dichteren Gruppen und einzelnen Bürgern ungleich besetzt , während ebenso viele Männer noch an den Wänden herumstanden und miteinander sprachen . Unter diesen trieben sich die Einberufer umher , hier und da Rücksprache nehmend oder einen der schwierigeren Kannengießer bearbeitend . Auch Salander gesellte sich zu ihnen . Er war der Haupturheber des Gedankens , in versöhnlichem Sinne beiden Hauptparteien Rechnung zu tragen ; er selbst gehörte der demokratischen an , deren Macht seit einiger Zeit im Volke zu wanken begann , und so hielt er es für ebenso klug als billig , den Altliberalen wieder mehr Raum zu gönnen . Namentlich war er ein Verehrer der modernen Liebhaberei der Minderheitenvertretung geworden , der nicht nur politische Philosophen , sondern auch allerlei praktische Leute anhingen , welchen der schöne Grundsatz nächstens selbst nützlich werden konnte , nachdem sie bislang keine anders gesinnte Fliege zugelassen hatten , noch ferner zuzulassen gesonnen waren . Da die Tische sich allmählich dichter bevölkerten , gab der Vorsitzende das Zeichen des Beginnes . Salander , durch die noch Herbeieilenden schreitend , begegnete einem jungen Manne , der ihm bekannt schien und ihn durch Hutabnehmen ehrerbietig grüßte , was er höflich erwiderte . Er mußte einen der Tische entlang gehen , um seinen Platz am Kopfende desselben unter den Anführern zu finden . Auf demselben Wege stieß er abermals auf den jungen Mann , der die gleiche Höflichkeit wiederholte und den Hut zog , diesmal mit einer Verbeugung . Der scheint seinen Hut gar nicht ablegen zu wollen , dachte er eben , als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel ; das waren ja die Zwillinge ! Ei nun , sie zeigten doch eine wackere Teilnahme an den Landesangelegenheiten ; das steht jungen Leuten gut und beweist einen ernsten Sinn ! Wenn sie nichts Schlimmeres treiben , so ist es so übel nicht mit ihnen beschaffen ! Durch diese Gedanken und die Erinnerung an das mittägliche Gespräch mit den Töchtern halb zerstreut , nahm er endlich seinen Platz ein , das Schöppchen Wein bestellend , das der Ehrbarkeit halber in dieser Gegend des Saales nur ganz langsam , gleichsam unmerklich getrunken werden durfte . Die Verhandlungen nahmen ihren Anfang mit einer politischen Rede des Vorsitzenden , der Wahl der Stimmenzähler und anderer Funktionäre , worauf der Umgang der Vorschläge eröffnet wurde . Einige gedruckte Zettel , von den bestellten Berichterstattern mündlich erläutert , lagen zugrunde , und fünf bis sechs unbestrittene Namen waren bald erledigt . Aber schon beim siebenten Namen , als der Präsident die Frage stellte , ob ein weiterer Vorschlag gemacht werden wolle , erschallte aus dem Hintergrunde eine kräftige Stimme , die rief : » Ich schlage vor Herrn Martin Salander , Kaufmann in Münsterburg ! « Und aus einer andern Ecke des Saales her rief einer ebenso laut : » Unterstützt ! « » Ah ! Gut so ! Schon längst verdient ! « u. dergl. murmelte es an den Tischen , und jeder sah sich nach den Rufenden um . Der Vorsitzende aber klingelte an seinem Glase , und als es still geworden , sprach er : » Ich möchte die Versammlung fragen , ob wir jetzt schon auf neue Namsungen eintreten oder vorerst die noch vorhandenen Vorschläge bereinigen wollen , die voraussichtlich rasch und mit Einmut abgetan sind ! « » Ich beharre auf meinem Antrag ! « rief die erste Stimme , und das laute » Unterstützt ! « aus der andern Ecke folgte unmittelbar wieder darauf . Der Präsident verkündigte : » Es ist vorgeschlagen , Herrn Martin Salander als siebentes Mitglied unseres Kreises im Großen Rate auf die Wahlliste zu nehmen ! Ich bitte den Antragsteller , sich zu nennen ! « » Notariatssubstitut Isidor Weidelich ! « erschallte es vom alten Orte her noch lauter , und von der Unterstützungsecke her schrie der andere Rufer , offenbar Bruder Julian : » Bravo ! bravo ! « Alles sah sich wieder um . » Was ist das für ein Weidelich ? Welcher ist es ? Der junge Mensch dort ? « hieß es . Der Präsident klingelte wieder und rief : » Wem es also beliebt , daß auf den Wahlvorschlag des Herrn Isidor Weidelich schon jetzt eingetreten werde , der hebe die Hand auf ! « » Auf ! « schrien nun eine Anzahl junger Leute , die Hände in der Luft schwenkend , und ihnen folgte eine Hand um die andere etwas zögernd ; als es aufhörte , ersuchte der Vorsitzende , die Stimmen zu zählen . Es ergaben sich sechsundfünfzig Hände . » Es scheint dies die Mehrheit zu sein ! Oder wird das Gegenmehr verlangt ? « Zwei oder drei erhoben die Hand , ließen sie aber wieder sinken , als sie sahen , daß sie allein blieben . » Es ist also beschlossen , die Vorschlagswahl des Herrn Martin Salander sofort vorzunehmen . Wer dafür stimmt , daß derselbe an nächstfolgender Stelle auf die Liste gesetzt und dem Volke im Namen der gegenwärtigen Versammlung zur Wahl empfohlen werde , der beliebe die Hand zu erheben ! « Mit Ausnahme weniger Lücken , die fast nicht bemerklich waren , erhoben sich alle Hände mit einem beifälligen Geräusch , welches bewies , daß . Salanders Wahl den anwesenden Bürgern an sich als erwünscht erschien . Der so gut wie gewählte Mann befand sich in verdrießlicher Aufregung . Den geheimen Wunsch im Herzen , den ihm wohl gebührenden Sitz im Rate endlich einzunehmen , sah er sich denselben durch das kecke und verfrühte Eingreifen der Zwillinge zugewendet und zugleich durch die unhöflichen Umständlichkeiten des Vorsitzenden das Abstimmen aufgehalten , ein Zusammentreffen , das ihm nur unwillkommen sein konnte . Erwägend , daß er die Wahlbewerbung unter solchen Umständen nicht übernehmen und die Ratsstelle namentlich nicht den Zwillingen verdanken dürfe , hatte er in der Zerstreuung den rechten Augenblick entschiedener Einsprache versäumt und war so unruhig und verlegen , daß er sein Schöppchen , das unberührt stand , in lauter kleinen Schlücken beinah ausgetrunken hatte , als der Vorsitzende das günstige Ergebnis mit einer gewissen Feierlichkeit bestätigte und im Geschäfte fortfahren wollte . Er dankte für das ehrende Zutrauen , erklärte aber , die Kandidatur aus Gründen ablehnen zu müssen , die er hier nicht auseinandersetzen könne , und bat mit sehr bestimmten Worten um Vornahme einer neuen Wahl . Jetzt erst machten sich zwei ältere Männer geltend , um ihn zur Umkehr zu bewegen . Diesen war er im Herzen wahrhaft dankbar ; allein er blieb fest in seinem Entschlusse , und so nahm das Geschäft seinen weiteren Verlauf , bis es mit den üblichen Zwischenfällen und unvorhergesehenen Wendungen zu Ende geriet . Auch der Vorsitzende , mit Salander in ähnlicher Lage geheimen Wunsches , wurde beim Aufstellen neuer Kandidaturen auf Martins Vorschlag gewählt , womit dieser seine Bürgerpflicht ruhig erfüllte , weil er jenen als einen tüchtigen Mann kannte . Auf dem Heimwege hatte er sehr widersprechende Gefühle zu überwinden . Ein , wie er glaubte , ihm zu fernerem Wirken notwendiges Amt mußte er fahren lassen , weil er es nicht aus den Händen derjenigen empfangen durfte , die es wie aus dem Ärmel geschüttelt ihm schenkten . Was würde Frau Marie dazu gesagt haben , wenn es hieß , die Weidelichs hätten ihn öffentlich ausgerufen ! Und doch , sosehr er sich über die Schlingel , wie er sie nannte , ärgerte , empfand er widerwillig einen Schimmer von Wohlwollen für sie und den mißlungenen Streich , den sie ihm gespielt . Dann schämte er sich , das erstemal , wo er nach mehrjähriger Tätigkeit auf die Schwelle des Rathauses getreten , in einen so kleinen Fallstrick geraten zu sein und sich zudem gestehen zu müssen , es gebreche ihm an der derben Rücksichtslosigkeit , welche zum rüstigen Vorgehen auf politischer Laufbahn unentbehrlich sei . Schließlich ward er doch mit seiner Handlungsweise zufrieden , da er die Folgen , alle die weiteren Anforderungen bedachte , wenn der Pfad des amtlichen Lebens einmal beschritten war . » Nein « , sagte er , » das Bewußtsein , von den zwei Bürschchen auf den Schild gehoben zu sein , wäre mir überall nachgelaufen , und gewiß hätten sie selbst sich sehr unbequem an meine Füße geheftet ! Und was heut nicht geschieht , kann ja in glücklicherer Stunde besser geschehen ! « Für sein Verhalten erntete er auch den schönsten Lohn , als er das Erlebnis der Frau erzählte und sie ihn höchlich darum belobte . Er hatte sie in zufriedener und weicher Stimmung zu Hause gefunden , weil sie das Entgegenkommen der Töchter als einen Anfang zum Bessern empfand und auslegte , deshalb auch den Abend in freundlichem Vernehmen mit ihnen verlebte , was die Mädchen hinwieder zu ihren Gunsten deuteten , als sie zu Bett gingen . Die Urheber all dieser Gemütswirrnisse , Julian und Isidor , steckten nach der Versammlung in einem Bierhause der Stadt die Köpfe zusammen . » Das ist uns nun schlecht gelungen mit dem verhofften Schwiegerherrn ! « vermeinte der eine von ihnen . » Was den Alten unserer teuren Schätze betrifft , so glaube ich , er rechnet uns den guten Willen an bei Gelegenheit , und übelgenommen hat er es gewiß nicht ! « erwiderte der andere ; » aber sonst ist unser Auftreten ja vollkommen gelungen , er wurde ja so gut wie einmütig gewählt ! « » Freilich , ja , wer hätte gedacht , daß wir zwei das erste Mal schon , so wir in eine politische Versammlung gehen , einen Ratsherrn machen würden ? « » Das sag ich auch , ein guter Anfang ! Anstich , trink ! Das müssen wir fortsetzen ! Wenn wir mit folgendem Erfolg ferner politisieren , so wird uns das sehr fördersam sein ! Mein Chef sagt , er wolle dies Jahr noch abgehen ; ich muß jetzt schon fast alles machen ! « » Und meiner wird nicht mehr gewählt , sehr wahrscheinlich , wenn seine Amtsdauer abläuft . « » Da kannst du gleich schon jetzt vorarbeiten in deinem Kreise ! Trink deinen Rest ! « » Es gilt deinen Anstich ! Hör einmal , was mir neulich eingefallen ist , ich wollt es mir reiflicher überlegen ! « » Los damit ! « » Ich kalkuliere , es wäre nützlich , wenn wir zwei nicht zu der nämlichen Partei gehen würden , da könnten wir uns besser in die Hände arbeiten ! Es kommt das öfter in Familien vor , daß der eine Bruder grau , der andere schwarz , der dritte rot ist , und alle stehen sich gut dabei ; einer macht dem andern Freunde , indem er mit Liebe von ihm spricht und ihn empfiehlt ! « » Das leuchtet mir ein ! Wahrhaftig , je deutlicher ich ' s denke ! Du Himmelhund ! Aber wie sollen wir den Kuchen teilen ? Hast du eine bestimmte Vorliebe , ein Prinzip ? « » Ich ? Noch nicht , das werden wir später mit der Erfahrung erwerben , wenn es unerläßlich ist ! Aber für jetzt ist es mir gleichgültig , welches Lied ich pfeife ; man braucht überhaupt nicht immer zu schwatzen , wenn man nicht bei der Sache ist ! « » ' s kommt dir ein Quart ! « » Trink und Anstich ! « » Sieh , so denk ich gerade ! Nur einen Haken hat die Sache , den flotten oder minder flotten Klang des Namens ! Jetzt sind die Demokraten oben und gelten für schneidig ; die Altliberalen werden schon von ihnen Zöpfe genannt . Konservativ wäre dem Ohr genehmer , aber das Simpelvolk braucht den Ausdruck nicht ! « » Da ist etwas dran ! Schon das Wort altliberal oder altfreisinnig gleicht einer Nachtmütze ! « » Und doch , auf der andern Seite fängt der Begriff Demokrat an zu brenzeln ! Und ein Notar hat es hauptsächlich mit dem Kapital zu tun ! « » Jawohl , aber du vergissest , daß auch die verschuldeten Bauern , die Debitoren und Konkursiten , arme Leute aller Art , mit dem Notar zu tun haben , das muß man dir ja nicht sagen ! Und diese haben bei den Notarwahlen die Mehrheit , wie anderwärts ! « » Auch wieder wahr ! Hör jetzt , da Vorteil und Nachteil sich so gleichmäßig gegenüberstehen , so schlag ich vor , die Parteien unter uns auszuwürfeln ! « » Kellnerin , den Würfelbecher ! « Als das Geräte da war , ergriff es Julian und schüttelte es . » Wie soll es nun gelten ? Ich denke , wir schließen alle Nebenparteien aus und spielen nur um die zwei Hauptlager ! « » Also Demokrat oder Altliberaler ! Da reicht ein Wurf hin ; wer die meisten Augen wirft , wird das , was vorher bestimmt wurde , der andere nimmt den andern Namen an . « » So sagen wir , der Gewinnende wird Demokrat , der Verlierende Altliberaler ! Soll es gelten ? « » Fest soll es gelten ! « » Trink vorher den Rest , a tempo , prosit ! « » Drauf los , prosit ! « Julian schüttelte nochmals die drei Würfel und stürzte den Becher auf den Tisch . Es lagen achtzehn Augen , alle drei Sechser . » Es ist schon fertig ! « rief Isidor . » Nein , du wirfst auch , du kannst ja ebensoviel werfen und dann stechen wir ! « sagte der Bruder Julian . Der andere warf , aber nur dreizehn Augen . » Prosit Anstich , Herr Demokrat ! « rief er und der andere , Julian , rief : » Prosit Anstich , Herr Altliberaler , vulgo Zopfius ! « X Die Brüder , so einig sie waren , trennten sich nur insofern vor der Welt , als jeder denjenigen Volks- oder Bürgerkreisen nachging , die seinem Parteinamen entsprachen . Da sie noch wenig politischen Verstand und Gedankenvorrat besaßen , so fiel es ihnen nicht schwer , sich mehr durch ihre Anwesenheit als durch Reden bemerklich zu machen und dagegen mit einer den Sprachführern gewidmeten schmeichelhaften Aufmerksamkeit deren Wohlgefallen zu erwerben . Nach und nach erwiesen sie sich nützlich durch vorkommende mindere Schreibarbeiten , die sie bereitwillig besorgten , und durch vertrauliche Mitteilungen aus dem Lager der Gegenpartei , von Absichten und Beschlüssen , drolligen oder nachteiligen Vorfällen , persönlichen Reibungen und dergleichen , was sie einander jeweilig ungesäumt zuraunten . Das gab ihnen unter ihren Leuten dann den Ruf rühriger und gut unterrichteter Politiker , wenn sie vorsichtig und ganz wie beiläufig die Neuigkeit an den Mann brachten . Es ist übrigens anzunehmen , daß der letztere Zug nicht sowohl aus bösartiger Falschheit , als aus dem leichtsinnigen Spiel hervorging , das sie mit dem Parteiwesen trieben . Noch andere , unschuldigere Ränke übten sie fleißig . Wenn sie in eine öffentliche Zusammenkunft , einen Verein oder auch nur sonst ins Wirtshaus gingen , sorgten sie dafür , daß ihnen ab und zu dringliche Geschäftsbriefe und Telegramme aus ihren Kanzleien nachgesandt oder daß sie persönlich hinausgerufen wurden . Das belächelten zwar erfahrene Unterstreber , aber mit Achtung und Wohlwollen . Sie hielten es für etwas durchaus Tüchtiges , quasi Staatsmännisches , und verrieten das ihnen bekannte Geheimnis keineswegs an die Menge . Die Brüder gediehen auf das beste und gewannen jeder an seinem Orte , täglich an Ansehen und Beliebtheit im Volke . Die sicheren Hoffnungen auf die Ämter ihrer beiden Vorgesetzten erfüllten sich allerdings nicht . Der eine , der hatte abgehen wollen , ward plötzlich eifersüchtig und besann sich anders ; derjenige , der nach Ablauf seiner Amtsdauer gestürzt werden sollte , machte verzweifelte Anstrengungen und empfahl sich persönlich in den Häusern der Stimmberechtigten , so daß er mit knapper Mehrheit wieder bestätigt wurde . Sein Substitut Julian , der sich unbefangen beworben , erhielt aber so viel Stimmen , daß er durch die Ziffer schon eine Anwartschaft unter den hervorragenden Kandidaten bekam . Die zwei jungen Männer säumten unter solchen Umständen nicht länger , sich außerhalb ihrer Notariatskreise umzutun und erworbene Freundschaften zu benutzen , und so währte es nicht zu lange , bis jeder in einer fruchtbaren , wohlhabenden Gegend des Landes zum Notar erwählt worden , Isidor , der Altliberale , im Norden , und Julian , der Demokrat , im Osten von Münsterburg . Im Zeisig herrschte Freude . Frau Amalie Weidelich rief : » Zwei Landschreiber zu Söhnen ! « und der Vater Jakob sagte : » Ja , du hast ' s erreicht , was die Ehre betrifft ! Aber mit dem Einkommen der Notare soll es nicht mehr glänzend stehen ! Wir werden noch weiter opfern müssen ! « » Ei , da sorg du nicht ! « eiferte die Mutter , » diese Sorte bleibt nicht lang auf dem Fleck stehen ! « » Jedenfalls , « fuhr Jakob Weidelich unbeirrt fort , » braucht jeder alsbald ein Haus , einen anständigen Wohnsitz ; denn mit einer Landschreiberei kann man nicht bei Bauersleuten zur Miete wohnen ! Das wird auch Geld kosten ! « Die Söhne beruhigten den Vater . Zu einem artigen Haus oder gar einem mäßigen Landgute zu kommen , ergebe sich die vorteilhafteste Gelegenheit aus dem amtlichen Geschäftsleben selbst bei Anlaß von Konkursabsteigerungen , Erbverkäufen und anderen Fällen von Handänderungen , wo ein gewandter Notar , wenn er die Augen auftue und etwas wage , ja zunächst bei der Anrichte stehe . Vater Weidelich verstand sich nicht recht auf solche Geschäftsläufe ; von den alten Landschreibern seines Gedenkens hatte man dergleichen Praxis nicht vernommen ; doch war er selber kein Gewinnverächter und fand es schließlich um so besser , wenn hier das biblische Wort gelte : Dem Ochsen , der da drischt , sollst du nicht das Maul verbinden . Die gute Mutter vermochte kein Wort mehr zu sagen , so gerührt , so betroffen war sie , die Söhne in eigenen Herrenhäusern sitzen zu sehen , weit auseinander im Lande wohnend . Während die jungen Notare einstweilen noch in den Wohnräumen ihrer Vorgänger die Ämter antraten und verwalteten , suchte gelegentlich jeder in den Ortschaften seines Kreises eine Behausung . Das gab Gelegenheit , sich der angesessenen Wohnerschaft zu zeigen und Leutseligkeiten mit ihr zu tauschen . Um auf der nunmehrigen Laufbahn nicht mehr verwechselt zu werden , hatten sie auch das Äußere so ungleich als möglich gemacht , Julian das üppige Haar kurz gestutzt und ein zartes Schnurrbärtchen gepflanzt , Isidor das Haar mit Pomade glatt gestrichen und gescheitelt ; dazu trug jener einen schwarzen Filzhut , breit wie ein Wagenrad , dieser ein Hütlein wie ein Suppenteller . Das Glück wollte , daß beide in kurzer Zeit Anlaß fanden , ein schönes Grundstück zu billigem Preise an sich zu ziehen und statt der bisherigen Besitzer lediglich den eigenen Namen in die Grundbücher einzutragen . Nachher konnten sie soviel Land davon verkaufen , daß sie beinahe zinsfrei wohnten . Julians Sitz lag im Osten in der großen Dorfschaft Lindenberg ; die weit zerstreuten Häuser zogen sich um den Fuß des Berges herum , die neue Kanzlei aber glänzte weiß von der Höhe ins Land hinaus . Isidor hatte zur Residenz die Kirchgemeinde Unterlaub gewählt , und das kleine , aber zierliche Landhaus , das er bezogen , war ebenfalls auf einer anmutigen , aus grünem Buchengehölz ragenden Erdbrust gelegen , wo es » im Lautenspiel « hieß . Wenn die Eltern Weidelich zu einer gewissen Jahreszeit des Abends , bei schönem Wetter , die Anhöhen über dem Zeisighofe bestiegen , so konnten sie in der Ferne die weißen Mauern und die Fenster beider Häuser im Scheine der niedergehenden Sonne schimmern und funkeln sehen . Aber nicht nur das Himmelslicht , auch die Gunst der Menschen schien die glückseligen Wohnungen und ihre Eigner zu verklären ; denn als wiederum eine kleine Zeit verstrichen , starb in Isidors Gegend ein altes Mitglied des Großen Rates und nahm in Julians Revier ein anderes , durch Verhältnisse genötigt , seinen Austritt . Die Altliberalen , über den Verlust ihres alten Genossen betrübt , wollten es auch einmal mit jungem Holze versuchen und hoben den jungen Notar im Lautenspiel auf den Schild ; die Demokraten im Osten holten schon seines großen Hutes wegen den Julian vom Lindenberg herunter ; denn dieser Hut , als ein unverhohlenes Zeichen der Gesinnung , bildete einen trefflichen Gegensatz zu dem gescheitelten Haar und dem glatten Gesicht Isidors und eine Herausforderung aller Andersgesinnten überhaupt . Sie wurden zur nächsten Versammlung des zweihundertköpfigen Rates einberufen und , nachdem die Wahlen anerkannt , zum Handgelübde in den Saal geführt ; schon vor der Sitzung hatten sie unter Anleitung des Weibels sich die Plätze ihrer Vorgänger gesucht und nahmen nach vollzogener kurzer Handlung dieselben ein . Als sie nun dasaßen , der eine hier , der andere dort , waren beide gleichmäßig still und doch unaufmerksam , so daß sie kaum wußten , was jetzt verhandelt wurde . Nach und nach fiel es ihnen ein , daß sie gedruckte Sachen in einem Umschlag mit sich führten , neue Vorlagen wurden ausgeteilt , sie vertieften sich blätternd darein und erwischten auch den Faden , an welchem die Beratung eines Gesetzentwurfes sich hinspann . Aber schon bei der ersten Abstimmung , die im Laufe des Morgens stattfand , fehlten sie im Saale , da sie ihren guten Bekannten gefolgt , die ihnen gewunken , und mit denselben zum Frühstücke in eine Schenke gelaufen waren . Es konnte wegen Unvollzähligkeit überhaupt nicht abgestimmt und mußten die Weibel ausgesandt werden , aus den umliegenden Wirtschaften die Abwesenden herbeizuholen , während der ernstere und an Ausdauer mehr gewöhnte Teil der Senatoren , der auf dem Rathause saß , irgendeinen Bericht anhörte . In den ihnen wohlbekannten dunkeln , von Geräusch erfüllten Zechstuben stellten sich die Weibel unter die Türen und ersuchten mit lauten Ausruferstimmen die hochgeachteten Herren , zur Abstimmung zu kommen . Mit einigem Tumult erhoben sich die eifrigen Frühstücker und kamen , die Zwillinge mitten unter ihnen , eilig in einer dichten Wolke durch die uralte Türe hereingeströmt . Isidor und Julian fanden die Sache lustig und kamen mit lachenden Gesichtern , während der verdrießliche Präsident auf dem Hochsitze zum ersten Vizepräsidenten neben ihm sagte : » Das geht ja bald wie in einer Schule , wenn man die Knaben hineintreibt ! « Es wurde mit dem Entwurf fortgefahren , wollte aber nicht recht klecken , weshalb der Präsident vorschlug , abzubrechen und eine Nachmittagssitzung zu halten . Das beliebte der Versammlung und verschaffte den zwei jüngsten Mitgliedern ein neues Vergnügen , indem sie , jeder unter einer Schar seiner Gesinnungsgenossen , zum Mittagessen ins Gasthaus wanderten . Dort tauten sie vollständig auf , beim Kartenspiel um den schwarzen Kaffee die Weihe der Ebenbürtigkeit erwerbend . Als man nach zwei Stunden in die Ratssitzung zurückkehrte , fühlten sie sich schon wie zu Hause . Sie begannen an diesem ersten Tage die äußerlichen Gewohnheiten älterer Stammgäste und vielbeschäftigter Männer nachzuahmen , Julian verließ seine Bank , um sich an einen Tisch zu setzen , welcher mit Schreibmaterial bedeckt in der Mitte des Saales stand . Einen Vorrat klein geschnittener Blätter nicht beachtend , löste Julian von einem Buche des schönsten Papiers einen großen Bogen ab , schlug ihn auseinander und statt ein Falzbein zu gebrauchen , riß er ihn aus freier Hand , um seine Kanzlistenkünste zu zeigen , mit einem Zuge mitten durch , allerdings schnurgerade . » Ratsch ! « machte der Herr Präsident , dem der schrille Laut in den Ohren weh tat , gegen seinen Nachbar , » diesen Vergeuder möchte ich nie zum Finanzminister machen ! Wie er nur mit dem schönen Papier umgeht , das ihn nichts kostet ! « Julian aber fuhr fort , die Stücke entzweizureißen , bis er endlich eines passend fand , darauf zu schreiben , die Feder eintauchte , nachdenklich zur Saaldecke emporschaute und dann anfing , etwas zu schreiben , zuweilen ein wenig aufhorchend , um den Gang der Beratung nicht außer acht zu lassen . Zuletzt drehte er sich auf seinem Stuhle nach dem Redner hin , lehnte sich zurück , schlug die Beine übereinander und schien , die Feder hinter dem Ohre , aufmerksam , ja gespannt zuzuhören . Dann schrieb er weiter , sandelte endlich , las das Geschriebene , faltete es zusammen und schritt nach seinem Platze zurück . Bald darauf begab sich Isidor an den Tisch , wo er ein Bögelchen Postpapier nahm und mit fliegender Hand einen Brief schrieb . Die Unterschrift aber vollzog er langsam und nachdrücklich , bis er plötzlich die Faust in eine kreisende Bewegung versetzte , die eine Weile in der Luft spielte , ehe sie sich auf das Papier niederließ und eine Wolke von kraus durcheinandergeringelten Federzügen auf und um den Namen kritzelte . Schließlich spritzte er geschickt drei Tupfen dazwischen , zur Erbauung der Leute , die ihm von der Galerie herab zuschauten . Dann faltete er den Brief , tat denselben in ein Kuvert und schrieb die Adresse , streckte den Federhalter empor und winkte dem Weibel , der aufmerksam auf seinem Posten stand . Diensteifrig eilte der auf seinen Zehen herbei , den silbernen Schild an drei Kettlein vor der Brust , nahm den Brief in Empfang und legte ihn mit einer Oblate unter die an den Tisch befestigte Siegelpresse , das kleinere Staatswappen daraufdrückend , worauf er ihn hinaustrug oder vielmehr durch das mit einem kleinen Türchen versehene Guckloch in der schweren Eichentüre einem der draußen stehenden Läufer hinausbot . Isidor lehnte indessen ausruhend in seinem Sessel am Tische , mit verschränkten Armen sich das Publikum auf der Galerie betrachtend . Der Vorsitzende sagte zum Nebenmanne : » Ich wollte wetten , der hat sich gewiß ein halbes Dutzend Frankfurter Bratwürstchen bestellt , die er heut abend mit nach Hause nehmen will ! « » Er kann auch um eine halbe Million Franken für seine Hypothekarklientel geschrieben haben « , erwiderte lachend der Vizepräsident ; » Sie scheinen übrigens unserer neusten Ratsjugend nicht sehr gewogen zu sein ? « » Nun , je nachdem ! Wenn sie anfangen , zwillingsweise aufzuziehen und sich benehmen wie auf dem Fastnachtstheater oder bei sonst einem Knabensport , so muß ich gestehen - darf ich Sie bitten , mir Ihren Zusatzantrag schriftlich einzureichen ! « unterbrach sich der Präsident , als ein Redner sein Votum schloß und sich niedersetzte ; » wer begehrt ferner das Wort ? « Diese Nachmittagssitzung dauerte so lang , daß die Herren Volksvertreter nach Schluß derselben sofort die Bahnhöfe aufsuchen mußten , um die Heimat zu erreichen . Denn seit das Ländchen überall von den Schienenwegen durchzogen war , galt es nicht mehr für wohlanständig , die Nacht in der Hauptstadt zuzubringen , während man in einer halben oder ganzen Stunde zu Hause und am Morgen ebenso rasch wieder dasein konnte . Um nicht nachteilig aufzufallen , sahen sich auch die Brüder Weidelich genötigt , mit den Ratsgenossen nach ihren betreffenden Bezirken zurückzufahren . Es gehörte überdies zum Tageslauf , an den Gesprächen der Heimkehrenden teilzunehmen , wenn auch nur mit den Ohren , und so gewissermaßen bis zum Ende dabeizusein . An diesem Abend saßen im Zeisig die Eltern der jungen Großräte unwirsch , fast betrübt am Tische . Stolz auf das heutige Ereignis , welches die Gutheißung all ihrer Opfer und Hoffnungen enthielt , hatten sie den ganzen Tag auf den Augenblick geharrt , den die Söhne finden würden , Vater und Mutter aufzusuchen und zu begrüßen . Schon zur Mittagszeit hielten sie kräftige Speise und besseren Trank bereit und zögerten lange vergeblich , bis sie endlich zu essen begannen . Öfter verließen sie ihre Geschäfte und liefen auf die Straße , in der Hoffnung , die neuen Würdenträger von der nahen Stadt heraufkommen zu sehen . Allein sie kamen nicht . » Sie werden nicht Zeit finden , « sagte Jakob Weidelich , » sie sind jetzt eben angebunden bei den Geschäften , an allen Enden ! « Als die guten Leute spätabends nochmals hinausgingen und die letzten Bahnzüge in der Ferne durch die Stille rollen und pfeifen hörten , wußten sie , daß sie die Söhne nun nicht mehr sehen würden . Die Frau wischte sich die Augen , was seit undenklichen Zeiten nur geschehen , wenn sie Zwiebeln schälte ; es war ihr zumute , als ob die Söhne für immer entschwunden und in ein unbekanntes Land gefahren wären . » Sie kommen ja morgen wieder , « sagte Jakob , » und übermorgen wahrscheinlich auch ! « » Wer weiß , ob sie dann an uns denken ! Es ist mir ums Herz , wie wenn sie uns nichts mehr angingen ! « Die Frau schlich ins Haus zurück , damit niemand ihre Betrübnis bemerke und deren Ursache errate , und der Mann drückte sich nach ein paar Minuten auch hinein . Sie tranken zusammen von dem besseren Wein , den sie für die Söhne bereitgehalten . » Und warum brauchen sie denn alle Tage hin- und herzufahren wie die Maulaffen ? « schalt die Mutter , » da sie ja so bequem bei uns übernachten könnten und kein Geld ausgeben müßten ? « » Das verstehst du nicht ! Sie haben doch in ihren Kanzleien nachzusehen , was vorgegangen ist ; und morgens früh , eh sie weggehen , weisen sie den Schreibergesellen die Arbeit an . Das macht sich auch besser , als wenn sie sich drei oder vier Tage lang nicht blicken ließen ! Zu was hat man alle die Eisenbahnen , für die sich die Gemeinden und der Staat so überschuldet haben ? Das kommt ihnen jetzt zugute , sie können den Tag über prächtig hier im Rathaus sitzen und am Abend wie am Morgen früh doch ein paar Stunden zu Haus arbeiten ! Denn sie haben eine große Verantwortlichkeit ! « Auch in Martin Salanders Wohnung war der