hintereinander , ohne sie je zu verfehlen . Dann schrieb er die Summe genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen , was mir solches Vergnügen gewährte , daß ich laut auflachte . Er aber sagte ernsthaft , da sei gar nichts zu lachen , ich sollte bedenken , daß ich alles einmal berichtigen müßte und daß sein Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem Geschäftsmann ! Dann veranlaßte er mich wieder zu zahlreichen Wetten , ob zum Beispiel ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen , ob ein vom Winde bewegter Baum sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen , ob am Gestade des Sees mit dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine große Welle ankommen würde . Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen ließ , so setzte er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zählchen , welches sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum Lachen , ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab . Er suchte mich eifrigst zu überzeugen , daß Schulden eine wichtige Ehrensache seien , und eines Tages , als der Sommer sich seinem Ende nahte , überraschte mich Meierlein mit der Nachricht , daß er nun » abgerechnet « habe , und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei , daß es nun schicklich wäre , wenn ich darauf dächte , ihm den Betrag einzuhändigen , indem er wünsche , aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen . Doch erwähnte er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue Rechnung an , welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames Betragen annahm . Er wurde nicht unfreundlich , aber die alte Fröhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden . Eine große Niedergeschlagenheit beschlich mich , welche Meierlein durchaus nicht zu stören schien ; vielmehr verfiel er selber in einen elegischen Ton , ungefähr wie er Abraham überkommen haben mochte , als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat . Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung , diesmal mit Entschiedenheit , doch nicht unfreundlich , sondern mit einer gewissen Wehmut und väterlichem Ernste . Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung , indessen ich versprach , die Sache abzumachen . Jedoch konnte ich mich nicht ermannen , die Summe zu nehmen , und verlor selbst den Mut , meine gewöhnlichen Eingriffe fortzusetzen . Das Gefühl meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet ; ich schlich trübselig umher und wagte nicht zu denken , was nun kommen sollte . Ich empfand eine beängstigende Abhängigkeit gegen meinen Freund ; seine Gegenwart war mir drückend , seine Abwesenheit aber peinlich , da es mich immer zu ihm hintrieb , um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden , ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden . Aber er hütete sich wohl , mir diese Gelegenheit zu bieten , wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurück , mich nur aufsuchend , um seine Forderung nun mit kurzen , fast feindlichen Worten zu wiederholen . Er mochte ahnen , daß eine Krisis für mich nahe bevorstehe ; daher war er besorgt , noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen . Und er hatte recht . Um diese Zeit war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam gemacht worden ; sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben außer dem Hause , woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein mochten , die sich schon früher von mir gewendet hatten , als meine Niedergeschlagenheit begonnen . Eines Tages , als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten Dächern , im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube hinter mir zu vergessen suchte , rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim Namen ; ich wandte mich um , da stand sie neben dem Tische und auf demselben das geöffnete Kästchen , auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen . Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann : » Schau einmal in dies Kästchen ! « Ich tat es mit einem halben Blicke , der mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der geplünderten Lade sehen ließ . Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen . » Es ist also wahr « , fuhr die Mutter fort , » was ich habe hören müssen und was sich nun bestätigt , daß sich mein guter und sorgloser Glaube , ein braves und gutartiges Kind zu besitzen , so grausam getäuscht sieht ? « Ich stand sprachlos da und sah in eine Ecke ; das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern so stark und gewaltig , als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben vorkommen kann ; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke der Versöhnung und Befreiung . Der offene Blick meiner Mutter auf meine unverhüllte Lage fing an , den Alp zu bannen , der mich bisher gedrückt hatte ; ihr strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual , und ich fühlte in diesem Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr , welche meine Zerknirschung durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte , während meine Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte . Denn die Art meines Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite , sozusagen ihren Lebensnerv getroffen einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit , andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage . Sie hatte keine Freude beim Anblick des Geldes ; nie übersah sie unnötigerweise ihre Barschaft ; aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des Schicksals , wenn sie es in die Hand nahm , um es gegen Lebensbedürfnisse auszutauschen . Deshalb war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt , als wenn ich irgend etwas anderes begangen hätte . Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu überzeugen , hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann wiederholt : » Ist es denn wirklich wahr ? Gestehe ! « Worauf ich ein kurzes Ja hervorbrachte und mich meinen Tränen überließ , ohne indessen viel Geräusch zu machen ; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt . Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach : » So weiß ich nun nicht , was werden soll , wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst ! « Damit legte sie das Kästchen wieder in ihren Schreibtisch und ließ den Schlüssel desselben an dem gewohnten Ort . » Sieh « , sagte sie , » ich weiß nicht , ob du , wenn du deine paar Geldstücke noch verbraucht hättest , alsdann auch nach meinem Gelde , welches ich so sparen muß , gegriffen haben würdest ; es wäre nicht unmöglich gewesen ; aber mir ist es unmöglich , dasselbe vor dir zu verschließen . Ich lasse daher den Schlüssel stecken wie bisher und muß es darauf ankommen lassen , ob du freiwillig dich zum Bessern wendest ; denn sonst würde doch alles nichts helfen , und es wäre gleichgültig , ob wir beide ein bißchen früher oder später unglücklich würden ! « Es begannen gerade acht Tage Ferien ; ich blieb von selbst im Hause und suchte alle Winkel auf , in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage wiederfand . Ich war gründlich still und traurig , zumal die Mutter ihren Ernst beibehielt , ab- und zuging , ohne vertraulich mit mir zu sprechen . Am traurigsten war das Essen , wenn wir an unserm kleinen Eßtischen saßen und ich nichts zu sagen wagte oder wünschte , weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte und mir sogar darin gefiel , während meine Mutter in tiefen Gedanken saß und manchmal einen Seufzer unterdrückte . Fünfzehntes Kapitel Frieden in der Stille . Der erste Widersacher und sein Untergang So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu meinen Genossen . Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster , was auf der Straße vorfiel , und zog mich sogleich wieder zurück , als ob die unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege . Unter den Trümmern und Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein großer Farbenkasten , welcher gute Farbentafeln enthielt , statt der harten Steinchen , die man sonst den Knaben für Farben gibt . Ich hatte schon durch Meierlein erfahren , daß man nicht unmittelbar mit dem Pinsel diese Täfelchen aushöhlen , sondern die selben in Schalen mit Wasser anreiben müsse . Sie gaben reichliche , gesättigte Tinten , ich fing an , mit diesen Versuche anzustellen , und lernte sie mischen . Besonders entdeckte ich , daß Gelb und Blau das verschiedenste Grün herstellten , was mich sehr freute ; daneben fand ich die violetten und braunen Töne . Ich hatte schon längst mit Verwunderung eine alte in Öl gemalte Landschaft betrachtet , die an unserer Wand hing ; es war ein Abend ; der Himmel , besonders der unbegreifliche Übergang des Gelben ins Blaue , die Gleichmäßigkeit und Sanftheit desselben reizte mich stark an , ebensosehr der Baumschlag , der mich unvergleichlich dünkte . Obgleich das Bild unter dem Mittelmäßigen stand , schien es mir ein bewundernswertes Werk zu sein , denn ich sah die mir bekannte Natur um ihrer selbst willen mit einer gewissen Technik nachgebildet . Stundenlang stand ich auf einem Stuhle davor und versenkte den Blick in die an haltlose Fläche des Himmels und in das unendliche Blattgewirre der Bäume , und es zeugte eben nicht von größter Bescheidenheit , daß ich plötzlich unternahm , das Bild mit meinen Wasserfarben zu kopieren . Ich stellte es auf den Tisch , spannte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab mich mit alten Untertassen und Tellern ; denn Scherben waren bei uns nicht zu finden . So rang ich mehrere Tage lang auf das mühseligste mit meiner Aufgabe ; aber ich fühlte mich glücklich , eine so wichtige und andauernde Arbeit vor mir zu haben ; vom frühen Morgen bis zur Dämmerung saß ich daran und nahm mir kaum Zeit zum Essen . Der Frieden , welcher in dem gutgemeinten Bilde atmete , stieg auch in meine Seele und machte von meinem Gesichte auf die Mutter hinüberscheinen , welche am Fenster saß und nähte . Noch weniger , als ich den Abstand des Originales von der Natur fühlte , störte mich die unendliche Kluft zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde . Es war ein formloses , wolliges Geflecksel , in welchem der gänzliche Mangel jeder Zeichnung sich innig mit dem unbeherrschten Materiale vermählte ; wenn man jedoch das Ganze aus einer tüchtigen Entfernung mit dem Ölbilde vergleicht , so kann man noch heute darin einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden . Kurz , ich wurde zufrieden über meinem Tun , vergaß mich und fing manchmal an zu singen , wie früher , erschrak je doch darüber und verstummte wieder . Doch vergaß ich mich immer mehr und summte anhaltender vor mich hin ; wie Schneeglöckchen im Frühjahr tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor , und als die Landschaft fertig war , fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen der Mutter hergestellt . Als ich eben den Bogen vom Brette löste , klopfte es an die Tür , und Meierlein trat feierlich herein , legte seine Mütze auf einen Stuhl , zog sein Büchlein hervor , räusperte sich und hielt einen förmlichen Vortrag an meine Mutter , indem er in höflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die Frau Lee wollte gebeten haben , meine Verbindlichkeiten zu erfüllen ; denn es würde ihm leid tun , wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte ! Damit überreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat , gefällige Einsicht zu nehmen . Meine Mutter sah ihn mit großen Augen an , dann auf mich , dann in das Büchelchen und sagte : » Was ist das nun wieder ? « Sie durchging die reinlichen Rechnungen und sagte : » Also auch noch Schulden ? Immer besser , ihr habt das Ding wenigstens großartig betrieben ! « während Meierlein immer rief : » Es ist alles in bester Ordnung , Frau Lee ! Diesen letzten Posten nach der Hauptrechnung bin ich jedoch erbötig nachzulassen , wenn Sie mir jene berichtigen wollten . « Sie lachte ärgerlich und rief : » Ei , ei ! So , so ? Wir wollen die Sache einmal mit deinen Eltern besprechen , Herr Schuldenvogt ! Wie sind denn diese artigen Schulden eigentlich entstanden ? « Da reckte sich der Bursche empor und sagte : » Ich muß mir ausbitten , ganz in der Ordnung ! « Die Mutter aber fragte mich streng , da ich ganz verblüfft und in neuer Beklemmung dagestanden : » Bist du dem Jungen dieses schuldig und auf welche Weise ? Sprich ! « Ich stotterte verlegen ja und einige Tatsachen über die Natur der Schulden . Da hatte sie schon genug und jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube , daß er sich mit frechen Gebärden davonmachte , nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen . Nachher befragte sie mich weitläufig über den ganzen Hergang und geriet in großen Zorn ; denn es war vorzüglich das ehrbare Aussehen dieses Knaben gewesen , welches in ihr von meinen Vergehungen keine Ahnung aufkommen ließ . Sodann nahm sie Gelegenheit , gründlicher auf alles Geschehene einzutreten und mir eindringliche Vorstellungen zu machen , aber nicht mehr im Tone der strengen und strafenden Richterin , sondern der mütterlichen Freundin , die bereits verziehen hat . Und nun war alles gut . Allein doch nicht alles . Denn als ich nun wieder in die Schule trat , bemerkte ich , daß mehrere Schüler , um Meierlein versammelt , die Köpfe zusammensteckten und mich höhnisch ansahen . Ich ahnte nichts Gutes , und als die erste Stunde zu Ende war , welche der Rektor der Schule selbst gegeben , trat mein Gläubiger respektvoll vor ihn hin , sein Büchlein in der Hand , und erhob in geläufiger Rede seine Anklage wider mich . Alles war gespannt und horchte auf , ich saß wie auf Kohlen . Der Rektor stutzte , durchsah das Heft und begann das Verhör , welches Meierlein zu beherrschen suchte . Aber der Vorsteher gebot ihm Stille und forderte mich zum Sprechen auf . Ich gab einige kümmerliche Nachricht und hätte gern alles verschwiegen ; doch der Mann rief plötzlich : » Genug , ihr seid beide Taugenichtse und werdet bestraft ! « Damit trat er zu den aufliegenden Tabellen und bedachte jeden von uns mit einer scharfen Note . Meierlein sagte betreten : » Aber , Herr Professor - « » Still ! « rief dieser und nahm das verhängnisvolle Buch , welches er in tausend Stücke zerriß , » wenn noch ein Wort darüber verlautet oder sich dergleichen wiederholt , so werdet ihr eingesperrt und als ein paar recht bedenkliche Gesellen abgestraft ! Pack dich ! « Während der übrigen Unterrichtsstunden schrieb ich ein Briefchen meinem Widersacher , worin ich ihn versicherte , daß ich ihm nach und nach meine Schuld abtragen und ihm jeden Kreuzer zustellen wolle , den ich von nun an ersparen könnte . Ich rollte das Papier zusammen , ließ es unter den Tischen zu ihm hin befördern und erhielt die Antwort zurück : Sogleich alles oder nichts ! Nach Beendigung der Schule , als der Lehrer fort war , stellte sich der Dämon an der Tür auf , umgeben von einer schaulustigen Menge , und wie ich hinausgehen wollte , vertrat er mir den Weg und rief : » Seht den Schelm ! Er hat den ganzen Sommer hindurch Geld gestohlen und mich um fünf Gulden dreißig Kreuzer betrogen ! Wißt es alle und seht ihn an ! « - » Ein artiger Schelm , der grüne Heinrich ! « ertönte es nun von mehreren Seiten , ich rief ganz glühend : » Du bist selbst ein Schelm und Lügner ! « Allein ich wurde überschrieen , fünf oder sechs boshafte Bursche , welche stets einen Gegenstand der Mißhandlung suchten , scharten sich um Meierlein , folgten mir nach und ließen Schimpfworte ertönen , bis ich in meinem Hause war . Von jetzt an wiederholten sich solche Vorgänge beinahe täglich ; Meierlein warb sich eine förmliche Verbindung zusammen , und wo ich ging , hörte ich irgendeinen Ruf hinter mir . Ich hatte mein renommistisches Benehmen schon verloren und war wieder ungeschickt und blöde geworden ; das reizte den Mutwillen und die Spottsucht meiner Verfolger , bis sie endlich müde wurden . Es waren alles solche Kumpane , welche selbst schon irgendeinen Streich verübt oder nur auf Gelegenheit warteten , Werg an die Kunkel zu bekommen . Es war auffallend , daß Meierlein trotz seines altklugen und fleißigen Wesens sich nicht zu ähnlich beschaffenen Naturen hielt , sondern immer in Gesellschaft der Leichtsinnigen , der Mutwilligen und Törichten zu sehen war , wie mit mir und den übrigen . Indessen nahmen nun die Ruhigen und Unbescholtenen unseres Alters teil gegen das verfolgungssüchtige Wesen jener , beschützten mich zu wiederholten Malen vor ihren Anfällen und ließen mich überhaupt weder Verachtung noch Unfreundlichkeit fahlen , so daß ich mehr als einem herzlich zugetan wurde , den ich vorher kaum beachtet hatte . Zuletzt blieb Meierlein ziemlich allein mit seinem Grolle , der aber dadurch nur heftiger und wilder wurde , so wie auch in mir jedes Vorgefühl einer Versöhnung erstarb . Wenn wir uns begegneten , so suchte ich wegzublicken und ging stumm vorüber ; er aber rief mir laut ein giftiges und tödliches Wort zu , wenn wir allein in der Gegend oder nur fremde Menschen zugegen ; waren wir aber nicht allein , so murmelte er dasselbe leise vor sich hin , daß nur ich es hören konnte . Ich hafte ihn nun wohl so bitter , als er mich hassen konnte ; aber ich wich ihm aus und fürchtete den Augenblick , wo es einmal zur Abrechnung käme . So ging es ein volles Jahr lang , und der Herbst war wieder gekommen , wo eine große militärische Schlußübung stattfinden sollte . Wir freuten uns immer auf diesen Tag , weil wir da nach Herzenslust schießen durften . Aber für mich waren alle gemeinsamen Freuden trüb und kalt geworden , da mein Feind zugleich teilnahm und öfter in meine Nähe geriet . Diesmal wurde unsere Schar in zwei Hälften geteilt , von denen die eine den waldigen und steilen Gipfel einer Anhöhe besetzen , die andere aber den Fluß überschreiten , den Hügel umgehen und einnehmen sollte . Ich gehörte zu dieser , mein Feind zu jener Abteilung . Wir hatten schon die ganze Woche vorher einen kleinen Brückenkopf gebaut und leichte Palisaden zugespitzt und eingerammelt , während einige Zimmerleute eine Brücke über das seichte Wasser geschlagen . Nun erzwangen wir mit unserm Geschütze höherer Verabredung gemäß den Übergang und trieben rüstig den Feind berghinan . Die Hauptmasse zog auf einem schneckenförmigen Fahrweg aufwärts , indessen eine weitgedehnte Plänklerkette das Gebüsch säuberte und über Stock und Stein vorwärtsdrang . Bei dieser war das größte Vergnügen und auch die stärkste Aufregung ; die einzelnen Leute rückten sich auf den Leib , die zum Rückzuge bestimmten wollten durchaus nicht weichen , man brannte sich die Schüsse fast ins Gesicht , und mehr als ein Ladstock schwirrte , im Eifer vergessen , durch die Bäume , und nur das Glück der Jugend verhütete ernstliche Unfälle ; auch war der alte Feldwebel , welcher die Plänkler beaufsichtigte , genötigt , mit seinem Stocke dazwischenzuschlagen und reichlich zu fluchen , um die Disziplin einigermaßen zu wahren . Ich befand mich auf einem äußersten Flügel dieser Kette , teilte aber die Aufregung meiner Kameraden nicht , sondern ging gedankenlos vorwärts , ruhig und melancholisch meine Schüsse abgebend und mein Gewehr wieder ladend . Bald hatte ich mich von den übrigen verloren und befand mich mitten am Abhange einer wilden , mir unbekannten Schlucht , in deren Tiefe ein Bächlein rieselte und die mit altem Tannenwalde erfüllt war . Der Himmel hatte sich bedeckt , es ruhte eine düstere und doch weiche Stimmung auf der Landschaft ; das Schießen und Trommeln aus der Ferne hob noch die tiefe Stille der unmittelbaren Nähe , ich stand still und lehnte mich ausruhend auf das Gewehr , indem ich einer halb weinerlichen , halb trotzigen Laune anheimfiel , welche mich öfter beschlichen hat gegenüber der großen Natur und welche der Bedrängten Frage nach Glück ist . Da hörte ich Schritte in der Nähe , und auf dem schmalen Felspfade , in der tiefen Einsamkeit , kam mein Feind daher ; das Herz klopfte mir heftig , er sah mich stechend an und sandte mir gleich darauf einen Schloß entgegen , so nah , daß mir einige Pulverkörner ins Gesicht fuhren . Ich stand unbeweglich und starrte ihn an ; hastig lud er sein Gewehr wieder , ich sah ihm immer zu ; dies verwirrte ihn und machte ihn wütend , und in unsäglicher Verblendung der Gescheitheit , der vermeintlichen Dummheit und Gutmütigkeit mitten ins Gesicht zu schießen , wollte er in dichter Nähe eben wieder anlegen , als ich , meine Waffe wegwerfend , auf ihn losfuhr und ihm die seinige entwand . Sogleich waren wir ineinander verschlungen , und nun rangen wir eine volle Viertelstunde miteinander , stumm und erbittert , mit abwechselndem Glücke . Er war behend wie eine Katze , wandte hundert Mittel an , um mich zu Falle zu bringen , stellte mir das Bein , drückte mich mit dem Daum hinter den Ohren , schlug mir an die Schläfe und biß mich in die Hand , und ich wäre zehnmal unterlegen , wenn mich nicht eine stille Wut beseelt hätte , daß ich aushielt . Mit tödlicher Ruhe klammerte ich mich an ihn , schlug ihm gelegentlich die Faust ins Gesicht , Tränen in den Augen , und empfand dabei ein wildes Weh , welches ich sicher bin , niemals tiefer zu empfinden , ich mag noch so alt werden und das Schlimmste erleben . Endlich glitten wir aus auf den glatten Nadeln , welche den Boden bedeckten , er fiel unter mich und schlug das Hinterhaupt dermaßen wider eine Fichtenwurzel , daß er für einen Augenblick gelähmt wurde und seine Hände sich öffneten . Sogleich sprang ich unwillkürlich auf , er tat das gleiche ; ohne uns anzusehen , ergriff jeder sein Gewehr und verließ den unheimlichen Ort . Ich fühlte mich an allen Gliedern erschöpft , erniedrigt und meinen Leib entweiht durch dieses feindliche Ringen mit einem ehemaligen Freunde . Von dieser Zeit an trafen wir nie wieder zusammen ; er mochte aus meiner verzweifelten Entschlossenheit herausgefühlt haben , daß er im ganzen doch an den Unrechten gerate , und vermied jetzt jede Reibung . Aber der Streit war unentschieden geblieben , und unsere Feindschaft dauerte fort ; ja sie nahm zu an innerer Kraft , während wir uns in den Jahren , die vergingen , nur selten sahen . Jedes Mal aber reichte hin , den begrabenen Haß aufs neue zu wecken . Wenn ich ihn sah , so war mir seine Erscheinung , abgesehen von der Ursache unserer Entzweiung , an sich selbst unerträglich , vertilgungswürdig ; ich empfand keine Spur von der milden Wehmut , welche sich sonst beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit dem Unwillen vermischt ; ich fühlte den reinen Widerwillen und daß , wie sonst Jugendfreunde für das ganze Leben eine Zuneigung bewahren , dieser für die gleiche Dauer mein Jugendfeind sein würde . Ähnliche Empfindungen mochte er bei meinem Anblick erfahren , wozu noch der Umstand kam , daß die anfängliche Ursache unserer Feindschaft , die Geschichte des Schuldbuches , für ihn an sich selbst unvergeßlich sein mußte . Er war unterdessen in ein Comptoir getreten , hatte seine eigentümlichen Fähigkeiten fort und fort ausgebildet , erwies sich als sehr brauchbar , klug und vielversprechend und erwarb sich die Neigung seines Vorgesetzten , eines schlauen und gewandten Geschäftsmannes ; kurz , er fühlte sich glücklich und sah voll Hoffnung auf sein zukünftiges Selbstwirken . So kann ich mir gar wohl denken , daß die arge Enttäuschung , welche sein erster jugendlicher Versuch , ein Geschäft zu machen , erfuhr , für ihn ebenso nachhaltig schmerzlich sein mußte als einer kindlichen Dichter- oder Künstlernatur der erste verneinende Hohn , welcher ihren naiven und harmlosen Versuchen zuteil wird . Wir waren schon konfirmiert , er etwa achtzehn , ich sechszehn Jahre alt ; wir begannen uns selbständiger zu bewegen und lernten nun Verhältnisse und Menschen kennen . Wenn wir an öffentlichen Orten zusammentrafen , so vermieden wir , uns anzusehen , aber jeder weihte seine Freunde in seinen Haß ein , welcher manchmal um so gefährlicher zu wirken und auszubrechen drohte , als nun ein jeder mit solchen jungen Leuten umging , die seiner Beschäftigung und seinem Wesen entsprachen und also einen empfänglichen Boden für eine weiterzündende Feindschaft bildeten . Deswegen dachte ich mit Sorge an die Zukunft und wie das denn nun das ganze Leben hindurch in der so engen Stadt gehen sollte ? Allein diese Sorge war unnütz , indem ein trauriger Fall ein frühes Ende herbeiführte . Der Vater meines Widersachers hatte ein altes wunderliches Gebäude gekauft , welches früher eine städtische Ritterwohnung gewesen und mit einem starken Turme versehen war . Dies Gebäude wurde nun wohnlich eingerichtet und in allen Winkeln mit Veränderungen heimgesucht . Für den Sohn war dies eine goldene Zeit ; da nicht nur das Unternehmen überhaupt eine Spekulation vorstellte , sondern auch eine Menge Geschicklichkeiten an den Mann gebracht werden konnten . Jede Minute , die er frei hatte , steckte er unter den Bauleuten , ging ihnen an die Hand und übernahm viele Arbeiten ganz , um sie zu ersetzen und zu sparen . Mein Weg zur Arbeit führte mich alltäglich an diesem Hause vorüber , und immer sah ich ihn zwischen zwölf und ein Uhr , wenn alle Arbeiter ruhten , und am Abend wieder , mit einem Farbentopfe oder mit einem Hammer unter Fenstern oder auf Gerüsten stehen . Er war seit der Kinderzeit fast gar nicht mehr gewachsen und sah in seiner Emsigkeit , an den ungeheuerlichen Mauern hängend , höchst seltsam aus ; ich mußte unwillkürlich lachen und hätte fast einem freundlichern Gefühle Raum gegeben , da er in diesem Wesen doch liebenswürdig und tüchtig erschien , wenn er nicht einst die Gelegenheit wahrgenommen hätte , einen ansehnlichen Pinsel voll Kaltwasser auf mich herunterzuspritzen . Eines Tages , als ich des Hauses bereits ansichtig war , führte mich mein milder Stern durch eine Seitenstraße einen andern Weg ; als ich einige Minuten später wieder in die Hauptstraße einbog , sah ich viele erschreckte Leute aus der Gegend jenes Hauses herkommen , welche eifrig sprachen und lamentierten . Um die Wegnahme einer alten Windfahne auf dem Turme zu bewerkstelligen , hatten die Bauleute erklärt , ein erhebliches Gerüste anbringen zu müssen . Der Unglückliche , der sich alles zutraute , wollte die Kosten sparen und während der Mittagsstunde die Fahne in aller Stille abnehmen , hatte sich auf das steile hohe Dach hinausbegeben , stürzte herab und lag in diesem Augenblicke zerschmettert und tot auf dem Pflaster . Es durchfuhr mich , als ich die Kunde vernommen und schnell meines Weges weiterging , wohl ein Grauen , verursacht durch den Fall , wie er war ; aber ich mag mich durchwühlen , wie ich will , ich kann mich auf keine Spur von Erbarmen oder Reue entsinnen , die mich durchzuckt hätte . Meine Gedanken waren und blieben ernst und dunkel ; aber das innerste Herz , das sich nicht gebieten läßt , lachte auf und war froh . Wenn ich ihn leiden gesehen oder seinen Leichnam geschaut , so glaube ich zuversichtlich , daß mich Mitleid und Reue ergriffen hätten ; doch das unsichtbare Wort , mein Feind sei mit einem Schlage nicht mehr , gab mir nur Versöhnung , aber die Versöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes , der Rache und nicht der Liebe . Ich konstruierte zwar , als ich mich besonnen , rasch ein künstliches und verworrenes Gebet , worin ich Gott um Verzeihung , um Mitleid , um Vergessenheit bat ; mein Inneres lächelte dazu , und noch heute , nachdem wieder Jahre vorübergegangen , fürchte ich , daß meine nachträgliche Teilnahme an jenem Unglücke mehr eine Blüte des Verstandes als des Herzens sei , so tief hatte der Haß gewurzelt ! Sechzehntes Kapitel Ungeschickte Lehrer , schlimme Schüler Um wieder zu jener Schulzeit zurückzukehren , so kann ich nicht bekennen , daß dieselbe hell und glücklich gewesen sei . Der Kreis des zu Erfahrenden hatte sich nun erweitert , die Ansprüche waren ernster geworden , ich hatte ein dunkles Gefühl , daß es sich um Wichtiges und Schönes handle , und auch einen gewissen Drang , diesem Gefühle zu genügen . Aber die Übergänge von einer Stufe zur anderen waren mir nie klar und gingen mir öfter verloren . Das Übel lag aber hauptsächlich in den Übergangszuständen der Schule selbst , da die Lehrerschaft noch aus alten Teilen , nämlich unbeschäftigten Theologen der Landeskirche , die aus Liebhaberei oder Bedürfnis alle möglichen Lehrfächer zu übernehmen gewöhnt waren , und aus neuen durchgebildeten Fachlehrern bestand und daher keine gleichmäßige und ineinandergreifende Lehrweise hervorbrachte . Jene Theologen verfuhren nach alten Gewohnheiten und persönlichen Launen , sprangen von den Gegenständen ab , wenn es ihnen beliebte , und behandelten alles mehr als Dilettanten , während die weltlichen Berufslehrer wiederum ganz verschiedene Manieren und Methoden handhabten , die ihrerseits auch noch nicht erprobt waren .