: die geliebte Gattin tot , den einzigen Sohn ferne auf eigenen , rauhen Wegen . Wahrlich , der Mann hätte versiechen müssen wie in der Wüste ein Quell , wenn nicht in unserer jungaufstrebenden Literatur sich eine Welt für seine freudige Beschaulichkeit eröffnet hätte . Mit dem Blicke des Humanisten und des Menschenfreundes folgte er auch den wildwuchernden Trieben jener Zeit , und sein Herz schlug in höchster Beseligung , wenn er etwas dauernd Edles für sein der veredelnden Schönheit so bedürftiges Volk entdeckt hatte ; am reinsten aber strahlte seine Freude , sobald er sie , seis auch nur einen schwachen Widerstrahl , erwecken sah . Er empfing daher das anklopfende Kind wie einen Sendling Gottes , denn bis zu einem gewissen Grade fand er in ihm Aufmerksamkeit und Verständnis für seine Welt . Jeden Nachmittag von diesem ersten ab kehrte ich in seiner Klause ein ; jeden Abend führte er mich zurück bis an die Schwelle jener anderen Klause , in welcher eine Eremitin entgegengesetzten Schlags ihre Weisheit vernehmen ließ , und seine Hoffnung wurde nicht müde , wenn auch die Lehren des alten Weltkindes eindringlicher als die des platonischen Jüngers in beider Zögling hafteten . So war ich denn in doppelter Weise in die hohe Schule der Reckenburg eingeführt , und wenige Studiosi werden sich rühmen dürfen , so selten ein unkluges oder verbrauchtes Wort von ihren Meistern gehört zu haben . Am lautesten und erweckendsten aber sprach mir die Dritte in dem bildenden Bunde : die Natur ? - nein , mit dem stolzen Namen nenne ich sie nicht , aber meine von Tage zu Tage inniger vertraute , altväterliche Flur . In ihr wußte ich mich auszufinden , in ihr kannte ich Weg und Steg , sie wurde die Welt , in der auch ich eines Tages zur Eremitin werden sollte . Die ursprüngliche Neigung trieb mich nicht in den Gesellschafts- und nicht in den Büchersaal , sie trieb mich in einen Winkel heimischer Erde , in dem ich mir eine Werkstatt gründen durfte . Indessen machte ich Fortschritte , und meine kluge Tante war nicht spröde , dieselben zu verwerten . Bald sah ich mich von der akademischen Lernfreiheit in Kontor und Schreibstube abgelenkt . Ich sagte bereits , daß ich gleich in den ersten Tagen zum Dolmetscher ihrer mündlichen Befehle berufen ward . Die knappe , präzise Art , mit welcher Meldung und Gegenmeldung ausgerichtet wurden , nicht minder die Schwäche , welche häufig genug die Feder aus der Hand der unermüdlichen Greisin sinken ließ , erweckten den Versuch auch im schriftlichen Gebiet . Bald vollzog ich unter ihrem Diktat die Anweisungen und Antworten an Beamte , Gerichtshalter , Behörden und so weiter ; mit rascher , deutlicher Handschrift wurde in wenigen Minuten expediert , womit die zitternden Finger sich tagelang abgequält hätten , und nach wenigen glücklich gelösten Stilproben sah ich mich zum selbständigen Sekretär der Reckenburg aufgerückt . Noch aber lag das Heiligtum des geheimnisvollen Kassabuchs unenthüllt auch vor meinen Blicken , und just für dieses Alpha und Omega ihres Tageslaufs bedurfte die glückliche Sammlerin am dringendsten eines zuverlässigen Disponenten , so daß am Ende auch aus dieser Not eine Tugend gemacht werden mußte . Ich will Euch , meine Freunde , nicht des breiteren mit meiner Reckenburger Lehrzeit beschäftigen , zumal ich in meiner Darstellung weit über die Gegenwart hinausgegriffen habe . Alles in allem : Ich wurde im Laufe der Jahre die rechte Hand der Gräfin in ihrem weitläufigen Geschäftsverkehr , sie erzog sich in mir einen Verwalter . Täglich arbeitete ich einige Stunden unter ihren Augen in dem verrufenen Turmgemach , und so geschah es , daß nach innen wie außen ich , und ich allein , den Wert eines Besitztums kennen lernte , welches eines Tages anzutreten ich weder ein Recht noch eine Aussicht hatte . Denn so fest ich mit der Zeit in das Vertrauen der Greisin hineinwuchs , darüber konnte ich mich nicht täuschen , daß nur ihr Verstand , nicht das Gemüt sich der Verwandtin zuneigte , die sie immer näher an sich zog . Sie half ihr arbeiten , weiter nichts . Nur eines Menschen Schicksal kümmerte sie noch auf Erden , nur im Hinblick auf einen Menschen ruhte die rastlose Seele aus . Ich aber mit dem natürlich spröden Herzen , wie hätte ich mich einem Wesen anschließen sollen , das mir so wenig entgegentrug ? Ich schätzte die Gräfin nach einem anderen Maßstabe , als die Welt es tat ; ich bildete mich in wesentlichen Punkten an ihrer Erfahrung , aber selber eine dankbare Empfindung ward nicht herausgefordert , denn ich leistete ihr mehr als sie gewährte , und ich leistete es ohne Eigennutz . Geliebt habe ich die einzige Verwandtin so wenig , wie sie mich . Zwischen dem alten Idealisten im Pfarrhause und der alten Realistin im Turm entwickelte sich die Jungfrau als ein herzensarmes Ding , so , ja mehr noch , wie vordem das Kind in der Schulstube Christlieb Taubes neben der kleinen , reizenden Dorl . Als die vorausbestimmte Zeit meiner Heimreise heranrückte , machte die Gräfin mir und den Eltern den Vorschlag meiner Rückkehr im nächsten Winter . Sie sprach ihn aus in weniger herablassender Form als die der ersten Einladung , aber doch nur als eine Gunst , keineswegs als einen Wunsch . » Wie du einmal bist , « sagte sie , » ist es gut für dich , der kleinstädtischen Beschränkung deines Vaterhauses zeitweise entrückt zu werden und dich in einer größeren Lebensordnung bewegen zu lernen . « Verlockender war die Einladung , welche an die wiederholentlich bewährte Leibpflegerin , » Madame Müllerin « , erging . Sie sollte zwar während des Sommers , der guten gräflichen Saison , mich in die Heimat zurückbegleiten , zum Herbst aber mit mir wiederkehren und sich dauernd in Reckenburg niederlassen . Ein fixes Gehalt für den Dienst im Schlosse wurde bewilligt , und zu freierer Bewegung in ihrer Kunst - den im Dorfe erledigten Posten einer Wehmutter eingeschlossen - das Waldhäuschen eingeräumt , das ursprünglich für den fürstlichen Hundewärter errichtet worden war , da aber der Fürst mit seiner Meute ausgeblieben , nicht als unveränderliches Erhaltungsinventar betrachtet zu werden brauchte . Ein Gärtchen , ein Stück Ackerland , freier Holzbedarf boten nicht minder lockenden Vorteil , und so sehen wir denn im folgenden Herbst Muhme Justine zur Zufriedenheit eingerichtet und als Helferin bei jeglicher Leibesnot in Schloß und Umgegend hochgeehrt . Die Tränke , welche sie aus selbstgesammelten Kräutern zu brauen verstand , halfen gegen Fieber und Verschlag , und halfen sie einmal nicht , so hatte der liebe Himmel es eben anders beschert , und die des Doktors würden noch weniger geholfen haben . Mit den Apothekern der Umgegend wurde ein lebhaftes Drogengeschäft unterhalten ; so fleißig die Hände sich rührten , sie langten kaum aus , den vielseitigen Ansprüchen zu genügen . Die Alte im Grafenschloß und die Alte im » Hundehaus « wetteiferten in jener Zeit in der Kunst des Aufsammelns und Sparens . Mir aber , dem Glückskinde , wenn mir aller Traumkunst zum Trotz die Millionen der reichen Tante entschlüpfen sollten , die Hunderte der armen Muhme würden mir nicht entgangen sein . Als ich wenige Tage vor meiner Heimreise von meiner Morgenwanderung in das Schloß zurückkehrte - daß ich es eingestehe , beklommenen Herzens , weil ich die Saaten , die ich legen und sprießen sah , nicht auch reifen und ernten sehen sollte - , überraschte mich ein lebhaftes Treiben , ein ungewohntes Gebrodel wie von Braten und Backwerk in den Wirtschaftsräumen . Ein Stückfaß wurde aus dem Keller in die Gesindestube getragen , Frauen und Kinder der Beamten gingen beladen mit Weinflaschen und Kuchenkörben nach ihren Behausungen zurück ; lange Tafeln für die Tagelöhner des Gutes standen gedeckt und reich besetzt . Ich fragte nach der Ursache dieser verwunderlichen Gastlichkeit , und männiglich wurde mir geantwortet , daß heute der Festtag der Reckenburg gefeiert werde . Wessen Festtag ? Der Kalender nannte keinen ; der Einzugstag der Gräfin fiel in den hohen Sommer : ihr Wiegenfest wurde mit Stillschweigen übergangen , da sie es nicht liebte , an ihr Alter erinnert zu werden . Der gefeierte Gegenstand war ein Geheimnis , wie so vieles auf der Reckenburg . Auch die herrschaftliche Tafel ward reich serviert , Wein nicht nur aufgesetzt , sondern auch getrunken . Beide Heiducken versahen den Dienst . Die Gräfin trug einen neuen Sammetmantel und eine stolze Straußenfeder auf ihrem spanischen Hut ; ein schier verächtlicher Blick streifte mein tägliches Kleid - ( noch immer von dem grasgrünen , unverwüstlichen Rasch ) . Als der Braten gereicht ward , ließ sie ihr Glas mit Champagner füllen , stieß mit mir an und sagte feierlich : » Auf sein Wohl ! « » Auf wessen Wohl ? « fragte ich verwundert . Ein zweiter , mehr als verächtlicher Blick wurde mir zugeschleudert . Was besagten meine Studien in der Bibliothek , wenn ich Stammbäume , genealogische Tabellen und Urkunden so wenig gewürdigt hatte , um über das wichtigste Datum der Reckenburg noch in Zweifel zu sein ? » Der 20. April , Prinz Augusts Geburtstag , « sagte sie scharf , nachdem sie ihr Glas auf einen Zug geleert hatte , und da sie aus meinen Mienen sehen mochte , daß sie das Rätsel mit einem neuen Rätsel gelöst , setzte sie hinzu : » Der Sohn meines hochseligen Gemahls und der Letzte seines durchlauchtigen Hauses . Gott erhalt ihn ! « Zum erstenmal hatte die Gräfin den Namen ihres Gemahls vor mir genannt , und zum erstenmal dämmerte mir die Ahnung , welchen Erben sie sich erkoren , vielleicht schon ernannt haben mochte . Als ich der Mutter später von dem Festtage der Reckenburg erzählte , sagte sie : » Ich habe niemals daran gezweifelt , daß die Gräfin nur zu des Prinzen Gunsten unsere Reckenburg so herrschaftlich erweitert hat « . » Für den Mosjö Sausewind ? « versetzte lachend der Vater ; » nun , weiß Gott , saurer als seinem Herrn Papa wird sie ihm das Durchbringen nicht werden sehen ! « » Nicht bei ihren Lebzeiten und jedenfalls nur als Fideikommiß ; das aber sei gewiß , Eberhard , die Gräfin läßt ihre Herrschaft nur in fürstlichen Händen . « Fünftes Kapitel Der Kehraus Der regelmäßige Briefwechsel zwischen den Eltern und mir war nichts weniger als kommunikativer Natur gewesen . In herkömmlichen Redensarten wurden gute Lehren gegen Versicherungen des Gehorsams ausgetauscht und das gegenseitige Wohlbefinden wünschend und lobend erwähnt . Vertrauliche Plaudereien schwarz auf weiß würden gegen die Würde des Verhältnisses verstoßen haben . Da gab es denn mündlich mancherlei zu berichten und zu berichtigen , was die ersten Tage des Wiederzusammenlebens füllte . Bald aber sollte ich inne werden , wie richtig mich meine alte Reckenburgerin erkannt . Ich hatte mich in der einsamen Freiheit ihres Hauses dem kleinstädtischen Wohnstubentreiben der Heimat bereits entfremdet . Auch zwischen der » alleruntertänigsten Magd , Dorothee Müllerin « , und der » treugesinnten Eberhardine von Reckenburg « war ein glückwünschender Neujahrsgruß , wie aus dem Komplimentierbuche geschnitten , gewechselt worden . Jetzt fand ich meine kleine Kameradin in ihrem behaglichen Mädchenstübchen und bräutlichen Witwenstande unverändert wieder . Man merkte kaum , daß sie in dem Halbjahre vollkommen zur Jungfrau erblüht war , so rund und kindlich waren Formen und Ausdruck geblieben . Sie putzte sich zierlicher als alle anderen Bürgerstöchter , pflegte Blumen und Vögel , stickte Flitterschuhe und Tellermützendeckel , mit deren Erlös sie das Budget für ihr Tändelwerk erhöhte ; sie backte wohlschmeckende Kringel und Brezelchen , welche in der Weinstube ihres Vaters guten Absatz fanden , und hatte sich zur Ausfüllung der bei alledem reichlichen Zeit auf die Lektüre geworfen . Mit glühenden Wangen sah ich sie die verwogenen Ritter- und süßlichen Liebesgeschichten der Leihbibliothek verschlingen , hörte auch , daß sie sich im Laufe des Winters fleißig der Musik gewidmet habe . Der zärtliche Christlieb Taube kam allsonntäglich zu einer Stunde im Gitarrenspiel von seinem unfernen Schuldorfe in die Stadt , und zweifle ich nicht , daß diese Stunde ihm die angenehmste der Woche gewesen sei . Da zwitscherte denn die Dorl mit ihrem Lerchenstimmchen die Arien , welche der modischen Lektüre entsprachen : » vom kühnsten aller Räuber , den der Kuß seiner Rosa weckt « , oder » von dem Robert , den Elise an ihr klopfendes Herz ruft « . » Jungfer Ehrenhardine « schüttelte gar weise den Kopf . Denn wenn auch die Kleine diese Bedenklichkeiten mit der kindlichen Unschuld las und sang , ohne es zu wissen , tat sie es aus Langeweile , der recht eigentlichen Mutter weiblicher Schuld . Sie bewunderte meine Gelassenheit bei der Nachricht , daß ein Trauerfall in der landesherrlichen Sippe laute Lustbarkeiten für die Donnerstagsgesellschaft während des Sommers verbiete . » Ich möchte Sie nur ein einziges Mal tanzen sehen , Fräulein Hardine , « sagte sie seufzend , » oder nur ein einziges Mal selber wieder tanzen , wie sonst mit dem gnädigen Herrn Papa . « Der Faber hatte zum Weihnachtsangebinde eine schöne Granatschnur geschickt und als Gegengeschenk eine Perltasche für sein Verbandzeug erhalten . » Einen Tabaksbeutel hätte ich viel lieber gestrickt , « meinte die Dorl . » Aber er raucht ja nicht ; er kennt ja kein Vergnügen , als seine gräßlichen Messer und Zangen . « Im übrigen studierte und praktizierte Siegmund Faber unverdrossen weiter , rechnete auch ebenso unverdrossen auf das blutige Übungsfeld eines Operateurs . » Es wird eine Weile währen , ehe wir zueinander kommen , « sagte lachend die Dorl , » aber ich kanns ja abwarten . « » Das Kind hält sich musterhaft , « versicherte mein Vater und die Mutter konnte dem Lobe nicht widersprechen . Muhme Justine aber bemerkte kopfwiegend : » Man soll den Jungfernkranz nicht rühmen , bis man ihm die Hochzeitsmütze überstülpt . « Die zweite Trennung vom Hause war allerseits kein halber Tod , nachdem die erste so ungefährlich abgelaufen . Auch von dem zweiten Reckenburger Aufenthalt würde nichts Neues zu berichten sein . Als er sich zum Ende neigte , machte mir die Gräfin den Antrag , auch den Sommer hindurch und für alle Zeit bei ihr zu bleiben . Ich sagte rundweg » nein « . Denn wohl mutete das tätige Treiben auf Reckenburg mich freudiger an als die stille Beschränkung des Elternhauses , nimmermehr aber würde ich mein Heimatsrecht und meine Heimatspflicht in demselben freiwillig aufgegeben haben . Der Gräfin hingegen , obgleich sie mich ungern entbehrte , muß ich nachrühmen , daß mein Freimut sie nicht verletzte , ja daß diese rücksichtslose Ehrlichkeit es war , der ich die raschen Fortschritte in ihrem Vertrauen zu danken hatte . Ich ging schon in dieser Zeit unangemeldet bei ihr aus und ein , und der Riegel wurde nicht mehr vorgeschoben , wenn sie mich im Vorzimmer wußte . Wie bedeutend diese Fortschritte waren , sollte ich jedoch erst am Vorabend meiner zweiten Heimreise , der heuer mit dem solennen Prinzenfeste zusammenfiel , gewahr werden . Die Gräfin war den Tag über so guter Laune , wie ich sie noch niemals gesehen hatte . Sie erhielt eine ihrer geheimnisvollen Dresdener Korrespondenzen , die sie lächelnd las und wieder las . Ich bemerkte , daß sie ein Miniaturbild mit Wohlgefallen betrachtete und dann sorgfältig verschloß . » Schön - schön - wie er ! « hörte ich sie murmeln , und dann ein andermal : » Jung Blut hat Mut ! « Ja als ich nach der üblichen Mittagsruhe bei ihr eintrat , kam ich auf den sträflichen Gedanken , Hochgräfliche Gnaden haben sich im festlichen Champagner einen Spitz getrunken . Sie saß mit halbgeschlossenen Augen im Lehnstuhl und trällerte ganz munter ein Liebesliedchen , als dessen Dichterin die schöne Aurora von Königsmark genannt worden ist : » Die Liebe zündet Herzen durch der Augen Kerzen , Im Anfang ists ein Scherzen , dann folget Pein . « Der Eindruck war mir widerlich ; ich machte ein Geräusch und die Alte bemerkte mich . Noch murmelte sie : » Sie zwingt den Mut , sie dringt ins Blut , « dann schlug sie das Hauptbuch auf und wir rechneten noch eine Stunde miteinander , um die laufenden Geschäfte vor der Reise abzuschließen . Nach dem Souper folgte ich ihr zum Abschied in ihr Kabinett . » Du bist siebzehn Jahr alt , Eberhardine , « sagte sie , » und es könnte sich auch in deiner kleinen Stadt eine Gelegenheit finden , bei welcher eine standesmäßige Toilette geboten ist . Ich habe dir eine solche bestimmt , die für mich angeschafft , aber nicht benutzt wurde . Sie wird sich für dich zweckentsprechend arrangieren lassen . Du findest den Karton in deinem Zimmer . Öffne ihn erst , wenn du heim kommst , daß der Stoff sich nicht unnötig zerdrücke . « Ich küßte die Hand mit aufrichtigem Dank . Immerhin war es ja ein Akt des Heroismus , sich von einem in Reckenburg eingeführten Gegenstande zu trennen . Heimlich aber mußte ich darüber lächeln , daß der Anzug einer angehenden Matrone fast ein halbes Jahrhundert später für ein junges Mädchen arrangiert werden sollte , das sie um mehr als Kopfeshöhe überragte . Die Gräfin fuhr fort : » Du bist weder schön noch passioniert genug , Eberhardine , um jugendliche Wallungen zu entzünden . Deines Herzens bin ich sicher . Hüte dich aber vor einer vernunftsmäßigen Versorgung nach dem Zuschnitt deines elterlichen Lebens . Ich sehe Höheres für dich voraus . Deine Turnüre ist jetzt comme il faut ; Geist und Körper zeigen die Kraft , welcher die Stammütter großer Geschlechter bedürfen . Ich wiederhole es : du bist nicht bestimmt , Neigung zu wecken und zu befriedigen , du bist bestimmt , Achtung und Vertrauen zu fesseln , nachdem die Leidenschaft ausgeschäumt . Nicht heute oder morgen allerdings ; aber du zählst erst siebzehn und ich wurde dreißig Jahre , bevor ich mein Ziel erreichte . Auch du wirst es erreichen . Präge dir die Wappen ein , die über der Reckenburg vereinigt stehen , und bleibe fest darin , daß sie sich zum zweitenmal vereinigen sollen , dauernd vereinigen müssen . Halte dich brav , Eberhardine . Au revoir ! « Das also wars ! Das der heimliche Plan der alten Häuptlingin , als sie die Letzte ihres Stammes zur Prüfung unter ihre Augen lud ; das das Zeugnis , daß sie ihre Probe bestanden hatte : das fürstlich-freiherrliche Wappen mit der obligaten Grafenkrone in Permanenz über der Reckenburg ! Die letzte Reckenburgerin und der Letzte eines erlauchten Fürstenhauses die Gründer eines neuen , reichbegüterten Geschlechts ! Ei nun , es war eine Greisenschrulle , würdig der eisenfesten Erhalterin ; aber eine gar anmutende Schrulle auch für einen jugendlich Reckenburgschen Puls . Und wenn es zuviel behauptet wäre , daß der schöne prinzliche Zukünftige ihr im Traume erschienen sei : ein paar Stunden gewohnter Nachtruhe hat er seiner Braut in spe wahrhaftig gekostet . Mein heuriger Reisebegleiter war der Prediger , der sich durch kleine literarische Arbeiten ein paar freie Freudentage erkauft hatte . Es galt einen Besuch bei seinem in Leipzig studierenden Sohne ; es galt nebenbei einen Blick in den neuesten Meßkatalog und in die antiquarischen Schätze der Metropole deutscher Bücherwelt . Mein frohmütiger Freund hoffte , diese Meßfahrten halbjährlich erneuern zu können , und wir verabredeten zum voraus die gemeinsame Rückreise im Herbst . Ohne Zweifel würde mir nun dieses zweitägige Beieinander mit dem lieben , lehrsamen Herrn die ersprießlichsten Dienste geleistet haben , wenn zwischen den neuen spanischen Helden unseres Schiller und die metrischen Fehden von Lichtenberg kontra Voß nicht immer von neuem der zudringliche prinzliche Störenfried gefahren wäre . Die alte Reckenburgerin hatte wohl recht : ihre erkorene Nachfolgerin war nicht eben entzündlicher Imagination , und die Warnungstafel mit dem späten ehelichen Korrektiv war auch nicht zum Überfluß aufgestellt ; bei alledem aber blieb es ein feuergefährliches Spielwerk , das sie siebzehnjährigen Sinnen anvertraut hatte . Sooft Dame Weisheit den Verführer aus dem Felde schlug , lispelnd und lächelnd gaukelte er sich immer wieder ein . Chassez le naturel , il retourne au galop ! Ich wußte von dem jungen Herrn nichts , als daß mein Papa ihn einen Sausewind genannt hatte , und daß die Andeutungen der Gräfin diesem Epitheton just nicht widersprachen . Die Begierde , ein Mehreres über ihn zu erfahren , prickelte mich bis in die Zungenspitze . Ich machte endlich kurzen Prozeß und platzte mit der Frage : was von dem Stiefsohne meiner Tante zu halten sei ? mitten unter die idyllische Gesellschaft im ehrwürdigen Pfarrhause von Grünau . Der ehrwürdige Pfarrherr von Reckenburg stutzte . Er kannte den Prinzen natürlich nicht ; er kannte ja nicht einmal die Gräfin und war weit davon entfernt , in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen Patron zu vermuten . Angeregt durch einen Zeitungsartikel , hatte daher nur ein Zufall ihm vor kurzem flüchtige Kunde über ihn zugetragen . Der junge , schöne Prinz - einen Antinous nannte ihn das Gerücht - , leichtlebig , zu galanten Abenteuern geneigt und mit seinen knappen Finanzen ärgerlich verwickelt , hatte längst schon über die methodischen Anforderungen des kurfürstlichen Hofes , dem er sich als Verwandter , Mündel und Militär untergeordnet sah , Verdruß und Langeweile zur Schau getragen , und ein Heißsporn in den Kauf , war er bei dem lässigen Ausgang der Monarchenversammlung zu Pillnitz während des verflossenen Herbstes in offene Empörung ausgebrochen . Er entwich heimlich von Dresden , um an dem Hoflager des Kurfürsten Klemens in Koblenz eine anregendere Kameraderie zu suchen . Hier in das frivole Treiben der Emigrierten bedenklich verflochten , hatte er sich kopfüber in eine Schuldenlast gestürzt , welche weder die Verwandtschaft von Kursachsen noch von Kurtrier zu honorieren geneigt war . Vor kurzem sollte er nun summarischen Befehl zur unverweilten Rückkehr nach Dresden erhalten haben , und hoffte man , auf diese Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen den fränkischen Jakobinismus vor einer kompromittierenden Teilnahme des fürstlichen Parteigängers sichergestellt zu sein . » Es hat sich , « so schloß der Prediger sein Referat , » es hat sich nach anderthalbhundertjährigem Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm erhoben . Oben in den Wipfeln rauschts und brausts , während das Wurzelland , ein breiter , dumpfer Weideplatz , noch der umarbeitenden Pflugschar harrt . In der Gelehrtenwelt , in Kunst und Poesie , allerorten sehen wir einzelne Spitzen , unverstanden oder falsch verstanden , die Menge überragen . Auch in unseren ungezählten Dynastengeschlechtern tut sich dieses jache , ungleichartige Drängen kund . Wie viele sind ihrer nicht , die einen genialischen Sprossen getrieben haben ? Sehen sich diese Sprößlinge nun als Erben eines Thrones , wie Friedrich , wie Joseph , oder auf anderem Gebiete , wie der edle Weimaraner , so werfen sie sich auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung , um je nach Kräften , Verhältnissen und Temperament in ihrem Streben zu siegen oder unterzugehen , immerhin aber einen Keim zu legen , welcher der Zukunft Früchte tragen wird . Sind es Nebenschößlinge , wie dieser Prinz , jüngere Söhne ohne Land und Macht , aber in fürstlicher Blendung , in fürstlicher Absonderung aufgewachsen , so sehen wir sie nur allzu häufig als taube Blüten vom Mutterbaume ab- und dem Gesetze verfallen , welches jede Kraft , die nicht Tat wird , zum Wahne werden läßt . Abenteurer und Tollköpfe , Lüstlinge und Sonderlinge , Dilettanten und Pfuscher , Freigeister und Geisterseher , rütteln sie für sich selbst an den Schranken , welche Sitte und Herkommen bis heute geheiligt haben , ohne für die Freiheit und Wohlfahrt der anderen eine einzige zu durchbrechen . Höher hinauf können sie nicht ; in die Breite und Tiefe wollen sie nicht , oder dürfen sie nicht . Sie bleiben eben Prinzen , das heißt Exzeptionen , denen kein anderes Feld des Ruhmes und der Tatkraft angewiesen ist als das blutige Leichenfeld , das auch zur Stunde , und Gott weiß bis zu welcher Stunde , unser kaum erwachtes Vaterland von neuem zu erstarren droht . « Das waren nun freilich Belehrungen , welche die Reckenburger Schimäre ihres blendenden Zaubers entkleiden durften , und als ich , von Leipzig ab allein , in meiner bescheidenen Zurückgelegenheit heimwärts gerüttelt ward , da zerstoben denn auch die bunten Seifenblasen vor dem nüchternen , geschulten Blick . Würde , so fragte ich mich , der tollmütige , ritterliche Antinous um schnödes Geld und Gut sich der Verbindung mit einem unschönen , unstandesmäßigen Fräulein , das er nicht einmal kannte , unterwerfen ? Würde die alte Reckenburgerin auf diese Verbindung bestehen , dem Sohne eines Mannes gegenüber , der ihr Stolz und ihre Lust , der offen und geheim der Regulator ihres Lebens gewesen war ? Endlich aber , wenn sie auf die Bedingung bestand , wenn er der Not sich unterwarf , würde das unschöne , unbekannte Fräulein sich bedingungsweise einem Manne in den Kauf geben lassen , der sie mit widerwilligem Gemüte empfing ? Nein , dreimal nein ! Nicht um den Besitz eines fürstlichen Antinous , nicht um den Besitz der Reckenburg und aller Herrschaften der Welt . Nimmermehr ! Mit diesem herzhaften Strich durch alle gaukelnden Hirngespinste , und mit dem Vorsatz , mich durch keine Andeutung der matrimonialen Schrullen auf der Reckenburg lächerlich zu machen , betrat ich mein Elternhaus . Bei alledem wird mir eine rückfällige Schwachheit zu verzeihen sein , als gleich nach der ersten Begrüßung der gute Papa mir mit der Frage entgegenfuhr : » Wußte die alte Gnädige schon , meine Dine , daß ihr Erbprinz hiesigen Orts auf Strafkommando versetzt worden ist ? « In Wahrheit , mir schwindelte . - » Prinz August hier - hier ? « - stammelte ich . » Noch nicht , « versetzte die Mama nach einem Räuspern , das allemal eine gelinde Rüge für den Gemahl bedeutete . » Noch nicht . Doch darf er jede Stunde erwartet werden . Er ist als Major dem Regimente aggregiert worden , mithin Papas unmittelbarer Vorgesetzter , wie manche wissen wollen , um seine etwas brouillierten Verhältnisse in der kleinen Garnison wiederherzustellen . Ich für mein Teil bin der Ansicht , daß man ihm ein selbständiges Kommando zugedacht , und daß man unsern Ort gewählt hat , weil das wohleingerichtete Schloß ein standesmäßiges Logement gewährt . « » Bis zum Donnerstag ist er jedenfalls einpassiert , « setzte der Vater hinzu . » Die Gesellschaft arrangiert ihm zu Ehren ein Picknick , einen bal champêtre . « » Einen Empfang , Eberhard , « verbesserte die Mutter . » Meinetwegen einen Empfang , « fuhr der Vater heiter fort . » Auf alle Fälle werden die Damen an dem Tage seine Bekanntschaft machen , und endlich einmal wird eine frohe Stunde auch für unsere arme , brave Dine gekommen sein . « » Wir werden uns nun unverzüglich mit deiner Toilette zu beschäftigen haben , « hob die Mutter an , wurde aber durch die Meldung eines Damenbesuchs in der hochwichtigen Picknickangelegenheit unterbrochen . Ich war noch im Reisekleid und durfte mich in mein Zimmer zurückziehen . Sollte ich denn über den verwünschten Prinzen nimmermehr zur Ruhe kommen ? Kaum ist das Traumbild verscheucht , steht er leibhaftig vor mir aufgepflanzt . Hatte die Gräfin um diese Begegnung gewußt , ihre Pläne darauf gegründet ? War es ein Glücksfall von denen , welche die Seherin der Familie in Karten und Kaffeesatz vorausgeschaut ? Waren die Reckenburgschen Bedingungen wohl schon dem armen , bedrängten jungen Herrn insinuiert ? Nun , auch mit einem leibhaftigen Störenfried läßt sich fertig werden , und schneller häufig als mit einem Hirngespinst , wenn nur das Rüstzeug des Stolzes scharf geschliffen ist . Ich war mit dem meinigen fertig , ehe noch unten die große Konferenz abgelaufen war . Ein leichter Schritt auf der Treppe brachte mich vollends in das natürliche Geleis zurück . Es war Dorothee , die mich nicht vor dem morgenden Tage erwartet hatte und von einem Ausgang zurückkehrte . Jetzt erst legte ich die Reisekleider ab , öffnete dann , meine Nachbarin zu überraschen , leise die Tür und stand eine Weile unbemerkt auf ihrer Schwelle . Die rege , behende kleine Dorl saß am Fenster , das Köpfchen in die Hand gestützt , sie , die ich immer nur lachen und plaudern gehört , sie - seufzte ; sie schien mir bleicher , als da ich sie verlassen hatte , das Auge weiter , fragender geöffnet und von einem bläulichen Schatten umringt . Die Blumen auf dem Fensterbrett hingen durstig die Köpfe , die Zeisige im Bauer flatterten unruhig nach Futter . Ihre fröhliche Pflegerin hatte sie versäumt . Sobald sie jedoch meiner ansichtig ward , da goß sich der gewohnte blühende Lebenshauch über die liebliche Gestalt . Sie stürzte mit einem Freudenschrei an meine Brust . » Hardine ! « jubelte sie , » Fräulein Hardine , o nun ist alles wieder gut ! « » Was ist gut ? « fragte ich , indem ich mich zu ihr setzte und ihre Hand faßte . » Hast du Kummer , Dorothee ? « Sie schüttelte den Kopf . » Oder Sorge ? um den Faber etwa ? « » Um den Faber ? ach was weiß ich von dem ? Der schneidet Krüppel und Leichen und bald zieht er in den Krieg . Um mich kümmert er sich nicht so viel . « Sie schnippte lachend mit der Hand . » Schreibt er dir denn nicht ? « » Alle Jahr zweimal , zum Geburtstag und zum Heiligen Christ . « » Und du ? « » Was soll ich ihm schreiben ? Ich erlebe ja nichts . Ich bedanke mich für sein Angebinde , schicke ihm auch eins und damit gut . « » Aber was fehlt dir denn , liebe Dorothee