mich nicht hätte verleiten lassen , in einem benachbarten Restaurant ein Salamifrühstück zu nehmen , das mir um ein erhebliches zu national war . Die Woche darauf kamen wir nach Florenz , und wenn ich Duquede wäre , so würd ich sagen : es wird überschätzt . Es ist voller Engländer und Bilder , und mit den Bildern wird man nicht fertig . Und dann haben sie die Cascinen , etwas wie unsre Tiergarten-oder Hofjäger-Allee , worauf sie sehr stolz sind , und man sieht auch wirklich Fuhrwerke mit sechs und zwölf und sogar mit vierundzwanzig Pferden . Aber ich habe sie nicht gesehen und will Dich durch Zahlenangaben nicht beirren . Über den Arno führt eine Budenbrücke , nach Art des Rialto , und wenn Du von den vielen Kirchen und Klöstern absehen willst , so gilt der alte Herzogspalast als die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt . Und am schönsten finden sie den kleinen Turm , der aus der Mitte des Palastes aufwächst , nicht viel anders als ein Schornstein mit einem Kranz und einer Galerie darum . Es soll aber sehr originell gedacht sein . Und zuletzt findet man es auch . Und in der Nähe befindet sich eine lange schmale Gasse , die neben der Hauptstraße herläuft und in der beständig Wachteln am Spieß gebraten werden . Und alles riecht nach Fett , und dazwischen Lärm und Blumen und aufgetürmter Käse , so daß man nicht weiß , wo man bleiben und ob man sich mehr entsetzen oder freuen soll . Aber zuletzt freut man sich , und es ist eigentlich das Hübscheste , was ich auf meiner ganzen Reise gesehen habe . Natürlich Rom ausgenommen . Und nun bin ich in Rom . Aber Herzens-Jacobine , davon kann ich Dir heute nicht schreiben , denn ich bin schon auf dem vierten Blatt , und Ruben wird ungeduldig und wirft aus seiner dunklen Ecke Konfetti nach mir , trotzdem wir den Karneval längst hinter uns haben . Und so brech ich denn ab und tue nur noch ein paar Fragen . Freilich , jetzt , wo ich die Fragen stellen will , wollen sie mir nicht recht aus der Feder , und Du mußt sie erraten . Rätsel sind es nicht . In Deiner Antwort sei schonend , aber verschweige nichts . Ich muß das Unangenehme , das Schmerzliche tragen lernen . Es ist nicht anders . Über all das geb ich mich keinen Illusionen hin . Wer in die Mühle geht , wird weiß . Und die Welt wird schlimmere Vergleiche wählen . Ich möchte nur , daß , bei meiner Verurteilung , über die mildernden Umstände nicht ganz hinweggegangen würde . Denn sieh , ich konnte nicht anders . Und ich habe nur noch den einen Wunsch , daß es mir vergönnt sein möchte , dies zu beweisen . Aber dieser Wunsch wird mir versagt bleiben , und ich werd allen Trost in meinem Glück und alles Glück in meiner Zurückgezogenheit suchen und finden müssen . Und das werd ich . Ich habe genug von dem Geräusch des Lebens gehabt , und ich sehne mich nach Einkehr und Stille . Die hab ich hier . Ach , wie schön ist diese Stadt , und mitunter ist es mir , als wär es wahr und als käm uns jedes Heil und jeder Trost aus Rom und nur aus Rom . Es ist ein seliges Wandeln an diesem Ort , ein Sehen und Hören als wie im Traum . Und nun , meine süße Jacobine , lebe wohl und schreibe recht , recht viel und recht ausführlich . Es interessiert mich alles , und ich sehne mich nach Nachricht , vor allem nach Nachricht ... Aber Du weißt es ja . Nichts mehr davon . Immer die Deine . Melanie R. « Der Brief wurde noch denselben Abend zur Post gegeben , in dem dunklen Gefühl , daß eine rasche Beförderung auch eine rasche Antwort erzwingen könne . Aber diese Antwort blieb aus , und die darin liegende Kränkung würde sehr schmerzlich empfunden worden sein , wenn nicht Melanie , wenige Tage nach Absendung des Briefes , in ihre frühere Melancholie zurückverfallen wäre . Sie glaubte bestimmt , daß sie sterben werde , versuchte zu lächeln und brach doch plötzlich in einen Strom von Tränen aus . Denn sie hing am Leben und genoß inmitten ihres Schmerzes ein unendliches Glück : die Nähe des geliebten Mannes . Und sie hatte wohl recht , sich dieses Glückes zu freuen . Denn alle Tugenden Rubehns zeigten sich um so heller , je trüber die Tage waren . Er kannte nur Rücksicht ; keine Mißstimmung , keine Klage wurde laut , und über das Vornehme seiner Natur wurde die Zurückhaltung darin vergessen . Und so vergingen trübe Wochen . Ein deutscher Arzt endlich , den man zu Rate zog , erklärte , daß vor allem das Stillsitzen vermieden , dagegen umgekehrt für beständig neue Eindrücke gesorgt werden müsse . Mit anderen Worten , das , was er vorschlug , war ein beständiger Orts- und Luftwechsel . Ein solch tagtägliches Hin und Her sei freilich selber ein Übel , aber ein kleineres , und jedenfalls das einzige Mittel , der inneren Ruhelosigkeit abzuhelfen . Und so wurden denn neue Reisepläne geschmiedet und von der Kranken apathisch angenommen . In kurzen Etappen , unter geflissentlicher Vermeidung von Eisenbahn und großen Straßen , ging es , durch Umbrien , immer höher hinauf an der Ostküste hin , bis sich plötzlich herausstellte , daß man nur noch zehn Meilen von Venedig entfernt sei . Und siehe , da kam ihr ein tiefes und sehnsüchtiges Verlangen , ihrer Stunde dort warten zu wollen . Und sie war plötzlich wie verändert und lachte wieder und sagte : » Della Salute ! Weißt du noch ... ? Es heimelt mich an , es erquickt mich : das Wohl , das Heil ! Oh , komm . Dahin wollen wir . « Und sie gingen , und dort war es , wo die bange Stunde kam . Und einen Tag lang wußte der Zeiger nicht , wohin er sich zu stellen habe , ob auf Leben oder Tod . Als aber am Abend , von über dem Wasser her , ein wunderbares Läuten begann und die todmatte Frau auf ihre Frage » von wo « die Antwort empfing » von Della Salute « , da richtete sie sich auf und sagte : » Nun weiß ich , daß ich leben werde . « Achtzehntes Kapitel Wieder daheim Und ihre Hoffnung hatte sie nicht getrogen . Sie genas , und erst als die Herbsttage kamen und das Gedeihen des Kindes und vor allem auch ihr eigenes Wohlbefinden einen Aufbruch gestattete , verließen sie die Stadt , an die sie sich durch ernste und heitere Stunden aufs innigste gekettet fühlten , und gingen in die Schweiz , um in dem lieblichsten der Täler , in dem Tale » zwischen den Seen « , eine neue vorläufige Rast zu suchen . Und sie lebten hier glücklich-stille Wochen , und erst als ein scharfer Nordwest vom Thuner See nach dem Brienzer hinüberfuhr und den Tag darauf der Schnee so dicht fiel , daß nicht nur die » Jungfrau « , sondern auch jede kleinste Kuppe verschneit und vereist ins Tal herniedersah , sagte Melanie : » Nun ist es Zeit . Es kleidet nicht jeden Menschen das Alter und nicht jede Landschaft der Schnee . Der Winter ist in diesem Tale nicht zu Haus oder paßt wenigstens nicht recht hierher . Und ich möchte nun wieder dahin , wo man sich mit ihm eingelebt hat und ihn versteht . « » Ich glaube gar « , lachte Rubehn , » du sehnst dich nach der Rousseau-Insel ! « » Ja « , sagte sie . » Und nach viel anderem noch . Sieh , in drei Stunden könnt ich von hier aus in Genf sein und das Haus wiedersehen , darin ich geboren wurde . Aber ich habe keine Sehnsucht danach . Es zieht mich nach dem Norden hin , und ich empfind ihn mehr und mehr als meine Herzensheimat . Und was auch dazwischenliegt , er muß es bleiben . « Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in der Hauptstadt eingetroffen und mit ihnen die Vreni oder » das Vrenel « , eine derbe schweizerische Magd , die sie , während ihres Aufenthalts in Interlaken , zur Abwartung des Kindes angenommen hatten . Eine vorzügliche Wahl . Am Bahnhof aber waren sie von Rubehns jüngerem Bruder empfangen und in ihre Wohnung eingeführt worden : eine reizende Mansarde dicht am Westende des Tiergartens , ebenso reich wie geschmackvoll eingerichtet und beinah Wand an Wand mit Duquede . » Sollen wir gute Nachbarschaft mit ihm halten ? « hatten sie sich im Augenblick ihres Eintretens unter gegenseitiger Heiterkeit gefragt . Melanie war sehr glücklich über Wohnung und Einrichtung , überhaupt über alles , und gleich am anderen Vormittage setzte sie sich , als sie allein war , in eine der tiefen Fensternischen und sah auf die bereiften Bäume des Parks und auf ein paar Eichkätzchen , die sich haschten und von Ast zu Ast sprangen . Wie oft hatte sie dem zugesehen , wenn sie mit Liddi und Heth durch den Tiergarten gefahren war ! Es stand plötzlich alles wieder vor ihr , und sie fühlte , daß ein Schatten auf die heiteren Bilder ihrer Seele fiel . Endlich aber zog es auch sie hinaus , und sie wollte die Stadt wiedersehen , die Stadt und bekannte Menschen . Aber wen ? Sie konnte nur bei der Freundin , bei dem Musikfräulein , vorsprechen . Und sie tat es auch , ohne daß sie schließlich eine Freude davon gehabt hätte . Anastasia kam ihr vertraulich und beinah überheblich entgegen , und in begreiflicher Verstimmung darüber kehrte Melanie nach Hause zurück . Auch hier war nicht alles , wie es sein sollte , das Vrenel in schlechter Laune , die Zimmer überheizt , und ihre Heiterkeit kam erst wieder , als sie Rubehns Stimme draußen auf dem Vorflur hörte . Und nun trat er ein . Es war um die Teestunde , das Wasser brodelte schon , und sie nahm des geliebten Mannes Arm und schritt plaudernd mit ihm über den dicken , türkischen Teppich hin . Aber er litt von der Hitze , die sie mit ihrem Taschentuche vergeblich fortzufächeln bemüht war . » Und nun sind wir im Norden ! « lachte er . » Und nun sage , haben wir im Süden je so was von Glut und Samum auszuhalten gehabt ? « » O doch , Ruben . Entsinnst du dich noch , als wir das erste Mal nach dem Lido hinausfuhren ? Ich wenigstens vergeß es nicht . All mein Lebtag hab ich mich nicht so geängstigt wie damals auf dem Schiff : erst die Schwüle und dann der Sturm . Und dazwischen das Blitzen . Und wenn es noch ein Blitzen gewesen wäre ! Aber wie feurige Laken fiel es vom Himmel . Und du warst so ruhig . « » Das bin ich immer , Herz , oder such es wenigstens zu sein . Mit unsrer Unruhe wird nichts geändert und noch weniger gebessert . « » Ich weiß doch nicht , ob du recht hast . In unsrer Angst und Sorge beten wir , auch wir , die wir ' s in unseren guten Tagen an uns kommen lassen . Und das versöhnt die Götter . Denn sie wollen , daß wir uns in unserer Kleinheit und Hilfsbedürftigkeit fühlen lernen . Und haben sie nicht recht ? « » Ich weiß nur , daß du recht hast . Immer . Und dir zuliebe sollen auch die Götter recht haben . Bist du zufrieden damit ? « » Ja und nein . Was Liebe darin ist , ist gut , oder ich hör es wenigstens gern . Aber ... « » Lassen wir das aber , und nehmen wir lieber unseren Tee , der uns ohnehin schon erwartet . Und er hilft auch immer und gegen alles und wird uns auch aus dieser afrikanischen Hitze helfen . Um aber sicherzugehen , will ich doch lieber noch das Fenster öffnen . « Und er tat ' s , und unter dem halb aufgezogenen Rouleau hin zog eine milde Nachtluft ein . » Wie mild und weich « , sagte Melanie . » Zu weich « , entgegnete Rubehn . » Und wir werden uns auf kältere Luftströme gefaßt machen müssen . « Neunzehntes Kapitel Inkognito Melanie war froh , wieder daheim zu sein . Was sich ihr notwendig entgegenstellen mußte , das übersah sie nicht , und die Furcht , der Rubehn Ausdruck gegeben hatte , war auch ihre Furcht . Aber sie war doch andrerseits sanguinischen Gemüts genug , um der Hoffnung zu leben , sie werd es überwinden . Und warum sollte sie ' s nicht ? Was geschehen , erschien ihr , der Gesellschaft gegenüber , so gut wie ausgeglichen ; allem Schicklichen war genügt , alle Formen waren erfüllt , und so gewärtigte sie nicht , einer Strenge zu begegnen , zu der die Welt in der Regel nur greift , wenn sie ' s zu müssen glaubt , vielleicht einfach in dem Bewußtsein davon , daß , wer in einem Glashause wohnt , nicht mit Steinen werfen soll . Melanie gewärtigte keines Rigorismus . Nichtsdestoweniger stimmte sie dem Vorschlage bei , wenigstens während der nächsten Wochen noch ein Inkognito bewahren und erst von Neujahr an die nötigsten Besuche machen zu wollen . So war es denn natürlich , daß man den Weihnachtsabend im engsten Zirkel verbrachte . Nur Anastasia , Rubehns Bruder und der alte Frankfurter Prokurist , ein versteifter und schweigsamer Junggeselle , dem sich erst beim dritten Schoppen die Zunge zu lösen pflegte , waren erschienen , um die Lichter am Christbaum brennen zu sehen . Und als sie brannten , wurd auch das Aninettchen herbeigeholt , und Melanie nahm das Kind auf den Arm und spielte mit ihm und hielt es hoch . Und das Kind schien glücklich und lachte und griff nach den Lichtern . Und glücklich waren alle , besonders auch Rubehn , und wer ihn an diesem Abende gesehen hätte , der hätte nichts von Behagen und Gemütlichkeit an ihm vermißt . Alles Amerikanische war abgestreift . In dem Nebenzimmer war inzwischen ein kleines Mahl serviert worden , und als einleitend erst durch Anastasia und danach auch durch den jüngeren Rubehn ein paar scherzhafte Gesundheiten ausgebracht worden waren , erhob sich zuletzt auch der alte Prokurist , um » aus vollem Glas und vollem Herzen « einen Schlußtoast zu proponieren . Das Beste des Lebens , das wiss ' er aus eigner Erfahrung , sei das Inkognito . Alles , was sich auf den Markt oder auf die Straße stelle , das tauge nichts oder habe doch nur Alltagswert ; das , was wirklich Wert habe , das ziehe sich zurück , das berge sich in Stille , das verstecke sich . Die lieblichste Blume , darüber könne kein Zweifel sein , sei das Veilchen , und die poetischste Frucht , darüber könne wiederum kein Zweifel sein , sei die Walderdbeere . Beide versteckten sich aber , beide ließen sich suchen , beide lebten sozusagen inkognito . Und somit lasse er das Inkognito leben , oder die Inkognitos , denn Singular oder Plural sei ihm durchaus gleichgiltig ; Das oder die , Ein volles Glas für Melanie ; Die oder das , Für Ebenezer ein volles Glas . Und danach fing er an zu singen . Erst zu später Stunde trennte man sich , und Anastasia versprach , am andern Tage zu Tisch wiederzukommen ; abermals einen Tag später aber ( Rubehn war eben in die Stadt gegangen ) erschien das Vrenel , um in ihrem Schweizer Deutsch und zugleich in sichtlicher Erregung den Polizeirat Reiff zu melden . Und sie beruhigte sich erst wieder , als ihre junge Herrin antwortete : » Ah , sehr willkommen . Ich lasse bitten einzutreten . « Melanie ging dem Angemeldeten entgegen . Er war ganz unverändert : derselbe Glanz im Gesicht , derselbe schwarze Frack , dieselbe weiße Weste . » Welche Freude , Sie wiederzusehen , lieber Reiff « , sagte Melanie und wies mit der Rechten auf einen neben ihr stehenden Fauteuil . » Sie waren immer mein guter Freund , und ich denke , Sie bleiben es . « Reiff versicherte etwas von unveränderter Devotion und tat Fragen über Fragen . Endlich aber ließ er durch Zufall oder Absicht auch den Namen van der Straatens fallen . Melanie blieb unbefangen und sagte nur : » Den Namen dürfen Sie nicht nennen , lieber Reiff , wenigstens jetzt nicht . Nicht , als ob er mir unfreundliche Bilder weckte . Nein , o nein . Wäre das , so dürften Sie ' s. Aber gerade weil mir der Name nichts Unfreundliches zurückruft , weil ich nur weiß , ihm , der ihn trägt , wehe getan zu haben , so quält und peinigt er mich . Er mahnt mich an ein Unrecht , das dadurch nicht kleiner wird , daß ich es in meinem Herzen nicht recht als Unrecht empfinde . Also nichts von ihm . Und auch nichts ... « Und sie schwieg und fuhr erst nach einer Weile fort : » Ich habe nun mein Glück , ein wirkliches Glück ; mais il faut payer pour tout et deux fois pour notre bonheur . « Der Polizeirat stotterte eine verlegene Zustimmung , weil er nicht recht verstanden hatte . » Wir aber , lieber Reiff « , nahm Melanie wieder das Wort , » wir müssen einen neutralen Boden finden . Und das werden wir . Das zählt ja zu den Vorzügen der großen Stadt . Es gibt immer hundert Dinge , worüber sich plaudern läßt . Und nicht bloß um Worte zu machen , nein , auch mit dem Herzen . Nicht wahr ? Und ich rechne darauf , Sie wiederzusehen . « Und bald danach empfahl sich Reiff , um die Droschke , darin er gekommen war , nicht allzu lange warten zu lassen . Melanie aber sah ihm nach und freute sich , als er wenige Häuser entfernt dem aus der Stadt zurückkommenden Rubehn begegnete . Beide grüßten einander . » Reiff war hier « , sagte Rubehn , als er einen Augenblick später eintrat . » Wie fandest du ihn ? « » Unverändert . Aber verlegner , als ein Polizeirat sein sollte . « » Schlechtes Gewissen . Er hat dich aushorchen wollen . « » Glaubst du ? « » Zweifellos . Einer ist wie der andre . Nur ihre Manieren sind verschieden . Und Reiff hat die Harmlosigkeitsallüren . Aber vor dieser Spezies muß man doppelt auf der Hut sein . Und so lächerlich es ist , ich kann den Gedanken nicht unterdrücken , daß wir morgen ins schwarze Buch kommen . « » Du tust ihm unrecht . Er hat ein Attachement für mich . Oder ist es meinerseits bloß Eitelkeit und Einbildung ? « » Vielleicht . Vielleicht auch nicht . Aber diese guten Herren ... ihr bester Freund , ihr leiblicher Bruder ist nie sicher vor ihnen . Und wenn man sich darüber erstaunt oder beklagt , so heißt es ironisch und achselzuckend : C ' est mon metier . « Eine Woche später hatte das neue Jahr begonnen , und der Zeitpunkt war da , wo das junge Paar aus seinem Inkognito heraustreten wollte . Wenigstens Melanie . Sie war noch immer nicht bei Jacobine gewesen , und wiewohl sie sich , in Erinnerung an den unbeantwortet gebliebenen Brief , nicht viel Gutes von diesem Besuche versprechen konnte , so mußt er doch auf jede Gefahr hin gemacht werden . Sie mußte Gewißheit haben , wie sich die Gryczinskis stellen wollten . Und so fuhr sie denn nach der Alsenstraße . Schwereren Herzens als sonst stieg sie die mit Teppich belegte Treppe hinauf und klingelte . Und bald konnte sie hinter der Korridor-Glaswand ein Hinundherhuschen erkennen . Endlich aber wurde geöffnet . » Ah , Emmy . Ist meine Schwester zu Haus ? « » Nein , Frau Kommerzien ... Ach , wie die gnädige Frau bedauern wird ! Aber Frau von Heysing waren hier und haben die gnädige Frau zu dem großen Bilde abgeholt . Ich glaube Die Fackeln des Nero . « » Und der Herr Major ? « » Ich weiß es nicht « , sagte das Mädchen verlegen . » Er wollte fort . Aber ich will doch lieber erst ... « » O nein , Emmy , lassen Sie ' s. Es ist gut so . Sagen Sie meiner Schwester , oder der gnädigen Frau , daß ich da war . Oder besser , nehmen Sie meine Karte ... « Danach grüßte Melanie kurz und ging . Auf der Treppe sagte sie leise vor sich hin : » Das ist er . Sie ist ein gutes Kind und liebt mich . « Und dann legte sie die Hand aufs Herz und lächelte : » Schweig stille , mein Herze . « Rubehn , als er von dem Ausfall des Besuches hörte , war wenig überrascht , und noch weniger , als am andern Morgen ein Brief eintraf , dessen zierlich verschlungenes J. v. G. über die Absenderin keinen Zweifel lassen konnte . Wirklich , es waren Zeilen von Jacobine . Sie schrieb : » Meine liebe Melanie . Wie hab ich es bedauert , daß wir uns verfehlen mußten . Und nach so langer Zeit ! Und nachdem ich Deinen lieben , langen Brief unbeantwortet gelassen habe ! Er war so reizend , und selbst Gryczinski , der doch so kritisch ist und alles immer auf Disposition hin ansieht , war eigentlich entzückt . Und nur an der einen Stelle nahm er Anstoß , daß alles Heil und aller Trost nach wie vor aus Rom kommen solle . Das verdroß ihn , und er meinte , daß man dergleichen auch nicht im Scherze sagen dürfe . Und meine Verteidigung ließ er nicht gelten . Die meisten Gryczinskis sind nämlich noch katholisch , und ich denke mir , daß er so streng und empfindlich ist , weil er es persönlich los sein und von sich abwälzen möchte . Denn sie sind immer noch sehr diffizil oben , und Gryczinski , wie Du weißt , ist zu klug , als daß er etwas wollen sollte , was man oben nicht will . Aber es ändert sich vielleicht wieder . Und ich bekenne Dir offen , mir wär es recht , und ich für mein Teil hätte nichts dagegen , sie sprächen erst wieder von etwas andrem . Ist es denn am Ende wirklich so wichtig und eine so brennende Frage ? Und wär es nicht wegen der vielen Toten und Verwundeten , so wünscht ich mir einen neuen Krieg . ( Es heißt übrigens , sie rechneten schon wieder an einem . ) Und hätten wir den Krieg , so wären wir die ganze Frage los , und Gryczinski wäre Oberstlieutenant . Denn er ist der dritte . Und ein paar von den alten Generälen , oder wenigstens von den ganz alten , werden doch wohl endlich abgehen müssen . Aber ich schwatze von Krieg und Frieden und von Gryczinski und von mir und vergesse ganz , nach Dir und nach Deinem Befinden zu fragen . Ich bin überzeugt , daß es Dir gut geht und daß Du mit dem Wechsel in allen wesentlichen Stücken zufrieden bist . Er ist reich und jung , und bei Deinen Lebensanschauungen , mein ich , kann es Dich nicht unglücklich machen , daß er unbetitelt ist . Und am Ende , wer jung ist , hofft auch noch . Und Frankfurt ist ja jetzt preußisch . Und da findet es sich wohl noch . Ach , meine liebe Melanie , wie gerne wär ich selbst gekommen und hätte nach allem Großen und Kleinen gesehen , ja , auch nach allem Kleinen , und wem es eigentlich ähnlich ist . Aber er hat es mir verboten und hat auch dem Diener gesagt , daß wir nie zu Hause sind . Und Du weißt , daß ich nicht den Mut habe , ihm zu widersprechen . Ich meine , wirklich zu widersprechen . Denn etwas widersprochen hab ich ihm . Aber da fuhr er mich an und sagte : Das unterbleibt . Ich habe nicht Lust , um solcher Allotria willen beiseite geschoben zu werden . Und sieh dich vor , Jacobine , Du bist ein entzückendes kleines Weib ( er sagte wirklich so ) , aber ihr seid wie die Zwillinge , wie die Druväpfel , und es spukt dir auch so was im Blut . Ich bin aber nicht van der Straaten und führe keine Generositätskomödien auf . Am wenigsten auf meine Kosten . Und dabei warf er mir de haut en bas eine Kußhand zu und ging aus dem Zimmer . Und was tat ich ? Ach , meine liebe Melanie , nichts . Ich habe nicht einmal geweint . Und nur erschrocken war ich . Denn ich fühle , daß er recht hat und daß eine sonderbare Neugier in mir steckt . Und darin treffen es die Bibelleute , wenn sie so vieles auf unsere Neugier schieben ... Elimar , der freilich nicht mit zu den Bibelleuten gehört , sagte mal zu mir : Das Hübscheste sei doch das Vergleichenkönnen . Er meinte , glaub ich , in der Kunst . Aber die Frage beschäftigt mich seitdem , und ich glaube kaum , daß es sich auf die Kunst beschränkt . Übrigens hat Gryczinski noch in diesem Winter oder doch im Frühjahr eine kleine Generalstabsreise vor . Und dann seh ich Dich . Und wenn er wiederkommt , so beicht ich ihm alles . Ich kann es dann . Er ist dann immer so zärtlich . Und ein Blaubart ist er überhaupt nicht . Und bis dahin Deine Jacobine . « Melanie ließ das Blatt fallen , und Rubehn nahm es auf . Er las nun auch und sagte : » Ja , Herz , das sind die Tage , von denen es heißt , sie gefallen uns nicht . Ach , und sie beginnen erst . Aber laß , laß . Es rennt sich alles tot und am ehesten das . « Und er ging an den Flügel und spielte laut und mit einem Anfluge heiterer Übertreibung : » Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschützt ich dich , beschützt ich dich . « Und dann erhob er sich wieder und küßte sie und sagte : » Cheer up , dear ! « Zwanzigstes Kapitel Liddi » Cheer up , dear « , hatte Rubehn Melanie zugerufen , und sie wollte dem Zurufe folgen . Aber es glückte nicht , konnte nicht glücken , denn jeder neue Tag brachte neue Kränkungen . Niemand war für sie zu Haus , ihr Gruß wurde nicht erwidert , und ehe der Winter um war , wußte sie , daß man sie , nach einem stillschweigenden Übereinkommen , in den Bann getan habe . Sie war tot für die Gesellschaft , und die tiefe Niedergedrücktheit ihres Gemüts hätte sie zur Verzweiflung geführt , wenn ihr nicht Rubehn in dieser Bedrängnis zur Seite gestanden hätte . Nicht nur in herzlicher Liebe , nein , vor allem auch in jener heitren Ruhe , die sich der Umgebung entweder mitzuteilen oder wenigstens nicht ohne stillen Einfluß auf sie zu bleiben pflegt . » Ich kenne das , Melanie . Wenn es in London etwas ganz Apartes gibt , so heißt es , it is a nine-days-wonder , und mit diesen neun Tagen ist das höchste Maß von Erregungsandauer ausgedrückt . Das ist in London . Hier dauert es etwas länger , weil wir etwas kleiner sind . Aber das Gesetz bleibt dasselbe . Jedes Wetter tobt sich aus . Eines Tages haben wir wieder den Regenbogen und das Fest der Versöhnung . « » Die Gesellschaft ist unversöhnlich . « » Im Gegenteil . Zu Gerichte sitzen ist ihr eigentlich unbequem . Sie weiß schon , warum . Und so wartet sie nur auf das Zeichen , um das große Hinrichtungsschwert wieder in die Scheide zu stecken . « » Aber dazu muß etwas geschehen . « » Und das wird . Es bleibt selten aus und in den milderen Fällen eigentlich nie . Wir haben einen Eindruck gemacht und müssen ehrlich bemüht sein , einen andern zu machen . Einen entgegengesetzten . Aber auf demselben Gebiete ... Du verstehst ? « Sie nickte , nahm seine Hand und sagte : » Und ich schwöre dir ' s , ich will . Und wo die Schuld lag , soll auch die Sühne liegen . Oder sag ich lieber , der Ausgleich . Auch das ist ein Gesetz , so hoff ich . Und das schönste von allen . Es braucht nicht alles Tragödie zu sein . « In diesem Augenblicke wurde durch den Diener eine Karte hereingegeben : » Friederike Sawat v. Sawatzki , genannt Sattler v.d. Hölle , Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort in der Uckermark . « » Oh , laß uns allein , Ruben « , bat Melanie , während sie sich erhob und der alten Dame bis auf den Vorflur entgegenging . » Ach , mein liebes Riekchen ! Wie mich das freut , daß du kommst , daß du da bist . Und wie schwer es dir geworden sein muß ... Ich meine nicht bloß die drei Treppen ... Ein halbes Stiftsfräulein und jeden Sonntag in Sankt Matthäi ! Aber die Frommen , wenn sie ' s wirklich sind , sind immer noch die Besten . Und sind gar nicht so schlimm . Und nun setze dich , mein einziges ,