, nicht am Colorado . Wo liegt ' s , wo liegt ' s ? Immer weiter rückt ' s hinaus , wer kann ' s sagen , ob es nicht die Fluten des Großen Ozeans umspülen ? Wer kann aber , mit solchem goldenen Glanz vor den Augen , den Fußtritt der nachfolgenden Scharen hinter sich ohne Ungeduld hören ? Weiter , weiter - wer wird zuerst jauchzend Besitz von dem Dorado , dem Goldland , ergreifen , wie es Pizarro , wie es Ferdinand Cortez vergönnt war ? Jedermann darf hoffen , der Glückliche zu werden , vielleicht ist auch uns beiden , Eva Dornbluth , unser Teil daran aufgehoben . Westward ho ! « » Ich folge dir , wohin du mich führst , Friedrich ! « rief Eva mit leuchtenden Augen . » Geh voran , ich folge deinen Schritten überall . « » Du bist lang genug gegangen , armes Herz ; in meinen Armen will ich dich durch das Leben tragen , so wahr Gott mir helfe . Doch nun höre weiter . Wir waren dem flüchtigen Frank Saint-Coeur auf der Spur , nachdem wir ihn schon wochenlang verfolgt und gesucht hatten . Einer nach dem andern in unserer Schar war zurückgeblieben , sei ' s , daß dem einen das Roß stürzte , sei ' s , daß den andern die übergroße Ermattung zu Boden warf . So waren wir , wie gesagt , zuletzt nur noch unserer vier und lagerten in der Wildnis . Es war eine Nacht im Junius , und während der Neger und der Indianer schliefen , saß ich wachend neben dem wachenden , trostlosen Vater . Kein Windhauch regte die Blätter der Bäume ; ein kleiner Strom rauschte in der Ferne , hie und da sahen wir seinen Spiegel durch die Büsche blitzen . Es war hellster Mondenschein . Tagelang waren wir bereits geritten , ohne einen Menschen zu erblicken ; eine tiefere Einsamkeit kann man sich nicht vorstellen . An dieser Stelle sollte ich nun etwas erleben , welches mich heute noch in der Erinnerung wie mit Geisterhand in tiefster Seele berührt . In meine Decke gehüllt , saß ich , die Büchse griffgerecht neben mir , das Messer in der Scheide gelockert , und wieder einmal dachte ich sehnsüchtig deiner , Eva Dornbluth , und meiner Jugend ; wie ein Traum war es mir , wenn ich die halbgeschlossenen Augen ganz öffnete und der Blick über das verglimmende Feuer und die schlafenden wunderlichen Gefährten glitt . Neben mir seufzte der alte Warner und murmelte : Vorwärts , vorwärts , da sind sie - o Lizzie ! liebe , liebe Lizzie ! - Seit wir uns diesem unserm jetzigen Rastplatze näherten , war eine mächtige Veränderung mit dem Greise vorgegangen ; eine Art verzweiflungsvoller Zuversicht auf das Gelingen unserer Jagd hatte sich seiner bemächtigt . Er stammte von schottischen Eltern : war etwas von dem second sight , dem geisterhaften Zweiten Gesicht seiner frühern Landsleute über ihn gekommen ? - Hinter uns standen die Pferde angebunden , und eins hatte den Kopf über den Hals des andern gelegt ; ein anderes wieherte im Traum . Auch Pompey , der Nigger , murmelte im Schlaf , ihm träumte von der Racoonjagd ; nur der Indianer lag ganz still , und sein Roß stand ebenso still abseits der andern drei . Allmählich verloren unter dem Rauschen des Flüßchens meine Gedanken ihre Bestimmtheit ; wie es zu geschehen pflegt , verfiel auch ich , trotzdem ich die Wacht hatte , in einen Halbschlummer , dessen Dauer ich nicht bestimmen kann . Ein Schrei Josua Warners jagte mich empor und mit Büchse und Messer auf die Füße . Der Greis stand aufgerichtet , voll vom Mond beschienen , in unserer Mitte und starrte auf eine Lichtung , die hinaus auf die weißleuchtende Prärie jenseits des Stromes führte . Der Chactas und der Neger hatten auch ihre Waffen ergriffen , die Pferde zogen angstvoll an ihren Halftern . Nirgends war das Geringste , was Grund des Schreis und Schreckens hätte sein können , zu erblicken . Dem alten Vater war der Hut entfallen , seine Locken schimmerten silberweiß , sein Blick war starr , dem eines Schlafwandlers ähnlich , gradeaus gerichtet , und die Augen aller folgten den seinigen . Ich wollte den Träumenden beim Arm fassen , um ihn zu erwecken ; aber er winkte mir und deutete auf die Lichtung : Still - da ist sie - seht ihr sie ? Lizzie ! Lizzie ! Da schwebt sie fort ! Lizzie ! liebe Lizzie ! Warte , warte , wir kommen ! Nichts zu sehen - kein Ton zu hören außer dem Rauschen des Wassers ; in tiefster nächtlicher Ruhe lag die Natur . Ich fürchtete , das Unglück habe die Sinne des armen Vaters verwirrt ; aber vergeblich suchte ich in seinen Augen nach dem irren Flackerlicht des Wahnsinns . Josua Warner war ein harter Mann , ein eisenherziger Sklavenhalter , und wie ein solcher sah er auch jetzt wieder aus . Kommt , Fred , sagte er , wir sind am Ziel ; sie hat mich gerufen , ich habe sie gesehen , Gott segne ihr süßes Gesicht , kommt mit den Pferden . - Er hing die Büchse über die Schulter , band sein Roß los und nahm es beim Zügel . Gegen den Fluß führte er uns ; denn wir andern folgten seinem Beispiel , ich im leisen Grauen , der Neger kopfnickend und die glänzenden Augen rollend , Chimapatawe , der Indianer , gravitätisch und bedachtsam . Ich wollte die Büchse schußbereit in den Arm werfen ; aber der Greis schüttelte das Haupt : Nicht nötig , Fred , arme Lizzie ! - Wir schritten auf die Lichtung zu und zogen durch den seichten Strom fast trockenen Fußes . Eine kurze Zeit zogen wir im Mondenlicht ; dann nahm uns der Wald wieder auf , und wir schritten weiter , nach indianischem Brauch in einer Linie , der Alte voran , dann ich , dann Pompey , zuletzt der Chactas , jeder sein Pferd am Zügel führend . Eine gute halbe Stunde blieben wir nun im tiefsten Dunkel ; dann hielt der Greis plötzlich an und wies auf den Boden . Der Indianer stieß den Verwunderungsruf seines Volkes aus , der Neger glotzte ; wir standen vor einer Feuerstelle , um welche alles auf den längern Aufenthalt eines Reitertrupps hindeutete . Kaum acht Tage alt konnten diese Spuren sein . Arme Lizzie ! murmelte der Vater . Wie deine kleinen Füße so wund waren ! Wie du so müde geworden bist ! Schläfst du , schläfst du sanft ? Still , still , daß wir sie nicht wecken . Der Indianer hielt ein weißes Tuch in die Höhe ; ich nahm es aus seiner Hand , es waren Blutflecke darauf bemerkbar . Es war ein feines Damentaschentuch , und an der einen Ecke trug es die gestickten Buchstaben E und W ; es konnte kein Zweifel herrschen , wir waren der unglücklichen jungen Frau auf der Spur . Diese Buchstaben bedeuteten Eliza Warner ; aber das Blut , das Blut ? ! - Ich wollte das Tuch den Blicken des Vaters verbergen ; er nahm es mir jedoch ganz ruhig aus der Hand und sagte : Sie schläft - ihre Brust tat ihr so weh . Es ist Blut aus ihrer kranken Brust , Fred . Ich wußte es wohl , sie konnte den langen Ritt nicht ertragen , es mußte so kommen . Er verbarg das traurige Zeichen an seiner Brust , nachdem er es geküßt hatte ; dann führte er sein Roß weiter , ohne aufzuschauen , als wandele er auf vollständig bekanntem Wege . Der Boden senkte sich nunmehr ; die Bäume standen nicht mehr so dicht gedrängt ; wir traten endlich hervor aus dem Walde auf die große Prärie , hinaus in das vollste Mondlicht , und gerieten sogleich in brusthohes Gras . War dieses Gras je von menschlichen Füßen und Rosseshufen niedergetreten worden , so hatte es sich schnell wieder aufgerichtet , und keine Spur der früheren Wanderer war mehr zu erblicken . Das Haupt vorgebeugt , mit tiefatmender Brust , schritt Josua Warner dahin . Ein Rudel Hirsche jagte kaum fünfzig Schritte von uns zur linken Seite über einen Hügelrücken gen Süden . Wir waren immer noch auf dem Wege gegen Westen , den fernen , wilden , gloriosen Westen ; doch nach einer Viertelstunde hielten wir an in der unermeßlichen Ebene , auch diesmal , ohne ihn gefunden zu haben . Wir hatten nur gefunden , was wir suchten . In dem wogenden Gras , inmitten der Unendlichkeit von Himmel und Wiese , trafen wir auf einen winzigen Erdhügel , auf ein ganz frisches Grab , das Grab der unglücklichen Elisabeth Warner . Eine rohe Holztafel verkündete ihren Namen und den Tag ihres Todes ; die Stimme , welche den Vater von seinem Lagerplatz im Walde emporjagte , war nicht Täuschung gewesen ; er hatte sein Kind wiedergefunden . Bewußtlos lag er , den Hügel mit seinen Armen umfassend ; stumm standen wir andern auf unsere Büchsen gelehnt , und der rote und der schwarze Mann begriffen das Geheimnisvolle , das Erschütternde grade so gut wie der Deutsche . - Wir verfolgten den schlechten Burschen , welcher die arme Lizzie in dieses einsame Grab gestoßen , welcher diesen Hügel über ihrem Leibe aufgehäuft hatte , nicht weiter - was für eine Rache hätten wir an ihm nehmen sollen ? Wir traten den langen traurigen Heimweg zum Mississippi bereits am folgenden Tage an ; - vielleicht traf niemals wieder ein anderer auf dieses trostlose Grab in der Prärie . Die Hirsche und Büffel mochten ruhig um es her weiden , die Geier darüber ihre Kreise ziehen ; ein menschliches Auge fiel vielleicht nie wieder auf diese Holztafel und den Namen Elisabeth Saint-Coeur . Ich lebte mit dem Vater bis zu seinem Tode ; ich war der einzige , mit welchem er über das ferne Grab sprechen konnte , und durfte mich kaum von seiner Seite entfernen . Er gab mir seinen Namen und setzte mich , als er starb , zum Erben seines Vermögens ein . Für das Leben in den Sklavenstaaten war ich jedoch durchaus nicht gemacht . Für die Baumwollenpflanzung fand ich bald einen Käufer , meine Herren Sklaven führte ich nach den Neuenglandstaaten und ließ sie laufen ; bis auf einige , welche durchaus nicht laufen wollten , sondern sich mit großem Geschrei an mich festklammerten und behaupteten , ich sei verpflichtet , sie , Pompey , Cäsar und Agrippina , gewöhnlich Grippy genannt - zu behalten . Zuteil war mir jetzt alles geworden , was ich mir im Winzelwalde als das höchste Glück der Welt vorgestellt und gewünscht . Seefahrer , Krieger , Jäger war ich gewesen , blutige Abenteuer hatte ich glücklich bestanden ; bei mehr als einer Gelegenheit sah ich dem Tode ohne Augenzwinkern ins Gesicht . Ich war jetzt reich , der freieste Mann auf Gottes Erdboden ; aber nun fehlte mir doch wieder alles ; zurück in die Heimat trieb der glühende Wunsch ; alles , was ich in der Weite gesucht und gefunden hatte , verblaßte jetzt gegen das , was die einst so gering geachtete Heimat zu bieten hatte . Nach dir , Eva Dornbluth , sehnte ich mich , und nicht eher hatte ich Ruhe , bis ich wieder auf dem blauen Meer schwamm . Den Hauptmann Konrad von Faber hatte ich in New York kennengelernt ; er machte mit mir die Überfahrt nach Europa . Wir schlossen uns ziemlich eng aneinander , ohne daß er jedoch meinen wahren Namen erfuhr ; er hat mich auch in die hiesige Gesellschaft eingeführt . In Hamburg trennten wir uns fürs erste ; ich suchte dich , du Teure , zuerst natürlich im Winzelwalde . Ich war in Poppenhagen und vernahm alle die Veränderungen , welche sich dort zugetragen hatten . Man erkannte mich natürlich nicht , und ich gab mich auch nicht zu erkennen . Das war vor acht Tagen . Mein Bruder Robert war eben davongegangen wie ich , wie du . Über dich schüttelte man die Köpfe ; denn dunkle , verworrene Gerüchte waren über dich in das vergessene Tal gedrungen . In toller Angst und Hast kam ich hierher - ich vernahm , was unserm Robert geschehen war ; aber ich hatte gelernt , mich zu beherrschen . Mit lächelnder Miene ging ich umher , ließ mich von dem Hauptmann Faber überall vorstellen ; der junge reiche Amerikaner war überall ein gern gesehener Gast . Für manche Sünde meines Lebens habe ich durch die innere Qual dieser letzten acht Tage reichlichst gebüßt ; - nun verzeihe mir , verzeihe mir , Eva , meine Geliebte , meine Braut , mein Alles . Zu deinen Füßen knie ich hier , verzeihe mir , verzeihe alles , was der tolle Fritz vom Eulenbruch durch Vergessen , Zweifel und Mißtrauen gesündigt hat ; ich liebe dich , habe dich immer geliebt und nie an ein anderes Weib gedacht ! « Weinend hob Eva den Freund auf : » Sei ruhig , Herz . Ich lasse dich nicht . Die Sterne haben uns auseinandergeführt , die Sterne haben uns von neuem vereinigt . Nicht wahr , nun soll uns nur der Tod scheiden ? « » Nur der Tod ! « rief Friedrich Wolf . » Sag es noch einmal , sag es mir wieder , daß du mit mir gehen willst , daß du mir immer zur Seite stehen willst ! « » Immer , immer ! Deine Sterne sind die meinigen . « » So laß uns gehen ! Morgen , heute , in dieser Nacht ! « » Und dein Bruder ? « » Dürfen wir ihm jetzt entgegentreten ? Wir wollen schon für ihn sorgen . In der rechten Stunde wollen wir ihn dann zu uns rufen . « » Du sollst entscheiden . « » Er hat auch seine Sterne . Mögen sie ihn gut und sicher führen , wie sie uns geführt haben . Fürchtest du dich aber auch nicht vor dem Meere , du Süße , Liebe ? « Eva Dornbluth schüttelte den Kopf : » Hab ich mich vor der Welt gefürchtet ? Die ist ein noch ganz anderes , viel wilderes Meer . « Der rote Wolf zog von neuem das Mädchen aus dem Winzelwalde an seine Brust ; dann warf er jubelnd und triumphierend die Hand empor : » Westward ho ! Gesegnet seien unsere Sterne ! « Elftes Kapitel Das Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse erfährt eher etwas Merkwürdiges als das Vorderhaus Es war spät in der Nacht , und doch war noch Licht in der Werkstatt des Schreiners Tellering , im Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse . Der Kanarienvogel im Bauer hatte sein Köpfchen unter die Flügel gezogen und schlief sanft ; aber Hobel und Hammer in den Händen von Johannes und Ludwig Tellering , Vater und Sohn , waren noch nicht zur Ruhe gekommen , obgleich sie ein saures Tagewerk hinter sich hatten . Der alte und der junge Handwerksmann waren beschäftigt , einen Sarg zu zimmern ; und ein Sarg ist ein kurioses Stück Arbeit , welches keinen Aufschub duldet . Für die Wiege darf der Mensch als Mensch und Hausvater lange vorher , ehe sie gebraucht wird , sorgen , und die junge Braut und Frau darf sie in errötender Erwartung der Dinge , die da kommen sollen , unter ihrer Aussteuer in das Haus des Mannes bringen . Wenn aber jemand bei Lebzeiten seinen Sarg bestellen wollte , so würde das mit Recht die Verwunderung der Nachbarn und Mitlebenden erregen , und das Exempel des Kaisers Karl des Fünften würde zur Rechtfertigung solcher Schrulle durchaus nicht ausreichen . In Gedanken zimmert der fromme Christ leider freilich oft genug einen hübschen , festen , bequemen Sarg im voraus für geliebte Anverwandte , die sehr reich , oder andere , welche zu mürrisch und alt sind ; aber hat man jemals wohl davon gehört , daß ein liebender Neffe einem alten Erbonkel solch ein schwarzes , solides , mit Silber beschlagenes Ruhebett zum Geburtstag oder bei einer andern festlichen Gelegenheit als Zeichen seiner Verehrung und Liebe dargebracht habe ? Weder die alten noch die neuen Schriftsteller , weder die Klassiker noch die Epigonen melden von einem solchen Faktum . Übrigens ist es immer eine traurige Arbeit , einen Sarg zu machen , in Gedanken sowohl wie in der Wirklichkeit ; man kann in keiner fröhlichen Stimmung dabei sein , und so arbeiteten auch in dieser Mitternacht Vater und Sohn ernst und eifrig nebeneinander fort und sahen kaum von ihrer Arbeit auf . Jeder dachte dabei das Seinige , und ob die Gedanken aus einem grauhaarigen oder braungelockten Kopfe entsprangen , einerlei , sie waren recht melancholisch gefärbt , obgleich weder Meister Johannes noch Ludwig viel von dem Schläfer wußten , welchem sie das letzte Ruhebett bauten . Neben der Werkstatt befand sich die Schlafkammer der Frauen der Familie . Die hübsche , lustige Luise schlief so sanft und friedlich wie der kleine Vogel im Bauer ; sie lächelte im Traum und vernahm nicht das mindeste von Hobel , Hammer und Säge . Wachend lag aber die Mutter Anna , sie horchte schlaflos der fortschreitenden Arbeit des Mannes und Sohnes . Solch eine alte Frau hat mehr Sorgen als ein junges Ding von sechzehn Jahren ; die Jungen und Gedankenlosen wissen gar nicht , wie glücklich sie sind . Die beiden Fenster der Werkstatt gingen auf den Hof hinaus ; das einzige Fenster der Kammer der Frauen sah in die enge schwarze Gasse , durch welche man gehen mußte , um zu dem Klosterhof von Sankt Nikolaus , um zu dem Giebel des Sternsehers Heinrich Ulex zu gelangen . Wir kennen den Weg bereits . An das Fenster der Schlafkammer klopfte plötzlich jemand ganz leise und erschreckte die Mutter Anna dadurch ungemein . Sie fuhr hochauf und horchte , ob sie sich auch nicht getäuscht und das Spiel des Windes für das Anpochen einer menschlichen Hand genommen habe . War der Tote , für welchen der Ehemann und der Sohn sich quälten , ungeduldig geworden ? Kam er , um sich nach seinem letzten Hause zu erkundigen ? Frau Anna warf einen Blick nach dem Lager ihrer Tochter ; das junge Mädchen schlief ruhig weiter ; auch Hammer und Hobel in der Werkstatt ließen sich in ihrem Werke nicht stören . Aufrecht saß die Frau im Bett ; eben wollte sie sich wieder niederlegen , als sich das Anpochen wiederholte . Eine klare Stimme rief dicht vor dem Fenster : » Ich bin ' s. Erschreckt nicht . Ich bin ' s - Marie Heil ! « » Mein Jesus ! « rief die Frau . » Johannes ! Ludwig ! Da ist jemand draußen . Marie Heil ist draußen . Öffnet ihr doch ! Luise , Kind , wach auf ! « Luise erwachte und fragte , was es gäbe . In der Werkstatt hörte das Hämmern und Pochen auf . Auf den Ruf seiner Mutter hatte sich Ludwig Tellering blitzschnell von der Arbeit emporgerichtet . Als er den Namen Marie Heil vernahm , lief er , im höchsten Grade betroffen , eiligst der späten Besucherin die Tür zu öffnen . Die Frauen kleideten sich schnell an . Mit zitternder Hand schob Ludwig den Riegel der Haustür zurück . Der Wind blies ihm die Lampe aus , und er mußte die Hand der kleinen Familienfreundin ergreifen , um sie zu der Hofwohnung zu geleiten . » Was ist denn geschehen , Fräulein Marie ? « fragte er ängstlich . » Um Gottes willen , es ist doch kein Unglück geschehen ? « Die Stimme Maries kämpfte zwischen Weinen und Lachen , als sie antwortete : » Ein Unglück ? Nein , nein ! Aber ich muß fort - ich gehe fort - weit - weit - o so weit , Herr Ludwig ! « Herr Ludwig faßte die kleine Hand noch viel fester als vorher ; er ließ sie auch nicht eher los , bis die Hofwohnung erreicht war . Das Wort des Mädchens hatte den jungen Mann so erschreckt , daß ihm jedes Wort , jede Frage im Munde steckenblieb ; desto lauter und vielfältiger aber drängten sich die Fragen der übrigen Familie Tellering , deren Glieder jetzt sämtlich in der gerümpelvollen , verräucherten Werkstatt , zwischen Hobelspänen , Brettern , Werkzeug aller Art und neben dem Sarge versammelt waren . Der scharfe Wind , die Gemütsbewegung und der eilige Lauf durch die Gassen hatten die Wangen der kleinen Marie noch viel röter gemacht , als sie schon im gewöhnlichen Zustande waren . Eine geraume Zeit stand sie inmitten der verwunderten , erschreckten Freunde , ehe sie sich so weit gesammelt hatte , um Bericht zu geben über das , was sie zu so ungewohnter Stunde hertrieb . Ludwig Tellering hatte die Faust auf den halbfertigen Sarg gelegt , wiederholte im Innersten seiner Seele : ich gehe fort , weit , weit fort - , starrte das junge Mädchen mit weit offenen Augen an und sah ungefähr aus wie jemand , welcher aus einem schönen Traum vermittelst eines Waschnapfes voll kalten Wassers geweckt worden ist . » Setzen Sie sich doch , Marie « , sagte der Meister Johannes , eine Bank mit der Handwerksschürze abstäubend ; aber das junge Mädchen schüttelte energisch den Kopf : » Ich danke sehr , Meister . Ach du liebster Gott , fürs erste werde ich wohl nicht wieder zum Sitzen kommen und noch weniger zum Liegen . Wir gehen fort , o so weit - bis an der Welt Ende ; - erst nach Italien , dann nach Paris , dann nach Amerika . « » Nach Amerika ? ! « rief die Familie Tellering in den verschiedensten Tonarten , und Ludwig fuhr abermals zusammen , wie vom Blitz getroffen , faßte sich aber als ein Mann sogleich wieder und stellte sich fest auf den Füßen , als wolle er im Boden Wurzeln schlagen und Blätter und Blüten treiben , gleich einer von einem allzu persönlichen Gott verfolgten griechischen jungen Dame aus der Zeit der Metamorphosen . » Nanu ? « rief der Alte . » Ach du mein Himmel ! « rief Luise . » Nach Amerika ? ! « rief die Mutter Anna , auf einen Holzschemel sinkend . Ludwig Tellering sagte gar nichts ; er nahm mechanisch seine Mütze vom Tisch und setzte sie fest auf den Kopf . » Das ist wirklich eine merkwürdige Nachricht « , rief der Meister . » Und wann soll die Reise vor sich gehen ? « » In dieser Nacht - gleich ! Ich komme zu fragen , meine Herren , ob Sie uns helfen wollen beim Einpacken . Wir wollen mit fremden Leuten nichts zu tun haben . Viel nehmen wir nicht mit . Seht mich nur nicht so erschreckt an , ihr Leutchen ; es geht alles mit rechten Dingen zu . Wir überlegen es uns erst recht reiflich , ehe wir uns entführen lassen . « Die Aufregung der Familie Tellering stieg immer höher . Luise schloß die kleine Freundin in die Arme und rief schluchzend : » Es ist dein Ernst nicht , daß du weggehst ! Oh , Marie , was soll das nur ? Was soll das heißen ? « » Es ist mein völliger Ernst « , schluchzte dagegen Marie Heil . » Ich kann nicht anders , so große Angst ich auch habe . Es ist eine merkwürdige Geschichte , und ich hätte nie gedacht , daß ich so etwas erleben sollte . Ich kann meine Herrin nicht verlassen . « Die Dienerin Eva Dornbluths erzählte nun , was vorgegangen war , wie Herr Friedrich Wolf , der Bräutigam ihres Fräuleins , als ein reicher Mann heimgekehrt sei aus den fernen Mohren- und Indianerländern und wie er seine Braut sogleich mit sich fortführen wolle und wie man keinen Augenblick versäumen dürfe . » Wir entschlossen uns kurz « , fuhr sie fort , » denn wir haben uns nie lange besonnen , das Leben ist nicht lang genug dazu . Mein Fräulein fragte mich , ob ich weiter mit ihr gehen oder ob ich hierbleiben wolle . Ich fragte sie , was sie von mir dächte , ob sie mich für ein Ding hielte , das sich vor einem Mohren oder einem Indianer oder sonst einem wilden Mann fürchte . Ich sagte , ob sie sich nicht erinnere , was sie alles an mir getan habe und wie sie mich so gut wie eine Schwester behandelt habe . Sie sagte , das sei alles recht schön ; aber der Weg sei so weit , und die Welt sei so weit , und man könne nicht wissen , ob man jemals wieder zurückkomme . Der Herr sagte , er wolle auch hier gut für mich sorgen ; aber ich antwortete ihm , wie er es verdiente : was er von mir dächte , ich wolle mein Fräulein doch nicht mit ihm allein zu allen Hottentotten und Russen , Chinesen und Menschenfressern ziehen lassen - dazu kennte ich ihn doch noch nicht lange genug . Und um die Sache zu einem schnellen Ende zu bringen und nicht laut herauszuweinen , sprang ich weg nach meinem Mantel und Hut , und wenn die Herren uns nun helfen wollen , unsere Koffer zur Eisenbahn zu schaffen , so soll uns das sehr angenehm und lieb sein . Was wir nicht tragen können , lassen wir zurück und kümmern uns nicht drum . Die Armen sollen es haben ; denn wir sind selbst arm gewesen und mögen es überall besser wiederfinden . « Die Aufregung der Familie Tellering war nicht zu schildern , sie hatte den äußersten Grad erreicht . Das Plötzliche und Unerwartete tat das Seinige , jedermann in die höchste Verwirrung zu bringen . Selbst der Kanarienvogel erwachte , zog den Kopf unter dem Flügel hervor , sah verwundert umher und riet mit hellem Gezwitscher der kleinen Marie , Vernunft anzunehmen und im Lande zu bleiben . Luise weinte laut , es weinte die Mutter Anna , der Alte schüttelte betrübt den Kopf , und Ludwig - Ludwig schien den Kopf vollständig verloren zu haben . Dann kam ein Augenblick , während welchem Marie und Luise einander schluchzend in den Armen lagen und beiderseitig nicht an die plötzliche Trennung glauben konnten und wollten ; dann kam ein Augenblick , wo Marie Heil sich wieder zusammenraffte und eine kleine tränenerstickte Rede hielt über die Flüchtigkeit der Zeit , und wie man nie wisse , ob man nicht recht bald wieder zusammenkommen werde . Nun hatte der Meister Johannes Tellering Mütze , Jacke und Rock gefunden , und die Mutter Anna hatte weinend dem jungen Mädchen , welches so weit in die Welt gehen wollte , ihren Segen gegeben . Ludwig Tellering quälte sich vergeblich ab , mit dem linken Arm durch den rechten Ärmel in den Rock zu gelangen ; es bedurfte der vereinigten Hülfe von Vater und Mutter , um seine Ausrüstung zu vollenden . Nun ein Türöffnen und ein Türschließen : auf ihren Betten - allein in ihrer Kammer - saßen die Frau Anna und Luise ; sie weinten beide und machten ihrem Kummer in abgebrochenen Ausrufen Luft . Dann war die kleine Freundin gegangen , und der Kanarienvogel in der Werkstatt , jetzt vollständig wach und munter , sang ihr sein lustigstes Leibstückchen nach . - - - Mitten im unbehaglichen nächtlichen Getümmel am Bahnhof ! Wie pfiff und heulte der kalte Wind durch die dunkle hohe Halle ! Jede Laterne diente nur dazu , die Nacht noch finsterer zu machen ; ungeduldig keuchte die Lokomotive und sah mit feurigen Augen in die Dunkelheit . Vor der Wagenreihe drängte sich das fröstelnde , vermummte , bepelzte Gewimmel der Reisenden ; Beruf und Pflicht , Glück und Unglück kümmern sich nicht um Jahreszeit , Wetter und Stunde ; sie jagen die Menschen auf und treiben sie , und die armen Menschen denken gar noch , sie seien auf der Wanderung , weil sie es wollen , weil sie es reiflich überlegt und beschlossen haben ! Eva Dornbluth saß bereits im Wagen ; Friedrich Wolf drückte dem alten Meister Tellering die Hand zum Abschied ; Ludwig aber zögerte mit der kleinen Marie noch immer vor der Tür , so betäubt wie je . Krampfhaft hielt er den Arm des jungen Mädchens . » O Marie , Marie , weshalb gehen Sie fort ? Bleiben Sie hier ! « » Ich darf nicht , Herr Ludwig . « » Wollen Sie meiner Schwester immer schreiben , wo Sie sind und wie es Ihnen geht ? « » Gewiß ! Ach machen Sie mir das Herz nicht noch schwerer . « » Sie wollen uns nicht vergessen ? « » O Herr Ludwig ! « » So leben Sie wohl , Marie . Wir sehen uns wieder ! « Er riß die Kleine in den Arm und küßte sie . Er tat es . Dann schob er sie in wilder Hast in den Wagen und stürzte aus der Bahnhofshalle , ohne sich umzusehen . Ihm nach klang ein leiser Ruf : » Ludwig ! « , aber er vernahm ihn nicht mehr ; wie konnte er hören und sehen ? Friedrich Wolf gab dem Meister Johannes noch einen Brief für einen Mitbewohner des Hauses zwölf in der Musikantengasse , über welchen er mit ihm viel auf dem Wege zum Bahnhof gesprochen , von welchem er vieles sich hatte erzählen lassen . Nun schrillte die Pfeife des Zugführers . Laut auf schrie die Lokomotive , einem wilden Tier gleich , das losgelassen wird von der Kette . Der heiße Atem füllte mit dichten Wolken die hohe Halle ; der Zug setzte sich in