Gläubigen an dem Spielerskinde stets so entsetzlich fanden ; » ich werde mich nie für das Genügen der Nächstenliebe bezahlen lassen ; noch weniger aber bin ich gesonnen , irgend welches Opfer anzunehmen ... Sie sagen selbst , daß ich einfach ein Versehen gesühnt habe , und sind mir mithin nicht im mindesten verpflichtet , gnädige Frau . « Frau Hellwig hatte der Regierungsrätin das Armband bereits weggenommen . » Du bist nicht bei Trost , Adele ! « schalt sie ärgerlich , ohne Felicitas ' stolze Antwort weiter zu beachten . » Was soll denn das Mädchen mit dem Dings da anfangen ? ... Schenk ihr ein Kleid von derbem , haltbarem Gingham , das kann sie besser brauchen - und damit ist die Sache abgemacht , basta ! « Nach den letzten Worten ging der Rechtsanwalt hinaus . Er holte seinen Hut und trat unter das offene Fenster , an welchem Felicitas stand . » Ich finde , daß wir samt und sonders sehr grausam gegen Sie sind ! « rief er ihr zu . » Zuerst werden Sie mit schnödem Golde verwundet , und dann sehen wir Sie ungerührt in durchnäßten Kleidern dastehen ... Ich werde in die Stadt laufen und das Nötige für Sie und die kleine Brandstifterin herausschicken . « Er grüßte und entfernte sich . » Er ist ein Narr , « sagte Frau Hellwig zornig zu den Damen , die ihm verdrießlich und mit schlecht verhehltem Bedauern über sein Gehen nachblickten . Der Professor hatte , mit dem Kinde beschäftigt , kein Wort in die Belohnungsdebatte fallen lassen ; wer ihm aber nahe gestanden , der mußte wissen , daß seit dem Moment , wo die Regierungsrätin dem jungen Mädchen das Armband angeboten hatte , sein Gesicht stark gerötet war ... Zum Frauenarzte , oder wohl gar zu einem jener feinen , geheimen Medizinalräte , die hohe und höchste Krankheiten und Launen zu ihrem besonderen Studium machen , war er sicher nicht geschaffen . Er hatte etwas entsetzlich Rücksichtsloses dem zarten Geschlechte gegenüber . Es war doch so natürlich , daß man sich über den Unfall des Kindes zu Tode erschreckt hatte und gar zu gern über die etwaigen Folgen beruhigt sein mochte ; aber auf alle die teilnahmvollen Fragen der Damen hatte der Mann der Wissenschaft nur kurze , trockene Antworten , ja , einige etwas schuldlos klingende Bemerkungen wurden sogar mit beißendem Sarkasmus gegeißelt . Er überließ die in einen dicken , wollenen Shawl gewickelte Kleine endlich den zarten Händen und schritt auf die Thür zu . Felicitas hatte sich in die fernste Ecke des Salons zurückgezogen - dort glaubte sie sich völlig unbeobachtet . Mit schmerzhaft emporgezogenen Schultern lehnte sie an der Wand ; ihr Gesicht hatte eine fahle Blässe angenommen , das vor sich hinstarrende Auge unter den gerunzelten Brauen und die fest aufeinander gepreßten Lippen zeigten unverkennbar , daß sie physisch litt - sie hatte eine bedeutende Brandwunde am Arme , die ihr unsägliche Schmerzen verursachte . Im Begriff , die Thür zu schließen , sah der Professor noch einmal forschend in das Zimmer zurück ; sein Blick fiel auf das junge Mädchen , er fixierte es einen Moment scharf und stand plötzlich mit wenig Schritten vor ihr . » Sie haben Schmerz ? « fragte er rasch . » Er läßt sich ertragen , « antwortete sie mit zitternden Lippen , die sich sofort krampfhaft wieder schlossen . » Die Flamme hat Sie verletzt ? « » Ja - am Arm . « Trotz ihrer Leiden nahm sie eine zurückweisende Haltung an und wandte das Gesicht nach dem Fenster - sie konnte um alles nicht in diese Augen sehen , die sie seit ihrer Kindheit verabscheute . Er zögerte einen Augenblick ; aber die Pflicht des Arztes siegte . » Wollen Sie nicht meine Hilfe annehmen ? « fragte er geflissentlich langsam und in gütigem Tone . » Ich will Sie nicht bemühen , « entgegnete sie mit finsterem Blick ; » ich kann mir selbst helfen , sobald ich in der Stadt sein werde . « » Nun , wie Sie wollen ! « sagte er kalt . » Uebrigens gebe ich Ihnen doch zu bedenken , daß meine Mutter vorläufig noch Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft hat . Sie dürfen sich schon aus dem Grunde nicht mutwillig krank machen . « Bei den letzten Worten vermied er , Felicitas anzusehen . » Ich vergesse das nicht , « versetzte sie minder gereizt ; sie fühlte recht gut , daß dies Zurückführen auf ihre Pflicht nicht geschah , um sie zu demütigen ; er wollte sie offenbar bestimmen , seine ärztliche Hilfe anzunehmen . » Ich kenne unser Uebereinkommen genau , « fügte sie hinzu , » und Sie werden mich bis zu der letzten Stunde auf dem mir angewiesenen Platze finden . « » Nun , ist auch hier deine ärztliche Hilfe nötig , Johannes ? « fragte die Regierungsrätin hinzutretend . » Nein , « sagte er kurz . » Aber was thust du noch hier , Adele ? « fuhr er verweisend fort . » Ich habe dir vorhin gesagt , daß Anna sofort in die frische Luft muß , und begreife nicht , weshalb du den Aufenthalt hier in dem schwülen Zimmer für nötiger hältst . « Er ging zur Thür hinaus , und die Regierungsrätin beeilte sich , ihr Kind auf den Arm zu nehmen ; sämtliche Damen folgten ihr . Drüben am Kaffeetische saß Frau Hellwig längst in unerschütterter Gemütsruhe . Zwischen der vorletzten Maschentour und dem jetzt unter ihren Fingern wachsenden neuen Streifen des Strickstrumpfes lag die Todesgefahr zweier Menschen ; aber das hatte jenes Gleichgewicht , welches auf stählernen Nerven und einer noch härteren Seele beruhte , nicht zu stören vermocht . Endlich kam Heinrich mit den ersehnten Kleidern . Er war so gelaufen , daß ihm der Schweiß von der Stirne rann . Mit Heinrich zugleich war Rosa eingetroffen . Felicitas erhielt deshalb von Frau Hellwig die Erlaubnis , in die Stadt zurückzukehren . Sie wußte , daß Tante Cordula eine ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten hatte , und eilte sofort , indes Heinrich das Haus bewachte , hinauf in die Mansarde . Während die alte Mamsell bestürzt die kühlende Salbe hervorholte und mit sanfter Hand den verletzten Arm verband , erzählte Felicitas den Vorfall . Sie sprach hastig , in fliegenden Worten . Physischer Schmerz und Gemütsbewegung hatten sie in eine fieberhafte Aufregung versetzt . Noch siegte indes der starke Wille des Mädchens über die Leidenschaftlichkeit ; als aber Tante Cordula ruhig einwarf , sie hätte die ärztliche Hilfe nicht zurückweisen sollen , da brach die letzte mühsam behauptete Schranke . » Nein , Tante ! « rief sie hastig , » die Hand soll mich nicht berühren , und wenn sie mich aus Todesnot erretten könnte ! ... Die Menschenklasse , aus der ich stamme , ist ihm unsäglich zuwider . Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst mein Kinderherz bis in den Tod betrübt - ich werde ihn nie vergessen ! ... Seine Pflicht als Arzt ließ ihn heute für einen Moment den Abscheu überwinden , den er gegen die Paria fühlt , ich will sein Opfer nicht ! « Sie schwieg erschöpft , und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze , den die Wunde verursachte . » Er ist nicht mitleidlos , « fuhr sie nach einer Pause fort , » ich weiß es , er versagt sich Genüsse um seiner armen Patienten willen . An jedem anderen würden mich solche fortgesetzte Opfer , solch stille Tugend zu Thränen rühren , hier aber empören sie mich wie an einer anderen Menschenseele das Laster ... Ich bin unedel , Tante , niedrig denkend - ich fühle es wohl , aber ich kann mir nicht helfen , es verursacht mir heftige Pein , Zorn und Groll , an ihm etwas bewundern zu sollen , den ich bis in alle Ewigkeit verabscheue ! « Einmal vom Boden strenger Zurückhaltung und Verschlossenheit gewichen , beklagte sie sich auch heute zum erstenmal bitter über das herzlose Benehmen der jungen Witwe . Jener eigentümliche rote Fleck erschien , wenn auch flüchtig , unter dem linken Auge der alten Mamsell . » Kein Wunder - sie ist ja Paul Hellwigs Tochter ! « warf sie hin . In diesen wenigen , mit schwacher , aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine strenge Verurteilung . Felicitas horchte überrascht auf . Nie hatte Tante Cordula eine Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berührt - die Nachricht von der Ankunft der Regierungsrätin hatte sie damals schweigend und scheinbar völlig teilnahmslos angehört , so daß Felicitas annehmen mußte , die Verwandten am Rhein haben ihr zeitlebens fern gestanden . » Frau Hellwig nennt ihn den Auserwählten des Herrn , den unermüdlichen Streiter für den heiligen Glauben , « sagte das junge Mädchen nach einer kurzen Pause zögernd . » Er muß ein glaubensstrenger Mann sein , einer jener finsteren Eiferer , die zwar mit eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben , aber auch eben deshalb unerbittlich und unnachsichtlich die Fehler und Schwächen anderer richten . « Ein leises , heiseres Gelächter schlug an Felicitas ' Ohr . Die alte Mamsell hatte eine eigentümliche Art von Gesichtszügen , bei welchen man nie fragt : » sind sie schön oder häßlich ? « Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und Güte , eines tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen Anforderungen der Schönheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur - wo die Linie abweicht , da ergänzt der Ausdruck , aber eben deshalb kann uns auch diese Gattung Gesichter plötzlich vollkommen fremd werden , sobald ihre gewohnte Harmonie gestört wird . Tante Cordula erschien in diesem Augenblicke förmlich unheimlich ; es war ein Hohngelächter , wenn auch ein leises , gedämpftes , welches sie ausstieß ; ihr sonst so stilles , liebes Gesicht hatte etwas Medusenhaftes durch den plötzlichen Ausdruck unsäglicher Bitterkeit und einer namenlosen Verachtung . Jene Aeußerung im Verein mit dem seltsamen Gebaren der alten Mamsell warfen abermals einen schwachen Lichtreflex auf ihre geheimnisvolle Vergangenheit , aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar in dem dunklen Gewebe , und auch jetzt that sie alles , um den Eindruck ihres momentanen Sichgehenlassens bei dem jungen Mädchen zu verwischen . Auf dem großen , runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen , sie waren geöffnet . Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Blätter und Hefte sehr gut . Da , auf grobem , vergilbtem Papiere , mit verblichener Tinte und oft in sehr verzwickten Hieroglyphen hingeworfen , leuchteten Namen wie Händel , Gluck , Haydn , Mozart - es war Tante Cordulas Handschriftensammlung berühmter Komponisten . Bei Felicitas ' Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den Papieren gekramt , die , jahrelang unausgelüftet hinter den Glasscheiben liegend , jetzt einen durchdringenden Modergeruch ausströmten . Sie nahm schweigend die Arbeit wieder auf , indem sie die Papiere mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in die Mappe schob . Der Tisch leerte sich allmählich , und dadurch wurde auch ein tiefer unten liegendes , dickes , geschriebenes Notenheft sichtbar . » Musik zu der Operette : Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens , von Johann Sebastian Bach , « stand auf dem Titelblatte . Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des Komponisten . » Gelt , das kennst du noch nicht ? « fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln . » Das hat viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines Geheimschrankes gelegen ... Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen alten Kopf - sie meinten alle miteinander , es sei Zeit , Ordnung für die Heimreise zu machen , und nach dieser Ordnung gehört das Heft in die rote Mappe ... Es mag wohl das einzige Exemplar sein , das existiert - es wird dereinst mit Gold aufgewogen werden , meine liebe Fee . Das Textbuch , ganz speziell für unsere kleine Stadt X. und meist im hiesigen Dialekt geschrieben , ist vor beinahe zwei Jahrzehnten hier aufgefunden worden und hat um seiner mutmaßlichen Bachschen Komposition willen in der musikalischen Welt Aufsehen erregt ; diese Komposition , die man noch sucht - hier ist sie . Die Melodien , die für die Welt weit über ein Jahrhundert hier auf dem Papiere geschlafen haben , sind für die Musiker eine Art Nibelungenhort , umsomehr , als sie die einzigen eigentlichen Opernmelodien sind , die Bach je komponiert hat ... Anno 1705 haben die Schüler der hiesigen Landesschule und verschiedene Bürger drüben im alten Rathaussaale , damals der Tuchboden genannt , die Operette aufgeführt . « Sie schlug das Titelblatt um ; da stand auf der Rückseite in zierlicher Schrift : » Johann Sebastian Bachs eigenhändig geschriebene Partitur , von ihm erhalten zum Andenken im Jahre 1707 . Gotthelf v. Hirschsprung . « - » Der da soll mitgesungen haben , « fuhr sie mit etwas vibrierender Stimme fort , indem sie auf den letzten Namen zeigte . » Und wie kam das Heft in deine Hände , Tante ? « » Durch Erbschaft , « klang es kurz abweisend , fast rauh von Tante Cordulas Lippen , während sie die Partitur in die rote Mappe legte . In solchen Momenten war es geradezu unmöglich , ein Gespräch verlängern zu wollen , welches die alte Mamsell abzubrechen wünschte . In Haltung und Gebärden der kleinen , hinfälligen Gestalt lag dann eine so entschiedene Zurückweisung , daß nur Taktlosigkeit und unverschämte Neugierde vorzugehen vermochten . Felicitas warf einen sehnsüchtigen Blick auf das verschwindende Manuskript ; die Melodien , die kein Lebender , außer Tante Cordula , kannte , erregten ihr höchstes Interesse , aber sie wagte nicht , um einen Einblick zu bitten , wie sie ja auch vorhin bei ihrer Mitteilung die Armbandgeschichte völlig unerwähnt gelassen hatte - nie hätte sie eine schmerzlich klingende Saite im Innern ihrer Beschützerin zum zweitenmal berühren mögen . Die alte Mamsell schlug den Flügel auf , und Felicitas zog sich in den Vorbau zurück ... Die Sonne war im Untergehen . Dort drüben lag es noch wie ein aufgewirbelter , funkelnder Goldstaub , der das Auge blendete und Himmel und Erde formlos ineinander schwimmen ließ . Wie aus der Hand des Sämanns die weithin geschleuderten Körner , so fielen von dort her Streiflichter purpurn und goldig färbend auf die Wipfel des Bergwaldes und auf das blütenbeschneite Thalgelände . Einzelne Partien der Gegend traten dadurch überraschend und fremdartig hervor , gleich einem neuen Gedanken in der sinnenden Menschenstirne ... Das kleine Dorf dort , das seine letzten Hütten keck den Fuß des Berges ersteigen ließ , erreichte der Sonnenstrahl nicht mehr , aber vom Kopfe des spitzen Kirchturms zuckten noch Blitze , und die weit offenen Thüren der Häuser zeigten das rotglühende Herdfeuer , auf welchem die Abendkartoffeln kochten ... Süßer Abendfrieden lag da draußen , und hier oben quoll der Blumenduft betäubend empor , kein Lüftchen trug ihn weiter , noch rührte es an die sonnenmüden Blätter und Zweige . Manchmal fiel ein schwerfälliger Maikäfer klatschend auf die Galerie , oder ein Schwalbenpaar schwirrte , von Elternsorgen getrieben , vorüber - sonst war es still , feierlich still . Um so ergreifender schwebten die Klänge des Beethovenschen Trauermarsches heraus in den Vorbau , aber schon nach wenigen Akkorden hob Felicitas erschreckt den tiefgesenkten Kopf und blickte angstvoll in das Zimmer zurück - das war kein Klavierspiel mehr ; ein Tongeflüster , hinsterbend und geisterhaft , schlug es doch mit der ganzen Kraft einer unabweisbaren , urplötzlich begriffenen Mahnung an das Herz des jungen Mädchens : die Hände , die über die Tasten hinglitten , waren müde , sterbensmüde , und das , was unter ihnen hervorklang , waren die Flügelschläge einer Seele , die sich losreißen wollte für immer . 15 Die Feuer- und Wassertaufe hatte für die zwei Beteiligten doch ihre Folgen . Ein starkes Schnupfenfieber brach während der Nacht bei dem Kinde aus , und Felicitas erwachte am anderen Morgen mit heftigem Kopfweh . Sie besorgte trotzdem die ihr übertragenen Geschäfte mit gewohnter Pünktlichkeit , der verletzte Arm hinderte sie wenig , denn die vortreffliche Salbe hatte über Nacht bereits ihre Schuldigkeit gethan . Nachmittags kehrte der Professor nach Hause zurück . Er hatte eben eine Augenoperation , an die sich bis dahin kein Arzt gewagt , glücklich ausgeführt . In Gang und Haltung offenbarte sich wie immer jenes ruhige , rücksichtslose Sichgehenlassen , das scheinbar durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte , auch die kräftige Hautfarbe seines Gesichts war nicht um eine Nüance erhöhter - wer aber sein Auge kannte , dem mußte der ungewohnte Glanz auffallen , der unter den starken Brauen hervorleuchtete ; diese kalten , stahlgrauen Augen , die nur gemacht schienen , prüfend und kühl sondierend in das Seelenleben anderer zu dringen , hatten also doch auch Momente , wo sie eigene innere Befriedigung und Wärme ausstrahlten . Er blieb an der Hofthür stehen und frug Friederike , die mit einem Eimer voll Wasser in die Hausflur trat , nach ihrem Befinden . » Mir geht es wieder gut , Herr Professor , « antwortete sie , ihren Eimer hinstellend , » aber die da drüben , « sie zeigte über den Hof hinweg nach einem Fenster im Erdgeschoß , » die Karoline hat gestern bei der Feuergeschichte eins weggekriegt . Ich hab ' fast kein Auge zuthun können , so hat sie die ganze Nacht im Schlafe vor sich hingeschwatzt , und heute geht sie mit einem Kopfe ' rum , der wie Scharlach , und - « » Das hätten Sie früher sagen sollen , Friederike , « unterbrach sie der Professor streng . » Ich hab ' s auch der Madame gesagt , aber sie meinte , es würde sich schon wieder geben . Für die ist sein Lebtag kein Doktor geholt worden , und sie ist auch durchgekommen - Unkraut verdirbt nicht , Herr Professor ! ... Es hilft ja auch gar nichts , wenn man gut mit ihr sein will , « setzte sie entschuldigend hinzu , als sie sah , daß sich sein Gesicht auffallend verfinsterte ; » sie war von klein auf ein verstocktes Ding und hat immer so apart gethan , wie ein Königskind - daß Gott erbarm ' , so ein Spielersmädchen ! ... Manchmal , wenn ich für die Madame was Gutes gebacken oder gebraten hatte , da hab ' ich ihr auch ein paar Bissen hingestellt - lieber Gott , man hat ja doch auch ein Herz ! Aber glauben Sie denn , sie hätte es angerührt ? Ja , Gott bewahre - ich hab ' s allemal wieder forttragen müssen . Sehen Sie , Herr Professor , so machte sie ' s schon als Kind ! Sie hat sich überhaupt immer nur halb sattgegessen von der Zeit an , wo der sel ' ge Herr gestorben ist ... Das ist aber alles die pure Verstocktheit und der sündhafte Hochmut , sie will nichts geschenkt haben , partout nicht ! Ich hab ' s mit meinen eigenen Ohren gehört , wie sie dem Heinrich gesagt hat , wenn sie erst einmal das schreckliche Haus im Rücken hätte , da wollte sie arbeiten , daß ihr das Blut unter den Nägeln hervorkäme , und jeden verdienten Groschen an die Madame schicken , bis jeder Bissen Brot , den sie hier im Hause gegessen hätte , bezahlt wäre . « Die alte Köchin bemerkte nicht , daß ihrem Zuhörer während ihres Herzensergusses das Blut immer mehr in das Gesicht stieg . Sie hatte kaum den letzten Satz beendet , als er , ohne ein Wort zu entgegnen , sofort über den Hof nach dem ihm bezeichneten Fenster schritt . Es war ein großes Bogenfenster mit steinerner Einfassung , das sehr tief auf den Boden herabging und zu der Kammer gehörte , in welcher Friederike und Felicitas schliefen . Die offenen Flügel ließen nackte , getünchte Wände und elende Gerätschaften sehen , es war jener enge , abscheuliche Raum , in welchem einst die kleine vierjährige Felicitas die ersten Sehnsuchtsschmerzen hatte durchleiden müssen ... Jetzt saß sie da am Fenster , die Ausgestoßene , die Verstockte , die sich nicht satt aß in fremdem Brote , die arbeiten wollte , bis ihr das Blut unter den Nägeln hervorkam , um jede Verpflichtung trotzig abschütteln zu können - ein Stolz , der sich mit wahrhaft männlicher Unbeugsamkeit inmitten der tiefsten Demütigungen aufrecht erhalten hatte , eine energische Seele voll unerschöpflicher Kraft , und das alles in diesem jungen Geschöpfe , das sich da so kindlich lieblich , scheinbar im Schlafe , zusammenschmiegte . Ihr Kopf ruhte , vom untergelegten Arme gestützt , auf dem Fenstersims , die atlasweiße Haut des Gesichts und die schimmernde Pracht der Haare hoben sich scharf ab von dem verwitterten , grauen Gestein . Unschuldig still und leidvoll erschien das reine Profil mit den sanftgeschlossenen Lippen und den schwermütig herabgeneigten Mundwinkeln - lagen doch die dunklen Wimpern tief auf der bleichen Wange und bedeckten die Augen , die so oft in Groll und Erbitterung aufblitzten . Der Professor war geräuschlos herangetreten , er betrachtete sie einen Moment unbeweglich , dann bog er sich zu ihr nieder . » Felicitas ! « klang es weich und mitleidsvoll von seinen Lippen . Sie fuhr empor und starrte wie ungläubig in die Augen , die auf sie niedersahen - ihr Name , von ihm ausgesprochen , hatte sie wie ein elektrischer Schlag berührt . Aber ihre Gestalt , die eben noch wie ein harmloses Kind sich elastisch zusammengeschmiegt hatte , sie stand urplötzlich da , in jedem Muskel gespannt , gleichsam aufhorchend , als gelte es , einen feindlichen Angriff abzuwehren . Der Professor ignorierte diese Umwandlung völlig . » Ich höre von Friederike , daß Sie leidend sind , « sagte er in dem gewohnten , ruhig freundlichen Ton des Arztes . » Ich fühle mich wieder wohl , « antwortete sie gepreßt . » Ungestörte Ruhe stellt mich stets rasch wieder her . « » Hm - Ihr Aussehen jedoch , « er vollendete den Satz nicht , streckte aber ohne weiteres den Arm herein und wollte ihr Handgelenk ergreifen . Sie wich einige Schritte tiefer ins Zimmer zurück . » Seien Sie vernünftig , Felicitas ! « ermahnte er , immer noch freundlich ernst , aber seine Brauen runzelten sich finster , als das Madchen bewegungslos stehen blieb , während sie die Arme beinahe krampfhaft fest um ihre Taille legte . Trotz des dichten Bartes konnte man sehen , wie er zornig die Lippen zusammenkniff . » Nun , so werde ich nicht mehr als Arzt , sondern als Vormund zu Ihnen sprechen , « sagte er in hartem Tone , » und als solcher befehle ich Ihnen , sofort hierher zu kommen ! « Sie sah nicht auf , ihre Wimpern legten sich vielmehr noch tiefer auf die Wangen , die eine glühende Röte bedeckte , und ihre Brust hob und senkte sich im schweren inneren Kampfe , aber sie kam langsam heran und reichte ihm schweigend , mit weggewandtem Gesichte , die Hand hin , die er sanft in die seine nahm ... Diese außerordentlich schmale , kleine , aber hartgearbeitete Hand zitterte so heftig , daß es wie ein tiefes Erbarmen durch die ernsten Züge des Professors ging . » Thörichtes , eigensinniges Kind , da haben Sie mich nun wieder einmal gezwungen , mit aller Strenge gegen Sie aufzutreten ! « sagte er mit mildem Ernste . » Und ich hätte gewünscht , daß wir ohne weitere Feindseligkeiten auseinandergehen sollten ... Haben Sie denn gar keinen anderen Blick für mich und meine Mutter , als den eines unauslöschlichen Hasses ? « » Man kann nicht anders ernten wollen , als man gesäet hat ! « entgegnete sie mit halberstickter Stimme . Sie strebte fortwährend sich loszuwinden , und ihre Augen hafteten mit einem so still entsetzten Ausdruck auf den Fingern , die ihr Handgelenk weich , aber kräftig umschlossen , als seien sie glühendes Eisen . Jetzt ließ er ihre Hand rasch fallen . Milde und Mitleid verschwanden aus seinen Zügen , er stieß mit der Spitze seines Stockes ärgerlich nach einigen schuldlosen Grashalmen , die zwischen dem Gefüge des Pflasters sproßten - Felicitas atmete auf , so sollte er sein , rauh , hart ; sein mitleidsvoller Ton war ihr entsetzlich . » Immer derselbe Vorwurf , « sagte er endlich kalt . » Ihr übermäßiger Stolz mag freilich oft genug verwundet worden sein ; war es doch gerade unsere Aufgabe , Sie auf möglichst gemäßigte Ansprüche zurückzuführen ... Ich kann getrost Ihren Haß auf mich nehmen , denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt ; und meine Mutter ? ... nun , ihre Liebe mag schwer zu gewinnen sein , das will ich nicht bestreiten , aber sie ist unbestechlich gerecht , und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen haben , daß Ihnen wirkliches Leid und Unrecht geschehe ... Sie sind im Begriff , hinauszutreten in die Welt und sich auf eigene Füße zu stellen , dazu bedarf es in Ihrer Lage vor allem der Fügsamkeit ... Wie soll Ihnen der Verkehr mit den Menschen überhaupt möglich werden bei Ihren falschen Ansichten , die Sie so eigensinnig festhalten ? Wie wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen trotzigen Augen ? « Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an . » Wenn man mir beweist , daß meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft gegenüber nicht Stich halten , dann will ich sie gern fallen lassen , « entgegnete sie mit ihrer tiefen , ausdrucksvollen Stimme . » Aber ich weiß , ich stehe nicht allein mit der Ueberzeugung , daß keinem Menschen , und sei er , wer er wolle , das Recht zukommt , andere zu geistigem Tode zu verurteilen ; ich weiß , daß tausend andere mit mir fühlen , wie ungerecht und strafbar es ist , einer Menschenseele die Berechtigung des Aufwärtsstrebens abzusprechen , weil sie in einem niedrig geborenen Leibe wohnt ... Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen , denn ich habe Vertrauen zu ihnen und hoffe zuversichtlich , diejenigen zu finden , denen ich ganz gewiß nicht trotzig gegenüberstehen will ... Ein unglückliches Menschenkind wie ich , das unter gemütlosen Seelen leben muß , hat keine andere Waffe , als seinen Stolz , keine andere Stütze , als das Bewußtsein , daß es auch Gottes Kind , Geist von seinem Geiste ist . Ich weiß , daß für ihn alle die Stufen und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen - sie sind Menschenerfindung , und je kleiner und erbärmlicher die Seele , um so fester hält sie an ihnen . « Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Thür , die nach der Gesindestube führte , und er stand draußen und starrte ihr nach , dann drückte er den Hut tief in die Stirne und schritt dem Hause zu . Was in diesem gesenkten Kopfe vorging , vermochte wohl niemand zu ergründen ; so viel aber war gewiß , jener Glanz seiner Augen , den er vorhin mit heimgebracht , war verflogen - es lag wie ein finster brütender Geist auf den stark gefurchten Brauen . In der Hausflur standen der Rechtsanwalt Frank und Heinrich beisammen . Der Professor sah rasch , wie erwachend , auf , als ihre Stimmen sein Ohr berührten . » Nun , du hast Patienten im Hause , Professor ? « fragte der Rechtsanwalt , indem er ihm die Hand reichte . » Die Feuergeschichte hat fatale Folgen , wie ich höre - das Kind - « » Hat ein tüchtiges Schnupfenfieber , « ergänzte der Professor trocken . Er schien offenbar nicht in der Laune , sich auf weitere Eröterungen einzulassen . » Ach , Herr Professor , das hat ja wohl nicht viel zu bedeuten ! « meinte Heinrich . » Das Kind ist einmal eine arme kranke Kreatur und pimpelt den ganzen Tag - wenn aber so ein Mädchen , wie die Fee , der das ganze Jahr keine Ader weh thut , den Kopf hängt , da kommt einem die Angst . « » Nun , von der Kopfhängerei habe ich nicht viel bemerken können , « sagte der Professor mit auffallend scharfer Stimme , - man sah , wie unter dem Barte die Mundwinkel ironisch zuckten . » Der Kopf sitzt fest wie irgend einer , darauf kannst du dich verlassen , Heinrich ! « Er schritt mit dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf . Auf den obersten Stufen kam ihnen Aennchen entgegen ; sie war barfuß und im Nachtkleidchen , auf dem gedunsenen Gesichtchen glühten Fieberflecken und die Augen waren geschwollen vom Weinen . » Mama fort , Rosa fort , Aennchen will Wasser trinken ! « rief sie dem Professor entgegen . Er nahm sie erschrocken auf den Arm und trug sie in das Schlafzimmer zurück - niemand war zu sehen . Erzürnt rief er nach dem Mädchen . Eine ferne Thür ging auf , und mit erhitztem Gesicht , das Bügeleisen in der Hand , kam Rosa herbeigelaufen ; dort in dem Zimmer blähte sich eine ungeheure , blütenweiße Mullwolke auf dem Bügelbrette . » Wo stecken Sie denn ? Wie können Sie das Kind allein lassen ? « fuhr er sie an . » Ach , Herr Professor , ich kann mich doch nicht in Stücke teilen , « verteidigte sich das junge Mädchen , fast weinend vor Aerger . » Die gnädige Frau muß durchaus ein frischgewaschenes Kleid morgen früh haben - das Waschen und Bügeln nimmt ja gar kein Ende mehr - wenn Sie nur wüßten , solch ein Kleid ist eine Heidenarbeit - « Sie hielt inne , der Rechtsanwalt brach in ein lautes Gelächter aus . » O , über die Frau im einfachen weißen Mullkleide ! « rief er und hielt sich die Seiten ,