, die er neben ihr verloren hatte . Sie hatte schon oftmals den Vorschlag gemacht , den Caplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land hinaus zu gehen , damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht länger zu entbehren brauche ; aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt . Wie des Menschen Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen , wenn sie sich in das Unbestimmte verlieren , so fiel ihr plötzlich ein , es wäre am Ende gar nicht so schlimm gewesen , wenn Fräulein Esther noch hier im Hause gelebt hätte , wenn sie und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wären . Kaum aber hatte sie das gedacht , als sie plötzlich einen starken Lavendelgeruch zu spüren glaubte . Sie richtete sich auf , blickte umher , die Thüren waren geschlossen , die Damastvorhänge vor denselben herabgelassen , es regte sich kein Lüftchen im Zimmer , die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung . Sie legte sich also wieder in die Kissen zurück , und abermals strömte der Lavendelgeruch , den Fräulein Esther vorzugsweise geliebt hatte , und den man noch vielfach in den Schränken und Schubladen bemerken konnte , über Angelika ' s Antlitz hin . Sie überlegte , woher der Duft jetzt eben kommen könne , und als sie im Zimmer umhersah , bemerkte sie , daß von der großen Bronce-Vase , welche auf dem Kamine stand , der Deckel verschoben war . Das fiel ihr auf , denn sie hatte nie gesehen , daß die Vase zu öffnen sei , sondern sie für eine jener alterthümlichen Zierathen von Bronce gehalten , die eben nur als Zierath dienen . Behutsam stand sie auf , warf ihr Morgengewand über und ging an den Kamin , um den Inhalt der Vase kennen zu lernen . Als sie den Deckel abhob , fand sie auf einer dicken , weich wattirten Unterlage , die mit welken Lavendelblättern überstreut war , ein uraltes , kleines katholisches Gebetbuch , in Sammet gebunden , ein elfenbeinernes Crucifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln , der an einem kostbaren antiken Betringe befestigt war . Wie man diese Gegenstände hier habe unbeachtet liegen lassen können , wenn sie Fräulein Esther im Gebrauch gehabt hatte , konnte Angelika sich nicht erklären . Sie trat an die Lampe heran , zu sehen , ob sich vielleicht ein Name oder ein Wappen auf dem Ringe befinde ; es war aber nichts der Art vorhanden . Nur in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher Schrift , als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben , die Worte : » Mein Freund in der Noth ! Der Stab , der mich hielt , da ich schwankte , die Stütze , an der ich mich erhob , das Licht , dessen Leuchten mir einst die lange Nacht erhellen wird ! Möge es zu rechter Stunde in die rechten Hände fallen und Segen bringen , wie es mir Segen gebracht hat ! Das ist das kostbarste Vermächtniß , das ich zu hinterlassen habe . Mein Gebet wird bei Dir sein in der Stunde Deiner höchsten Noth , bete auch Du für meine Seele , wenn ich nicht mehr bin . « Angelika las die Worte wieder und wieder ; sie erschütterten sie durch ihre einfache und innerliche Kraft . Sie hatte nie zuvor ein Crucifix und einen Rosenkranz in Händen gehalten . Unwillkürlich legte sie ihre Hände zum Gebet zusammen , und es bewegte ihr das Herz , daß sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem Manne gehörte . Sie mußte immerfort an Esther denken , und das Bild der Verstorbenen , welches ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war , übte plötzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus , daß sie ein lebhaftes Bedauern darüber fühlte , die Tante nicht gekannt zu haben , daß sie Verlangen trug , von ihr zu hören und zu wissen . Sie konnte den Morgen kaum erwarten , um dem Baron ihre Entdeckung mitzutheilen . Auch er war überrascht . Es war ihm auffallend , daß er diese werthvollen Gegenstände bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen , daß er nie von ihnen gehört hatte . Angelika fragte , ob es Esther ' s Handschrift sei ; der Baron verneinte es . Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu erkennen , aber die Züge waren so weit ausgedehnt , die Buchstaben durch das Zittern der Hand entstellt , und wie diese Sachen hierher gekommen waren , wenn sie seiner Schwester angehört , war ihm eben so unklar , da seine Mutter Alles , was Amanda besessen , wie Heiligthümer aufgehoben hatte . Man ließ also Mamsell Marianne rufen ; man befragte sie , und diese kannte die Gegenstände allerdings , aber sie schien selbst überrascht , sie wieder einmal zu sehen , und wußte auch nichts Näheres darüber anzugeben . Mein gnädiges Fräulein , sagte sie , hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt , als ich in das Zimmer getreten bin ; das ist aber viele Jahre her , und ich habe die Sachen seitdem niemals wieder zu Gesicht bekommen . Dazu werden der gnädige Herr sich auch erinnern , daß das Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten , wenn sie nicht von selber sprachen . Benutzt hat mein Fräulein den Rosenkranz und das Crucifix niemals . Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Crucifix gebetet , das sie schon auf der Brust getragen hat , als ich vor dreißig Jahren zu ihr kam , und das hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen , an welchem wir sie eingeschlafen gefunden haben . Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf , daß diese werthvollen Andenken in der Vase lägen ? fragte die Baronin . Mamsell Marianne entgegnete , sie habe das selbst gar nicht gewußt . Ich habe die Vase ja alltäglich beim Abstäuben in der Hand gehabt , obschon sie schwer genug zu rücken ist , fügte sie hinzu , aber ich habe nie gehört , daß sich irgend etwas darin bewegte . Den Deckel aufzumachen , dessen Feder sich schwer öffnete , hatte ich natürlich keinen Grund , eben weil ich sie für leer hielt . So mußt Du , Liebe , gestern beim Auskleiden , als Du an dem Kamine beschäftigt warst , zufällig die Feder des Schlosses aufgedrückt haben , sagte der Baron gleichmüthig , indem er den Rosenkranz betrachtete und die schöne Arbeit des Betringes mit Kennerblick besah . Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehüllt , das Angelika ' s Phantasie lebhaft beschäftigte , während der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben schien . Als Angelika später das Verlangen äußerte , den Fund zu besitzen , bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres . Sie legte den Rosenkranz und das Crucifix in einen besonderen Kasten und schloß diesen bei ihren werthvollsten Angedenken ein , denn das Auffallende des Vorganges , weit entfernt , sie zu beunruhigen , gab ihr ein tröstliches Gefühl . Sie kam sich nicht mehr so fremd in dem Hause vor , in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so wunderbar günstig gewesen war . Es freute sie , etwas Besonderes erlebt zu haben , das doch wieder mit dem Hause und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen und geheimnißvollen Zusammenhange zu stehen schien ; und wenn sie bisher eine Scheu vor der Erinnerung an Fräulein Esther getragen hatte , so dachte sie jetzt mit immer wachsender Neigung an die Tante , bis sich die Vorstellung in ihr festsetzte , daß die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Theilnahme , ihrer Wünsche habe geben wollen , daß Esther ihr mit diesem Rosenkranze und diesem Crucifixe die Weisung ertheilt habe , auf welchem Wege für Angelika die volle Uebereinstimmung mit ihrem Gatten , nach welcher sie sich sehnte , zu finden sei . Mit ihrer Scheu vor Fräulein Esther verschwand auch das geheime Abmahnen , welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte , und diese begann , sich allmählich der neuen Herrin des Hauses zu nähern und zu fügen , seit sie von derselben öfter und immer antheilvoller um Auskunft über Fräulein Esther angegangen wurde . Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der Baronin herab , indeß sie fing doch an , dienstbarer und hülfreicher zu werden , je länger die junge Baronin in dem Hause weilte , und da die Letztere bald nach Neujahr unpäßlich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte , erwies Mamsell Marianne sich plötzlich als eine so unermüdliche und erfahrene Pflegerin , daß es sich für die Baronin erklärte , wie unschätzbar die treue Dienerin für das oft kränkelnde Fräulein Esther gewesen sein müsse . Nun war Mamsell Marianne plötzlich wieder an ihrer rechten Stelle . Sie hatte sich alt werden lassen , so lange sie einer alten Dame gedient hatte ; jetzt schien sie sich zu verjüngen , um der jungen Baronin nicht unbehülflich zu dünken , und je mehr man ihr Herrschaft über die andere Dienerschaft einräumte und zugestand , um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen , welche sie als ihre Herren erkannte , und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre ansah . Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen , daß Mamsell Marianne die alten , steifen Hauben ablegte , welche sie auf Befehl von Fräulein Esther die ganzen dreißig Jahre lang getragen , während welcher sie in deren Dienst gestanden hatte ; sie konnte es kaum glauben , daß Marianne noch nicht fünfzig Jahre alt sei , und es war auch in der That nicht leicht , in der jetzt so rührigen Aufseherin und Pflegerin die alte , steife , wort- und blicklose Castellanin wiederzuerkennen , als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft dargestellt hatte . Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Carnevals in der Residenz ihren Anfang genommen , und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte , machte er jetzt selbst den Vorschlag , den Caplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern . Angelika begrüßte die Ankunft des bewährten Mannes mit Freude . Seine Ruhe und sein Ernst , seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den früheren Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflößt , und sie konnte nicht umhin , von seiner Anwesenheit sich Gutes für sich und ihren Gatten zu versprechen . Der Caplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt , als er es bemerkte , wie die Stimmung des Freiherrn verändert und daß die junge Frau nicht glücklich sei ; ja , es dünkte ihn bald , der Baron bereue es , seine Gegenwart gefordert zu haben . Er war schon wieder über die Verfassung hinweg , in welcher er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit , und nach dem Tode Paulinen ' s befunden hatte . Er dachte nicht mehr daran , eine neue Lebensrichtung einzuschlagen . Er fühlte kein Bedürfniß mehr , zu sühnen und zu büßen , er hatte , wenn ihn seine bösen Träume auch noch öfter quälten , die Hoffnung gewonnen , vergessen zu können ; und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem alten Freunde gesucht , so vermied er es jetzt geflissentlich . Er fragte auch gar nicht nach dem Ergehen des Knaben , dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten so sehr am Herzen gelegen hatte ; indeß man hatte nicht nöthig , den Freiherrn so lange zu kennen , als dies bei dem Caplan der Fall war , um zu sehen , daß im Grunde sein Inneres nicht geheilt war und daß er sich nur zu übertäuben suchte . Was ihn von der Baronin entfernte , was dieser den Frieden genommen hatte , war nicht minder leicht zu ergründen . Aber schonend und vorsichtig , klug und erfahren zugleich , hütete der Caplan sich wohl , diese Einsicht , die er gewonnen hatte , irgend kund zu geben . Er ließ den Freiherrn unbehindert seinen Weg verfolgen ; er hielt sich bei Angelika auf , so oft sie es begehrte , und war man bei den Mahlzeiten oder in den frühen Abendstunden bei der Baronin zu Dreien zusammen , so wußte er dem Gespräche freundlich die Wendung zu geben , welche die Eheleute von sich selber abzog und es ihnen nicht fühlbar machte , wie weit sie von einander entfernt worden waren . Eines Abends , als Sturm , Schnee und Hagel das Haus recht winterlich umsausten , erschien der Baron , zu einem Hof-Concerte gekleidet , früher als gewöhnlich bei seiner Gattin . Man hatte die Thüre , um die Baronin gegen den Zugwind zu schützen , mit Schirmen verstellt , auf denen , nach dem Geschmacke jener Tage , langzöpfige Chinesen mit ihren Schönen unter Palmen und wunderlichen Thürmen einherspazierten , während Diener ihnen mit großen Fächern Kühlung zuwehten und buntes , reich gefiedertes Gevögel sich in goldenen Ringen unter den Zweigen der Bäume schaukelte . Schnell und sich die Hände reibend trat der Baron in Angelika ' s Zimmer ein . Er fragte nach ihrem Befinden , und auf die Antwort , daß es ihr nicht übel gehe , versetzte er : Nun , wenn Du Dich sonst leidlich fühlst , so kann man Dich heute um die Ruhe und um die freundliche Wärme Deiner Zimmer beneiden , denn es ist ein Wetter , das mir einmal wieder recht lebhaft die nie erloschene Sehnsucht nach dem Süden wachruft . Er erinnerte darauf den Caplan , wie wenig diesen zu Anfang der Charakter des Südens angemuthet habe , rühmte sich der Einsicht , mit welcher er gleich bei dem Eintritt in Italien die richtige Schätzung des Landes und des Volkes besessen , und kam dadurch auf das Thema von der Gewalt und der Bedeutung der ersten Eindrücke zu sprechen , auf die er , wie seine Zuhörer es wußten , ein großes Gewicht legte . Er pries dabei seine Menschenkenntniß , nannte dieselbe eines der schätzenswerthesten Güter , welche das reife Alter vor der Jugend , der Mann in der Regel vor der Frau voraus habe , und schloß diese Bemerkung mit dem Geständnisse , daß er diese Menschenkenntniß den Besitz Angelika ' s verdanke ; denn Sie , lieber Caplan , fügte er hinzu , Sie können es nicht leugnen , Sie haben die Baronin Anfangs nicht mit dem günstigen Vorurtheile angesehen , wie ich . Der Caplan lächelte , und mit jener Würde und Sicherheit , die es weiß , daß sie solchen Anschuldigungen die Stirne bieten kann , sagte er : Den Werth der Frau Baronin zu unterschätzen , konnte mir wohl nicht begegnen , mein Bedenken gegen Ihre Wahl lag auf einer anderen Seite , Herr Baron ! Angelika wußte , was damit gemeint sei . Sie wurde verlegen , und wie man in solchen Augenblicken leicht etwas Ungehöriges thut , um nur von sich selber abzukommen , sprach sie lächelnd : Man darf aber doch in keinem Falle den ersten Eindrücken zu viel Bedeutung einräumen , denn hätte ich das gethan , so wäre ich jetzt auch nicht hier . Nicht hier ? fragte der Freiherr ; was meinst Du damit , meine Liebe ? Ich meine , daß ich dann nicht Deine Frau geworden sein würde . Denn ich entsinne mich ganz deutlich , daß , als ich Dich , lieber Franz , zuerst gesehen habe , mir Deine Erscheinung zwar sehr imponirte , daß ich aber doch eine Art von Unbehagen , von Scheu , von innerem Abmahnen Dir gegenüber fühlte . Der Baron wurde ernsthaft . Hätte ich eine Ahnung davon gehabt , so würde ich Dich gemieden haben ! sagte er . Bester , rief die Baronin erschrocken aus , wie kannst Du das nur denken , wie kannst Du das nur sagen ! Warum nicht ? fragte der Baron sehr ernsthaft . Es handelt sich hier , ganz abgesehen von uns , um ein Princip , um eine Erfahrungs- oder Ueberzeugungssache . Der Mensch hat , das ist keine Frage , nichts so sehr zu beachten , auf nichts so zuversichtlich zu bauen , als auf die Stimme seines Innern , auf diesen geheimnißvollen , weisen , ahnungsvollen Rathgeber , der ihn , nach meinen Erfahrungen , fast niemals trügt . Lieber Mann , rief die junge Frau noch einmal und erhob bittend ihre Hände zu ihm , strafe mich nicht so hart für das thörichte Aussprechen einer kindischen Empfindung ! Ich Dich strafen , entgegnete er , wie käme ich dazu ? Wie käme ich dazu eben jetzt , da mich die Sorge erfüllt , daß ich Dir doch noch Unheil bringen könne . Der Caplan machte eine abwehrende Bewegung mit dem Haupte . Wie oft , gnädiger Herr , sagte er , haben Sie auch schon die gegentheilige Erfahrung an sich selbst zu machen die Veranlassung gehabt , daß der geheime Zug , der Menschen auf einander hinzuweisen oder sie von einander fern zu halten schien , Sie täuschte ! Die habe ich niemals gemacht ! versicherte der Baron , der nur auf Widerspruch zu stoßen brauchte , um sich in einer Vorstellung zu befestigen . Niemals ? fragte der Caplan mit Bedeutung . Niemals ! wiederholte der Freiherr sehr bestimmt . So waren Sie glücklicher , als ich es glaubte , bemerkte der Geistliche gelassen . Vielleicht war ich nur achtsamer , meinte der Freiherr , denn man hat sich sehr davor zu hüten , nicht irgend eine augenblickliche Aufwallung oder einen sinnlichen Anreiz für jenen wundervollen Zug der Sympathie zu halten , den schon die Alten kannten und verehrten . Er brach damit plötzlich ab , wendete sich freundlich zu der Baronin und fragte , indem er ihre Hand ergriff : Und was hattest Du denn eigentlich gegen mich , Du Kind ? O , weßhalb willst Du das wissen ? versetzte die Baronin . Es hieße ja nur einen Irrthum eingestehen , und seiner Irrthümer hat man sich zu schämen ! Der Caplan wünschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen , weil er wußte , wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu kränken und wie sehr er dann geneigt war , das Unschuldigste zu mißdeuten . Er nahm also die letzten Worte Angelika ' s auf und sagte : In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder Verschweigen eines Irrthums an und für sich etwas ganz Gleichgültiges , bei ernsthaften Anlässen ist es aber ein Anderes . Einen Irrthum vor Anderen eingestehen , heißt erst , ihn förmlich von sich abthun , ihn förmlich überwinden ; denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende Kraft . Ein Irrthum , den Sie schweigend und ohne Eingeständniß an einen Andern in sich bekämpfen , bleibt immer noch mit Ihnen im ausschließlichen Zusammenhange , bleibt immer noch Ihr Irrthum . Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser Unbetheiligte Ihnen in der Erkenntniß und Beurtheilung Ihres Irrthums beistimmt , so ist eine Rückkehr in denselben Irrthum für Sie nicht mehr leicht möglich , wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausführen wollen , was doch zu den Seltenheiten gehört . Gewiß , sagte der Baron ; auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des Wortes gründet sich die Taktik aller der Menschen , welche sich vor Andern ihrer Fehler anklagen , weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie drückenden Bewußtseins zu entäußern hoffen . Alles Vertrauen überhaupt , bemerkte der Geistliche , läßt sich auf die jedem Menschen bewußt oder unbewußt innewohnende Ueberzeugung von der befreienden Kraft des gesprochenen Wortes zurückführen ; und als komme ihm das zufällig in den Sinn , fügte er noch hinzu : Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft der Beichte in unserer Kirche , welche der Protestantismus ohne alle Kenntniß des menschlichen Herzens , ohne Mitleid für den Schuldbeladenen , den Bedrückten und den Irrenden , einem abstracten Princip , dem Mißtrauen gegen die Gewalt und den Einfluß der Geistlichkeit , zum Opfer gebracht hat . Er ging aber auch über diese Aeußerung schnell hinweg , denn er wußte , daß ein sicher gestreutes Samenkorn , wenn es auf den rechten Boden fällt , seine Frucht trägt ; und es war ihm daher unlieb , daß der Baron sich mit diesen Erörterungen nicht genügen ließ , sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage that : was seine Frau für ein Abmahnen gegen ihn gefühlt habe . Sie wehrte sich abermals , es zu bekennen , und erst als er mit Bitten und mit scherzendem Zureden in sie drang , sagte sie : Es war , als ich Dich zum ersten Male sah , von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede , deren Wahrheit Du aufrecht erhieltest ; ich konnte mir nun gar nicht denken , daß ein Mann wie Du an Wunder zu glauben vermöge , und .... Und ? fragte der Freiherr . Und so hielt ich Dich halbwegs für einen Heuchler , ohne begreifen zu können , weßhalb Du heucheln solltest ! sagte sie schnell , als wolle sie damit fertig sein . Sie hatte erwartet , einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen , aber keines von beiden traf zu . Der Baron blieb ernsthaft und ruhig und fragte nur , was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle . Nun , zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen , sagte Angelika , von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer Thatsache zu reden liebt , und an die man doch nicht im Ernste glauben kann . Du irrst , sprach der Freiherr mit großer Bestimmtheit , und es ist also , wie ich sehe , noch ein wesentlicher Ueberzeugungssatz zwischen uns unaufgeklärt , was mir wirklich leid ist . Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen so gewiß , als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persönliche Fortdauer nach dem Tode glaube . Nur ein unlogischer Kopf , so dünkt mich , kann auf den Einfall gerathen , daß eine Wesenheit , die sich von ihrem ersten Keime an in strenger Folgerichtigkeit zur Individualität entwickelt , plötzlich und mit Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören könne . Abgesehen aber davon , so hat ja Christus uns die persönliche Fortdauer , ja die Auferstehung des Fleisches verheißen , und der Caplan wird Dir nachweisen können , daß in alter und neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen , Ermahnungen und Tröstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewürdigt worden sind . An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewiß nicht ! betheuerte Angelika , eingeschüchtert durch den Ernst des Freiherrn . Ihr protestantisches Bewußtsein ließ sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen , und wenn auch zaghaft , fragte sie dennoch : was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer Unsterblichkeit gemein ? Der Baron blickte sie an , als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend vor , dann entgegnete er belehrend : Allmähliches Werden und Vergehen ist das Gesetz aller Organismen . Es tritt nichts plötzlich in die Erscheinung , es verschwindet nichts plötzlich aus ihr ; und wie der Mensch im Schooße seiner Mutter allmählich werdend zum sichtbaren Dasein erwächst , so verschwindet er , das ist mir zweifellos , auch nur allmählich von der Erde , von der Stätte , die er geliebt , und aus dem Gesichtskreise derjenigen , in deren Leben er seine eigentliche Heimath gehabt hat . Erst wenn diese Loslösung , die sich je nach den verschiedenen Persönlichkeiten in längerer oder kürzerer Zeit vollzieht , ganz und gar beendet ist , kann vernunftgemäß der Läuterungsproceß der Seele beginnen , den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich für die reine Atmosphäre der ewigen Seligkeit vorbereitet . Er sprach das mit der Bestimmtheit aus , mit welcher ein Mathematiker seine Formel hinstellt . Sicherheit aber hat , wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen , dem wir sonst Bedeutung zugestehen , immer etwas Bannendes und Beherrschendes . Er erwartete auch offenbar , Glauben bei Angelika zu finden , und nur , als gebe er noch eine ganz überflüssige Notiz , fügte er hinzu : dieser Glaube von dem allmählichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt ja übrigens , wie alle großen und unumstößlichen Wahrheiten , als ein Eingeborenes in dem menschlichen Geiste . Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei den cultivirtesten Völkern aller Welttheile und aller Zeiten . Von Zoroaster bis zu Plato , von den ältesten jüdischen Traditionen bis zu Origines , von dem wüsten Heidenthume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht derselbe Zug , derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich ; und selbst Euer Martin Luther , so sehr er aller feineren geistigen Erkenntniß durch seine grobsinnliche Organisation verschlossen war , konnte sich jener Einsicht nicht ganz entziehen , wenn er bei seiner bäuerisch plumpen Natur auch nichts Anderes zu erkennen vermocht , als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels . Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines Professors , der sein Collegium beendet hat , und daß seine Zuhörer beide schwiegen , steigerte seine Genugthuung . Er sah nach der Uhr , es war Zeit für ihn , sich zu entfernen . Er schellte dem Kammerdiener , befahl den Wagen vorfahren zu lassen , und als er dann das Zimmer seiner Frau verließ , die ganz gedankenvoll geworden war , sagte er zu dem Geistlichen gewendet : Sie müssen die Baronin durchaus gewöhnen , lieber Freund , recht scharf über geistige Dinge nachzudenken . Es ist bei ihr - und das liegt in ihrer Jugend , die ein großer Vorzug ist - noch Alles Gefühl , noch Alles Empfindung ; aber es kommt ja für sie hoffentlich bald die Zeit , in welcher sie Andern Rechenschaft über ihr Denken geben , Andern ein Führer werden muß , und ich möchte , daß diese Zukunft sie einig mit sich selbst und recht im Einklange mit mir finden möge . Trachte danach , Geliebteste , diesen Standpunkt zu erreichen . Er umarmte hierauf seine Frau , küßte ihr die Hand , gab auch dem Caplan die Hand , und verfügte sich in bester Laune an den Hof , dem Concerte beizuwohnen . Achtes Capitel Es war eine eigenthümliche Lage , in welcher der Caplan sich jetzt gegenüber der freiherrlichen Familie befand . Er glich dem Manne , welchen man zu einem Gastmahle eingeladen hat , und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem Qualm und Rauch , die ihm entgegenströmen , den nahen Ausbruch eines im Verborgenen glimmenden Brandes erkennt . Es galt hier , zu helfen , nicht zu genießen , und Hülfe zu leisten war ja sein Beruf . Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst , beunruhigt durch die Stimmung ihres Gatten , durch den Einfluß , den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus über ihn gewonnen hatten , und fand sie selbst auf das lebhafteste beschäftigt durch eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken , welche sie , eben um ihrer Fremdheit willen , bald anzogen , bald abstießen und ihr den Frieden raubten . Sie sehnte sich nach einem Menschen , dem sie ihr Herz erschließen , den sie zu Rathe ziehen konnte . Sich ihrer Mutter zu entdecken , hielt die Liebe für ihren Gatten sie ab . Die Gräfin würde ihre Tochter für unglücklich , ihren Schwiegersohn für schuldig gehalten haben , und unglücklich fühlte die Baronin sich nicht . Sie wußte nur nicht , was sie thun solle , um wieder zu der Ruhe zu gelangen , die sie bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt , um sich wieder in dem Einklange mit dem Freiherrn zu befinden , von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer Zukunft erhofft hatten . Sie konnte sich nicht recht klar machen , was eigentlich geschehen sei , was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe , aber es war anders geworden , als sie es erwartet hatte ; es war geworden , wie es nicht hätte sein sollen , wie sie nicht geglaubt hatte , daß es jemals werden könne , Die Worte des alten , aufgefundenen Gebetbuches tönten immer in ihrem Herzen . Ihr fehlte ein Stab , der sie stützte , ein Licht , das ihr das Dunkel erhellte . Sie mußte oftmals an dasjenige denken , was der Baron , was der Caplan ihr von der befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten . Es lag , so fern ihr die Vorstellung sonst gewesen war , jetzt für sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen , in der Zurechtweisung und Belehrung , welche man in der Beichte gewährt und empfängt . Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach , dem Caplan Alles zu sagen , was sie drückte , von ihm Rath zu begehren , und es hätte nur einer Ermuthigung von seiner Seite bedurft , ihr den Mund zu erschließen ; aber er gewährte ihr diese nicht . Er wollte reifen lassen , was er emporkeimen sah , und die Frucht nicht vorzeitig brechen , so sehr er sich ihrer erfreute . Es war nicht lange nach jenem Concert-Abende , als er in den Händen der Baronin ein Kästchen erblickte , das sie mit einer gewissen Hast verschloß und auf die Seite stellte , da er bei ihr erschien . Sie sah , daß er es bemerkt hatte , daß er darüber lächelte , und plötzlich zu einem Entschlusse gelangt , fragte sie ihn ganz unumwunden , ob er den Glauben theile , den sie im Hause der Frau von Uttbrecht häufig aussprechen hören , den Glauben , daß die Gottheit noch in unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe ,