Und Huldigungen sind wie Phosphorhölzer , eine zufällige Friktion , und der Brand ist da . « Solche Betrachtungen begleiteten ihn und kamen ihm während seines Bremer Aufenthalts allabendlich wieder , wenn er , nach den Geschäften und Mühen des Tages , seinen Spaziergang am Bollwerk hin machte . Seine Vorsätze blieben dieselben , aber freilich seine Neigungen auch , und als er eines Tages , wo diese Neigungen mal wieder stärker als die Vorsätze gewesen waren , in seine Wohnung heimkehrte , schob er ein Tischchen an die Balkontür seines nach dem Flusse hin gelegenen Zimmers und setzte sich , um an Cécile zu schreiben . Es war eine kostbare Nacht , kein Lüftchen ging , und auf den vorüberflutenden Strom fielen von beiden Ufern her die Quai- und Straßenlichter ; die Mondsichel stand über dem Rathaus , immer stiller wurde die Stadt , und nur vom Hafen her hörte man noch Singen und den Pfiff eines Dampfers , der sich , unter Benutzung der Flut , zur Abfahrt rüstete . Rasch flog Gordons Feder über die Seiten hin , und die weiche Stimmung , die draußen herrschte , bemächtigte sich auch seiner und fand in dem , was er schrieb , einen Ausdruck . Die Verhandlungen in Bremen währten länger als erwartet und kamen erst zum Abschluß , als eine nach den friesischen Inseln hin unternommene Reise die bis dahin bezweifelte Durchführbarkeit des Unternehmens bewiesen hatte . Gordon lernte bei der Gelegenheit Sylt und Föhr kennen , auch Norderney , woselbst er emsig nach den St. Arnauds forschte , die , dessen entsann er sich , den Plan gehabt hatten , ihre Sommertour auf Norderney zu beschließen . Er ging aber vergeblich die Fremdenliste durch und war endlich froh , die Insel , der er seine Mißstimmung entgelten ließ , nach zweitägigem Aufenthalt wieder verlassen zu können . Anfang August war er in Berlin , wo , neben amtlichen und finanziellen Vorbereitungen , auch allerlei das Technische betreffende Bestellungen und Kontrakte zu machen waren . Er bezog eine schon Ende Mai , kurz vor seiner Reise nach Thale , gemietete Wohnung in der Lennéstraße , wohin er auch alle Briefe zu richten angeordnet hatte . Leider fand er nichts vor , weder in der Wohnung noch auf der Post , oder doch nicht das , woran ihm am meisten gelegen war . Eine schlechte Laune stellte sich ein , aber glücklicherweise nicht auf lange . » Tor , der ich bin und immer nur mit meinen Wünschen rechne . Man braucht kein Menschenkenner zu sein , um zu wissen , daß Cécile keine passionierte Briefschreiberin ist . Wäre sie das , so wäre sie nicht sie selbst . Briefeschreiben ist wie Wetterleuchten ; da verblitzt sich alles , und das Gewitter zieht nicht herauf . Aber Frauen wie Cécile vergegenständlichen sich nichts und haben gar nicht den Drang , sich innerlich von irgendwas zu befreien , auch nicht von dem , was sie quält . Im Gegenteil , sie brüten darüber und überladen sich mit Gefühl bis dann mit einem Male der Funken überspringt . Aber sie schreiben nicht , sie schreiben nicht . « Er schob , während er so sprach , den Sofatisch beiseit und begann auszupacken . Unter den ersten Sachen war auch eine Schreibmappe , deren Deckel eine Photographie zeigte , das Bild seiner Schwester . In der Stimmung , in der er war , sah er sich ' s an und sagte : » Clothilde . Wie gut sie aussieht . Aber sie taugt auch nichts . Es muß über drei Wochen sein , daß ich an sie geschrieben . Und bis heute keine Antwort , trotzdem das Thema nichts zu wünschen übrigließ . Denn über was schrieben Frauen lieber als über eine andre Frau , und noch dazu , wenn sie merken , daß man sich für diese andre interessiert . Und doch kein Wort . Ist ein Brief verlorengegangen ? Unsinn , Briefe gehen nicht verloren . Nun , es wird sich aufklären . Vielleicht liegt mein langes Skriptum irgendwo in Liegnitz , während Fräulein Schwester noch in der Welt umherfährt . « In diesem Augenblicke klopfte es . » Herein . « Der Eintretende war ein Großindustrieller , Vorstand einer Fabrik für Maschinenwesen und Kabeldrähte , dem Gordons Ankunft von Bremen her telegraphiert worden war und der nicht säumen wollte , sich ihm vorzustellen . Gordon entschuldigte sich wegen der überall im Zimmer herrschenden Unordnung und bat den Fremden , einen eleganten Herrn von augenscheinlich weltmännischen Allüren , in einem der Fauteuils Platz zu nehmen . Der Fremde lehnte jedoch mit vieler Verbindlichkeit ab und lud seinerseits Gordon ein , ihn nach seiner Charlottenburger Villa hinaus begleiten und daselbst sein Gast sein zu wollen ; sein Wagen halte bereits vor der Tür , und was Geschäftliches zu sprechen sei , lasse sich unterwegs verhandeln . » Wir haben dann den Abend für ein Gespräch mit den Damen . « Seine Frau , so schloß er , die passioniert für Nilquellen und Kongobecken sei , freue sich ungemein , einen so weitgereisten Herrn kennenzulernen , und wenn es Afrika nicht sein könne , so werde sie sich auch mit Persien und Indien zufriedengeben . Gordon fühlte sich durch die ganze Sprechweise sehr angeheimelt und nahm an . Der Abend in Charlottenburg war entzückend gewesen , und Gordon hatte sich wieder überzeugt , » wie klein die Welt sei « . Gemeinschaftliche Freunde waren entdeckt worden , in Bremen , England , New York , und zuletzt auch in Berlin selbst . Auch den Obersten von St. Arnaud kannte man ; er habe eine schöne Frau , die schon einmal verheiratet gewesen sei ( sehr hoch hinauf ) , und habe eines Duells halber den Abschied nehmen müssen . Unter solchem Geplauder war der Abend vergangen , und erst lange nach Mitternacht hatte Gordon , in einem Mischzustande von Müdigkeit und Angeheitertsein , seinen Heimweg angetreten . Nun war es Morgen , und er erschrak fast , als er in sein Wohnzimmer trat und sich hier umsah . Alles lag noch gerade so da , wie ' s gestern , als der Besuch kam , gelegen hatte : Wäsche , zerstreut über die Stühle hin , Überzieher und Fracks an Schrankecken und Fensterriegel gehängt , und der Koffer selbst halb aufgeklappt zwischen Tür und Ofen . Am buntesten aber sah es auf dem Sofatisch aus , wo Nagelscheren und Haarbürsten , Eau-de-Cologne-Flaschen und Krawatten ein Chaos bildeten , aus dessen Zentrum ein rotes Fez und als Überraschung ein Markt-Astern-Bouquet aufragte , das die Wirtin , vielleicht um sich ihres Mieters fester zu versichern , mit beinah komischer Sorgfalt in eine blaue Glasvase mit Silberrand hineingestellt hatte . Nirgends ein Zollbreit Platz . Zu dem allen kam in eben diesem Augenblick auch noch der Kaffee ; Gordon nahm schnell eine Schale voll und setzte dann das Tablett auf den Bücherschrank . » Und nun sollt ich wohl « , hob er an , » in diesem Chaos Ordnung stiften . Aber ich war so lange nicht in Berlin , wenigstens nicht mit Muße , daß ich ein Recht habe , mich als einen Fremden anzusehen . Und für einen Fremden ist es immer das erste , daß er sich ein Kissen aufs Fensterbrett legt und die Häuser und Menschen ansieht . « Und damit trat er wirklich ans Fenster und sah hinaus . » Aber Häuser und Menschen in der Lennéstraße ! Da hätt ich mir freilich einen anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis-à-vis suchen müssen . Alles ist so still und verkehrslos hier , als ob es eine Privatstraße wäre mit einem Schlagbaum rechts und links . Sei ' s drum ; man muß die Feste nehmen , wie sie fallen , und die Straßen auch . Im übrigen wird sich schon was finden , das der Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wäre . Das an der Ecke da , das muß der Schneckenberg sein ( Erinnerung aus meinen Collège-Tagen her ) , und wenn ich Glück habe , so seh ich auch noch ein Stück von dem Schaperschen Goethe . Wahrhaftig , da blitzt so was zwischen den Bäumen ; - au fond sind Bäume besser als Häuser , und ein bißchen Publikum wird sich auch noch einstellen . Wo Bänke stehen , stehen auch Menschen in Sicht . Als ich Berlin Ende Mai passierte , schien der Tiergarten , speziell hier herum , aus lauter roten Kopftüchern und blauweißen Kinderwagen zu bestehen , und wenn erst die Mittagssonne wieder brennt , werden auch die roten Kopftücher wieder dasein . Und vielleicht auch die zugehörige Soldateska . Bis dahin muß ich mich mit dem Schlangenungetüm begnügen , das da , zehn Ellen lang , im Grase liegt . Ah , jetzt blitzt der Strahl über den Rasen hin . « Er sah noch eine Weile dem Spritzen zu , freute sich , wie sich das Sonnenlicht in den Tropfen brach , und gab dann seinen Fensterplatz wieder auf , um endlich Ordnung zu schaffen . Rüstig ging er ans Werk und mußte lachen , als der Kleiderschrank bei jeder Berührung seiner Holzriegel quietschte . » Noch ganz die alte Zeit . So quietschten sie früher auch . Aber Berlin wird Weltstadt . « Und während er so sprach , flogen die Kästen auf und zu , bis , nach Ablauf einer Stunde , nicht bloß die Stiefel aller Arten und Grade blank aufmarschiert in einer Ecke standen , sondern auch die Bürsten und sonstigen Reinigungsapparate des zivilisierten Menschen ihren richtigen Platz gefunden hatten . Er ruhte sich einen Augenblick und machte dann Toilette . » Wohin ? Alte Freunde besuchen , die vielleicht keine mehr sind ? Immer mißlich . Also neue , das heißt mit andern Worten die St. Arnauds . Denn andre hab ich nicht . Aber sind sie da ? Daß ich sie vor acht Tagen auf der langweiligen Insel nicht finden konnte , beweist nicht , daß sie zurück sein müssen . Sie können sich , statt für Norderney , mindestens ebensogut für Helgoland oder Scheveningen entschieden haben . Eins ist wie das andre . Aber mit oder ohne Chance , jedenfalls kann ich einen Versuch machen . « Und er nahm Hut und Stock , um in der St. Arnaudschen Wohnung vorzusprechen . Diese war auf dem Hafenplatze , so daß der einzuschlagende Weg erst durch ein Stück Königgrätzer Straße , demnächst aber über den Potsdamer Platz führte , der auch heute wieder wegen Kanalisation und Herstellung eines Inselperrons unpassierbar war . Wenigstens in seiner Mitte . So mußte Gordon denn an der Peripherie hin sein Heil versuchen , was ihn freilich nur in neue Wirrnisse brachte . Denn es war gerade Markt heute , der , wie gewöhnlich an dieser Stelle , zwischen Straßendamm und Häuserfront abgehalten wurde . Hier saßen die Marktfrauen in einer Art Defilee » gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge « , durch welche Gordon nun hindurch mußte . Wirklich , das war nichts Leichtes , aber so schwer es war , so vergnüglich war es auch , und auf die Gefahr hin , überrannt zu werden , blieb er stehen und musterte die Szenerie . Weit hin standen die Himbeer-Tienen am Trottoir entlang , nur unterbrochen durch hohe , kiepenartige Körbe , daraus die Besinge , blauschwarz und zum Zeichen ihrer Frische noch mit einem Anfluge von Flaum , hervorlugten . In Front aber , und zwar als besondere Prachtstücke , prangten unförmige verspätete Riesenerdbeeren auf Schachtel- und Kistendeckeln , und dazwischen lagen Kornblumen und Mohn in ganzen Bündeln , auch Goldlack und Vergißmeinnicht , samt langen Bastfäden , um , wenn es gewünscht werden sollte , die Blumen in einen Strauß zusammenzubinden . Alles primitiv , aber entzückend in seiner Heiterkeit und Farbe . Gordon war ganz hingenommen davon , und erst als er sich satt gesehen und ein paar kräftige Atemzüge getan hatte , ging er weiter , um , an der Köthner-Straßen-Ecke rechts einbiegend , auf den Hafenplatz zuzuschreiten . » Sie werden in dem Diebitschschen Hause wohnen . Etwas Alhambra , das paßt ganz zu meiner schönen Cécile . Wahrhaftig , sie hat die Mandelaugen und den tief melancholischen Niederschlag irgendeiner Zoë oder Zuleika . Nur der Oberst , bei allem Respekt vor ihm , stammt nicht von den Abenceragen ab , am wenigsten ist er der poetische Letzte von ihnen . Wenn ich ihn à tout prix in jenen maurischen Gegenden unterbringen soll , so ist er entweder Abdel-Kader in Person oder ein Riffpirat von der marokkanischen Küste . « Während er noch so vor sich hin plauderte , stand er vor dem St. Arnaudschen Hause , das aber , wie die Nummer jetzt auswies , nicht das Haus mit der Alhambrakuppel , sondern ein benachbartes von kaum minderer Eleganz war , wie gleich sein Eintritt ihm zeigen sollte . Die Stufen waren mit Teppich , das Gelände mit Plüsch belegt , während die buntbemalten Flurfenster ein mattes Licht gaben . Eine Treppe hoch angekommen , las er : » Oberst v. St. Arnaud . « Er klingelte . Niemand aber kam . » Also noch verreist . Ich will ' s aber doch noch einmal versuchen . Solange die Herrschaften nicht da sind , sitzen die Dienerschaften auf den Ohren . « Und er klingelte wieder . Wirklich , ein hübsches Mädchen kam , eine Jungfer , etwas verlegen . Sie schien in einer intimen Unterhaltung gestört worden zu sein oder doch mindestens in ihrer Toilette . » Die gnädige Frau schon zurück ? « » Erst heut über acht Tage . « » Von Norderney ? « » Nein . Von dem Gut . « » Ah , von dem Gut « , sagte Gordon , als ob er wisse , daß ein solches existiere . Dann ging er wieder , nachdem er sein Bedauern ausgesprochen hatte , die Herrschaften verfehlt zu haben . » Also noch auf dem Gut . Das will sagen , auf dem Gute der Frau . Denn Obersten haben keine Güter . Es gibt zwar Dotationen , aber die kommen erst später , wenn sie überhaupt kommen . « Und damit trat er wieder auf den Platz hinaus . Achtzehntes Kapitel Erst in einer Woche sollte Cécile von dem Gute zurückkehren . Das erschien Gordon eine lange Zeit , und die Tage wollten kein Ende nehmen , noch weniger die Abende , was ihm Veranlassung gab , es mit dem Theater zu versuchen . Aber er empfand wieder ganz die Wahrheit dessen , was ihm einst ein Freund über Theater und Theaterbesuch gesagt hatte : » Man muß oft hingehen , um Vergnügen daran zu finden ; wer selten hinkommt , leidet unter der Unwahrheit dessen , was er sieht . « Er gab also den Theaterbesuch wieder auf , vielleicht rascher , als recht und billig war , und mußt es schließlich noch als ein besonderes Glück ansehen , in dem ihm nahe gelegenen » Hôtel du Parc « einen ihm zusagenden Platz für Unterbringung seiner Abende zu finden . Er saß hier oft halbe Stunden lang und länger in dem schmalen Glaspavillon und las entweder die Zeitungen oder plauderte mit dem Wirt . Eines Abends traf er in eben diesem Glaspavillon auch die beiden Berliner wieder , die , vom » Hotel Zehnpfund « her , ihm noch gut in der Erinnerung waren , und er würde sicherlich nicht versäumt haben , sie zu begrüßen , wenn sie nicht in Begleitung ihrer Damen gewesen wären , die , nachdem ihnen ganz ersichtlich Gordons Name zugetuschelt worden war , sofort Anstandsgesichter aufsetzten und jeden Versuch ihrer Ehemänner zu Fortführung einer unbefangenen oder gar heiter ungenierten Unterhaltung energisch ablehnten . In dieser erkünstelten Würde verharrten sie denn auch bis zuletzt und brachen , nachdem sie sich gegen den sie begleitenden und ihnen bekannten Wirt nur im letzten Momente noch mit verstecktem Lächeln verbeugt hatten , unter entsprechender Pomphaftigkeit auf . » Kannten Sie die Herrschaften ? « fragte Gordon . » Ich war im Juni mit ihnen in Thale zusammen ; das heißt mit den beiden Herren . Da waren sie ganz anders , etwas laut , etwas sonderbar , so berlinisch . « » Ja « , lachte der Wirt . » Das ist immer so . Richtige Berliner gibt es eigentlich nur noch draußen und auf Reisen . Zu Hause sind sie ganz vernünftig . « » Besonders , wenn die Frauen dabei sind . « » Ja , dann besonders . « Zwei Tage später war die Zeit um , wo die St. Arnauds zurück sein wollten , und Gordon zählte jetzt die Stunden , um am Hafenplatz wieder vorzusprechen . Er bezwang sich aber und ließ abermals drei , vier Tage vergehen , eh er sich anschickte , seinen Antrittsbesuch zu machen . Diesmal nahm er seinen Weg am Wrangelbrunnen und der Matthäikirche vorbei , welchen Umweg er nur der längeren Vorfreude halber wählte . » Nun aber ist es Zeit . « Und damit bog er , vom Schöneberger Ufer her , links ein und passierte gleich danach die kleine , hier noch aus älterer Zeit her den Verkehr nach dem Hafenplatz hin vermittelnde Dreh-und Gitterbrücke . Schon von fern her sah er nach der Beletage hinauf und nahm nicht ohne Sorge wahr , daß die zusammengesteckten Gardinen nach wie vor die ganze Fensterbreite verdeckten . Als er aber die Treppe hinaufstieg und den letzten Absatz derselben glücklich erreicht hatte , ließ ihm die den Türrahmen einfassende Laubgirlande keinen Zweifel mehr , daß die Herrschaften zurückgekehrt sein müßten . Oben angekommen , fuhr er mit leiser Hand über das schon halb trockene Laub hin und sagte , wie wenn er an dem Raschelton die Zeit gemessen habe : » Drei Tage . « Nun erst zog er die Glocke . Dasselbe nach Wesen und Sprechart oberschlesische Mädchen erschien wieder , das ihm schon bei seinem ersten Besuche geöffnet hatte , diesmal mit bemerkenswerter Raschheit . Er nannte seinen Namen , und einen Augenblick später kam Antwort : » Die gnädige Frau lasse bitten . « Gordon folgte , den Korridor entlang , bis an den sogenannten Berliner Saal , an dessen Schwelle Cécile bereits stand und ihn begrüßte . Sie sah frischer und jugendlicher aus als in Thale , welchen Eindruck ein helles Sommerkostüm noch steigerte . Gordon war wie betroffen , und einer fast ans Sentimentale streifenden Empfindung hingegeben , nahm er ihre Hand und küßte sie mit Devotion . » Herzlich willkommen « , sagte sie . » Und vor allem schönen Dank für Ihren Brief ; er hat mir so wohlgetan . Und wie liebenswürdig , daß Sie Wort halten und unsrer gedenken . « Gordon erwiderte , daß er vor zehn Tagen schon nachgefragt habe . » Susanne hat uns davon erzählt . Und die Beschreibung , die sie machte , war so gut , daß St. Arnaud und ich gleich auf Sie rieten . Aber nun vor allem Pardon , daß ich Sie nicht in unsren Glanzräumen empfange . Wir sind noch wie zu Gast bei uns selbst und beschränken uns auf ein paar Hinterzimmer . Ein Glück , daß wir wenigstens einen leidlich repräsentablen Gartenbalkon haben . Übrigens finden Sie Besuch . Erlauben Sie , daß ich voraufgehe . « Gordon verneigte sich , und einen Augenblick später traten beide , nach Passierung eines schon im Seitenflügel gelegenen und mit Philodendrons und andren Blattpflanzen fast überfüllten Raumes , auf einen Vorbau hinaus , der , aus Stein aufgeführt , mehr einem nach vorn hin offenen Zimmer als einem Balkone glich . Eiserne Stühle samt Tisch und Etagère standen umher , während auf einer mit Kissen belegten Gartenbank ein alter Herr mit schneeweißem Haar saß , der sich , als er Gordons gewahr wurde , von seinem Platz erhob . » Erlauben mir die Herren , Sie miteinander bekannt zu machen : Herr von Leslie-Gordon , Herr Hofprediger Doktor Dörffel . Aber nun , wenn ich bitten darf , placieren wir uns . Der Stuhl in der Ecke da ... wahrscheinlich verstaubt ... , aber gleichviel , helfen Sie sich , so gut es geht . Und nun , Herr von Gordon , bitt ich , Ihnen ein Glas von diesem Montefiascone einschenken zu dürfen . Oder der Herr Hofprediger übernimmt es vielleicht ; er hat ruhige Nerven und eine sichere Hand , während ich immer noch das Fingerzittern habe ; Meer- und Gebirgsluft haben mir gleichmäßig die Hülfe versagt . Aber nichts von solch unerfreulichen Dingen . Ihr Wohl , Herr von Gordon . « » Und das Ihre , meine gnädige Frau . « Cécile dankte . » Erinnern Sie sich noch des Tages , wo wir das letzte Mal so zusammensaßen ? « » Oh , wie könnt ich des Tages je vergessen . « Und er begann nun den Reim zu zitieren , worin Rosa von der » Perlen schönster Perle « gesprochen hatte . Cécile ließ ihn aber nicht aussprechen und sagte : » Nein , Herr von Gordon , Sie dürfen mich nicht in Verlegenheit bringen , und am wenigsten hier vor meinem väterlichen Freunde . Ja , die Schmerlen und der Rodensteiner . Und als dann die Turner aufmarschierten ! Es war so reizend . Aber das Reizendste von allem ist doch , daß wir in diesem Augenblicke darüber sprechen und den Herrn Hofprediger nicht nur in unsre gemeinschaftlichen glücklichen Erinnerungen einweihen , sondern auch auf Verständnis rechnen können . Denn er hat selber ein gut harzisch Herz und ist ein Quedlinburger , wenn ich nicht irre . « » Nein , meine gnädigste Frau , nur ein Halberstädter . « » Nur , nur « , lachte Gordon . » Jedenfalls beneid ich den Herrn Hofprediger um seine Geburtsstätte . « » Zuletzt ist jeder Platz gerade gut genug , um darauf geboren zu werden . « » Gewiß . Aber doch der eine vor dem andern . Und wenn ich meinerseits mir einen Platz hätte wählen können , so hätt ich mir Lübeck gewählt oder Wismar oder Stralsund , weil ich die Hansa-Passion habe . Gleich nach der Hansa aber kommt der Strich von Halberstadt bis Goslar . Und als drittes erst kommt Thüringen . « Der Hofprediger reichte Gordon die Hand und sagte : » Darauf müssen wir noch eigens anstoßen ; erst Hansa , dann Harz und dann Thüringen . Mir aus der Seele gesprochen , trotzdem es fast sakrilegisch ist . Denn ein richtiger lutherischer Geistlicher muß eigentlich auch zur Luther-Gegend halten . « » Gewiß , zur Luther-Gegend , die die Dioskuren von Weimar uns gleich noch als Zugabe bringt . Aber der Harz hat nun mal meine ganz besondren Sympathien , und ich liebe jedes harzische Lied und jede harzische Sage , von Buko von Halberstadt an bis zu des Pfarrers Tochter ... « » ... von Taubenhayn « , ergänzte der Hofprediger . Aber im selben Augenblicke wahrnehmend , daß Cécile , wie bei jedem unpersönlich bleibenden Gespräche , voll wachsender Abspannung dreinsah , brach er rasch ab oder mühte sich wenigstens , auf etwas Näherliegendes einzulenken . » Ja , der Harz ! « fuhr er fort . » Wir sind ganz d ' accord , Herr von Gordon . Und nun gar mein liebes altes Halberstadt , von dem ich mit dem König von Thule singen möchte , es ging ihm nichts darüber - so sehr häng ich daran . Und doch , wenn ich mich umtun und einen Fleck Erde nennen sollte , der vielleicht angetan wär , ihm in meinem Herzen den Rang streitig zu machen , so wär es unser gutes Berlin . Und worin den Rang streitig macht ? Just in dem , was ihm am meisten abgesprochen wird , in landschaftlicher Schönheit . Bitte , treten Sie hier heran , Herr von Gordon , hier an diese Brüstung , und dann urteilen Sie selbst . Wenn Sie den ganzen Harz auf den Kopf stellen , so fällt , so schön er ist , kein Stück Erde heraus wie das hier . « Und wirklich , er durfte so sprechen , denn was sich da , vom ersten Herbste kaum angeflogen , zu Füßen des Balkons ausbreitete , war eine Art Föderativstaat von Gärten , zwanzig oder mehr , die , durch niedrige , kaum sichtbare Heckenzäune voneinander getrennt , ein einziges großes Blumencarré bildeten : Astern in allen Farben , aus denen Rondele von Canna indica emporblühten . Die Mittagssonne blitzte dazwischen , und auf einer ihnen gegenübergelegenen Veranda standen Damen im Gespräch und fütterten Tauben , die , von einem Nachbarhofe her , auf die jenseitige Balkonbrüstung geflogen waren . » Insel der Seligen « , sagte Gordon vor sich hin und bedauerte doch schon im selben Augenblicke , das Wort gesprochen zu haben , weil er wahrnahm , wie peinlich Cécile davon berührt wurde . Doch es ging vorüber , und sich rasch wieder in ihre gute Laune zurückfindend , sagte sie : » Wissen Sie , daß ich all die Zeit über an den alten Emeritus und den Professor mit dem sonderbaren Namen gedacht habe . Braunschweig oder Anhalt war das ewige Thema . War es nicht so ? Und nun ist Harz oder Thüringen das erste Gespräch , das ich Sie führen höre . Nein , mein Herr Professor Aus dem Grunde , zu dem Behufe wollen wir uns nicht wiedergesehen haben . « Gordon versprach feierlichst Besserung , fragte nach dem Obersten und zuletzt auch nach Rosa , und ob Nachrichten von ihr eingetroffen seien , was bejaht wurde . Dann erhob er sich , verneigte sich mit vieler Artigkeit gegen den Hofprediger und empfahl sich , während Cécile nach dem Diener klingelte . » Nun « , fragte Cécile , » welchen Eindruck haben Sie von ihm empfangen ? « » Einen guten . « » Ohne Einschränkung ? « » Fast . Er ist klug und gewandt und , wie ich glaube , von untadliger Gesinnung . « » Aber ? « » Er hat , so lebhaft und sanguinisch er ist , einen eigensinnigen Zug um den Mund und ist mutmaßlich fixer Ideen fähig . Ich fürchte , wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat , so will er auch mit dem Kopf durch die Wand . Das Schottische spukt noch in ihm nach . Alle Schotten sind hartköpfig . « » Ich hab ihn umgekehrt immer nachgiebig gefunden und überaus leicht zu behandeln . « » Ja , alltags und in kleinen Dingen . « Cécile schwieg sichtlich verstimmt , weshalb der Hofprediger , einlenkend , fortfuhr : » Im übrigen , meine gnädigste Frau , dürfen Sie Bemerkungen wie diese nicht ernsthafter nehmen , als sie gemacht werden . Alles , was ich gesagt habe , sind Sentiments und Mutmaßungen . Ich bin Hofprediger , aber nicht Prophet , auch nicht einmal von den kleinen . Und wenn ich recht hätte ! Was bedeutet Eigensinn ? Unser Leben ist voller Fallgruben , und wer in die des Eigensinns fällt , fällt noch immer nicht sonderlich tief . Da gibt es ganz andre . Herr von Gordon , wenn mich nicht alles täuscht , ist ein Mann von Grundsätzen und doch zugleich frei von Langweil und Pedanterie . Man erkennt unschwer den Mann , der die Welt gesehen und die kleinen Vorurteile hinter sich geworfen hat . So recht eine Bekanntschaft , wie Sie sie brauchen . Denn es bleibt bei meinem alten Satze , Sie verbringen Ihr Leben einsamer , als Sie sollten . « » Im Gegenteil , nicht einsam genug . Was sich Gesellschaft nennt , ist mir alles Erdenkliche , nur kein Trost und keine Freude . « » Weil die Gesellschaft , die sich Ihnen bietet , hinter Ihren Ansprüchen zurückbleibt . Sie lächeln , aber es ist so , meine gnädigste Frau . Was Sie brauchen , sind unbefangene Menschen , Menschen , die die Sprache zum Ausplaudern , nicht aber zum Cachieren der Dinge haben . Und zu diesen Unbefangenen zählt Herr von Gordon . So wenigstens ist der Eindruck , den ich von ihm empfangen habe . Pflegen Sie seine Bekanntschaft , und er wird Ihnen das Licht und die Freude geben , die Sie so schmerzlich vermissen . « Sie schüttelte den Kopf . Er aber nahm teilnehmend ihre Hand und sagte : » Was ist es wieder , meine liebe gnädigste Frau ? Sie müssen diese Melancholie von sich abtun . Es gehört nicht zu den Machtmitteln unserer Kirche , den Himmel aufzuschließen und seligzusprechen . Aber so wir nur den rechten Glauben haben , so trägt unser Heiland unsere Schuld . Diese freudige Gewißheit haben wir , und Sie dürfen sich nicht mit Vorstellungen quälen , die darauf aus sind , diese Gewißheit immer wieder in Frage zu stellen . Ich weiß wohl , was diesen Ihren beständigen Zweifeln zugrunde liegt , es ist das , daß Sie , vor Tausenden , in Ihrem Herzen demütig sind . Und diese Demut soll Ihnen bleiben . Aber es ist doch zweierlei die Demut vor Gott und die Demut vor den Menschen . In unserer Demut vor Gott können wir nie zu weit gehen , aber in unserer Demut vor den Menschen können wir mehr tun als nötig . Und Sie tun es . Es ist freilich ein schöner Zug und ein sicheres Kennzeichen edlerer Naturen , andere besser zu glauben als sich selbst , aber wenn wir diesem Zuge zu sehr nachhängen , so verfallen wir in Irrtümer und schaffen , weit über uns selbst hinaus , allerlei Schädigungen und Nachteile . Damit sprech ich dem Hochmute nicht das Wort . Wie könnt ich auch ? Ist doch Hochmut das recht eigentlich Böse , die Wurzel alles Übels , fast noch mehr als der