschickt - und hast dich getraut , zu der Frau von deinem Schatz zu kommen ? « fragte die Lene mißtrauisch . » Red , was du willst - in allem hast du recht - aber nur glaub , daß er mich nicht - geschickt hat . - Davongerennt bin ich in meiner Todesangst um ihn . - Schlag und schimpfe mich - sag , was du willst zu mir - aber erbarm dich - denk an den Buben , der ein Waiserl wäre « , erwiderte die Hanne demütig . » Möcht mich nicht beschmutzen - du , meine beste Freundin , hast so ehrlos sein können ? « klagte die Frau und wendete sich ab . » Ja , recht hast du . Nimmer wirst mich sehen , und nichts wirst von mir hören - aber geh , geh , sonst könntest du zu spät kommen . « » Wer es sagt , der tut es nicht « , murrte die Frau abwehrend . » Nimm es auf dich ! « rief die Hanne erschüttert , » du kennst den Leopold , der tut ' s ! - Mehr als dich bitten kann ich nicht . Soll ich noch was tun ? Weißt du was , ich will dir Händ und Füß küssen ... Erbarm dich . « » Schämen sollst dich , daß du dich so abwinselst um einen Mann - um meinen Mann ! - Mußt ja vernarrt sein in ihn über alles . - Schämst du dich denn gar nicht ? « sagte die Frau langsam , wie von Ekel erfüllt . » Ich schäme mich , daß ich da bin « , flüsterte die Hanne ergebungsvoll . » Muß dir keine Freude machen , wenn dein Schatz sterben will , weil er nicht ohne sein Weib leben kann . « » Glaubst du es doch endlich ? « schrie die Hanne schluchzend auf . » Ja , ich glaub ' s , weil ich sehe , daß du fast zugrunde gehst daran « , sagte sie kalt und streng , » das ist die Strafe für deine Liederlichkeit . « » Ja - ja - so ist ' s - kommst du aber heim ? - zu ihm - jetzt - gute , schöne , heilige Lene ! - kommst ? ! « flehte das Mädchen , und die Zähne schlugen ihr aneinander , und sie zog und zerrte an ihren Fingern . » In die Blaue Gans ? Mein Lebtag nimmer in den Mistwinkel , wo er in wilder Ehe gelebt hat . Nein . - Das ist mein Haus , da bin ich Frau - und will er ein ehrliches Leben führen , so soll er mit dem Kinde daherkommen . « War es ein Freudenschrei , war es ein Klagelaut , den die Hanne zurückhielt , als sie sich aufbäumte und mit beiden Händen an den Mund fuhr ? Rasch sank aber die Gestalt wieder in sich zusammen , und sie nickte nur dankbar : » Ja - ja ! « » Da nebenan ist eine Kammer frei « , sagte die Lene matt wie ein Mensch , der sich einen Finger abschneiden läßt von seiner kräftigen gesunden Hand , dort soll er mit dem Buben bleiben . Ich bleibe da . Sein Weib will ich nimmer sein . » Hätt ich gewußt , was heiraten heißt , wär ich es nie worden . Und jetzt erst nach dir ! « » Recht hast du - du bist so gut ! - Darf ich ihm sagen , daß du - « , flehte das Mädchen . » Eine Stelle will ich ihm auch verschaffen bei uns im Geschäft « , betonte die Frau hochmütig und doch geschmeichelt von der Wichtigkeit , die jetzt jedes Wort von ihr hatte . » Ich - dann - « , die Hanne unterbrach sich ängstlich und bat dringend , » darf ich ihm das sagen ? « » Er soll kommen ... « » Ja ! - Noch eins . - Ich bitte dich - er könnt mir nicht glauben . Weißt , ich hab ihn einmal angelogen wegen dem Brief vom Gericht . « » Wirst öfter gelogen haben . Solche Weibsbilder lernen das « , warf die Frau verachtungsvoll hin . » Freilich - freilich - öfter , ja - und darum glaubt er mir nichts mehr . Hast recht . Weißt , und darum wird er sich nicht hertrauen zu dir . - Schreib auf ein Stückerl Papier : Komm , Leopold ! und deinen Namen darunter , dann wird er mir glauben . « Die Lene rückte langsam den Lehnstuhl an den kleinen Schreibtisch , setzte sich sehr vornehm nieder und kritzelte : » Ich nehme dich in meine Wohnung , du kannst kommen . Madeleine . « Hinter ihr stand das blasse Mädchen mit gefalteten Händen , sie betete und betete und dankte mit tiefster Demut , mit dem inbrünstigsten Glücksgefühle allen den Heiligen , die sie angerufen hatte , jetzt in den Stunden der bittersten Herzensnot , sie dankte der schmerzensreichen Mutter Maria und dem Jesuskindlein , weil sie dem kleinen Buben den Vater erhalten haben und die Mutter wiedergegeben ... sie dankte der Frau Magdalena Weis wie einer Heiligen , daß sie dem Leopold alles verziehen hatte . Die sonderbare Heilige wendete sich um und gab der Hanne den Brief , in dem Augenblicke wäre ihr das Mädchen mit den großen starren Augen am liebsten um den Hals gefallen , aber sie hatte nicht den Mut dazu . » So , da hast du - laß dich nimmer vor mir sehen . « » Nimmer - nimmer ! « » Und werde ein ehrliches Mädel , wenn es noch möglich ist . « » Vergelt dir Gott alles Gute , was du in der Stund getan hast « , erwiderte die Hanne , und ihre Augen leuchteten , ihr Gesicht glühte , als sie den Brief in ihr Tuch einschlug , an die Brust drückte wie einen Schatz und forteilte , ohne auch nur das köstliche weißblaue Zimmer anzusehen . Die Lene aber setzte sich jetzt ganz gewöhnlich auf den nächsten Stuhl und schluchzte , als ob ihr das Herz brechen sollte . Da war ein Riß mitten durch den lebendig gewordenen Traum , das Kind , der Mann kamen wieder , nur nebenan , nur nebenan , das weißblaue Zimmer war ihr Heim , über die Schwelle soll niemand mehr von der nichtsnutzigen Sippschaft . » Was jetzt aus dem liederlichen Mädel werden wird ? « frug sie sich nach einer Weile . » Wie häßlich sie ist - « , das junge Weib wusch sich die Augen und schaute dann lange in den Spiegel . » Da bin ich wieder , Leopold ! « rief die Hanne schon in der Türe , und das mit einer so frischen , mutigen Stimme , daß sich der Angesprochene überrascht umwendete . » Ich war nicht lange fort , gelt ? Aber ich hab doch viel ausgerichtet . « Sie hängte ihr Tuch wieder an den Türnagel , lief zu dem Bette des Kindes und redete dazwischen immer hastig und laut : » Gute Nachrichten hab ich gebracht für dich , für den Buben , für - nein , was es da für eine Hitze hat ! « Sie trocknete sich , unschlüssig , ob sie weiterreden sollte , die Stirne , holte tief Atem und sagte dann eindringlich : » Für dich die allerbesten Nachrichten , Leopold . « » Machst dir einen Spaß ? ... Bist halt doch nur ein Frauenzimmer und kannst nicht begreifen ... ah ! ... « , sagte er dann mit einer wegwerfenden Gebärde und stand auf . » Meinst ? « erwiderte sie und lächelte verstört , » willst etwas Neues von der Lene hören ? « frug sie vorsichtig . Ein jähzorniges Aufblitzen seiner Augen war die Antwort . » Ich hab sie gesehen « , sagte das Mädchen zögernd , » und ich meine , du hast die ganze Sache doch ein wenig zu scharf angepackt . « Sie stockte wieder und streckte , ohne es zu wollen , die Hände nach ihm aus , so als ob sie ihn zurückhalten müßte , aber schnell ließ sie die Arme sinken , als sie in sein starres , wie von einem Krampf verzogenes Gesicht schaute . » Red nicht mehr von ihr , ich bin fertig . « Er sagte das ganz leise und schlicht , aber die Hanne fühlte es dennoch eiskalt durch ihre Adern rinnen , so ein Ton lag in den Worten . » Jetzt wirst du aber doch recht erschrecken , aber - nachher wirst anders denken über allerhand . - Es könnt halt doch noch besser werden , als du meinst . - Bleib nur sitzen , sei nicht ungeduldig , hör mich an . « Erschöpft lehnte sich der Mann wieder in den Stuhl zurück und blickte auf den Reifen , welcher in die blankgescheuerte Tischplatte gebrannt war . Da stand , als seine Mutter noch lebte , immer der große Kaffeetopf , nur bei besonderen Festlichkeiten legte sie ein Tischtuch auf , sonst mußte ein Stück Wachsleinwand den Dienst versehen , und trotz dieses Schützers bekam der Tisch doch einen gelbbraunen Reifen , weil der Topf früher immer genau an derselben Stelle stand . - Seltsam , wie der Leopold jetzt auf den eingebrannten Ring starrte , sah er die knöcherne , runzlige Hand der alten Frau , die vor ihm da putzte und putzte - müde Finger mit kurzen , abgestoßenen Nägeln kratzten da , als müßte der Fleck hinwegzuscharren sein . Die armen , alten , fleißigen Hände , dachte er und griff danach ; aber jetzt erhob sich der Zeigefinger und drohte , wie er oft dem wilden Buben gedroht hatte , und der Mann hörte die klagenden Worte , die seine Mutter oft so warnend , so vorherrschend gesagt hatte : » Bub , Bub , dein Kopf führt dich auf keinen guten Weg ! « Anderes konnte sie seinem Eigenwillen nicht entgegensetzen . Hat sein Kopf ihn auf einen guten Weg geführt ? ... Ei , da stand er ja schon am Ende ... Der Finger warnte und drohte nun vergebens . Alt ' s Weib , du hast recht gehabt ; nicht alleweil hat dein dürrer Finger den guten Weg weisen können ... und warum hat denn dein Kind wirklich den eigenwilligen Kopf von seinem Vater und das weiche , liebereiche Herz von dir ? » Studier nicht alleweil so viel nach , Leopold . Die Lene ... « » Aber Mädel , bleibst denn dein Lebtag bei all deiner Gutheit voll Unverstand ? « unterbrach sie der Mann mit einem flehenden Blick . » Kurz und gut - mach dich gefaßt - ich - ich war bei der Lene ! « stieß die Hanne hervor und ließ ihn dabei nicht aus den Augen . » Du ! « schrie er auffahrend , » und hast ihr gesagt ? « ... Als er jedoch in das zaghafte Gesicht des Mädchens schaute , sagte er mitleidsvoll : » Ja , ja ! ... Hast dir eine schöne Freud dort geholt , gelt ? « » Vielleicht doch , Leopold , vielleicht ! - Ich hab sie gebeten , deine Frau , daß sie zu dir heimkommen soll ! « erzählte die Hanne fieberhaft , » und sie - sie hat ... « » Dich hinausgeworfen , die noble Frau , und nichts hören wollen von ihren Leuten ... dummes Ding , hast glaubt , was ich nicht zuwege bringe , kannst du ? ... Den Einfall ! « Er betrachtete sie kopfschüttelnd , bedauernd , dann setzte er lebhaft hinzu : » Was wird nun aus dir , wenn du allein bleibst ? ... Am Kraut fressen dich die da herunten , die G ' scheiten , die das Gras wachsen hören und alle so ganz gewiß wissen , daß du ein leichtfertiges Mädel bist ... Was wird bei deiner Verdrehtheit aus dir und dem Buben , wenn ... wenn ... « , brütete er und schaute sie noch immer teilnahmsvoll an . » Was aus mir wird , wenn du fortgehst , Leopold ? « sagte sie unterwürfig . » Ich werd dein Zeug da alles verkaufen und dir das Geld nachschicken . - Dann werd ich meine Frau Mutter bitten , daß sie mich wieder heimnimmt - tut sie es nicht , so , so schau ich mich um eine zweite Ledige um und mach , daß wir so alle zwei die Stuben b ' halten können - für zwei kommt ' s billiger ... Fleißig sein muß ich halt , und nach und nach , wenn die Nachbarn erfahrn , daß du wieder ein glücklicher Mensch bist , werden sie auch mich in Ruh lassen . - So mein ich , werd ich halt langsam alt werden und recht froh sein , daß du und der Bub am rechten Ort seid ' s und daß du zufrieden bist . « » Was heißt denn das alles ? « frug der Leopold erstaunt , soviel hatte er das Mädchen noch nie reden gehört . » Das ist ja schon helle Narrheit ! Was redst du immer nur von mir ? « » Erschreck nicht , Freud kann auch schaden , hat deine Frau Mutter allerweil g ' sagt . « » Na , ihr hat sie nicht geschadet ... sie hat nie zuviel gehabt ... und mir ! ... Mach ' s kurz , was steckt dahinter ? « drängte er unruhig . Jetzt aber wurde sie plötzlich leichenfahl , das verstörte , fremdartige Lächeln war wieder da , und ohne daß sie es wußte , ging sie ein paar Schritte rücklings von ihm hinweg , ließ den Kopf sinken , daß ihr Kinn bis auf die Brust fiel , und fingerte mit der rechten Hand in der Tasche . » Da hast - siehst - sie ist besser - viel besser , als du g ' meint hast ! « - Jetzt hielt sie ihm aus der Ferne einen Brief hin , und als er danach langte und ihn packte , da zitterte sie , daß ihre Zähne zusammenschlugen , sie schlang die Finger ineinander und rührte sich nicht von dem Flecke , an dem sie stand . Der Leopold zerfetzte den Umschlag mit seinen Zähnen , und als er das Blatt herausgeschält hatte , breitete er es unter die Lampe , legte sich zur Hälfte über den Tisch und las mit verschwimmenden Augen . » Oh ! ... oh ! ... oh ! ... « Er legte seine Wange auf den Brief , denn sein Arm konnte das raschelnde Blatt nicht mehr halten , und an den Knien bogen sich seine Beine verdächtig . So lehnte er schweratmend minutenlang , und nur zuweilen drang der wonnewimmernde Laut , dieses Aufstöhnen , als ob allgemach Last um Last von ihm genommen würde , aus seiner Kehle ... Ach , von tiefer her stieg es auf , aus einer glückseligen Betäubung rang es sich heraus , aus dem dumpfen Lustgefühl der jähen Ausgespanntheit , aus dem gedankenlosen Genuß des Lebendigwerdens , des Gerettetseins kam der kurze weh nachklingende Jubelruf : » Oh ! ... oh ! ... oh ! ... « Das erfaßte sie nicht . Für sie war es ein Jammerruf , sie stand dort und horchte wie mit gebundenen Händen und Füßen . Warum seufzt und jammert er , anstatt zu lachen und zu springen - was soll ich jetzt noch tun ? fragte sie sich geängstigt , und sie fürchtete sich , daß ihn vielleicht seine Krankheit wieder angepackt hat , seine Schwäche . » Lepold ! « Er rührte sich , richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen . » Komm her , du ! ... du ! - - - Meiner Seel , Mädel ! ... Du brauchst nur zwei weiße Flügel noch ... « Er legte seinen Arm um ihren Nacken , drückte sie fest an seine Brust und küßte sie genau auf den blankweißen Strich , der ihre dunklen Haare teilte , dann ließ er sie los und lief in der Stube auf und nieder . » Jetzt erzähl mir ... erzähl mir alles ! « sagte er nach einer Weile . Und sie erzählte den ganzen Hergang . Hatte sie so viel vergessen in dem Stundenraum ? Hatte sie so wenig gehört , gedacht , empfunden ? - Das Bild , welches sie dem Manne darstellte , war dasselbe und doch ein anderes ; alle scharfen Töne , alle grellen Farben fehlten , ihr eigenes , weißes , gepeinigtes Gesicht war verwischt und verschwommen , und das der Lene trat leuchtend , schön und gütig hervor . - Nur Mitleid , Gekränktheit , Irrtum schien zwischen Mann und Frau gelegen zu sein , und jetzt , so sagte die Hanne , » hat sie halt in ihrer strengen Art verziehen « . In solchem Lichte sah der Leopold nun die Lene und die Zukunft , er horchte , nickte und lächelte , sprang auf , klopfte der Hanne dankbar auf die Schulter und setzte sich wieder ihr gegenüber . Das Mädchen hatte sich ganz frei geredet , die Beklommenheit war fort , ihre Wangen hatten sich wieder leicht gerötet , sanft und geduldig , mit dem verklärten Ausdruck eines Wesens , das mit schwachen Kräften in der entscheidenden Stunde Schweres vollbringen konnte , saß sie da und schilderte die Lene , wie sie träumte , daß sie sein sollte , vielleicht noch werden würde - eigentlich aber wie sie , die Hanne , unbewußt es selbst war . » In aller Früh morgen pack ich meinen Buben auf und geh zu ihr , gelt ? Damit ich sie noch daheim finde , ehe sie in den Salon geht . « » Ja freilich « , sagte die Hanne ebenso eifrig , » ich richte dir dein ' Koffer und dem Kind « - sie schrak zusammen , blickte nach dem Kleinen , richtete sich aber wieder auf und plauderte weiter , » dem Polderl seine Sach auch dazu , und das soll euch der Hausmeister nachbringen - dann wissen wenigstens gleich alle Leut im Haus , daß du wieder bei deinem Weibe bist . « » Das ist ein gescheiter Gedanke « , meinte der Leopold beistimmend . » Und eure Einrichtung , die ... « » Die behaltest du und wirtschaftest weiter bis ... « , unterbrach sie der Mann . » Ah , beileib nicht ! Was dir einfallt ? Den Tisch da und dein kleines Kasterl , wo du als Bub deine Schulsachen drinnen gehabt hast und später deinen Soldatenrock und die Medaille , den schenk mir , der Kasten ist gar so ein liebes Ding , deine Frau Mutter hat mir erzählt , daß du als Bub ... « » Sonst willst du gar nichts ? « redete der Mann kleinlaut in ihr hastiges Geplauder . » Gar nichts . Oder wenn du willst , so verkauf mir alles , mir ist ' s ein liebes Andenken an deine alten Leut « , flüsterte sie zaghaft . - » Denn in dein neues Zimmer brauchst nichts , deine Frau hat alles viel schöner . « » Hast recht , es wäre doch schad um das alte Gerümpel da ... Aber man lernt leichter vergessen , wenn man nichts mehr sieht von dem alten . « » Ja « , seufzte die Hanne leise und begann , Wäsche und Kleider aus den Kasten zu räumen und in Stöße auf die Stühle zu ordnen . Dann machte sie sich auf , richtete dem Leopold das Abendbrot zurecht , sie hätte fast darauf vergessen , und holte , obgleich das Haustor schon geschlossen war , noch einen Schluck aus dem Wirtshaus für den Mann . Als sie mit der gefüllten Flasche zurückkam , frug der Hausmeister : » Na , ist heut Kirchtag bei euch , Hannerl ? « » Das nicht , aber - Abschied . Morgen müßt Ihr so gut sein und dem Lepold sein Koffer und Kisten zu der Lene führen , er geht wieder zu seinem Weibe « , erwiderte die Hanne ernsthaft . » Was du nicht sagst ! Und sie nimmt ihn ? « fragte er zweifelnd . » Sie hat ihm ja selber geschrieben , daß er kommen soll . « » So ? - Und das Kind nimmt er mit ? Und dich ? « schrie der Mann und lachte roh . » Das Kind nimmt er mit , und ich bleib da , wo ich war « , sagte sie einfach und ließ den Hausmeister mit offenem Munde stehen . Der Leopold aß und trank und half der Hanne die Bündel zurechtrichten , er durchstöberte alle Winkel , nahm jedes Stücklein , welches seinem Weibe gehörte , liebkosend in die Hand , sprach fort und fort