! Wie lange ist ' s schon her , daß wir nicht geplaudert haben ? Vielleicht schon ein Jahr ! Da habe ich dich vom Meierhofe der Mönche nach Barnow mitgenommen . Du mußtest rasch zurück - es war dein Namenstag ! « » Ja , ja « , nickte der Alte freundlich und blickte dann wieder in sein Glas . » Wir haben so lustig geplaudert , du hast mir von den vielen Mäusen in der Bibliothek erzählt . « » Hm ! - wirklich ! « » Und hast mich gefragt , ob ich kein Mittel dagegen weiß . Ich wußte keins . Aber neulich habe ich ein sicheres Mittel erfahren . « » Ich glaube , du irrst dich « , sagte Fedko bedächtig . » Ich habe die Mäuse nie töten wollen . Warum ? Es sind ja auch Geschöpfe Gottes - « » Aber sie zernagen die Bücher . « » Kränkt dich das ? « » Nein - ja - « stotterte Sender verlegen . Aber da kam ihm ein rettender Gedanke . » Lassen wir die Mäuse « , rief er . » Eben fällt mir ein , es ist heute genau ein Jahr , daß wir beisammen waren . Heute ist ja dein Namenstag . « » Nein , lieber Senderko ! « » Schade ! « rief dieser . » O wie schade ! Eben wollte ich zu Ehren des Tages eine Flasche Slibowitz bestellen . « » So , so ! « Der Alte dachte nach , lange und gewissenhaft . » Nein « , sagte er dann , » so leid es mir tut , heute ist nicht mein Namenstag ! « » Dann wollen wir ihn im voraus feiern « , rief Sender . » He - eine Flasche ! « Der Slibowitz erschien . Fedko leerte langsam das eingeschenkte Glas und schnalzte zufrieden mit der Zunge . Dann blickte er den Jüngling freundlich an und sagte : » Nun sprich nur gerade heraus ! « » Was ? « » Was du von mir willst ! « » Ich - hm ! Wirklich nichts - « » Nur der alte Herrgott hat Wunder getan « , sagte Fedko langsam und wuchtig , » und dann sein Sohn , der Herr Christus . Aber jetzt geschehen keine Wunder mehr . Und darum zahlt kein Jude einen Slibowitz , wenn er nicht etwas will . « » Nun ja ! Aber du verrätst mich nicht ? « » Ich ? « » Ich weiß , du bist kein Schwätzer . Auch bist du ein guter Mensch und wirst mich nicht unglücklich machen . Also - ich möchte die Bibliothek der Mönche anschauen . « Fedko dachte lange nach , wohl fünf Minuten . Endlich sagte er : » Ich habe fragen wollen : Wozu ? Aber das geht mich nichts an . Gar nichts . Also : bloß anschauen ? Ja ! « » Und mir ein Buch nach Hause mitnehmen , und wenn ich ' s zurückbringe , ein anderes ! « » Nein ! « erwiderte der Alte sofort und entschieden . » Nicht um die Welt ! - nicht um fünf Gulden ! Der Prior hat gesagt : Fedko , du stehst dafür , daß nichts wegkommt ! Ich stehe dafür . « » Aber ich bringe es wieder ! Bin ich doch in deiner Hand - ein Wort von dir macht mich unglücklich . « » Daß nichts wegkommt ! « wiederholte Fedko nachdrücklich , » und wenn ein Buch bei dir ist , so ist es nicht in der Bibliothek . « Gegen diese Logik war nichts einzuwenden . Sender seufzte tief auf . » Aber vielleicht ist es dir wenigstens erlaubt « , bat er , » mich täglich auf zwei Stunden bei den Büchern einzusperren ? Ich verspreche dir - ich - ich feiere dann wöchentlich deinen Namenstag ... « Wieder dachte der Alte nach , lange , sehr lange . » Ja « , sagte er dann . Sender atmete auf . Sie verabredeten , daß er täglich von zwölf bis zwei Uhr bei den Büchern bleiben dürfe . Das waren seine einzigen Freistunden ; um halb zwölf begann in der Werkstätte die Mittagspause . Freilich blieb ihm dann wenig Zeit zum Essen , aber was konnte ihm daran liegen ! ... » Noch eins « , sagte Fedko . » Ich habe gehört , daß die Juden viele böse Zaubereien können . Nicht aus Schlechtigkeit , sondern nur wegen des jüdischen Glaubens . Und da drinnen sind heilige Bücher - wirst du da keine Hexereien verrichten ? Und wie , wenn du den heiligen Geist daraus vertreibst - und dann kommt der Herr Prior und sucht ihn , weil er ihn gerade braucht , und findet ihn nicht mehr - « Nachdem Sender ihn auch darüber beruhigt und mit furchtbaren Eiden geschworen , dem heiligen Geist nichts anzutun , gab der Alte endlich nach . » Gut ! Also morgen ! Kurz nach dem Mittagsläuten , bei der Tartarenpforte . « Neuntes Kapitel Die » Tartarenpforte « war eine Hinterpforte des Klosters , die in ein einsames Gartengäßchen mündete , in dem nur zuweilen , und dann auch nur in der Dämmerung , ein Liebespaar zusammentraf . Ihren Namen hatte sie aus den alten , blutigen Tagen , wo die Tartaren in einem der zahllosen Grenzkriege zwischen Polen und der Türkei das Kloster belagert hatten und endlich hier eingedrungen waren , um die » Geschorenen des bleichen Götzen « zu töten . Am nächsten Tage , als es zu Mittag läutete , stand Sender hier harrend , und trotz der warmen , fast sommerlichen Herbstsonne klapperten seine Zähne wie Kastagnetten , und ein Fieberfrost durchzitterte seine Glieder . Man legt altgewohnten Aberglauben nicht so leicht ab , wie ein abgetragenes Gewand . Er war in der Anschauung aufgewachsen , daß man die Augen niederschlagen müsse , wenn man an diesem Hause vorbeigehe , daß es eine Todsünde sei , es zu betreten . » Ich werde jetzt ein Abtrünniger « , sagte er leise vor sich hin . » Ist es das Opfer wert ? « Aber er bezwang sich , biß die Zähne aufeinander und blieb . Und bald , nachdem der letzte Schlag der Mittagsglocke verhallt war , trat auch Fedko heraus , einen mächtigen Schlüsselbund in der Hand . » Mittag ! « sagte er . » Komm ! « Sender folgte entschlossen , aber seine fieberhafte Erregung war so groß , daß er sich unwillkürlich an die Wand lehnte , um nicht umzusinken . Er atmete schwer , seine Augen schlossen sich . » Krank ? « fragte Fedko . » Nein , nein ! « stammelte er mühsam . Und gewaltsam raffte er sich auf und folgte , wenn auch wankenden Schritts . Sie gingen einen langen Korridor hinab . Es ward immer dunkler um sie , feucht und kalt schlug ihnen die Luft entgegen , grünlicher Schimmel überzog die Wände . » Der Korridor des Severin « , erklärte Fedko . Vor einem mächtigen Kruzifix blieb er stehen . » Hier haben die verdammten Heiden den Prior Severin erschlagen . Er war ein neunzigjähriger Greis . Hier an der Wand unter der Glastafel ist sein Blut und Hirn zu sehen . « Sender wandte den Blick ab . » Zieh den Hut ! « sagte Fedko . Der Jüngling schüttelte leise den Kopf . » Komm « , bat er dann . » Du willst nicht ? « fragte der Alte . » Warum ? Wenn ich in eure Synagoge käme , würde ich auch den Hut ziehen . Man soll keinen Gott verachten , weder den alten , noch den jungen . Der alte kann was , der junge kann was ! Aber wie du willst ... « Sie gingen weiter und eine Treppe empor . Staub und Moder bedeckte die Stufen , eine Fledermaus erhob sich schwirrend . » Kommen die Mönche nie hierher ? « fragte Sender . » Nein « , war die Antwort . » Es ist ja nur der Aufgang zur Bibliothek . Jeder Mönche hat ohnehin sein Gebetbuch . « » Und die Lehrer der Schule ? « » Der Pater Marcellinus , meinst du , und der Frater Antonius ? Die haben jeder drei Bücher in ihrer Klause . « » Ist das genug ? « » Mehr als genug ! « Sender blickte ihn prüfend an - aber der Alte meinte es ernst . Im ersten Stockwerk tat sich wieder ein langer Gang vor ihnen auf . In einer Nische stand unter einem Kruzifix eine Bank , daneben hingen Geißeln von verschiedener Form und Größe . » Das ist der Winkel , wo die Pönitenz erteilt wird « , erklärte Fedko . » Aber unter unserem jetzigen Prior kommt das selten vor . Er ist ein guter Mann , der auch die Fünfe g ' rad sein läßt . Die eigenen Mönche läßt er niemals prügeln und selbst die fremden sehr ungern - nur wenn er Befehl hat ... « » Kommen auch fremde hierher ? « » Ei freilich ! Oft waren schon mehrere zugleich hier - « » Auf Besuch ? « » Auf Besuch - hehe ! - freilich - aber oft jahrelang und nicht freiwillig . Zu seinem Vergnügen kommt keiner her - das Kloster ist arm und der Wein so sauer , daß ich wirklich lieber Schnaps trinke , obwohl ich den bezahlen muß - « » Also als Gefangene ? « » Natürlich ! - wir sind ja das Strafkloster der Ordensprovinz . Wenn einer ein Ketzer wird oder den Mädchen so arg nachläuft , daß es eine Schande ist , so kommt er hierher , und wir setzen ihm schon den Kopf zurecht . « » Wodurch ? « » Wir verstehen das ! « Der Alte ergriff mit grimmigem Lächeln eine der Geißeln und hieb durch die Luft , daß es pfiff . » Ist jetzt so ein Mönch hier ? « » Nein - jetzt nicht - sonst hätte ich dir nicht den Gefallen tun können . Denn wir pflegen diese Gäste an diesem Korridor hier einzuquartieren , in den Nonnenzimmern . Nämlich - damit sie die Geißeln gleich in der Nähe haben - falls es sie etwa gelüstet , sich freiwillig den Teufel aus dem Leib zu treiben ... « » In den Nonnenzimmern ? « » Ja - hehe ! - In diesen Zellen haben einst , vor hundert Jahren , Nonnen gewohnt - hehe ! Nonnen - du verstehst schon ! Damals war das Kloster sehr reich und der Prior ein lustiger Mann . Aber als er starb , kam an seine Stelle ein strenger Greis . Der hat keinen Spaß verstanden , der alte Ignatius . Jagt die Weiber hinaus , richtet die Zimmer als Büßerzellen ein , stellt hier an der Ecke die Geißeln auf und der ganze Konvent muß sich vor diesen Zimmern die Waden wund hauen ... « Sender besah sich die Marterinstrumente . Die meisten waren mit dunklen Flecken bedeckt . » Das ist Blut « , sagte der Alte gleichgültig . » Komm - « Sie schritten den Korridor hinab . Vor einer mächtigen Flügeltüre blieb Fedko stehen . Daneben war eine Marmortafel in die Wand eingelassen . Sie trug in spitzen , steifen Majuskeln die Inschrift : BJBL . C. BARNOV . S.O.S.D.D.G.S.F.P. MDCXI . Mit Mühe vormochte Sender die einzelnen Buchstaben zu enträtseln ; ihr Sinn blieb ihm natürlich verschlossen . Die Inschrift lautete : Bibliotheca Conventus Barnoviensis Sancti Ordinis Sancti Dominici de Guzman sive Fratrum Praedicatorum ( Bibliothek des Klosters Barnow des Ordens des heiligen Dominicus von Guzman oder der Predigermönche ) . Beigefügt war das Gründungsjahr der Bibliothek , 1611 . » Hier d ' rin sind die Bücher « , sagte der Alte . Er zog einen mächtigen , verrosteten Schlüssel hervor und versuchte zu öffnen . Das Schloß krachte , aber der Schlüssel drehte sich nicht . » Ich komme selten hierher « , erklärte Fedko . » Wozu auch ? So lange der Schlüssel hier am Bund ist , kommt nichts weg . « Endlich ging der Flügel auf . Ein eisiger Hauch schlug den Eintretenden entgegen , durchdringender Modergeruch beengte die Brust . Es war fast dunkel in dem riesigen Raume , denn das Glas der hohen , schmalen Fenster war erblindet , und die Spinnen hatten es mit dichten Netzen überzogen . Als die beiden über die vermodernden Dielen mühsam vorwärts schritten , ward es urplötzlich um sie lebendig , es rauschte in den Lüften , es raschelte am Boden . » Geschöpfe Gottes « , tröstete Fedko , » fürchte dich nicht . « » Aber wo sind die Bücher ? « » Nun - hier - überall ... « In der Tat bedeckten sie in mächtigen Regalen alle Wände vom Boden bis zur Decke . In der Dunkelheit , und weil eine Staubdecke sie gleichmäßig überzog , hatte Sender die endlos aufgetürmten Reihen für die Wände selbst gehalten ... » Und wenn dir das noch nicht genug sind « , fuhr Fedko fort , » so sieh einmal her - hier sind noch mehr - « Sie traten in einen zweiten , noch größeren Saal . Hier war es heller , weil durch die Fenster die Mittagssonne drang . Auch hier war jedes Plätzchen mit Büchern angefüllt , es war in der Tat eine riesige Bibliothek . In der Mitte stand ein mächtiger Tisch und ein Sessel . Ein hölzernes Schreibzeug stand auf dem Tische , die Tinte war längst eingetrocknet . » Hier pflegte der alte Pater Ämilius zu sitzen « , erzählte Fedko , » den ganzen Tag , oft auch die Nacht hindurch . Hundert Bücher hat er um sich liegen gehabt , und hat gelesen und geschrieben - fortwährend - es war ein Mitleid mit dem Greis . Warum plagst du dich so , Hochwürdigster ? frag ' ich ihn einmal . Ich schreibe ein Buch , erwidert er lächelnd . Aber es sind wirklich genug Bücher da , sag ' ich mitleidig , so sieh dich doch nur um ! Aber er lächelt nur so vor sich hin und schüttelt den grauen Kopf . Nun , nach seinem Tode habe ich seine Schreibereien dem Prior gebracht . Er hat sie flüchtig angesehen und gesagt : Verbrenne sie , der Alte war ein Ketzer ! Aber ich habe sie hierher in einen Winkel gelegt , mir war ' s , als könnte der Pater Ämilius keine Ruhe im Grabe haben , wenn ich so seine mühsame Arbeit vernichten würde . « Darauf nickte der Alte freundlich : » So , jetzt lies , was du willst . Um zwei Uhr hole ich dich ! « Er ging der Türe zu . Sender blickte um sich in dem wüsten , halbdunklen Raume , und eine jähe Bangigkeit legte sich um sein Herz . » Fedko ! « rief er unwillkürlich . » Nun ? « Sender schwieg . » Fürchtest du dich etwa ? « rief der Alte an der Türe . » Nein - geh ! « Der Schlüssel klirrte , kreischend schloß sich der Riegel . Sender war allein . Er blieb lange regungslos , auf den Tisch des Ämilius gestützt , und sein Herz schlug in dumpfen , schweren Schlägen . Dann richtete er sich auf . » Es muß ja sein ! « sagte er laut , und der Klang der eigenen Stimme befreite ihn von aller Bangigkeit . Ruhig schritt er an eines der Fächer heran , und begann die Bücher zu mustern . Er fegte ein Buch nach dem anderen rein , eine Staubwolke umwirbelte ihn . Aber als er einen der Bände aufschlug , standen da in lateinischer Schrift Worte , die er nicht verstand - es mußte eine fremde Sprache sein . Sender war an die römischen Klassiker geraten . Kopfschüttelnd wandte er sich zum nächsten Fache ; wieder wirbelte er eine Staubwolke auf , wieder war seine Mühe vergeblich . Denn das Bändchen , das er nun hervorzog , trug den Titel : » Myszeis J. Krasickiego « - es war das erste satirische Epos der Polen , der » Mäusekrieg « des Erzbischofs Krasicki . Sender schlug das Buch auf und begann zu lesen , er verstand die Worte ; aber nach einer Weile schlug er traurig das Buch wieder zu . » Was geht ' s mich an « , dachte er , » was die Mäuse da auf Polnisch miteinander reden ? ! Ich will die deutsche Weisheit ! « Er trat betrübt an ein drittes Fach heran und zog ein ganz dünnes Büchlein heraus . Als er es aufschlug , glänzten seine Augen freudig auf - es war Deutsch . Er las den Titel : » Abenteuer des Mönchs Paphnutius und der Nonne Paphnutia . Zur Kurzweil für fromme Gemüter . Gedruckt in diesem Jahre zu Karthago , in der Druckerei zum irdischen Himmel . « Voll heiligen Eifers begann er halblaut zu lesen , und ging dabei auf und nieder . Aber schon auf der dritten Seite hielt er inne . » Es ist ja nicht möglich « , sagte er und wurde blutrot . » So etwas beschreibt man in keinem Buche . « Aber noch einige Seiten , und nun war keine Täuschung mehr möglich . Er warf das Büchlein von sich und nahm es dann wieder in die Hand , vorsichtig , wie man eine Schlange anfaßt , und starrte auf den Titel - erstaunt - entsetzt ... Es war eines jener schmutzigen Pamphlete , wie sie das letzte Viertel des achtzehnten Jahrhunderts in so ungeheurer Menge geboren . Sender war nicht rein wie Telemach - wer in Jünglingsjahren als Fuhrknecht die podolische Landstraße befährt , kann es nicht bleiben . Aber von solcher schmunzelnden , halbverhüllten , raffinierten Gemeinheit hatte er keine Ahnung , und daß sie ihm lustig aus den Lettern eines Buches entgegentrat , das erdrückte ihn fast . Ihm war jedes Buch so heilig , wie dem Wilden sein Fetisch ; und insbesondere jedes deutsche Buch , stand doch darin die » Weisheit « ! » Wozu werden solche Bücher gedruckt ? « fragte er sich , und versuchte an einer anderen Stelle zu lesen , vielleicht konnte er wenigstens dies erraten . Aber Paphnutius und Paphnutia blieben sich auf jeder Seite gleich in ihrem Reden und Tun . Da schlug er endlich das Büchlein zu und schob es heftig an seine Stelle zurück . Dann stand er lange regungslos und grübelte über seine Entdeckung nach . » Es gibt auch schlechte Bücher « , flüsterte er erstaunt vor sich hin , » um Gottes willen - wozu gibt es solche Bücher ? Wie kann es schlechte Bücher geben ? Und dann : Man weiß ja , wie die Mönche sind - der Fedko hat es ja eben selbst erzählt - wie , wenn hier lauter schlechte Bücher wären ? « Angstvoll stöberte er in dem Fache weiter . Aber der zweite , dritte , vierte Band , den er hervorzog , war gleichen oder ähnlichen Inhalts . Er brauchte nicht erst darin zu blättern , um dies zu erkennen , schon die sauberen Titelkupfer ließen keine andere Deutung zu . Sender war zufällig gerade an jenes Fach geraten , welches der alte Stephanus zur Erheiterung seiner Mußestunden so reichlich ausgestattet hatte . » Umsonst ! « stöhnte der Jüngling . » Hier sind keine Bücher , aus denen ich lernen kann , ich habe die Sünde umsonst auf mich genommen . « Ratlos wendete er den Blick von einem Fache zum anderen . Da fiel ihm eine Bücherreihe ins Auge , die etwas geringerer Staub bedeckte als die übrigen . Vielleicht hatte der alte Ämilius zuletzt darin geblättert . Er trat näher und zog einen der Bände hervor . » Theater « , las er . » Theater von Gotthold Ephraim Lessing . « Und darunter stand in großem Druck : » Nathan der Weise . « Kaum vermochte er das Buch zu halten , so sehr durchzitterte ihn die jähe Freude . Wie hatte er sich bei den Erzählungen seines Lehrers darnach gesehnt , endlich auch so ein » aufgeschriebenes Spiel « zu lesen ! Hier hatte er ein solches vor sich und es handelte dazu noch von einem Juden . Und Lessing hatte es geschrieben ! Sender erinnerte sich , daß Wild ihm erzählt , das sei ein großer Dichter gewesen . Er blickte zum Himmel empor . » Gott Israels , Herr der Heerscharen , du starker und einziger Gott , ich danke dir , daß du gewährt , wonach dein Knecht gedürstet ! « Laut und feierlich sprach er den hebräischen Dankspruch . Er hallte seltsam von den Klosterwänden wider . Dann schlug er das Buch auf . Dem Titel folgten zunächst die » Personen « . Er begriff sofort , was das bedeute : » Da hat er aufgeschrieben , wieviel Spieler man dazu braucht und wie jeder heißt . « Aber schon die erste Zeile im Verzeichnis faßte er sehr eigentümlich auf . » Sultan Saladin « , las er . » O du Lump ! - Ist das am End ' auch ein schlechtes Buch ? ! « Denn » Sultan « wird im podolischen Ghetto vornehmlich in jenem Sinne gebraucht , der auch unserem Sprachgebrauch nicht ganz fremd ist ; es ist dort das allgemein übliche Schimpfwort für einen Mann , der seinen sinnlichen Lüsten die Zügel schießen läßt und es zuchtlos mit mehreren Weibern zugleich hält . » Aber nein ! « berichtigte er sich , » solche Sachen wird doch so ein großer Dichter nicht aufschreiben ! ... Also , Saladin heißt er und ein elender Sultan ist er - aha ! Also steht bei jedem Namen aufgeschrieben , was das für ein Mensch ist , damit es der Spieler gleich weiß ! « Aber schon bei der nächsten Zeile stimmte dies nicht . » Sittah , seine Schwester - warum steht nicht auch da , wie sie ist ? ! Sie muß ja darum nicht auch schon schlecht sein , weil sie die Schwester von so einem Kerl ist ! Oder ist das gar so gemeint , wie in dem ekelhaften Buch von Paphnutius ? - Da nennen sich der Mönch und die Nonne auch Bruder und Schwester ! ... Aber weiter : Nathan , ein reicher Jude in Jerusalem ... Was ? ! « Sender unterbrach sich erstaunt und las es nochmals . » Reich ? ! « rief er höhnisch - » und in Jerusalem ? ! Mein lieber Mensch « - er meinte Lessing - , » ich glaub ' gern , daß du ein großer Dichter bist , und ob du trotzdem auch ein Schweinemagen bist , wird sich erst zeigen , aber daß du nichts von Juden verstehst , seh ' ich schon jetzt ! Hast du schon heutzutag ' von einem reichen Juden in Jerusalem gehört ? Andere Leut ' noch nicht ! « Auch diese Kritik war begreiflich . Das ungemeine Elend , in dem heute die jüdischen Bewohner der heiligen Stadt dahinleben , ist ein ständiger Gesprächsstoff des östlichen Ghetto - wird doch für diese armseligen frommen Müßiggänger unablässig gesammelt , und es vergeht kaum ein Monat , wo nicht ein Sendling von dorther auftaucht und durch grelle Schilderungen das Mitleid der polnischen und russischen Juden für ihre verkommenden Glaubensbrüder wachruft . » Reich ! - haha ! « Sender zuckte die Achseln . » Recha , dessen angenommene Tochter - meinetwegen , aber von Juden weißt du wirklich nichts , mein lieber Mensch , der Name heißt Rachel . « Die nächste Zeile aber machte das Maß seiner Nichtachtung für Lessings jüdische Kenntnisse vollends überfließen . » Daja , eine Christin , aber im Hause des Juden als Gesellschafterin der Recha . « Sender lachte laut auf . » Gesellschafterin - ausgezeichnet ! Weißt du nicht , was für Juden in Jerusalem wohnen ? ! Die sind ja so fromm und so dumm , daß unsere Barnower Chassidim im Vergleich zu ihnen aufgeklärte Leut ' sind ! Und so ein koscheres Betmännchen wird eine Christin ins Haus nehmen ? ! Höchstens jede Woche einmal als Schabbesgoje ( christliche Magd , die am Sabbat im Hause des strenggläubigen Juden bedient , die Kerzen anzündet und löscht u.s.w. ) . Aber für immer und als Gesellschafterin für seine Tochter ? Verrückt wär ' er , wenn er ' s tät ' , denn die anderen würden ihn ja steinigen ! « Auch die nächste Zeile mehrte ihm noch das Gefühl der Überlegenheit über den » lieben Menschen « . Ein junger Tempelherr - das war so viel wie ein » Deutsch « , das heißt ein aufgeklärter , modern gekleideter Jude . Und warum ? Sender hatte seine Mitbürger oft genug jene » Gottlosen « und » Abtrünnigen « verwünschen hören , die nicht in Synagogen hebräische , sondern in » Tempeln « unter Orgelbegleitung deutsche Gebete verrichteten und gleichwohl so vermessen waren , sich noch als Juden zu fühlen ; so ein Mann war offenbar gemeint . » Ich weiß schon « , dachte er , » er wird gewiß der Rachel den Hof machen .... Und so einen Deutsch sollt ' es in Jerusalem geben - es ist zum Lachen ! « Was aber war ein » Derwisch « , was ein » Patriarch « und ein » Emir « mit » Memelucken « ? ! An diesen Wörtern scheiterte all seine Findigkeit ; nur der » Klosterbruder « war ihm vertraut . » Vielleicht erkenn ' ich ' s aus dem Spiel « , dachte er und begann zu lesen . Mit allen Sinnen versenkte er sich in die Dichtung und las langsam , jedes Wort laut vor sich hinsprechend , jede Zeile wiederholend . Ob er wollte oder nicht , er mußte an die Vorstellung denken , der er in Czernowitz beigewohnt , er konnte Daja und Nathan nicht mit derselben Stimme lesen und drückte auch die wechselnden Empfindungen des Mannes durch den Tonfall aus , so gut er konnte . Es geschah unwillkürlich , der angeborene dunkle Trieb regte sich in ihm . Bei den Reden des Nathan näselte er und agierte dazu lebhaft mit den Händen ; die Worte der Daja sprach er möglichst hochdeutsch , mit einer spitzen Altweiberstimme und stemmte die Arme in die Hüften , wie es die Mägde in Barnow zu tun pflegten . Es war ein saures Stück Arbeit , schon weil ihm manche Worte unverständlich waren ; die » Phantasie , die immer malet « , die » fromme Kreatur « verwirrten ihn . Vollends aber trieben ihm die vielen Sätze , wo er zwar jedes Wort verstand , ohne doch den Sinn des Ganzen erfassen zu können , den Angstschweiß auf die Stirne . Ganze Reden und Gegenreden mußte er so durchirren . Er legte das Buch vor sich hin . » Also , was geht da vor ? « begann er und brachte seinen Körper dabei unwillkürlich in jene wiegende Bewegung , wie in der Knabenzeit , wenn er über einer schwierigen Thorastelle gebrütet . » Nathan , reich , Kaufmann . An den Reichtum glaub ' ich nicht recht . Erstens : Jerusalem . Zweitens : womit er handelt , ist nicht gesagt - mit Kamelen ? - - mit Goldsachen ? Drittens : ein großer Kaufmann fährt nicht viele Wochen herum , Schulden einzukassieren , sondern schickt seinen Kommis . So macht es zum Beispiel unser Reb Mosche Freudenthal , der freilich bare dreißigtausend Gulden im Vermögen hat - und wie kann auch ein Kaufmann so lange vom Geschäft wegbleiben ? Aber meinetwegen ! Sonst ist Nathan ein guter Mensch , schenkt auch gern , nur etwas scheint er doch einmal angestellt zu haben , und Daja weiß es - er muß ihr mit Goldsachen den Mund stopfen - , das kann bös werden ! Das Haus ist verbrannt , während er weg war , daran liegt nichts - natürlich , er war versichert ! So was kann sogar , sagt man , manchmal ein gutes Geschäft sein . Recha ist gerettet durch einen Tempelherrn ! Das ist aber kein Deutsch , wie ich sehe , sondern ein Sellner ( Soldat ) ; er ist gefangen , Saladin , der Sultan , hat ihm das Leben geschenkt , Nathan sagt , das ist ein Wunder ! Begreif ' ich ! So ein Sultan - mit Weibern ist er freundlich , Männer läßt er totschlagen , der Bösewicht ! Aber ein großer Herr muß dieser Saladin doch sein , vielleicht ein Fürst ! ... Recha glaubt , daß der Tempelherr ein Engel war , Nathan will es ihr ausreden . Recht hat er ! Erstens ist es die Wahrheit und dann - einem Menschen kann man dankbar sein , einem Engel nicht ! Gut , weiter ! Jetzt kommt Recha ! « Er erhob sich , versuchte Miene und Haltung eines jungen , züchtigen Mädchens anzunehmen und las mit gespitztem Mund und möglichst zarter Stimme : » So seid Ihr es doch ganz und gar , mein Vater ? Ich glaubt ' , Ihr hättet Eure Stimme nur Vorausgeschickt - « Hier stutzte er wieder . » Mein lieb Kind « , sagte er wohlwollend , » mir scheint der Schrecken hat dich so benommen , daß du noch nicht recht weißt , was du redest ! Hat man schon je gehört , daß jemand seine Stimme vorausschickt - vielleicht in einem Briefele mit der Post ? ! « Das übrige aber gefiel ihm gar wohl , auch mit Rechas Glauben an einen Engel befreundete er sich nun , weil sie ihn in so » feinen Wörtern «