Knecht sein weil ich die Sandgruben hab . So sollen mich die Klosterfrauen zu dir erlauben . « Auch an seine Mutter schrieb Pavel noch an demselben Abend und teilte ihr mit , daß sie , wenn ihre Strafzeit verflossen sein werde , eine Unterkunft bei ihm finden könne . Von der Mutter kam auch bald ein Brief voll Liebe , Dank und Sehnsucht ; die Antwort Miladas ließ lange auf sich warten und brachte , als sie eintraf , eine herbe Enttäuschung . » Lieber Pavel , ich habe immer gewußt , daß du unschuldig bist « - hieß es in dem Schreiben - , » und mich gefreut und Gott gedankt , daß er dich würdigt , unschuldig zu leiden nach dem Vorbild unseres süßen Heilands . Und jetzt muß ich dir etwas sagen , lieber Pavel . Ich habe dich lange nicht gesehen , aber das war nur Gehorsam und kein freiwilliges Opfer , das hat mein Erlöser mir nicht angerechnet . Jetzt hat die ehrwürdige Frau Oberin erlaubt , daß du mich besuchst , und jetzt erst kann ich ein freiwilliges Opfer bringen . Ich tu ' s , Pavel , und bitte dich , lieber Pavel , komm nicht zu mir , warte noch ein Jahr , warte ohne Murren , denn nur das Opfer , das wir freudig zu Füßen des Kreuzes niederlegen , ist ein Gott wohlgefälliges und wird von Ihm denen angerechnet , für welche wir es darbringen . Laß uns freudig entsagen , du weißt , daß wir es für die Seelen unserer Eltern tun , die keine andern Fürsprecher als uns bei ihrem ewigen Richter haben . Komm also nicht . Wenn du aber dennoch kämst , lieber , lieber Pavel , es wäre umsonst-mich würdest du nicht sehen , ich würde die guten Klosterfrauen bitten , mich vor dir zu verstecken , du würdest wieder fortgehen , hättest mich nicht gesehen und mir das Herz nur unendlich schwer gemacht , denn ich habe dich lieb , mein lieber Pavel , gewiß lieber , als du dich selber hast . « » Was schreibt denn deine Schwester ? « fragte Habrecht , der den Burschen mit betroffener Miene auf das Blatt niederstarren sah , dessen schöne regelmäßige Schriftzüge er langsam entziffert hatte Pavel beugte sich plötzlich vor , große Tränen stürzten aus seinen Augen . » Was schreibt sie ? « wiederholte der Lehrer , erhielt keine Antwort und fragte nicht mehr ; er wußte ja bereits aus Erfahrung , wenn der Mensch etwas verschweigen will , dann gilbt es keine Macht auf Erden , die ihm sein Geheimnis entreißt . Als das Frühjahr kam , schlug Pavel in einer Reihe von mondhellen Nächten die Ziegel zu seinem Bau . Mehr als einmal fand er , am Abend aus der Fabrik heimkehrend , seine Arbeit zerstört . Kleine Füße waren über die noch weichen Ziegel gelaufen und hatten sie unbrauchbar gemacht . Pavel lauerte den Übeltätern auf , erwischte sie und führte sie dem Pfarrer vor . Es wurde ihnen eine Ermahnung zuteil , die jedoch ohne Wirkung blieb , der Unfug wiederholte sich . Da beschloß Pavel , selbst Gerechtigkeit zu üben . Mit einem Knüttel bewaffnet , wollte er hinter einem alten breitstämmigen Nußbaum Posten fassen und die vom Dorfe heranrückenden Feinde dort erwarten , zerbleuen und verjagen . Zu seinem größten Erstaunen fand er jedoch das Hüteramt , das er antreten wollte , bereits versehen , und zwar - durch Virgil . Dieser hatte gleichfalls einen Stock in der Hand . » Bin schon da « , sagte er , » hab ihrer schon einige weggetrieben . « » Was willst du , Spitzbub ? « fuhr Pavel ihn an . » Fort , schlechter Kerl , mit dir bin ich fertig ! « Er erhob den Knüttel . Virgil hatte den seinen auf den Boden gestemmt , beide Hände darauf gelegt und sich zusammengekrümmt . Zitternd und demütig sprach er : » Pavlicek , schlag mich nicht , laß mich hier stehen , ich stehe hier und geb acht auf deine Ziegel . « » Du , ja just du wirst achtgeben , du ! ... Dich kenn ich . Geh zum Teufel . « » Sprich nicht von ihm ! « wimmerte der Alte beschwörend , und seine Knie schlotterten , » sprich um Gottes willen von dem nicht . Ich bin alt , Pavlicek , ich werde bald sterben , du sollst zu mir nicht sagen : Geh zum Teufel . « » Alles eins , ob ich ' s sag oder nicht , alles eins , ob du gehst oder nicht , wenn du nicht von selber gehst , holt er dich . « Virgil fing an zu weinen : » Meine Alte wird auch bald sterben und fürcht ' t sich . Sie möcht dich noch sehen , bevor sie stirbt . Sie war ' s auch , die mir gesagt hat : Geh hin und gib acht auf seine Ziegel . « Pavel betrachtete ihn still und aufmerksam . Wie er aussah , wie merkwürdig ! ganz eingeschrumpft und mager , vor Kälte zitternd in seinen dünnen Kleidern und dabei das Gesicht feuerfarbig wie ein Lämpchen aus rotem Glas , in dem ein brennender Docht schwimmt . Das Öl , von dem dieses jämmerliche Dasein sich nährte , war der Branntwein ; der einzige Trost , der es erquickte , ein gedankenloses Lippengebet . Armer Spitzbub , dachte Pavel , die Zeiten sind vorbei , in denen du mich mißhandelt hast , jetzt kriechst du vor mir . » So bleib « , sprach er zögernd und immer noch voll Mißtrauen , » ich werd ja sehen , was für einen Wächter ich an dir hab . « Als er wiederkam , fand er alles in Ordnung ; Virgil hielt wirklich treue Wacht , verlangte dafür nicht Lob noch Lohn und fragte nur immer : » Wirst nicht zur Alten kommen ? « Pavel ließ ihr sagen , von ihm aus könne sie in Frieden sterben , aber besuchen wollte er sie nicht mehr . Der Hauptgrund seiner Weigerung war die Furcht , Vinska bei ihrer Mutter zu treffen und ihr dort nicht ausweichen zu können , was er sorgsam tat , seitdem sie die Frau Peters geworden . Und wie er die Augen von ihr wandte , wenn er ihr begegnete , wie er jeder Kunde von ihr soviel als möglich sein Ohr verschloß , so verjagte er sogar jeden Gedanken an sie , der sich ihm unwillkürlich aufdrängen wollte . Sie hatte das Ziel ihrer Wünsche erreicht , und er hatte ihr geholfen , es zu erreichen ; jetzt sollte es aus sein . Was peinigte ihn denn noch , seinem Willen entgegen , stärker als seine eigene Stärke , was quälte ihn bei ihrem Anblick ? Er kreuzte die Arme über dem Herzen und murmelte mit einem Fluche : » Klopf nicht ! « Aber sein Herz klopfte doch , wenn die schöne Bäuerin vorüberschritt oder vorüberfuhr , in demselben Wägelchen , in dem ihr Mann , vor nun anderthalb Jahren , Pavel zu Gericht geführt hatte . Sie bemühte sich , glücklich auszusehen ; es wirklich sein konnte sie kaum . Peter war ein tyrannischer und geiziger Eheherr , der alle Voraussetzungen der Virgilova zunichte gemacht hatte . Seine Schwiegereltern durften ihm nicht ins Haus ; das wenige , was Vinska zur Verbesserung ihrer Lage tun konnte , geschah im geheimen unter Furcht und Zagen . Sie selbst lebte im Wohlstand , hatte mit Gepränge die Taufe ihres zweiten Kindleins gefeiert , aber wie das erste , bald nach der Hochzeit geborene , war auch dieses , wenige Wochen alt , gestorben , und bereits hieß es im Dorfe : » Die bringt kein Kind auf . « Pavel war gerade dazugekommen , als man den kleinen Sarg ganz still und wie in Beschämung aus dem Tor hinausschaffte . Und ein Schluchzen hatte er aus der Stube dringen gehört , ein Schluchzen , das ihm durch die Seele ging und ihn an die Stunde mahnte , in welcher diejenige , die es ausstieß , an seiner Brust gelegen und ihn bestürmt hatte mit ihren Bitten und berauscht mit ihren Liebkosungen . Den Tod des zweiten Enkels erlebte die Virgilova noch , kurze Zeit darauf schlug ihr letztes Stündlein nach schwerem , fürchterlichem Kampf . Der Geistliche hatte von ihrem Pfühl nicht weichen dürfen ; noch im Verröcheln verlangte sie nach Segen und Gebet , in ihren brechenden Augen war noch die Frage zu lesen : Ist mir verziehen ? Mit Gleichgültigkeit nahm Pavel die Nachricht ihres Todes auf und blieb ungerührt von den Wehklagen , die Virgil über den Verlust seines Weibes anstimmte . Der Trost , den er dem Witwer angedeihen ließ , lautete : » Kein Schad um die Alte « , und Virgil unterbrach die Ergüsse seines Schmerzes , richtete die Augen zwinkernd auf Pavel und fragte halb überzeugt : » Meinst ? « Dies begab sich zu Ende des Sommers , und am ersten Sonntag , der dem Ereignis folgte , ließ der Pfarrer Pavel zu sich bescheiden . Es war nach dem Segen ; der Geistliche saß in seinem Garten auf der Bank unter dem schönen Birnbaum , dessen Früchte sich bereits goldig zu färben begannen , ganz vertieft in das Lesen eines Zeitungsblattes . Pavel stand schon ein Weilchen da , ohne daß er es wagte , den Pfarrer anzusprechen , bevor dieser das kleine , blasse , von einem breitkrempigen Strohhute beschattete Gesicht erhob und nach einigem Zögern sagte : » Dir ist Unrecht geschehen . « Sein Blick glitt an Pavel vorbei und richtete sich in die Ferne : » Du hast am Tod des Bürgermeisters keine Schuld . « » Freilich nicht « , entgegnete Pavel , » die Kinder laufen mir aber doch nach und schreien : Giftmischer ! ... Ich möchte den Herrn Pfarrer bitten , daß er ihnen verbietet , mir nachzurufen : Giftmischer . « » Meinst du , daß sie es mit meiner Erlaubnis tun ? « fragte der Priester gereizten Tones . » Und die Alten « , fuhr Pavel fort , » sind auch so . Dreimal hab ich kleine Fichten gepflanzt auf meinem Grunde , etwas anderes wächst ja dort nicht . Dreimal haben sie mir alles ausgerissen . Sie sagen : Dein Haus muß frei stehen , man muß in dein Haus von allen Seiten hineinschauen können , man muß wissen , was du treibst in deinem Haus . « Der Pfarrer räusperte sich : » Hm , hm ... Das kommt daher , daß du einen so schlechten Ruf hast . Du mußt trachten , deinen Ruf zu verbessern . « Pavel murmelte : » Ich hab mein Zeugnis vom Amt . « » Nutzt alles nichts , wenn die Leute nicht dran glauben « , sprach der Geistliche . » Auf den Glauben kommt es an , im großen wie im kleinen . Zu deiner ewigen Seligkeit brauchst du den Glauben an Gott , zu deiner Wohlfahrt hier auf Erden brauchst du den Glauben der Menschen an dich . « » Wär freilich gut . « » Du willst sagen , es wäre gut , wenn du ihn erwerben könntest . Willst du so sagen ? « » Ja . « » So bemühe dich . Du hast einen besseren Weg schon eingeschlagen und mußt nur trachten , auf ihm vorwärtszukommen . Ohne Stütze jedoch wird das kaum gehen , die wirst du noch lange brauchen . Bis jetzt war der Herr Lehrer deine Stütze ... wird es aber nicht mehr lang sein können . « » Wie ? warum ? - warum nicht mehr lang ? « » Weil er versetzt werden wird , an eine andere Schule . « » Versetzt ? « rief Pavel in Bestürzung . » Wahrscheinlich . « Einen Augenblick sah der Pfarrer ihm fest ins Gesicht , dann sprach er : » Mehr als wahrscheinlich - gewiß . Mache dich darauf gefaßt und überlege , an wen du dich wenden kannst , wenn der Lehrer fortgeht , zu wem du in diesem Falle sagen kannst : Ich bitte , nehmen Sie sich jetzt meiner an . « Nach einer Pause , in welcher Pavel wie vernichtet vor ihm stand , fuhr der Pfarrer fort , aufrichtig bemüht , sich für den ungeschlachten Burschen , dem sein ganzer Mensch widerstrebte , wenigstens die Teilnahme des Seelsorgers abzuringen : » Überleg ' s ; ist niemand da , zu dem du ein Vertrauen fassen und so sprechen könntest ? « Er mußte die Frage wiederholen , ehe sie beantwortet wurde , und dann geschah es mit einem so entschiedenen : » Niemand « daß der Priester es vorläufig nicht unternahm , diese feste Überzeugung zu erschüttern . Er räusperte sich abermals : » So , so « , sagte er , » niemand ? Das ist ja schlimm . Denke aber doch ein wenig nach , vielleicht fällt dir doch noch jemand ein . « Er lehnte sich wieder an den Baum zurück , sah wieder ins Weite und schloß : » Du kannst nach Hause gehen , kannst auch dem Lehrer sagen , daß ich ihn vermutlich gegen Abend besuchen werde . « Pavel entfernte sich verwirrt , in halber Betäubung , als ob er einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte . Daheim fand er den Lehrer in der Stube am Tische sitzend vor seinem Buche , mit der von süßem Schmerz verklärten Miene , die er immer annahm , wenn er sich in diese geliebten Blätter versenkte . Pavel nahm Platz ihm gegenüber und betrachtete ihn mit unendlich gespannter Aufmerksamkeit . Lange wagte er nicht , ihn zu stören ; endlich aber brach er - ohne seinen Willen , gegen seinen Willen - in die Worte aus : » Herr Lehrer , was muß ich von Ihnen hören ? « Kaum hatte er diese vorwurfsvolle Frage ausgesprochen , als ein Schrecken über die Wirkung , die sie hervorgebracht hatte , ihn erfaßte . Habrecht war aschfahl geworden , seine Augen verschleierten sich , sein Unterkiefer hing herab und zitterte , vergeblich bemühte er sich zu sprechen , er brachte nur ein unzusammenhängendes Gestotter hervor . Nach Atem ringend focht er mit den Händen in der Luft und sank unter Ächzen und Stöhnen auf seinen Sessel zurück . Pavel aber , der noch nie einen Menschen sterben gesehen hatte und meinte , das ginge viel leichter , als es in Wahrheit geht , sprang auf , warf sich auf die Knie und beschwor ihn händeringend : » Sterben Sie nicht , Herr Lehrer , sterben Sie nicht ! « Ein mattes Lächeln stahl sich über Habrechts Gesicht : » Unsinn « , sagte er , » nicht von Sterben ist die Rede , sondern von dem , was du von mir gehört hast . Beichte ! « befahl er , richtete sich auf und rollte fürchterlich die Augen . » Was war ' s , wie lautet der Unsinn ? O vermaledeiter Unsinn ! ... Kein Vernünftiger glaubt ihn , und doch lebt er vom Glauben , kugelt so weiter im Dunkel , in der Tiefe . Sie zählen sich ihn an den Fingern her , diejenigen , die selbst nicht mitzählen ... Was hast du gehört ? Sprich ! « Er zog Pavel in die Höhe und rüttelte ihn ; als der verblüffte Bursche jedoch anfangen wollte zu reden , preßte er die Hand auf seinen Mund und gebot ihm Schweigen . » Was käme heraus ? ... Was ich weiß im vorhinein , zum Ekel , was mich nicht schlafen läßt . Schweig « , rief er , » ich will einmal reden , ich elender Lügner , ich will die Wahrheit sagen , ich armer Zöllner will sie dir , dem armen Zöllner , sagen . Setz dich , hör mir zu , beug dein Haupt . Wenn es auch nur eine klägliche Geschichte ist und die Geschichte einer jämmerlichen Torheit , sie ist doch heilig , denn sie ist wahr . « Er ging zum Wasserkrug , trank in langen Zügen und begann dann leise und hastig von den Tagen zu sprechen , in denen er jung gewesen , ein Lehrerssohn und Gehilfe seines kränklichen Vaters , durch Begabung und Verhältnisse , durch alles , was natürlich und vernünftig ist , bestimmt , einst zu werden , was jener war . In seinem Herzen aber kochte der Ehrgeiz , prickelte die Eitelkeit , diese üblen Berater lenkten seine Sehnsucht weit ab vom leicht Erreichbaren , spiegelten ihm ein hohes Ziel als das einzig Erstrebenswerte vor . Die Zukunft eines großen Professors in der großen Stadt , die träumte er für sich und sein schwacher Vater für ihn , und dieses Schattengebilde der Zukunft , es lebte und nährte sich vom Fleisch und Blut der Wirklichkeit , von der Kraft , der Gesundheit , dem Schlaf der Jugend ... Wie lange kann eine an beiden Enden angezündete Fackel brennen ? Kein Mensch vermag ungestraft zwei Menschen zugleich - bei Tag ein Lehrer und bei Nacht ein Student - zu sein . Als der erste noch jung , als der zweite doch schon recht alt ; denn mit entsetzlicher Geschwindigkeit verrann die Zeit , die er für seine Zwecke nur zur Hälfte ausnutzen durfte . Eines Morgens brach er an der Tür der Schulstube zusammen . Wie aus der Ferne hörte er noch einen zitternden Klageruf , sah wie durch dichten Nebel ein vielgeliebtes Greisenantlitz sich zu ihm neigen , dann war alles Stille und Dunkelheit , und wohltuend überkam ihn das Gefühl einer tiefen , bleiernen Ruhe . Lange Zeit verging ; Habrecht lag dahin , anfangs in wirren Fieberträumen , später in dumpfer Bewußtlosigkeit . Man hielt ihn für tot , legte ihn in den Sarg und trug ihn in die Leichenkammer . Dort erwachte er . - Seine Rückkehr ins Leben erregte nur Entsetzen , sich ihrer zu freuen war niemand mehr da . Seinen Vater hatten Schrecken und Gram getötet , der schlief schon seit ein paar Tagen unter dem Friedhofrasen , und lieber hätte der Wiedererstandene sich neben ihn gebettet , als daß er , ein gebrochener Mann , den Kampf mit dem Leben von neuem aufnehmen sollte . An eine Fortsetzung seiner Studien war nicht zu denken - Habrecht bewarb sich um die Stelle , die sein Vater bekleidet hatte . Sie wurde ihm zuteil - zur Unzufriedenheit der Dorfbewohnerschaft . » Daß einer , der drei Tage tot war , wieder lebendig wird , das ist , man mag es nehmen , wie man will , eine unheimliche Sache . Wo hat sich seine Seele aufgehalten während dieser drei Tage ? Aus welchem grauenhaften Bereich kommt sie zurück ? ... « sagten sie . Die seltsamsten Gerüchte begannen sich zu verbreiten , das Märchen vom Aufenthalt des Schulmeisters in der Vorhölle entstand . Und er ließ es gelten . Er war ein armer , zugrunde gerichteter Mensch , der gefürchtet hatte , sich kaum bei den Schulkindern in Respekt setzen zu können , und dem es schmeichelte , als er nun bemerkte , daß er sogar den Erwachsenen Scheu einflößte und daß nicht leicht jemand ihm zuwider zu sprechen oder zu handeln wagte . Seinen edlen Ehrgeiz zu befriedigen war ihm die Möglichkeit genommen , ein falscher Ehrgeiz bemächtigte sich seiner , und er ergriff zu dessen Sättigung unlautere Mittel . Er nährte den Wahn , den zu bekämpfen seine Pflicht gewesen wäre , er , ein Lehrer , ein Verbreiter der Wahrheit auf Erden , ein Streiter wider den Irrtum , er unterstützte die Lüge , die Dummheit - den Feind . Er war ein stiller Verräter an der eigenen Sache , er hielt das Vorurteil aufrecht , weil seine Eitelkeit dabei ihre Rechnung fand . Der Pfarrer , der ihn durchschaute , rügte sein Tun ; sein eigenes Gewissen warf ihm das Unrecht vor ... Er beschloß , es nicht mehr zu begehen , er faßte den Vorsatz und dachte ihn leicht auszuführen . Indessen - siehe da ! was mußte er erkennen ? Der Wahn , den er früher unterstützt hatte und nun austilgen wollte , war nicht mehr auszutilgen . Nicht in kurzer , nicht in langer Zeit , nicht mit kleiner und nicht mit großer Mühe ... » Ich habe dem Unverstand das Hölzchen geworfen « , rief er aus , » und er hat eine Keule daraus gemacht , mit der er mich drischt ... Ich habe mit Schlangen gespielt , und wie ich einsehe , daß ich Frevel treibe , und aufhören will , ist ' s zu spät , und ich bin unrettbar umringelt . « Von , peinlicher Unruhe gejagt , begann er seine gewohnten Wanderungen durch das Zimmer . » Wär ich doch ein aufrichtiger Verbrecher , ein Mörder meinetwegen - ein ehrlicher Mörder und nicht die verlogene Kreatur , die ich bin ... bin ! denn man wird ' s nicht los . Die Falschheit hat sich hineingefressen in den Menschen und regiert ihn gegen seinen Willen . Das ist fürchterlich , wahr sein wollen und nicht mehr können . « Er blieb vor Pavel stehen , packte ihn an beiden Armen und rüttelte ihn : » Du wirst es auch erfahren , wenn du dich nicht änderst ... Ändere dich , du kannst es noch . « » Was soll ich tun ? « fragte Pavel . » Nicht lügen , nichts von dir aussagen , was du nicht für wahr hältst , im Guten nicht , denn das ist niederträchtig , im Bösen nicht , denn das ist dumm . Du machst dich zum Knecht eines jeden , den du belügst , und wäre er zehnmal schlechter und geringer als du . Ich weiß , was du willst , dich trotzig zeigen , Scheu einflößen ... Warte nur , bis der Tag der Umkehr kommt - er kommt bei dir , er bricht schon an - warte nur , wenn du einmal Grauen empfinden wirst vor dir selbst . « » Herr Lehrer « , unterbrach ihn Pavel , » seien Sie ruhig , es klopft jemand . « Habrecht fuhr zusammen . » Klopft ? - was ? - wer ? ... Ah - Hochwürden ! ... « Der Geistliche war eingetreten . » Ich habe dreimal geklopft « , sagte er , » aber Sie haben nicht gehört , Sie haben so laut gesprochen . « Seine klugen , scharfen Augen richteten sich prüfend auf den durch sein unerwartetes Erscheinen in Bestürzung versetzten Lehrer . » O Hochwürden , wie schön ... ist ' s gefällig ? - einen Sessel ... Pavel , einen Sessel « , stammelte Habrecht und eilte zum Tisch , an den er die zitternden Beine lehnte und über den er wie beschützend die gerundeten Arme erhob . Mit einer selbstverräterischen Ungeschicklichkeit , die ihresgleichen suchte , lenkte er die Aufmerksamkeit des Priesters auf das , was er ihr um jeden Preis hätte entziehen mögen , auf das offen daliegende Buch . Der Pfarrer trat ihm gegenüber , schlug , bevor Habrecht es hindern konnte , das Titelblatt auf , und von seinem Platze aus , ohne das Buch zu wenden , las er mit Schrecken , mit Abscheu , mit Gram : Titi Lucretii Cari : De rerum natura . Er zog die Hand zurück , rieb sie heftig am Rocke ab und rief : » Lukrez ... O Herr Lehrer- Oh ! ... « Und Habrecht , ringend in Seelenqual , sammelte sich mühsam , langsam - zu einer Lüge . » Zufall « , stotterte er , » zufällig übriggeblieben das Büchlein , aus der Zeit der philologischen Studien ... zufällig jetzt zum Vorschein gekommen ... « » Wünsche es , hoffe es , müßte Sie sonst bedauern « , entgegnete der Geistliche , der ihn nicht losließ aus dem Bann seines Blickes . » Und Sie hätten recht , der Sie einen Himmel haben und ihn jedem verbeißen können , der da kommt , sich bei Ihnen Trost zu holen « , brach Habrecht aus . Als der Priester ihn verlassen hatte , nahm er den zerlesenen Band , liebkoste ihn wie etwas Lebendiges und barg ihn an seiner Brust , seinen mit stets erneuter Wonne genossenen , stets verleugneten Freund . 12 Pavel baute rüstig an seinem Hause fort , und es wurde fertig , allen Hemmnissen zum Trotz , welche der Mutwille und die Bosheit ersannen , um seinem Erbauer die Beendigung des anspruchslosen Werkes zu erschweren . Da stand es nun , mit Moos und Stroh bedeckt , sehr niedrig und sehr schief . Aus den drei kleinen Fenstern guckte die Armut heraus , doch wer unsichtbare Inschriften zu lesen verstand , der las über der schmalen Tür : Durch mich geht der Fleiß ein , der diese Armut besiegen wird . Vorläufig war die Schaluppe der Gegenstand des Spottes eines jeden , den sein Weg vorbeiführte . Pavel ließ sich aber die Freude an seinem Häuschen nicht verderben , sondern ging wohlgemut an dessen innere Einrichtung . Er hatte einen Herd gebaut und einen bescheidenen Brettervorrat gekauft . Um diesen mit ihm zu durchmustern , fand der Schullehrer sich ein . Sie hielten Beratung , drehten jedes Brett wohl zehnmal um und überlegten , wie es am besten zu verwenden wäre . Plötzlich hob Pavel den Kopf und horchte . Das langsame Rollen eines schweren Wagens , die Anhöhe herauf , ließ sich vernehmen . » Die Frau Baronin kommt « , rief Pavel , » sie hat mein Haus noch nicht gesehen ; was wird die sagen , wenn sie sieht , daß ich ein Haus habe ! « In der Tat kannte die Baronin Pavels Bauwerk noch nicht . Die Spazierfahrten der alten Dame lenkten sich regelmäßig nach einer andern Richtung . Den schlechten , steilen Weg durch das Dorf kam sie nur einmal im Jahre gefahren , meistens zur Herbstzeit , wenn sie ihren alten pensionierten Förster im Jägerhause droben besuchte . Das war heute und wäre wohl öfters der Fall gewesen , ohne die Gründe , die Matthias , der Bediente , immer anzuführen wußte , um von dem Ausflug nach dem Jägerhaus abzuraten . Der Grund , der ihm alle diese Gründe lieferte , war der , daß er an der Gicht in den Beinen litt , ungern zu Fuße ging und recht gut wußte , daß es am Ende des Dorfes , wo die jähere Steigung begann , heißen würde : » Steig ab , Matthias , du bist zu dick , die armen Pferde können dich nicht schleppen . « Als Pavel das Nahen des Wagens bemerkte , war Matthias soeben vom Bock herabbefohlen worden , er schritt verdrießlich hinter der großen Kalesche einher , und die Baronin saß in derselben ebenfalls verdrießlich . Sie ärgerte sich über den Buckel , den ihr Kutscher machte , und schloß daraus auf einen Mangel an Respekt , indes derselbe nur die Folge der lastenden Jahre war . Die Gebieterin sagte leise vor sich hin : » Daß die Leute heutzutage nicht mehr geradesitzen können ! ... Was das für eine Manier ist ! ... Eine rechte Schand , wenn sich einer gar nicht zusammennehmen kann ! ... « Sie selbst saß aufrecht wie eine Kerze und streckte sich , soviel sie konnte , um mit gutem Beispiel voranzugehen , was freilich unter den gegebenen Umständen wenig nützte . Dabei blickte sie lebhaft und neugierig umher durch die große Brille , die sie bei ihren Ausfahrten aufzusetzen pflegte . Bei der Sandgrube angelangt , wurde sie die neue Hütte gewahr , welche sich dort erhob , und rief : » Matthias , wer hat denn da einen Stall gebaut ? Was ist denn das für ein Stall ? « Matthias beschleunigte seine Schritte , nahm den Hut ab und antwortete : » Das ist eine Schaluppen . « » Was der Tausend ! wer hat sich denn die gebaut ? « Matthias lächelte verächtlich : » Die hat sich ja der Pavel gebaut , der Holub . « » Gott bewahr einen ! der baut Häuser ? « » Ja « , fuhr Matthias fort und legte vertraulich die Hand auf den Wagenschlag , » für die Mutter , heißt ' s , daß die wo unterschlupfen kann , wenn sie herauskommt aus dem Zuchthaus . Wird ein Raubnest werden ; ist noch gut , daß es so frei steht und so weit draußen aus dem Dorf . « Während dieses Gesprächs war die Equipage vor dem Hüttchen angelangt , von dem sie nur noch der Wegrain und der Raum trennte , auf dem Pavel seine Bretter ausgelegt hatte . Die Baronin befahl dem Kutscher , ordentlich zu hemmen und anzuhalten . Sie beugte sich aus dem Wagen und fragte : » Was sind denn das für Bretter ? « Habrecht trat heran und begrüßte die gnädige Frau . » Sieh da « , sprach diese , » der Lehrer , das ist schön , da können Sie mir gleich sagen , was das für Bretter sind ? « » Aus der herrschaftlichen Brettmühle , Euer Gnaden . « » Und wie kommen sie denn hierher ? « » Als Eigentum des Pavel Holub , der sie gekauft hat . « » Gekauft ? « entgegnete die Baronin ; » das ist schwer zu glauben , daß der etwas gekauft haben soll . « Pavel hatte sich bisher regungslos hinter dem Schulmeister gehalten ; bei den letzten Worten der gnädigen Frau fuhr er auf , wandte sich , sprang in die Hütte und kam gleich darauf wieder zurück , einen Bogen Papier in der Hand haltend , den er ,