die Augen weit auf , als es die prächtigen bunten Bilder in den großen Büchern sah , welche die Großmama mitgebracht hatte . Auf einmal schrie Heidi laut auf , als die Großmama wieder ein Blatt umgewandt hatte ; mit glühendem Blick schaute es auf die Figuren , dann stürzten ihm plötzlich die hellen Tränen aus den Augen , und es fing gewaltig zu schluchzen an . Die Großmama schaute das Bild an . Es war eine schöne , grüne Weide , wo allerlei Tierlein herumweideten und an den grünen Gebüschen nagten . In der Mitte stand der Hirt , auf einen langen Stab gestützt , der schaute den fröhlichen Tierchen zu . Alles war wie in Goldschimmer gemalt , denn hinten am Horizont war eben die Sonne im Untergehen . Die Großmama nahm Heidi bei der Hand . » Komm , komm , Kind « , sagte sie in freundlichster Weise , » nicht weinen , nicht weinen . Das hat dich wohl an etwas erinnert ; aber sieh , da ist auch eine schöne Geschichte dazu , die erzähl ' ich heut ' Abend . Und da sind noch so viele schöne Geschichten in dem Buch , die kann man alle lesen und wiedererzählen . Komm , nun müssen wir etwas besprechen zusammen , trockne schön deine Tränen , so , und nun stell dich hier vor mich hin , daß ich dich recht ansehen kann ; so ist ' s recht , nun sind wir wieder fröhlich . « Aber noch verging einige Zeit , bevor Heidi zu schluchzen aufhören konnte . Die Großmama ließ ihm auch eine gute Weile zur Erholung , nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd : » So , nun ist ' s gut , nun sind wir wieder froh zusammen . « Als sie endlich das Kind beruhigt sah , sagte sie : » Nun mußt du mir was erzählen , Kind ! Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den Unterrichtsstunden , lernst du auch gut und kannst du was ? « » O nein « , antwortete Heidi seufzend ; » aber ich wußte schon , daß man es nicht lernen kann . « » Was kann man denn nicht lernen , Heidi , was meinst du ? « » Lesen kann man nicht lernen , es ist zu schwer . « » Das wäre ! Und woher weißt du denn diese Neuigkeit ? « » Der Peter hat es mir gesagt und er weiß es schon , der muß immer wieder probieren , aber er kann es nie lernen , es ist zu schwer . « » So , das ist mir ein eigener Peter , der ! Aber sieh , Heidi , man muß nicht alles nur so hinnehmen , was einem ein Peter sagt , man muß selbst probieren . Gewiß hast du nicht recht mit all deinen Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehört und seine Buchstaben angesehen . « » Es nützt nichts « , versicherte Heidi mit dem Ton der vollen Ergebung in das Unabänderliche . » Heidi « , sagte nun die Großmama , » jetzt will ich dir etwas sagen : du hast noch nie lesen gelernt , weil du deinem Peter geglaubt hast ; nun aber sollst du mir glauben , und ich sage dir fest und sicher , daß du in kurzer Zeit lesen lernen kannst , wie eine große Menge von Kindern , die geartet sind wie du und nicht wie der Peter . Und nun mußt du wissen , was nachher kommt , wenn du dann lesen kannst - du hast den Hirten gesehen auf der schönen , grünen Weide - ; sobald du nun lesen kannst , bekommst du das Buch , da kannst du seine ganze Geschichte vernehmen , ganz so , als ob sie dir jemand erzählte , alles , was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm für merkwürdige Dinge begegnen . Das möchtest du schon wissen , Heidi , nicht ? « Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört , und mit leuchtenden Augen sagte es jetzt , tief Atem holend : » O , wenn ich nur schon lesen könnte ! « » Jetzt wird ' s kommen , und gar nicht lange wird ' s währen , das kann ich schon sehen , Heidi , und nun müssen wir mal nach der Klara sehen ; komm , die schönen Bücher nehmen wir mit . « Damit nahm die Großmama Heidi bei der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer . - Seit dem Tage , da Heidi hatte heimgehen wollen und Fräulein Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte , wie schlecht und undankbar es sich erweise durch sein Fortlaufenwollen und wie gut es sei , daß Herr Sesemann nichts davon wisse , war mit dem Kinde eine Veränderung vorgegangen . Es hatte begriffen , daß es nicht heimgehen könne , wenn es wolle , wie ihm die Base gesagt hatte , sondern daß es in Frankfurt zu bleiben habe , lange , lange , vielleicht für immer . Es hatte auch verstanden , daß Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm finden würde , wenn es heimgehen wollte , und es dachte sich aus , daß die Großmama und Klara auch so denken würden . So durfte es keinem Menschen sagen , daß es heimgehen möchte , denn daß die Großmama , die so freundlich mit ihm war , auch böse würde , wie Fräulein Rottenmeier geworden war , das wollte Heidi nicht verursachen . Aber in seinem Herzen wurde die Last , die darinnen lag , immer schwerer ; es konnte nicht mehr essen , und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher . Am Abend konnte es oft lange , lange nicht einschlafen , denn sobald es allein war und alles still ringsumher , kam ihm alles so lebendig vor die Augen , die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen ; und schlief es endlich doch ein , so sah es im Traum die roten Felsenspitzen am Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana , und erwachte dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus der Hütte - da war es auf einmal in seinem großen Bett in Frankfurt , so weit , weit weg , und konnte nicht mehr heim . Dann drückte Heidi oft seinen Kopf in das Kissen und weinte lang , ganz leise , daß niemand es höre . Heidis freudloser Zustand entging der Großmama nicht . Sie ließ einige Tage vorübergehen und sah zu , ob die Sache sich ändere und das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren würde . Als es aber gleich blieb und die Großmama manchmal am frühen Morgen schon sehen konnte , daß Heidi geweint hatte , da nahm sie eines Tages das Kind wieder in ihre Stube , stellte es vor sich hin und sagte mit großer Freundlichkeit : » Jetzt sag mir , was dir fehlt , Heidi ; hast du einen Kummer ? « Aber gerade dieser freundlichen Großmama wollte Heidi nicht sich so undankbar zeigen , daß sie vielleicht nachher gar nicht mehr so freundlich wäre ; so sagte Heidi traurig : » Man kann es nicht sagen . « » Nicht ? Kann man es etwa der Klara sagen ? « fragte die Großmama . » O nein , keinem Menschen « , versicherte Heidi und sah dabei so unglücklich aus , daß es die Großmama erbarmte . » Komm , Kind « , sagte sie , » ich will dir was sagen : Wenn man einen Kummer hat , den man keinem Menschen sagen kann , so klagt man ihn dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn , daß er helfe , denn er kann allem Leid abhelfen , das uns drückt . Das verstehst du , nicht wahr ? Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und dankst ihm für alles Gute und bittest ihn , daß er dich vor allem Bösen behüte ? « » O nein , das tu ' ich nie « , antwortete das Kind . » Hast du denn gar nie gebetet , Heidi , weißt du nicht , was das ist ? « » Nur mit der ersten Großmutter habe ich gebetet , aber es ist schon lang , und jetzt habe ich es vergessen . « » Siehst du , Heidi , darum mußt du so traurig sein , weil du jetzt gar niemanden kennst , der dir helfen kann . Denk einmal nach , wie wohl das tun muß , wenn einen im Herzen etwas immerfort drückt und quält und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und ihm alles sagen und ihn bitten , daß er helfe , wo uns sonst gar niemand helfen kann ! Und er kann überall helfen und uns geben , was uns wieder froh macht . « Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl : » Darf man ihm alles , alles sagen ? « » Alles , Heidi , alles . « Das Kind zog seine Hand aus den Händen der Großmama und sagte eilig : » Kann ich gehen ? « » Gewiß ! gewiß ! « gab diese zur Antwort , und Heidi lief davon und hinüber in sein Zimmer , und hier setzte es sich auf seinen Schemel nieder und faltete seine Hände und sagte dem lieben Gott alles , was in seinem Herzen war und es so traurig machte , und bat ihn dringend und herzlich , daß er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum Großvater . - Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem Tage , als der Herr Kandidat begehrte , der Frau Sesemann seine Aufwartung zu machen , indem er eine Besprechung über einen merkwürdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten gedachte . Er wurde auf ihre Stube berufen , und hier , wie er eintrat , streckte ihm Frau Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen : » Mein lieber Herr Kandidat , seien Sie mir willkommen ! setzen Sie sich her zu mir , hier « - sie rückte ihm den Stuhl zurecht . » So , nun sagen Sie mir , was bringt Sie zu mir ; doch nichts Schlimmes , keine Klagen ? « » Im Gegenteil , gnädige Frau « , begann der Herr Kandidat ; » es ist etwas vorgefallen , das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner , der einen Blick in alles Vorhergegangene hätte werfen können , denn nach allen Voraussetzungen mußte angenommen werden , daß es eine völlige Unmöglichkeit sein müsse , was dennoch jetzt wirklich geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat , gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden - « » Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben , Herr Kandidat ? « setzte hier Frau Sesemann ein . In sprachlosem Erstaunen schaute der überraschte Herr die Dame an . » Es ist ja wirklich völlig wunderbar « , sagte er endlich , » nicht nur , daß das junge Mädchen nach all meinen gründlichen Erklärungen und ungewöhnlichen Bemühungen das Abc nicht erlernt hat , sondern auch und besonders , daß es jetzt in kürzester Zeit , nachdem ich mich entschlossen hatte , das Unerreichbare aus den Augen zu lassen und ohne alle weitergreifenden Erläuterungen nur noch so zu sagen die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mädchens zu bringen , so zu sagen über Nacht das Lesen erfaßt hat , und dann sogleich mit einer Korrektheit die Worte liest , wie mir bei Anfängern noch selten vorgekommen ist . Fast ebenso wunderbar ist mir die Wahrnehmung , daß die gnädige Frau gerade diese fernliegende Tatsache als Möglichkeit vermutete . « » Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben « , bestätigte Frau Sesemann und lächelte vergnüglich ; » es können auch einmal zwei Dinge glücklich zusammentreffen , wie ein neuer Lerneifer und eine neue Lehrmethode , und beide können nichts schaden , Herr Kandidat . Jetzt wollen wir uns freuen , daß das Kind so weit ist , und auf guten Fortgang hoffen . « Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tür hinaus und ging rasch nach dem Studierzimmer , um sich selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern . Richtig saß hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor , sichtlich selbst mit dem größten Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend , die ihm aufgegangen war , nun ihm mit einemmal aus den schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden . Noch am selben Abend , als man sich zu Tische setzte , fand Heidi auf seinem Teller das große Buch liegen mit den schönen Bildern , und als es fragend nach der Großmama blickte , sagte diese freundlich nickend : » Ja , ja , nun gehört es dir . « » Für immer ? Auch wenn ich heimgehe ? « fragte Heidi ganz rot vor Freude . » Gewiß , für immer ! « versicherte die Großmama ; » morgen fangen wir an zu lesen . « » Aber du gehst nicht heim , noch viele Jahre nicht , Heidi « , warf Klara hier ein ; » wenn nun die Großmama wieder fortgeht , dann mußt du erst recht bei mir bleiben . « Noch vor dem Schlafengehen mußte Heidi in seinem Zimmer sein schönes Buch ansehen , und von dem Tage an war es sein Liebstes , über seinem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu lesen , zu denen die schönen bunten Bilder gehörten . Sagte am Abend die Großmama : » Nun liest uns Heidi vor « , so war das Kind sehr beglückt , denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht , und wenn es die Geschichten laut vorlas , so kamen sie ihm noch viel schöner und verständlicher vor , und die Großmama erklärte dann noch so vieles und erzählte immer noch mehr dazu . Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grüne Weide und den Hirten mitten unter der Herde , wie er so vergnüglich , auf seinen langen Stab gelehnt , dastand , denn da war er noch bei der schönen Herde des Vaters und ging nur den lustigen Schäfchen und Ziegen nach , weil es ihn freute . Aber dann kam das Bild , wo er , vom Vaterhaus weggelaufen , nun in der Fremde war und die Schweinchen hüten mußte und ganz mager geworden war bei den Trebern , die er allein noch zu essen bekam . Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden , da war das Land grau und nebelig . Aber dann kam noch ein Bild zu der Geschichte : da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen , um ihn zu empfangen , der ganz furchtsam und abgemagert in einem zerrissenen Wams daherkam . Das war Heidis Lieblingsgeschichte , die es immer wieder las , laut und leise , und es konnte nie genug der Erklärungen bekommen , welche die Großmama den Kindern dazu machte . Da waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch , und bei dem Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell dahin , und schon nahte die Zeit heran , welche die Großmama zu ihrer Abreise bestimmt hatte . Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden Nachmittag , wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier , wahrscheinlich der Ruhe bedürftig , geheimnisvoll verschwand , sich einen Augenblick neben Klara hingesetzt ; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihre Stube berufen , sich mit ihm besprochen und es auf allerlei Weise beschäftigt und unterhalten . Die Großmama hatte hübsche kleine Puppen und zeigte dem Heidi , wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht , und ganz unvermerkt hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen , denn die Großmama hatte immer Zeugstücke von den prächtigsten Farben . Nun Heidi lesen konnte , durfte es auch immer wieder der Großmama seine Geschichten vorlesen ; das machte ihm die größte Freude , denn je mehr es seine Geschichten las , desto lieber wurden sie ihm , denn Heidi lebte alles ganz mit durch , was die Leute alle zu erleben hatten , und so hatte es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältnis und freute sich immer wieder , bei ihnen zu sein . Aber so recht froh sah Heidi nie aus , und seine lustigen Augen waren nie mehr zu sehen . Es war die letzte Woche , welche die Großmama in Frankfurt zubringen wollte . Sie hatte eben nach Heidi gerufen , daß es auf ihre Stube komme ; es war die Zeit , da Klara schlief . Als Heidi eintrat mit seinem großen Buch unter dem Arm , winkte ihm die Großmama , daß es ganz nahe zu ihr herankomme , legte das Buch weg und sagte : » Nun komm , Kind , und sag mir , warum bist du nicht fröhlich ? Hast du immer noch denselben Kummer im Herzen ? « » Ja « , nickte Heidi . » Hast du ihn dem lieben Gott geklagt ? « » Ja . « » Und betest du nun alle Tage , daß alles gut werde und er dich froh mache ? « » O nein , ich bete jetzt gar nie mehr . « » Was sagst du mir , Heidi ? Was muß ich hören ? Warum betest du denn nicht mehr ? « » Es nützt nichts , der liebe Gott hat nicht zugehört , und ich glaube es auch wohl « , fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter , » wenn nun am Abend so viele , viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten , so kann der liebe Gott ja nicht auf alle achtgeben , und mich hat er gewiß gar nicht gehört . « » So , wie weißt du denn das so sicher , Heidi ? « » Ich habe alle Tage das gleiche gebetet , manche Woche lang , und der liebe Gott es nie getan . « » Ja , so geht ' s nicht zu , Heidi ! das mußt du nicht meinen ! Siehst du , der liebe Gott ist für uns alle ein guter Vater , der immer weiß , was gut für uns ist , wenn wir es gar nicht wissen . Wenn wir aber nun etwas von ihm haben wollen , das nicht gut für uns ist , so gibt er uns das nicht , sondern etwas viel Besseres , wenn wir fortfahren , so recht herzlich zu ihm zu beten , aber nicht gleich weglaufen und alles Vertrauen zu ihm verlieren . Siehst du , was du nun von ihm erbitten wolltest , das war in diesem Augenblick nicht gut für dich ; der liebe Gott hat dich schon gehört , er kann alle Menschen auf einmal anhören und übersehen , siehst du , dafür ist er der liebe Gott und nicht ein Mensch , wie du und ich . Und weil er nun wohl wußte , was für dich gut ist , dachte er bei sich : Ja , das Heidi soll schon einmal haben , wofür es bittet , aber erst dann , wenn es ihm gut ist , und so wie es darüber recht froh werden kann . Denn wenn ich jetzt tue , was es will , und es merkt nachher , daß es doch besser gewesen wäre , ich hätte ihm seinen Willen nicht getan , dann weint es nachher und sagt : Hätte mir doch der liebe Gott nur nicht gegeben , wofür ich bat , es ist gar nicht so gut , wie ich gemeint habe . Und während nun der liebe Gott auf dich niedersah , ob du ihm auch recht vertrautest und täglich zu ihm kommest und betest und immer zu ihm aufsehest , wenn dir etwas fehlt , da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen , hast nie mehr gebetet und hast den lieben Gott ganz vergessen . Aber siehst du , wenn einer es so macht und der liebe Gott hört seine Stimme gar nie mehr unter den Betenden , so vergißt er ihn auch und läßt ihn gehen , wohin er will . Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert : Mir hilft aber auch gar niemand ! dann hat keiner Mitleiden mit ihm , sondern jeder sagt zu ihm : Du bist ja selbst vom lieben Gott weggelaufen , der dir helfen konnte ! Willst du ' s so haben , Heidi , oder willst du gleich wieder zum lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten , daß du so von ihm weggelaufen bist , und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen , daß er alles gut für dich machen werde , so daß du auch wieder ein frohes Herz bekommen kannst ? « Heidi hatte sehr aufmerksam zugehört ; jedes Wort der Großmama fiel in sein Herz , denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen . » Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um Verzeihung bitten , und ich will ihn nie mehr vergessen « , sagte Heidi reumütig . » So ist ' s recht , Kind , er wird dir auch helfen zur rechten Zeit , sei nur getrost ! « ermunterte die Großmama , und Heidi lief sofort in sein Zimmer hinüber und betete ernstlich und reuig zum lieben Gott und bat ihn , daß er es doch nicht vergessen und auch wieder zu ihm niederschauen möge . - Der Tag der Abreise war gekommen , es war für Klara und Heidi ein trauriger Tag ; aber die Großmama wußte es so einzurichten , daß sie gar nicht zum Bewußtsein kamen , daß es eigentlich ein trauriger Tag sei , sondern es war eher wie ein Festtag , bis die gute Großmama im Wagen davonfuhr . Da trat eine Leere und Stille im Hause ein , als wäre alles vorüber , und so lange noch der Tag währte , saßen Klara und Heidi wie verloren da und wußten gar nicht , wie es nun weiter kommen sollte . Am folgenden Tag , als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da war , da die Kinder gewöhnlich zusammensaßen , trat Heidi mit seinem Buch unter dem Arm herein und sagte : » Ich will dir nun immer , immer vorlesen ; willst du , Klara ? « Der Klara war der Vorschlag recht für einmal , und Heidi machte sich mit Eifer an seine Tätigkeit . Aber es ging nicht lange , so hörte schon wieder alles auf , denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu lesen begonnen , die von einer sterbenden Großmutter handelte , als es auf einmal laut aufschrie : » O , nun ist die Großmutter tot ! « und in ein jammervolles Weinen ausbrach , denn alles , was es las , war dem Heidi volle Gegenwart und es glaubte nicht anders , als nun sei die Großmutter auf der Alm gestorben , und es klagte in immer lauterem Weinen : » Nun ist die Großmutter tot , und ich kann nie mehr zu ihr gehen , und sie hat nicht ein einziges Brötchen mehr bekommen ! « Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklären , daß es ja nicht die Großmutter auf der Alm sei , sondern eine ganz andere , von der diese Geschichte handle ; aber auch , als sie endlich dazu gekommen war , dem aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen , konnte es sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untröstlich weiter , denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht , die Großmutter könne ja sterben , während es so weit weg sei , und der Großvater auch noch , und wenn es dann nach langer Zeit wieder heimkomme , so sei alles still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und könne niemals mehr die sehen , die ihm lieb waren . Währenddessen war Fräulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und hatte noch Klaras Bemühungen , Heidi über seinen Irrtum aufzuklären , mitangehört . Als das Kind aber immer noch nicht aufhören konnte , zu schluchzen , trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton : » Adelheid , nun ist des grundlosen Geschreis genug ! Ich will dir eines sagen : wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrüchen den Lauf lässest , so nehme ich das Buch aus deinen Händen und für immer ! « Das machte Eindruck . Heidi wurde ganz weiß vor Schrecken , das Buch war sein höchster Schatz . Es trocknete in größter Eile seine Tränen und schluckte und würgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter , so daß kein Tönchen mehr laut wurde . Das Mittel hatte geholfen , Heidi weinte nie mehr , was es auch lesen mochte ; aber manchmal hatte es solche Anstrengungen zu machen , um sich zu überwinden und nicht aufzuschreien , daß Klara öfter ganz erstaunt sagte : » Heidi , du machst so schreckliche Grimassen , wie ich noch nie gesehen habe . « Aber die Grimassen machten keinen Lärm und fielen der Dame Rottenmeier nicht auf , und wenn Heidi seinen Anfall von verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte , kam alles wieder ins Geleise für einige Zeit und war tonlos vorübergegangen . Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und bleich aus , daß der Sebastian fast nicht ertragen konnte , das so mit anzusehen und Zeuge sein zu müssen , wie Heidi bei Tisch die schönsten Gerichte an sich vorübergehen ließ und nichts essen wollte . Er flüsterte ihm auch öfter ermunternd zu , wenn er ihm eine Schüssel hinhielt : » Nehmen von dem , Mamsellchen , ' s ist vortrefflich . Nicht so ! Einen rechten Löffel voll , noch einen ! « und dergleichen väterlicher Räte mehr ; aber es half nichts : Heidi aß fast gar nicht mehr , und wenn es sich am Abend auf sein Kissen legte , so hatte es augenblicklich alles vor Augen , was daheim war , und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen hinein , so daß es gar niemand hören konnte . So ging eine lange Zeit dahin . Heidi wußte gar nie , ob es Sommer oder Winter sei , denn die Mauern und Fenster , die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte , sahen immer gleich aus , und hinaus kam es nur , wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte , die aber immer sehr kurz war , denn Klara konnte nicht vertragen , lang zu fahren . So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus , sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch große , schöne Straßen , wo Häuser und Menschen in Fülle zu sehen waren , aber nicht Gras und Blumen , keine Tannen und keine Berge , und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr , so daß es jetzt nur den Namen eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte , so war schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe , und Heidi hatte mit aller Gewalt dagegen zu ringen . So waren Herbst und Winter vergangen , und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weißen Mauern am Hause gegenüber , daß Heidi ahnte , nun sei die Zeit nahe , da der Peter wieder zur Alm führe mit den Geißen , da die goldenen Cystusröschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich ringsum alle Berge im Feuer ständen . Heidi setzte sich in seinem einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Händen die Augen zu , daß es den Sonnenschein drüben an der Mauer nicht sehe ; und so saß es regungslos , sein brennendes Heimweh lautlos niederkämpfend , bis Klara wieder nach ihm rief . Im Hause Sesemann spukt ' s Seit einigen Tagen wanderte Fräulein Rottenmeier meistens schweigend und in sich gekehrt im Haus herum . Wenn sie um die Zeit der Dämmerung von einem Zimmer ins andere , oder über den langen Korridor ging , schaute sie öfters um sich , gegen die Ecken hin und auch schnell einmal hinter sich , so , als denke sie , es könnte jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock zupfen . So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Räumen herum . Hatte sie auf dem oberen Boden , wo die feierlich aufgerüsteten Gastzimmer lagen , oder gar in den unteren Räumen etwas zu besorgen , wo der große geheimnisvolle Saal war , in dem jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten Ratsherren mit den großen , weißen Kragen so ernsthaft und unverwandt auf einen niederschauten , da rief sie nun regelmäßig die Tinette herbei und sagte ihr , sie habe mitzukommen , im Fall etwas von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wäre . Tinette ihrerseits machte es pünktlich ebenso ; hatte sie oben oder unten irgendein Geschäft abzutun , so rief sie den Sebastian herbei und sagte ihm , er habe sie zu begleiten , es möchte etwas herbeizubringen sein , das sie nicht allein tragen könnte . Wunderbarerweise tat auch Sebastian accurat dasselbe ; wurde er in die abgelegenen Räume geschickt , so holte er den Johann herauf und