auf einen Lärchenbaum geklettert , hat sich von einem Wipfel auf den andern geschwungen wie eine Waldkatz ; und da haben die Leut ' gesehen , daß er doch wer ist . Aber das Hieselein haben sie ihn spottweise geheißen . - Nachher - ja freilich wohl - hat er sich ein Mädel ausgesucht - « » Das allerschönste im Wald ! « unterbricht sie der Kranke wieder , » und ein solcher Hoffartsteufel ist in ihm gewesen , daß er - der Halbkrüppel - demselbigen Mädchen die Treu ' nur versprochen , im Fall er kein schöneres mehr sollt ' finden . Heiliges Kreuz , was ist da nicht gerauft worden ! Andere haben das Mädel auch haben wollen . Dem Vornehmsten und Saubersten hab ' ich die Adelheid an der Nase vorbei heimgeführt , und eine Bravere hätt ' ich nimmer finden mögen . « Wieder schweigt er und überläßt sich dem Halbschlummer . » Fürchterliche Schläg ' hat er oftmalen bekommen , « sagt das Weib , » aber auf den Füßen ist er geblieben , und da hat ihn einer herumschleudern mögen , wie der Will ' . Zu jedem Samstagabend hat er sein Messer geschärft für das Erlholzschneiden ; aber oftmalen hab ' ich gebeten : lieber Mann , um Christi willen , laß das Messerschärfen sein ! - Allerweg hat ' s mir geschwant , einmal werden sie ihn bringen auf der Tragbahr . - Und sonst , wenn er nüchtern gewesen , da hat ' s gar keinen besseren , fleißigeren und hilfreicheren Menschen gegeben im ganzen Waldland , als den Mathes . Da hat er lustig sein und wie ein Kind lachen können . Freilich ist ihm , weil er Soldatenflüchtling , sein Heimatsgut draußen im Land verfallen gewesen ; aber mit bluteigenen Händen hat er die Kinder ernährt , und gar für andere Leut ' , die sich nichts mehr erwerben mögen , hat ' s noch gelangt . Wegen seiner Redlichkeit und Verläßlichkeit haben sie ihn im Holzschlag zum Meisterknecht gemacht . Und dennoch hat zum Sonntag der Wirt die Händ ' über den Kopf zusammengeschlagen , ist das Hieselein gekommen , das sie nun schon allfort das schwarze Hieselein geheißen haben . Ist es auch voll Gemütlichkeit zur Tür hereingegangen , so ist doch darauf zu schwören gewesen , daß es ohne Raufen nicht abgeht . Er hat ' s nicht lassen mögen . Dasselb ' ist aber wahr , nüchtern geworden , hat er jedem alles wieder abgebeten . - Zuletzt aber , du meine heilige Mutter Gottes , da ist das Abbitten nicht mehr angegangen . - Die Holzschläger sind all ' zusamm ' gekommen , daß sie dem Raufer , gleichwohl er ihr Meisterknecht , im Wirtshaus den Herrn einmal zeigen . Erstlich , wie sie sehen , daß er Branntwein trinkt , ein Glas ums andere , haben sie angefangen , ihn zu necken und zu höhnen , bis er wild wird und drein fährt . Sie sind all ' über ihn her . Und zur selbigen Stund ' hat ihn der Schutzengel verlassen ; eine Hand frei , fährt er nach dem Messer , stößt es dem Köhler Bastian in die Brust . - Jetzt haben sie den Mathes geschlagen , daß er liegen geblieben auf der Erden . Zwei Wurzner haben ihn heimgetragen . « Drauf spricht er : » Das aber sag ' ich , daß ich so nicht versterben mag . Aufsteh ' ich und geh ' zum Gericht , und klag ' andere an , daß ich den Bastian hab ' erstochen . Von den hinterlistigen Werbern an , die mich aus meinem Jugendfrieden in die blutige Welt geliefert haben , wo ich geschändet worden - - bis auf den Köhler Bastian , der mir mit Hohn und Spott selber noch das Messer aus der Scheiden hat gelockt - - alle ruf ' ich vor den Richterstuhl , alle müssen dabei sein , wenn mir der Henker den Hals bricht . « Das Weib kreischt auf ; der Mann sinkt röchelnd auf das Moos zurück . Da hüpfen und jauchzen die Kinder zur Tür herein . Sie zerren ein weißes Kaninchen bei den Ohren mit sich , lassen es in der Stube frei und der Knabe verfolgt es . Das bedrängte Tier hüpft zum Mooslager und dem Kranken über die Beine . Im Winkel bleibt es sitzen und schnuppert und sieht mit seinen großen Augen angstvoll hervor . Der Knabe schleicht ihm bei und erwischt es bei den Beinen . Da winselt es und beißt den Verfolger in den Finger . - » Wart du ! wart du , Rabenvieh ! « wütet der Knabe und wird glührot im Gesicht , und seine Finger graben sich krampfig in den Hals des Tieres - und ehe noch Mutter und Schwester dazwischen kommen - ist das Kaninchen tot . Der Mathes schlägt sich die Hände in das Gesicht und ruft : » Jetzt lebt der Zornteufel auch in meinen Kindern fort , das muß ich noch erfahren ! « Wenige Minuten hernach bricht der Mann in Tobsucht aus . Noch an demselben Abend ist er gestorben . Den schwarzen Mathes haben sie im Wald eingescharrt . Das Weib hat unsäglich geweint auf dem Hügel , und als sie endlich von dannen geführt ist worden , da ist der Einspanig gekommen und hat auf das Grab ein Tannenbäumlein gepflanzt . Am Tage der Geburt Mariens 1814 Und so bin ich in den Winkelwäldern herumgegangen . Ich bin im Hinterwinkel gewesen und in den Miesenbachschluchten , und in den Karwäldern und in den Lautergräben und in der Wolfsgrube und im Felsentale und auf den Triften der Almen , und drüben in der Senke , wo der schöne See liegt . Ich habe diese wundersame Alpengegend kennen gelernt und zum großen Teile auch die Menschen , die in ihr wohnen . Ich habe mich bei den Alten eingeführt und mit den Jungen bekannt gemacht . Es kostet Mühe und es gibt Mißverständnisse . Die besten dieser Leute sind nicht so gut und die schlechtesten nicht so schlecht , als ich mir vorzeiten gedacht habe . Ein paar Ausnahmen aber - deucht mir schier - gibt es doch . Ich muß sogar ein wenig unredlich sein ; sie dürfen es nicht wissen , weshalb ich da bin . Viele halten mich für einen Flüchtling und sind mir deshalb gewogen . Ein Mensch , den diese Wäldler gern haben mögen , muß von der Welt verachtet und verbannt sein , muß schier so wild und glück- und sorglos sein , wie sie selbst . Ich habe mich denn auch um eine Arbeit umsehen müssen . Ich flechte Körbe aus Rispenstroh und Weiden , ich sammle und bereite Zunder , ich schnitze aus Buchenholz Spielsachen für Kinder . Ich habe mich schon so sehr in dem Zutrauen der Leute befestigt , daß sie mich das Schärfen der Arbeitswerkzeuge lehren , so daß ich den Holzschlägern die Beile und Sägen scharf zu machen verstehe . Das bringt mir manchen Groschen ein und ich nehme ihn an - muß ja angewiesen sein auf meiner Hände Arbeit , wie alle hier . In meiner Stube sieht es bunt aus . Und da sitze ich , wenn draußen schlecht Wetter oder der lange Herbstabend ist , zwischen den Weidenbüscheln und Holzstücken und den verschiedenen Werkzeugen , und schaffe . Selten bin ich allein dabei ; es plaudert mir meine Hauswirtin vor , oder es sitzt ein Pecher oder Wurzner , oder Kohlenbrenner neben mir und schmaucht sein Pfeifchen und sieht mir schmunzelnd zu , wie ich das alles anfange und zu Ende bringe , und greift letztlich wohl gar selber an . Oder es sind Kinder um mich , denen ich Märchen erzähle , oder die mit den Schnittspänen spielen , bis auch das Spielzeug in meiner Hand fertig ist . An Sonntagen sitzt gar der Förster stundenlang bei mir und hört meine Erfahrungen und Pläne wegen der Winkelwaldleute . Wir besprechen allerlei , und zuweilen schreibe ich einen langen Brief an den Herrn des Waldes . Die Holzschläger , die früher drüben in den Lautergräben gerodet haben , ziehen sich immer mehr gegen das Winkel herüber , und schon einige Male hab ' ich durch den stillen Wald das Donnern eines fallenden Baumes vernommen . Von der Lauterkuppe schaut seit einigen Tagen eine blaßrote Tafel herab , die sich von Tag zu Tag ausdehnt und in der Morgensonne fremd zwischen dem dunkeln Grüne des Waldes niederleuchtet . In den Schluchten der Winkel gegen die Straße hinaus arbeiten Steinbrecher und Teichgräber ; es wird ein Fahrweg angelegt , daß die Kohlen und Holzstämme besser hinausbefördert werden können . Ich gehe gern zu den Arbeitern herum und sehe ihnen zu , und spreche mit ihnen , auf daß ich mir in den Dingen einige Erfahrungen sammle . Zuweilen aber sind die Leute doch ein wenig mißtrauisch gegen mich und begegnen mir mit ihren Vorurteilen . Ich trage gern ein Büchel von Wolfgang Goethe mit mir herum , und wo so ein schönes lauschiges Plätzel ist , da setze ich mich auf einen Rasen oder auf einen Stein und lese in dem Buche . Dabei bin ich schon mehrmalen aus dem Hinterhalte beobachtet worden . Und da schleicht im Walde das Gerücht herum , ich sei ein Zauberer und hätte ein Büchlein mit lauter Zaubersprüchen . Ich habe nachgedacht , ob mir dieser seltsame Nimbus für meine Pläne anfangs nicht einigen Vorteil brächte . Gewiß sind die Eltern leicht zu bewegen , ihre Kinder von mir das Lesen lernen zu lassen , wenn ich ihnen sage : versteht einer nur erst die Zaubersprüche in dem Büchlein , so kann er teufelbeschwören , schatzgraben , wettermachen , oder je nach Bedarf die Wettermacher unschädlich halten nach Belieben . Ich denke , daß selbst Erwachsene und gar Grauköpfe ihre Arbeitswerkzeuge fallen lassen und zu mir in die Schule gehen würden . - Von mir aber wäre es schändlich und ich täte dadurch nur das Verkehrte erreichen von dem , was ich will . Nicht , daß die Leute lesen und schreiben lernen ist die Hauptsache , sondern , daß sie von den schädlichen Vorurteilen befreit werden und ein reines Herz haben . Freilich könnte ich ihnen später Bücher der Sittenlehre unterschieben und sagen : da drin stehen die echten Zaubersprüche , aber die Getäuschten hätten kein Vertrauen mehr zu mir , und das Übel wäre größer , anstatt kleiner . Nicht auf Umwegen wollen wir schleichen ; eine gerade Straße hauen wir durch das Urgestämme . Ich habe aus dem Buche den Leuten einige Male Lieder vorgelesen ; den Mädchen das » Heideröslein « und den Burschen das » Christel « gelehrt . Gleich haben sie - ich weiß gar nicht , woher - eine Weise dazu , und jetzt werden die Lieder im Walde schon gesungen . Und so ist nun der Herbst gekommen . Der Himmel ist , wenn die Morgennebel in den Tälern sich lösen , hell und rein und alle Wolken sind aufgesogen . Die Nadelwälder sind dunkelbraun , die Laubhölzer sind gelb oder rot , und auf der Talwiese grünt es frisch , oder es liegt auf derselben das Silber des Reifes . In diesen Wäldern ist der Herbst buntfarbiger und fast lieblicher , als der Lenz . Der Frühling ist ein übermütiges Glitzern und Schillern , Singen und Jauchzen allerwege ; der Nachsommer hingegen ist , wie ein stiller , feierlicher Sonntag . Da horcht und gehorcht nichts mehr der Erde ; da lauscht alles ahnungsvoll dem Himmel und der Atem Gottes säuselt stimmungsvolle Lieder durch die goldenen Saiten der milden Sonne . Der Himmel ist ja so redlich geworden , er hält tagsüber mehr , als er des Morgens mit seinen nebeltrüben Augen verspricht . Man schaut in sein blaues , stilles Aug ' .... Dort sitzt an einem Waldfeuer der Hirtenknabe . Er tut runde Dingelchen aus dem Sack und schiebt sie in die Glut . » Sage mir , Junge , woher hast du die Erdäpfel ? « Er wird rot und sagt : » Die Erdäpfel , die - die hab ' ich gefunden . « » Gesegne dir sie Gott , aber ein andermal finde sie nicht mehr , sondern gehe die Winkelhüterin an , wenn du Hunger hast ; sie schenkt sie dir . « - Geschenkte schmecken nicht , gefundene tun ' s besser , ist auch das Salz schon dabei , gelt ? Dort steht ein Strauch , der hat sich gestern abends mit einem Kettlein von Tauperlen geschmückt ; heute ist der Tau erstarrt und brennt der Pflanze schier das Herze ab . Ich habe an einem solchen Nachsommertage einmal eine sehr alte Frau im Walde sitzen gesehen . Diese Frau hat einst ein Kind gehabt . Das ist in die neue Welt gegangen , ins heiße Brasilien , um das Gold zu suchen . Der herbstliche Gesichtskreis ist so grenzenlos klar , daß die Mutter in die ferne Vergangenheit vermag zu schauen , wo der Liebe Knabe steht . Sie schaut ihn an , sie lächelt ihm zu , sie schlummert ein . Am andern Morgen sitzt sie noch auf dem Stein und hat einen weißen Mantel um . Der Schnee ist da , der Nachsommer ist vorbei . Und über das Wasser schifft ein Blatt Papier , das zieht gegen die heißen Zonen Südamerikas . Einem sonnenverbrannten Mann gibt es Nachricht vom fernen Daheim : Mutter im Walde gestorben . - Ein kleines Tränlein windet sich mühsam zwischen den Wimpern hervor , die Sonne saugt es rasch auf und nach wie vor heißt die Losung : Gold ! Gold ! Käme noch ein einziger Brief zurück ins alte Mutterland , er müßte erzählen : der Sohn im Golde erdrückt . - Was träume ich hier ? Es ist der Weltlauf , der mich nichts angeht . Ich will Frieden haben mitten im stillen Herbsten dieses Waldes . Dort oben in der Buchenkrone löset sich ein müdes Blättchen los , sinkt von Ast zu Ast und tänzelt an unendlich zarten schillernden Spinnfäden vorüber und hernieder zu mir auf den kühlen Grund . - Die Menschen in der Ferne , mit denen ich vormaleinst gelebt , was werden sie treiben ? Das außerordentliche Mädchen blüht immer - immer - auch im Herbst ; - im Sachsenland werden die dürren Blätter wehen über Gräbern .... Einsamkeit kann einsam Leid nicht bannen . - - Ich muß mich nach Dingen umsehen , die mich zerstreuen und erheben und die mich nicht einseitig werden lassen in meiner Umgebung . Ich habe begonnen , Pflanzenkunde zu treiben ; ich habe mit meinen Augen aus Büchern herausgelesen , wie die Eriken leben und die Heiderosen und andere ; und ich habe mit meinen Augen dieselben Pflanzen betrachtet , stunden- und stundenlang . Und ich habe keine Beziehung gefunden zwischen dem toten Blatt im Buche und dem lebendigen im Walde . Da sagt das Buch von der Genziane , diese Pflanze gehöre in die fünfte Klasse , unter dieser in die erste Ordnung , komme in den Alpen vor , sei blaublütig , diene zur Medizin . Es spricht von einer Anzahl Staubgefäßen , von Stempel und Fruchtknoten usw. Und das ist der armen Genziane Tauf- und Familienschein . O , wenn so eine Pflanze ihre eigene , mit eitel Ziffern gezeichnete Beschreibung selbst lesen könnte , sie müßte auf der Stelle erfrieren ! Das ist ja frostiger , wie der Reif des Herbstes . Das wissen die Waldleute besser . Die Blume lebt und liebt und redet eine wunderbare Sprache . Was wissen die nicht von der Schlüsselblume , vom Frauenschühlein , vom Muttergotteshäuberl , vom Schneeglöckel , vom Vergißmeinnicht für schöne Geschichten ! So gaukeln die kleinen Blumenseelen im Gemüte des Älplers umher . - Aber ahnungsvoll zittert die Genziane , naht ihr ein Mensch ; und mehr bangt sie vor dessen leidenschaftglühendem Hauche , als vor dem todeskalten Kusse des ersten Schnees . So bin ich der nicht Verstehende und Unverstandene . Sinnlos und planlos wirble ich in dem ungeheuren lebendigen Rade der Schöpfung . Verstünde ich mich nur erst selbst . Kaum nach dem Fieber der Welt zur Ruhe gekommen und mich des Waldfriedens freuend , drängt es schon wieder , einen Blick in die Ferne zu tun , so weit des Menschen Auge kann reichen . - Dort auf der blauen Waldesschneide möcht ' ich stehen und weit hinaus ins Land zu anderen Menschen sehen . Sie sind nicht besser wie die Wäldler und wissen auch kaum mehr ; jedoch sie sterben und ahnen und suchen dich , o Herr ! .... Auf der Himmelsreiter Eines schönen Herbstmorgens habe ich mich aufgemacht , daß ich den hohen Berg besteige , dessen höchste Spitze der graue Zahn genannt ist . - Bei uns im Winkel herunten ist doch allzu viel Schatten , und da oben steht man im Lichtrunde der weiten Welt . Es ist kein Weg , man muß gerade aus , durch Gestrüppe und Gesträuche und Gerölle und Zirmgefilze . Nach Stunden bin ich zu der Miesenbachhütte gekommen . Das junge heitere Paar ist schon davon . Die lebendige Sommerszeit ist vorbei ; die Hütte steht in herbstlicher Verlassenheit . Die Fenster , aus der sonst die Aga nach dem Burschen geguckt , sind mit Balken verlehnt ; der Brunnen davon ist verwahrlost und sickert nur mehr , und das Eiszäpfchen am Ende der Rinne wächst der Erde zu . Die Glocke einer Herbstzeitlose wiegt daneben , die läutet der versterbenden Quelle zu ihren letzten Zügen . Das Gartenbeet , das die Sennin im Sommer so sorgsam gepflegt hat , auf welchem lieblich die hellen Blüten haben geflammt , wuchert jetzt wild , halbverdorrt , zernichtet . O , wie sehnsuchtsvoll wartet im jungen Frühling unser Auge auf die ersten Blumen des Gartens ! Mit all unseren Mitteln stehen wir dem Beete bei in seinem Keimen ; wie schützen wir es in seinem Grünen und Blüten , und mit welch ' stolzer Freude bewundern wir sein hochzeitliches Prangen ! - Nun aber beginnt unsere Liebe für den Garten mählich zu erkühlen , wir reichen ihm nicht mehr unsere Hände . Allein prangt er weiter und wird eine wuchernde Wildnis von unsäglicher Schönheit . Aber umsonst - des Menschen Gemüt ist satt geworden und der Garten wuchert und verwuchert und verblaßt - unverstanden und unbeklagt . In meinem Gärtlein wachsen brennende Nesseln und Hummeln summen darin . Ich sollt ' wohl irgendwen haben , der es bestellt ! .... Geht hinweg , ihr bösen Geschichten ! Ein Narr könnt ' einer werden , wollt ' man dran denken .... Ich habe mich auf den Kopf des Wassertroges gesetzt und mein Frühstück verzehrt . Das ist ein Stück Brotes aus Roggen- und Hafermehl gewesen , wie es hier allerwärts genossen wird . Das ist ein Essen , wie es - buchstäblich - den Gaumen kitzelt , recht grobkörnig und voll Kleiensplitter . Draußen im Land , wo Weizen wächst , tät ' so ein Backwerk nicht schmecken ; hier ist es ganz der Gegenstand der Bitte : gib uns heut ' unser täglich Brot ! - Gibt aber auch Zeiten in dieser Gegend , in welcher der Herrgott selbst mit dem Haferbrote kargt ; da kommt gedörrtes Stroh und Moos unter den Mühlstein . - Mir gesegne Gott das Stück Brot und den Schluck Wasser dazu ! Mit dieser Zubereitung ihr Herrenköche , schmeckt alles gut . Nachher heb ' ich an , weiter zu steigen . Zuerst bin ich über das Kar hingegangen , aus dessen Mulden überall verwaschene Steine hervorquellen . Dazwischen stehen falbe Federgrasschöpfe und Flechtengefilze . Einige zarte , schneeweiße Blümlein wiegen sich auch und blicken ängstlich um sich , als hätten sie sich gar sehr verirrt in die Felsenöde herauf und möchten gerne wieder zurück . Von dem einst so schönen roten Meere der Alpenrosen stehen die spießigen Struppen des Strauches . Ich steige weiter , umgehe einige Felswände und die Kuppe des Kleinzahn , dann schreite ich einer Kante entlang , die sich gegen den Hauptgebirgsstock hinzieht . Da habe ich die augenblendenden Felder der Gletscher vor mir , glatt , leuchtend wie Elfenbein , sich hinlegend in weiten , sanften Lehnen und Mulden oder in schründigen , vielgestaltigen Eishängen von Höhe zu Höhe . Dazwischen ragen starre Felstürme auf , und dort in luftiger Ferne über die lichten Gletscher erhebt sich ein dunkelgrauer , scharfzackiger Kegel , weit emporragend über die höchsten Gipfel des Gebirges . Das ist mein Ziel , der graue Zahn . Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von den Gletschern her und das ganze unmeßbare Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen , daß ich über den grauen Zahn herüber jenen Stern hab ' erblickt , den wir zur ersten Morgen- oder Nachtstunde so wundersam leuchten sehen und den sie die Venus heißen . Es ist aber doch die Sonne gestanden hoch in dem Gezelt . Die fernen Schneeberge und Felshäupter sind so klar und niedlich gewesen , daß ich schier vermeint , sie lägen wenige Büchsenschußweiten vor mir und wären aus gleißendem Zucker geformt . Gegen Morgen hin fällt die Gegend ab in den welligen Grund des Waldes . Und die sonst so hochragenden Almweiden liegen tief wie in einem Abgrunde , und dort und da liegt das graue Würfelchen einer Almhütte . Von der Mitternachtsseite heran gähnen die schauerlichen Tiefen des Gesenkes , in deren Schatten das glanzlose Auge des Sees starrt . Nun bin ich ein paar Stunden den beschwerlichen und gefährlichen Weg der Kante entlang gegangen bis zu den Gletschern . Hier habe ich meine Steigeisen an die Füße gebunden , das Ränzlein enger geschnallt und den Bergstock fester in die Hand genommen . Der Bergstock ist ein Erbstück von dem schwarzen Mathes . Es ist in diesem Stock eine Unzahl kleiner Einschnitte , die aber nicht andeuten , wie oft etwan sein früherer Eigner den Zahn oder einen anderen Berg bestiegen , sondern wie viele Leute er im Raufen mit diesem Knittel zu Boden geschlagen hat . Ein unheimlicher Geselle ! - und mir hat er emporhelfen müssen über die weite , glatte Schneelehne , hinweg über die wilden Eisschründe und letztlich hinan den letzten steilen Hang auf die Spitze des Zahn . Hat ' s getreulich getan . Und wie gerne hätte ich von diesem hohen Berge aus dem nachgerufen in die Ewigkeit : Freund , das ist ein guter Stock , wärst hoch mit ihm gekommen , hättest ihn verstanden ! - Stehe ich jetzt oben ? Geht ' s nicht mehr weiter ? Wenn ich so ein Wesen tät ' sein , das sich an den Sonnenfäden könnt ' emporspinnen in das Reich Gottes .... Unter einem Steinvorsprung auf verwitterten Boden hab ' ich mich hingesetzt , hab ' die Dinge betrachtet . Hart um mich sind die feinen zerbröckelten Zacken der senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen . Über mir wogt vielleicht ein scharfer Luftstrom hin ; ich höre und fühle ihn nicht ; mich schützt der Felsvorsprung , die höchste Spitze des Zahn . Auf meine Glieder legt sich die freundliche Wärme des Sonnensternes . Die Ruhe und die Himmelsnähe tut wohl . Ich sinne , wie das wäre in der ewigen Ruh .... Und selig sein ! - ewig zufrieden und schmerzlos leben ; nichts wünschen , nichts verlangen , nichts fürchten und hoffen durch alle Zeiten hin ... Ob das nicht doch ein wenig langweilig wird ? Ob ich mir nicht etwan doch einmal Urlaub nehmen möcht ' , daß ich hier unten wieder könnt ' die Welt anschauen . Mein Gutsein dahier geht leichtlich in eine Nußschale hinein . Aber ich meine , wenn ich einmal oben wär ' : herunten wollt ' ich wieder sein . ' s ist ein Eigenes um irdisch Freud ' und Schmerz ! Nur eines wollt ' ich mir bedenken ; ginge ich auf Urlaub zurück . Ein gutes Engelein müßte mir seine Flügel mitleihen ; wie wollt ' ich fliegen über die weißen Höhen und sonnigen Gipfel und Kanten , bis in die Ferne dort , wo die Säge der Gebirgskette den lichten Himmel durchschneidet ; und auf jenem letzten weißen Zähnchen wollt ' ich ruhen und hinblicken in die Weiten des Flachlandes und zu den Türmen der Stadt . Vielleicht könnte ich den Giebel des Hauses erblicken , oder gar das Gefunkel des Fensters , an dem sie steht .... Und tät ich das Gefunkel desselbigen Fensters erblicken , dann wollt ' ich gern umkehren und zurück in den Himmel . Ob es wohl wahr ist , daß man von dieser Spitze aus das Meer kann sehen ? - Meine Augen sind nicht klar , und dort in Mittag zittert das Graue der Erde mit dem Grauen des Himmels ineinander . - Den festen Boden kenne ich ; was Moder ist , nennen sie fruchtbare Erde . Könntest du , mein Augenblick , nur ein einzigmal das weite Meer erreichen ! - - Als endlich die Sonne sich so hat gewendet , daß der blaue Schatten ist erschienen auf meiner steinigen Ruhestatt , da habe ich mich erhoben und bin emporgestiegen auf den allerhöchsten Punkt . Ich habe den Rundblick getan in die ungeheuere Zackenkrone der Alpen . Und danach bin ich niedergestiegen an den Felshängen , den Gletscherschründen , den Schneefeldern ; bin hingegangen auf dem langen Grat , bin endlich wieder herabgekommen auf die weichen Matten . Da sind vor mir wieder die Waldberge gewesen ; aus den Tälern ist die Dämmerung gestiegen . Diese hat mir fast wohlgetan ; vor meinem überreizten Auge hat es noch lange geflimmert und gefunkelt . Eine Weile habe ich die Hand davorgehalten . Und als ich meinen Blick wieder vermocht zu heben , da hat auf den Höhen das Gold der untergehenden Sonne geleuchtet . Wie ich zu der Miesenbachhütte komme , vor der ich des Morgens eine Weile gesessen bin , veranstaltet der schalkhafte Zufall eine Begebenheit . Ich denke , da ich so vorübergehen will , just darüber nach , wie freundlich und heimatlich ein bewohntes Menschenhaus dem Wanderer entgegengrüßt , hingegen aber , wie so eine leere verlassene Stätte gespensterhaft dasteht , schier wie ein hochragender Sarg . Da höre ich von der Hütte her plötzlich ein Gestöhne . Meine Füße , sonst recht müde schon , sind auf einmal federleicht geworden , haben davonlaufen wollen , aber der Kopf hat sie nicht fortgelassen , und die Ohren haben angestrengt gelauscht , und die Augen haben gelugt . Unter einem Winkel des Dachvorsprunges ist ein Pfauchen und Schnaufen , und da sehe ich gar was recht Sonderbares . Aus der braunen Holzwand ist ein Menschenhaupt mit Brust , zwei Achseln und einer Hand herausgewachsen , und allsamt ist es lebendig und zappelt , und von innen höre ich , wie die Füße poltern . Aha , denke ich , ein Dieb , der sich da drin vielleicht die Taschen ein wenig zu voll angestopft hat und beim Herauskriechen unselig stecken geblieben ist . - Es ist ein junger Kopf mit krausem Haar , aufgestrichenem Schnurrbärtl , weißem Hemdkragen und rotseidenem Halstuche , wie man das sonst Wäldern selten findet . Wie er mich gewahr wird , schreit er hell : » Du heiliges Kreuz , aber das ist ein Glück , daß da einer kommt . Erweiset mir die Guttat und helfet mir ein wenig nach , es braucht ja nur ein klein Ruckel . Das ist schon ein verflixt Fenster das ! « » Ja , Freund , « sage ich » da muß ich dich früher wohl ein wenig ausfragen . Wissen tät ich ' s , wer dich am leichtesten könnt ' herauskriegen ; der Gevattersmann mit der roten Pfaid , der tät ' dir schön sachte das Stricklein an den Hals legen , ein wenig anziehen - gleich wärst in der freien Luft . « » Dummheiten , « entgegnet er , » als ob der ehrlich Christenmensch nicht kunnt stecken bleiben , ist das Loch zu eng . Ich bin der Holzmeistersohn von den Lautergräben und geh ' heut über die Alm in den Winkelegger Wald hinab . Wie ich da an der Hütten vorbeigeh ' , seh ' ich die Tür angelweit offen , daß sie der Wind allfort hin- und herschlägt . ' s ist nichts drin , denk ' ich bei mir selber , gar nichts drin , was der Müh ' wert wäre , daß sie ' s forttrügen , aber eine offene Tür in einem stockleeren Haus mag eins nicht leiden ; über den ganzen Winter hindurch der Schnee hereinfliegen , das ist keine gute Sach ' . Die Sennin muß es eilig gehabt haben , wie sie ab ins Tal getrieben hat - das ist schon die Rechte , die alles offen läßt . - Nu , ich geh ' darauf hinein , mach ' die Tür zu und weil gar kein Schloß ist , rammle ich von innen ein paar Holzstücke vor , steig ' nachher auf die Bank , will durchs Rauchfenster hinaus und verklemm mich da , daß schon des Teufels ist . Ich hab ' dem Burschen aber noch nicht getraut und guck ' ihm eine Weile zu , wie er zappelt . » Und stecken bleiben , meinst , wolltest nicht da unter dem Dach , bis morgen ein paar Leut ' kommen und dich kennen täten ? « Da knirscht er mit seinen Zähnen und macht die heftigsten Anstrengungen , aus seiner bösen Lage zu entkommen . » Muß morgen in aller Früh zu Holdenschlag sein , « murmelt er . » Was willst denn zu Holdenschlag ? « sage ich . » Nu , mein Gott , weil eine Hochzeit ist ! « brummt er unwirsch . » Und mußt ' leicht wohl dabei sein ?