, unsere Pfarre , Herr General , « antwortete Röschen . » So bist du wohl gar ein Pfarrtöchterchen , Kleine ? « » Freilich ; das siebente , Herr General . « » Das siebente ? Potz tausend ! Ist dein Papa zu Haus ? « » Alleweile noch , ja , Herr General . Wenns aber zum drittenmal läutet , muß er in die Kirche und ich auch . « » So wollen wir während des Gottesdienstes einen Spaziergang machen , Lydia , und erst danach unseren Pfarrbesuch abstatten , « sagte der Herr zu seiner Begleiterin , die still beiseitestand . Als er sich nach dem Pfarrtöchterchen umsah , flog es wie ein Schmetterling den Abhang hinunter und der Gartenpforte zu . Sonntags wurde der Betstunde um ein Uhr halber bald nach der Frühkirche zu Mittag gegessen , der angekündigte Besuch fiel daher just in die Tischzeit . Papa würde die vornehmen Gäste natürlich zur Tafel laden , ein vorbereitender Wink Mama natürlich von Wichtigkeit sein : so hatte Schwester Röschen , die noch nicht einmal das kleine Einmaleins konnte , während jener Rede blitzschnell kalkuliert . Wie wäre Bruder Rechenmeister auf solchen Schluß verfallen ? Der alte Herr wendete sich rückwärts , um seinen Dollond wieder aufzunehmen , und da lachte er denn noch belustigter als vorhin , indem er hinter der Bank einen Bauernjungen auf den Knien liegen und ohne es anzurühren durch das Fernrohr gucken sah , aber wie es eben lag , von der verkehrten Seite . Der arme Dezem fuhr in die Höhe und schlug die Augen nieder wie ein ertappter Dieb . » Bist du auch ein Pfarrkind ? « fragte der Herr . Dezem schüttelte . » Aber doch aus dem Dorf ? « Dezem nickte . » Du möchtest wohl gern durch mein Glas gucken , gelt ? « » Ja , ja ! « stotterte Dezem mit freudiger Hast . » Nun , so guck ! Wohin soll ich es richten ? « » In die Sonne , gnädiger Herr . « » In die Sonne ? Ei , was willst du denn in der auskundschaften , Junge ? « » Ob sie läuft , « antwortete Dezimus jetzt ganz dreist . » Nun , probiers , kleiner Kopernikus ! « sagte lachend der alte Herr . Er richtete das Glas nach der Sonne , und Dezimus starrte hinein , bis ihm die Augen übergingen ; aber entdecken von dem , was da oben getrieben wurde , konnte er nichts außer einer Lerche , die mit bloßen Augen sich wie ein Schmetterling ausgenommen hatte und durch das Glas in ihrer natürlichen Größe erschien . Ein Wunder blieb freilich auch das , und nachdenklich legte er den Tubus in die Hand des weißen Fräuleins , das ihn sorgfältig zusammenschob . Die Zeit mußte hingebracht werden . Der alte Herr setzte sich auf die Bank und nahm die Tafel , welche Dezimus darauf niedergelegt hatte , zur Hand . Für das illustrierte Phänomen auf der Rückseite schien der würdigende Sinn ihm zu gebrechen ; die Exempel dahingegen mochten ihn an alte Bakelzeiten erinnern ; er betrachtete sie und versuchte sogar eines von ihnen auszurechnen . » Wahrhaftig , Lydia , ich kann nicht mehr multiplizieren , « sagte er nach einer Weile , indem er lachend den Kopf schüttelte . » Ist leider von jeher meine schwache Seite gewesen , « setzte er mit einem Seufzer hinzu . » Sind es deine Aufgaben , mein Junge ? « Dezimus nickte wieder stumm . » Rechne mal hier das , was ich Alter nicht herausbringe . « Der Quatermillionenheld wurde rasch damit fertig , machte darauf die Probe der Division , und als dieselbe ohne Fehl zutraf , schmunzelte der alte Herr : » Sieh ! sieh ! « Er musterte den Jungen vom Kopf zur Zeh , so wie er einen Rekruten gemustert haben würde . Der Dezem war ein strammer Bursche , und - ohne Heldenschmeichelei ! - wenigstens ein ehrliches Gesicht ihm nicht abzusprechen . Der schneeweiße Hemdskragen , die blanken Stiefeln , - vom Helden eigenhändig gewichst ! - machten auch einen guten Effekt . Der alte Herr schüttelte wohlgefällig das schöne , weißgelockte Haupt . » Wie heißt du , mein Junge ? « fragte er . » Dezimus Frey , gnädiger Herr . « » Dezimus ! ein kurioser Name , nicht wahr , Lydia ? « » Weil ich der zehnte Sohn bin , gnädiger Herr . « » Der zehnte Sohn ! Potztausend , das nenn ich Segen ! Aber halt ! halt ! wie ist mir denn ? Am Ende gar der arme Schäferjunge , für welchen der Werbener Pfarrer den König zu Gevatter bat , als ich das letztemal mit ihm in Teplitz war . Wie lange ist es doch her ? Weiß Gott schon acht Jahr . Auch dein Vater , Lydia , hat mir dazumal - wie einem derlei alte Geschichten doch plötzlich wieder auftauchen ! - über die tolle Dezemswirtschaft unter meinem Patronat gründlich die Leviten gelesen . Ich habe herzlich über die Geschichte gelacht . Bist du der Königspate , Junge ? « Dezimus sagte : » Ja . « Zum ersten Male war er stolz auch auf die zeitliche Ehre , die ihm in der heiligen Taufe angetan worden war . Ja , so stolz , daß er auf das weiße Fräulein , das ihm bisher unnahbar feierlich gegenübergestanden hatte , nahezu verwegen seine Augen richtete . » Prächtig , prächtig ! « rief der alte Herr , indem er sich vergnügt die Hände rieb . » Wie das unsere alte Majestät amüsieren wird ! und welchen stattlichen Gardisten kann ich ihm in Aussicht stellen ! Flügelmann im ersten Garderegiment , Feldwebel , schließlich Zahlmeister mit Leutnantskompetenz - was sagst du zu der Karrière , Königspate ? « Der Königspate sagte nichts dazu ; er ahnete nicht im entferntesten , was diese Würden zu bedeuten haben . Da aber ein so hoher Gönner sie in Vorschlag brachte , mußte der Ersatz für den Verwalter ein unermeßlicher sein ; und das freute ihn in die Seele seiner Pastormutter , die diesen mißglückten Posten noch immer nicht verwinden konnte . Aufgetaut , wie er einmal war , schwoll ihm das Herz von stolzem Glück . Noch nie hatte ein Mensch ihn gefragt : Wie ist dirs ergangen ? Wie hast dus getrieben in deinen langen acht Lebensjahren ? Noch nie hatte er einem Menschen die Wohltäter rühmen können , die ihm der Inbegriff alles Würdigen waren ; der alte Herr lächelte über die treuherzige Weitschweifigkeit des kleinen Schwätzers , und selber das stille weiße Fräulein belebte sich bei der Vorführung von Pastorvater und Pastormutter , von den sechs großen Schwestern und der kleinen siebenten , die eigentlich sein Zwilling sei . Auch Kantor Beyfußens und der litauischen Lene wurde gebührentlich Erwähnung getan , und nur erst , als der alte Herr ihn mit der Frage unterbrach : ob er den alten Mehlborn kenne ? da stockte der Redefluß einen Augenblick , dann jedoch wurde wahrheitsgemäß erwidert , der Dezem kenne den Herrn Amtmann freilich ganz genau , da selbiger ja auch sein Herr Pate sei und es früherhin so gut mit ihm gemeint habe , daß er ihn sogar zu seinem Inspektor machen wollen . Seit dem Tode der Frau Amtmännin könne der Herr Amtmann den Dezem aber nicht mehr leiden , und seitdem der Herr Amtmann hinunter auf das Talgut gezogen sei - - « Der alte Herr fuhr von der Bank in die Höhe . » Wie , was ? « brauste er auf , » der Mehlborn wohnt nicht mehr im Schloß ? Aber zum Henker ! das verdirbt mir ja das halbe Gaudium ! Wann ist er denn - - - « Er hatte nicht Zeit , die Frage zu vollenden ; denn : » Dort kommt der Herr Prediger , lieber Onkel ! « rief das weiße Fräulein ; und wirklich bog Pastor Blümel , bereits im Ornat , hastigen Schrittes um die Gartenhecke . Röschen flatterte wieder vor ihm her wie ein Schmetterling . Der fremde Herr ging ihm mit ausgestreckten beiden Händen entgegen . » Ihr liebes Töchterchen hat unser Inkognito zu Ihnen ungelegener Stunde aufgehoben , Herr Pfarrer , « sagte er . » Richtig gespürt hat indessen das kleine Ding . Ich bin in der Tat der General von Hartenstein , und diese hier ist meine Nichte , die Tochter des Propstes , den Sie ja kennen . « Pastor Blümel freute sich - und wie von Herzen ! - des ersehnten Bekanntwerdens , bedauerte , durch sein Amt für ein paar Stunden in Anspruch genommen zu sein ; rechnete aber , wie sein Liebling wiederum richtig vorausgespürt , auf das Glück , Onkel und Nichte als Mittagsgäste in seinem Hause zu begrüßen . Der General nahm ohne Umstände an . » Es ist ein leidiger Anlaß , « sagte er darauf , » der mich zum ersten und voraussichtlich zum letzten Male in meine Besitzung führt . Davon indessen später . Leider höre ich , daß mein Pächter seine Residenz verlegt hat . Besucht er Ihre Kirche regelmäßig ? « » Nur noch die seines eigenen Gutes , das mein Filial ist , Exzellenz . « » Bon ! « versetzte heiter die Exzellenz . » So möchte ich heute seinen Kirchenplatz einnehmen . Denn vor der Eröffnung , die ich ihm zu machen habe , und auf die ich mich bei aller Kläglichkeit des Anlasses freue wie ein Schneekönig , item vor dieser Eröffnung an seiner Seite Ihren Segen , Herr Pfarrer , zu empfangen , würde mich einigermaßen gotteslästerlich angemutet haben . « Die beiden Herren schlugen den Kirchpfad längs der Gartenmauer ein . Röschen flatterte wieder voran , Mama den zusagenden Bescheid zu hinterbringen . Dezimus ging mit dem weißen Fräulein hinterdrein . Beide schwiegen eine Weile still . Der Bauernjunge im blauen Leinenkittel wußte nichts , womit er das vornehme weiße Fräulein privatim hätte unterhalten können , und das vornehme weiße Fräulein mochte von dem Bauernjungen bereits zur Gnüge unterhalten worden sein . Endlich fragte sie aber doch : » Du hast wohl noch niemals durch ein Fernglas gesehen ? « Er antwortete : » Nein « ; weil er jedoch allemal beherzt wurde , wenn auf seine Wunder die Rede kam , setzte er hinzu : » Ich möchte aber alle Tage durch solche Gläser sehen können . « » Hast du schwache Augen ? « » Nein , Falkenaugen , sagt die Mutter . « » Wozu brauchst du dann ein Glas ? « » Weil ich in den Himmel blicken möchte . « » An den Himmel meinst du wohl , Dezimus . In den Himmel blicken wir hienieden nicht . Wenn du größer wirst , mußt du einmal auf eine Sternwarte gehen . « Dezimus fragte , was eine Sternwarte sei , und das weiße Fräulein belehrte ihn , soweit als ein zehnjähriges , frühreifes Kind über ein derartiges Institut , dessen forschende Insassen und deren Werkzeuge zu belehren vermag . Sie erzählte auch , daß sie mit ihrem älteren Bruder von dessen Hofmeister auf das Observatorium ihrer Vaterstadt geführt worden sei und daß sie durch ein mächtiges Fernrohr die Berge auf dem Monde deutlich gesehen habe und eine Menge Sterne , die sie mit bloßen Augen gar nicht wahrgenommen , deutlich wie die leuchtendsten am Himmel . » Ist Ihre Vaterstadt weit ? « fragte Dezimus mit fliegendem Atem . Ihm schwindelte das Hirn . » Sehr weit , « antwortete das weiße Fräulein . » Ich glaube aber , eine Sternwarte gehört zu jeder Universität , und ihr habt ja mehrere Universitätsstädte in der Nähe . Gestern haben wir in einer übernachtet , und heute wollen wir in einer anderen übernachten . Da kannst du ja leicht einmal hinkommen , Dezimus . « Wieviele Menschen sind sich wohl bewußt , in welchem Momente die Sterne , welche ihr Leben regieren sollten , zum ersten Male an ihrem Horizont gedämmert haben ? Dem Hirtensohne von Werben dämmerte der seine in den Minuten , wo das schöne weiße Fräulein ihm verkündete , daß die großen und kleinen Lichter am Himmel Welten seien , wie unsere Erde eine ist , und daß es kluge Männer gäbe , die ihre Bahnen zu berechnen wissen . Unter der Kirchtür trafen sie mit den beiden Herren und Röschen zusammen ; die älteren Schwestern waren schon vorausgegangen ; Frau Hanna gestattete sich , an diesem Ausnahmsfeste Herrendienst vor Gottesdienst gehen zu lassen . Da der Prediger seinen Eingang durch die Sakristei zu nehmen hatte , wurde Dezimus mit der Ehre betraut , die Herrschaft in den Patronatsstuhl zu geleiten . Lydia erklärte indessen , daß sie des Oheims Rückkunft auf dem Gottesacker erwarten werde . » Du kleine Betschwester willst die Sabbatfeier schwänzen ? « fragte Herr von Hartenstein lachend . » Der Vater würde es nicht erlauben , « versetzte Lydia sehr leise , aber bestimmt . Der General stampfte mit dem Fuße . » Narretei und kein Ende ! « rief er unwillig . » Allons , voran ! « Pastor Blümel aber sprach nach einem langen Blick in das bleiche , ernste Kindergesicht : » Ihre Nichte handelt recht , Exzellenz ! « Und seit diesem ersten Blick hat er nicht minder wie sein Dezem Lydia von Hartenstein wie eine Idealgestalt in seiner Seele gehegt . So blieb das weiße Fräulein denn zurück , und das Pfarrröschen wurde ihr zur Gesellschaft vom Kirchenbesuche dispensiert . Sie klatschte vor Vergnügen in die Hände , während die andere sich still auf einen alten Pastorgrabstein neben der Kirchtür niederließ . Dezimus dagegen schritt als Majordomus dem Gutsherrn voran zu dem Erbstuhl der Werben und nahm , auf des Herrn Befehl , auch an seiner Seite Platz , welche Auszeichnung halb eingeschlummerte böse Erinnerungen an das Hutmannshaus in der frommen Zuhörerschaft aufstörte . Denn so klug wie sein Röschen war Pastor Blümels Gemeinde auch : männiglich erkannte den General an Bart und Stern . » Die Exzellenz ! « raunte man sich von Ohr zu Ohr . Solch denkwürdigen Gottesdienst hatte man in beiden Werben nicht erlebt , seit Anno 17 die Luthereiche gepflanzt worden war . Nicht das älteste Mütterchen nickte ein ; alle Augen hingen an dem stattlichen Herrn , dessen mächtiger Baß Orgel und Chor übertönte . Dezimus hielt ihm gewissenhaft das Gesangbuch unter das Gesicht ; weil der alte Herr aber vorzog , ohne Brille sich in der Kirche umzusehen statt mit der Brille in das Buch , sang er aus dem Kopfe , und wollte der Kirchenvogt , als er den Klingelbeutel herumtrug , erhorcht haben , daß der Herr der Melodie des Morgenliedes » Mein erst Gefühl sei Preis und Dank « den Text des Reiterliedes » Frisch auf , Kameraden , aufs Pferd , aufs Pferd ! « untergeschoben habe . Der Kirchenvogt meinte indessen , einer Exzellenz , die statt eines Pfennigs einen Taler in den Klingelbeutel stecke , einer solchen Exzellenz werde ein Text nach ihrem Gusto wohl zu gestatten sein . Nun aber die Predigt . Sie klang vom ersten Gruß bis zum letzten Amen wie eine Ruhmeshymne nicht nur in den Ohren der friedfertigen Gemeinde , sondern auch in denen des tapferen Waffenbruders , zu dessen Ehren der sorgfältig ausgearbeitete Perikopentext für den nächsten Jahrgang beiseitegelegt und dem heroischen Priestergeschlecht der Makkabäer ein heroisches königlich preußisches Soldatengeschlecht an die Seite gestellt worden war . Niemals hatte Konstantin Blümel schwungvoller extemporiert , niemals waren ihm seine großen Erinnerungen so freudig aus der Seele geströmt . Er schilderte den Lebenslauf eines vaterländischen Helden vom ersten Erwachen noch unter des einzigen Friedrich wehender Siegesfahne , durch Drangsal und Erlösung bis zu den abschließenden drei Salven über dem frisch gefüllten Hügel . Dem närrischen Dezem fiel über der Rede das gestrige Abendlied ein , und Mutter Sonne wurde ihm zu einem hohen General . » Er kommt und leuchtet und strahlt uns von ferne und läuft den Weg gleich als ein Held . « In der Gemeinde hatte die Predigt einen gewaltigen Eindruck gemacht und der » neue « Pastor samt seinem Preußentum binnen achtzehn Jahren den ersten festen Schritt in die Gemüter getan . Seit heute wußte man , was man an dem Manne und an dem Vaterlande , welches das unsere geworden war , besaß . » Sprit haben sie , diese Preußen , « sagte am Abend in der Schenke der Schulze Thränhard zu dem Hoferben des alten Walbe . » Und Kurage haben sie auch , das muß man ihnen lassen . Aber , aber , wenns mit den drei Salven nur nicht vorgespukt hat , Nachbar ! « Auch der gefeierte Held sagte auf dem Heimwege zu dem Prediger : » Wolle der Himmel , Freund , daß die Grabrede , die ich einmal nicht hören werde , so rühmlich lautet wie die , mit welcher Sie mich heute a priori erbaut haben . « Und der alte Herr lachte bei den Worten , doch mit einer Träne in der Wimper ; Pastor Blümel aber hätte die drei Salven lieber ungelöst gelassen . Weit unbefriedigender war der Erfolg , welchen das Pfarrröschen mit seiner Gespielin erzielte . Sie hatte das kindesmögliche vorgeschlagen , das närrische Mädchen von dem alten Pastorstein fortzulocken : Blumen pflücken , Kränze winden , im Garten Beeren suchen , zu Mama in das Haus gehen , Kochens spielen und wer weiß was noch . Das närrische Mädchen hatte zu einem wie dem anderen schweigend den Kopf geschüttelt , während des Gesanges und der Liturgie unbeweglich mit gefaltenen Händen gesessen und , als sie drinnen die Predigt beginnen hörte , aus einem Täschchen , das ihr am Gürtel hing , ein kleines Neues Testament hervorgezogen , in welchem sie die Kapitel des Evangeliums und der Epistel des Tages andächtig las . Röschen war währenddessen in das Haus gelaufen und rasch zurückgekehrt , in einem Arme ihre Wickelpuppe , in der anderen ihre Tirolerin , die sie mit Stolz präsentierte . Da das närrische Mädchen aber nur abwehrend mit der Hand winkte , hatte Röschen ein Mäulchen gezogen , dann aber hellauf gelacht und , ohne sich weiter um ihren Gast zu kümmern , begonnen , sich auf eigene Hand zu unterhalten . Sie pflückte zwischen den Gräbern Wegebreitblätter und kleine Blüten , heftete sie mit Dornen zu zierlichen Puppenhütchen zusammen und legte sie auf einem Leichenstein wie in einem Putzladen aus , dem die Tirolerin als Ladenmamsell präsidierte . Röschen hätte bei ihrem Geschäft gern ein Liedchen gesungen mit den Lerchen hoch oben im blauen Himmel um die Wette ; aber das schickte sich dicht an der Kirchtür , während Papa predigte , am Ende doch wohl nicht ; Röschen sang ihr Liedchen nur im Herzen . So saßen die beiden Kinder , jedes nach seiner Art beschäftigt , auf den alten Pastorsteinen sich still gegenüber , bis die Leute aus der Kirche kamen und nun auch Dezimus sich zu ihnen gesellte . » Du hast zu Hause wohl viel schönere Puppen als meine ? « fragte Röschen , während sie selbander nach der Pfarre gingen . » Ich habe gar keine Puppen , « antwortete Lydia ; » aber die , mit welchen meine Schwestern spielen , sind nicht so schön gekleidet wie diese . « » Mit was spielst du denn aber , wenn du keine Puppen magst ? « » Ich habe sonst mit meinem kleinen Bruder gespielt , und jetzt spiele ich mit meinem Schwesterchen . « » Wie alt ist denn dein Schwesterchen ? « » Sechs Wochen . « » Aber mit einem Wickelkinde kann man doch nichtspielen . « » Doch ! Besser wie du mit deiner toten Wickelpuppe . « » Ich spiele mit meiner Wickelpuppe aber auch nur , wenn mein Mus nicht da ist . Sonst spiele ich immer mit meinem Mus . « Und dabei zupfte sie ihren Mus neckisch an den Haaren und flüsterte ihm in das Ohr : » Du , Mus , dies fremde Mädchen ist noch weit närrischer wie du mit deinen Sternen . « In der Weinlaube vor dem Hause empfing Frau Hanna ihre Gäste . Da an diesem außerordentlichen Tage das Abhalten der Betstunde dem Adlatus Beyfuß übertragen , das Diner demnach zu einer späteren Stunde als der , in welcher Exzellenzen ihr Frühstück zu nehmen pflegen , angesetzt worden war , hatte die kluge Hausfrau für einen Imbiß gesorgt , einen Ohnmachtsbissen , wie sie lachend sagte , weil Kirchenluft zu zehren pflege . Die Exzellenz lobte ihre Fürsorge und tat ihr Ehre an ; alle anderen aber auch ; sogar das weiße Fräulein , von welchem Dezimus es doch weit natürlicher gefunden haben würde , wenn es sich bloß von Mondenschein und Sonnenstrahlen genährt hätte . Nach dem Ohnmachtsbissen verfügten die beiden Herren , um durchaus ungestört zu sein , sich in das geistliche Gemach ; auf besonderen Wunsch der Exzellenz folgte ihnen die Hausfrau , nachdem sie ihre wirtlichen Obliegenheiten mit den exaktesten Vorschriften den beiden erwachsenen Töchtern , die noch im Hause waren , übertragen hatte ; die Kinder tummelten sich im Garten . Der General von Hartenstein gehörte von Natur nicht zu der Spezies , die aus ihrem Herzen eine Mördergrube macht . Heute aber war ihm erst unter dem Heldenlauf im Gotteshause und dann unter den fröhlichen Menschengesichtern in der Gartenlaube die Seele absonderlich flott geworden , und sprudelte er nun ohne Bedenken aus , was bis zur Stunde schwer auf ihr gelastet hatte . » Habe ich « , so hob er an , » jemals eine Kreatur gehaßt , so ist es diesen Mehlborn . Denn einen Feind , den er bewundert , wie den Napoleon etwa , den haßt kein Soldat , so was mir hassen heißt . Er ringt mit ihm Mann wider Mann , und gibt Gott die Ehre , hat er ihn abgetan . Aber diese bäurische Kanaille - zertreten möchte ich sie wie ein widriges Reptil ! « Pastor Blümel schreckte mit einer Gebärde des Entsetzens zusammen . Sein Gast reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand und sagte mit seinem Hartensteinschen kordialen Lachen : » Beruhigen Sie sich , frommer Herr . Ich erfreue mich , Gott seis geklagt ! nicht des nervus rerum , mit dessen Hülfe einem Mehlborn der Garaus gemacht wird ; nur auf einen , - nun wie sage ich doch gleich ? - nun , auf einen Schabernack ist es abgesehen , und dieses Gaudium denke ich mir heute nachmittag zu bereiten , indem ich zu dem Patron sage : Unser Kontrakt läuft mit diesem Jahre ab . Die Pachtung ist anderweitig vergeben . Mein Justitiarius wird Ihr Darlehn tilgen samt Zins und Afterzins . Salve , auf Nimmerwiedersehen ! Der Scherz ist mir zur Hälfte vereitelt , da ich den Schächer nicht mehr aus dem Tempel jagen kann . Den kleinen Racherest sollen Sie mir aber gönnen , Freund . Denn , Hand aufs Herz : wie würde Ihnen zumute sein , wenn Sie , ein alter , lendenlahmer Wicht wie ich , Ihren Sohn , Ihr einziges Kind , am Rande eines Abgrundes taumeln sahen , und der Nächststehende , der , welcher allein ihn retten konnte , zog seine Hand zurück und ließ ihn sinken ? « » Exzellenz - - « » Still , Freund , still ! Ich weiß , was Sie mir vorhalten dürfen . Die Stirnlocke hat sich mir weit über die ziemlichen Jahre hinaus gebleicht , und ich ziehe kein Jota von meiner Torheit ab . Auch meinen armen Jungen kann und will ich nicht rein waschen . Aber was wollen Sie ? Er wuchs heran in einer tatenreichen Zeit und ward zum Mann in diesen faulen Schlendertagen . Seitdem wir Hartensteine von Ahnen wissen , rumort in unseren Adern Soldatenblut . Nehmen Sie meinen Bruder an , den Propst , zu welchen Windmühlenkämpfen die Hartensteinsche Ader ihn hetzt . Sie werden ihn einen Don Quixote nennen - - « » Gott sei dafür , Exzellenz ! « unterbrach ihn der Pastor mit Wärme . » Es ist als Diener im Amt mein bitterster Schmerz gewesen , die Toleranz zur Tyrannei werden zu sehen , und es ist nur natürlich , daß die Treue den Trotz gebiert . « » Nun , wie Sie wollen , Pastor , « entgegnete der General . » Um so eher werden Sie zugestehen , daß es ein Kunststück ist , wenn solch ein prickelndes junges Soldatenblut am häuslichen Herdfeuer ausdauert , ohne überzuschäumen oder einzusickern . Eine zärtliche Huldin wie meine Schwägerin Ottilie , so ein Weib in Gottes Namen , die hätte das Kunststück allenfalls fertiggebracht , aber diese bäurische Marzibille - - « » Verzeihen Sie , Exzellenz , « fiel bei dieser Wendung Frau Hanna dem aufgebrachten Herrn in das Wort . » Verzeihen Sie , wenn ich Ihr Urteil über die Mutter Ihrer Enkel zu berichtigen wage . Frau Brigitte von Hartenstein ist nicht nur eine charaktervolle , sie ist auch - trotzdem sie meine Schülerin war , fragen sie nur Konstantin - eine gediegen gebildete Frau . « » Aber wer bestreitet denn das , Verehrteste ? « erwiderte der General . » Gediegen wie eine Barre . Mit ein wenig unsoliderem Zusatz legiert , würde sie handlicher geworden sein . Sie lächeln , werte Frau ? Ei nun , so zu lächeln hätten Sie Ihre Schülerin lehren sollen . Aber solch eine Gangart , wie auf hoch gespanntem Seil , Schritt für Schritt , die Balancierstange in der Hand und zwischen den Lippen einen scharf geschliffenen Stahl , - - still davon ! Es ist überstanden . Was übersteht einer nicht ? Mein armer Junge , - helf ihm Gott ! Der Kaukasus ist eine Schule . Zum äußersten ein Tscherkessenblei ! - Den Vater , der schon in der Rheinkampagne gefochten , triffts , ist der Himmel gnädig , nicht mehr mit . Still davon ! « Der alte Herr machte eine Pause . Es ging kein Atemzug durch das geistliche Gemach . » Was ich aber niemals überwinden kann und will , « so fuhr der General , nachdem er sich gefaßt hatte , fort , » was mich stacheln wird , solange meine Augen offen stehen , ist , daß ich auf mein Fleisch und Blut den geringfügigsten Einfluß , ja den natürlichsten Anteil an ihm verwirkt haben soll , daß ich , ohne es hindern zu können , erleben muß , wie der alte , tapfere , lebensfrohe Pulsschlag meines Geschlechtes entartet dort unter der Geißel eines Schwärmers , hier unter dem Dreschflegel in einer Bauernfaust . « Pastor Blümel saß still in sich versunken ; er durchlebte im Geiste die Peripetien eines Vaterherzens , das sich in derlei wunderlichen Sprüngen des Leides und der Laune offenbarte , und überließ auch diesmal seiner Hanna , das beschwichtigende Wort an seiner Statt auszusprechen . » Wer , der selber Kinder hat , empfände diesen Stachel Ihnen nicht nach , Exzellenz , « sagte sie seufzend , setzte darauf aber mit ihrem wirksamen Lächeln hinzu : » Wenn indessen der Verdruß eines Widersachers ein Trost ist , so halten Sie sich an den , daß der mütterliche Großvater Ihrer Enkel den nämlichen Pfahl in seinem Fleische fühlt , da die Tochter auch ihm den geringfügigsten Einfluß auf ihre Kinder verwehrt und dieselben seinem Zürnen zum Trotz in gebildeten Lebenskreisen erzieht . « » Wirklich ! wirklich ! « rief der alte Herr , indem er sich vergnügt die Hände rieb . » Ei nun , ähnlich sieht ihr diese kindliche Gemütlichkeit , und Sie haben recht : ein Trost bleibt es immer , wenn auch nur ein halber . Jetzt aber steht es fest : morgen dringe ich bei ihr ein , mag sie ein Gesicht schneiden , so sauer sie es fertig bringt . Ich will und muß mich überzeugen , was sie aus den Kindern macht , ich will und muß meine Enkel wiedersehen - vielleicht zum letzten Male sehen . Und nun zur Hauptsache : wie , glauben Sie , wird Brigitte die Überraschung aufnehmen , daß ich Hochwerben verkauft habe ? « » Verkauft - und nicht an den Amtmann ? « » Würde es dann für Brigitte eine Überraschung sein ? Nein , an meine Schwägerin . « » Die Gemahlin des Propstes ? « » Leider nicht an sie . Auch diese liebe Seele ist eine Hartenstein geworden , das heißt , sie hat ihre Geldtasche nicht fest genug gehalten , um einen alten Familiensitz gegen einen Mehlborn zu behaupten . Just ihr indessen wird der Handel wie jetzt , so hoffentlich dereinst zugute kommen . Die Käuferin ist ihre Tante , Schwester ihrer Mutter und meiner seligen Frau ; ein lediges Fräulein in meinen eigenen blühenden Jahren , die Letzte der Werben . « Hätten in dem bescheidenen Pfarrhause schöngeistige Zeitblätter Eingang gefunden , so würde für dessen Insassen die neue Patronin keine Unbekannte gewesen sein . Denn da erschien wohl selten eine Korrespondenz aus » Elbflorenz « , ohne Thusneldas von Werben als einer Polyhymnia oder mindestens Mäzena zu gedenken . Ihr Geist , ihre Originalität , ihr Harfenspiel , die schönsten Frauenarme - noch im siebenzigsten Jahr ! - wurden gerühmt und sogar besungen ; aufrichtig besungen , denn Ironie zählte nicht stark zu der Ästhetik ihrer Zeit und Zone . Das gastliche Werbensche Haus in der Ostraallee , als dessen Spezialität es galt , daß neben ausgesuchten künstlerischen Genüssen diejenigen , welche Leib und Seele zusammenhalten , nicht verabsäumt wurden , war ein Zielpunkt der einheimischen wie durchziehenden Hautevolee ; auch der des Geistes , und letztere revanchierte sich für obenerwähnte Genüsse durch obenerwähnte Huldigungen . Aber Pastor Blümel und seine