, gewiß . Das ist ja gerade das Beste , Fränzl , das ist die Hauptsach . Es war mir schon recht heute , daß der Geck von Devaviany meiner lieben kleinen Gräfin die Ehre gegönnt und über seine neuesten Coulissenconnaissancen - denn er wechselt jede dritte Woche - geschwiegen hat , aber wenn wir unter uns sind , Fränzl , und in dem Korbwägelchen über die Wiese fliegen , ei , dann will ich auch hören , was mir Spaß macht , von dem Speidel und dem Spitzer und dem Herrn von Dingelstedt und dem Herrn von Laube . Versteht sich . Und will auch hören , ob uns der Strakosch wieder ein neu Genie präpariert oder ob uns der Herr von Wilbrandt eine neue römische Kaiserin appetitlich zurechtmacht . Ja , Fränzl , davon will ich hören . Und dann nehmen wir unsern Tee , wär ' s auch nur , weil ich die kleine blaue Flamme so gerne seh , viel lieber als die bei Schwester Judith , und nach dem Tee , nun , da spielen wir ein Schach oder noch lieber ein Piquet . Aber du darfst nicht betrügen und nicht vierzehn Buben ansagen , wenn du sie nicht hast . Und wenn dann Vollmond ist oder auch nur die Sichel über der Terrasse steht , dann laß ich den Hanka kommen und den Toldy - denn wenn wir sie beide haben , dann überbieten sie sich und will jeder der Erste sein - , und dann haben wir einen Czardas und sehen zu , wie sich das junge Volk im Kreise dreht . « » Und ich tanze mit « » Tanzt Gräfin mit « , lachte der Graf . » O gewiß , das paßt . Und der Andras weiß sich zu schicken . Ist Magyar . « » Und bei solchem Leben , Petöfy , willst du mir noch von Einsamkeit und Langeweile sprechen ? Das ist ja wie aus dem Märchen . « » Ja , Fränzl , wie aus dem Märchen . Freilich . Aber ein Märchenleben ist kein Leben . Es fehlt was darin . « » Und das wäre ? « » Die Menschen . « » Ich entbehre sie nicht . « » Jetzt nicht , heute nicht . Aber es wechselt alles . Und ein Tag ist kurz und ein Tag ist lang . « Achtzehntes Kapitel Der andere Morgen sah beide wieder auf der Veranda . » Nun , Fränzl , immer im Programm . Paragraph eins : wie hast du geschlafen ? Paragraph zwei : was hast du geträumt ? « » Es war leider etwas wirr . Ich sah Szabô , den alten Obersten , in einer Gesellschaft schöner Damen , die sogleich neugierig einen Kreis um ihn schlossen . Und dabei sagte mir eine Stimme , daß von mir gesprochen werden würde , weshalb ich in eine Fensternische trat , um besser horchen zu können , was unschicklich ist , aber in drei Vierteln aller Lustspiele wird gehorcht , und so mußt du mir ' s verzeihen , wenn ich von der lieben alten Gewohnheit nicht gleich lassen kann . Wenigstens im Traume nicht . « » Und sollst auch nicht . Bleibe , wie du bist . Aber weiter , weiter . Du horchtest also . « » Ja , wenigstens eine Weile . Sehr bald indes schlich ich mich wieder näher und sah nun , daß aus dem Kreise schöner Frauen ein Kreis alter Militärs geworden war , alle mit dicken goldenen Epauletten , und nur Szabô schien unverändert . Als ich aber schärfer zusah , war es Szabô nicht mehr , sondern Görgey . « » Du hast das Bild in der Galerie gesehen , und so kam es in deinen Traum . Oder ist alles bloß Dichtung ? « » Dichtung und Wahrheit . Ich hab es mir etwas zurechtgemacht , um eine Brücke zu finden . « » Eine Brücke ? Wohin ? Wozu ? « » Zu Fragen , die wie politische Fragen aussehen und doch schließlich keine sind , sondern nur allerpersönlichste Fragen und Lebensfragen dazu . « » Da bin ich doch neugierig . Also . « » Nun , sich , ich habe dich für wienerisch und gut kaiserlich gehalten und sehe plötzlich , seit ich hier bin , daß es doch sehr anders mit dir liegt . Ich atme hier nicht bloß ungrische Luft , sondern bin auch sonst noch in einer ungrischen Atmosphäre . Darüber mußt du mich aufklären und mich einweihen in die letzten und besten Interessen deines Herzens . Und daß ich eine Fremde bin , erleichtert es dir und mir . Ich bin eben als Fremde nicht österreichisch und nicht habsburgisch , und wenn es sich darum handelt , ungrisch zu sein oder ungrisch zu werden , so liegt nichts in mir , was mich daran hinderte . Nimm mich also als das vielzitierte weiße Blatt , auf das , wenigstens politisch , noch eine ganze Welt von Weisheit geschrieben werden kann . Allen Ernstes , ich proponiere , daß wir auch die Politik auf unser Programm setzen und daß ich , was dasselbe sagen will , in meinem täglichen Zeitungsrapport nicht gebunden bin , bei der Schratt oder der Frank ein für allemal stehenzubleiben . Ich kenne dich zu gut , als daß ich glauben sollte , du hieltest Theaterdinge für Weltbegebenheiten . Es tötet dir nur ein paar müßige Stunden weg , und Gräfin Judith täuscht sich , wenn sie glaubt , daß das wirklich dein Leben und deine Welt sei . Hab ich unrecht ? Und ist es zudringlich , wenn ich darüber ein Wort zu hören wünsche ? « » Nein , Fränzl , ist nicht zudringlich . Und bist auch viel zu klug , um es zu sein . Ich freue mich , daß du fragst , und beinahe mehr noch , dir unumwunden antworten zu können . Aber womit beginn ich ? Gleichviel ! In dem , was du hier gesehen hast , hast du richtig gesehen ; es ist alles gut ungrisch , und mein altes Herz empfindet es als ein Glück und eine Gnade , daß es so sein darf und daß alles gekommen ist , wie ' s kam . Es hätt eben auch anders kommen können , und dann weiß ich nicht , was aus mir geworden wäre . Jedenfalls kein Glücklicher , der ich jetzt bin , und jetzt mehr denn je . « Bei diesen Worten nahm er Franziskas Hand und fuhr dann fort , während er sie mit besonderer Freundlichkeit anblickte : » Sieh , Fränzl , meine Jugend und meine besten Mannesjahre fallen noch in eine Zeit , darin es Fragen wie diese gar nicht gab . Unser altes Österreich war so bunt , wie ' s auch heute noch ist , aber die Farben vertrugen sich untereinander . Ein jeder hing mit Leib und Leben am Kaiserhaus , und weil das Kaiserhaus gut wienerisch war und wir alle mit , so wunderte sich keiner darüber , daß die ganze bunte Landkarte von Wien aus regiert wurde . Das war so Herkommen , immer so gewesen . Und nun vollends in der Armee ; da hätt ich den sehen wollen , der mir etwas gegen deinen Namensvetter , den Franzl , oder auch nur gegen das Ferdinandl gesagt hätt , obwohlen das Ferdinandl ein schwaches Mandl war . Aber ich verliere mich . « » O nein , nein . Nur weiter . Ich höre . « » Nun also , so war ' s , und es hätt auch ohne Schaden so bleiben können , wenigstens für mich , der ich kein Politiker war und auch eigentlich bis diese Stunde nicht bin . Aber eines Tages , wie der Frühling kommt , so sagen die einen , oder wie der Dieb in der Nacht kommt , so sagen die anderen , eines Tages waren andere Zeiten angebrochen , und das Feuer , das wir bis dahin , wenn ' s irgendwo mal brannte , mit unseren Militärstiefeln leicht ausgetreten hatten , das brannte jetzt durch ganz Österreich hin , am meisten aber hier , und ehe du drei Vaterunser beten kannst , war unser Ungarland wie verkehrt oder meinetwegen auch wie verhext , und auf jeder Fahne stand und flatterte : Lieber ungrisch sterben als kaiserlich verderben . Auf jeder Fahne stand es , sag ich , und in jedem Herzen dazu . Ja , Fränzl , wir hatten eine Revolution , und Revolutionszeit ist schwere Zeit , und mehr als einer ist an ihr zugrunde gegangen . Laß dir ' s von Toldy , der mit dabei war , erzählen , wie sie die Sieben am Festungstore von Arad gehängt haben , gehängt um was ? Bloß weil sie ' s Ungarland mehr geliebt als den Eid , den sie dem Kaiser geschworen . « » Und du , Petöfy ? « » Nun , ich , ich tat das , was sonst immer als das Schlechteste gilt und meist auch ist , ich wählte nicht links und nicht rechts . Aber diesmal war es doch das Beste . Mußt es auch sein . Denn sieh , Fränzl , wenn einer ein richtiges Herz hat und tut dann das , was das Herz ihm sagt , das ist immer das Richtige , komme , was mag . Und so trat ich denn vor ihn hin , vor meinen Kaiser und Herrn , der dazumalen nicht in Wien , sondern auf Schloß Innsbruck war , und bat ihn um meine gnädigste Demission . Ich habe , so sagt ich ihm , eh ich Eurer Majestät schwur , Ungarn geschworen ; das ist der ewige Blutschwur , den jeder seinem Lande schwört , dem Stück Erde , darauf er geboren . Hier mein Degen ! Ich hab ihn für Osterreich geführt , und ich kann und will ihn nicht gegen Österreich führen . Aber auch nicht im Kriege gegen mein Land und seine Fahnen . Und nun verurteilen mich Eure Majestät , wenn es so sein muß . Eine Wolke lag da wohl auf seiner Stirn , aber er gab mir doch den Degen zurück und entließ mich in Gnaden , und was nebenher Ungnade war und blieb , das diktierte die Politik , aber nicht sein edles Herz . Ich ging ins Ausland , in alle Welt . Und nun kennst du den alten Petöfy , der aller Zeiten Wandlungen unerachtet geblieben ist , was er war : gut kaiserlich und gut wienerisch , aber freilich auch gut ungrisch . Und wenn es zum letzten geht , gut ungrisch über alles . Bist du zufrieden ? « » Zufrieden und dankbar . Ich kenne nun die Richtung , in der ich zu gehen , und den Ton , den ich anzuschlagen habe . Von Überzeugungen , soviel bleibt , soll man nicht lassen , aber wo sie fehlen und fehlen dürfen , da soll man sich den Überzeugungen anderer anbequemen . Ich glaube , das ist Pflicht überhaupt und die meinige noch im besonderen , denn darin täuschst du dich , Petöfy , die bloße Causerie reicht nicht aus für unser Leben , ebensowenig wie das beste Feuilleton für eine Zeitung ausreicht ; es muß noch etwas Ernsthaftes hinzukommen , sonst wird das Scherzhafte bald schal und abständig . Ich beginne morgen Ungrisch , und sind wir im nächsten Sommer wieder hier , so lese ich dir den Pesti Hirlap in der Ursprache vor oder wohl gar Jokais neuesten Roman . « » Im nächsten Sommer « , wiederholte Petöfy . » Wer weiß , was dann ist . In meinen Jahren hat man gelernt , nach Tagen zu rechnen , und nimmt den Tag , als ob er das Leben wäre . « Beide schwiegen . Ein leiser Zugwind ging und hob ein paar welke Blätter in die Luft , von denen eines auf Petöfys Hand niederfiel . Er nahm es und sagte : » Sieh die Bestätigung . Es wird Herbst . « » Aber nicht Winter . Und von Herbst bis Winter ist eine lange Zeit . « Neunzehntes Kapitel Es waren Wochen vergangen , und das Leben auf Schloß Arpa gestaltete sich ganz nach Wunsch . Franziska hatte wirklich mit ungrischen Studien begonnen , und tagtäglich kam der kleine , den Unterricht leitende Geistliche von Szegenihaza herauf . Es war ein rundes und behagliches Männlein und verriet den früheren Klostermönch unter anderem auch darin , daß er einem immer für ihn bereitstehenden Frühstücke sowohl vor wie nach dem Unterricht lebhaft und geräuschvoll zusprach , bei welcher Gelegenheit er die Fragen seiner Kirche heiter und humoristisch , aber doch zugleich auch mit vielem Takt , und ohne seiner Stellung etwas zu vergehen , zu behandeln wußte . Franziska zog oft Parallelen zwischen diesem Ton und dem , der ihr noch aus dem elterlichen Hause her erinnerlich war , ein Ton , der trotz etwas persönlich Freiem im Auftreten ihres Vaters in Gegenwart von Amtsbrüdern immer etwas schwerfällig Wichtigtuerisches und , was das schlimmste war , auch etwas Salbungsvolles gehabt hatte . Neben dem kleinen Geistlichen war es besonders der alte Toldy , zu dem sie sich mehr und mehr hingezogen fühlte . Beinahe täglich besuchte sie sein kleines , hinter einer Weinlaube verstecktes Wohnhaus , » die Gärtnerei « , darin seit einem Jahre die Mutter fehlte , kümmerte sich um die jüngeren Kinder und half dem Hauswesen auf , das etwas im argen lag . Traf sie den Alten selbst , so wurde sie nicht müde , sich aus seiner Honvedzeit und von den Heldenkämpfen des Jahres 1849 erzählen zu lassen und dabei ruhig hinzunehmen , daß jede dieser Erzählungen mit einer Flut ungrischer Verwünschungen endigte . Nur einmal unterbrach sie diesen Redestrom , um ihm wie damals in der Bildergalerie begreiflich zu machen , in Ungarn wären sie Patrioten , in Wien aber Verräter gewesen und auf Verräterei stünde der Tod überall in der Welt - Auseinandersetzungen , die für ihn natürlich ohne Beweiskraft und durchaus in den Wind gesprochen waren . » Ungar liebt Vatterland , und wer liebt Vatterland , ist Held . « Und gleich darnach wie zur Bekräftigung dieses Satzes war er ins Rezitieren gekommen und hatte sein Leib- und Lieblingslied angestimmt : » Es stehen sieben vor Arads Tor . « Solcher Lieder aus der Revolutionszeit kannte Toldy sehr viele , daneben aber auch alte Lieder , die schon im Volksmunde lebendig waren , als von Schloß Arpa , dem neuen Schloß Arpa , noch kein Stein auf dem andern stand . Ja , seines neunundvierziger Enthusiasmus unbeschadet , hielt er an diesem uralten Liederschatze fast noch fester als an dem neuen , und tagtäglich , wenn er in der Mittags- oder Abendstunde nach Hause kam und sich ' s unter der Laube bequem gemacht hatte , ließ er seine Kinder diese volkstümlichen Weisen singen und begleitete den Gesang derselben auf der Geige . Denn er war , wie schon der Graf , als er mit Franziska das Programm entwarf , in aller Kürze bemerkt hatte , ein vorzüglicher Geiger und stand in dieser seiner Kunst nur um ein geringes hinter dem unten im Dorfe wohnenden Zigeunerkönig Hanka zurück . Einmal traf es sich , daß Franziska hinzukam , als die Kinder so mehrstimmig sangen , und wie gefangengenommen von der einschmeichelnden und zugleich doch so schwermütigen Melodie , blieb sie hinter einer Buchsbaumhecke stehen und horchte , bis der Gesang zu Ende war . Nun erst gab sie ihren Versteckplatz auf und schritt auf das Gärtnerhaus zu , vor dem im Halbschatten der nach vornehin offenen Weinlaube die zwei ältesten und zwei jüngeren Töchter Toldys saßen , jene mit dem Aufziehen von Paprikaschoten , diese mit dem Aushöhlen kleiner Kürbisse beschäftigt . Toldy selbst hielt noch die Geige in der Hand . Alles erhob sich , als man die Gräfin kommen sah , und die beiden jüngeren Kinder , die Franziskas Lieblinge waren , eilten ihr entgegen , um ihr das Kleid zu küssen . » Ich habe zugehört , Toldy . Das war ja wunderschön , aber so traurig . Ist es wirklich so traurig , oder habt ihr es nur so gesungen ? « » Ist traurig , Gräfin . « » Und was ist es denn ? « » Ist Lied von Barcsai . « » Barcsai ? Wer war das ? Ein berühmter Räuber ? Oder auch piff , paff ? « » Nix piff , paff . Barcsai Freund . « » Freund ? Von wem ? « Aber Toldy schwieg nur und fuhr mit dem Zeigefinger wie zum Stoß durch die Luft , augenscheinlich um auszudrücken , daß Barcsai erstochen worden sei . » Erstochen ? Wer hat ihn erstochen ? « » Graf . « » Welcher Graf ? « » Graf ... Nix Name . « Franziska lachte . » Der arme Graf . Da hat Barcsai mehr Glück gehabt , der hat doch wenigstens einen Namen . Aber weißt du wohl , Toldy , daß ich das Lied haben möchte . « Sie sprach das so hin und war deshalb einigermaßen überrascht , eine Minute später den alten Toldy , der das bloß hingeworfene Wort als einen Befehl genommen hatte , mit einem mittlerweile hervorgesuchten Blatt erscheinen zu sehen . » Ist Barcsai . « Sie nahm das Blatt und sah , daß es ein echter Jahrmarktsdruckbogen war mit einem noch viel echteren Jahrmarktsbilde darauf : eine mit Strohkränzen umwickelte Frau , schon ganz in Flammen stehend . Franziska fuhr zusammen . Aber ihre Neugier überwog doch , und so sagte sie : » Habe Dank , Toldy . Morgen schaff ich ' s dir zurück oder bring es selbst . Ich will es nur übersetzen und dem Herrn Curatus vorlegen , bei dem ich Ungrisch lerne . Du weißt doch davon ? « Und damit erhob sie sich und kehrte durch den Park ins Schloß zurück . Es lag ihr wirklich daran , den kleinen Geistlichen in Verwunderung zu setzen , und rasch erkennend , daß ihr wenigstens der Anfang der Ballade , der aus lauter Alltagsworten bestand , nirgends Schwierigkeiten machen würde , setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb , ohne daß sie das Wörterbuch zu Rate gezogen hätte : » Vater , Vater , lieber , guter Vater , Meine liebe Mutter liebt Barcsai . « » Hörst du , Weib , was unser Kind da plaudert ? « » Hör wohl , was es plaudert , liebster Gatte . Töricht ist es . Weiß nicht , was es redet . « Und er eilt von hinnen , fort auf Tolna , Ging die Hälfte Weges - kam dann wieder . » Öffne , Weib , die Türe , öffne , Gattin ! « » Ja , ich öffne , öffne schon , mein Gatte , Laß den Rock nur um den Leib mich werfen , Laß die Linnenschürze nur mich umtun , Laß die roten Stiefel nur mich anziehn . « Aber jener sprengte schon die Türe . Hier legte Franziska die Feder nieder und überflog das wenige , was noch folgte . Wo das sprachliche Verständnis einen Augenblick versagte , half ihr das Bild nur zu gut nach , und so wußte sie zum Schluß , daß das unglückselige Weib , » weil es den Barcsai geliebt « , bei einem durch den Gatten veranstalteten Rachegastmahl diesem und seinen Gästen als brennende Fackel gedient hatte . Sie schob entsetzt das Blatt beiseite . In diesem Augenblick aber meldete der alte Czagy , daß der Graf die Frau Gräfin zum Tee bitten lasse . Sie ließ ihm ihr Erscheinen zurücksagen , und als sie sich gleich darnach in einem kurzen Gespräche mit Hannah wieder gesammelt hatte , kam ihr plötzlich der Einfall , ob es sich nicht empfehlen würde , das ganze Vorkommnis ins Scherzhafte zu ziehen und dem Grafen eine humoristische Szene daraus zu machen . Wirklich , es war ein vorzüglicher Stoff , aber sie fühlte doch allzu deutlich , daß es mißglücken werde . So gab sie denn den Plan wieder auf und begnügte sich damit , bei der Teeplauderei von Toldy zu sprechen und von der kleinen Marischka , die mit jedem Tage reizender und drolliger werde . Zwanzigstes Kapitel Der Curatus , der am andern Vormittage wie gewöhnlich zum Unterricht kam , war mit der Übertragung zufrieden und erheiterte sich an Franziskas Entsetzen über den Inhalt der Ballade . Dabei nahm er zugleich Veranlassung , den Literarhistoriker zu spielen , Barcsai sei Lieblingsballade von alter Zeit her und seinem Stoffe nach nicht schrecklicher als andere . Das sei nun mal Balladenrecht , wenigstens in Ungarn . Es gäbe kaum ein altes Volkslied , darin nicht Verrat und Untreue vorkämen , denn das Lied spiegle das Leben . Allerdings verlange das Volksgefühl hinterher auch Sühne , ja , sei dabei ziemlich streng und gestatte meist nur die Wahl zwischen Eingemauert- und Angezündetwerden . Aber das letztere werde bevorzugt , weil es bunter und lebendiger sei . So ging das Geplauder , und alle Schrecknisse der Barcsaiballade waren aus ihrer Seele weggescherzt , als der Graf sie gleich nach Ablauf der Unterrichtsstunde zur Spazierfahrt abholte . Diese Spazierfahrten , die meist in die Berge hinein , aber auch wohl um die nördlichen Buchtungen des Sees gingen , blieben Franziskas besondere Freude , was nicht überraschen durfte . Der Graf war auf diesen Fahrten am gesprächigsten und plauderte dann viel von seinen Kinder- und Jugendjahren , von seiner geschwisterlichen Liebe zu Gräfin Judith und wie schön und reizend sie gewesen sei , bis endlich der alte Gundolskirchen , ein hausbackener Steiermärker , einer von denen , die mit Reiterstiefeln zur Welt kommen , an die Stelle der ihr angeborenen magyarischen Grazie die deutsche Würde vulgo Schwerfälligkeit gesetzt habe , den Rest habe dann die Kirche getan . Allemal , wenn das Gespräch diese Richtung nahm , nahm Franziska wahr , daß es dem Grafen in der Neigung lag , über die kirchlich und zugleich schwerfällig-deutsch gewordene Schwester Judith in einen spöttischen Ton zu verfallen , aber ebensowenig entging ihr , daß es diesem spöttischen Ton an Unbefangenheit gebrach . Soviel er sich dagegen sträuben mochte , die Schwester hatte doch das , was ihm fehlte : Klarheit und Einheit . Sie war jede Stunde dieselbe , während er auf jedem Gebiete schwankte . Selbst sein prononciert ungrischer Patriotismus , so voll und ehrlich er war , war doch schließlich nicht ganz das , wofür er ihn ausgab , und so kamen ihm selbst zum Trotz immer wieder Stunden , in denen er empfand , ohne Hof und Hauptstadt eigentlich nicht existieren zu können . Es ging eben ein Bruch durch sein Leben und seine Denkweise . Wochen vergingen . Eine besondere Freude war ihm die Vorliebe , mit der Franziska ihren Studien oblag , und nur ein Schatten lagerte sich über diese glückliche Zeit : allerlei Herrenbesuch aus der Nachbarschaft kam , oft mehr , als lieb und bequem war , aber die Damen blieben aus und ließen mit jedem Tage deutlicher erkennen , daß man die Mesalliance betonen wolle . Der Graf ärgerte sich heftig und begann den Besuchern , ja selbst Szabô gegenüber , eine große Kühle zu zeigen und ließ sich dann im Gespräche mit Franziska , wenn der Besuch endlich fort war , bis zu Bitterkeiten und Drohungen hinreißen . Er sei nicht gewohnt , einen solchen Affront zu dulden ; ob man ihn etwa zwingen wolle , sich an die Revision der ungrischen Stammbäume zu machen ? Er habe lange genug gelebt , um das Wunderbarste darüber berichten zu können . In dieser erregten Sprache ging es weiter . Aber so heftig er war , so wurd es doch schließlich Franziska nie schwer , die Zornesfalte wieder wegzudisputieren . » Laß , Petöfy , du zwingst mich sonst , dir einen Kursus über vornehme Welt zu halten ! Ich will dir erzählen , wie ' s kommt . Eines Tages sind wir in Pest , und ein Erzherzog oder vielleicht die Kaiserin selbst ladet uns in ihre Zirkel . Andrassy reicht mir den Arm , und Prinzessin Gisela gebt eine Viertelstunde lang in irgendeinem Poetensteig oder noch besser auf einer freien Parkwiese , wo wir hundert Zuschauer haben , mit mir spazieren . Sieh , ich biete jede Wette , den andern Vormittag weiß ich mich vor Besuch , auch vor Damenbesuch , nicht mehr zu retten . « Es war eines Morgens im September , als dies Gespräch geführt wurde . Franziska zog sich gleich darnach in ihre Zimmer zurück und klingelte nach Josephinen . Diese war meistens guter Laune , hatte Neuigkeiten und erhielt jeden Tag einen langen und zärtlichen Brief von ihrem Wiener Bräutigam , was sie freilich nicht hinderte , sich von dem halben Schloß Arpa den Hof machen zu lassen . Dieses beständige Kokettieren , und noch dazu nach allen Seiten hin , berührte Franziska wenig angenehm , aber der Wiener Brief und die Lust und Ungeniertheit , womit seitens der Empfängerin der Inhalt desselben jedesmal zum besten gegeben wurde , ließen sie doch über manches hinwegsehen und brachten es zuwege , daß die Toilettestunde keineswegs zu den schlimmsten des Tages zählte . » Nun , Josephine , was schreibt er heute ? « » Kein Brief gekommen . « » Aber die Zeitungen sind doch schon da . Vielleicht ist er dir untreu geworden . « » O nicht doch , gnädigste Gräfin , das kann nicht sein . Ich hab einen Charme von klein auf , und wer den Charme hat , von dem kann keiner wieder los . « » Er könnt aber doch gehört haben , daß du hier herumkokettierst und sogar mit dem Andras dein Wesen treibst . « » Mag er . Da wird er bloß eifersüchtig , und mit der Eifersucht wächst der Charme . Das weiß ich . Übrigens brauchen wir heute keine Briefe , gnädigste Gräfin , denn wir haben genug mit uns selber zu tun . Ist ja seit gestern abend , als wäre der Böse los im Gebirg und auf dem See . « » Was gibt es denn ? « » Ein Wildschwein hat dem Försterssohn von Szent-Görgey die Seit aufgerissen ; liegt auf den Tod . Und auf dem See gestern abend , als die Fähre von Nagy-Förös nach Mihalifalva hinüber wollt , ist das Boot umgekippt , und ihrer elf sind ertrunken . Und der elfte war der Kaplan , das heißt ein junger Kaplan , hübsch und blaß , der einem Kranken die Sterbesakramente bringen wollt . Und hat das Allerheiligste hoch in der Hand gehalten , immer über dem Wasser . Aber es hat ihn auch nicht retten gekonnt . « » Ich begreife nicht , daß mir der Graf nicht davon gesprochen hat . « » Es kommt eben erst aufs Schloß , und der Herr Graf wissen es noch keine Viertelstund . Es ist das Neueste . « Einundzwanzigstes Kapitel Die Nachricht von dem Unglück auf dem See hatte Franziska wirklich erschüttert , aber Josephinen , als sie nach einer halben Stunde das Zimmer wieder verließ , war es nichtsdestoweniger gelungen , das Gleichgewicht in ihrer Herrin Seele wenigstens so weit wiederherzustellen , daß alle vorerzählten Ereignisse nur noch nachwirkten , als ob sie sich im vorigen Jahrhundert oder weit weg in einem überseeischen Lande zugetragen hätten . In keinem Falle nahm Franziska Veranlassung , ihre Tagesordnung dadurch stören zu lassen , die für heut einfach lautete : Brief an Gräfin Judith . Unmittelbar nach ihrer Ankunft hatte sie bereits an diese geschrieben , aber doch nur wenige Zeilen , Zeilen , auf die weder eine Antwort erwartet noch eingetroffen war . So lag denn eine wirkliche Schreibepflicht vor . » Schon seit einigen Tagen , meine gnädigste Gräfin , war ich willens , meiner ersten Benachrichtigung von hier einen längeren Brief folgen zu lassen , sah mich aber immer wieder an der Ausführung meines Vorhabens verhindert . Auch der heutige Tag schien mich durch ein schweres Unglück auf unserem See , das dem Geistlichen von Nagy-Förös das Leben kostete - selbst das Allerheiligste versank in die Tiefe - , meinem Vorhaben abermals untreu machen zu wollen . Ich entreiße mich aber der dadurch hervorgerufenen Stimmung und schreibe . Vierzig Tage sind es heute , daß ich auf Schloß Arpa bin , und die lange kurze Zeit liegt hinter mir wie ein Traum . Die Güte des Grafen gegen mich ist grenzenlos , seine Nachsicht rührend , seine Meinung von mir beschämend . Er findet , daß mir nicht ausreichend gehuldigt wird , und zürnt darüber mit der Nachbarschaft , die sich seiner Ansicht nach mehr als statthaft zurückhält ; es gelingt mir aber immer wieder , einen Ausbruch seiner Empfindlichkeit zu hindern und ihm den gegenwärtigen Zustand als einen erklärlichen , entschuldbaren und sehr wahrscheinlich auch vorübergehenden darzustellen . Ich habe mich nun hier völlig eingelebt , und so mag es mir gestattet sein , Ihnen , meine gnädigste Gräfin , ein Bild dieses Lebens zu geben . Den Morgen verbring ich mit Petöfy ; dann folgen viele Stunden , in denen ich mir allein gehöre . Das Zimmer , das ich bewohne - das zweifensterige neben dem großen Eßsaal - , gönnt mir einen Blick über den See , dessen Schönheit mich immer wieder entzückt . Anfänglich jeden Tag und jetzt jeden zweiten Tag kommt der Herr Curatus von Szegenihaza herauf und gibt mir eine Sprachstunde ( magyarisch ) , die sehr oft eine Doppelstunde wird . Gescheit und fromm , dabei persönlich ohne jedweden Anspruch , gehört er ganz jenen selbstsuchtlosen und aller Eitelkeit entkleideten Geistlichen zu , denen man in Ihrer Kirche häufiger begegnet als in der unsrigen . Ich disputiere mit ihm