arg werden . Es war an einem Vormittag in den letzten Tagen des August , als Paul , der mit Michel Raudszus zusammen auf dem Hofe arbeitete , die hohe Gestalt des Nachbarn über die Felder direkt auf den Heidehof zukommen sah . Er erschrak , - das konnte unmöglich etwas Gutes bedeuten . Herr Douglas reichte ihm freundlich die Hand , aber unter seinen eisgrauen , buschigen Brauen blitzte es unheilverheißend . » Ist der Vater zu Hause ? « fragte er , und seine Stimme klang gereizt und grollend . » Er ist im Wohnzimmer , « erwiderte Paul beklommen , » wenn Sie erlauben , begleit ' ich Sie zu ihm . « Der Vater sprang beim Anblick des unerwarteten Gastes ein wenig verlegen von seinem Stuhle auf ; aber er faßte sich sogleich , und in seinem bramarbasierenden Tone begann er : » Ah , gut , daß Sie hier sind , Herr - , ich habe dringend mit Ihnen zu reden . « » Ich mit Ihnen nicht minder ! « erwiderte Herr Douglas , sich mit seiner massigen Gestalt dicht vor ihm aufpflanzend . » Wie kommen Sie dazu , lieber Freund , meinen Namen zu mißbrauchen ? « » Ich - Ihren Namen - Herr - was erlauben - Paul , geh hinaus ! « » Mag er nur drin bleiben , « erwiderte Douglas , sich nach Paul umwendend . » Er soll aber hinaus , Herr ! « schrie der Alte , » ich bin doch wohl noch Herr in meinem Hause , Herr ? « Paul verließ das Zimmer . In dem dunkeln Hausflur fand er die Mutter , die die Hände gefaltet hatte und mit stieren Blicken nach der Tür sah . Bei seinem Anblick brach sie in Tränen aus und rang die Hände . - » Er wird uns noch den einzigen Freund verscherzen , den wir auf Erden haben , « schluchzte sie , und dann sank sie in seinen Armen zusammen , krampfhaft aufzuckend , wenn die scheltenden Stimmen der Männer lauter an ihr Ohr drangen . » Komm fort , Mutter , « bat er , » es regt dich zu sehr auf , und helfen können wir doch nicht . « Willenlos ließ sie sich von ihm in ihr Schlafzimmer ziehen . » Gib mir ein bißchen Essig , « bat sie , » sonst fall ' ich um . « Er tat , wie sie ihn geheißen , und während er ihr die Schläfe einrieb , sprach er mit überlauter Stimme auf sie ein , damit sie das Schreien der Männer nicht höre . Plötzlich wurden Türen geworfen - - für eine Weile wurde es still - unheimlich still - dann ertönte das Klirren einer Kette und der wutheisere Ruf des Vaters : » Sultan - pack an ! « » Um Gottes willen , er hetzt den Hund auf ihn ! « schrie er und stürzte auf den Hof hinaus . Er kam gerade noch zur Zeit , um zu sehen , wie Sultan , eine große , bissige Rüde , Douglas an den Nacken sprang , während der Vater mit einer hochgeschwungenen Peitsche hinterdrein rannte . Michel Raudszus hatte die Hände in die Hosen gepflanzt und sah zu . » Vater , was tust du ? « schrie er , riß ihm die Peitsche aus der Hand und wollte dem Hunde nach , aber ehe er die Gruppe der Ringenden erreichen konnte , lag die Bestie , von der mächtigen Faust des Riesen erstickt , am Boden und streckte die Viere von sich . Douglas rann das Blut an den Armen und am Rücken herunter . Sein Zorn schien ganz und gar verraucht . Er blieb stehen , wischte sich mit dem Taschentuche die Hände ab und sagte mit gutmütigem Lächeln : » Das arme Vieh hat daran glauben müssen . « » Sie sind verwundet , Herr Douglas , « rief Paul , die Hände faltend . » Er hat mein Genick für ' ne Kalbskeule angesehn , « sagte er . » Kommen Sie ein Endchen mit und helfen Sie mir , mich abwaschen , damit meine Weiber sich nicht zu sehr erschrecken . « » Vergeben Sie ihm , « flehte Paul , » er wußte nicht , was er tat . « - » Wirst du zurück , du Bengel , « schrie die Stimme des Vaters vom Hofe her , » willst wohl mit dem wortbrüchigen Kerl gemeinsame Sache machen ? « In den Fäusten des Nachbarn zuckte es , aber er bezwang sich , und mit einem gewaltsamen Lächeln sagte er : » Gehen Sie zurück - der Sohn soll bei dem Vater bleiben . « » Ich will aber gutmachen ... , « stammelte Paul . » Der Schwindler , der Halunke ! « tönte es aus dem Hintergrunde . » Gehen Sie zurück , « sagte Douglas mit zusammengebissenen Zähnen , » schaffen Sie Ruh ' - sonst geht ' s ihm an den Leib ! « Dann fing er mit vollen Backen an , einen Marsch zu pfeifen , damit er das Schimpfen nicht höre , und schritt breitbeinig von dannen ... Der Alte tobte wie ein Wahnsinniger auf dem Hofe herum , warf Steine vor sich her , schwang einen Wagenschwengel in der Luft und stieß mit den Füßen nach rechts und nach links . Als er Paul begegnete , wollte er ihn bei der Kehle fassen , aber in diesem Augenblicke stürzte mit gellendem Schrei die Mutter aus der Tür und warf sich dazwischen . Sie umklammerte Paul mit beiden Armen , sie wollte auch etwas sagen , aber die Angst vor ihrem Manne lähmte ihre Zunge . Nur ansehen konnte sie ihn . » Weibsgesindel , « rief dieser , verächtlich die Achsel zuckend , und wandte sich ab , aber da er seine Wut an irgend jemandem auslassen mußte , so schritt er auf Michel Raudszus zu , der sich eben gemütlich zur Arbeit wandte . » Du Hund , was gaffst du hier ? « schrie er ihn an . » Ich arbeit ' , Herr , « erwiderte dieser und sah ihn unter den schwarzen Brauen hervor mit stechendem Blicke an . » Was hält mich ab , du Hund , daß ich dich zu Brei zermalme ? « schrie der Alte , ihm die Fäuste vor die Nase haltend . Der Knecht duckte sich , und in diesem Augenblicke fuhren ihm beide Fäuste seines Herrn ins Gesicht . Er taumelte zurück - aus seinem finsteren Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen , - ohne einen Laut von sich zu geben , griff er nach einer Axt . - - - - Aber in diesem Augenblicke fiel ihm Paul , der mit steigender Angst der Szene zugeschaut hatte , von hinten in den Arm , rang ihm die Waffe aus der Hand und warf sie in den Brunnen . Der Vater wollte dem Knecht aufs neue an die Brust , aber rasch entschlossen packte ihn Paul um den Leib , und obwohl der alte Mann mit Händen und Füßen um sich schlug , trug er ihn , alle Kräfte zusammennehmend , auf seinen Armen in das Wohnzimmer , dessen Tür er von außen hinter ihm verschloß . » Was hast du dem Vater getan ? « wimmerte die Mutter , die dieser Gewalttat , starr vor Entsetzen , zugeschaut hatte , denn daß der Sohn sich an dem Vater vergreifen könne , war ihr vollkommen unfaßbar . Ihr Blick glitt scheu an ihm empor , und klagend wiederholte sie : » Was hast du mit dem Vater getan ? « Paul beugte sich zu ihr nieder , küßte ihr die Hand und sagte : » Sei still , Mutter , ich mußt ' ihm ja das Leben retten . « » Und jetzt hast du ihn eingesperrt ? Paul - Paul ! « » Bis Michel fort ist , muß er drinbleiben , « erwiderte er , » mach ihm nicht auf - es geschieht sonst ein Unglück . « Dann schritt er auf den Hof hinaus . Der Knecht lehnte , seinen schwarzen Bart kauend , an der Stalltür und schielte tückisch nach ihm hin . » Michel Raudszus ! « rief er ihm zu . Der Knecht kam näher . Die Adern auf seiner Stirn waren zu blauen Strähnen angeschwollen . Er wagte nicht , ihn anzusehen . » Dein überschüssiger Lohn beträgt fünf Mark vierzig Pfennig . Hier hast du sie . - In fünf Minuten mußt du den Hof verlassen haben . « Der Knecht warf ihm einen Blick zu , so unheimlich finster , daß Paul erschrak bei dem Gedanken , diesen Menschen so lange ahnungslos neben sich geduldet zu haben . Er hielt ihn fest im Auge , denn er glaubte jeden Augenblick von ihm angefallen zu werden . Aber schweigend wandte der Knecht sich ab , ging nach dem Stalle , wo er sein Bündel schnürte , und zwei Minuten später schritt er zum Hoftore hinaus . - Er hatte während der ganzen fürchterlichen Szene nicht einen Laut von sich gegeben . » So - jetzt zum Vater , « sagte Paul , fest entschlossen , alle Schläge und Schimpfreden ruhig über sich ergehen zu lassen . Er schloß die Tür auf und erwartete , den Vater auf sich losstürzen zu sehen . Der saß in einer Sofaecke , ganz in sich zusammengefallen , und starrte vor sich nieder . Er rührte sich auch nicht , als Paul auf ihn zutrat und abbittend sagte : » Ich tat ' s nicht gern , Vater , aber es mußte sein . « Nur einen scheuen Seitenblick warf er ihm zu , dann sagte er bitter : » Du kannst ja tun , was du willst ... ich bin ein alter Mann , und du bist der Stärkere . « Dann sank er wieder in sich zusammen . Seit diesem Tage war Paul der Herr im Hause . 14 Drei Wochen waren seither verflossen . Paul arbeitete , als stände er im Frondienst . Trotzdem hatte eine seltsame Unruhe sich seiner bemächtigt . Wenn er sich für einen Moment Erholung gönnen durfte , litt es ihn nicht mehr daheim . Ihm war zumute , als sollten die Mauern über ihm zusammenstürzen . Dann streifte er auf der Heide oder im Walde umher , oder er lungerte rings um Helenental herum . Was er dort wollte , wagte er sich selber nicht einzugestehen . » Wenn ich Elsbeth träfe , ich glaube , ich müßte vor Scham in die Erde sinken , « so sagte er sich , und dennoch spähte er allerwegen nach ihr aus und zitterte vor Bangen und vor Freude , wenn er eine weibliche Gestalt von ferne daherkommen sah . Auch die Nachtruhe begann er zu vernachlässigen . Sobald man im Hause eingeschlafen war , schlich er von dannen und kam oft erst am hellen Morgen wieder zurück , um mit wüstem Kopf und zerschlagenen Gliedern an die Arbeit zu gehen . » Ich will gutmachen - gutmachen , « murmelte er oft vor sich hin , und wenn er die Sense durch das Korn zischen ließ , sagte er sich im Takte dazu : » Gutmachen - gutmachen ! « Doch über das Wie war er sich gänzlich im unklaren ; er wußte nicht einmal , ob Douglas durch die Bisse des Hundes Schaden genommen hatte . Einmal , als er in der Dämmerung jenseits des Waldes herumstrich , sah er Michel Raudszus von Helenental daherkommen . Er trug einen Spaten geschultert , woran ein Bündel hing . - Paul schaute ihm festen Blickes entgegen - er erwartete , von ihm angegriffen zu werden , aber der Knecht sah ihn scheu von der Seite an und ging in weitem Bogen um ihn herum . » Der Kerl sieht aus , als ob er Böses im Schilde führte , « sagte er , indem er ihm nachschaute . Douglas hatte den Weggejagten in seine Dienste genommen , wie einer der Tagelöhner zu erzählen wußte , und als der Vater davon erfuhr , lachte er auf und sagte : » Das sieht dem Schleicher ähnlich , der wird was Schönes gegen mich zusammenbrauen . « Er war fest überzeugt , das Douglas die Sache dem Staatsanwalt übergeben habe , ja er fand eine gewisse Wollust in dem Gedanken , verurteilt zu werden - » ungerecht , « wie selbstverständlich - , und da die Anklage von einem Tage zum anderen auf sich warten ließ , meinte er höhnisch : » Der gnädige Herr lieben die Galgenfristen . « - Aber Douglas schien Willens , die ihm angetane Schmach gänzlich zu ignorieren , nicht einmal die Kündigung des entliehenen Kapitals traf ein . - Pauls Seele war übervoll von Dankbarkeit , und je weniger er ein Mittel fand , sie kund zu tun , desto heißer wühlte in ihm die Scham , desto wilder trieb ihn die Unruhe umher . So stand er eines Nachts wiederum vor dem Gartenzaun von Helenental . Frühherbstnebel lagen über der Erde , und das welkende Gras schauerte leise . - Das » weiße Haus « verschwand in den Schatten der Nacht , nur aus einem der Fenster schimmerte ein trübes , dunkelrotes Licht . » Hier wacht sie bei der kranken Mutter , « dachte Paul . Und da er kein anderes Mittel fand , sie zu rufen , so fing er zu pfeifen an . - - Zwei- , dreimal hielt er inne , um zu lauschen . - Niemand kam , und in seiner Seele stieg die Angst . - - Mit tastender Hand suchte er nach der lockeren Stakete , die Elsbeth ihm damals gezeigt hatte , und als er sie gefunden , drang er in das Innere . - Das Geästel zerzauste seine Kleider , wie in einer Wildnis kroch er am Fußboden dahin , einen Pfad zu finden . Endlich kam er ins Freie . Der weiße Kies verbreitete einen ungewissen Dämmerschein , heller leuchtete das Lämpchen aus dem Krankenzimmer . Er setzte sich auf eine Bank und starrte dorthin . Ihm war , als ob ein Schatten hinter der Gardine sich bewegte . Dann mit einem Male wurde es heller rings um ihn herum ... Die Rosenstöcke traten aus der Nacht hervor ... ... Der Kies glänzte , und der Giebel des Wohnhauses , der noch eben in schwarzen Massen sich erhoben , strahlte in dunkelrötlichem Lichte , als sei der Strahl des Morgenrots darauf gefallen . Verwundert wandte er sich um - das Blut erstarrte in seinen Adern - , hoch an dem mächtigen Himmel erhob sich ein blutiger Feuerschein . Die schwarzen Wolken umsäumten sich mit flammenden Rändern , weißliche Lohe wirbelte dazwischen empor , und hochauf schossen feurige Strahlen , als stände ein Nordlicht am Himmel . » Dein Vaterhaus brennt ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Schwer fiel sein Kopf gegen das Geländer der Bank - im nächsten Augenblicke raffte er sich empor - seine Knie wankten , das Blut siedete in seinen Schläfen - » Vorwärts , rette , was zu retten ist , « so schrie es in ihm - und in wildem Jagen drang er durch das Gebüsch , erkletterte den Gartenzaun und sank jenseits desselben im Graben nieder . Wie die aufgehende Sonne überstrahlte das brennende Gehöft die weite Heide . Die Stoppeln leuchteten , und der schwarze Wald tauchte sich in rötliche Glut . - Noch stand das Wohnhaus unversehrt - seine Mauern schimmerten wie Marmor , seine Fenster blitzten wie Karfunkelstein . - Taghell lag der Hof . - Die Scheune war es , die da brannte , die Scheune , vollgepfropft bis zum First von Erntesegen . Seine Arbeit , sein Glück , sein Hoffen , so ging es in Rauch und Flammen auf . - - Wieder raffte er sich auf - - - in wilder Hast ging ' s über die Heide . - Als er am Walde vorübereilte , war es ihm , als sähe er einen Schatten an sich vorüberhuschen , der bei seinem Nahen platt auf die Erde sank . Er achtete kaum darauf . Weiter - rette , was zu retten ist ! - Vom Hofe her drang wirres Geschrei ihm entgegen . - Die Knechte liefen wild durcheinander , die Mägde rangen die Hände - die Schwestern liefen umher und schrien seinen Namen . - Das Dorf war eben erwacht ... Die Landstraße füllte sich mit Menschen ... Wasserkiewen wurden herangeschleppt , auch eine morsche Spritze kam dahergewackelt . - » Wo ist der Herr ? « schrie er den Knechten entgegen . » Wird eben ' reingetragen - hat ' n Bein gebrochen , « lautete die Antwort . - Unglück über Unglück ! » Laßt die Scheune brennen ! - « schrie er anderen zu , die gänzlich kopflos ein paar winzige Eimer Wasser in die Glut hineingossen . » Rettet das Vieh - gebt acht , daß sie nicht in die Flammen rennen ! « Drei , vier Mann eilten in den Stall . » Ihr andern ans Wohnhaus - tragt nichts heraus . « » Nichts heraustragen ! « wiederholte er , ein paar Fremden die Sachen aus der Hand reißend , die sie eben aus dem Innern schleppten . » Aber wir wollen retten . « » Rettet das Haus ! « - - - Er eilte die Treppe hinan . Im Vorübereilen sah er die Mutter stumm und tränenlos neben dem Vater sitzen , der wimmernd auf dem Sofa lag . Durch eine Luke sprang er auf das Dach . » Den Schlauch her ! « Auf eine Heugabel gespießt , reichte man ihm die metallene Spitze . Zischend glitt der Wasserstrahl über die erhitzten Ziegel . Er ritt auf dem Dachfirst , seine Kleider erhitzten sich , in sein Haar setzten sich glimmende Körner , die von der Scheune herübersprühten , auf Antlitz und Händen fanden sich kleine kohlende Wunden . Er fühlte nichts , was seinem Leibe geschah , doch sah und hörte er alles rings um sich her - seine Sinne schienen vervielfältigt . - - Er sah die Garben in feuriger Lohe hoch auf zum Himmel spritzen und in prächtiger Wölbung herniedersinken - er sah die Pferde und Kühe auf die Weide hinausjagen , wo sie zwischen den Zäunen sicher geborgen waren - er sah den Hund , halb versengt von der Glut , heulend an der Kette zerren . - » Macht den Hund los ! « schrie er hinunter . - Er sah kleine zierliche Flämmchen in bläulichem Flimmerschein von dem Giebel der Scheune zum benachbarten Schuppen hinübertänzeln . - - » Der Schuppen brennt , « schrie er hinunter . » Rettet , was darin ist . « - Ein paar Leute eilten fort , die Wagen ins Freie zu ziehen . - Und inzwischen sauste und zischte der Wasserstrahl übers Dach und bohrte sich in die Sparren und tastete unter den Ziegeln . - Kleine weiße Wölkchen stiegen vor ihm auf und verschwanden , um an anderer Stelle wieder zu erscheinen . Da plötzlich fiel ihm die » schwarze Suse « ein , die im hintersten Winkel des Schuppens zwischen altem Gerümpel vergraben stand . - Ein Stich fuhr ihm durch die Brust . - Soll nun auch sie zugrunde gehen , auf die sein Herz von jeher hoffte ? - » Rettet die Lokomobile ! « schrie er hinunter . Aber niemand verstand ihn . Die Begier , der » schwarzen Suse « Hilfe zu bringen , packte ihn so mächtig , daß ihm einen Augenblick zumute war , als müßte er selbst das Wohnhaus darangeben . » Ablösung ' rauf ! « schrie er in die Menschenmasse hinunter , die zum größeren Teile untätig gaffend dastand . Ein stämmiger Maurer aus dem Dorfe kam emporgeklettert , deckte die Dachpfannen ab und bahnte sich so einen Pfad bis zum Firste empor . Ihm reichte Paul den Schlauch und glitt hinunter - innerlich verwundert , daß er sich nicht Arm und Bein gebrochen hatte . Dann drang er in den Schuppen , aus dem schon erstickender Rauch ihm entgegenwirbelte . » Wer kommt mit ? « schrie er . Zwei Tagelöhner aus dem Dorfe meldeten sich . » Vorwärts ! « Hinein in Qualm und Flammen ging ' s. » Hier ist die Deichsel - angefaßt - rasch hinaus . « Krachend und polternd schwankte die Lokomobile auf den Hof hinaus . Hinter ihr und ihren Rettern brach das Dach des Schuppens zusammen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Morgen graute . Der bläuliche Dämmerschein vermischte sich mit dem Rauch der Trümmer , aus denen die Flammen hie und da emporzuckten , um sofort müde zusammenzusinken . Die Menge hatte sich verlaufen . Unheimliche Stille lastete auf dem Hofe , nur von dem Brandplatz her kam ein leises Knirschen und Fauchen , als ob die Flammen vor dem Verlöschen noch einmal murmelnde Zwiesprache hielten . » So , « sagte Paul , » jetzt wären wir so weit ! « Wohnhaus und Stall samt allem Lebendigen waren gerettet . Scheune und Schuppen lagen in Asche . » Jetzt sind wir genauso arm , wie wir vor zwanzig Jahren waren , « meditierte er , indem er seine Wunden streichelte , » und hätt ' ich mich nicht ' rumgetrieben , es wäre vielleicht alles ungeschehen geblieben . « Als er die Laube betrat , die die Haustür umrahmte , fand er die Mutter mit gefalteten Händen in einer Ecke zusammengekauert . - Über ihre Wangen zogen sich tiefe Rinnen , und ihre Augen starrten ins Leere , als sähe sie noch immer die Flammen züngeln . » Mutter , « rief er angstvoll , denn er fürchtete , daß sie nicht fern von Wahnsinn wäre . Da nickte sie ein paarmal und meinte : » Ja , ja , so geht ' s ! « » Es wird auch wieder bessergehen , Mutter , « rief er . Sie sah ihn an und lächelte . Es schnitt ihm ins Herz , dieses Lächeln . » Der Vater hat mich eben hinausgejagt , « sagte sie , » ich bitte dich herzlich , jag du mich nicht auch hinaus . « » Mutter , um Jesu willen , red nicht so ! « » Sieh mal , Paul , ich bin wirklich nicht schuld daran , « sagte sie und sah mit flehendem Ausdruck zu ihm empor , » ich gehe nie mit Licht in die Scheune . « » Aber wer sagt denn das ? « » Der Vater sagt , ich sei an allem schuld , ich soll mich zum Teufel scheren . - - Aber tu ihm nichts , Paul , « bat sie voll Angst , als sie ihn auffahren sah , » pack ihn nicht wieder an , er hat so große Schmerzen . « » Der Doktor kommt in einer Stunde , ich hab ' schon nach ihm geschickt . « » Geh zum Vater , Paul , und tröst ihn ... ich möchte ja selber gern , aber mich hat er hinausgejagt , « und sich wieder zusammenkauernd , murmelte sie vor sich hin : » ' rausgejagt hat er mich - ' rausgejagt . « 15 Unsagbares Elend war über den Heidehof hereingebrochen . In dem Wohnzimmer lag der Vater auf seinem Schmerzenslager und wimmerte und schalt und verfluchte die Stunde seiner Geburt . In weicheren Stunden ergriff er die Hand seines Weibes , bat sie tränenden Auges um Verzeihung , daß er ihr Schicksal an sein verdorbenes Leben gekettet , und versprach , sie in Zukunft reich und glücklich zu machen . Reich vor allem - reich ! Es war zu spät . Seine milden Worte machten keinen Eindruck mehr auf sie , ihr angstgequältes Herz hörte aus ihnen heraus schon die Scheltreden grollen , die ihnen , wie immer , folgen mußten . Mit welken Wangen und erloschenen Augen schlich sie einher , ohne je einen Laut der Klage von sich zu geben , doppelt erbarmenswert in ihrem Schweigen . Aber mit ihr hatte niemand Erbarmen , selbst Gott und das ewige Schicksal nicht . Sie wurde müder von Tag zu Tag , auf ihrer bleichen , blaugeäderten Stirn schien bereits der Stempel des Todes zu brennen , und das Glück , das lebenslang ersehnte , war ferner denn je . Der einzige , der imstande gewesen wäre , ihr beizustehen , war Paul , allein der stahl sich wie ein Verbrecher um sie herum , er wagte kaum , ihr zum Morgengruß die Hand zu reichen , und wenn sie ihn ansah , schlug er das Auge nieder . Wäre sie minder stumpf und grambeladen gewesen , so hätte sie aus seinem absonderlichen Gebaren irgendeinen Verdacht schöpfen müssen , aber alles , was sie in ihrem Jammer empfand , war nur , daß sein Trost ihr fehlte . Einmal in der Dämmerung , als er , wie gewöhnlich zur Feierstunde , in dem Schutt der Brandstelle herumwühlte , ging sie ihm nach , setzte sich neben ihn auf das zerbröckelnde Fundament und versuchte ein Gespräch mit ihm zu beginnen , aber er wich ihr aus , wie er auch sonst getan . » Paul , sei nicht so hart zu mir , « bat sie da , und ihre Augen füllten sich mit Wasser . » Ich tu ' dir ja nichts , Mutter , « sagte er und biß die Zähne zusammen . » Paul , du hast etwas gegen mich ! « » Nein , Mutter ! « » Glaubst du , ich sei schuld am Brande ? « Da schrie er laut auf , umklammerte ihre Knie und weinte wie ein Kind , doch als sie sein Haar streicheln wollte , die einzige Liebkosung , die sonst zwischen ihnen gang und gäbe gewesen , da sprang er auf , stieß sie zurück und rief : » Rühr mich nicht an , Mutter - ich bin ' s nicht wert ! « Darauf wandte er ihr den Rücken und schritt auf die Heide hinaus . Seit dem Augenblick , da er nach dem Brande zum erstenmal erwacht war , hatte sich eine fixe Idee seiner bemächtigt , die ihn nicht mehr aus ihrem Banne ließ , die fixe Idee : daß er , er allein , an allem die Schuld trüge . » Hätt ' ich mich nicht ' rumgetrieben , « so sagte er sich , » hätt ' ich das Haus bewacht , wie ' s meine Pflicht war , das Unglück hätte nie und nimmer geschehen können . « All sein geheimes Sehnen erschien ihm nun wie ein Verbrechen , das er am Vaterhause begangen hatte . Wie Jesus auf Gethsemane , so rang er mit seinem Herzen , Sühne sind Vergebung zu finden . - Aber nirgends ließ die Angst ihm Ruhe . Zu allen Stunden tanzten die Flammen vor seinen Augen , und wenn er sich abends zu Bette legte und beklommen in das Dunkel starrte , dann war ' s ihm , als sähe er aus allen Ritzen feurige Zungen sich ausstrecken , als hüllten statt der Schatten der Nacht Wolken schwarzen Qualms ihn ein . Über den Urheber des Brandes hatte er sich noch keine Gedanken machen können ; die Sorgen , die aufs neue über ihn hereinbrachen , waren zu groß , als daß er der Rache hätte Raum gönnen dürfen . - Es fehlte am Nötigsten , kaum das Geld für den Apotheker ließ sich noch auftreiben . Er sann und rechnete tags und nachts und entwarf große Feldzugspläne , die notwendigste Barschaft herbeizuschaffen . Auch an die Brüder schrieb er , ob sie ihm vielleicht durch ihren Einfluß gegen mäßige Zinsen ein paar hundert Taler besorgen könnten . Sie antworteten tieftraurig , daß sie selbst so mit Schulden beladen wären , daß sie unmöglich noch auf Kredit rechnen dürften . Gottfried , der Lehrer , hatte sich zwar vor kurzem mit einer wohlhabenden jungen Dame verlobt , und Paul war überzeugt , daß es ihm nicht schwerfallen könnte , ihre Familie zur Darleihung einer mäßigen Summe zu bewegen , aber er hielt dafür , daß die Würde seiner Stellung durch eine solche Bitte leiden würde ; er müsse fürchten , meinte er , sich bei seinem Schwiegervater zu kompromittieren , wenn er ihm seine wahren Verhältnisse vorzeitig enthüllte . Ein Segen war es bei alledem , daß die Rapsernte bereits verkauft und abgeliefert war und daß die Kartoffeln zum größten Teile noch in der Erde steckten . - So ließen sich kleine Barschaften erzielen , die zur Deckung der dringendsten Aufgaben hinreichten . Freilich , wie an einen Wiederaufbau der Scheune zu denken war ? - Inmitten der traurigen Trümmer , von verkohlten Balken und zerfallenden Mauern umgeben , stand hochaufgerichtet mit ihrem rußigen Leibe und ihrem schlanken Halse die » schwarze Suse « , das einzige Stück , das - von ein paar elenden Arbeitswagen abgesehen - aus dem Untergang gerettet worden war . Die Zwillinge , die in dieser trüben Zeit viel von ihrer Munterkeit verloren hatten und nur in heimlichen Winkeln kosten und kicherten , gingen scheu um sie herum , und als der Vater sich zum erstenmal von seinem Lager aufrichtete und das schwarze Ungetüm durch das Fenster glotzen sah , ballte er die Fäuste und schrie : » Warum hat man das Biest nicht