. Das Licht brannte allmählich herab , knisterte und zuckte noch ein paarmal hoch auf , dann erlosch es ganz . Ich rührte kein Glied . Wie gelähmt , wie erstarrt saß ich da . Mörder ! schien es in mir zu flüstern , und Mörder ringsum in der stillen Luft , bis mich fast wahnwitzige Angst ergriff . Ich mußte fort von hier , bevor es Tag wurde , ich konnte um keinen Preis noch einmal in dieses gebrochene Auge sehen . Stunde um Stunde verrann . Der Tag rückte näher , die Hähne im Dorfe begannen zu krähen , Hunde bellten und hier und da knarrten Wagenräder . Ich machte keine Bewegung , atmete kaum - da drang durch die Fensterläden ein erster schwacher Schimmer - er streifte die dunkle stille Gestalt am Boden . - Schaudernd raffte ich mich auf und schlich zur Tür , immer verfolgt von dem Blick der toten Augen . Wohin ich mich wandte , da begegnete mir der schreckliche Anblick . Ich öffnete die Tür und trat hinaus ins Freie , in den Frieden des Sommermorgens - - Oh , Kameraden , möchte keiner unter euch einmal das empfinden müssen , was ich damals empfand . Ich fühlte den Fluch des Mordes auf mir und stürzte davon , wie einst die ersten Menschen aus dem Paradies . « » Onkel Mohr « , flüsterte Robert , sich an dem Alten festhaltend , » du Armer ! « Und auch die andern waren ernst und still . Selbst diese rohe Schar , zusammengewürfelt aus aller Herren Länder , verwahrlost in der steten Ausübung eines widerrechtlichen Berufes , war tief ergriffen von dem furchtbaren Schicksal des Gefährten , dessen silberweißes Haar sich heute noch beugte unter der Last einer Erinnerung , die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte . Nur Gallego schlich ungesehen im Dunkeln des Logis zu Roberts Koje und stahl die Champagnerflasche , mit der er sich in die Kombüse begab und in gierigen Zügen den perlenden Schaumwein hinunterstürzte . Niemand beachtete ihn . Alle standen ganz unter dem Eindruck der Worte des Alten , dessen Wesen ihnen jetzt erst anfing verständlich zu werden . Darum das Flüstern im Schlafe , darum das leise flehende : » Sieh mich nicht an , bitte , sieh mich nicht an ! « - wie es die Matrosen so oft von ihm gehört hatten . » Sprich weiter « , bat eine Stimme . » Dein Garn ist noch nicht zu Ende . « Der Alte hatte das heiße Gesicht des Jungen gestreichelt ; jetzt erhob er den Kopf und warf das Haar zurück . » Nein « , sagte er , » ihr habt recht . Ich will euch alles erzählen . Hört zu ! Ich besah beim ersten Tageslicht mein Gesicht in einem Bach , der am Wege vorüberfloß - es war mir , als stände darauf die Tat verzeichnet , und dann , als ich das Haar etwas geordnet hatte , wanderte ich nach Bremen , das ungefähr drei Meilen weit von meiner Heimat entfernt liegt und wo mich jeder Heuerbaas kannte . Ein Schiff zu bekommen war nicht schwer , und schon nach vier oder fünf Tagen war ich auf einem amerikanischen Dreimaster in völliger Sicherheit . Wir hatten Passagiere an Bord , Frauen und Kinder ; es gab viel Unterhaltung , manches Neue , manches Ungewohnte , kurz , ich erholte mich in verhältnismäßig kurzer Zeit von dem Schrecken und fing an , mich für weit mehr unglücklich als schuldig zu halten . Noch war die Reue nicht echt - es mußte schlimmer kommen , ehe ich aus meinem Trotz und Eigenwillen aufgerüttelt wurde . « Unter den Zuhörern entstand ein unwillkürliches Murmeln . » Schlimmer ? « fragten einige leise Stimmen . » Schlimmer ! « bestätigte der Alte . » Um meinetwillen sind Hunderte dem Tode zum Opfer gefallen , haben Mütter ihre kleinen Kinder sterben sehen und sind Tausende glühender Tränen geweint worden . Wißt ihr nicht , daß das Schiff , an dessen Bord sich ein Mörder , ein unentdeckter Mörder befindet - dem Untergang geweiht ist ? Wißt ihr nicht , daß es dem fliegenden Holländer entgegentreibt und von seinem weißen Kiel in den Grund gebohrt wird ? « Der alte Matrose hatte sich erhoben , die Augen glühten wie in halbem Wahnsinn , die Hände streckten sich aus , als wollten sie einen unsichtbaren Feind abwehren . Seine Brust keuchte schwer , sein Gesicht war totenblaß . Die andern suchten ihn zu beruhigen . » Das ist ein Aberglaube , Mohr « , sagten sie . » Du bist so lange an Bord der Antje Marie , und sie ist nie dem fliegenden Holländer begegnet . « Der Alte lächelte . » Die Antje Marie ? « wiederholte er sinnend . » Das ist etwas anderes , Kameraden . Wir stehlen dem Staat den Zoll , wir fahren auf der breiten Straße , die dem Abgrund zuführt , da braucht es keine besondere Schuldverschreibung an den Teufel , sie ist ja schon vorhanden , und doch - was kommen wird , das wissen wir ja heute nicht . Ich will euch aber erzählen , was mit der Seemöwe geschah , auf der ich angemustert hatte . Laßt mich also ausreden . « Die Matrosen waren jedoch zu erregt , um schweigen zu können . » Hast du ihn gesehen , den fliegenden Holländer ? « fragten sie . Mohr nickte . » Ich habe ihm ins Auge gesehen - er erhob gegen mich die Hand - er winkte mir ! « » Ach , Unsinn , Geisterseher , du hast geträumt . « » Laß doch den Alten sein Garn spinnen . Erzähle , wie ging es der Seemöwe ? « Mohr bekämpfte das Grauen , das er noch jetzt in der Erinnerung empfand . » Wir waren am Kap der Guten Hoffnung « , begann er , » und das Wetter hielt sich merkwürdig gut . Trotzdem ließ der Kapitän alle Vorsichtsmaßnahmen treffen , und schon beim ersten Windhauch mußten wir bis auf die Sturmsegel jeden Fetzen Leinwand hereinholen . Man kann ja , wie ihr wißt , in diesen Breiten dem Frieden niemals trauen . Es war abends um elf Uhr , als ich abgelöst wurde und mit den Matrosen zur Koje gehen konnte , aber bei der schwülen Luft blieben wir alle lieber noch ein bißchen bei offenen Türen sitzen . Es hatten sich auch , obgleich das streng verboten war , mehrere Zwischendeckspassagiere zu uns gesellt , und wir würfelten auf unseren Schiffskisten . Hier herum soll ja der fliegende Holländer sein Wesen treiben , meinte einer der Auswanderer , ich hätte eigentlich Lust , dem alten Burschen zu begegnen . Wer ein gutes Gewissen besitzt , der braucht die Geister nicht zu fürchten . - Solche und andere Reden flogen hinüber und herüber . Meine Kameraden nahmen es dem Auswanderer krumm , daß er die bösen Gewalten des Meeres herausforderte , aber ich lachte dazwischen . Laßt doch das Geisterschiff kommen . Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat , der trinkt mit dem alten Van der Decken Brüderschaft . Auf du und du , alter Kamerad , rief ich übermütig in die Nacht hinaus , meine Ration Rum hinunterstürzend und die Flasche in weitem Bogen über Bord schleudernd . Prosit , alter Knabe ! Das Wasser spritzte hoch auf - über dem Schiff in der Luft erklang es wie ein spöttisches , langgedehntes Lachen . He , he , he - und dann noch einmal : He , he , he - Die Gesichter um mich herum wurden leichenblaß und auch über meinen Rücken lief es eiskalt herab , aber ich ließ mir nichts merken , sondern antwortete mit halber Stimmer auf das gespenstische Lachen in der Luft : Schon die ersten Möwen ! - Wir sind also nur wenige Meilen von der Küste entfernt . Der Auswanderer , der vorhin so großen Mut gezeigt hatte , sah jetzt aus wie ein durchgeschnittener Käse . War es wirklich eine Möwe ? flüsterte er . Natürlich ? Haben Sie jemals gehört , daß die Geister lachen ? Wie der Wind heult ! schauderte er . Gehen Sie in die Koje , Mann - Sie haben ja doch Furcht trotz des guten Gewissens . Er sah mich böse an . Vielleicht beleidigte ihn mein herausforderndes Wesen , vielleicht durchschaute er es und las auf meinem Gesicht die verborgene Unruhe . Und Sie haben doch kein gutes Gewissen , trotz Ihrer lauten Worte , sagte er . Ich sprang auf , die Fäuste geballt , - ganz derselbe unbändige , wilde Geselle , der ich immer gewesen war , ich hätte vielleicht in diesem Augenblick einen zweiten Mord begangen , wenn nicht das Kommando des Kapitäns wie ein Blitz aus heiterer Luft dazwischen gefahren wäre . Alle Mann an Deck . Marssegel reffen ! Wir hatten nicht darauf geachtet , daß es über uns und unter uns lebendig geworden war . Der Wind fegte über die weißen Wogenkämme ; es zischte , brodelte und gärte um den Bug der Seemöwe , wie ich es nie vorher gehört hatte ; es ächzte im Takelwerk und knarrte in den Masten , während grelle Blitze aus den schwarzen Wolkenmassen hervorschossen und der Donner über das Meer rollte . Der Sturm wuchs , hoch und höher ging die See . Der Kapitän ließ die Zwischendecksluken schließen , weil uns die angsterfüllten Menschen am Arbeiten hinderten , aber das Zwangsmittel half nur kurze Zeit . Von innen sprengte die Kraft der Verzweiflung das Eisen , unaufhaltsam ergoß sich der Strom halberstickter , jammernder , betender und schreiender Auswanderer auf das Deck . Es war eine gräßliche Szene . Die Stimme des Kapitäns übertönte zuweilen das Brausen des Sturmes , aber was er sprach , das ging verloren . Da galt kein Kommando mehr , da waren alle Bande der Ordnung und des Gehorsams auf einmal gerissen , da schrie jeder , und niemand hörte . Wilde Flüche mischten sich mit dem erschütternden Jammern der Frauen und den Angstrufen der Kinder . Einige beteten oder sangen Sterbelieder , andere sprachen mit lauter Stimme Worte voll Liebe und Zärtlichkeit zu ihren viele hundert Meilen entfernten Angehörigen , sie nahmen von ihnen Abschied und baten sie , ihnen zu vergeben , was jemals Unfriedliches oder Unversöhnliches geschehen sei . Hier lag eine Mutter auf ihren Knien und hielt in schützenden Armen die Kinder , deren kleine Gesichter sich angstvoll an ihrer Brust verbargen , dort segnete ein Greis mit weißem Haar zum letztenmal die Seinen , während an der Tür der Kapitänskajüte ein Priester mit lauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes anrief . Und von anderer Seite nahten zügellose schwankende Gestalten . Einzelne Männer hatten den Vorratsraum erbrochen und die Rumfässer hervorgezogen . In den Gesang und die Gebete der Todgefaßten hinein tönte ihr trunkenes Lästern . Mehr und mehr wuchs der Sturm , hoch und höher ging die See . Hier oder dort zerriß ein heller Schrei auf Sekunden die Luft . Die Stelle , wo noch eben ein Mensch gestanden hatte , war leer . Aufgehört hatte Singen , Toben und Beten , aufgehört hatten Kommando und Gehorsam - die Vernichtung war hereingebrochen . Dieser hat ' s getan ! riefen meine Kameraden , und kreidebleiche , bebende Lippen nannten mich flüsternd den Bösen , der das Schiff ins Unglück gestürzt hatte . Augen voll Zorn blickten mir entgegen , geballte Fäuste und wilde Verwünschungen bedrohten mich . Er hat das Gespenst des Meeres herbeigerufen ! Er hat mit dem fliegenden Holländer Brüderschaft getrunken ! - Werft ihn über Bord , den Verfluchten ! - Tageshelle umgab uns auf allen Seiten , das Schiff war nur noch ein Wrack ohne Masten , unaufhaltsam gingen die Wellen über Deck und spülten hinab , was zu schwach war , ihrem Toben Widerstand zu leisten . He , he , he , lachte hoch oben in der Luft die Möwe . He , he , he - Aber ihr triumphierendes Schreien wurde übertönt , ihr Hohnlachen erstickt in einem Ruf des Entsetzens , der allen noch Lebenden die Haare zu Berge trieb . Ich sah nach vorn , weil alle andern es taten und - was ich dort erblickte , das sieht auch der Vermessenste nicht , ohne auf die Knie zu sinken und Erbarmen zu erflehen . Über die schwarzen , grün und violett gegipfelten Wogenkämme kam das Geisterschiff daher , gerade auf die Seemöwe los . Schneeweiß vom Kiel bis zu den Mastspitzen , unter vollen Segeln , aber es regte sich an Bord kein Stückchen Leinwand , es schaukelte oder stampfte nicht , sondern glitt , von unsichtbarer Macht getrieben , in pfeilschneller Fahrt und schnurgerader Richtung vorwärts , näher , immer näher an uns heran . Auf dem Großmast glühte und funkelte bläulich in majestätischer Höhe das Sankt-Elmsfeuer , weißes Licht ging von den Segeln aus , und in den Raaen arbeiteten die weißen Todesgestalten der sechs Matrosen . Alle in Leichentücher gekleidet , standen sie auf den Köpfen im Takelwerk , während Kapitän van der Decken am Großmast lehnte und aus hohlen Totenaugen zu mir herübersah . Ja - zu mir ! Ich schrie vor Entsetzen . Dieser Blick ! - Hatte ich ihn nicht schon einmal gesehen ? Meine Besinnung drohte zu schwinden . Da hob das Gespenst die rechte Hand und winkte mir . - - Ganz nahe war das Geisterschiff herangekommen ; Auge in Auge stand ich dem fliegenden Holländer gegenüber . Wie ein kalter Schatten streifte es mein Gesicht . Als ich zu mir kam , lag ich in der Koje eines französischen Schiffes und wurde freundlich gepflegt . Kaum wagte ich eine Frage nach dem Schicksal meines Schiffes - ich wußte die Antwort vorher . Von mehr als fünfhundert Menschen an Bord der Seemöwe war ich der einzige Gerettete . Die Matrosen des französischen Schiffes hatten mich anscheinend leblos aus dem Wasser aufgefischt , als die Wellen meinen Körper bis unter den Bug trieben - - « Der alte Mann schwieg und trocknete die Schweißtropfen auf seiner Stirn . » Ich war der Einzige « , wiederholte er nach einer Pause , » den das Meer zurückgab , den der Tod verschmähte . Ich . mußte leben , um zu wissen , welches Opfer meine Tat gefordert hatte , an wievielen Unschuldigen mein Verbrechen gerächt worden war . Aber seitdem wurde aus mir ein anderer Mensch . Ich ging an Bord der Antje Marie , die damals ihre erste Reise antrat , und schwor mir selbst , nie wieder in die Gesellschaft ehrlicher Menschen zurückzukehren , nie wieder festes Land zu betreten , allen Rechten , allen Freuden zu entsagen und so meine Schuld zu büßen . Inzwischen sind dreißig lange Jahre vergangen . Ich war wie ein lebendig-gestorbener Mensch , aber ruhig in mir durch das Bewußtsein meiner Reue . Doch während der letzten Nacht im Hamburger Hafen hatte ich einen seltsamen Traum . Die Antje Marie trieb auf hoher See im hellsten Sonnenschein langsam dahin . Der Wind war still , die Luft warm und das weite Meer wie ein glänzender , kaum bewegter Spiegel . Ich stand am Ruder , das Herz voll Frieden und Ruhe , wie es in vielen Jahren nicht gewesen war , so ganz glücklich , ganz als ob ein schönes langersehntes Ziel erreicht sei , da - nahte aus der Ferne das Geisterschiff des fliegenden Holländers . Aber es erschreckte mich nicht , mein Herz blieb ruhig , meine Augen sahen den Alten am Großmast , ohne sich abzuwenden von dem Entsetzlichen - - Das weiße Schiff kam näher und näher , es segelte lautlos über die Antje Marie hinweg , und ich fühlte , wie wir langsam tiefer und tiefer sanken . Ich schloß die Augen - und ließ mich träumend von den weichen Armen der See umfangen - - Am andern Morgen sagte mir der Kapitän , daß wir bei Eintritt der Flut in See gehen würden , und nun wußte ich genug . Es ist nicht gut , an einem Montag auszulaufen , zumal nach einem solchen Traum . Diese Reise ist meine letzte ! Noch bevor wir den Hafen von Havanna erreicht haben , bin ich ein toter Mann , und eben deshalb erzähle ich euch meine Geschichte , um jeden einzelnen zu warnen . Bittet Gott , daß er euch den Frieden des Gewissens erhalte , das höchste Gut des Menschen ! « Niemand antwortete ihm , nur Robert drückte ergriffen seine Hand . Er verstand ja jetzt , weshalb ihn der alte Mann so eindringlich gebeten hatte , nach Hause zu reisen und die Verzeihung seines Vaters zu erbitten , er freute sich , dem einsamen Unglücklichen wirklich teuer geworden zu sein . » Du stirbst nicht , Onkel Mohr « , sagte er zuversichtlich . » Im Gegenteil , nun hast du alles einmal von der Seele herunter gesprochen , und nun wird dir leichter und besser zumute werden . « Der Alte nahm den Kopf des Jungen zwischen seine beiden Hände und küßte ihn auf die Stirn . » Leb wohl , Kind « , sagte er langsam , » leb wohl , du hast mich mit dem Leben wieder ausgesöhnt , hast noch einen letzten Schimmer von Liebe und Vertrauen wieder aus der Gemeinschaft der Menschen zu mir , dem Ausgestoßenen , herübergebracht . Sei gesegnet ! « - Ein lauter Ausruf des Obersteuermanns unterbrach die Stille , die den Worten des alten Matrosen gefolgt war . » Alle Mann an Deck ! Klar zum Wenden ! « schrie Renefier , wie außer sich das Ruder ergreifend , in vergeblichem Bemühen , die Galliot in den Wind zu drehen . Der Mann am Ruder , zufällig sein erbittertster Gegner , wollte seinem Befehl nicht gehorchen und verteidigte mit beiden Fäusten den Platz . » Rufen Sie den Kapitän , hierher ! « schrie er . Der Obersteuermann mußte aber seiner Sache sehr sicher sein , er schien jeden Augenblick für kostbar zu halten , denn er kehrte sich plötzlich von dem widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flatterndem Topsegel , indem er die Hauptbrasse schießen ließ . Dann befahl er der Mannschaft , das große Segel zu reffen , aber - keiner wollte gehorchen . Was hatte den sonst so ruhigen und besonnenen Obersteuermann plötzlich aus der Fassung gebracht ? Meer und Wind waren still , keine Gefahr weit und breit - was wollte er eigentlich ? Er selbst benahm sich wie ein Wahnsinniger . » Van Swieten ! « schrie er . » Van Swieten , komm um Gotteswillen herauf . In wenigen Minuten geht es um unser Leben , wenn deine Leute nicht gehorchen . « Unwillkürliches Entsetzen packte die Matrosen . Nur Mohr stand aufrecht mit gekreuzten Armen » Es kommt ! « sagte er leise , » es kommt ! - Herr , sei ihnen gnädig ! « Robert stürzte an ihm vorüber zur Kajütentür . » Herr Kapitän ! - Herr Kapitän ! - Sie müssen an Deck kommen . « Van Swieten war wie gewöhnlich halb betrunken und fuhr aus ahnungslosem Schlaf auf . » Zum Teufel , Junge , was schreist du ? Willst du das Tauende kosten ? « » Van Swieten ! « rief wieder der Obersteuermann , » komm und gib mir das Kommando zurück , oder wir sind alle verloren . Das Schiff steuert in voller Fahrt auf die Kubariffe los . « Van Swieten taumelte an Deck . » Was sagst du da , Renefier ? Geh in deine Kajüte und sei still . Wo ist der zweite Steuermann ? « Der Gerufene erschien mit bleichem , ängstlichem Gesicht . Er verteidigte sich nicht , als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb schüttelte . » Hast du den Standort aufgenommen , Bursche ? Kannst du das überhaupt ? - Wo ist deine Höhenberechnung ? « Die Zähne des jungen Menschen schlugen hörbar aufeinander » Ich weiß es nicht « , stammelte er , » ich - ich verließ mich auf den Herrn Kapitän . « » Da haben wir ' s ! - Van Swieten , siehst du jetzt , was deine Gewaltmaßnahme angerichtet hat ? Wir sind alle verloren . « Da ertönte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her . » Scharf wenden , Brandungsfelsen dicht am Bug ! « » Nieder mit dem Ruder ! « rief Renefier , dessen Geistesgegenwart ihn nie verließ . » Nieder damit ! « Der Befehl wurde befolgt , aber die Galliot verlor Fahrt , streifte einen schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Heck auf ein Riff . Jetzt herrschte allgemeine Bestürzung . Die Segel flatterten um die knarrenden Masten , die Taue rissen und peitschten umher , die Brandung heulte , der Rumpf dröhnte , die Leute schrien . Da rief van Swieten , wahrscheinlich nur um sich Ansehen zu verschaffen , mit lauter Stimme : » Den Anker los ! « - der sinnloseste Befehl , der überhaupt gegeben werden konnte . Der Anker schoß herab , so daß sich das Fahrzeug vor ihm drehte und plötzlich stillstand . Niemand dachte daran , die Segel zu reffen und so die Kraft der über Deck gehenden Sturzwellen zu vermindern . Niemand sah es , daß die Stelle , an der eben noch der alte Matrose gestanden hatte , leer war . » Renefier « , sagte van Swieten mit unsicherer Stimme , » ich bitte dich in Gegenwart meiner Leute um Verzeihung . Du hast das Kommando an Bord ! « Der mürrische Holländer antwortete keine Silbe darauf , gab aber sofort seine Befehle . Sämtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgehievt , um das heftige Stampfen des Schiffes abzuschwächen . Bei Tagesanbruch ließ Renefier ein Boot bemannen und untersuchte selbst die Lage . Die Galliot war mit der Flut über den äußeren Saum des Riffes hinausgekommen und ziemlich tief in die Zacken der Korallen eingedrungen . Totenstille herrschte an Bord , als das bekannt wurde . Van Swieten , unfähig , den Schlag zu ertragen , verbarg das Gesicht in beiden Händen und weinte . » Peilt die Pumpen ! « tönte Renefiers ruhiges Kommando . » Zehn Zentimeter Wasser im Schiff ! « meldete nach kurzer Pause der Zimmermann . Der Obersteuermann erbleichte . Die Galliot hatte also ein Leck , und die Ladung war auf jeden Fall verloren . » Vier Mann an die Pumpen ! « rief er . » Das große Boot herunter ! « Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile befolgt . Es gab für die Mannschaft der gestrandeten Galliot nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe und Erlösung aus dieser schrecklichen Lage , nämlich eine Insel , die nicht weit von dem Riff aus dem Meer hervorragte . Das unglückliche Schiff lag fast in ihrem Schatten . Wenn es möglich war , dorthin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu retten , so ging doch nicht alles verloren und man konnte hoffen , mehr als das nackte Leben zu retten . Ein anderes Fahrzeug zu erwarten wäre vergeblich gewesen , da ja kein Schiff der gefährlichen Stelle nahe genug kommen würde , um die Galliot zu sichten . » Los , van Swieten ! « ermunterte Renefier , » nimm fünf oder sechs Mann und untersuche die Insel . Wenn es dort irgendeinen Schutz gibt , so müssen wir mit dem Boot unsere Ladung hinüberschaffen und die Antje Marie ihrem Schicksal überlassen . Je früher wir anfangen , desto mehr wird gerettet werden . « Der Kapitän sah aus wie ein Bild der Verzweiflung . Gerade auf diese Reise hatte er so große Hoffnung gesetzt , gerade diesmal hatte er fast sein ganzes Vermögen zum Ankauf der teuersten Waren verwendet , um auf einen Schlag Tausende zu verdienen . Freunde und Mittelsmänner , alle gut bezahlt , hatten ihm in Hamburg , in Holland , in Spanien und auf Kuba die Wege geebnet , hatten ihm in die Hände gearbeitet und das ganze Unternehmen gesichert - jetzt war alles vorbei . » Mein Schiff ! « ächzte er , » mein Schiff ! « » Das ist verloren ! « sagte der Obersteuermann . » Ergib dich , van Swieten , und rette , was noch von der Ladung geborgen werden kann . « Der Kapitän fuhr auf . Es sah aus , als sei der gutmütige , immer lächelnde Mann in wenigen Stunden ein Greis geworden . Die Augen lagen wie erloschen in ihren Höhlen , die Haut war aschfahl , die Hände zitterten leise . » Wo ist Mohr ; « fragte er halblaut . Die Matrosen schwiegen , nur Robert konnte den Kummer um den alten Freund nicht verbergen . Ein lautes Schluchzen beantwortete die Frage . Van Swieten nahm die Mütze vom Kopf . » Wenn du ein paar Hände frei hast , Renefier , so laß die Flagge für ihn halbmast setzen « , sagte er nach einer Pause . » Gib seinem Andenken die Ehre , die wir der Leiche erwiesen hätten , wenn Mohr in unserer Mitte gestorben wäre . Die Antje Marie ist ja leckgelegt auf immer . « Und sei es im bitteren Bewußtsein des erlittenen schweren Schadens , sei es in der Erinnerung an den Gefährten eines halben Menschenlebens , der nun tot war , - van Swietens Stimme brach , als er die letzten trostlosen Worte sagte . Er ging in die Kajüte und schloß sich ein . Vier Mann wurden bestimmt , die Insel zu untersuchen . Robert drängte sich dazu , als die Leute das Boot bestiegen . Von Wache und Ablösung war ja nicht mehr die Rede - er sah bittend in das . finstere Gesicht des Obersteuermanns . Renefier nickte stumm . Er hielt zwar besser als der Kapitän dem Unglück stand , aber im innersten Herzen empfand er die gleiche Verzweiflung . Sein Auge folgte dem Boot , als ob es einem Sarge folgte , mit trübem und hoffnungslosem Blick . Die fünf Männer landeten nach kurzer Fahrt an einer seichten Stelle , wo sich das Boot bequem an überhängende Baumstämme binden ließ . Ein wahres Paradies öffnete sich ihren Blicken , ein Fleck Erde , so schön und malerisch , wie ihn keiner von ihnen je gesehen hatte . Palmen ragten zum Himmel empor , große bunte Blüten rankten sich um ihre schlanken Stämme und unzählige Vögel wiegten sich in den Zweigen . » Wie wunderbar , wie schön ! « rief Robert . » Hm « , meinte einer der Matrosen , » das ginge schon an , wenn nur nicht vielleicht hinter den nächsten Bäumen so eine Bestie lauert , die uns als Frühstück in den Schnabel zu nehmen beliebt . Das würde ich mir verbitten . « Robert lachte . Er hatte den naturgeschichtlichen Unterricht seines alten Pinneberger Lehrers noch zu gut behalten , um auf Kuba oder den umliegenden Inseln Raubtiere zu fürchten . » Hier gibt es keine Bestien « , antwortete er , » nur Skorpione und Taranteln , die aber nicht so gefährlich sind , wie man es meistens von ihnen behauptet , nur in den Sümpfen leben viele Krokodile . « » Was der Kerl alles weiß ! Ist es wahr , Junge , kann man sich darauf verlassen ? Sonst holen wir uns doch lieber vom Schiff ein paar Gewehre . « » Ist nicht nötig , Speckesser . Laß uns nur ruhig ausspüren , wo sich ein Versteck befindet . Aha , eine Quelle hätten wir schon . « » Kommt mal her « , rief ein anderer , » seht mal , was ist das ? Ein Kürbis , glaube ich . « Robert pflückte eine der reifsten Früchte und biß herzhaft hinein . » Ach « , rief er , » das schmeckt aber anders als Erbsen und Speck ! - Es ist eine Ananas , sage ich euch , in Europa die teuerste Frucht , die es gibt . « Jetzt machten sich die Matrosen darüber her . » Junge , du sollst Professor heißen « , erklärte der » große Russe . « » Deine Gelehrsamkeit hat uns zu diesem Leckerbissen verholfen , und dafür müssen wir dich belohnen . « » Wollen aber doch den Kameraden welche mitbringen ! « rief kauend der Speckesser . » Ach Gott , hätte man doch eine Schiffsladung von den Dingen , die hier wild wachsen , und säße damit in Hamburg , wie schön wäre das ! « » Nichts auf Erden ist vollkommen « , schaltete der vierte ein . » Laßt uns jetzt aber schnell machen , damit der Alte bei Laune bleibt . Zu sagen hat er uns freilich nicht mehr viel , und an eine richtige Heuer ist auch schwerlich zu denken . « » Vorwärts ! « drängte Robert , dem bei der Erinnerung an das Schiff und an den toten verlorenen Freund die Ananas nicht mehr schmeckte . » Vorwärts . Zuviel von den frischen Früchten dürfen wir nicht essen , sonst gibt es böse Folgen . Das Klima ist nicht gerade gesund , am wenigsten für uns Nordländer . « Die Leute lachten und setzten sich wieder in Marsch . Robert schnitt mit dem Taschenmesser hier und da ein Stückchen Baumrinde herunter . » Um den Rückweg zu finden « , sagte er . » Bravo , Professor ! Denkst wohl an das Märchen von Hänsel und Gretel , die Erbsen auf den Weg streuten , als sie heimlich in den Wald gingen , wo die Hexe wohnte ! « » Ach « , sagte ein anderer und blieb stehen , um über das Meer zu sehen , » ach , sprecht nur . nicht von den deutschen Märchen , das macht