es sich versah . Es war ein Morgen , wie man ihn sich wünscht zu allem Angenehmen und Guten : zu Hochzeiten und Kindtaufen , zu Landpartien und vor allem zur Reise in die Fremde . Wenn es am Tage vorher merkwürdig schlechtes Wetter gewesen war , so ging heute die Sonne so schön auf , als wolle sie Hans Unwirrsch ein ganz besonderes Zeichen ihrer Gunst und Zuneigung geben . Der Hahn auf dem Turm der Valentinskirche glänzte wie ein junger , eben aus den Flammen aufgestiegener Phönix , und Kirche und Turm warfen ihren Schatten ungemein behaglich über den grünen Kirchplatz und die Dächer der nächsten Häuser . Noch schliefen die meisten Leute , und wenn nicht ein sehr wacher und vergnügter Hund , der in einem Bäckerladen eine Irische Semmel gestohlen hatte , von einem Lehrjungen mit großem Geschrei durch die Gassen verfolgt worden wäre , so hätte man glauben können , man befinde sich in einer verzauberten Stadt . Der Hund , der atemlose Lehrling und die plätschernden Brunnen waren bis jetzt die einzigen beruhigenden Zeichen dafür , daß Senatus Populusque Neustadiensis weniger verzaubert als verschlafen seien . In der ganzen Stadt gab es nur einen Verzauberten , und dieser war freilich ebenfalls sehr wach - und guckte seit drei Uhr in der Kröppelstraße aus einer Bodenluke - Hans Unwirrsch war ' s. Die Aufregung hatte ihn aus dem Bett gejagt und die Leiter emporgetrieben , welche zu seinem Lugaus hinaufführte . Nach dem Kalender sollte die Sonne um vier Uhr neunundfünfzig Minuten kommen , und es verlohnte sich schon , an einem so wichtigen Tage auf sie zu warten . Schon der Blick in den Nebel , welcher zwischen drei und fünf die Stadt , das Tal und die Berge verschleierte , wog das halbwache Träumen im Bett auf . Die Seele verlor sich ahnungsvoll in diesem Nebel , der die ganze Heimat verhüllte ; - wir haben in einem vorigen Buch einen Greis Bilder und Gestalten in solch wallendes Gewölk zeichnen lassen , aber eigentlich gehört der Nebel doch der Jugend - nur der Jugend ! Nur die Jugend hält den Zauberstab , der die rechten Bilder auf der grauen Fläche hervorzaubert ; die Jugend , die Jugend allein ist fähig , alles zu erfassen und zu finden , was in dem Nebel , dem geheimnisvollen Nebel verborgen liegen kann . Als er sich an diesem Morgen senkte und die Sonne strahlend hervorbrach , war das Herz des Jünglings so voll geworden , daß er nur mit Lebensgefahr die Leiter und die enge , halsbrechende Treppe niedersteigen konnte . Nimm Abschied von dem alten gekitteten und vernieteten Kaffeetopf , Hans ; - nimm Abschied von den henkellosen blauen Tassen . Nimm vor allen Dingen Abschied von der Glaskugel , und trotz allem Hunger nach der Ferne wirst du dich oft sehr , gar sehr nach ihrem vertrauten Leuchten zurücksehnen . Nimm Abschied von der verweinten Mutter und von der Base , die eine so schöne Haube zu Ehren der feierlichen Stunde aufgesetzt hat . Fasse dich , mein Junge ; nimm dir ein gutes Beispiel an dem Oheim Grünebaum , der als ein erfahrener Mann weiß , daß man zu einer langen Wanderung der Stärkung bedarf , und der zwischen Kauen und Schlucken recht jovial ein Wanderburschenlied summt und dich mehr als einmal versichert , daß du froh sein kannst , aus dem Nest und Käfig herauszukommen . - Es klopft an der Tür - Moses Freudenstein ist ' s. Er könnte zwar mit Extrapost fahren , aber aus alter Freundschaft hat er sich entschlossen , mit dir , Hans Unwirrsch , das neue Leben zu Fuß zu beginnen . Sei ein Mann , Hans , fahr schnell mit dem Ärmel über die Augen , daß der Schulgenosse dich nicht auslache wegen deiner Weichmütigkeit ! - Moses Freudenstein sah die Träne im Auge des Freundes nicht ; er befand sich im Geist bereits auf der Landstraße ; ungeduldig schwang er den Wanderstab : » Auf , auf , Hans ! Es ist höchste Zeit , daß wir aufbrechen . Es ist nicht angenehm , in der vollen Sonnenhitze auf der Landstraße zu schwitzen . « » Na , denn , Christine « , rief der Oheim Grünebaum , » haue deinem Lamento den Schwanz ab und gib jetzt den Jungen frei . Habt Euch nicht , Base Schlotterbeck , Ihr seid doch sonsten ein fermes Frauenzimmer . O Weibsen , Weibsen , ihr seid mir ein paar rare Exemplare , und nun hat der Junge auch wieder an die Zwiebel gerochen . Ach du liebster Gott , wenn das nicht über alle Fontänen geht , so will ich mir meine eigene Nase besohlen , beflecken und vorschuhen ! O du grundgütiger Heiland , Herr Freudenstein , wie nannten doch die alten Griechenländer solch einen Gesang ? « » Vielleicht würden sie ihn durch das Wort Threnodie bezeichnet haben « , antwortete Moses . » Richtig ! Ganz recht ! Ich konnte mir nur nicht gleich darauf besinnen ! Eine Tränodie ! Und jetzt ist es aus und zu Ende damit , sage ich euch ; der Deibel hole eure Wasserwerke ! Packe auf , Hans , und marsch ! Die Weiber bleiben zurück von wegen dem öffentlichen Anstand ; ich als unaffizinierter Vormund marschiere mit bis zum Tor , und dann Gott befohlen und ' n fröhliches , fideles Wiedersehen ! « Hans Unwirrsch sackte den Tornister des Vaters auf ; drei Minuten später bog er zwischen Moses und dem Oheim um die Ecke der Kröppelstraße , und ungestört konnten die beiden armen Frauen ihrem Kummer und - ihrer Freude Luft machen . Vor der verschlossenen Tür des Trödelladens hatten sich drei alte Judenweiber , gegen welche der verstorbene Samuel dann und wann den barmherzigen Samaritaner spielte , samt der Haushälterin Esther eingefunden , um dem Sohne ihres Wohltäters ihren Segen und ihre Glückwünsche auf den Weg mitzugeben . Wir haben schon gesagt , daß dem armen Moses wenig davon geboten wurde ; aber er zeigte auch jetzt wieder , daß er selbst das wenige gründlich verachtete . Höchst mißmutig hielt er sich die Ohren zu vor dem heisern Geschrei der Alten , und mit schlecht verhehltem Ekel und Verdruß entriß er seine Rockschöße ihren Händen - wehe ihm ! Sie ließen den Taler , den er ihnen zuwarf , liegen auf der Erde . Auf der Schwelle des Trödelladens kauerten sie wie vier Schicksalschwestern , die über ein großes Unglück nachsannen . Moses Freudenstein mußte sehr böse Worte zu ihnen gesprochen haben , daß sie so erschreckt , erstarrt die Hände zusammenschlugen , daß sie ihm ein Gebet nachsandten , welches zur Hälfte ein Fluch war . Wehe riefen sie über ihn , wie im Tal Achor über Achan , den Sohn Serahs , gerufen wurde ; - sie verglichen ihn mit Absalom dem Sohne Davids , und manchem andern alttestamentlichen Übeltäter . » Hat er gelernt zuviel , ist er geworden zu klug , wird er werden ein Verräter an seinem Volk ! « seufzten sie , als sie davonhumpelten . Aber da war das uralte Tor , umsponnen von uraltem Efeu . Und die Morgensonne strahlte durch die dunkeln Bogen , und das inhaftierte Vagabundenpaar im obern Stock sang hinter den grünen Ranken ganz idyllisch sein Morgenlied . » Sind wir wieder mal beisamm gewest ! « und schien mit seinem Los ungemein zufrieden zu sein . Groß war des Oheims Verdruß über diese jubilierenden Lumpen , und in der sittlichen Entrüstung , welche ihn darob befiel , ging der letzte Tropfen Abschiedswehmut ohne Bodensatz auf . » Wer es nicht hört , der glaubt es nicht ! « knurrte er . » Jedweder moralische Mensch und honorable Handwerksmann muß jetzt an seinen sauern Schweiß und schwere Arbeit , und dies Pack und Exkrement von der sozialen Gesellschaft wälzt sich auf dem Stroh und hat sein Pläsier auf öffentliche Unkosten . Nun , ihr beiden jungen Gesellen , macht euch auf die Beine und greift aus . Hans , mein Junge , ich sage dich nichts mehr . Du bist nun allgemächlich in die Zuständigkeit der Mündigkeit angekommen , und wenn du auch bei die Gelehrten noch nicht aus der Lehre bist , so weißt du doch schonst mehr wie unsereins vons Metier . Halte den Kopf in die Höhe und sieh scharf nach rechts und links , denn jedes Ding hat zwei Seiten , die Schusterei sowohl als imgleichen die Gelehrsamkeit . Bedanke dich nicht um das , was ich an dir getan habe , es ist nicht der Rede wert , und die Sorgen , die du mir in die schlaflosen Nächte gemacht hast , kannst du mir doch nicht ersetzen . Ich verlange es auch gar nicht , sondern beruhige mir für das in meiner Gewissenhaftigkeit , was ein sehr schönes Kopfkissen ist im Kinderfreund . Also - hier nimm ' n Schluck auf ' n gesundes Wiedersehen und schreib auch , wenn du mal Zeit hast , an die Weiber , sie möchten sich sonsten bei unpassender Gelegenheit vom Tage tun . Herr Freudenstein , bleiben Sie gesund ; - stecke die Pulle nur ein , Hans , du bist in die Jahre , wo man schon dir und ihr allein zusammenlassen kann . Adjes , und nun macht ' s gut , ohne Schwanz und Umschweife . « Schnellen Schrittes entfernte sich der Oheim ; die beiden jungen Männer sahen ihm nach , bis er verschwunden war , dann schritten auch sie fort , entgegen der jungen Morgensonne , und bald hatten sie die Stadt hinter sich . Die Sonne hielt , was sie versprochen hatte , sie sorgte für einen schönen Tag . Auf die Gärten der Bürger folgten die frischgrünen Felder ; und die Landstraße , die sich zuerst in Schlangenlinien durch die Ebene wand , stieg allmählich zu den Höhen , zu dem Wald hinan . Noch hing der Tau an den Grasspitzen , die Lerche sang , und die Butterweiber kamen im Butterweibertrab den beiden Jünglingen entgegen . Mehr als eine der schwerbeladenen Frauen gehörte zur Bekanntschaft der Base Schlotterbeck und somit natürlich auch zur Bekanntschaft Hans Unwirrschs ; große Verwunderung und helles Geschrei war die Folge von mancher Begegnung . Es war wirklich ein Wunder , wie viele Menschen dem ausmarschierenden Hans ihre Teilnahme kundzugeben hatten . O du lustige , lustige Landstraße , was geht alles auf dir vor ! Der Handwerksbursch sitzt nieder am Rand des Grabens und zieht die Stiefel aus und sieht sich die schöne Natur durch das Loch in der Sohle an , während gegenüber auf dem Steinhaufen die Tochter des Vagabundenpaars drunten im Turm unbefangen ihr Kind an die Brust legt . Mit klingenden Schellen , Peitschenknall , Hallo , Geschnauf und Gestampf schwankt der weiße Lastwagen daher , und der weiße Spitzhund ist entweder sehr ärgerlich oder sehr spaßhaft gestimmt ; jedenfalls würde er zerspringen , wenn er seinen Gefühlen nicht Luft machte . Was hat der Hase auf der Landstraße zu tun ? Dort ! Dort ! Galopp mit angelegten Löffeln quer über den Weg . Es soll Unglück , Ärgernis und Kummer bedeuten - dreimal ein Vivat für ihn und sechsmal ein Vivat für den Schalk , der das schnurrige Omen in jener unvordenklichen Zeit , als die Leute noch dumm waren , unter die Leute brachte ! Hurra , auf den Hasen im Galopp eine Stafette im Galopp , jedenfalls von der Regierung mit der allerneuesten politischen Neuigkeit an den Oheim Grünebaum abgesandt ! Nach der Staubwolke , welche Roß und Reiter einhüllt , zu urteilen , muß entweder Serenissimus eine Nase vom Kaiser Nikolaus erhalten oder Serenissima das » angestammte Fürstenhaus « durch einen neuen , apanagefähigen Sprößling allergnädigst vor dem Ausgehen gesichert haben . Was es auch sein mag - ein kindlich heiteres Vivat für Serenissimum und Serenissimam ! Mögen sie alle die freudigen Überraschungen erleben , die wir unsererseits ihnen schuldig sind . Aber die Höhe des Weges ist erreicht ; da ist der knospende Wald , und alle ausgewachsenen Bäume schütteln im leisen Morgenwind altväterlich gutmütig die Häupter über das vorwitzige Gesindel der Sträucher und Büsche , welches die Zeit nicht erwarten konnte , welches über Nacht grün geworden ist . Natürlich standen Hans und Moses am Rande des Waldes still und blickten zurück auf den Weg , auf das Heimatstal und die Stadt Neustadt . Keine Spur mehr von Nebel , nach keiner Seite hin ! Alles klar und licht und frisch und sonnig ! Man konnte die Ziegel auf den Dächern drunten im Tal zählen ; - es schlägt eben sechs , und es ist so wunderlich , damit Abschied auch von den Glocken nehmen zu müssen . Wie verschieden waren die Gedanken der beiden jungen Männer , welche an demselben Baumstamm lehnten ! Licht und Schatten sind nicht so verschieden wie das , was durch die Seelen von Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein zog . Der eine der Jünglinge hielt das Haupt gesenkt und bedeckte die Augen mit der Hand , der andere sah scharf hinab und lächelte . Sie standen beide und fühlten einen großen Hunger in ihrer Seele : alles , was in verschiedener Weise seinen Anfang genommen hatte , mußte auch in verschiedener Weise seinen Fortgang nehmen . In einer langen Reihe wechselnder Bilder zog die Kinderzeit vor Hans vorüber . Alle die Gestalten , die ihm auf seinem Lebenswege bis jetzt entgegengetreten waren , glitten vorüber , und es fehlte niemand unter ihnen , nicht der Lehrer Silberlöffel aus der Armenschule , nicht die arme kleine Sophie , welche doch beide schon so lange tot waren . Auch Moses hatte seine Toten drunten im Tal ; aber er verscheuchte jeden Gedanken daran , und für die Lebenden hatte er nichts als jenes feine , böse Lächeln . Er haßte die Stadt Neustadt und hielt den guten Professor Fackler für einen albernen Pedanten . Der Professor Fackler würde aber auch die Art , wie sein früherer klügster Schüler den träumenden Hans durch eine spöttische Bemerkung aus dem Traum emporriß , für höchst unpassend erklärt haben . Aber es war geschehen - ein Blick , ein Wort , und die Bilder der Kindheit , der ersten Jugend , verflüchtigten sich , die Gestalten lösten sich auf ; Hans Unwirrsch hörte wieder die Lerche in der Luft , den Fink im Wald und vor allem das scharfe Lachen des Freundes neben sich . Noch ein Blick hinab ins Tal und dann vorwärts - hinein in den Wald , hinein in die weite Welt , das neue Leben . Bald war die weiteste Grenze früherer Wanderungen und Ausflüge überschritten , unbekannte Täler durchwanderte man , unbekannte Höhen wurden erstiegen , unbekannte Kirchtürme lugten bald rechts , bald links hervor . Da mußte wohl das drückende Gefühl des Abschieds mehr und mehr schwinden und dem wonniglichen Gefühl der Wanderfreiheit Platz machen . Mehr und mehr merkte Hans Unwirrsch , daß er geschaffen sei , Wunderdinge zu erleben und sie , wie der Oheim Grünebaum sich ausdrücken würde , » richtig und gerecht zu taxieren « . Was erlebte der närrische Bursch alles an dem ersten Reisetage ! Wie sperrte er den Mund auf vor den allergewöhnlichsten Dingen ! Wie lächerlich , närrisch und tölpelhaft erschien er dem scharfen , nüchternen Moses ! Nicht vor jedem Wirtshause , das ihnen am Wege mit langem Arm winkte , hielten die beiden fahrenden Schüler an , aber mancher Lockung konnten sie doch nicht widerstehen ; die heißesten Mittagsstunden verbrachten sie jedoch wieder in einem Wald , abseits von der Landstraße . Auf dem weichen Rasen lagerten sie , und während Moses in seinem Taschenbuch allerlei Berechnungen anstellte , fiel Hans über einer Taschenausgabe des Virgil in einen Halbschlaf , in welchem er das ferne Posthorn für die römische Tuba nahm , die der Reiterei der Bundesgenossen das Zeichen zum Vorrücken gab . Aufgerüttelt , starrte er sehr verblüfft um sich und wußte während mehrerer Minuten nicht , wo er sich befand ; - er hatte zuletzt ganz fest geschlafen und von dem berühmten Schäferstudenten Chrysostomo und der schonen Marzella geträumt . Moses Freudenstein aber beglückte ihn mit einer Vorlesung über die Träume und ihr Verhältnis zum Gangliensystem ; - er war über seine finanziellen Verhältnisse wieder einmal im reinen und daher zu allen Bosheiten und philosophischen Deduktionen aufgelegt . Im Lauf des Nachmittags wurde er sehr lebendig und nahm dadurch aufs innigste an den Schwärmereien und Entzückungen seines Gefährten teil , daß er sie auf die schändlichste Weise durch die verständigsten und trockensten Bemerkungen über den Haufen warf oder zu werfen suchte . Er , Moses Freudenstein , träumte nicht von der schönen Marzella und dem Schäferstudenten , und die Wolken für allerlei Tiere oder gar schöne Göttinnen zu halten , hielt er ganz unter seiner Würde . Von der schlafenden Prinzessin Dornröschen und dem Zauberer Merlin behauptete er nie ein Wort gehört zu haben , und der Alte mit dem langen weißen Bart und dem langen Stab , der auf dem Waldwege daherkam , war ihm ein verdammter , alter Topfbinder und weiter nichts . Für ganz verruchten Unsinn erklärte er Hansens und der Romantiker » Waldeinsamkeit « ; er war frech genug , zu behaupten , daß ihm bei dem lieblichen Wort stets ganz übel zumute werde . So hatte Hans Unwirrsch Augenblicke , in denen er mit dem Freund , Reisegefährten und Studiengenossen gar nicht harmonierte , wo er sich sogar über ihn ärgerte und ihn von seiner grünen Seite so weit als möglich wegwünschte ; aber diese Augenblicke gingen stets sehr schnell vorüber , und nachdem am Abend im Wirtshaus einige naseweise Gesellen den Versuch gemacht hatten , den klugen Moses an seiner Adlernase zu ziehen , und nur durch das energische Verhalten des guten Hans davon abgehalten worden waren , wurde das freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden angehenden Studenten fernerhin kaum noch durch einen Mißton gestört . Am Morgen des dritten Tages ihrer Wanderung standen sie wiederum auf einer Anhöhe am Rande eines Gehölzes und sahen in ein Tal hinab , in welchem eine andere kleine , aber viel- und hochgetürmte Stadt lag ; und Moses , der nicht nur die alten Sprachen innehatte , sondern auch einige neue , deklamierte mit ironischem Pathos : Ma quando il sol gli aridi campi fiede Con raggi assai ferventi , e in alto sorge , Ecco apparir Gierusalem si vede , Ecco additar Gierusalem si scorge , Ecco da mille voci unitamente Gierusalemme salutar si sente . Er teilte dem aufgeregten Hans mit , daß er sich augenblicklich zwar viel mehr als Kreuzfahrer denn als Jude fühle , daß er aber vor allem froh sei , daß die langweilige Wanderschaft endlich zu Ende sei ; und während Hans auf dem nun betretenen heiligen Boden gern die Schuhe ausgezogen hätte , sprach jener seine Meinung sehr maßgeblich dahin aus , daß manches faule oder ausgeblasene Ei in dem morschen Nest da unten liegen möge . Und als nun gar ein alter Herr von sehr gelehrtem , professorlichem Ansehen , der eine Driburger Brunnenkruke im Arm trug , ihnen entgegenstieg , da murmelte Moses Freudenstein , daß er - Moses - sich so leicht nicht imponieren lasse . Zehntes Kapitel In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universitätsstadt bezog Hans ein Stübchen , und es war nicht ganz Zufall , daß sein Hausherr ein Schuster war . Das Fenster des beschränkten Raumes gewährte eine treffliche Aussicht auf zwei fensterlose , hohe Brandmauern und das schwarze Dach eines Speichers . Hätte nicht über dieses Dach ein Stück von einem bewaldeten Bergrücken gesehen , so würden die grauen Wände des Zimmers , welche der Antezessor in heiteren und melancholischen Stimmungen mit Fratzen und lasziven , satirischen und philosophischen Streckversen beschmiert hatte , ein viel reicheres Feld sinniger Betrachtungen geboten haben . Es war ein Loch , nehmt alles nur in allem ; aber Hans Unwirrsch verlebte auch hier glückliche Stunden , und das griechische Wort , daß Olymp und Tartarus jedem Erdenflecke gleich fern und gleich nah seien , bewährte sich auch hier wieder . Es waren recht kluge Leute , diese alten Griechen ! Moses Freudenstein , der Mann der » glücklichsituierten Minderheit « , hatte sich einen behaglichern , poetischern Aufenthaltsort aufsuchen können , war aber dadurch den unsterblichen Göttern nicht nähergerückt , daß er in dem höher und freier gelegenen Teil der Stadt wohnte und über einen anmutigen , mit Gebüsch und Springbrunnen gezierten Platz auf die alte , prächtige gotische Hauptkirche sah . Dagegen zeigte sich bald , daß in der unansehnlichen Puppe , die in der Kröppelstraße in einem Winkel eingesponnen gehangen hatte , ein recht hübscher , buntfarbiger , munterer , epikureischer Schmetterling verborgen gewesen war . Die Metamorphose ging so schnell vor sich , der ausgekrochene Papillon regte so unbefangen , sicher und gewandt die glänzenden Flügel , daß selbst Hans Unwirrsch ihn nur schwer mit dem verstaubten Neustädter Kokon in Verbindung bringen konnte . Moses Freudenstein entwickelte in den meisten Dingen des äußern Lebens einen guten Geschmack , zeigte sich den feinen Genüssen des Daseins in keiner Weise abgeneigt , richtete sich in seinem Eckzimmer am Domplatz sehr elegant ein und setzte den guten Hans durch die über Nacht ihm angeflogene Lebenserfahrung nicht wenig in Erstaunen . - Schon am Tage nach ihrer Ankunft hatten sich beide Jünglinge immatrikulieren lassen und versprochen , data dextra jurisjurandi loco , die Gebote der » Hohen Mutter « halten zu wollen und alles zu vermeiden , was der Mama mißliebig sein möge . In das Album der theologischen Fakultät wurde natürlich der biedere Name Hans Unwirrsch , juvenis , eingetragen ; - Moses Freudenstein , juvenis , dagegen ging zu den Philosophen mit der Absicht , viel mehr als nur Philosophie zu studieren . Daß er das ausführte , daß er vielerlei lernte und daß er es weit brachte in der Welt , werden wir später sehen . Durch den Rest des Inhalts des schwarzen Kästchens , ein Stipendium und einige Empfehlungsschreiben des Professors Fackler war Hans Unwirrsch vor dem leiblichen Hunger fürs erste geschützt ; den geistigen Hunger suchte er nun auch mit Anspannung aller Fähigkeiten zu befriedigen . Wir können unsern beiden Freunden natürlich nicht Schritt für Schritt auf ihrem Wege durch den großen Wald der Wissenschaften folgen , wir können nur sagen , daß beide im Verlauf ihrer Studienjahre zu den Füßen mancher Lehrer niedersaßen und daß sie , mittelbar und unmittelbar , reiche Erfahrungen sammelten , jeder nach seiner Art. Rührend war die ehrfurchtsvolle Scheu , welche Hans diesen mehr oder weniger berühmten , bekannten oder berüchtigten Lichtern und Spiegeln der Weisheit entgegentrug ; wahrhaft diabolisch aber war die Art und Weise , in welcher Moses bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit diesem Glauben an die Autorität ein Bein zu stellen suchte . Da war der große Hermeneutiker Professor Doktor Gamaliel Unkemann , ein Schriftausleger , dessen historische , geographische , antiquarische und sprachliche Kenntnisse nichts zu wünschen übrigließen ! Moses Freudenstein behauptete , er reinige den Lehrbegriff wie Herkules den Stall des Königs Augias , und benutzte ein Gleichnis , das an und für sich gar nicht so unpassend und unwürdig war , zu einer Reihe von Folgerungen , Nebengleichnissen und Unterstellungen , durch welche die Würde des Mannes keineswegs erhöht werden konnte . Noch schlimmer sprang der vorurteilsfreie Moses mit dem bekannten Dogmatiker Weihel um . Dieser Herr , der zugleich ein Patristiker ersten Ranges war und welcher schon einem Kirchenvater den Daumen auf das Auge drücken konnte , wurde von allerlei dunkeln , unheimlichen Gerüchten verfolgt , die seine Moralität nicht in das beste Licht stellten , ihn aber dafür zu einem angenehmen Gedüft in der ironischen Nase Moses Freudensteins machten . Der Professor Weihel hatte durch seine milde Erscheinung , seine weiche Bruststimme , seine evangelischen Locken und vor allem durch das , was er vortrug , einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht ; Moses Freudenstein hielt es natürlich für seine Pflicht , dieses Ideal umzustürzen , und viel Vergnügen zog er aus den schmerzvollen Gefühlen seines Freundes . Der arme Hans verbarg seine Gefühle zuletzt instinktiv in Moses ' Gegenwart , da er wußte , daß der Eimer kalten Wassers immer bereit war , um darüber ausgeleert zu werden . Es war fast für ein Wunder zu nehmen , daß der Verkehr zwischen den beiden Neustädtern dadurch keinen Abbruch erlitt ; aber so viel Moses zerstören konnte , so viel hatte er auch zu geben . Nicht leicht war es ihm zu widerstehen , und manche reiche Kraft , die er sozusagen mit Gewalt erdrückte , weil er sie nicht » gebrauchen « konnte , wäre ein schönes Erbteil für manche kärglicher ausgestattete Natur gewesen . In seinem behaglich eingerichteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn und Erbe des Trödlers bald mit Haufen von Büchern aus allen Fächern des Wissens umgeben ; und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren , baute er sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf . Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er » manches gebrauchen « und machte den Freund Hans öfters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch , daß er ihn und alles , was er mit sich trug , irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete . Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien , und vorzüglich eingehend beschäftigte er sich mit dem Staatsrecht : der Macchiavell und der » Reineke Fuchs « waren in dieser Epoche zwei Bücher , die selten von seinem Arbeitstisch kamen . Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund Unterricht im Hebräischen , von welcher Sprache er mehr wußte als der ordentliche Professor , der darüber » las « . Auf das Hebräische folgten gewöhnlich die schon erwähnten Disputationen über Gott und die Welt , Physik und Metaphysik , sowie auch über das » deutsche Vaterland « , seine innern und äußern Verhältnisse . Moses Freudenstein stand natürlich dem deutschen Vaterland ebenso objektiv gegenüber wie allem andern , worüber sich reden ließ . Über seine Stellung ließ er sich ungefähr folgendermaßen aus : » Ich habe das Recht , nur da ein Deutscher zu sein , wo es mir beliebt , und das Recht , diese Ehre in jedem mir beliebigen Augenblick aufzugeben . Wir Juden sind doch die wahren Kosmopoliten , die Weltbürger von Gottes Gnaden oder , wenn du willst , von Gottes Ungnaden . Seit der Erschaffung bis zum Zehnten des Monats Ab im Jahr siebenzig eurer Zeitrechnung haben wir eine Ausnahmestellung innegehabt , und nach der Zerstörung des Tempels ist uns dieselbe geblieben , wenn auch in etwas veränderter Art und Weise . Durch lange Jahrhunderte hatte diese Ausnahmestellung ihre großen Unannehmlichkeiten für uns ; jetzt aber fangen die angenehmen Seiten des Verhältnisses an , zutage zu treten . Wir können ruhig stehen , während ihr euch absetzt , quält und ängstet . Die Erfolge , welche ihr gewinnt , erringt ihr für uns mit , eure Niederlagen brauchen uns nicht zu kümmern . Wenn wir in den Kampf eintreten , so ist es immer nur , sozusagen , die Hand des Pococurante , die wir dazu bieten . Wir sind Passagiere auf eurem Schiff , das nach dem Ideal des besten Staats steuert ; aber wenn die Barke scheitert , so ertrinkt nur ihr ; - wir haben unsere Schwimmgürtel und schaukeln lustig und wohlbehalten unter den Trümmern . Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter und Christenkindermörder totschlägt und verbrennt , sind wir viel besser gestellt als ihr alle , wie ihr euch nennen mögt , ihr Arier : Deutsche , Franzosen , Engländer . Einzelne Narren unter uns mögen diese günstige Stellung aufgeben und sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grämen à la Löb Baruch , germanice Ludwig Börne ; mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weißen Katechumenengewandes ein echter Jude , dem alles Taufwasser , aller französische Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern spült . Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von Wehmut verspotten ? Jede Dummheit und Niederträchtigkeit , die man diesseits des Rheins begeht , ist ja ein Gottessegen für ihn ! « Wie Hans Unwirrsch während solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und her rutschte , wie er vergeblich versuchte , den Redner zu unterbrechen , ist kaum zu beschreiben . Und wenn Moses endlich eine Pause machte , um Atem zu schöpfen , zog Hans doch keinen Vorteil daraus ; er war ebenso atemlos wie der Redner und brachte kaum einige klägliche Interjektionen und das Wort » Egoismus « heraus . Egoismus ? ! Moses Freudenstein hatte das Wort natürlich sogleich aufgefangen und ging mit frischer Kraft ins Zeug : » Egoismus ? Du nennst das so ; aber beschau nur die Sache näher . Die Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums gibt mir recht . Ich sage übrigens ja gar nicht , daß der Vorteil unserer gegenwärtigen Stellung darin bestehe , daß wir bei euren Haupt- und Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen . Wir können auch für irgendeine schöne , hohe Sache , zum Beispiel Schicksal , Ehre und Glück der deutschen Nation in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafür auf uns nehmen . Unser Vorteil besteht grade auch darin , daß wir mit einem freiern , geistigeren animus in solches Elend , in solchen Tod gehen . Ihr kämpft und leidet pro domo ; wir opfern uns für einen reinen Gedanken ; - was sagst du dazu , mein Sohn Johannes ? « Nun wäre es selbst für einen schnellern Geist schwierig gewesen , auf diese Rede alles das kurz und bündig zu erwidern , was darauf gehörte . Von Hans Unwirrsch war es nicht zu verlangen , und Moses Freudenstein durfte nach Herzenslust