die Barbarei habe , sein junges Weib zu verlassen . Die Zwangspflichten , die für einen tüchtigen Mann aus seinem Beruf entstammen können , erkannte das Fräulein nicht an , über so gemeine Fragen wie Broterwerb und die Nötigung , deshalb einen Beruf zu haben , dachte sie nicht nach ; natürlich gab ihr Adrienne zu , daß ihrem Leben allerdings die rechte Wärme fehle , aber ein volles Geständnis ging ihr doch nicht über die Lippen . Alle anwesenden Männer fand Lucy gräßlich , mit der einzigen Ausnahme von Magnus . » Es sind alle Barbaren ! Dieser alte Geck von Lanzenau mit seinem steifbeinigen Gang - ah , wie schritt mein Arthur stolz dahin ! Dieser Herr von Dören - sieht er nicht mit seiner geraden , abgestumpften Nase , seinen Schlitzaugen und seinem auseinander gesträubten Schnurrbart aus wie ein Kater ? Ach , Sie hätten Arthurs wundervollen Bart sehen sollen ! Und dann Ihr Schwager ! Pardon - aber diese blonden Jünglinge mit dem plebejischen Vergnügen am Dasein sind mir entsetzlich , wenn ich an die interessante Schwermut meines Arthurs denke ! Haben Sie meinen Roman Erfrorene Herzen gelesen ? Darin habe ich ihm ein Denkmal gesetzt . Von Taiß spreche ich nicht erst , dieser Tyrann meiner Tage wäre meines Hasses würdig , wenn meine arme Schwester sich nicht einbildete , von ihm glücklich gemacht zu werden . Lassen wir ihr die Illusion , sie kennt nichts Besseres ! Aber dieser junge Doktor Hesselbarth - ach , Adrienne , er hat so einen gewissen Augenaufblitz hinter seinem Lorgnon . Adrienne , er gilt Ihnen , dieser Aufblitz - Sie sind Magnus nicht gleichgiltig . Arme Freundin , dieser Mann wäre Ihrer würdig , er verstände Sie ! Erwidern Sie sein Gefühl ? O - Sie können mir vertrauen , ganz vertrauen , ich will Sie und ihn schützen gegen eine Welt von Philistern ! « » Aber wohin denken Sie , « stotterte Adrienne bestürzt , » ich bin verheiratet und - und - und liebe meinen Mann . « Lucy schloß die Freundin in die Arme , in stummer Rührung über den Heldenmut des Herzens , das zu stolz war , Leiden zu gestehen . Magnus hatte seinerseits das ihm von Lucy geschenkte Wohlwollen bald herausgefühlt und halb belustigt , halb , um diesen Typ eines Blaustrumpfs zu studiren , fand er sich immer in ihrer Nähe ein , wo natürlich auch Adrienne meist weilte . Die kleine Frau von Dören spottete darüber und nannte sie » die drei Gebildeten « . Fanny sah indes diese Intimität mit heimlichem Unbehagen , ihr ein Ziel zu setzen , daran war nicht zu denken ; die einzige Hoffnung blieb , daß der skeptische und vernünftige Magnus allezeit das Gegengewicht zu den überspannten Lebensanschauungen des Fräuleins hergeben werde . Fanny war in dieser Zeit sehr glücklich . » Ich weiß nicht , « sagte sie einmal zu Lanzenau , » wie das so kommen mag - seit vielen Jahren habe ich immer im September diese oder andere lieben Gäste gehabt , aber es hat mich nie so gefreut wie diesmal . Wie schön ist doch das Leben , wenn man es mit guten Menschen teilen darf ! « Lanzenau blickte ihr beunruhigt in die strahlenden Augen , das verhängnisvolle Fragewort : » Ist auch einer unter uns , von dem der neue Sonnenschein ausgeht ? « kam ihm zum Glück nicht von den Lippen , er bezwang sich . » Ja , es ist schön , liebe Fanny , und es ist am allerschönsten , daß Ihr Glücksgefühl der innern Zufriedenheit ihrer Seele und der äußern Klarheit Ihres Lebens entspringt ; möge das so bleiben , und möge ich allezeit meinen alten Platz an Ihrer Seite behalten ! « » O gewiß , mein Freund , Sie sind mir der Nächste meinem Herzen . Sie wissen es ... bitte , bitte , Achim - ein Wort ... « Joachim ging unfern mit Dören vorüber , er lief auf Fanny , Fanny auf ihn zu . » Nur ein Wort ... sind die Schießstände in Ordnung ? « Dören , Joachim und sie besprachen die Einzelheiten des für den Nachmittag geplanten Wettschießens . Lanzenau stand vergessen von fern . Lanzenau schloß die Augen , er war blaß geworden , langsam ging er tiefer in den Park hinein , seine Füße trugen ihn nicht weit , er stand an einer Buche still , legte die Handflächen gegen den Stamm und die Stirn gegen die Hände . » Unmöglich , « dachte er , » unmöglich ! Es kann nicht , es soll nicht sein ! Vielleicht wird sie nicht erkennen , was jetzt in ihr keimt , es verdorrt im Beginn , gewiß , ganz gewiß , denn er ist ein unbefangener Jüngling , er wagte es nicht einmal , davon zu träumen , das sieht man wohl . Sie muß blind bleiben , sie muß ! « Er stöhnte schwer . Nein , das nicht , nur das nicht ! Sein Lebenlang neben Fanny hergehen , ohne sie zu besitzen - ja , aber sie einem andern überlassen - nie ! Sechzehn Jahre in Treue einem Weibe gehören und dies Weib dann einem hübschen jungen Menschen geben müssen ? - Lieber diesen niederschießen wie ein Stück Wild . Aber wie - wenn der sie wieder liebte , wenn ein Tag käme , wo er ihre Neigung merkte und dann - schon aus Vorteilsgründen - sich erklärte ? Aber nein , einer Berechnung war Joachim nicht fähig . Doch welcher junge Mann würde kalt und unempfindlich bleiben , wenn eine Fanny ihn liebte ? Lanzenau dachte an seine Jugend zurück , er lächelte schmerzlich . Joachim müßte kein Mensch von Fleisch und Blut , er müßte eine Puppe von Zeug und Hobelspänen sein , wenn er kalt bleiben sollte bei der Liebe einer schönen Frau . Und gab all seine Treue ihm denn ein Recht , von Fanny etwas zu fordern ? Seine Hand hatte sie mehrfach ausgeschlagen ; durfte er erwarten , daß sie seinetwegen ihr Leben als Nonne beendigen würde ? » Sie muß blind bleiben , « dachte er , mit Gewalt sich zu vernünftiger Fassung zwingend , » aber ich muß hell sehen ! « An diesem Tage erschienen Gäste aus der Nachbarschaft zu dem Wettschießen , das Fanny anberaumt hatte . Die Schießstände lagen neben der Parkgrenze am Ufer der Elbe , man wanderte gemeinsam durch den Park dahin ; es war bald nach dem zweiten Frühstück und die Damen noch alle in ihren Morgenkleidern . » Du bist reizend , « flüsterte Joachim Severina zu , die er jetzt zu ihrer beider Qual immer nur in Gegenwart aller sehen konnte , höchstens gestattete ihnen abends der Tanz oder eine Promenade im Park einmal die Gelegenheit zu einem innigen Händedruck , der der einzige Dolmetscher ihrer Sehnsucht bleiben mußte . » Still ! « entgegnete Severina ebenso ; » was wagst Du ? « Herr von Dören ging an ihrer andern Seite , plauderte aber lebhaft mit der Gräfin Taiß , die er führte und bei der er seit Jahren eine neckische Courmacherei anzubringen suchte , die sie mit Humor und Grazie ermunterte , um sie immer wieder zurückschlagen zu können . Joachim war deshalb unbesorgt . » Ich vergehe , « flüsterte er weiter ; » kann ich Dich denn nie einmal in Muße sehen ? « Severinas Kniee bebten . Wenn jemand ihr Geflüster bemerkte ! » Bitte ? « fuhr er fort . Ach , wie leidenschaftlich , wie unsäglich gern hätte auch sie ihm einmal wieder voll und heiß ins Auge geschaut . » Wann soll - wann kann ich ? « » Heut abend , wenn im Pastorenhause alles schläft . « » Nein , mein Zimmer liegt neben dem der Mutter , sie wacht bei jedem Laut . « » Heut nach Tisch - im dunklen Park - an der Stelle , wo ich Dich zuerst gesehen . Schleiche Dich weg , es sind so viele Menschen da , man vermißt uns nicht . « Severina nickte stumm , ein schneller Blick fuhr wie ein sengender Blitz zwischen ihnen hin und her . Das Gespräch ward dann unter den vier Zusammenwandernden durch eine Frage Dörens ein allgemeines . Sie kamen zuletzt am Schießstand an . » Natürlich , « sagte Frau von Dören lachend , » mein Mann war zu sehr mit den schönen Augen der Gräfin beschäftigt . Lieber Taiß , ich glaube , wir raffen uns doch noch zur Eifersucht auf . « » Laßt das nur , « sprach Dören , sein Weibchen um die Taille fassend , » die Niederlagen bei der gnädigsten Gräfin sind mir als Gegengewicht Deiner zu großen Liebe sehr gesund , Du siehst , ich thue selbst das Möglichste , um mich vor Eitelkeit zu bewahren . « » Auch eine Form der Selbsterziehung , « meinte Taiß heiter . » An die Gewehre , meine Herrschaften , an die Gewehre ! « mahnte Lanzenau . Die Schießstände , es waren ihrer zwei , zeigten sich dem Bedürfnis der lustigen Gesellschaft angepaßt , an dem einen boten sich den Damen Ziele dar , wie man sie in Schießbuden auf Jahrmärkten sieht , an dem andern konnten die Herren ihre Zielsicherheit an einer Scheibe bewähren . Fanny hatte zwei Preise gestiftet , für die schußfertigste Dame lag ein kostbares Jagdgewehr , für den besten Schützen ein sehr wertvoller Spitzenfächer bereit . » Man sieht , « sagte Fanny , » mich hat die ruchlose Absicht geleitet , die Sieger in peinlichste Verlegenheit zu bringen , denn sie sollen ihren Preis einer Dame respektive einem Herrn der Gesellschaft hier an Ort und Stelle verehren . « » Paris ' Verlegenheit war ein kleiner Embarras gegen die Wahlschwierigkeit des Fächergewinners , « sagte Herr von Dören ; » zum Glück bin ich ein schlechter Schütze und komme somit gar nicht in Gefahr , mir durch eine Huldigung viele Feindinnen zu machen . « » Und was mich anbetrifft , « rief Frau von Dören , » erkläre ich mich bei dem Fächer hors de concurrence , hoffe hingegen , über das Jagdgewehr verfügen zu dürfen ! « Auf dem Platz unter den alten Baumriesen , die zum Park gehörten , waren Stühle , Tische und ein kleines Buffet errichtet . Adrienne und Fräulein von Grävenitz setzten sich zusammen ; die erstere hatte nicht allzu viel Interesse an dem Sport , die letztere fand Schießen eine kavaliermäßige Kunst , aber für Damen dünkte es sie selbst im Scherz abscheulich ; jedesmal , wenn die Reihe , deren Folge man ausgelost hatte , an sie kam , drückte sie zitternd , erst nach langem Zureden und mit einem Schrei die harmlos geladene Flinte ab , natürlich mit geschlossenen Augen ins Blinde hinein . Fanny und die Gräfin Taiß hatten keine ruhige Hand , Adrienne war überhaupt kurzsichtig . So stritten Severina und Frau von Dören um den Sieg . Die Herren sahen eifrigst interessirt zu , man lachte und wettete sogar . Triumphirend behielt die kleine Frau den Sieg , den sie sich prophezeit . » Das Gewehr - das Gewehr ! « » Erst sollen die Herren auch so weit sein , « bestimmte Fanny . Es waren unter den Gästen aus der Nachbarschaft einige bekannte Schützen . Das Spiel , welches bisher nur Amusement gewesen , nahm sofort den Charakter eines leidenschaftlichen Sports an . Magnus und Herr von Dören traten alsbald freiwillig aus der Reihe . Mit Spannung , ja , mit einem fieberhaften Eifer wurden die Schüsse erwartet , beobachtet , notirt . Und Joachim traf mit spielender Leichtigkeit , ohne langes Wägen , jedesmal den Kernpunkt . Es war am Ende nicht etwas so Erstaunliches , in einer Kunst , die hauptsächlich Uebung , sichere Hand und scharfes Auge erfordert , zu glänzen , zumal für einen Mann von Joachims Erziehung und Beschäftigung ; aber Fanny war sehr stolz auf seine Fertigkeit und konnte sich nicht genug thun , sie zu bewundern . Gewandtheit in solchen Künsten ist dem Mann in den Augen jeder Frau vorteilhaft . Joachim sagte zuletzt , als die ganze Gesellschaft sich schon bewundernd um ihn und einen der heutigen Nachmittagsgäste drängte , während die anderen Herren sich für besiegt erklärten , daß man so nie zur Entscheidung kommen werde und ob sie nicht ein anderes Ziel nehmen wollten . Taiß schlug vor , eine Visitenkarte auf einen hohen Stecken zu befestigen und diesen im Felde weit hinter der Scheibe aufzupflanzen . Als man noch , aufgeregt wie über eine wichtige Sache , darüber debattirte , flog eine Krähe aus den Gipfeln der Parkbäume in hohem Fluge schräg über den Fluß . » Aufgepaßt ! « sagte Joachim , zielte - alles hielt den Atem an - und drückte ab . Schwer schoß das Tier durch die Luft herab in den breiten Strom . » Ich ergebe mich , « sprach Joachims Konkurrent , » das wäre ich nicht im stande . « » Es ist nicht viel dabei , « meinte Joachim . » Das hab ' ich mir gedacht , « sagte Fanny triumphirend ; » Sie sind allen überlegen . « Lanzenau , der das hörte , lächelte bitter . » Aber nun die Preise ! « rief Frau von Dören . Sie erhielt das Gewehr und sprach zu ihrem Gatten : » Du meinst natürlich , meine Schwäche für Dich gehe so weit , daß ich Dir und keinem andern dies Geschenk mache , aber die Stunde ist gekommen , mich zu rächen ; Graf Taiß , empfangen Sie dies als Zeichen meiner besondern Gunst . « » Meine Gnädigste , ich werde mich bestreben , sie zu verdienen , und nehme dies pränumerando als Lohn , « sagte der Graf mit einer übertrieben tiefen Verneigung . Während dieses kleinen Vorgangs konnte Joachim sich entscheiden , welcher Dame er den Fächer geben wolle , den Adrienne gerade in der Hand hielt und verlangend besah , aber seiner Schwägerin konnte er doch unmöglich das Geschenk überreichen ; es hätte sich wohl geschickt , ihn Fanny , seiner gütigen Herrin , als Huldigung zu Füßen zu legen , aber er fand , daß es im Grund ein Unsinn wäre , Fanny den Fächer zurückzugeben , den sie selbst angeschafft , obenein , da sie , wie er zufällig wußte , einen reichhaltigen Vorrat von Fächern in allen Formen und Stoffen besaß , und in Severinas Seele brannte das Verlangen , von seiner Hand vor allen Anwesenden ausgezeichnet zu werden , das wußte er , obschon er sie mit keinem Blick ansah . Man bemerkte die Zweifel auf seinem Gesicht und lachte ihn aus . Darauf trat er an Fanny heran und fragte leise : » Fände unsere gnädige Königin es nicht am taktvollsten , wenn ich den Fächer der einzigen Dame im Kreise schenke , die nicht im stande ist , sich einen solchen zu kaufen ? « » Das ist ein hübscher Gedanke , « sagte Fanny , von seinem Zartgefühl entzückt , » sie wird ebenso überrascht als beglückt sein . « Und Joachim überreichte der erglühenden Severina den Fächer mit einer so förmlichen Verbeugung , als sei sie ihm wildfremd . Das wäre nun niemand aufgefallen und jeder hätte die Förmlichkeit für die komisch-feierliche Betonung des Vorgangs genommen , wenn nicht Lanzenau allein , seit einiger Zeit Joachim gegenüber immer auf dem Beobachterposten , das fremd-höfliche Gesicht des jungen Mannes um so sonderbarer gefunden hätte , je mehr ihm vorher ein rascher Blick aufgefallen war , mit dem Joachim und Severina sich begegneten . Er beschloß , fortan auch das Mädchen im Auge zu behalten , eine unbestimmte , freudige Hoffnung beschlich ihn . Wenn diese beiden im Begriff wären , sich zu finden oder wohl gar schon sich gefunden hätten ... dann zog die Gefahr an ihm vorüber und über Fannys Haupt dahin wie eine Wetterwolke , die mit fernem Blitzgeleuchte droht , aber ihre Flammen nicht über uns entladet . Der Zufall war ihm günstig . Noch am selben Abend , als die Gesellschaft sich im Saal , auf der Terrasse und im Spielzimmer zwanglos verteilt hatte und Lanzenau suchend von einem Raum in den andern ging , sagte man ihm im Saal , Fräulein Severina sei auf der Terrasse , und auf der Terrasse , sie sei im Saal . Nach Joachim , der auch fehlte , fragte er nicht , er ging ohne weiteres in den Park . Es war stockdunkel , der Mond sollte erst später aufgehen , Lanzenau verirrte sich mit seinen sorgsam vorwärts tastenden Füßen mehrmals auf einen Rasensaum oder ein Blumenbeet , einmal geriet er auch in einen großen , wilden Rosenbusch , die stacheligen Zweige , die wider seine Brust schlugen , verwickelten sich in die Schnur seines Monocles . Ingrimmig versuchte er loszukommen , er riß und riß und hatte nur den Erfolg , daß die Schnur entzwei ging und am Busche mitsamt dem Augenglas hängen blieb . Plötzlich hörte er in unmittelbarer Nähe Stimmen . Er erinnerte sich , daß das Gebüsch von wilden Rosen dicht bei der großen Tanne mit der Rundbank sich befand ; aber die , denen die Stimmen gehörten , mußten eben erst von der andern Seite ankommen , sonst hätten sie das Geräusch in den Zweigen gehört , das seine greifenden Hände gemacht . Worte konnte Lanzenau nicht verstehen , Gestalten nicht einmal in den Umrissen erkennen , nur das ward ihm alsbald aus den Lauten , die sein Ohr vernahm , sehr deutlich , daß ein Liebespaar dort saß . Aber wer sagte ihm , daß es nicht jemand aus dem Dorf oder jemand von den Dienstboten sei ? Er zog sich zurück und näherte sich auf dem direkten Weg dem Hause . Hier , wo das Licht den Platz unter den Linden matt erhellte , lehnte er sich an einen Stamm und rauchte geduldig eine Cigarrette . Wenn die , welche sich dort küßten , ins Haus gehörten , mußten sie den Lichtkreis durchschreiten oder doch an seiner Grenze hinhuschen . Und richtig - da floh ein weibliches Wesen in weißem Kleid vorbei und um das Haus herum , wahrscheinlich , um vorn einzutreten . Severina allein trug heute weiß ; und da kam auch Joachim , ganz gemächlich , eine Cigarrette im Munde , schritt er mitten durch den hellsten Lichtschein gerade auf die Terrasse zu . Lanzenau atmete tief auf , ein Alp fiel von seiner Brust . Daß die jungen Leutchen ihre Liebe noch geheim hielten , war ja bei Joachims Vermögenslage ganz natürlich , und daß Fanny von dieser Liebe ganz allmälich Kenntnis bekam , so vorsichtig , daß ihre Gedanken sich daran gewöhnten , ehe ihre Seele voll für Joachim aufflammte , das sollte seine , Lanzenaus , Sorge sein , auch nahm er sich vor , all seine Verbindungen bis zur äußersten auszunützen , um für Joachim eine Administratorenstellung zu suchen , die diesen in den Stand setzte , Severina zu heiraten . Vielleicht fand Fannys sichtliche Schwäche für Joachim voll Befriedigung und Freude , wenn sie mütterlich für ihn und seine Braut sorgen durfte . Bei Fanny war kein Ding unmöglich , wenn ihre Gefühle für Joachim vielleicht nur jenes Gemisch von Mütterlichkeit und weiblicher Zärtlichkeit waren , dessen Grundton wunschlose Resignation ist , dann wollte Lanzenau ihr beistehen , dies Gefühl ganz zu sättigen , und ihr helfen , ihn sehr glücklich zu machen . Mit freudigem Herzen kehrte er in die Gesellschaft zurück . Alsbald , da er dort seine Meinung über eine neue Photographie der Gräfin Taiß abgeben sollte , vermißte er sein Monocle . Jedermann half suchen , bis Lanzenau sagte , es sei unnütz , er habe es im Freien verloren . Am andern Morgen entdeckte Severina es am Rosenbusch , ein unnennbarer Schreck überwältigte sie einen Augenblick , gegen Mittag fand sie Gelegenheit , Joachim davon zu sagen , auch diesem war der Gedanke nicht sehr rosig , daß Lanzenau sie belauscht haben könne . » Wenn er es Fanny sagt , « meinte Severina zitternd . » O , Fanny - das macht nichts , die hält viel von mir , das merke ich wohl , sie geht reizend mit mir um - wenn sie mich so Achim nennt , denke ich immer , meine Mutter könnte es nicht gütiger gesagt haben , « sprach Joachim mit nachdenklichem Gesicht ; » aber es ist mir um Dich - wegen des Gezeters , das die Pastorin dann ohne Zweifel anfängt , und es ist wegen Arnold , dem Adrienne es schriebe , er hat schon so viel Opfer und Sorgen für mich gehabt im Leben und ich bin ihm deshalb Gehorsam schuldig , er aber hat mir oft aus Herz gelegt , mich nie zu binden , ehe ich nicht eine Frau ernähren kann , damit stürzte ich nur zwei Familien in Sorgen und trübte meine und eines Mädchens Jugendfreude . « » Du bist nicht gebunden , « rief sie heftig , » ich will Dir und niemand eine Last sein , habe mich nur eine Weile lieb , nachher sei frei - geh und laß mich sterben ! « » Aber , Närrchen , « flüsterte er , neu von ihrer Leidenschaftlichkeit entzückt , » wer spricht von solchen Dingen ! Uebrigens ist es ja noch gar nicht ausgemacht , daß Lanzenau gerade am Rosenbusch stand , wie wir unter der Tanne saßen . Gib mir das Augenglas , wenn ich es ihm überreiche , soll die Situation zwischen ihm und mir wenigstens klar werden . « » Herr Baron , « sagte Joachim , als man bei einander stand , des Dieners Meldung , daß servirt sei , erwartend , » Sie haben Ihr Glas gestern abend am Rosenbusch verloren , hier ist es . « Dabei sah er ihn herausfordernd an . Lanzenau zwinkerte mit den Augen sehr lustig und sehr wohlwollend . » Hat Severina suchen helfen ? « fragte er , und klopfte Joachim auf die Schulter . » Wenn sie es gethan hätte , « sagte Joachim halblaut , mit einem herzlichen Bittton in der Stimme , » dann würden Sie gewiß nicht die Indiskretion haben , es irgend jemand zu erzählen . « » Gewiß nicht , gewiß nicht , mein Lieber , ausgenommen , es wäre zu eurem Glück . Junge Leute in eurer Lebenslage können oft einen deus ex machina brauchen . « » Wenn Sie den Beruf in sich fühlen , diesen für uns zu spielen , « erwiderte Joachim heiter , » werde ich der letzte sein , es Ihnen zu verbieten ; aber selbst in diesem Falle muß ich ernstlich bitten , immer nur mir die Mitteilung einer Thatsache zu überlassen , die mein Bruder durchaus von mir und durchaus an einem geeigneten Zeitpunkt erfahren muß , soll sie ihn nicht verstimmen . « Was blieb Lanzenau übrig , als sein Wort zu geben ; aber diese Fessel ließ ihm immer noch die Freiheit , dem jungen Paar der fördernde Schutzgeist zu sein und auch Fanny unauffällig und indirekt zur Erkenntnis zu leiten . Achtes Kapitel Die Zeit der Unruhe im Schloß war auch für die Pastorenfamilie eine Unterbrechung der gewohnten stillen Thätigkeit . Die Tagesordnung ward verschoben und begann noch früher als sonst , denn jeder mußte die Nachmittagsstunden , die an der Geselligkeit verloren gingen , einholen . Der Pastor arbeitete in der Morgenfrühe an seinen Predigten , die er das ganze Jahr nicht mit so viel Eifer und Fürsorge verfaßte als jetzt , wo des Sonntags einige arge Weltkinder unter seinen Zuhörern saßen , in deren Herzen das Licht religiöser Humanität zu entzünden sein heiliges Bemühen war . In der That hatte er wenigstens den Erfolg , daß Herr und Frau von Dören , die behaupteten , die Kirchenluft sonst nicht vertragen zu können , ihm gestanden , daß seine gütige Art , die ethischen Lehren der Bibel zu erklären , sie wirklich fessele , ja ergreife . Der kleine , stille Mann lächelte dazu , im Leben durfte er sonst nicht viel sagen , hatte auch keine Neigung dafür ; aber auf der Kanzel konnte seine Frau nicht dreinreden - da konnte sie seine Milde nicht mit apokalyptischen Dunkelheiten aufmischen . Die Pastorin verdoppelte in dieser Zeit ihre ohnehin zähe Arbeitskraft , da Severina überhaupt nur morgens und abends noch in der Pfarre gesehen wurde , sonst aber auf Fannys Befehl im Schloß blieb ; sie arbeitete der Magd alles noch einmal nach , was diese schon mit besten Kräften gethan , sie nähte und strickte und flickte Kleider und Sachen , die alle hätten bis zum Herbst liegen können , da niemand ihrer benötigte ; aber es war ihr Bedürfnis , ja , ihre Wollust , mittags abgearbeitet , außer Atem , über die Lasten ihres Daseins klagen zu können ; doch in der tiefsten Arbeitsraserei fand sie immer noch eine Minute , hinaufzuschleichen und bei Magnus einzutreten . Dieser fuhr dann unwillig und in seiner besten Arbeitsstimmung gestört , mit dem Kopf in die Höhe und fragte barsch , was es gäbe . Sie wolle nur nachsehen , ob er auch ein Gläschen Wein oder ein Brötchen wolle , ob er auch nicht zu viel arbeite , ob er die Rouleaux herabgelassen , damit ihm die Sonne nicht auf das Papier scheine , was seinen kurzsichtigen Augen nicht zuträglich . Magnus seufzte tief , zwang sich zur Geduld mit dieser quälenden Mutterliebe und dankte mit den liebevollsten Worten , die er finden konnte , für ihre Bemühung . Aber auch am Nachmittag , in Fannys Kreis , verfolgte ihn die Aufsicht der Mutter , eine Aufsicht , die ebenso sehr Eifersucht wie Sorge war . An kühlen Abenden machte es Magnus wütend , die Mahnung zu hören - vor so viel jungen Damen - er solle den Rockkragen hoch schlagen . An heißen Nachmittagen rief die Mutter ihn aus dem Sonnenschein hinweg , in dem er auf dem Rasen mit den Damen Crocket oder dergleichen spielte ; bei Tisch ließ sie ihn , der immer möglichst weit von ihr weg saß , durch den Diener bitten , keinen Gurkensalat zu essen . Ging er mit einer der Damen allein , konnte er sicher sein , daß seine Mutter ihm nachkam , zumal , wenn diese Dame etwa die lustige Frau von Dören oder Adrienne war ; der erstern traute sie zu , daß sie ihr Magnus verführen möchte , die zweite war ihr ganz und gar unsympathisch . Eine Frau , die in der Abwesenheit ihres Mannes tanzt , anstatt in Werken des Kirchendienstes den Panzer zu suchen gegen die Anfechtungen der Welt - entsetzlich ! Aber das sah Fanny ähnlich , dergleichen zu dulden . Nie , selbst gegen ihren Gatten nicht , wagte die Pastorin ein Wort über Fanny , aber in ihrem Herzen , ganz heimlich gestand sie sich , daß Fanny keineswegs so vollkommen sei , als jedermann sie pries ; es war unleugbar ihre , der Pastorin , Pflicht als Mutter , Magnus gegen diese weltlichen Einflüsse zu schützen . Wenn Fanny diese kleinen Scenen beobachtete , in denen die ungemäßigte Mutterliebe den jungen Gelehrten quälte , wechselte sie wohl mit dem seufzenden Magnus einen Blick . » Ja , « sagte Magnus einmal , » leicht ist die Buße nicht , die ich für meinen Leichtsinn trage . « » Sie wird auch nicht ewig dauern , « tröstete Fanny , » das sehe ich wohl ein , blieben Sie lange beisammen , verlören Sie die kindliche Geduld mit den Schwächen Ihrer Mutter . « » Es ist ein bißchen zu viel Liebe , die sie mir schenkt , « klagte Magnus . » Euch Männern ist der Grad einer Frauenliebe nie recht , er ist euch immer zu niedrig oder zu hoch , « scherzte Fanny . Fräulein von Grävenitz kam zu diesem Gespräch , das Thema , welches Fanny mit ihrer Aeußerung anschlug , war zu interessant für das Fräulein , als daß sie es nicht hätte noch mit Magnus fortspinnen sollen , nachdem Fanny von der eben im Saal erscheinenden Gräfin angerufen worden war . Fräulein von Grävenitz , die heute eine gelbe Bluse und einen weißen Rock trug , lehnte in malerischer Pose am Flügel , faltete ihre weißen Hände auf der glänzenden Ebenholzplatte desselben und neigte ihr Haupt mit der Goldspange . » Ach , « sagte sie , » wie klingt es absonderlich in Fannys Mund , das hohe , das eine Wort ; in ihrem Herzen , dem vielbegehrten , haben die Männer gewiß immer nur den geringsten Grad von Liebe gefunden , sie ist nicht geschaffen , einem Glück zu geben , sie geht in der Allgemeinheit auf - vor lauter Humanität kann sie keinen Mann lieben , wenn ich dagegen das tiefinnerliche Duldergemüt meiner Adrienne ansehe ! Welch ein Schatz von Empfindungen ! Wie viel Feuer verbirgt diese sanfte Melancholie ! « » Warum mir das ? « dachte Magnus , etwas beunruhigt , denn er war sich wohl bewußt , Adrienne ein wenig » sondirt « zu haben , das heißt , in allerlei Gesprächen über philosophische Sentenzen und poetische Konflikte erforscht zu haben , ob sie in ihrer Ehe unglücklich und auf der Suche nach jemand sei , der sie dafür entschädigen solle . » Und zu denken , « fuhr das Fräulein schwärmerisch fort , » daß diese zarte Frauenblume am Rande eines Gletschers vegetiren muß ! « Die Pastorin zeigte sich in der Thür . » Still , « flüsterte Lucy sich selbst zu , denn nur sie hatte gesprochen , » Ihre Mutter ! Aber in Ihren Augen lese ich , daß Sie noch gern mehr gehört hätten , suchen Sie heute