Unterbringung des noch im Felde aufgehäuften Heues zu gestatten , bevor es vom Winde weiß Gott wohin getragen werde . Diese Dispens war ihnen auch noch selten so schnell und gerne erteilt worden , da der Pfarrer sie an diesem Sonntag viel lieber beim Heu als im Wirtshaus und auf dem Tanzplatze wissen wollte . Jetzt verschwand die Sonne hinter einer buntfarbigen Wolke , die sich wie mit schwarzen Haken an die Spitzen der Berge zu hängen begann . Draußen im Walde brummte , rauschte und knisterte es immer lauter . An der Fluh krachten mehrere Tannen und surrten hart neben der Brücke in die zischende Ach . Drinnen in Argenau knallten die zugeworfenen Fensterläden , und losgerissene Dachschindeln mitsamt den sie bisher festhaltenden Steinen hagelte es von rechts und links auf die Gasse , daß kein Mensch mehr sicher war . Selbst auf dem Marktplatze begann es nachgerade gefährlich zu werden . Zwar von der Wolke der über die Gasse getriebenen Hüte , ausgespannten Regenschirme , Ablaßbriefe , Hosenträger , Heiligenbilder , Knopftafeln und Taschentücher war nicht viel zu ersorgen ; doch wurden schon auch die Bretter , welche die nur für diesen Tag aufgerichteten Buden lose genug bedeckten , von beiden Seiten hereingeworfen , und diesen suchte jedermann , auch unser Heuer , so schnell als möglich zu entrinnen . Es war für ihn schon die höchste Zeit , und drüben über der Brücke , wo es ziemlich scharf aufwärts geht , mußte er sich beinahe atemlos laufen , um die Zusel , die wie ein Reh davongeeilt war , noch vor dem Gasthaus » Zum Rößle « glücklich einzuholen . Er kam noch gerade recht und schritt nun senkelaufrecht neben dem hübschen , reichen Mädchen ins Haus , die Stiege hinauf und eines Ganges dem Tanzsaale zu . Hier war es schon so voll , daß Zusel ihm kaum noch zu folgen vermochte . Wer daheim weder Kind noch Rind , im Felde kein Heu zu versorgen hatte , mochte nicht mehr ans Weitergehen denken , nachdem hier einmal ein sicheres Unterkommen gefunden war , wo es auch überdies noch so lustig zuging wie hier . Besonders die nun endlich einmal wieder für einen Tag » entalpeten « Sennen langten auf einmal nach allem nun so lange Entbehrten , was die Gesellschaft dem einzelnen zu bieten vermag . Jauchzend , mit dem vollen Glas in der Hand , umtanzten sie ihre Mädchen und machten dabei so tolle Sprünge , daß wohl auch der ärgste Griesgram sich des Lächelns kaum erwehrt hätte und des behaglichen Gefühls , welches in jedem sich regt , der andere sich einem Genusse gänzlich hingeben sieht . Es gab schon solche , die sich zuflüsterten , was die Welt , der Umgang mit Menschen und die Teilnahme an den Früchten gesellschaftlicher Verbindung dem einzelnen sei , ahne man am ehesten , wenn man den beobachte , der das nur einige Monate entbehrt habe ! Aber nur wenige beschäftigten sich jetzt mit solchen Gedanken , und unser Heuer und die reiche Krämerszusel sicher am allerwenigsten . Sie hätten auch kaum geglaubt , daß noch jemand die Sennen beachte . Jeder Kopf und jede Lippe , wähnten sie , bewege sich einzig nur ihretwegen , und ihretwegen suchten die hinteren Zuschauer , sich auf die Zehen stellend , über die anderen wegzusehen , und ihretwegen hätte man jetzt aufgehört zu tanzen und aufzuspielen . Richtig ! Sobald der Heuer mit Zusel in den Kreis der Tanzenden trat , begann ein Walzer so lieblich und lustig , wie die guten Musikanten heute wohl noch keinen aufgespielt hatten . Natürlich , einer , mit dem des Krämers hübsches Kind sich öffentlich zeigen mochte , mußte auch nicht auf einer Bettlersuppe daher geschwommen sein , das konnten diese Leute sich denken . Nun aber galt es , sich dieser Auszeichnung auch wert zu zeigen . Hierzu nun gab für ihn , der sich selbst heute gestand , daß er als Gesellschafter nicht besonders viel zu leisten vermöge , der Tanzplatz wohl die beste , ja die einzige Gelegenheit . Daß er der beste Tänzer war , konnte ihm nicht abgestritten werden ; er hätte bei den gewagtesten Wendungen ein volles Weinglas auf den Kopf stellen dürfen , ohne etwas für seinen weit hervorstehenden Hemdkragen fürchten zu müssen . Doch das ängstliche Bemühen , es recht schön und künstlich zu machen , kam bald allen lächerlich vor , denen es nicht peinlich war , sich schon beim Zusehen müde werden zu fühlen . Der Heuer jedoch hatte keine Ahnung von einer solchen Wirkung seiner schweißtreibenden Arbeit . » Die werden Augen machen « , dachte er , während er sich zu noch verzweifelteren Sprüngen , einer noch strammeren Haltung zwang . Der Bursche hatte es heute viel strenger als die Woche hindurch beim Heuen . Er war daher auch noch viel schweigsamer als dort und hatte für seine Tänzerin kaum aller fünf Minuten ein schwer zu verstehendes Wort . So hatte diese denn Zeit zum Beobachten , wobei sie sich , wenigstens eine Zeitlang , weit besser unterhielt , als der Heuer sie zu unterhalten vermocht hätte . Gleich hinter ihr her tanzte der Stighans mit seiner Magd . Das närrische , stolze Gänschen hatte doch immer etwas zu reden und zu lachen , so daß Zusel ordentlich Gewalt brauchen mußte , um sich nicht einmal umzukehren und der Schwätzerin zu sagen , man wisse schon noch , wem sie sei , obwohl sie sich auf dem Stighof schon lange gebärde , als ob sie allein der Hahn im Korbe wäre und jeder Tannenwipfel sich nur ihretwegen bewegte . Noch widerwärtiger wurde ihr das Mädchen , als sie es vom Hansjörg reden und dabei die Hoffnung aussprechen hörte , daß er nun wohl bald heimkommen werde . Jetzt ging ihr ein Licht auf . Der Bursche mußte sich opfern , um den gutmütigen Hans für sein Lebtag zum Schuldner zu machen . Darum wohl nur redete das Mädchen von ihm in einer Gesellschaft , wo Hans leicht auch bedeutendere Mädchen hätte bemerken können , wenn er nicht durch diese dumme Geschichte auf einem Punkte festgehalten worden wäre . Sie hatte dem Vater sehr , sehr unrecht getan mit dem Verdachte , daß er den Hansjörg ihr weggetrieben habe . Der ging wohl selbst , als sie sich nicht geneigt zeigte , sich sofort zu verehelichen und ihm einige Tausende zu verschreiben - um so wenigstens der Schwester den Hans zu fangen . Sein Handel mit ihren Briefen bewies ja , daß der Elende zu so etwas schon der Mann sei . Wunderbar , daß ihr das nicht schon längst einfiel , daß sie den guten Vater in so schlimmem Verdacht haben konnte . Wie um Verzeihung bittend , schaute sie zu ihm hinüber . Er stand neben den Musikanten und sah ihr lächelnd zu . Ja , er konnte lächeln und ihr ihre kindische Freude am Tanzen lassen , wenn sie ihm damit vielleicht einen Plan , eine Hoffnung verdarb ! Er sorgte so sehr für ihren Namen und hielt sie von allem immer fern , was ihr auf irgendeine Weise schädlich oder nachteilig hätte werden können . Und nun warf sie sich öffentlich , wenn auch nur für heute , an diesen Springinsfeld weg nur wegen einem flüchtigen Vergnügen . Vergnügen ? Du lieber Gott , was war es denn Herrliches , sich von dem eiteln Tropfen einige Stunden herumreißen lassen und allen Gaffern ein Schauspiel sein ? Ja , heute war Dorothee wirklich besser dran als sie , das mußte sich Zusel gestehen , und sie gestand sich ' s auch so laut , daß sogar der gute Heuer etwas davon zu merken begann . Sie hätte gern ihren Ärger an ihm ausgelassen und begann daher den Stighans und sein schönes Anwesen über alle Maßen zu loben . Dann erzählte sie , daß sie den Wackeren jeden Augenblick haben könnte , wenigstens würde die ganze Verwandtschaft die Hände nach ihr ausstrecken ; sie aber verachte die groben , selbstsüchtigen Leute , also die Mannsbilder , recht von Herzen und brauche sie nur zuweilen zum Spaß , um sich über die Tröpfe wieder recht lustig machen zu können . Zusels Reden waren immer bitterer , je lauter , fröhlicher das Reden und Lachen des nachtanzenden Paares wurde . Aber nicht nur ihr taten Hans und Dorothee ganz unbewußt weh , der Jos war durch sie noch in viel üblere Stimmung gekommen . Und doch saß er ganz im Dunkeln an der Wand auf einem Bänkchen unter jungen Burschen , die bedauerten , nicht tanzen zu können , und Greisen , welche von der guten alten Zeit mit Begeisterung erzählten , daß man hätte glauben können , Jos vermöchte sonst nichts mehr zu hören und an nichts anderes zu denken . Gehört wird er auch nicht alles haben , aber er glaubte dem Hans und Dorotheen die Worte von den glühenden Gesichtern lesen zu können . Die beiden waren so glücklich jetzt , und er blieb vergessen bei seinem Tirolerwein in der dunkelsten Ecke sitzen . Kein Wunder , daß er heute nicht mehr der alte opferwillige Jos war , schienen doch auch jene beiden ganz anders geworden zu sein , seit er nicht mehr allein mit ihnen war und für sie arbeiten mußte . Wie dem Bettler das Almosen hatte Hans ihm einen Taler hingeworfen , damit er sich einen Humor trinken könne , und als er dann bat , ihm doch auch einige Tänze mit der Magd zu erlauben , ja , da hatte diese Hansen angesehen , als ob er über Leib und Seele ihr Vormund sei . Freilich , daß das ihn noch gar so ärgern würde , empfand er damals nicht , sonst würde er den Tanzsaal gar nicht betreten haben . Damals wollte er die beiden als Paar sehen , jetzt ärgerten sie ihn ungeheuer , und sein Glas wurde immer schneller leer . Was auch sollte er an der Kirchweih tun als trinken ? Heute brauchte ihn niemand . Ganz war er sich selbst überlassen und konnte tun , was er wollte , wenn er nur morgen wieder für alle schwitzte , sorgte und lief . Da die Zusel , die er doch immer nur für ein eitles Ding hielt , hatte mit einem armen Heuer auftreten mögen , Dorothee aber , die fromme , demütige Magd , hatte für ihn nichts mehr als einen Blick des Mitleides . So nämlich nannte er das , was ihr schönes Auge ihm einmal - verstohlen , glaubte er - in seine Ecke geschickt hatte . Ihm war dabei ganz heiß geworden , und trotzig rückte er noch tiefer in den Schatten seines Winkels , sich selbst quälend mit der Vorstellung , daß der Glücklichen sein Anblick nicht recht angenehm sein könnte . Bald war ihm , daß er hätte heim mögen zur Mutter , um sich auszuweinen ; dann wieder regte sich alles in ihm , daß er lärmen wollte und Händel anfangen mit der ganzen Welt . Dennoch kam es zu nichts anderem , als daß das Glas neben ihm von neuem wieder gefüllt und geleert wurde . Des Krämers Heuer hatte , wie eng es jetzt auch sein mochte , soeben einen seiner kunstreichsten Sprünge begonnen , als Zusel ihn , ohne ein Wort zu sagen , aus dem Kreise der Tanzenden führte und raschen Schrittes mit dem willenlosen Erstaunten den Saal verließ . Bald hernach suchte Hans den Knecht und sagte , ohne sich um sein unfreundliches Gesicht zu kümmern : » Die Zusel ist fort , und uns wird ' s jetzt auch zu heiß und zu eng . Komm ! « Ohne eigentlich zu wollen , folgte Jos dem Paar in die Kammer , wo neben dem Krämer und den Seinigen für die eben Eintretenden gerade noch drei Stühle aufgestellt werden konnten . Dem Jos wurde hier noch heißer als auf dem Tanzplatze . Angst aber war ihm nicht , obwohl er sich von den Angesehensten der Gegend umgeben sah . Er überflog die Gesellschaft mit einem Blicke und sagte dann mit eigentümlichem Lächeln , den Heuer ins Auge fassend : » Heut ' laß dir das Gnadenbrot nur schmecken . Vielleicht sitzen wir beide in der Gesellschaft beim letzten Abendmahl , und das schöne , große Osterlamm neben dem Heuer wird wohl ein anderer , möglicherweise sogar noch einer allein bekommen . « Das hätte man allenfalls für die Eröffnung eines jener witzigen und derben Wortgefechte halten können , wie sie der Bregenzerwälder im Wirtshaus liebt . Aber wem auch der Anfang noch nicht besonders auffiel , den ließ doch das Zittern der Stimme bei diesen Worten und der starre Blick des Sprechenden leicht erraten , daß hier Spaß und bitterer Ernst wenigstens stark gemischt sein mußten . Aller Augen richteten sich auf den Heuer . Man war begierig , wie der eitle Mensch so einen Anfall aufnehmen und wieder zurückgeben werde . Dem wäre aber sicher noch wenig Arges eingefallen , wenn ihm nicht die fragenden Blicke der Anwesenden gesagt hätten , es schicke sich schlecht für so ein Bürschchen , so etwas zu sagen , und für ihn noch schlechter , es geduldig hinzunehmen . » Neben so einen Frosch « , rief er plötzlich , » läßt sich unsereiner nicht stellen , und kommst du mir noch einmal so , daß man nicht weiß , ob ' s gehauen ist oder gestochen , so soll ich sterben , wenn ich dir nicht zeige , wo der Zimmermann das Loch gelassen hat . « » Das hab ' ich in dem Hause schon lange vor dir gewußt « , lachte Jos und fuhr dann mit eisiger Kälte fort : » Es ist nicht zu übersehen , größer , stärker und meinetwegen auch hübscher bist du allerdings als ich , aber gerade das könnte noch dein Unglück werden und dich allenfalls , solltest du etwa gar zu hübsch und gewandt sein , noch unter die Soldaten bringen , wenn du nicht schon fast zu alt dazu wärst . Man weiß von Leuten zu erzählen , die das auch schon erlebt haben . « Das hieß nun wieder einmal zwei oder noch mehrere Fliegen mit einem Schlage getroffen , wie es überhaupt weit herum keiner so gut konnte als der Jos . Der Heuer zwar verstand von der ganzen Rede nicht viel mehr , als daß er schon fast zu alt sein sollte , aber auch das war recht genug , ihm die feurigste Zornesröte ins Gesicht zu treiben und seine Hände zur Faust zusammenzukrämpfen . Der Krämer , obwohl er den Stich jedes Wortes empfand , zeigte sich bei weitem nicht so schmerzlich getroffen wie der Heuer , doch war auch er zu sehr aus der Fassung gebracht , um sich nicht dennoch als den Getroffenen zu verraten . Die Zusel aber tat sich durchaus keinen Zwang an . » Wär ' ich doch ein Bub ! « hauchte sie , » wär ' ich ein Bub ' , ich wollt ' es versuchen , ob man nicht mehr ungestört und ungeschimpft eine Stunde in guter , anständiger Gesellschaft sein könne , ob man sich von jedem Neidhammel allen zusammengescharrten Unrat nachwerfen lassen müsse . « Der einzige , welcher vielleicht mit einem Worte wieder Frieden hätte schaffen können , Stighans , fühlte sich von dem Stiche selbst ein wenig getroffen , und wenn das einmal der Fall war , so hatte er seine Gewalt über den Gegner wenigstens für den Augenblick gänzlich verloren . Wie ein Geschlagener saß er neben Dorotheen , der es anzusehen war , wie sehr es sie schmerzte , eine Familienangelegenheit , die sie selbst noch oft beschäftigte , vom Jos nun schonungslos vor die Öffentlichkeit gerissen zu sehen . Ihren Unmut hatte der Knecht auch sofort bemerkt , und er litt furchtbar unter ihrem vorwurfsvollen Blicke . Ruhiger aber wurde er leider nicht , und das Gefühl , sich doch reicht ungeschickt benommen zu haben , brachte ihn nur noch mehr aus der Fassung . Er saß wie auf Kohlen , und wohl hauptsächlich nur , um das ihm so peinliche Schweigen zu unterbrechen , sagte er , an Zusels Ausruf anknüpfend : » Wo der Unrat so leicht zusammenzubringen ist , muß wenigstens vieles nicht recht sauber sein . « » Wer will das noch ertragen und wer es vergelten ? « sagte Zusels Blick , der rasch von einem zum anderen schoß . Endlich blieb er an dem Heuer hangen , nicht mehr stolz , sondern demütig bittend , und ihre Stimme zitterte , als sie fragte : » Kannst du denn nichts als schöne Sprünge machen auf dem Tanzsaal ? Warum sitzest du denn auch neben mir , wenn der Lästerer da so redet ! Entweder schäme dich meiner oder deiner selbst und geh ! « » Hätt ' ich ihn doch so in meiner Heimat ! « wich der Heuer etwas verlegen aus . » In einem fremden Dorf ist ' s denn doch nie recht ratsam , sogleich , ohne recht zu wissen warum , mit dem Nächstbesten Händel anzufangen . Bei uns - ich soll sterben , hätt ' ich ihn schon lange braun und blau geschlagen ! « Den übrigen im Zimmer anwesenden Burschen war es ordentlich eine Genugtuung , daß der Heuer sich des ihm schon lange mißgönnten Platzes neben dem hübschen , reichen Mädchen so unwert zeigte . In manchem regte sich die Lust und fuhr ihm in die Fingerspitzen , der Zusel nun zu zeigen , was er könne und wen man an ihm hätte . Noch ärger wurde das , als das Mädchen rief : » Fremdes Dorf ? Ich , die Beleidigte , bin hier nicht fremd . « Der Krämer , der längst auf glühenden Kohlen saß und sich durchaus nicht als getroffen verraten wollte , befahl ihr auf das entschiedenste zu schweigen . Zusel aber fuhr erregt fort : » Ich bin hier nicht fremd , mußt du wissen , und es wird schon noch solche geben , die sich für mich gegen einen Schneider wehren dürfen . « Nun begannen auch die ernsten Väter zu brummen , das Mädchen sei eigentlich herzhafter als alle , die sich gleichsam mit ihm von so einem Knechtlein foppen ließen . Das feuerte die Burschen , denen schon Zusels Rede durch die Glieder fuhr , nur noch mehr an , und Jos sah , wie aller Blicke sich drohend auf ihn zu richten begannen . Es ward ihm so heiß , daß er aufstehen und sich ins offene Fenster legen wollte , da er weder so gehen mochte noch ein Wort reden konnte . Der Heuer , gewohnt , immer auf Wind und Wetter zu achten , hielt nun ein entschiedenes Vorgehen nicht mehr für besonders gewagt , seit er in aller Augen gelesen zu haben meinte . Anfangs dachte er , das Bürschlein würde ohne sichere Hinterhut gewiß nicht so herzhaft auftreten dürfen . Nun aber sprang er auf den Jos und faßte ihn hinten beim Halstuch , als ob es nicht nur seine Ehre , sondern auch sein Leben gegolten hätte . So wären wir denn leider vor einer Wirtshausrauferei . Freilich ist sie , wenn auch nur Bauernknecht und Heuer die Helden sind , ebensogut Ausdruck verschiedener Ideen und Leidenschaften als eine andere , die mit Beobachtung der feinsten Formen vor sich geht . Da es aber beim besten Willen nicht möglich ist , unsere Kämpfer noch geschwind zu adeln und ihnen Schwert oder Pistole in die Hand zu geben , so wär ' s wohl am besten , wenn man die Sache so schnell als möglich abtun könnte . Die beiden scheinen auch wirklich bald fertig zu sein . Kaum fühlt Jos von hinten sich gepackt , so dreht er sich gegen den Heuer um , und zwar so schnell und mit solcher Kraft , daß er den langen Heuer beinahe niederreißt und dieser das halb zerrissene Halstuch mitsamt dem Jos erschrocken fahren läßt . Während der Heuer das volle Gleichgewicht wieder zu gewinnen sucht und noch bevor er sich von seinem Schrecken auch nur ein wenig erholt hat , steht Jos zornschnaubend mit geballter Faust vor ihm , und das Bürschchen schaut so wild , so drohend zu dem großen Manne auf , daß dieser von Herzen gern die Zuschauer , die erstaunt und wie angebannt dastanden , um Hilfe angerufen hätte . Jos schien das zu bemerken , denn er rief : » Nur mit dir hab ' ich ' s jetzt zu tun , und wenn auch ein anderer noch etwas will , so soll er doch warten , bis ich mit dir fertig bin . « Den Heuer erschreckte das schallende Gelächter , welches dieser Rede folgte . Es war klar , daß man sie beide sich einstweilen überlassen und dem Spaße zusehen wollte . Aug ' in Auge standen sie sich etwa eine halbe Minute lang gegenüber , jede Bewegung beobachtend und immer auf Angriff und Abwehr gefaßt . Im Zimmer war es so still , daß man eine Nadel hätte fallen hören . Es war fast unbegreiflich , wie so viele Zuschauer sich ohne Geräusch hereinbringen und Platz finden konnten . Erst als die Wirtin hereinstürzte und nach der Ursache des Streites fragte , wurde es wieder laut . Jeder wollte erzählen und wurde sogleich von dem Nebenansitzenden unterbrochen oder widerlegt . Der Wirtin war ' s aber auch viel weniger um den Anfang als das Ende des ihr heute doppelt unangenehmen Zwischenfalles zu tun . Ohne lange zuzuhören , begann sie beiden das Kapitel zu lesen und sie mit derben Worten zum Frieden oder zum Heimgehen zu ermahnen . » Meinetwegen « , lachte Jos bitter , » soll der Tropf ungestört gehen , wenn er nichts kann als zierlich tanzen . Ich bleibe hier und hab ' ihm nichts abzubitten . « Wie ein wildes Tier stürzte der Heuer auf Jos oder eigentlich auf den Platz , wo der gewandte Bursche noch vor einem Augenblicke stand , der ihn jetzt von der Seite anzupacken suchte . Es war wunderbar , wie das Jöslein sich wehren konnte und wie es rechts und links , hinten und vorn zugleich zu sein schien . Die kräftigsten Streiche des Heuers fuhren in die Luft und rissen ihn selbst beinahe zu Boden , so daß er , nach und nach um mehrere Schritte zurückweichend , in der Verzweiflung endlich nach einer leeren Bierflasche langte , die er als Waffe benützen zu wollen schien . » Jetzt ist ' s genug « , riefen mehrere Mädchen , die schaudernd seine Absicht errieten . » Nein , laßt ihn mir ! « schrie Jos . » Wozu noch ? « » Wir sind nicht fertig . « » Aber es ist genug « , rief man von allen Seiten und begann dem Jos einzureden , er habe sich tapfer gehalten , aber das schönste sei doch noch , wenn er nun auch noch zur rechten Zeit wieder aufzuhören wisse . » Ja « , rief Zusel schneidend , » ihr stolzen Burschen meiner Heimat , seid doch so gut und schützt den Fremden , der für mich und meine Ehre einstehen wollte . Schützt den Schwachen , wenn ihr sonst gar nichts tut . « Diese Worte hatten eine wunderbare Wirkung . Der Heuer mit seiner Flasche stand wie vernichtet da ; die anderen Burschen aber begannen mit dem Jos in einem ganz anderen Tone zu reden , und der Zusel antworteten sie : » Wir stehen schon auch für dich ein , mußt du wissen , und zwar besser noch als der Beschützer , den du heute mitgebracht hast . Der Heuer soll darum nur ruhig sein , wir wollen das kleine Bürschchen schon wegbringen . « » Hab ' noch keine Lust zu gehen « , trotzte Jos . » Es wird am Ende wohl zu helfen sein « , riefen mehrere . » Einem allein geh ' ich nicht ; wer etwas gegen mich hat , der soll kommen . « » Gehst auch mir nicht ? « rief Hans , so zornig über den eigensinnigen Knecht , wie ihn dieser noch niemals gesehen hatte . » Hast du denn auch etwas gegen mich ? « » Ja . « » Und Dorothee redet kein Wort für mich ? « fragte Jos wehmütig . Alles blieb still . » Oh , wie seid ihr elende Leute ! « rief Jos plötzlich . » Alle kniet ihr vor dem Goldenen Kalbe , mag es Zusel heißen oder Hans . « Die Burschen und Hans mit drangen auf den Aufgeregten ein . Dieser floh gegen das offene Fenster und rief mehrere Male : » Auch Hans kommt ; alle , und er - er bringt mich um alles ! « Jetzt ein Sprung , und der Verfolgte war , ohne daß eine Hand ihn auch nur zu berühren vermochte , aus dem Zimmer verschwunden . Hart neben dem niederstürzenden Strahle der durch ein Gewitter angeschwollenen Dachtraufe lag er auf einer Steinplatte und wälzte sich langsam aus dem Kreise der aufspritzenden kalten Tropfen hinaus . Im Zimmer begann man vom Kriminalgericht und sogar vom Köpfen zu brummen . Wer nicht heimschlich , setzte sich auf einen Stuhl und suchte so schnell als möglich von etwas anderem zu reden . Nur Dorothee begehrte auf , wie man sie noch nie gehört , und Hans saß neben ihr , als ob ihn der Blitz getroffen hätte . Es wurde ihm ordentlich wohl , als die Magd ihn gegen Schick und Brauch verließ und vor das Haus hinabeilte , nachdem sie hörte , daß Jos nicht mehr einen Tritt zu gehen imstande sei . Zehntes Kapitel Die Heimkehr » Erbärmliche Kreaturen ihr ! « Das war die erste Antwort , welche Jos denen gab , welche sogleich vor das Haus geeilt waren und sich nach seinem Zustand erkundigen wollten . Ja , nun kamen sie zu allen Löchern heraus und streckten die Hälse und die Ohren , um etwa zu sehen , was wohl der so gedemütigte Trotzkopf für ein Armensündergesicht machen werde . Tausend Element , das sollten sie nicht ! Aber vergebens strengte Jos sich zum Aufstehen an . Mühevoll hatte er sich mit Händen und Füßen in die Laube des Hauses , den sogenannten Schopf , gebracht , wo er nun doch wenigstens vor dem Regen geschützt war . Hier saß er auf einem kleinen Heubündel und schaute die aus allen Winkeln des großen Hauses kommenden Leute trotzig an . » Jesus , Maria und Josef , sein Kopf ist ja blutig ! « riefen mehrere der Herbeigeeilten erschrocken aus . » Hat dich denn einer geschlagen ? Wer ? « » Niemand als ich selbst « , antwortete Jos und fuhr dann , wie von Widerwillen und Ekel geschüttelt , fort : » Wenn mich einer so geschlagen hätte , hu - einer der Elenden , und ich müßte jetzt auch so wehrlos daliegen und mich von jedem angaffen und bemitleiden lassen - Gott , es wäre , um den Verstand zu verlieren . « » Und wie ist dein Zustand jetzt ? « » Jetzt « , lachte der schmerzgequälte Jos bitter , » jetzt hab ' ich gar keinen Zustand , nur noch einen Zusitz , das muß doch jedes Kind sehen . « Nur mit größter Mühe und vielen Kreuz- und Querfragen brachten einige Schulfreunde des Leidenden endlich heraus , daß er zwar im Sprung aus dem offenen Fenster glücklich auf die Beine gekommen , dann aber auf der abgewetterten glatten Steinplatte auch noch auf den Kopf gefallen sei . Jos erzählte das , mit vielen bitteren Bemerkungen über die verschiedensten Ausrufe des Mitleids sich unterbrechend . Diese Weichheit , dieses Beklagen des - durch eigene Schuld nur - Geschehenen , was war es anderes als der jämmerliche Tribut , mit dem sie ihrem Hochmut , ihrer frommen Eitelkeit die beste oder eigentlich die schwächste Seite ihres Wesens wiedergewinnen wollten . Ha , Jos hätte rasend werden mögen , als er einen sagen hörte , man könne unmöglich begreifen , warum so ein Unglück Gottes heiliger Wille sei . Also auch an dem sollte der liebe Gott die Schuld haben ! Wie , wenn er nun der Gewalt nicht gewichen wäre , wenn er statt dessen einige seiner Gegner verletzt hätte ? Dann wär ' gewiß nur der Sohn der Schnepfauerin und nicht der liebe Gott an der ganzen Geschichte schuld gewesen . Aber diese Leute kamen eben niemals auf das Richtige . Da standen sie und jammerten über den blutenden Kopf , während ihm sein rechter Fuß wohl zehnmal weher tat . Anfangs freilich wär ' s ihm selbst auch nicht anders gegangen . Erst als er sich zum Gegenstande eines ihm widerlichen Mitleids gemacht sah , dem er so schnell als möglich entfliehen wollte , empfand er im Fuße einen furchtbaren Schmerz , der bei der ersten Bewegung den ganzen Körper durchfuhr und ihn mit Gewalt auf den blutbedeckten Platz zurückwarf , von dem er sich , da er jede Hilfe trotzig verschmähte , nur langsam wegzubringen vermochte . Jetzt hatte er eine ganz eigene Freude daran , daß die Umstehenden , das Ärgste gar nicht ahnend , noch immer über die gewiß nicht bedeutende Verletzung am Kopfe jammerten . Bitter lachend starrte er die Umstehenden an und wies einzelne , die ihm ihre Dienste anboten , trotzig zurück . Als dann aber die guten Leute sich kopfschüttelnd zu entfernen begannen , wurde ihm auf einmal wunderbar angst . » Laßt mich doch um Gottes willen nicht allein wie ein Tier ! « flehte er . » Ihr seht ja , daß ich einen Fuß gebrochen hab ' und auch nicht einen Tritt mehr zu gehen imstande bin . « Diese Worte wirkten wie ein gewaltiger Schlag . Alle