vertreten , es wird gleich besser sein . Sie stützte sich auf Oswalds Arm ; blaß und vor Schmerz die Unterlippe zwischen den Zähnen pressend . Aber die Farbe kam ihr wieder , als sie zu Oswald aufschaute . Seien Sie unbesorgt , sagte sie - und ihre Stimme klang süßer als je - Ihre Wette haben Sie doch gewonnen . So ! jetzt wird es schon wieder gehen ! Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen ; aber er mochte die schöne Beute nicht so bald wieder fahren lassen . Sie können , ohne sich zu stützen , noch nicht gehen , und mißgönnen Sie mir die Freude , Ihnen diesen geringen Dienst leisten zu dürfen ? Ich fürchte nur , der Weg ist bei der Sonnengluth für Sie selbst beschwerlich genug . O ! Ein falscher Tritt ließ Melitta abermals zusammensinken . Wir werden stehen bleiben müssen , sagte sie . Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald hinauftragen ; Sie können sich da wenigstens im Schatten ausruhen . Melitta lächelte . Ich bin nicht so leicht wie eine Puppe . Und ich nicht so schwach wie ein zehnjähriges Mädchen , rief Oswald , umfaßte Melitta ' s schlanken Leib und sie emporhebend , trug er sie sicher , wie die Mutter ihr Kind , über die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand , wo die breiten Kronen der Buchen Schatten und Kühlung spendeten . Dort ließ er sie sanft aus seinen Armen auf das dichte Moos gleiten , indem er selbst vor ihr stehen blieb . Melitta hatte sich von dem Augenblicke an , wo der kühne junge Mann sie emporhob , nicht weiter gesträubt ; sie fühlte alsbald , daß er stark genug sei , sie zu tragen ; aber sie hielt es für thöricht , ihm die Last nicht so viel wie möglich zu erleichtern und hatte sich dicht in seine Arme geschmiegt . Wie stark Sie sind , sagte sie jetzt , bewundernd zu ihm aufschauend . Oswalds Herz hämmerte und seine Brust wogte , mehr vor innerer Erregung , als in Folge der Anstrengung . Er fühlte noch immer die elastischen Glieder , die er in seine Arme gepreßt , das weiche Haar , das sein Gesicht umspielt , den süßen Athem , der seine Stirn umweht hatte . Unter solchen Umständen wäre es eine Kunst , nicht stark zu sein , antwortete er . Aber angegriffen hat es Sie doch , gestehen Sie es nur . Kommen Sie und setzen Sie sich zu mir ; auf diesem Moossopha ist Platz für mehr als zwei . Oswald ließ sich neben Melitta , die sich an den Stamm der Buche lehnte , in das weiche Moos sinken , stützte den Kopf auf den Arm und schaute sinnend empor in ihr heiteres Antlitz . - Nahte sich der Traum am Sumpfesrand der Erfüllung ? wird sich das liebe , holde Gesicht zu ihm niederbeugen und ihn küssen , wie die Traumgestalt ? Oder ist dies wieder ein Traum ? ... Es überkam Oswald das wunderliche Gefühl , als habe er dies Alles schon einmal erlebt ; als kenne er diesen Platz : hier den dunklen Hochwald , aus dem das Klopfen eines Spechtes ertönte - vor ihm die Wiese , über deren langes Gras rothe Abendlichter wogten , - drüben den stillen Garten , aus dessen grünem Revier Melitta ' s graues Schloß hervorragte - seit vielen , vielen Jahren ; - als habe er Melitta selbst in seinem früheren Leben oft gesehen , als Knabe schon , wenn er sich recht tief in ein schönes , lauschiges Märchen hineingelesen hatte , so daß zuletzt die holde Prinzessin ordentlich leibhaftig vor ihm stand ... und auch Melitta mußte Aehnliches empfinden , denn vollkommen unbefangen , als wäre er ihr Bruder oder Gatte , nahm sie ihm den Hut vom Haupt und drückte ihm ihr feines , duftendes Taschentuch wiederholt auf die perlende Stirn und die blauen , träumerischen Augen . Oswald ergriff die liebe Hand und preßte sie an seine Lippen . Die Hand muß ich Ihnen freilich lassen , sagte er ; aber das Tuch kann ich Ihnen wahrlich nicht wiedergeben . So behalten Sie es als Andenken an diese Stunde . Aber jetzt wollen wir weiter . Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch eine ziemliche Strecke und der Himmel sieht in der That drohend aus . Melitta lehnte sich auf Oswalds Arm , als sie jetzt den schmalen Pfad einschlugen , der erst durch Buchen , dann zwischen einer Schonung jungen Laubholzes auf der einen und hochstämmigem Nadelholze auf der andern Seite tiefer in den Wald führte . Die Sonne goß über die niedrigen Büsche fort ihre letzten Strahlen purpurn auf die Wipfel der Tannen ; ein Vöglein strömte in weichen , klagenden Tönen , als wenn es Abschied nähme von der Sonne und vom Leben , seine süßen Abendlieder aus . - Dann erlosch die Purpurgluth droben , das Vöglein verstummte und Schatten und Stille umfing die Liebenden . Aber der Schatten wurde düsterer und drohender , und die Stille wurde seltsam unterbrochen von dem Knarren und Stöhnen der Tannenriesen , die ihre starken Glieder reckten und dehnten , als wollten sie prüfen , ob ihre Kraft noch ausreiche , dem Gewittersturm , der über den Wald heraufzog , zu trotzen . Und jetzt begann es in den Büschen unheimlich zu zischeln und zu flüstern , dürres Laub flog , wie in toller Angst , her vor der Windesbraut , die sausend in das Blättermeer schlug , die Kronen der Buchen wie wahnsinnig durcheinander peitschte , die hohen Wipfel der Tannen mächtig bog und den Wald bis in die tiefsten Gründe aus seiner Ruhe schreckte . Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf ; schon fielen große warme Tropfen durch die Blätter . Melitta hatte sich dicht an Oswald geschmiegt , dessen Herz mit dem Sturm aufjauchzte . Die Geliebte mit dem einen Arm an sich drückend , streckte er wie zum Kampf den andern zum gewitterschwarzen Himmel auf . Nur zu , nur zu ! murmelte er durch die zusammengepreßten Zähne ; ich fürchte Dich nicht ! ... Wie , gnädige Frau , ist Ihr Muth schon zu Ende ? O , es ist schön im stürmenden , donnernden Walde ! Melitta sprach kein Wort ; die Augen nicht vom Boden erhebend , eilte sie weiter , schneller und immer schneller , bis der Wald sich zu einer weiten Lichtung öffnete ; und da lag vor ihnen , in diesem Augenblick von dem röthlichen Lichte eines Blitzes hell erleuchtet , die Waldkapelle . Nur ein paar Schritte noch und sie langten unter dem weit vorspringenden Dache des im Schweizerstyl allerliebst ausgeführten Häuschens an . Rasch erstieg Melitta die Stufen , die zu der niedrigen Veranda hinaufführten ; sie nahm einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Kleides , drehte das Schloß auf , aber , anstatt die Thür zu öffnen , lehnte sie sich zitternd gegen die Pfosten . Sie war bleich ; ihre Kraft schien gänzlich erschöpft ; sie drückte die Hand auf das Herz . So sah sie Oswald , als er den Blick von der im Regen dampfenden Wiese - ein Anblick , der ihn stets mit einer eigenthümlichen Lust erfüllte - zu ihr wendete . Mein Gott , gnädige Frau , was ist Ihnen ? was haben Sie ? O , nichts , nichts ! sagte sie , beim ersten Ton seiner Stimme sich aufraffend ; es ist der schnelle Lauf ; jetzt ist es schon wieder besser ; kommen Sie ! Sie öffnete die Thür und trat ein ; Oswald folgte . Aber er fuhr entsetzt zurück , als er in dem mystischen Halbdunkel , das in dem Gemache herrschte , eine hohe weiße Gestalt erblickte , die aus der Wand hervorzuschweben schien . Was ist das ? rief er im ersten Schrecken . Was ? sagte Melitta , welche die Fenster öffnete , um die frische Luft in das heiße , blumendufterfüllte Gemach strömen zu lassen . Die Venus von Milo ! rief Oswald , und ein wollüstiger Schauder durchrieselte ihn . Meine Heilige ! ich sagte es Ihnen ja . Nun , wie finden Sie die Kapelle ? Es war ein nicht sehr großes , aber verhältnißmäßig hohes Gemach ; rechts und links je ein Fenster , das auf die Veranda führte , der Thür gegenüber stand in einer Nische auf einem niedrigen Piedestale das Bild der Göttin . Bequeme Gartenstühle , eine Chaise longue , ein Tisch , auf dem Bücher , Papiere , Zeichenmaterialien , eine angefangene Stickerei , Reitpeitsche und Handschuhe durcheinander lagen - waren die einfache , schickliche Ausstattung . Sind Sie sehr naß geworden ? fragte Melitta , ihren Hut auf den Tisch werfend , ohne die Antwort auf ihre vorige Frage abzuwarten . Und dann : Gehen Sie da vom Fenster fort , Sie werden sich erkälten . Kommen Sie hierher , oder nein ! setzen Sie sich auf die Chaise longue und erholen Sie sich ! Und wieder : Wenn ich nur etwas für Sie herbeischaffen könnte ! - Aber es ist wahr , ich kann ja Thee bereiten . Wo sind nur gleich die Sachen ? Hier - nein , dort in dem Schrank . Das Alles sagte sie hastig , wie gedrängt von einer in ihr wühlenden Unruhe , mit raschen , ungleichen Schritten im Gemache hin und her schreitend . Oswald ergriff ihre Hand . Sorgen Sie nur erst für sich selbst , liebe , gnädige Frau ; mir schadet das bischen Regen wahrlich nichts . Ihr Kleid ist feucht und ihre dünnen Stiefel sind auch keine Fußbekleidung für das nasse Gras der Wiese . O , für mich ist leicht Rath geschafft . Ich habe nebenan Alles , was ich brauche . Nebenan ? Sagte ich Ihnen nicht , daß ich hier oft selbst die Nächte zubringe ? Die Thür dort führt in meine Garderobe . So gehen Sie sogleich hinein und kleiden Sie sich um . Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Mannes , und ging , ohne ein Wort zu erwidern , von ihm fort und verschwand durch eine Thür , die sich neben der Statue befand , und die Oswald jetzt zum ersten Male bemerkte . Er warf sich in einen der Lehnstühle und stütze den Kopf in die Hand ; dann sprang er wieder auf , lehnte sich in ' s Fenster und starrte mit düsteren Augen hinein in den Sturm und Regen ; dann ging er mit hastigen Schritten in dem Gemache auf und ab ; endlich warf er sich vor dem Piedestale der Göttin nieder und legte seine heiße Stirn auf ihre Marmorfüße . Das Rauschen eines Gewandes dicht neben ihm schreckte ihn aus seinem Fiebertraum . Melitta ! rief er mit Thränen der Wonne im Auge zu ihr aufschauend , Melitta ! Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn zärtlich auf die Stirn ; dann aber eilte sie von ihm fort , warf sich in einen der Lehnstühle und schluchzte , als ob ihr das Herz brechen wollte . Oswald fiel vor ihr nieder ; er umfaßte ihre Kniee ; er drückte sein glühendes Gesicht in ihren Schooß ; er küßte ihr Gewand , ihre Hände . Melitta ! süße , holde , weine nicht ! Wie kannst Du weinen , da Du mich so namenlos glücklich machst ! Melitta , liebe , liebe Melitta ! Deine Thränen tödten mich . Nimm lieber mein Herzblut , Tropfen für Tropfen . Mein Blut , mein Leben , meine Seele sind ja Dein ! Melitta , für diesen Augenblick will ich Dir ewig danken , hörst Du , Melitta , ewig - Um Gotteswillen , schwöre nicht ! rief Melitta , auffahrend und ihm die Hand auf den Mund legend . Dann ergriff sie seinen Kopf und küßte ihn leidenschaftlich auf Stirn und Augen und Mund . Und wieder sprang sie empor und eilte , wie von Dämonen verfolgt , in dem Gemache auf und ab . O , mein Gott , mein Gott ! rief sie , die Hände ringend . Sie eilte auf die Thür zu , als wollte sie entfliehen , aber , ehe sie dieselbe erreichte , brach sie zusammen . Oswald fing sie in seinen Armen auf ; er trug sie nach dem Sopha ; er bedeckte ihre kalten Hände , ihre bebenden Lippen mit glühenden Küssen ; ein Freudenschrei entrang sich seiner gepreßten Brust , als die starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann . Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf ihn heftend , sagte sie leise - leise und fest , wie ein Kranker , der seinen Arzt fragt , ob Leben oder Tod das Ende sein wird - Oswald , höre mich an ! liebst Du mich jetzt , in diesem Augenblick , so , wie Du glaubst , daß Du ein Weib auf Erden lieben kannst ? Ja , Melitta ! Nun denn , Oswald , so liebe ich Dich - jetzt und immerdar . Das Gewitter war vorübergebraust ; schweigend ruhte der regenerquickte , duftende Wald ; und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der Venus leuchtender Stern . Fünfzehntes Capitel Als Oswald am nächsten Morgen nach einem kurzen , unruhigen Schlaf erwachte , war es ihm , als hätte sich ein trüber Lethestrom über die Erinnerungen des vergangenen Tages gewälzt . Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke , wo ihm das Venusbild in der dämmrigen Waldkapelle entgegenschwebte - er hatte es vergessen ; was nachher geschehen war , als er Melitta , die ihm bis in die Nähe des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben , zum letzten Male in seine Arme gepreßt hatte - er wußte es nicht mehr . Aber die Küsse , die er gegeben und empfangen , brannten noch auf seinen Lippen ; aber der süße Athem , der sich mit dem seinen vermischt , umkoste ihn noch ; aber die liebetiefen Augen , die in den seinen geruht , sie strahlten ihm noch immer . O , diese Augen , diese zärtlichkosenden leidenschaftblitzenden Augen ! wie zwei helle Sterne , die selbst das Frühroth nicht verlöschen kann , schimmerten sie und leuchteten sie , und verfolgten ihn allüberall . Er sah sie , wenn er die eigenen Augen schloß : er sah sie , wenn er aus dem Fenster , in dem er lehnte , in den hellen Morgenhimmel schaute ; er sah sie , wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte , die zwischen den hohen Bäumen lagen , unten in dem stillen , thaufrischen Garten . Es war ihm , als ob er sich todt weinen könnte , als ob er laut aufjauchzen müßte vor seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit , als ob sein ganzes Wesen sich auflösen , wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müßte . Daß er einen Körper hatte , erschien ihm wie Hohn . Er schlich sich auf den Fußspitzen in die Kammer der Knaben : er wollte wenigstens ein liebes Antlitz , Bruno ' s Antlitz sehen . Das erste Frühroth drang durch die geschlossenen Gardinen : im Zimmer war es auffallend kühl . Bruno hatte wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offen gelassen . Oswald schloß es , denn die Morgenluft wehte herein und Bruno ' s Gesicht war von einem unruhigen Traum erhitzt . - Wieder lag er da , wie in jener Nacht , als Oswald ihn zum ersten Mal erblickte - mit über der Brust verschränkten Armen , düstern Trotz auf dem dämonisch-schönen Angesicht . Aber als Oswald ihn heute auf die Stirn küßte , öffnete er nicht , wie damals die Augen , ihn voll Traumseligkeit anzulächeln ; öffnete er nicht , wie damals die Lippen , ihm das rührende Wort zuzuflüstern : ich habe Dich lieb ! die dunklen Brauen zogen sich nur noch finsterer zusammen , und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund . - Zu jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angesehen haben ; aber jetzt in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig . - Zürnt er dir noch , dachte er , daß du ihn gestern zu Hause ließest ? Ahnt er , daß seit gestern ihm nicht mehr all ' deine Liebe gehört ? und doch , liebe ich ihn jetzt nicht nur noch mehr ? Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der finstern Stirn ; er hüllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen , als er es betreten hatte . Eine bange Ahnung von schwerem Leid , das ihm selbst und Bruno und auch ihr ! aus all ' der Himmelslust erwachsen werde , durchbebte ihn . Er eilte in den Garten hinab , um im Freien freier athmen zu können , und schweifte umher in den dunklen Laubengängen und zwischen den Beeten , und schüttelte den Thau von den Zweigen in sein heißes Gesicht und schaute mit den düstern verwachten Augen in die frommen Kinderaugen der Blumen . - An den Gemüsebeeten fand er den Gärtner beschäftigt . Es war doch wenigstens ein Mensch . Oswald sehnte sich darnach , die Stimme eines Menschen zu hören . Er redete den Mann an ; er erkundigte sich , was er nie zuvor gethan , nach seinen Verhältnissen : ob er verheiratet sei ? ob er Kinder habe ? ob er die Kinder liebe ? Der Mann gab ihm schiefe , halbe Antworten ; redseliger wurde er , als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam , die bei dem köstlichen Wetter , wo herrlichster Sonnenschein mit warmem Gewitterregen abwechselte , gar üppig gediehen . Aber Oswald hörte nur mit halbem Ohre hin und verließ plötzlich mit einem flüchtigen Gruße den Alten , der , sich die Mütze aus der Stirn rückend , ihm verwundert nachschaute , mit dem Kopfe schüttelte , und wieder zum Spaten griff . - Oswald setzte seine rastlose Wanderung durch den Garten fort , dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle rings eingeschlossenen Raum . Er eilte aus dem Garten über den Hof in das Feld , aus dem Felde in den Wald , weiter und weiter , dem Brausen entgegen , das zuerst dumpf , dann lauter und lauter an sein Ohr drang . Da trat er heraus aus den Buchen , deren breite Kronen sich über seinem Haupte wölbten , auf das hohe Kreideufer , und weit , unermeßlich lag es vor ihm da , das heilige , ewige Meer . Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der Wogen auf , die , sich unaufhaltsam heranwälzend , tief unter seinen Füßen zwischen den gewaltigen Steinen des schmalen Strandes mit unaufhörlichem Donner brandeten - Woge auf Woge , immer neue und immer neue , unzählig , sinnverwirrend , wunderbar . Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde ; nur ganz am Horizont zog eine Rauchsäule von Osten nach Westen . Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers , der seine einsame Bahn , wer weiß , woher und wohin rastlos verfolgte . - Ueber der schäumenden Brandung unter ihm flatterten weiße Möwen und stürzten sich kreischend in die Salzfluth und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder hierin und dorthin . Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine majestätischen Kreise , höher und immer höher , bis er Oswald ' s Blicken nur noch als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien . - Aber selbst das erhabene Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufüllen , und wie köstlich sie auch Oswald sonst dünkte , die Musik der Wogen , er hatte vor wenigen Stunden eine köstlichere Musik gehört . Nur den Adler droben beneidete er . Ein Schlag deiner mächtigen Schwingen , und du schwebst über Wälder und Felder fort bis zu Melitta ' s Haus . Er sprang empor , er eilte zurück in ' s Schloß , hinauf auf die Zinne des Thurmes ; vielleicht konnte er von dort Melitta ' s Wohnung sehen ; und er jauchzte laut auf vor freudiger Ueberraschung , als er wirklich , den spähenden Blick nach jener Seite richtend , den obersten Giebel ihres Hauses eben noch über den Rand des Waldes emporragen sah . Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn ; es war ihm , als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt . - Die Zeit , in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte , war herbeigekommen ; er ging in sein Zimmer ; er fand die Knaben nicht , die gegen die Gewohnheit noch unten beim Frühstück waren . Sein eigenes Frühstück stand auf dem Tische . Da klopfte es leise an die Thür und herein trat der alte Baron , mit einem Bündel Papiere in der Hand . Nach den ersten Begrüßungen und nachdem er sich wegen seines ungewöhnlichen Besuches entschuldigt hatte , sprach er : Sie könnten uns einen rechten Gefallen erweisen , Herr Doctor . Ich vermuthe , Herr Baron , daß es sich um die Papiere handelt , die Sie dort in der Hand haben . Ja , ja . Sie wissen , daß Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht kommen . Nun möchten wir gern , daß die Güter neu vermessen würden , da die Flurkarten , die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden , sehr schlecht sind . Der erste Brief also , den wir Sie zu schreiben bitten würden , wäre an unseren Feldmesser . Er heißt Albert Timm und wohnt in Grünwald . Sie würden ihn bitten , zu einer vorläufigen Besprechung sofort herüberzukommen . Der zweite Brief ist an unseren Advocaten , ebenfalls in Grünwald . Anna-Maria wünscht seine Revision der Pachtcontracte . Hier ist eine Abschrift der jetzigen . Anna-Maria hat am Rande verzeichnet , was wir in den neuen Entwurf aufgenommen wünschen . Wenn Sie auch dieses Schriftstück mundiren wollten - es ist freilich etwas viel - Geben Sie nur , Herr Baron . Zu wann wünschen Sie die Sachen geschrieben ? Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre ? Wir haben den Knaben schon vorläufig angekündigt , daß sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen . Sie haben doch nichts dagegen ? Ich denke , es wird wohl so das Beste sein . Nun , dann leben Sie wohl , lieber Herr Doctor , und entschuldigen Sie , daß wir Sie mit diesen Sachen belästigen . Aber Sie wissen , Anna-Maria - Keine Entschuldigung , Herr Baron - Der alte Mann verließ das Zimmer , Oswald warf sich auf das Sopha und schloß die Augen , um von Melitta zu träumen . Aber je eifriger er sich ihr geliebtes Bild vorzustellen suchte , desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht des alten Barons dazwischen . Das verwandelte sich dann wieder in das Antlitz der braunen Gräfin , dann zog ihm der Pastor Jäger eine Fratze , und plötzlich stand Bruno im Zimmer , gehüllt in lange , wallende , weiße Gewänder . Oswald wollte lachen über die tolle Maskerade , aber als er einen Blick in das Gesicht des Knaben warf , erstarb das Lachen auf seinen Lippen . Ein Schauer durchrieselte ihn , seine Haare bäumten sich - die wachsbleiche Farbe , die so seltsam von den blau-schwarzen Haaren abstach , die weiten starren Augen , ein namenloses Etwas in dem Ausdruck dieser glanzlosen , gebrochenen und doch so wunderbar beredten Augen - das war nicht Bruno , das war der Tod , der leibhaftige Tod in Bruno ' s vielgeliebter Gestalt ... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe . Das schreckliche Bild war verschwunden , aber es bedurfte mehrerer Minuten , bis der junge Mann sich überzeugen konnte , daß es wirklich nur ein Bild gewesen . So deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Möbel im Zimmer , den Sonnenstrahl , der durch das Fenster fiel , die Staubatome , die in dem Strahle tanzten - Alles , Alles gesehen . Da hörte er das Knallen einer Peitsche und das Knirschen von Rädern in dem Sande vor dem Portal des Schlosses . Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort . Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Gemache auf und ab . Warum heute , gerade heute das fürchterliche Bild ! Muß Bruno sterben , zuvor mir sterben , damit ich Melitta lieben kann ! Ist es nicht möglich , einen Bruder und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit , mit gleicher Gluth der Seele ? Ist das Menschenherz so klein , daß eine Empfindung , um darin wohnen zu können , die andere verdrängen muß ? und ist die Treulosigkeit Naturgesetz ? Der junge Mann war wieder ruhiger geworden , aber die ambrosische Schönheit des Sommermorgens war verschwunden . Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn , der Gesang der Vögel keine Süßigkeit ; der übermüthig sprudelnde Quell der Lust in seinem Busen war versiegt . Du bist jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit , sagte er bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor , in die er es vorhin geschleudert hatte . Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben . Zuerst den Brief an den Geometer - das ging noch ; auch der Brief an den Advocaten kam , obgleich nicht ohne einige heimliche Verwünschungen , glücklich zu Ende ; aber die Abschrift der beiden Kontrakte zu fertigen , mußte er seine ganze Geduld zusammennehmen . Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst , ärgerten ihn die von der Hand der Baronin eingestreuten Bemerkungen , in welchen sie die in den Contracten von ihr beliebten Veränderungen in den Augen des Advocaten , vielleicht auch in ihren eigenen , zu motiviren suchte . Die Höhe der Pacht war in beiden Fällen fast um das Doppelte gesteigert , was Oswald um so mehr Wunder nahm , als er den Inspector Wrampe wiederholt hatte sagen hören : Herr Pathe , der Pächter der beiden Güter , ein außerordentlich fleißiger , strebsamer und ökonomischer Mann , sei so gestellt , daß ihn eine einzige Mißernte ruiniren müßte . In einer Notiz der Baronin hieß es : Herr P. ist ein nachläßiger Monsieur und sein sauberer Inspector W. ist nicht besser . Je humaner man gegen dergleichen Menschen ist , desto fauler werden sie . In einer andern : die dem Schlosse von dem Gute Grenwitz zu leistenden Naturallieferungen müssen auf jeden Fall doublirt werden , denn daß wir doch nur die Hälfte von dem bekommen , was uns zusteht , und diese Hälfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr zusammenschrumpft , ist von vornherein anzunehmen . Durchstrichen , aber nicht so , daß man sie nicht noch hätte lesen können , waren die folgenden Worte : Sollte ja etwas übrig bleiben , so können wir ja den Rest alle Sonnabende in B. ( dem nächsten Landstädtchen ) auf dem Wochenmarkte verkaufen . An einer andern Stelle : Kann nicht contractlich ausgemacht werden , daß die Verwalter , Statthalter ( Großknechte ) , Ausgeberinnen u.s.w. der Pächter jedesmal von dem Baron bestätigt werden müssen ? Man wüßte dann doch , mit was für Subjecten man es zu thun hat , und behielte den Griff fester in der Hand . Und das Vermögen dieser Menschen beträgt Millionen ! rief Oswald und warf die Feder zornig auf den Tisch . Schreibe ein Anderer das Gewäsch ! Soll ich mich zum ergebensten Werkzeug dieser egoistischen , hochmüthigen , herzlosen Aristokratenbrut hergeben ? Und trüber und trüber ward es in des jungen Mannes Seele . Nicht zum ersten Male wurde er heute daran gemahnt , wie schief , wie unhaltbar doch seine ganze Stellung sei . Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben , wenn nicht seine Freundschaft zu dem Professor Berger , dessen Rath er gegen seine bessere Ueberzeugung gefolgt war ? Es fiel ihm ein , daß er den letzten Brief seines wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte . So setzte er sich denn wieder hin und schrieb : Es giebt kein Unrecht als den Widerspruch - das ist , wenn ich mich recht erinnere , eine Ihrer Lieblingsmaximen , und die Cardinalregel , nach der Sie das Thun und Lassen der Menschen beurtheilen ! Nun denn ! So hatten Sie doppelt und dreifach unrecht , mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen , denn sie ist , wie ich sie auch betrachten mag , aus Widersprüchen zusammengesetzt . Ich ein Erzieher Anderer , der ich mich selbst noch zu erziehen habe ! Ich , der Aristokratenfeind , der Adelshasser in dem Schooße einer aristokratischen Familie , halb der Freund und halb der Diener dieser hochadeligen Sippe ! Und was mich noch abscheulicher dünkt , ist , daß ich an den Genüssen dieses aristokratischen Lebens so harmlos Antheil nehmen kann , als hätte mich nie ein Schauer der Ehrfurcht erfaßt , wenn ich in der Schrift an die Stelle kam : Des Menschen Sohn hat nicht , da er sein Haupt hinlege ! Sind diese Worte denn nicht auch für mich geschrieben , für mich , dem kein Kissen zu wollüstig , kein Teppich zu weich , keine Speise zu lecker , kein Wein zu kostbar dünkt ? für mich , der ich , weit entfernt , mich von diesem Luxus angeekelt zu finden , ihn nicht gierig verschwelge , wie der Sklave seine kurzen Augenblicke der Freiheit , sondern ruhig und bedächtig durchkoste und genieße , ihn hinnehme , wie etwas , was sich von selbst versteht , wie etwas , zu dem man geboren und erzogen ist . Soll die gnädige Frau Baronin recht haben , die neulich hochmüthig behauptete , von