dahin immer in derselben Richtung gegangen war , von ihrem Herdfeuer auf und erschrak , als sie der Veränderung in Lenens Gesicht gewahr wurde . » Lene , Kind , was hast du ? Lene , wie siehst du nur aus ? « Und so schwer beweglich sie sonsten war , heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fußbank los und suchte nach dem Krug , um die noch immer wie halbtot Dasitzende mit Wasser zu besprengen . Aber der Krug war leer , und so humpelte sie nach dem Flur und vom Flur nach Hof und Garten hinaus , um die gute Frau Dörr zu rufen , die gerade Goldlack und Jelänger-jelieber abschnitt , um Marktsträuße daraus zu binden . Ihr Alter aber stand neben ihr und sagte : » Nimm nicht wieder zuviel Strippe . « Frau Dörr , als sie das jämmerliche Rufen der alten Frau von fernher hörte , verfärbte sich und antwortete mit lauter Stimme : » Komme schon , Mutter Nimptsch , komme schon « , und alles wegwerfend , was sie von Blumen und Bast in der Hand hatte , lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu , weil sie sich sagte , daß da was los sein müsse . » Richtig , dacht ich ' s doch ... Leneken . « Und dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor leblos Dasitzende , während die Alte langsam nachkam und über den Flur hinschlurrte . » Wir müssen sie zu Bett bringen « , rief Frau Dörr , und die Nimptsch wollte selber mit anfassen . Aber so war das » wir « der stattlichen Frau Dörr nicht gemeint gewesen . » Ich mache so was allein , Mutter Nimptsch « , und Lenen in ihre Arme nehmend , trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu . » So , Mutter Nimptsch . Nu ' ne heiße Stürze . Das kenn ich , das kommt von ' s Blut . Erst ' ne Stürze un denn ' n Ziegelstein an die Fußsohlen ; aber grad untern Spann , da sitzt das Leben ... Wovon is es denn eigentlich ? Is gewiß ' ne Altration . « » Weiß nich . Sie hat nichts gesagt . Aber ich denke mir , daß sie ' n vielleicht gesehn hat . « » Richtig . Das is es . Das kenn ich ... Aber nu die Fenster zu un runter mit ' s Rollo ... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen , aber Kampfer schwächt so und is eigentlich bloß für Motten . Nein , liebe Nimptschen , was ' ne Natur is un noch dazu solche junge , die muß sich immer selber helfen , un darum bin ich für schwitzen . Aber orntlich . Un wovon kommt es ? Von die Männer kommt es . Un doch hat man sie nötig un braucht sie ... Na , sie kriegt ja schon wieder Farbe . « » Wolln wir nich lieber nach ' n Doktor schicken ? « » I , Jott bewahre . Die kutschieren jetzt rum , un eh einer kommt , is sie schon dreimal dod und lebendig . « Siebzehntes Kapitel Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen , während welcher Zeit sich manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert hatte , nur nicht in dem in der Landgrafenstraße . Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter , der Frohmut der Flitterwochen war geblieben , und Käthe lachte nach wie vor . Was andere junge Frauen vielleicht betrübt hätte : daß das Paar einfach ein Paar blieb , wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfanden . Sie lebte so gern und fand an Putz und Plaudern , an Reiten und Fahren ein so volles Genüge , daß sie vor einer Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak als sie herbeiwünschte . Der Sinn für Familie , geschweige die Sehnsucht danach , war ihr noch nicht aufgegangen , und als die Mama brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte , schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück : » Sorge Dich nicht , Mama . Bothos Bruder hat sich ja nun ebenfalls verlobt , in einem halben Jahr ist Hochzeit , und ich überlaß es gern meiner zukünftigen Schwägerin , sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker angelegen sein zu lassen . « Botho sah es anders an , aber auch sein Glück wurde durch das , was fehlte , nicht sonderlich getrübt , und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte , so war es , wie schon damals auf seiner Dresdener Hochzeitsreise , vorwiegend darüber , daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges , aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war . Sie war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern , aber auch das Beste , was sie sagte , war oberflächlich und » spielrig « , als ob sie der Fähigkeit entbehrt hätte , zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden . Und was das schlimmste war , sie betrachtete das alles als einen Vorzug , wußte sich was damit und dachte nicht daran , es abzulegen . » Aber , Käthe , Käthe « , rief Botho dann wohl und ließ in diesem Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen , ihr glückliches Naturell aber wußt ihn immer wieder zu entwaffnen , ja , so sehr , daß er sich mit dem Anspruch , den er erhob , fast pedantisch vorkam . Lene mit ihrer Einfachheit , Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele , schwand aber ebenso rasch wieder hin , und nur wenn Zufälligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen , kam ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit . Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer , als das junge Paar , von einem Diner bei Graf Alten zurückgekehrt , auf dem Balkon saß und seinen Tee nahm . Käthe lag zurückgelehnt in ihrem Stuhl und ließ sich aus der Zeitung einen mit Zahlenangaben reich gespickten Artikel über Pfarr- und Stolgebühren vorlesen . Eigentlich verstand sie wenig davon , um so weniger , als die vielen Zahlen sie störten , aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu , weil alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend » bei Predigers « zubringen und so den Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren . So war es auch heut . Endlich brach der Abend herein , und im selben Augenblicke , wo ' s dunkelte , begann drüben im » Zoologischen « das Konzert , und ein entzückender Straußscher Walzer klang herüber . » Höre nur , Botho « , sagte Käthe , sich aufrichtend , während sie voll Übermut hinzusetzte : » Komm , laß uns tanzen . « Und ohne seine Zustimmung abzuwarten , zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höh und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer hinein und in diesem noch ein paar Mal herum . Dann gab sie ihm einen Kuß und sagte , während sie sich an ihn schmiegte : » Weißt du , Botho , so wundervoll hab ich noch nie getanzt , auch nicht auf meinem ersten Ball , den ich noch bei der Zülow mitmachte , ja , daß ich ' s nur gestehe , noch eh ich eingesegnet war . Onkel Osten nahm mich auf seine Verantwortung mit , und die Mama weiß es bis diesen Tag nicht . Aber selbst da war es nicht so schön wie heut . Und doch ist verbotene Frucht die schönste . Nicht wahr ? Aber du sagst ja nichts , du bist ja verlegen , Botho . Sieh , so ertapp ich dich mal wieder . « Er wollte , so gut es ging , etwas sagen , aber sie ließ ihn nicht dazu kommen . » Ich glaube wirklich , Botho , meine Schwester Ine hat es dir angetan , und du darfst mich nicht damit trösten wollen , sie sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber hinaus . Das sind immer die gefährlichsten . Ist es nicht so ? Nun ich will nichts gesehen haben , und ich gönn es ihr und dir . Aber auf alte , ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig , viel , viel eifersüchtiger als auf neue . « » Sonderbar « , sagte Botho und versuchte zu lachen . » Und doch am Ende nicht so sonderbar , wie ' s aussieht « , fuhr Käthe fort . » Sieh , neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen , und es muß schon schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein , wenn man gar nichts merken und so reinweg betrogen werden soll . Aber alte Geschichten , da hört alle Kontrolle auf , da kann es tausend und drei geben , und man weiß es kaum . « » Und was man nicht weiß ... « » Kann einen doch heiß machen . Aber lassen wir ' s , und lies mir lieber weiter aus deiner Zeitung vor . Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen , und die gute Frau versteht es nicht . Und der Älteste soll jetzt gerade studieren . « Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Bothos Seele mit den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf , aber sie selbst sah er nicht , was ihm auffiel , weil er ja wußte , daß sie halbe Nachbarn waren . Es fiel ihm auf und wär ihm doch leicht erklärlich gewesen , wenn er rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte , daß Frau Nimptsch und Lene gar nicht mehr an alter Stelle zu finden seien . Und doch war es so . Von dem Tag an , wo Lene dem jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war , hatte sie der Alten erklärt , in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können , und als Mutter Nimptsch , die sonst nie widersprach , den Kopf geschüttelt und geweimert und in einem fort auf den Herd hingewiesen hatte , hatte Lene gesagt : » Mutter , du kennst mich doch . Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen ; du sollst alles wieder haben ; ich habe das Geld dazu gespart , und wenn ich ' s nicht hätte , so wollt ich arbeiten , bis es beisammen wär . Aber hier müssen wir fort . Ich muß jeden Tag da vorbei , das halt ich nicht aus , Mutter . Ich gönn ihm sein Glück , ja mehr noch , ich freue mich , daß er ' s hat . Gott ist mein Zeuge , denn er war ein guter , lieber Mensch und hat mir zu Liebe gelebt und kein Hochmut und keine Haberei . Und daß ich ' s rundheraus sage , trotzdem ich die feinen Herren nicht leiden kann , ein richtiger Edelmann , so recht einer , der das Herz auf dem rechten Flecke hat . Ja , mein einziger Botho , du sollst glücklich sein , so glücklich , wie du ' s verdienst . Aber ich kann es nicht sehn , Mutter , ich muß weg hier , denn sowie ich zehn Schritte gehe , denk ich , er steht vor mir . Und da bin ich in einem ewigen Zittern . Nein , nein , das geht nicht . Aber deine Herdstelle sollst du haben . Das versprech ich dir , ich , deine Lene . « Nach diesem Gespräche war seitens der Alten aller Widerstand aufgegeben worden , und auch Frau Dörr hatte gesagt : » Versteht sich , ihr müßt ausziehen . Und dem alten Geizkragen , dem Dörr , dem gönn ich ' s. Immer hat er mir was vorgebrummt , daß ihr zu billig einsäßt und daß nich die Steuer un die Repratur dabei rauskäme . Nu mag er sich freuen , wenn ihm alles leer steht . Und so wird ' s kommen . Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten , wo jeder Kater ins Fenster kuckt un kein Gas nich un keine Wasserleitung . I , versteht sich ; ihr habt ja vierteljährliche Kündigung , und Ostern könnt ihr raus , da helfen ihm keine Sperenzchen . Und ich freue mich ordentlich ; ja , Lene , so schlecht bin ich . Aber ich muß auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen . Denn wenn du weg bist , Kind , und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer kochend Wasser , ja , Lene , was hab ich denn noch ? Doch bloß ihn un Sultan und den dummen Jungen , der immer dummer wird . Un sonst keinen Menschen nich . Und wenn ' s denn kalt wird und Schnee fällt , is es mitunter zum katholisch werden vor lauter Stillsitzen und Einsamkeit . « Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen , als der Umzugsplan in Lene feststand , und als Ostern herankam , war wirklich ein Möbelwagen vorgefahren , um aufzuladen , was an Habseligkeiten da war . Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen , und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis an das Luisen-Ufer gefahren worden , wo Lene , drei Treppen hoch , eine kleine Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbeln angeschafft , sondern , in Erinnerung an ihr Versprechen , vor allem auch für einen an den großen Vorderzimmerofen angebauten Kamin gesorgt hatte . Seitens des Wirts waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden , » weil solch Vorbau den Ofen ruiniere « . Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe darauf bestanden , was dem Wirt , einem alten braven Tischlermeister , dem so was gefiel , einen großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte . Beide wohnten nun ziemlich ebenso , wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause gewohnt hatten , nur mit dem Unterschiede , daß sie jetzt drei Treppen hoch saßen und statt auf die phantastischen Türme des Elefantenhauses auf die hübsche Kuppel der Michaelskirche sahen . Ja , der Blick , dessen sie sich erfreuten , war entzückend und so schön und frei , daß er selbst auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptsch einen Einfluß gewann und sie bestimmte , nicht mehr bloß auf der Fußbank am Feuer , sondern , wenn die Sonne schien , auch am offenen Fenster zu sitzen , wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte . Das alles tat der alten Frau Nimptsch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf , so daß sie , seit dem Wohnungswechsel , weniger an Reißen litt als draußen in dem Dörrschen Gartenhause , das , so poetisch es lag , nicht viel besser als ein Keller gewesen war . Im übrigen verging keine Woche , wo nicht , trotz des endlos weiten Weges , Frau Dörr vom » Zoologischen « her am Luisen-Ufer erschienen wäre , bloß » um zu sehen , wie ' s stehe « . Sie sprach dann , nach Art aller Berliner Ehefrauen , ausschließlich von ihrem Manne , dabei regelmäßig einen Ton anschlagend , als ob die Verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre . In Wahrheit aber stand es so , daß sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte , sondern sich auch freute , daß Dörr gerade so war , wie er war . Denn sie hatte nur Vorteile davon , einmal den , beständig reicher zu werden , und nebenher den zweiten , ihr ebenso wichtigen , ohne jede Gefahr vor Änderung und Vermögenseinbuße sich unausgesetzt über den alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung machen zu können . Ja , Dörr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen , und Lene , wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonst wo in der Stadt war , lachte jedesmal herzlich mit und um so herzlicher , als sie sich , ebenso wie die Nimptsch , seit dem Umzuge sichtlich erholt hatte . Das Einrichten , Anschaffen und Instandsetzen hatte sie , wie sich denken läßt , von Anfang an von ihren Betrachtungen abgezogen , und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht von Vorteil gewesen war , war das , daß sie nun keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho zu haben brauchte . Wer kam nach dem Luisen-Ufer ? Botho gewiß nicht . All das vereinigte sich , sie vergleichsweise wieder frisch und munter erscheinen zu lassen , und nur eines war geblieben , das auch äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte : mitten durch ihr Scheitelhaar zog sich eine weiße Strähne . Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafür oder machte nicht viel davon , die Dörr aber , die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem ungemein stolz auf ihren echten Zopf war , sah die weiße Strähne gleich und sagte zu Lene : » Jott , Lene . Un grade links . Aber natürlich ... da sitzt es ja ... , links muß es ja sein . « Es war bald nach dem Umzuge , daß dies Gespräch geführt wurde . Sonst geschah im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwähnung , was einfach darin seinen Grund hatte , daß Lene , wenn die Plauderei speziell diesem Thema sich zuwandte , jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus dem Zimmer ging . Das hatte sich die Dörr , als es Mal auf Mal wiederkehrte , gemerkt , und so schwieg sie denn über Dinge , von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte . So ging es ein Jahr lang , und als das Jahr um war , war noch ein anderer Grund da , der es nicht rätlich erscheinen ließ , auf die alten Geschichten zurückzukommen . Nebenan nämlich war , Wand an Wand mit der Nimptsch , ein Mieter eingezogen , der , von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend , bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach . Er kam jeden Abend und plauderte , so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte , wo Dörr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte , nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war : ein ordentlicher und gebildeter Mann , von nicht gerade feinen , aber sehr anständigen Manieren , dabei guter Unterhalter , der , wenn Lene mit zugegen war , von allerlei städtischen Angelegenheiten , von Schulen , Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte . Traf es sich , daß er mit der Alten allein war , so verdroß ihn auch das nicht , und er spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine Patience legen , trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute . Denn er war ein Konventikler und hatte , nachdem er erst bei den Mennoniten und dann später bei den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte , neuerdings eine selbständige Sekte gestiftet . Wie sich denken läßt , erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr , die denn auch nicht müde wurde , Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen , aber immer nur , wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei Besorgungen hatte . » Sagen Sie , liebe Frau Nimptsch , was is er denn eigentlich ? Ich habe nachgeschlagen , aber er steht noch nich drin ; Dörr hat bloß immer den vorjährigen . Franke heißt er ? « » Ja , Franke . « » Franke . Da war mal einer in der Ohmgasse , Großböttchermeister , und hatte bloß ein Auge ; das heißt , das andre war auch noch da , man bloß ganz weiß und sah eigentlich aus wie ' ne Fischblase . Un wovon war es ? Ein Reifen , als er ihn umlegen wollte , war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge . Davon war es . Ob er von da herstammt ? « » Nein , Frau Dörr , er is gar nich von hier . Er is aus Bremen . « » Ach so . Na denn is es ja ganz natürlich . « Frau Nimptsch nickte zustimmend , ohne sich über diese Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu lassen , und fuhr ihrerseits fort : » Un von Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage . Da ging er hin . Un er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter , aber als er sah , daß es nich ging , wurd er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben . Un weil er so gut predigte , wurd er angestellt bei ... Ja , nun hab ich es wieder vergessen . Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige . « » Herr du meine Güte « , sagte Frau Dörr . » Er wird doch nich ... Jott , wie heißen sie doch , die so viele Frauen haben , immer gleich sechs oder sieben und manche noch mehre ... Ich weiß nich , was sie mit so viele machen . « Es war ein Thema , wie geschaffen für Frau Dörr . Aber die Nimptsch beruhigte die Freundin und sagte : » Nein , liebe Dörr , es is doch anders . Ich hab erst auch so was gedacht , aber da hat er gelacht und gesagt : I bewahre , Frau Nimptsch . Ich bin Junggesell . Und wenn ich mich verheirate , da denk ich mir , eine ist grade genug . « » Na , da fällt mir ein Stein vom Herzen « , sagte die Dörr . » Und wie kam es denn nachher ? Ich meine drüben in Amerika . « » Nu , nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange , so war ihm geholfen . Denn was die Frommen sind , die helfen sich immer untereinander . Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder . Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Köpnicker Straße , wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne und alles , was sie für den Gas brauchen . Und er ist da der oberste , so wie Zimmer- oder Mauerpolier , un hat wohl hundert unter sich . Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh . Un hat auch ein gutes Gehalt . « » Un Lene ? « » Nu , Lene , die nähm ihn schon . Und warum auch nich ? Aber sie kann ja den Mund nich halten , und wenn er kommt und ihr was sagt , dann wird sie ihm alles erzählen , all die alten Geschichten , erst die mit Kuhlwein ( un is doch nu schon so lang , als wär ' s eigentlich gar nich gewesen ) und denn die mit dem Baron . Und Franke , müssen Sie wissen , ist ein feiner un anständiger Mann , un eigentlich schon ein Herr . « » Wir müssen es ihr ausreden . Er braucht ja nich alles zu wissen ; wozu denn ? wir wissen ja auch nich alles . « » Woll , woll . Aber die Lene ... « Achtzehntes Kapitel Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin waren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen , und Mutter und Schwiegermutter , die sich mit jedem Tage mehr einredeten , ihre Käthe blasser , blutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben , hatten , wie sich denken läßt , nicht aufgehört , auf einen Spezialarzt zu dringen , mit dessen Hilfe , nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen , eine vierwöchentliche Schlangenader Kur als vorläufig unerläßlich festgesetzt worden war . Schwalbach könne dann folgen . Käthe hatte gelacht und nichts davon wissen wollen , am wenigsten von Schlangenbad , » es sei so was Unheimliches in dem Namen und sie fühle schon die Viper an der Brust « , aber schließlich hatte sie nachgegeben und in den nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden die größer war als die , die sie sich von der Kur versprach . Sie fuhr täglich in die Stadt , um Einkäufe zu machen , und wurde nicht müde , zu versichern , wie sie jetzt erst das so hoch in Gunst und Geltung stehende » shopping « der englischen Damen begreifen lerne : so von Laden zu Laden zu wandern und immer hübsche Sachen und höfliche Menschen zu finden , das sei doch wirklich ein Vergnügen und lehrreich dazu , weil man so vieles sehe , was man gar nicht kenne , ja , wovon man bis dahin nicht einmal den Namen gehört hätte . Botho nahm in der Regel an diesen Gängen und Ausfahrten teil , und ehe die letzte Juniwoche heran war , war die halbe Rienäckersche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt : ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag , den Botho , nicht ganz mit Unrecht , den Sarg seines Vermögens nannte , leitete den Reigen ein , dann kamen zwei kleinere von Juchtenleder samt Taschen , Decken und Kissen , und über das Sofa hin ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit einem Staubmantel obenan und einem Paar wundervoller dicksohliger Schnürstiefel , als ob es sich um irgendeine Gletscherpartie gehandelt hätte . Den 24. Juni , Johannistag , sollte die Reise beginnen , aber am Tage vorher wollte Käthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln , und so waren denn Wedell und ein junger Osten und selbstverständlich auch Pitt und Serge zu verhältnismäßig früher Stunde geladen worden . Dazu Käthes besonderer Liebling Balafré , der , bei Mars-la-Tour , damals noch als » Halberstädter « , die große Attacke mitgeritten und wegen eines wahren Prachthiebes schräg über Stirn und Backe seinen Beinamen erhalten hatte . Käthe saß zwischen Wedell und Balafré und sah nicht aus , als ob sie Schlangenbads oder irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei , sie hatte Farbe , lachte , tat hundert Fragen und begnügte sich , wenn der Gefragte zu sprechen anhob , mit einem Minimum von Antwort . Eigentlich führte sie das Wort , und keiner nahm Anstoß daran , weil sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte . Balafré fragte , wie sie sich ihr Leben in den Kurtagen denke . Schlangenbad sei nicht bloß wegen seiner Heilwunder , sondern viel , viel mehr noch wegen seiner Langenweile berühmt , und vier Wochen Bade-Langeweile seien selbst unter den günstigsten Kurverhältnissen etwas viel . » Oh , lieber Balafré « , sagte Käthe , » Sie dürfen mich nicht ängstigen und würden es auch nicht , wenn Sie wüßten , wieviel Botho für mich getan hat . Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt , und damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze , hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan . « Balafré lachte . » Ja , Sie lachen , lieber Freund , und wissen doch erst die kleinere Hälfte , die Haupthälfte ( Botho tut nämlich nichts ohne Grund und Ursache ) ist seine Motivierung . Es war natürlich bloß Scherz , was ich da vorhin von meiner mit Hilfe der Fischzuchtsbroschüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte , das Ernste von der Sache lief darauf hinaus , ich müsse dergleichen , die Broschüre nämlich , endlich lesen , und zwar aus Lokalpatriotismus , denn die Neumark , unsere gemeinsame glückliche Heimat , sei seit Jahr und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte der künstlichen Fischzucht , und wenn ich von diesem national-ökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte , so dürft ich mich jenseits der Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen , am allerwenigsten aber in Berneuchen , bei meinem Vetter Borne . « Botho wollte das Wort nehmen , aber sie schnitt es ihm ab und fuhr fort : » Ich weiß , was du sagen willst und daß es wenigstens mit den acht Novellen nur so für alle Fälle sei . Gewiß , gewiß , du bist immer so schrecklich vorsichtig . Aber ich denke , alle Fälle sollen gar nicht kommen . Ich hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner Schwester Ine , die mir schrieb , Anna Grävenitz sei seit acht Tagen auch da . Sie kennen sie ja , Wedell , eine geborene Rohr , charmante Blondine , mit der ich bei der alten Zülow in Pension und sogar in derselben Klasse war . Und ich entsinne mich noch , wie wir unsern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten , bis die gute alte Zülow sagte , sie verbäte sich solchen Unsinn . Und Elly Winterfeld , wie mir Ine schreibt , käme wahrscheinlich auch . Und nun sag ich mir , in Gesellschaft von zwei reizenden jungen Frauen - und ich als dritte , wenn auch mit den beiden andern gar nicht zu vergleichen - , in so guter Gesellschaft , sag ich , muß man doch am Ende leben können . Nicht wahr , lieber Balafré ? « Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel , das in allem , nur nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen irgendwen sonst in der Welt , seine Zustimmung ausdrücken sollte , nahm aber nichtsdestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte : » Wenn ich Details hören könnte , meine Gnädigste ! Das einzelne , sozusagen , die Minute , bestimmt unser Glück und Unglück . Und der Tag hat der Minuten so viele . « » Nun , ich denk es mir so . Jeden Morgen Briefe . Dann Promenadenkonzert und Spaziergang mit den zwei Damen , am