habe , so erschrak er fast , weil er fühlte , wie schwer es sein würde , den rechten Ton dafür zu finden . Und doch war dieser Ton noch wichtiger als der Inhalt , da Christine zwischen den Zeilen zu lesen verstand . Er überlegte noch , als es klopfte . » Herein . « Und Frau Kapitän Hansen trat ein , diesmal nicht die Mutter , sondern Brigitte , die Tochter . Er hatte sie seit dem Abend seiner Ankunft kaum wiedergesehen , aber ihr Bild war er nicht losgeworden , selbst nicht in den Gesprächen mit Ebba . Brigittens Erscheinung in diesem Augenblicke verriet eine gewisse herabgestimmte Grandezza , darin das auf Hochgefühl Gestellte dem Gefühl ihrer Macht und Schönheit , das Herabgestimmte der Einsicht ihrer bescheidenen Lebensstellung entstammte , bescheiden wenigstens , solange der Graf der Mieter ihres Hauses war . Ohne mehr als einen kurzen Morgengruß zu bieten , schritt sie gerade und aufrecht und beinahe statuarisch bis an den Tisch heran und begann hier das Frühstücksservice zusammenzuschieben , während sie das mitgebrachte große Tablett , die Brust damit bedeckend , noch immer in ihrer Linken hielt . Holk seinerseits hatte sich inzwischen von seinem Fensterplatz erhoben und ging ihr entgegen , um ihr freundlich die Hand zu reichen . » Seien Sie mir willkommen , liebe Frau Hansen , und wenn Ihre Zeit es zuläßt ... « , und dabei wies er mit verbindlicher Handbewegung auf einen Stuhl , während er selbst an seinen Fensterplatz zurückkehrte . Die junge Frau blieb aber , das japanische Tablett nach wie vor schildartig vorhaltend , an ihrer Stelle stehen und sah ruhig und ohne jeden Ausdruck von Verlegenheit nach dem Grafen hinüber , von dem sie sichtlich ein weiteres Wort erwartete . Diesem konnte nicht entgehen , wie berechnet alles in ihrer Haltung war , vor allem auch in ihrer Kleidung . Sie trug dasselbe Hauskostüm , das sie schon am ersten Abend getragen hatte , weit und bequem , nicht Manschetten , nicht Halskragen , aber nur deshalb nicht , weil all dergleichen die Wirkung ihrer selbst nur gemindert hätte . Denn gerade ihr Hals war von besonderer Schönheit und hatte , sozusagen , einen Teint für sich . Dieselbe Berechnung zeigte sich in all und jedem . Ihre weite Schoßjacke mit losem Gürtel von gleichem Stoff schien ohne Schnitt und Form , aber auch nur , um ihre eigenen Formen desto deutlicher zu zeigen . In ihrer Gesamterscheinung war sie das Bild einer schönen Holländerin , und unwillkürlich sah Holk nach ihren Schläfen , ob er nicht die herkömmlichen Goldplatten daran entdecke . » Sie ziehen vor « , nahm er , als sie seinem Blick unausgesetzt begegnete , wieder das Wort , » Sie ziehen vor , sich nicht zu setzen und in ganzer Figur zu bleiben , und Sie wissen sehr wohl , meine schöne Frau Brigitte , was Sie dabei tun . Wirklich , wenn ich bei Gelegenheit der Reise von Shanghai nach Bangkok - von der mir Ihre Frau Mutter gestern erzählte - der Kaiser von Siam gewesen wäre , so wäre das mit dem Thronsessel vor dem Palast alles sehr anders angeordnet worden , und Sie hätten , statt zu sitzen , was nie kleidet , neben dem Thronsessel gestanden und nur Ihren Arm auf die weiße Elfenbeinlehne gelehnt . Und da hätte sich ' s dann zeigen müssen , wer Sieger bliebe , das Elfenbein oder der Arm der schönen Frau Hansen . « » Ach « , sagte Brigitte mit gut aufgesetzter Verlegenheit , » die Mutter spricht immer davon , als ob es etwas Besonderes gewesen wäre . Und es war doch bloß Spielerei . « » Ja , Spielerei , Frau Brigitte , weil es in Siam war . Aber wir sind nicht immer in Siam . Und nur das haben wir in unserem guten Kopenhagen auch , daß wir ein Auge haben für die Schönheit . Und wer es am meisten und in seiner hoben Stellung auch wohl am eindringlichsten hat ... Aber es ist nicht nötig , Namen zu nennen , liebe Frau Kapitän Hansen , und ich bewundere nur Ihren teueren Gatten , von dem ich soviel Rühmliches gehört habe ... « » Von Hansen . Ja . Nun , der kennt seine Brigitte « , sagte sie , während sie das Auge schamhaft niederschlug . » Er kennt Sie , liebe Frau Hansen , und weiß , welches unbedingte Vertrauen er Ihnen entgegenbringen darf . Und ich möchte sagen , ich weiß es auch . Denn wenn Schönheit einerseits eine Gefahr ist , so ist sie doch kaum weniger auch ein Schild « , und dabei glitt sein Auge nach dem Tablett hinüber . » Es genügt ein Blick auf Ihre weiße Stirn , um zu wissen , daß Sie den Schwächen Ihres Geschlechts nicht unterworfen sind ... « Frau Brigitte schwankte , wie sie sich zu diesen Auslassungen stellen solle ; plötzlich aber wahrnehmend , daß Holks Auge leise hin und her zwinkerte , war es ihr klar , daß Pentz oder Erichsen oder vielleicht auch beide gesprochen haben müßten , und so ließ sie denn die Komödie der Würdigkeit fallen und begegnete seinem Lächeln mit einem Lächeln des Einverständnisses , während sie , wie gleich am ersten Abend , den linken Ellbogen , so daß der weite Ärmel zurückfiel , auf den hohen Kaminsims stützte . Das wäre nun sicher der geeignete Moment gewesen , dem Gespräch eine Wendung zur Intimität zu geben ; Holk zog es aber vor , wenn auch scherzhaft und ironisch , sich vorläufig noch auf den Sittenvormund hin aufzuspielen , und sagte : » Ja , liebe Frau Hansen , daß ich es noch einmal sage , nicht unterworfen den Schwächen Ihres Geschlechts . Dabei bleibt es . Und doch möcht ich die Stimme des Warners erheben dürfen . Es ist , wie ich mir schon anzudeuten erlaubte , immer gefährlich , in einer Stadt zu leben , wo die Könige den ausgesprochenen Sinn für die Schönheit haben . Der Liebe dieser Mächtigen der Erde läßt sich vielleicht widerstehen , aber nicht ihrer Macht ... Und was die Gräfin Danner angeht , mit der vorläufig freilich noch zu rechnen ist , nun , sie wird doch am Ende nicht ewig leben ... « » O doch . « » Nun , so stirbt vielleicht die Neigung ihres königlichen Anbeters ... « » Auch das nicht , Herr Graf . Denn die Danner hat einen Zauber , und man hört darüber so dies und das . « » Kann man es nicht erfahren ? « » Nein . Meine Mutter sagt zwar immer : Höre , Brigitte , du sagst auch alles ; aber das mit der Danner , das ist doch zuviel . « » Nun , dann werd ich Baron Pentz fragen . « » Ja , der kann es sagen , der weiß es ... Einige sagen , sie habe den Schönheitsapfel , ich meine die Danner ; aber das ist nicht der große Zauber , den sie hat , das ist höchstens der kleine ... « » Glaub ich unbedingt . Und überhaupt , offen gestanden , ich weiß nicht , was immer der Apfel soll . Er ist mir immer halb unverständlich erschienen . Unter Kirschen kann ich mir etwas denken , aber Apfel ... « » Ich weiß doch nicht , Herr Graf « , sagte Brigitte , während sie die Schoßjacke glatt zog , um ihrer Figur die rechte Linie zu gehen . » Ich weiß doch nicht , ob Sie darin recht haben ... « Und einmal angelangt auf dieser abschüssigen Ebene , schien sie durchaus geneigt , das Thema weiter fortzuführen . Aber ehe sie dazu kommen konnte , hörte sie , von der Treppe her , den halblauten Ruf : » Brigitte « . » Das ist die Mutter « , sagte sie verdrossen und stellte das Geschirr auf das Tablett . Dann aber , sich würdevoll verneigend , als ob Staats- und Kirchenfragen zwischen ihnen verhandelt worden wären , verließ sie das Zimmer . Holk , als Brigitte die Tür ins Schloß gedrückt hatte , schritt auf und ab , sehr verschiedenen Gefühlen hingegeben . Er war nicht unempfindlich gegen die Schönheit und Koketterie dieser berückenden Person , die wie geschaffen schien , allerlei Verwirrungen anzurichten ; aber daß sie den Willen dazu so deutlich zeigte , das minderte doch auch wieder die Gefahr . Allerlei Widersprechendes bekämpfte sich in ihm , bis endlich seine gute Natur den Sieg gewann und ihm die Kraft gab , das während dieser Tage Erlebte mit einem gewissen darüberstehenden Humor zu betrachten . Und damit war denn auch die Stimmung gewonnen , nach Holkenäs hin zu schreiben und seinen ersten Zeilen , in denen er nur seine Ankunft angezeigt hatte , einen längeren Brief folgen zu lassen . Einen Augenblick erschrak er freilich wieder vor der Menge dessen , was zu berichten war , denn unter dem , was ihm fehlte , war auch die Briefschreibepassion . Endlich aber nahm er seinen Platz an dem Zylinderbureau , schob die Bogen zurecht und schrieb . » Kopenhagen , 3. Oktober 1859 Dronningens Tvergade 4 Meine liebe Christine . Die wenigen Zeilen , in denen ich Dir meine glückliche Ankunft meldete , wirst Du erhalten haben ; es ist Zeit , daß ich nun ein weiteres Lebenszeichen gebe , und wie ich glücklicherweise gleich hinzusetzen darf , ein Zeichen meines Wohlergehens . Laß mich mit dem Nächstliegenden , mit meiner Wohnung bei der Witwe Hansen , beginnen . Es ist alles , wie ' s früher war , nur eleganter , so daß man deutlich sieht , wie sich ihre Verhältnisse gehoben haben . Vielleicht ist alles dem Umstande zuzuschreiben , daß sie jetzt mit ihrer Tochter , ebenfalls einer Frau Kapitän Hansen ( die früher ihren Mann auf seinen Chinafahrten begleitete ) , zusammenwohnt . Es stehen dadurch wohl größere Mittel zur Verfügung . Frau Kapitän Hansen ist eine schöne Frau , so schön , daß sie dem Kaiser von Siam vorgestellt wurde , bei welcher Gelegenheit sie zugleich der Gegenstand einer siamesischen Hofovation wurde . Sie hat eine statuarische Ruhe , rotblondes Haar ( etwas wenig , aber sehr geschickt arrangiert ) und natürlich den Teint , der solch rotblondes Haar zu begleiten pflegt . Ich würde sie Rubensch nennen , wenn nicht alles Rubensche doch aus gröberem Stoffe geschaffen wäre . Doch lassen wir Frau Kapitän Hansen . Du wirst lachen , und darfst es auch , über das Interesse , das aus dem Vergleich mit Rubens zu sprechen scheint . Und Rubens noch übertroffen ! Ich war gleich am ersten Abend bei Vincents auf dem Kongens Nytorv , wohin ich durch Pentz und Erichsen abgeholt wurde . Viele Bekannte gesehen - auch de Meza , der von Jütland herübergekommen war - , aber niemanden gesprochen , was in einer großen politischen Aufregung , die ich hier vorgefunden , seinen Grund hat . Hall soll gestürzt und Rottwig an seine Stelle gesetzt werden . Natürlich nur Übergangsministerium , wenn es überhaupt glückt , was auch noch die Frage . Lies die Berichte , die Dagbladet bringt , sie sind ausführlicher und minder parteiisch als die von Flyveposten . Am andern Vormittage war ich bei der Prinzessin , um mich ihr vorzustellen . Ihr Benehmen gegen mich genau dasselbe wie früher ; sie kennt meinen abweichenden politischen Standpunkt , aber sie verzeiht es mir , daß ich mehr für das alte Dänemark bin als für das neue . Meiner Loyalität ist sie sicher und meiner Anhänglichkeit an ihre Person doppelt und dreifach . Das läßt sie vieles übersehen , wenigstens solange der König lebt und von einer ernsten politischen Krise keine Rede sein kann . So sind wir in der angenehmen Lage , auf einem völligen Friedensfuße miteinander verkehren zu können . In der Umgebung der Prinzessin hat sich nichts geändert , fast zuwenig . Alles ist bequem und behaglich , aber doch zugleich auch ergraut und verstaubt ; die Prinzessin hat kein Auge dafür , und Pentz , der vielleicht Wandel schaffen könnte , hält es für klug , die Dinge ruhig weitergehen zu lassen . Die Schimmelmann ist nach wie vor würdig und wohlwollend , an Charakter ein Schatz , aber ein wenig bedrückend . An Stelle der Gräfin Frijs , die , während der letzten zehn Jahre , der Liebling der Prinzessin war , ist ein Fräulein von Rosenberg getreten . Ihre Mutter war eine Wrangel . Diese Rosenbergs stammen aus dem westpreußischen Städtchen Filehne , wurden erst unter Gustav III. baronisiert und haben keine Verwandtschaft weder mit den böhmischen noch mit den schlesischen Rosenbergs . Das Fräulein selbst - nur immer der älteste Sohn führt den Baronstitel - ist klug und espritvoll und beherrscht die Prinzessin , soweit sich Prinzessinnen beherrschen lassen . Unzweifelhaft , und dafür haben wir ihr alle zu danken , hat sie dem kleinen Nebenhof im Prinzessinnen-Palais den Charakter der Langenweile genommen , der früher der vorherrschende war . Ich konnte mich gestern , wo ich Dienst hatte , von diesem Wandel der Dinge überzeugen , mehr noch vorgestern , wo wir eine Wagenpartie nach Klampenborg und der Eremitage machten . Es war ein wundervoller Tag , und als bei Sonnenuntergang an die zweitausend Hirsche geschwaderweise bei uns vorbeidefilierten - ein Schauspiel , von dem ich oft gehört , aber das ich nie gesehen habe - , schlug mir das Herz vor Entzücken , und ich wünschte Dich und die Kinder herbei , um Zeuge davon sein zu können . Es verlangt mich übrigens lebhaft , von Euch zu hören . Was hast Du hinsichtlich der Pensionen beschlossen ? Ich habe Dir gern und voll Vertrauen freie Hand gelassen , aber ich hoffe , Du wirst nichts übereilen . Das Hinaussenden der Kinder in die Welt hat seine Vorzüge , das soll unbestritten bleiben , aber das Beste bleibt doch das , was die Familie bietet , das elterliche Haus . Und wenn eine Hand wie die Deine das Haus bestellt , so verdoppelt sich nur die Wahrheit dieses Satzes . Grüße die Dobschütz und Alfred , wenn er von Arnewiek herüberkommt , was hoffentlich recht oft geschieht ; denn ich weiß , Du liebst ihn , und ebenso weiß ich , wie sehr er diese Liebe verdient . Wenn Asta bei Petersens vorspricht , laß sie dem Alten meine Grüße bringen und ihm wie der Enkelin alles mögliche Freundliche sagen . Strehlke soll Axel nicht mit Mathematik und Algebra quälen , aber den Charakter soll er bilden . Leider hat er selber keinen , ein so guter Kerl er im übrigen ist . Freilich , wer hat Charakter ? Es ist nicht jedem so gut geworden wie Dir , Du hast das , was den meisten fehlt ; aber wenn mich nicht alles täuscht , erfüllt Dich selber mitunter der leise Wunsch , etwas weniger von dem zu haben , was Dich auszeichnet . Irr ich darin ? Laß bald von Dir und den Kindern hören und , wenn es sein kann , Erfreuliches . Dein Helmuth H. « Und nun legte er die Feder aus der Hand und überflog das Geschriebene noch einmal . Einiges mit Zufriedenheit . Als er aber gegen das Ende hin die Worte las : » das Beste bleibt doch immer das elterliche Haus « ... und dann : » wenn eine Hand wie die Deine dies Haus bestellt « ... , da überkam ihn eine leise Rührung , von der er sich kaum Ursach und Rechenschaft zu gehen vermochte . Hätt er es gekonnt , so hätt er gewußt , daß ihn sein guter Engel warne . Sechzehntes Kapitel Holk gab den Brief selbst zur Post , dann ging er zu Pentz , der ihn in seine Wohnung zum Frühstück geladen hatte . Von den Ministern war niemand da , auch Hall nicht , trotzdem er zugesagt hatte , wohl aber Reichstagsmitglieder und Militärs : General Bülow , Oberst du Plat , Oberstlieutenant Tersling , Kapitän Lundbye , selbstverständlich Worsaae , der als Esprit fort und Anekdotenerzähler nicht fehlen durfte . Tersling hatte seinen guten Tag , Worsaae auch , was bei den Schraubereien , in denen man sich gefiel , am besten zutage trat ; aber so vergnüglich diese Kämpfe waren , so sah sich doch gerade Holk nur mäßig dadurch unterhalten , teils weil ihm , als einem Nicht-Kopenhagener , manches von den Pointen entging , teils weil er Fragen auf dem Herzen hatte , die zu stellen sich bei dem beständigen Wortgefecht der beiden humoristischen Gegner keine rechte Gelegenheit für ihn bieten wollte . Denn Pentz war ganz Ohr und hörte nur auf die gegenseitigen Sticheleien . Das Frühstück , wie jedes gute Frühstück , dauerte bis Abend . Als es beendet war , gingen etliche von den Jüngeren noch nach Tivoli hinaus , um einem letzten Operettenakt beizuwohnen ; Holk aber , an großstädtisches Leben nicht gewöhnt und immer beflissen , sich in beinah philiströser Weise bei guter Gesundheit zu halten , begleitete Bülow und du Plat bis an das Kriegsministerium und ging dann auf seine Wohnung zu . Die ältere Frau Hansen empfing ihn aufmerksam und artig wie immer , fragte nach seinen Befehlen und brachte den Tee . Das Gespräch , das sie dabei führte , war nur kurz , und alles , was sie sagte , lag heute nach der gefühlvollen Seite hin : ihrer Tochter Brigitte sei nicht recht wohl , und wenn sie dann bedenke , daß die arme junge Frau , denn sie sei doch eigentlich noch jung und der Mann schon im siebenten Monat fort und käm auch noch lange nicht wieder zurück , ja , wenn sie das alles so bedenke , und daß Brigitte doch ernstlich krank werden und aus dieser Zeitlichkeit scheiden könne , da wolle sie doch lieber gleich selber sterben . » Und was ist es denn auch am Ende ? Wenn man fünfzig ist und Witwe dazu , ja , Herr Graf « ( und sie trocknete sich eine Träne ) , » was hat man da noch vom Leben ? Je früher es kommt , desto besser . Armut ist nicht das schlimmste , schlimmer ist Einsamkeit , immer einsam und ohne Liebe ... « Holk , den diese Sentimentalität amüsierte , bestätigte selbstverständlich alles . » Jawohl , liebe Frau Hansen , es ist ganz so , wie Sie sagen . Aber Sie dürfen es nicht so schwernehmen . Ein bißchen Liebe findet sich immer noch . « Sie sah ihn von der Seite her an und freute sich seines Verständnisses . Am anderen Tage war Holk wieder in Dienst , was am Hofe der Prinzessin nicht viel besagen wollte . Die fast Siebzigjährige , die - darin noch ganz das Kind des vorigen Jahrhunderts - immer spät zur Ruhe ging und noch später aufstand , erschien nie vor Mittag in ihren Empfangsräumen ; die Kammerherren vom Dienst hatten also bis dahin nichts anderes zu tun , als im Vorzimmer zu warten . Da wurden denn Zeitungen gelesen , auch wohl Briefe geschrieben , und wenn , lange vor Sichtbarwerden der Prinzessin , der Kammerdiener ein gut arrangiertes Frühstück brachte , so rückte Pentz in die tiefe , mit einem kleinen Diwan in Hufeisenform halb ausgefüllte Fensternische , wo sich dann Holk oder Erichsen ihm gesellte . So war es auch heute , und als man von dem Sherry genippt und Pentz ein sehr anerkennendes Wort über die Sardinen geäußert hatte , sagte Holk : » Ja , vorzüglich . Und doch , lieber Pentz , ich möchte heute , wenn es geht , etwas anderes von Ihnen hören als Kulinarisches oder Frühstückliches . Ich hatte mir schon gestern ein paar Fragen an Sie vorgenommen , aber die beiden Kampfhähne nahmen Sie ja ganz in Anspruch . Worsaae war übrigens wirklich sehr amüsant . Und dann mußt ich mir auch sagen , wer so glänzender Wirt ist wie Sie , der ist eben Wirt und nichts weiter und hat nicht Zeit zu Privatgesprächen in einer verschwiegenen Ecke . « » Sehr liebenswürdig , lieber Holk . Ich habe mich nicht recht um Sie gekümmert , und anstatt mir einen Vorwurf daraus zu machen , machen Sie mir Elogen über meine Wirklichkeit . Übrigens muß ich Ihnen bekennen , wenn ich gestern um ein Privatgespräch mit Ihnen , und noch dazu , wenn ich recht gehört , um ein Privatgespräch in einer verschwiegenen Ecke gekommen bin , so verwünsche ich alle Repräsentationstugenden , die Sie mir gütigst zudiktieren . In einer verschwiegenen Ecke - da darf man etwas erwarten , was jenseits des Gewöhnlichen liegt . « » Ich bin darüber doch selbst im Zweifel . Auf den ersten Blick ist es jedenfalls was sehr Gewöhnliches und betrifft ein Thema , das schon gleich am ersten Abend zwischen uns verhandelt wurde . Hab ich dann aber wieder gegenwärtig , wie sich alles in der Sache so mysteriös verschleiert , so hört es doch auch wieder auf , was Alltägliches und Triviales zu sein . Kurzum , ich weiß selber nicht recht , wie ' s steht , ausgenommen , daß ich neugierig bin , und nun sagen Sie mir , was ist es mit den zwei Frauen , Mutter und Tochter ? « Pentz verstand entweder wirklich nicht oder gab sich doch das Ansehen davon , weshalb Holk fortfuhr : » Ich meine natürlich die beiden Hansens . Eigentlich , auch ganz abgesehen von dem , was Sie mir schon erzählt haben , sollt ich darüber so gut unterrichtet sein wie Sie selbst ; denn beide Frauen sind schleswigsches Gewächs , ich glaub aus Husum gebürtig und dann später in Glücksburg , und bei der Mutter , wie Sie ja wissen , hab ich auch schon gewohnt , als ich das letzte Mal hier war und meinen Dienst tat . Aber ich muß damals schlecht beobachtet haben , oder die Tochter , die jetzt da ist , hat dem Hausstand ein anderes Wesen gegeben . Soviel bleibt , ich schwanke nach wie vor hin und her , was ich eigentlich daraus machen soll . Manchmal glaub ich in meiner Annahme raffiniertester Komödianterei ganz sicher zu sein ; dann aber seh ich wieder hohe Mienen , vollkommene Airs , und wenn ich auch sehr wohl weiß , daß man hohe Mienen aufsetzen kann , so bringen sie mich doch immer wieder ins Unsichere . Da gibt es beispielsweise eine wundervolle Geschichte von dem Kaiser von Siam , mit märchenhaften Huldigungen und Geschenken und sogar einer prachtvollen Perlenschnur . Ist das nun Wahrheit oder Lüge ? Vielleicht ist es Größenwahn . Die Tochter ist sicherlich eine sehr schöne Person , und wer um seiner Schönheit willen , wie ich nicht zweifle , gelegentlich große Triumphe feiert und dann doch auch wieder stillsitzen und brüten und abwarten muß , der spinnt sich in seiner Einsamkeit seine Triumphe leicht weiter aus , und da haben wir denn einen Kaiser von Siam mit Perlenschnur und Elefanten , wir wissen nicht wie . « Pentz lächelte vor sich hin , aber schwieg weiter , weil er wohl sah , daß Holk , mit dem , was er sagen wollte , noch nicht voll am Ende war . Dieser fuhr denn auch weiter fort : » So kann denn alles Halluzination sein , Ausgeburt einer erhitzten Phantasie . Wenn ich dann aber an das Augenaufleuchten und Kichern , was beides gelegentlich vorkommt , und zugleich an die Worte denke , die Sie gleich den ersten Abend bei Vincent gegen mich äußerten , Bemerkungen , in denen so was von Sicherheitsbehörde vorkam , so kommt mir , ehrlich gestanden , ein leiser Märchengrusel . Und wenn es bloß Märchengrusel wäre , nein , eine richtige Angst und Sorge . Denn , lieber Pentz , was heißt Sicherheitsbehörde ? Sicherheitsbehörde heißt doch einfach Polizei , deren geschickteste und dienstbeflissenste Mitglieder mitunter Mitglieder einer unsichtbaren politischen Loge sind . Und das macht mir einigermaßen Herzensbeklemmungen . Ist da wirklich was von Beziehungen zwischen einem Sicherheitsassessor und der Tochter oder gar zwischen dem Polizeichef selbst und der Mutter - denn auch das kommt vor , und Polizeichefs sind unberechenbar in ihrem Geschmack - , so bin ich da bei dieser Hansensippe nicht viel anders untergebracht als in einer Spelunke . Daß Goldleisten und türkische Teppiche da sind und Mutter und Tochter einen Tee zubereiten , der , weit über Siam hinaus , direkt aus dem himmlischen Reich kommen könnte , kann mich für die Dauer nicht trösten . Es schien mir auch , als ob die Prinzessin , wie sie den Namen der Frau Hansen hörte , nicht gerade erbaulich dreinblickte . Kurzum , was ist es damit ? Und nun heraus mit der Sprache . « Pentz , mit seinem Sherryglase leise anklingend , lachte herzlich und sagte dann : » Ich will Ihnen was sagen , Holk , Sie sind bis über die Ohren in diese schöne Person verliebt , und weil Sie sich vor ihr fürchten oder , was dasselbe ist , sich persönlich nicht recht trauen , so wünschen Sie , daß ich Ihnen eine furchtbare Geschichte zum besten gebe , die Sie jederzeit als Sicherheitsvademekum aus der Tasche holen und wie einen Schirm zwischen sich und der schönen Frau Hansen aufrichten können . Mit solch furchtbarer Geschichte kann ich Ihnen aber beim besten Willen nicht dienen . Und bedenken Sie , wie würd ich es , als Sie vor zwei Jahren das erste Mal , auf meine Empfehlung hin , bei der Frau Hansen Wohnung nahmen , wie würd ich es gewagt haben , Sie , den Grafen Holk und Kammerherrn unserer Prinzessin , in einer Chambre garnie unterzubringen , für die Sie , frisch , fromm und frei , das Wort Spelunke dem Sprachschatz deutscher Nation entnommen haben ... « » Sie dürfen nicht empfindlich werden , Pentz . Um so weniger , als Sie mit Ihren Anspielungen eigentlich schuld an meinem Argwohn sind . Warum sprachen Sie von Sicherheitsbehörde ? « » Weil es sich so verhält . Warum soll ich nicht von Sicherheitsbehörde sprechen ? Warum soll ein Mitglied dieser Behörde die schöne Frau Brigitte nicht ebenso schön finden , wie Sie sie finden ? Er ist vielleicht ein Vetter von ihr oder auch von der Alten , der ich beiläufig noch weniger traue als der Jüngeren ... « Holk nickte zustimmend . » Im übrigen dürfen Sie sich über dies und vieles andere nicht den Kopf zerbrechen . Das ist so Kopenhagensch , das war hier immer so ; schon vor dreihundert Jahren hatten wir die Düveke-Geschichte , Mutter und Tochter , und ob nun Hansen oder Düveke , macht keinen rechten Unterschied . Beiläufig , daß Düveke nicht Name , sondern bloß Epitheton ornans war , werden Sie wissen . Und war klug genug gewählt . Täubchen , Täubchen von Amsterdam - kann man sich etwas Unschuldigeres denken ? « Holk konnte nur bestätigen ; Pentz aber , der nicht bloß ein lebendiges Nachschlagebuch für die hauptstädtische Chronique scandaleuse , sondern ganz besonders auch für die Liebesgeschichten alter und neuer Könige war , war nicht unfroh , ein Thema , das er ausgiebig beherrschte , weiter ausspinnen zu können . » Es ist was ganz Eigenes mit dieser Düveke-Geschichte . Sie wissen , daß sie durch rote Kirschen vergiftet sein soll . Aber so oder so , die Geschichte war schon so gut wie halb vergessen , und man zerbrach sich nicht sonderlich den Kopf mehr über die Düveke , hielt es vielmehr mit anderen , nicht ganz so weit abliegenden Vorbildern , als mit einem Male unsere gute Putzmacherin Rasmussen in eine dänische Gräfin umgebacken wurde . Und wollen Sie mir ' s glauben , Holk , von dem Tage an ist all das alte Zeug wieder lebendig geworden , und alles , was in Dänemark ein paar rote Backen hat oder gar so hübsch ist wie diese Frau Brigitte mit dem ewig müden Augenaufschlag , das will nun wieder Düveke werden und sich adeln lassen und eine Strandvilla haben und legt die Hände in den Schoß und putzt sich und wartet . Und dabei denken alle , wenn nicht der König kommt , unser allergnädigster Matrosenkönig Friedrich der Siebente - denn soviel sehen sie wohl , die Danner weiß ihn zu halten und muß einen Charme haben , den der Rest der Menschheit noch nicht entdecken konnte - , wenn , sag ich , der König nicht kommt , so kommt ein anderer , so kommt Holk oder Pentz , wobei Sie mir verzeihen müssen , daß ich mich so ohne weiteres an Ihre Seite dränge . Nein , Holk , nichts von Spelunke . Diese schöne Capitana , deren Mann ich übrigens nicht beneide , beiläufig soll er immer unter Rum stehen , ist nicht schlimmer als andere , nur ein bißchen gefährlicher ist sie , weil sie schöner ist , mit ihrem Rotblond und der Welljacke , die nirgends schließt . Ihrer Ritterlichkeit , lieber Holk , brauch ich es übrigens nicht erst anzuempfehlen , daß Sie darauf verzichten , diese Ärmste ... « » Spotten Sie nur , Pentz . Aber Sie gehen durchaus in die Irre und vergessen , daß ich fünfundvierzig bin . « » Und ich , lieber Holk , bin fünfundsechzig . Und wenn ich danach die Berechnung mache , so kann es um Sie , beziehungsweise um die schöne Brigitte , gerade noch schlecht genug stehen . « Er wollte sichtlich in diesem Tone noch weitersprechen , aber im selben Augenblicke trat ein Kammerdiener aus den Gemächern der Prinzessin und meldete , daß Königliche Hoheit die Herren zu sprechen wünsche . Pentz und Holk traten ein . Die Prinzessin hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und war