Ach , die zählen ja nicht . Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen , die reiche Wittwe - « » Siehst Du - mit diesem Wort ist die Schranke bezeichnet , die mich von der Bewerbung abhielt : eine reiche Witwe - und ich - ganz ohne Vermögen . Lieber an unglücklicher Liebe zu Grunde gehen , als von der Welt und namentlich von der Frau , die ich anbete , dessen verdächtigt zu werden , wessen Du Deinen Bewerbertroß soeben beschuldigt hast . « » O Du Stolzer , Edler , Teurer ! Ich wäre übrigens nicht im stande , Dir einen niedrigen Gedanken zuzumuten « ... » Woher dieses Vertrauen ? Eigentlich kennst Du mich ja so wenig . « Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus . Auf diese Frage » seit wann « wir uns liebten , folgten nun die Erörterungen » warum « ? Was mich zuerst angezogen , war die Art gewesen , in welcher er vom Kriege gesprochen . Was ich im Stillen gedacht und gefühlt - glaubend , es könne kein Soldat ein Gleiches denken und am allerwenigsten äußern - das hat er mit größerer Klarheit gedacht , als ich , stärker gefühlt , - und ganz freimütig ausgesprochen . So sah ich , wie sein Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit überragten . Das war ' s , was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe bildete - daneben gab es für das aufgestellte » warum « noch unzählige » weil « . Weil er eine so hübsche , vornehme Erscheinung besaß ; - weil in seiner Stimme ein eigens sanfter und doch fester Ton vibrierte ; - weil er ein so liebender Sohn gewesen ; - weil - » Und Du ? Warum liebst Du mich ? « unterbrach ich meine Rechenschaftsablegung . » Aus tausend Gründen und aus einem . « » Laß hören . Zuerst die tausend . « » Das große Herz - der kleine Fuß - die schönen Augen - der glänzende Geist - das sanfte Lächeln - der scharfe Witz - die weiße Hand - die frauliche Würde - der wunderbare - « » Halt ein ! Das sollte so bis tausend fortgehen ? Da sag ' mir lieber den einen Grund . « » Das ist auch einfacher , denn der eine in seiner Kraft und Unwiderstehlichkeit umfaßt die anderen alle . Ich lieb ' Dich , Martha , weil - ich Dich liebe . Darum . « Vom Prater aus fuhr ich geradewegs zu meinem Vater . Die Mitteilung , die ich ihm zu machen hatte , würde zu unangenehmen Erörterungen Anlaß geben , das sah ich voraus . Doch ich wollte diese unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als möglich überstanden haben , und ihr lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glückes die Stirne bieten . Mein Vater , der ein Spätaufsteher war , saß noch bei seinem Frühstück über den Morgenblättern , als ich in sein Arbeitszimmer eindrang Tante Marie war gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschäftigt . Bei meinem etwas ungestümen Eintritt blickte mein Vater überrascht von seiner » Presse « auf , und Tante Marie legte ihr » Fremdenblatt « aus der Hand . » Martha ? So früh ? Und im Reitkleid - was bedeutet das ? « Ich umarmte die beiden und sagte dann , mich in einen Lehnsessel werfend : » Das bedeutet , daß ich von einem Ritt im Prater komme , wo etwas vorgefallen ist , das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte . Ich nahm daher nicht einmal die Zeit , nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln - « » Also gar so wichtig und eilig ? « fragte mein Vater , indem er sich eine Cigarre ansteckte . » Erzähle , wir sind gespannt . « Sollte ich weiter ausholen ? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen machen ? Nein : lieber kopfüber mich hineinstürzen , wie man vom Springbrett sich ins Wasser schwingt - : » Ich habe mich verlobt - « Tante Marie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und mein Vater runzelte die Stirn : » Ich will doch nicht hoffen - « begann er . Aber ich ließ ihn nicht ausreden : » Verlobt mit einem Manne , den ich von Herzen liebe und hochachte , von dem ich glaube , daß er mich vollständig glücklich machen kann - mit Baron Friedrich von Tilling . « Mein Vater sprang auf : » Da haben wir ' s ! Nach allem , was ich Dir gestern gesagt - « Tante Marie schüttelte den Kopf : » Ich hätte lieber einen anderen Namen gehört , « sagte sie . » Erstens ist Baron Tilling keine Partie er soll gar nichts haben ; zweitens scheinen mir seine Grundsätze und Ansichten ... « » Seine Grundsätze und Ansichten stimmen mit den meinen überein , und eine sogenannte Partie zu suchen - darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater - mein Herzensvater , schau ' nicht so bitter drein - verdirb mir das hohe Glück nicht , welches ich zu dieser Stunde empfinde - mein guter , geliebter alter Papa ! » Aber Kind , « antwortete er in etwas besänftigtem Tone , denn ein wenig Zärtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen : » es ist ja eben Dein Glück , welches ich im Auge habe . Ich könnte mit keinem Soldaten glücklich werden , der nicht mit Leib und Seele Soldat ist . « » Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten , « bemerkte Tante Marie ganz zutreffend . » Das Soldatentum ist das geringste , « fügte sie hinzu ; » aber ich könnte mit einem Manne nicht glücklich werden , der von dem Gott der Bibel in so wenig ehrerbietigem Tone redet , wie neulich - « » Erlaube mir , Dich aufmerksam zu machen , liebste Tante , daß auch Du Friedrich Tilling nicht zu heiraten brauchst . « » Des Menschen Wille ist sein Himmelreich , « sagte mein Vater mit einem Seufzer , indem er sich wieder niedersetzte . » Natürlich wird Tilling quittieren ? « » Darüber haben wir noch nicht gesprochen . Lieber wäre es mir freilich - aber ich fürchte , er wird es nicht thun . « » Wenn ich denke , daß Du einem Fürsten einen Korb gegeben hast , « seufzte Tante Marie , » und jetzt , statt Dich zu erheben , wirst Du auf der gesellschaftlichen Leiter herabsteigen ! « » Wie unfreundlich Ihr beide seid - und Ihr behauptet doch , mich lieb zu haben . Da komme ich zu euch - das erste Mal seit des armen Arno Tode - mit der Nachricht , daß ich mich vollkommen glücklich fühle , und anstatt Euch dessen zu freuen , sucht Ihr allerlei Vergällungsgründe hervor - und was für welche : Militarismus , Jehovah , soziale Leiter ! « Nach einem halben Stündchen war es mir doch gelungen , die alten Leute einigermaßen umzustimmen . Ich hatte mir - nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu schließen - den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht . Vermutlich wurde er auch , falls meinerseits bloße Absicht und Neigung vorgelegen hätte , energisch versucht haben , Absicht und Neigung zu ersticken ; aber dem » fait accompli « gegenüber sah er wohl ein , daß Widerstand nichts mehr nützen konnte . Oder war es doch der Einfluß des überströmenden Glücksgefühls , welches in meinen Augen leuchten und in meiner Stimme beben mochte , das seinen Verdruß verscheuchte und woran er unwillkürlich freudigen Anteil nehmen mußte ? - kurz , als ich zum Gehen aufstand und ihm adieu sagte , drückte er einen herzhaften Kuß auf meine Wange und versprach , noch am selben Abend zu mir zu kommen , um daselbst seinen künftigen Schwiegersohn als solchen zu begrüßen . Wie noch weiter jener Tag und der darauf folgende Abend verlief - schade , daß die roten Hefte es nicht verzeichnet haben . Die Einzelheiten sind nach so langer Zeit meinem Gedächtnis entschwunden - ich weiß nur noch , daß es herrliche Stunden waren . Zum Thee hatte ich den ganzen Familienkreis um mich versammelt und ich stellte den Meinen Friedrich von Tilling als meinen Verlobten vor . Rosa und Lilli waren entzückt ; Konrad Althaus rief : » Bravo , Martha ! - und Du , Lilli , nimm Dir ein Beispiel daran ! « Mein Vater hatte seine frühere Antipathie entweder überwunden , oder es gelang ihm , dieselbe mir zu liebe zu verbergen ; und Tante Marie war weich und gerührt : » Die Ehen werden im Himmel geschlossen , « sagte sie , » und jedem geschieht nach seiner Bestimmung . Mit Gottes Segen werdet ihr glücklich werden und den will ich unermüdlich auf euch herabflehen . « Auch mein Sohn Rudolf wurde dem künftigen » neuen Papa « vorgestellt , und es war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefühl , als der geliebte Mann mein geliebtes Kind in seine Arme hob , es innig küßte und sagte : » Aus Dir , kleiner Bursch ' , werden wir einen ganzen Mann machen . « Im Laufe des Abends brachte mein Vater seine Idee in Betreff des Quittierens zur Sprache : » Sie werden jetzt vermutlich Ihre Karrière aufgeben , Tilling ? Da Sie ohnehin kein Freund des Krieges sind - « Friedrich warf mit überraschter Miene den Kopf zurück : » Meine Karrière aufgeben ? Ich habe ja keine andere .... Und man braucht doch kein Freund vom Kriege zu sein , um den Militärdienst zu leisten , ebenso wenig als man - « » Ja , ja , « unterbrach mein Vater , » das sagten Sie schon neulich : ebenso wenig als ein Feuerwehrmann ein Liebhaber von Feuersbrünsten zu sein braucht - « » Ich könnte noch mehr Beispiele anführen : ebenso wenig als ein Arzt den Krebs und den Typhus lieben , oder als ein Richter ein besonderer Verehrer von Einbruchsdiebstählen sein muß . Aber meine Laufbahn aufgeben ? Was hätte ich für eine Veranlassung dazu ? « » Veranlassung wäre , « sagte Tante Marie , » Ihrer Frau das Garnisonleben zu ersparen - und die Angst zu ersparen , falls ein Krieg ausbricht .... Obgleich diese Angst ein Unsinn ist ; denn wenn es einem bestimmt ist , alt zu werden , so lebt er lange , trotz aller Gefahren . « » Die genannten Gründe wären freilich gewichtig . Meiner künftigen Gefährtin die Unannehmlichkeiten des Lebens so viel als möglich fernzuhalten , wird ja mein eifrigstes Bestreben sein ; aber die Unannehmlichkeit einen Mann zu haben , der berufs- und beschäftigungslos wäre , müßte doch noch größer sein , als diejenige des Garnisonlebens . Und die Gefahr , daß mein Rücktritt von irgend jemand als Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden könnte , wäre doch noch schlimmer , als die Gefahren eines Feldzuges . Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick gekommen .... Hoffentlich auch Ihnen nicht , Martha ? « ( Vor Leuten hatten wir das » Du « wieder eingestellt . ) » Und wenn ich es als Bedingung stellte ? « » Das werden Sie nicht . Denn sonst müßte ich auf das höchste Glück verzichten . Sie sind reich - ich besitze nichts , als meine militärische Charge , als die Aussicht auf künftige höhere Rangstufen - und diesen Besitz gebe ich nicht her . Es wäre gegen alle Würde , gegen meine Begriffe von Ehre - « » Brav , mein Sohn ... jetzt bin ich ausgesöhnt . Es wäre Sünd ' und Schand ' um Ihre Laufbahn . Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher zum General - können schließlich Festungskommandant , Gouverneur oder Kriegsminister werden . Das giebt auch der Frau eine angenehme Stellung . « Ich schwieg still . Um die Aussicht , Frau Kommandantin zu werden , war es mir gar nicht zu thun . Am liebsten wäre es mir gewesen , mit dem Manne meiner Wahl das Leben in ländlicher Zurückgezogenheit zu verbringen ; aber dennoch waren mir seine eben geäußerten Entschlüsse lieb . Denn dieselben bewahrten ihn vor dem Makel des Verdachtes , welchen mein Vater gegen ihn gehegt , und der ihn sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen hätte . » Ja , ganz ausgesöhnt « - fuhr mein Vater fort . » Denn aufrichtig : ich glaubte , es sei Ihnen hauptsächlich darum zu thun .... nun , nun - Sie brauchen nicht so wütend zu schauen - ich meine : nebenbei darum zu thun , sich ins Privatleben zurückzuziehen , und da hätten Sie sehr unrecht gethan . Auch meiner Martha gegenüber - die ist nun schon einmal ein Soldatenkind , eine Soldatenwitwe - und ich glaube kaum , daß sie einen in Civilkleidern auf die Dauer lieb haben könnte . « Jetzt mußte Tilling lächeln . Er warf mir einen Blick zu , welcher deutlich sagte : Ich kenne Dich besser , und antwortete laut : » Das glaube ich auch : sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt . Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt . Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt . Unsere erste Etappe war Berlin . Ich hatte den Wunsch geäußert , einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgergang zu eröffnen . In der preußischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf . Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt und alle erschienen mir als die liebenswürdigsten Leute von der Welt . Freilich - wenn man eben die rosafarbenen Brillen trägt , durch welche man während der Honigwochen die Außenwelt zu betrachten pflegt , da findet man alles lieb und schön . Zudem wird neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet : alles hält sich für verpflichtet , auf ihre ohnedies so blühenden Pfade immer neue Rosen zu streuen . Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel , war die Sprache . Nicht nur , weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies - eine seiner Eigentümlichkeiten , in welche ich mich zuerst verliebt hatte - sondern weil sie mir , im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise , ein höheres Bildungsniveau zu bekunden schien ; oder vielmehr , nicht nur schien , sondern in der That bekundete . Grammatikalische Verstöße , wie solche die Umgangssprache der besseren wiener Kreise verunstalten , kommen in der guten berliner Gesellschaft nicht vor . Die preußische Verwechselung des Dativ und Accusativ : » Gieb mich einen Federhut « bleibt auf die unteren Klassen beschränkt , während die in Wien üblichen Kasus-Fehler : » Ohne Dir « - » Mit die Kinder « häufig genug in den ersten Salons gehört werden . » Gemütlich mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und dieselbe von den Ausländern auch so befunden werden lassen - eine Inferiorität stellt sie jedenfalls vor . Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mißt - und welchen richtigeren Maßstab gäb ' es wohl , als diesen ? - so ist der Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch , als der Süddeutsche - ein Ausspruch , der im Munde eines Preußen sehr » arrogant « klänge , und aus der Feder einer Österreicherin sehr » unpatriotisch « erscheinen mag ; - aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit , die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ... Unser erster Besuch in Berlin - nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen - galt der Schwester der Verstorbenen . Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen Bedeutendheit dieser Frau konnte ich schließen , wie liebenswürdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein mußte , wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich . Letztere war die Witwe eines preußischen Generals und besaß einen einzigen Sohn , welcher damals eben Lieutenant geworden war . Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet . Rührend anzusehen war es , wie Mutter und Sohn an einander hingen ; auch darin schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben . Wenn ich den Stolz sah , welchen sie augenscheinlich in Gottfried setzte , und die Zärtlichkeit , mit welcher dieser seine Mutter behandelte , so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit , wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde . Nur eines konnte ich nicht begreifen , und ich äußerte dies auch zu meinem Manne : » Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind , ihr Kleinod , einen so gefährlichen Beruf ergreifen lassen , wie den militärischen ? « » Es gibt einfach Gedanken , liebes Herz , « antwortete mir Friedrich , » die niemand denkt , naheliegende Erwägungen , die niemand anstellt . Ein solcher Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes . Den läßt man nicht aufkommen : es liegt - so meint man - eine Art Unanständigkeit und Feigheit darin , diese Erwägung in Betracht zu ziehen . Es wird als so selbstverständlich und unvermeidlich angenommen , daß diese Gefahr bestanden werden muß und eigentlich fast immer glücklich bestanden wird ( die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die anderen ) , daß man an die Todeschance gar nicht denkt . Sie ist zwar da - aber das ist sie ja für jeden Geborenen , und keiner denkt an den Tod . In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Großes zu leisten . Und schließlich : was kann ein preußischer Edelmann wohl für eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preußischen Kavallerieoffiziers ? « Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden . » Ach , « seufzte sie einmal - , » daß meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte , solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glücklich zu sehen wie er es jetzt an Deiner Seite ist . Es war immer ihr sehnlichster Wunsch , ihn verheiratet zu sehen . Aber er stellte so hohe Anforderungen an die Ehe - « » Es scheint nicht , Tantchen , da er mit mir vorlieb genommen ... « » A trap for a compliment nennen das die Engländer . - Ich wollte , mein Gottfried könnte auch einst solchen Treffer machen . Ich bin jetzt schon ungeduldig , Großmutterfreuden zu erleben . Doch da werde ich wohl noch lange warten können : mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt . « » Er mag viele Mädchenköpfe verdrehen , « sagte ich , » viele Herzen brechen - « » Das sicht ihm nicht gleich : einen braveren rechtschaffeneren Jungen giebt ' s nicht . Er wird einmal eine Frau sehr glücklich machen - « » So wie Friedrich die seine - « » Noch kannst Du das nicht wissen , liebes Herz ; darüber müssen wir nach zehn Jahren wieder reden . In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glücklich . Damit will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen , noch an Dir ausgedrückt haben - ich glaube selber , daß Euer Glück ein dauerhaftes sein wird . « Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bädern . Meine kurze Italienreise mit Arno - von der ich übrigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung hatte - abgerechnet , war ich von Hause nie weggekommen . Dieses Kennenlernen neuer Orte , neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste Stimmung . Die Welt schien mir plötzlich so schön und noch einmal so interessant geworden . Wäre mein kleiner Rudolf nicht gewesen , den ich zurückgelassen hatte , ich würde Friedrich vorgeschlagen haben : » Laß uns jahrelang so herumreisen , wie jetzt . Besuchen wir ganz Europa und hernach die übrigen Weltteile ; genießen wir diese Wanderexistenz , dieses ungebundene Umherstreifen ; sammeln wir die Reichtümer neuer Eindrücke und Erfahrungen . Überall , wo wir hinkommen - und seien uns Land und Leute noch so fremd - bringen wir ja durch unser Beisammensein ein genügendes Stück Heimstätte mit . « Was hätte mir Friedrich auf solchen Vorschlag geantwortet ? Wahrscheinlich , daß man es sich nicht zum Beruf machen kann , bis an sein Lebensende » hochzeitzureisen , « daß sein Urlaub nur zwei Monate dauert und dergleichen vernünftige Sachen mehr . Wir besuchten Baden-Baden , Homburg und Wiesbaden . Überall dasselbe fröhliche , elegante Treiben - überall so viele interessante Menschen aus aller Herren Ländern . Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr , daß Friedrich die französische und englische Sprache vollkommen beherrschte ; dies ließ ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen . Immer wieder entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm : Sanftmut , Heiterkeit , lebhafteste Empfänglichkeit für alles Schöne . Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzücken und im Theater oder Konzertsaal , wenn die Künstler Hervorragendes leisteten , leuchtete ihm der Genuß aus den Augen . Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen doppelt romantisch , darum bewunderte ich die Vorträge berühmter Virtuosen doppelt . Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell . Friedrich kam um Verlängerung seines Urlaubs ein , wurde aber abschlägig beschieden . Das war mir seit unserer Verheiratung der erste Moment des Ärgers , als dieses offizielle Papier anlangte , welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl . » Und das nennen die Menschen Freiheit ! « rief ich , das beleidigende Dokument auf den Tisch schleudernd . Tilling lächelte . » O , ich bilde mir nicht im mindesten ein , frei zu sein , meine Herrin , « erwiderte er . » Wenn ich Deine Herrin wäre , könnte ich Dir befehlen , dem Militärdienst Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben . « » Über diese Frage waren wir ja einig geworden - « » Freilich : ich habe mich fügen müssen , doch das beweist , daß Du nicht mein Sklave bist - und das ist mir im Grunde recht , mein lieber , stolzer Mann ! « Von unserer Reise zurückgekehrt , rückten wir nach einer kleinen mährischen Stadt - der Festung Olmütz - ein , wo Friedrichs Regiment in Garnison lag . Von geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede , und so lebten wir beide in völliger Zurückgezogenheit . Außer den Stunden , die wir dem Dienst widmeten - er als Oberstlieutenant bei seinen Dragonern , ich als Mutter bei meinem Rudolf - widmeten wir uns gegenseitig nur einander . Mit den Damen des Regiments waren die nötigen Ceremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden , aber auf näheren Umgang ließ ich mich nicht ein ; es gelüstete mich nicht im geringsten darnach , bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu hören , und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien des Obersten und den Trinkgelagen der Offiziere . Da hatten wir Besseres zu thun . Die Welt , in der wir uns bewegten - wenn wir des Abends zusammen beim brodelnden Theekessel saßen - die war von der Welt der Olmützer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt . » Sternenweit « mitunter im buchstäblichen Sinne - denn einige unserer liebsten geistigen Ausflüge waren nach dem Firmament gerichtet . Wir lasen nämlich miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns über die Wunder des Weltalls . Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Höhen der Himmelsräume ; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen , und je größer die Welt vor unseren Blicken sich entfaltete , in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der Olmützer Interessenkreis ein . Unsere Lektüren beschränkten sich nicht auf Naturkunde allein , sondern umfaßten noch viele andere Zweige der Forschung und des Gedankens . So nahm ich unter anderem zum drittenmal meinen geliebten Buckle vor , um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen , den er dann ebensosehr bewunderte , wie ich ; dabei vernachlässigten wir auch die Dichter und Romanschriftsteller nicht , und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen Leseabende zu wahren Festen des Geistes - während unsere übrige Existenz eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war . Täglich gewannen wir uns lieber ; was die Leidenschaft an Feuer einbüßte , das gewann die Zuneigung an Innigkeit , die Achtung an Festigkeit . Das Verhältnis zwischen Friedrich und Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens . Die beiden waren die besten Kameraden der Welt , und sie miteinander spielen zu sehen , war köstlich . Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere . Natürlich mischte ich mich sofort auch in die Partie , und was da für Dummheiten getrieben und geredet wurden , das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen , deren Werke wir lasen - wenn Rudolf zu Bett gebracht war . Zwar behauptete Friedrich , daß er von Hause aus kein besonderer Kinderfreund sei ; aber einmal war der Kleine seiner Martha Sohn , und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem Stiefvater gar so zärtlich an . Wir machten häufig Pläne über die Zukunft des Knaben . Soldat ? ... Nein . Dazu würde er nicht taugen , denn in unserem Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden . Diplomat ! Vielleicht . Am wahrscheinlichsten aber Landwirt . Als künftiger Erbe des Dotzkyschen Majorats , welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen Onkel Arnos einst zufallen mußte , würde es ihm Berufs genug sein , seine Besitzungen rationell zu verwalten . Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix heimführen und ein glücklicher Mensch werden . Wir waren selber so glücklich , daß wir gern für die ganze Mitwelt , und für die künftigen Geschlechter obendrein , Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloß sich unsere Einsicht dem Elend nicht , unter welchem der größte Teil der Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen : Armut , Unwissenheit , Unfreiheit - so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt - unter diesen Übeln das fürchterlichste : der Krieg . » Ach , wenn man beitragen könnte , es abzuwälzen ! « Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft unseren Herzen , aber die Betrachtung der herrschenden Zustände und Ansichten stellte solchen Wünschen ein entmutigendes » Unmöglich « entgegen . Leider - der schöne Traum , daß es allen » wohlergehe , und alle lange leben mögen auf Erden « , läßt sich nicht erfüllen - wenigstens nicht in der Gegenwart . Aber die pessimistische Lehre , daß das Leben ein Übel sei , daß es allen besser wäre , sie wären nie geboren - die war uns durch unser eigenes Dasein gründlich widerlegt . Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien , um die Festtage im Kreise meiner Familie zuzubringen . Mein Vater war nunmehr mit Friedrich völlig ausgesöhnt . Die Thatsache , daß letzterer den Militärdienst nicht verlassen , hatte die anfänglichen Zweifel und Verdächtigungen verscheucht . Daß ich eine » schlechte Partie « gemacht , das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch Tante Mariens Überzeugung ; andererseits mußten sie aber auch die Thatsache anerkennen , daß mich mein Mann sehr glücklich machte , und das rechneten sie ihm doch zu gute . Rosa und Lilli that es leid , daß sie im kommenden Fasching nicht unter meiner , sondern unter der weit strengeren Aussicht der Tante in » die Welt « gehen sollten . Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses , und es wollte mir scheinen , als hätte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte gemacht . Der heilige Abend fiel sehr heiter aus . Es ward ein großer Christbaum angezündet und von einem zum andern wurden allerlei Geschenke getauscht . Der König des Festes und der Meistbeschenkte war natürlich mein Sohn Rudolf ; aber auch alle übrigen wurden bedacht . So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand , bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrücken konnte . Es war ein silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches . Derselbe hielt einen Zettel im Schnabel , auf welchem von meiner Schrift die Worte standen : Im Sommer 1864 bringe ich etwas . Friedrich umarmte mich stürmisch . Wären die andern nicht dabei gewesen , er hätte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgeführt . Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater zum Diner . Von Fremden war nur Excellenz » Allerdings « und Doktor Bresser anwesend . Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saßen , mußte ich lebhaft jenes Abends gedenken , wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich ins Bewußtsein getreten . Doktor Bresser hatte denselben Gedanken : » Erinnern Sie sich noch der Piketpartie , die ich mit Ihrem Herrn Vater spielte , während Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten ? « fragte er mich . » Ich sah aus , nicht wahr , als wäre ich ganz in mein Spiel vertieft , aber dennoch hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hörte aus dem Klang der Stimmen - die Worte konnte ich nicht vernehmen - ein gewisses Etwas heraus , welches in mir die Überzeugung weckte : Die zwei werden ein Paar . Und wenn ich Sie jetzt mit einander beobachte , so steigt mir eine neue Überzeugung auf , nämlich : Die zwei sind und bleiben ein glückliches Paar . « » Ich bewundere Ihren Scharfsinn , Doktor . Ja , wir sind glücklich . Ob wir es bleiben ? Das hängt leider nicht von uns ab , sondern vom Schicksal ... Über jedem Glück schwebt eine Gefahr , und je inniger das erste , desto grausiger die letzte . « » Was können Sie fürchten ? « » Den Tod . « » Ah so . Der war mir gar nicht eingefallen . Ich habe zwar als Arzt öfters Gelegenheit , dem Gesellen zu begegnen - aber ich denke nicht daran . Der liegt ja bei gesunden und jungen Leuten , wie das in Rede stehende glückliche Paar ,