Goten traten freudig zu Teja . Die Römer drückten sich rasch an Cethegus vorbei , vermeidend , mit ihm zu sprechen . Nur Cassiodor schritt fest auf ihn zu , legte die Hand auf seine Schulter , sah ihm prüfend ins Auge und fragte dann : » Cethegus , kann ich dir helfen ? « - » Nein , ich helfe mir selbst « , sprach dieser , entzog sich ihm und schritt allein und stolzen Ganges hinaus . Zehntes Kapitel . Der heftige Schlag , den der junge König so unerwartet gegen den ganzen Grundbau der Regentschaft geführt hatte , erfüllte bald den Palast und die Stadt mit Staunen , mit Schrecken oder Freude . Zu der Familie des Boëthius brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor , der Rusticianen zum Trost der erschütterten Regentin beschied . Mit Fragen bestürmt erzählte er den ganzen Hergang ausführlich : und so bestürzt und unwillig er darüber war , auch aus seinem feindlichen Bericht leuchteten die Kraft , der Mut des jungen Fürsten unverkennbar hervor . Mit Begierde lauschte Kamilla jedem seiner Worte : Stolz , Stolz auf den Geliebten - der Liebe glücklichstes Gefühl - erfüllte mächtig ihre ganze Seele . » Es ist kein Zweifel , « schloß Cassiodor mit Seufzen , » Athalarich ist unser entschiedenster Gegner : er steht ganz zu der gotischen Partei , zu Hildebrand und seinen Freunden . Er wird den Präfekten verderben . Wer hätte das von ihm geglaubt ! Immer muß ich daran denken , Rusticiana , wie so ganz anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten benahm . « Kamilla horchte hoch auf . » Damals gewannen wir die Überzeugung , er werde zeitlebens der glühendste Freund , der eifrigste Vertreter der Römer sein . « - » Ich weiß davon nichts « , sagte Rusticiana . - » Es ward vertuscht . Das Todesurteil war gesprochen über Boëthius und seine Söhne . Vergebens hatten wir alle , Amalaswintha voran , die Gnade des Königs angerufen : sein Zorn war unauslöschlich . Als ich wieder und wieder ihn bestürmte , fuhr er zornig auf und schwur bei seiner Krone , der solle es im tiefsten Kerker büßen , der ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe . Da verstummten wir alle . Nur Einer nicht . Nur Athalarich , der Knabe , ließ sich nicht schrecken , er weinte und flehte und hing sich an seines Großvaters Knie . « Kamilla erbebte . der Atem stockte ihr . » Und nicht ließ er ab , bis Theoderich in höchstem Zorn emporfuhr , ihn mit einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen übergab . Der ergrimmte König hielt seinen Eid . Athalarich ward in den Kerker des Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet . « Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des Saales . » Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten . Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer den Liebling , den er von sich gebannt . Er gedachte , mit welch edlem Mut er , der Knabe , für seine Freunde gebeten , als die Männer in Furcht verstummten . Er stand endlich auf von seinem Abendtrunk , bei dem er lange sinnend saß , stieg selbst hinab in den Kerker , öffnete die Pforte , umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte deinen Söhnen , Rusticiana , das Leben . « » Fort , fort zu ihm ! « sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst und eilte aus dem Saal . » Damals , « fuhr Cassiodor fort , » damals mochten Römer und Römerfreunde in dem künftigen König ihre beste Stütze sehen und jetzt - meine arme Herrin , arme Mutter ! « und klagend schritt er hinaus . Rusticiana saß lange wie betäubt . Sie sah alles wanken , worauf sie ihre Rachepläne gebaut : sie versank in dumpfes Brüten . Länger und länger schon fielen die Schatten der hohen , starken Türme in den Schloßhof , auf welchen sie hinausstarrte . Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal , erschrocken fuhr sie auf : Cethegus stand vor ihr . Sein Antlitz war kalt und finster , aber eisig ruhig . » Cethegus ! « rief die Bekümmerte und wollte seine Hand fassen , aber seine Kälte schreckte sie zurück . » Alles verloren ! « seufzte sie , stehen bleibend . » Nichts ist verloren . Es gilt nur Ruhe . Und Raschheit , « setzte er , umblickend im Gemach , hinzu , Als er sich allein mit ihr sah , griff er in die Brustfalten seiner Toga . » Dein Liebestrank hat nicht geholfen , Rusticiana . Hier ist ein anderer - stärkrer . Nimm . « Und rasch drückte er ihr eine Phiole von dunklem Lavastein in die Hand . Mit banger Ahnung sah ihn die Freundin an : » Glaubst du auf einmal an Magie und Zaubertrank ? Wer hat ihn gebraut ? « - » Ich , « sagte er , » und meine Liebestränke wirken . « - » Du ! « - es durchlief sie ein eisiges Grauen . » Frage nicht , forsche nicht , säume nicht , « sprach er herrisch . » Es muß noch heute geschehen . Hörst du ? Noch heute . « Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf das Fläschchen in ihrer Hand . Da trat er heran , leise ihre Schulter berührend : » Du zauderst , « sagte er langsam . » Weißt du , was auf dem Spiele steht ? nicht nur unser ganzer Plan ! Nein , blinde Mutter . Noch mehr . Kamilla liebt , liebt den König mit aller Kraft der jungen Seele . Soll die Tochter des Boëthius die Buhle des Tyrannen werden ? « Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück : was in den letzten Tagen wie eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen , ward ihr gewiß mit diesem Einen Wort : noch einen Blick warf sie auf den Mann , der das Grausame gesprochen und hinwegeilte sie , zornig die Faust um das Fläschchen geballt . Ruhig sah ihr Cethegus nach . » Nun , Prinzlein , wollen wir sehen . Du warst rasch , ich bin rascher . - Es ist eigen , « sagte er dann , die Falten seiner Toga herabziehend , » ich glaubte längst nicht mehr , noch solche heftige Regung empfinden zu können . Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz . Ich kann wieder streben , hoffen , fürchten . Sogar hassen . Ja , ich hasse diesen Knaben , der sich unterfängt , mit der kindischen Hand in meine Kreise zu tappen . Er will mir trotzen - meinen Gang aufhalten , er stellt sich kühn in meinen Weg : Er - mir ! wohlan , so trag ' er denn die Folgen . « Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal der Regentin , wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und durch die eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige Ruhe wiedergab . Er sorgte dafür , zahlreicher Zeugen für all ' seine Schritte an diesem verhängnisvollen Tag sich zu versichern . Beim Sinken der Sonne ging er mit Cassiodor und einigen andern Römern , seine Verteidigung für den nächsten Tag beratend , in den Garten , in dessen Laubgängen er sich umsonst nach Kamilla umsah . Diese war , sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört , in den Hof des Palastes geeilt , wo sie zu dieser Stunde den König mit den andern jungen Goten seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte . Nur sehen wollte sie ihn , noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen ihr großes Unrecht abbitten . Sie hatte ihn verabscheut , von sich gestoßen , ihn als mit dem Blut ihres Vaters befleckt gehaßt - ihn , der sich für diesen Vater geopfert , der ihre Brüder gerettet hatte ! Aber sie fand ihn nicht im Hof . Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten ihn in seinem Arbeitszimmer fest . Auch seine Waffengesellen fochten und spielten heute nicht : in dichten Gruppen beisammenstehend , priesen sie laut den Mut ihres jungen Königs . Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein : stolz errötend , selig träumend wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen Lieblingsstätten die Spuren des Geliebten . Ja , sie liebte ihn : kühn und freudig gestand sie sich ' s ein : er hatte es tausendfach um sie verdient . Was Gote , was Barbar ! Er war ein edler herrlicher Jüngling , ein König , der König ihrer Seele . Wiederholt wies sie die begleitende Daphnidion aus ihrer Nähe , daß diese nicht höre , wie sie wieder und wieder den geliebten Namen selig vor sich hinsprach . Endlich am Venustempel angelangt , versank sie in süße Träume über die Zukunft , die unklar , aber golden dämmernd , vor ihr lag . Vor allem beschloß sie , dem Präfekten und ihrer Mutter schon morgen zu erklären , nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den König zählen zu sollen . Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten und dann - dann ? sie wußte nicht was dann werden solle : aber sie errötete in holden Träumen . Rote , duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden Büschen : in dem dichten Oleander neben ihr sang die Nachtigall , eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren Füßen . Elftes Kapitel . Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den Sandwegen . Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt , daß sie nicht Athalarich vermutete . Aber es war der König : verändert in Haltung und Erscheinen , männlicher , kräftiger , fester . Hoch trug er das sonst zur Brust gebeugte Haupt und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hüfte . » Gegrüßt , gegrüßt , Kamilla , « rief er ihr laut und lebhaft entgegen . » Dein Anblick ist der schönste Lohn für diesen heißen Tag . « So hatte er noch nie zu ihr gesprochen . » Mein König , « flüsterte sie erglühend . einen leuchtenden Blick noch warfen die braunen Augen auf ihn : dann senkten sich die langen Wimpern . Mein König ! so hatte sie ihn nie genannt , solchen Blick ihm nie geschenkt . » Dein König ? « sagte er , sich neben ihr niederlassend , » ich fürchte , so wirst du mich nicht mehr nennen , wenn du erfährst , was alles heute geschehen . « » Ich weiß alles . « - » Du weißt ? Nun dann , Kamilla , sei gerecht : schilt nicht , ich bin kein Tyrann . « Der Edle , dachte sie , er entschuldigt sich um seine schönsten Taten . » Sieh , ich hasse die Römer nicht , der Himmel weiß es - sie sind ja dein Volk ! - ich ehre sie und ihre alte Größe , ich achte ihre Rechte . Aber mein Reich , den Bau Theoderichs , muß ich beschützen , streng und unerbittlich , und weh der Hand , die sich dawider hebt . Vielleicht , « fuhr er langsamer und feierlich fort , » vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den Sternen - gleichviel , ich , sein König , muß mit ihm stehen und fallen . « » Du sprichst wahr , Athalarich , und wie ein König . « » Dank dir , Kamilla ! wie du heut gerecht bist oder gut ! Solcher Güte darf ich wohl anvertrauen , welcher Segen , welche Heilung mir geworden . Sieh , ich war ein kranker , irrer Träumer : ohne Halt , ohne Freude , dem Tode gern entgegenwankend . Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs , die tätige Sorge um mein Volk : und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die Liebe , die mächtige Liebe zu meinen Goten , und diese stolze und bange und wachsame Liebe für mein Volk , sie hat mein Herz gestärkt und getröstet für ... für andres bitter schmerzliches Entsagen . Was liegt an meinem Glück , wenn nur dies Volk gedeiht : sieh , der Gedanke hat mich gesund gemacht und stark und wahrlich ! des Größten könnt ' ich jetzt mich unterwinden . « Er sprang auf , beide Arme wiegend und schwingend . » O , Kamilla , die Ruhe verzehrt mich ! O , ging es zu Roß und in waffenstarrende Feinde ! Sieh , die Sonne sinkt . Es ladet die spiegelnde Flut . Komm , komm mit in den Kahn . « Kamilla zögerte . Sie blickte um . » Die Dienerin ? Ach laß sie ! ! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle , sie schläft . Komm , komm rasch , eh ' die Sonne versinkt . Sieh die goldne Straße auf der Flut . Sie winkt ! « - » Zu den Inseln der Seligen ? « fragte das liebliche Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend . » Ja , komm zu den seligen Inseln ! « antwortete er glücklich , hob sie rasch in den Kahn , löste dessen Silberkette von den Widderköpfen des Kais , sprang hinein , ergriff das zierliche Ruder und stieß ab . Dann legte er das Ruder in die Öse zur Linken : und im hintern Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er zugleich , eine schöne und malerische Bewegung , und ein echt germanischer Fergenbrauch . Kamilla saß vorn , nahe dem Schnabel des Kahns , auf einem Diphros , dem griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl , und sah ihm in das edle Antlitz , das von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war : sein dunkles Haar flog im Winde , und herrlich waren die raschen und kräftigen Bewegungen des fein gebauten Ruderers zu schauen . Beide schwiegen . Pfeilschnell schoß die leichte Barke durch die glatte Flut . Flockige , rosige Abendwölklein zogen langsam über den Himmel , der leise Wind führte von den Mandelgebüschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich , und rings war Schimmer , Ruhe , Harmonie . Endlich brach der König das Schweigen und sprach , dem Boot einen kräftigen Druck gebend , daß es gehorsam vorwärts schoß : » Weißt du , was ich denke ? Wie schön muß es sein , ein Reich , ein Volk , viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und Glanz . - Was aber sannest du , Kamilla ? Du sahst so mild , es sind gute Gedanken gewesen . « Sie errötete und blickte seitab in die Flut . » O sprich doch , sei offen in dieser schönen Stunde . « » Ich dachte , « flüsterte sie vor sich hin , das feine Köpfchen noch immer abgewendet , » wie schön muß es sein , von treuer , geliebter Hand , der man so ganz vertraut , gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens . « - » O Kamilla , glaub ' mir , auch dem Barbaren kann man sich vertraun . « - - » Du bist kein Barbar ! Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig überwindet und schweren Undank mit Huld vergilt , ist kein Barbar , er ist ein edles Menschenbild , wie je ein Scipio gewesen . « Entzückt hielt der König im Rudern inne , das Schiff stand : » Kamilla ! träum ich ? sprichst du das ? und zu mir ? « » Mehr noch , Athalarich , mehr ! ich bitte dich , vergib , daß ich dich so grausam von mir gestoßen . Ach , es war nur Scham und Furcht . « - » Kamilla , Perle meiner Seele « - Diese , welche das Gesicht dem Ufer zuwandte , rief plötzlich : » was ist das ? Man folgt uns . Der Hof , die Frauen , meine Mutter . « So war es , Rusticiana hatte , von des Präfekten furchtbarem Wink getrieben , ihre Tochter im Garten gesucht . Sie fand sie nicht . Sie eilte nach dem Venustempel . Umsonst . Umherschauend sah sie plötzlich die beiden , ihr Kind mit ihm allein , auf dem Schiff , fern im Meer . Im höchstem Zorn flog sie an den Marmortisch , an dem die Sklaven eben den Abendbecher des Königs mischten , schickte sie die Stufen hinab , eine Gondel zu lösen , gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und stieg gleich darauf mit Daphnidion , die ihr zorniger Ausruf geweckt , die Stufen hinab nach dem Schiff . Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der Präfekt und seine Freunde , die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle führte . Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand , in den Kahn zu steigen . » Es ist geschehen , « flüsterte sie ihm dabei zu und die Gondel stieß ab . In diesem Augenblick war es , daß das junge Paar auf die Bewegung am Ufer aufmerksam wurde : Kamilla stand auf , sie mochte erwarten , der König werde das Schiff wenden . Aber dieser rief : » Nein , sie sollen mir diese Stunde nicht rauben , die schönste meines Lebens . Ich muß noch mehr von diesen süßen Worten schlürfen . O , Kamilla , du mußt mir mehr , du mußt mir alles sagen . Komm , wir landen auf der Insel dort , da mögen sie uns finden . « Und mächtig ausgreifend drückte er mit aller Kraft auf das Ruder , daß das Fahrzeug wie beflügelt dahinschoß . » Willst du nicht weiter sprechen ? « » O , mein Freund , mein König - dringe nicht in mich . « Er sah nur ihr in das liebliche Antlitz , in das leuchtende Auge , nicht mehr auf Weg und Ziel . » Nun warte dort auf der Insel - dort sollst du mir « - - Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdröhnte ein dumpfer Krach , das Schiff war angeprallt und fuhr schütternd zurück . » Himmel ! rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes sehend : ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen . « » Das Schiff ist geborsten - wir sinken , « sprach sie erbleichend . - » Hierher zu mir , laß mich sehen , « rief Athalarich vorspringend . » Ah , das sind die Nadeln der Amphitrite - wir sind verloren . « Die Nadeln der Amphitrite - wir wissen , man konnte sie von der Terrasse des Venustempels kaum erkennen - waren zwei schmale , scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nächsten der Laguneninseln : sie ragten kaum über den Wasserspiegel , bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg . Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht vermieden : aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt . Mit einem Blick übersah er die Lage . Es gab keine Rettung . Ein Brett im Boden des leicht gezimmerten Gefährts war durch den Anprall an der Klippe zertrümmert , gewaltig drang das Wasser durch den Leck . Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde . Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das Ufer zu erreichen , konnte er nicht hoffen , und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst abgestoßen . Mit Blitzesschnelle hatte er all ' das überschaut , erwogen , eingesehen , und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen . » Geliebte , du stirbst , « jammerte er verzweifelnd , » und ich , ich hab ' s verschuldet . « Und er umfaßte sie stürmisch . » Sterben ? « rief sie , » o nein ! nicht so jung , nicht jetzt sterben ! Leben , leben mit dir . « Und sie klammerte sich fest an seinen Arm . Der Ton , die Worte durchschnitten sein Herz . Er riß sich los , er sah nach Rettung ringsumher , umsonst , umsonst - immer höher stieg das Wasser , immer rascher sank das Schiff . Er warf das Ruder weg . » Es ist aus , alles aus , Geliebte . Laß uns Abschied nehmen . « - » Nein ! nicht mehr scheiden ! Muß es gestorben sein : - o dann hinweg alle Scheu , welche die Lebendigen bindet « - und glühend drückte sie das Haupt an seine Brust - » o laß dir sagen , laß dir noch gestehn , wie ich dich liebe , wie lange schon , seit - seit immer . All ' mein Haß war ja nur verschämte Liebe . Gott , ich liebte dich schon , da ich wähnte , ich müsse dich verabscheuen . Ja du sollst wissen , wie ich dich liebe . « Und sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Küssen . » O , jetzt will ich auch sterben - lieber sterben mit dir als leben ohne dich . Aber nein « - und sie riß sich von ihm los - » du sollst nicht sterben - laß mich hier , springe , schwimme , versuch ' s , du allein erreichst die Insel wohl - versuch ' s und laß mich . « » Nein , « rief er selig , » lieber sterben mit dir als leben ohne dich . Nach so langem , langem Sehnen endlich Erfüllung ! Wir gehören einander auf ewig von dieser Stunde . Komm , Kamilla , Geliebte , laß uns hinab . « Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander . Er zog sie an sich , umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit über Wasser ragenden Steuergransen : schon schickte er sich zum jähen Sprunge an - da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung . Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze , die unfern von ihnen ins Meer ragte , ein Schiff mit vollen Segeln , das gerade auf sie loseilte . Das Schiff vernahm ihren Schrei , es erkannte jedenfalls die Lage des sinkenden Kahns , vielleicht die Person des Königs : vierzig Ruder , aus zwei Stockwerken von Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht , beförderten den Flug des raschen Fahrzeugs , das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln daherschoß . Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu , auszuharren und bald - es war die höchste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel , die augenblicklich versank , nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern Ruderstockwerks an Bord gerettet war . Es war ein kleines gotisches Wachtschiff , der goldene , steigende Löwe , das Wappen der Amalungen , glänzte auf der blauen Flagge : Aligern , ein Vetter Tejas , befehligte es . » Dank euch , wackre Freunde , « sprach Athalarich , da er wieder Worte gefunden , » Dank ! ihr habt nicht euren König nur , ihr habt eure Königin gerettet . « Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glücklichen , der die laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt . » Heil unsrer schönen jungen Königin ! « jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte donnernd nach : » Heil , Heil unsrer Königin ! « In diesem Augenblick rauschte der Segler an dem Kahn Rusticianens vorbei : der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige aus der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung , die sie ergriffen , da die beiden erschrockenen Rudersklaven die Gefahr des jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und zugleich erklärt hatten , es sei ihnen unmöglich , sie rechtzeitig aus den Wellen zu retten . Da war sie besinnungslos Daphnidion in die Arme gefallen . Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher . Sie staunte : war es ein Traumbild , was sie sah ? oder war es wirklich ihre Tochter , die dort auf dem Deck des Gotenschiffs , das stolz an ihr vorüberrauschte , an der Brust des jungen Königs lag ? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen : » Heil , Kamilla , unsrer Königin ? « Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung , sprachlos , lautlos . Aber das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorüber und dem Lande nah . Es ankerte außerhalb der seichten Gartenbucht , eine Barke ward herabgelassen , das gerettete Paar , Aligern und drei Matrosen sprangen hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan , wo , außer Cethegus und seiner Begleitung , eine Menge von Leuten sich versammelt hatte , die vom Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten , die Geretteten zu begrüßen . Unter Glückwünschen und Segensrufen stieg Athalarich die Stufen hinan . » Seht hier , « sprach er , vor dem Tempel angelangt , » sehet , Goten und Römer , eure Königin , meine Braut . Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt , nicht wahr , Kamilla ? « Sie sah zu ihm auf , aber heftig erschrak sie : die Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum Genesenen übermächtig erschüttert : sein Antlitz war marmorblaß , er wankte und griff wie Luft schöpfend krampfhaft an seine Brust . » Um Gott , « rief Kamilla , einen Anfall des alten Leidens fürchtend , » dem König ist nicht wohl . Rasch den Wein , die Arznei ! « Sie flog an den Tisch , ergriff den Silberbecher , der bereit stand , und drängte ihn in seine Hand . Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner Bewegungen . Schon setzte er den Becher an die Lippen , aber plötzlich ließ er ihn nochmal sinken , er lächelte : » du mußt mir zutrinken , wie " s der gotischen Königin ziemt an ihrem Hof , « und er reichte ihr den Pokal : sie nahm ihn aus seiner Hand . Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend heiß . Er wollte hinzustürzen , ihr den Trank aus der Hand reißen , ihn verschütten . Aber er hielt sich zurück . Tat er ' s , so war er unrettbar verloren . Nicht nur morgen als Hochverräter , nein , sofort als Giftmörder angeklagt und überführt . Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt , die Zukunft Roms . Und um wen ? - Um ein verliebtes Mädchen , das treulos zu seinem Todfeind abgefallen . - - Nein , sagte er kalt zu sich , die Faust zusammendrückend , sie oder Rom : - also sie ! Und ruhig sah er zu , wie das Mädchen , hold errötend , einen leichten Trunk aus dem Becher nahm , den der König darauf tief schlürfend bis zum Grund leerte . Er zuckte zusammen , da er ihn auf den Marmortisch niedersetzte . » Kommt hinauf ins Palatium , « sprach er fröstelnd , den Mantel über die linke Schulter schlagend , » mich friert . « Und er wandte sich . Da traf sein Blick auf Cethegus : er stand einen Augenblick still und sah dem Präfekten eindringend ins Auge . » Du hier ? « sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu : da zuckte er nochmal und stürzte mit einem jähen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder . » Athalarich ! « rief Kamilla und warf sich taumelnd über ihn . Der alte Corbulo sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu : » Hilfe , « rief er , » sie stirbt - der König ! « » Wasser ! rasch Wasser ! « sprach Cethegus laut . Und entschlossen trat er an den Tisch , ergriff den Silberbecher , bückte sich , spülte ihn schnell , aber gründlich in der Quelle und neigte sich über den König , der in Cassiodors Armen lag , indes Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Knie legte . Ratlos , entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen Gestalten . » Was ist geschehen ? Mein Kind ! « mit diesem Schrei drängte sich Rusticiana , die soeben gelandet , an der Tochter Seite . » Kamilla ! « rief sie verzweifelt , » was ist mit dir ? « » Nichts ! « sagte Cethegus ruhig , sich prüfend über die beiden beugend . » Es ist nur eine Ohnmacht . Aber den jungen König hat sein Herzkrampf hingerafft . Er ist tot . « Drittes Buch . Amalaswintha . » Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart , sondern kräftig wahrte sie ihr Königtum . « Prokop , Gotenkrieg , I. 2. Erstes Kapitel . Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs plötzliches Ende die gotische Partei , die an diesem nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt hatte . Alle Maßregeln , die der König in ihrem Sinne angeordnet , waren gelähmt , die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat , an dessen Spitze jetzt die Regentin ganz allein gestellt war . Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem Präfekten ein . Er fand diesen in ruhigem , festem Schlaf . » Und du kannst schlafen , ruhig wie ein Kind , nach einem solchen Schlag ! « - » Ich schlief , « sagte Cethegus , sich auf den linken Arm aufrichtend , » im Gefühle neuer Sicherheit . « - » Sicherheit ! ja für dich , aber das Reich ! « » Das Reich war mehr gefährdet durch diesen