Kirchen , welche fromme Andacht gebaut hat , und welche daher , mögen sie groß oder klein sein , ihren Schmuck , ihren Reichtum , ihre Kunstwerke , ja Meisterwerke haben . Ein solches ist in der Kirche Sta . Maria della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael . Das sind Fresken , Fräulein Judith ! die müssen Sie sehen , um eine Idee zu bekommen , wie warm und lebendig die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann . « » Schade , daß ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist , « bemerkte Judith . » Nicht schade , mein Fräulein ! Sehen Sie , die alten Ägypter , ein tiefsinniges Volk , aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung , höhlten die Felsen ihres Landes zu Palästen aus , mit Hallen und Sälen , mit Treppen und Säulen ; und alle Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit tausend Göttergestalten , mit Kriegsszenen , mit Bildern aus dem Volks- und dem häuslichen Leben ; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf , und dann wälzten sie vor den Eingang dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke , entzogen ihre Mühe , ihre Arbeit , ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht schade , all ' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen . Wie könnten wir den Schmuck unserer Kirchen beklagen , in denen Gott selbst geheimnisvollerweise wohnt und weilt ? Übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus , als fände man für sie alles gut genug , was der Rumpelkammer angehört , und Motten- , Mäuse- und Wurmfraß , den die Menschen nicht mehr haben mögen , ist beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes . « » Ach , Herr Ernest , « sagte Judith ungeduldig , » Ihre Kirchen , mit oder ohne Mäusefraß , interessieren mich gar nicht . « » Gut ! « entgegnete er gleichmütig ; » nun an die Staffelei ! « » Nein , auch das nicht ! « rief sie . » Erzählen Sie mir noch etwas von den Sibyllen . Herr Ernest ! ich höre gern von großen Frauen reden - und höre es nie ! « » Die Sibyllen sind aber nur dadurch groß , daß sie auf unsere Kirchen und auf den , der sie gestiftet hat , hinweisen , Fräulein Judith . Ihre Größe bestand eben darin , daß sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen vermochten , und sie waren begnadete Weiber , weil sie die Gebenedeite unter den Weibern , die jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen Gott prophezeiht haben . Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer weltberühmten Kirche Italiens , in Loretto , wundersam schön aufgefaßt und dargestellt . Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen , in welchem die allerseligste Jungfrau Maria zu Nazareth lebte und welches in einer Weise , die nur Gott bekannt ist , auf die Höhe des Appenins versetzt wurde . Um dies Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen stehen paarweise die Propheten und Sibyllen , welche die glor- und freudenreichen Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben . Sie bilden gleichsam eine Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte , wo das Wort Fleisch ward und im feierlichen Reigen schließen sie sich huldigend dem Gruß des Engels an . Der unsterbliche Meißel von Cioli , Lombardo , della Porta , Sansovino und von anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen . « » Ich möchte nach Loretto , um das zu sehen ! « rief Judith . » Ich will Ihnen sagen , wie Sie sich dabei zu benehmen haben , Fräulein Judith . Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben , in deren Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet , die mit Basreliefs aus der Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist . Vier wunderbar schöne Statuetten , ebenfalls von Bronze , ruhen am Rande der Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen . Es sind vier Tugenden und sie heißen Glaube , Hoffnung , Liebe , Beharrlichkeit . Unter dem Glauben stehen die Worte : Nescio falli ; er wird nicht getäuscht . Unter der Hoffnung : Nescio flecti ; sie wird nicht erschüttert . Unter der Liebe : Nescio scindi ; sie wird nicht geteilt . Unter der Beharrlichkeit : Nescio frangi ; sie wird nicht gebrochen . In dieser Schale ist Wasser , das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf . Und ein paar Tropfen dieses Wassers auf Ihrem Haupte bewirken , daß Ihre Seele fähig wird , jene Tugenden in sich aufzunehmen . Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schließen Sie sich den Sibyllen und Propheten an , und dann erst werden Sie verstehen , was Sie sehen . Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die , welche aus der Taufgnade hervorgehen und im großen Umriß angeben , wie das Leben des im Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll . Gehen Sie aber nur als neugierige Touristin nach Loretto , so ist es in der Tat ganz einerlei , ob Sie dort waren oder nicht . « » Keineswegs , Herr Ernest ! ich bilde meinen Kunstsinn aus . « » Ist nicht möglich , wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht aufgegangen ist ! Können Sie Ihren Geist an einem großen Schriftsteller bilden , wenn Sie nicht im Stande sind , dessen Ideengang zu verfolgen ? gewiß nicht ! Irgend einen schlagenden Ausdruck , irgend eine überraschende Wendung können Sie ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen , wie exotische Blumen in ein Kartoffelfeld ; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor . Farbenmischung , Gruppierung , korrekte Zeichnung - ja , das können Sie lernen , wenn Sie Kunstwerke äußerlich , in ihrer Technik , studieren ; doch Ihre Seele hat nichts davon , und in der Seele werden die großen Kunstwerke , wie überhaupt alles Große , geboren , denn alles Große und alles Schöne ist eine Revelation der ewigen Schönheit , von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat . Weckt die Schönheit eines Bildes , eines Gedichtes , eines Buches , einer Statue nicht himmlische Gedanken im Menschen : so ist entweder der Mensch zu schwach , zu ungebildet , zu verkommen und roh , oder die Schönheit ist eine falsche , trügerische , die den Blendwerken der Sinnenwelt angehört . Die wahre Schönheit soll auf uns wirken , wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke : sie soll auf unsere trübe , graue , tränenvolle Seele ein Stück Regenbogen zaubern ; Sie wissen ja , Fräulein Judith , daß er ein Symbol des Friedens ist , den Gott nach der schrecklichen Sündflut mit dem Menschen schloß . Ein Etwas von himmlischem Frieden , von tief innerster Versöhnung mit Gott , wenigstens der Sehnsucht nach , soll das Kunstwerk uns geben . « » Haben Sie auch eine tränenvolle Seele ? « fragte Judith ; » man sieht es Ihnen nicht an , Herr Ernest ! Ja , ich meine , der Regenbogen wäre sogar beständig in Ihnen . « » Mensch - und tränenvolle Seele - das gehört zusammen , seitdem unsere Stammeltern das Paradies verloren haben , Fräulein Judith . Die Schwere des Staubes lastet auf ihr , die Dornen der Erde verwunden sie , die Ringel der Schlange bedrohen sie ; welche Last , welche Schmerzen , welche Ängste muß sie mit sich herumschleppen . Siehe , da kommt einer und nimmt ihr all ' den Ballast ab , und heilt all ' ihre Wunden , und stellt sich zwischen sie und die Schlange , und tröstet sie unendlich liebevoll und zärtlich , und trocknet mit linder Hand all ' ihre Tränen ab , und verläßt sie nie und bleibt ihr treuer , ihr ewiger Freund . Nun , Fräulein Judith , das begreifen Sie gewiß : habe ich jemand , der so große und süße Dinge für mich tut und mit so unermüdlicher Zärtlichkeit mich liebt , so frag ich nicht viel nach Tränen und Wunden . Vielmehr freue ich mich ihrer , weil sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen , und daraus mag denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen , zu der sie das graue Gewölk , und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe hergibt . « » Aber , Herr Ernest , wen haben Sie denn zum Freunde ? « fragte Judith gespannt . » Den menschgewordenen und gekreuzigten Gott der Offenbarung , Fräulein Judith . « Sie wendete gleichgiltig ihr schönes Haupt ab und sagte mit eisiger Kälte : » Graues Haar und eine solche Liebesschwärmerei : reimt sich das Herr Ernest ? « » Erst recht , Fräulein Judith , « entgegnete er gelassen . » Die irdische Liebe erstirbt , wenn die Rosenwangen verblühen und wenn auf Rabenlocken der Schnee des Lebenswinters fällt , und an etwas so Vergänglichem mit Schwärmerei zu hängen , ist allerdings der Erfahrung und dem Ernst des grauen Haares nicht anständig ; denn wenn das Herz still steht , das von solcher Liebe erfüllt war , so ist es Staub und bleibt im Staube . Aber mit meiner Liebe ist es ganz anders ! die zerreibt nicht das Herz , sondern lebt und webt darin fort und fort , und immer flammender und inniger , je weißer mein Haar wird . Und steht das Herz einst im Tode still , was geschieht ? es fliegt ein Schmetterling daraus empor , die Psyche , die Liebe meiner Seele , die Seele meines Wesens ; und der Schmetterling , der noch mit schwerem Flügelschlag fliegt , weil Erdenstaub ihm die Schwingen beschwert , sinkt in eine Region von lodernden Flammen hinein , die nicht ihn , sondern nur das Irdische , das an seinen Flügeln klebt , verzehren und dann ihn frei lassen , daß er auffahre zu den immerblühenden Rosen der Ewigkeit , zu den verklärten Wundmalen des gekreuzigten Gottes . « Judith schüttelte langsam den Kopf und sagte : » Eine solche Liebe verstehe ich nicht ! aber von der Staubesliebe will ich so wenig wissen , als Sie . « » Das ist leichter gesagt als getan , « entgegnete er . » Ich habe mir aber fest vorgenommen , « rief sie heftig , » keinen Menschen auf der Welt zu lieben . « » Oho ! Fräulein Judith ! das ist ja ein formidabler Vorsatz ! « sagte Ernest lachend . » Wie alt sind Sie ? « » Achtzehn Jahre . « » Gut , gut ! ein paar Jahre Geduld , und Ihr Vorsatz verschwindet . « » Nein ! « rief sie noch heftiger und ihr sammetschwarzes Auge sprühte Funken ; » nie ! Herr Ernest ! niemals . Ich will nicht lieben , denn lieben tut weh - und ich will nicht , daß ein Mensch mir weh tue ; ich will nicht leiden . « » Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht ! « » Nun , so mögen andere durch mich leiden , wenn ohne Leid nicht gelebt werden kann ! « » Immer bessere Vorsätze , Fräulein Judith ! Wenn Sie das alles ausführen , werden Sie auf einer erstaunlichen Höhe - der Unmenschlichkeit anlangen . « » Meine Eltern nehme ich aus , « sagte sie . » Das ist etwas Trost , « entgegnete er lächelnd . » Aber nun genug des Geplauders ! Der Unterricht darf nicht versäumt werden . « » Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein , wofür Sie Ihre Bezahlung bekommen , wenn Ihr Gespräch mir besser gefällt , als Ihr Unterricht , « sagte Judith mit dem schneidenden Hochmut , der sie zuweilen abstoßend machte . » Mit nichten , mein Fräulein , « erwiderte Ernest ruhig . » Ich habe mich gegen Ihre Eltern verpflichtet , Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden , und eine Verpflichtung ist heilig . Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht nehmen , so sagen Sie es nur . Dann komm ' ich nicht wieder . Aber die Sibylla persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren - und wenn sie fertig und gelungen ist , schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana , Kopie nach Domenichino , welche von einigen der persica noch vorgezogen wird . « » Sie sind ein prächtiger Mann , Herr Ernest ! wir müssen gute Freunde bleiben ! « sagte Judith und die Lehrstunde begann . - Judith war ein sehr verwöhntes Kind , besonders seitdem sie das einzige und ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war . Ihre Schönheit , ihre Talente waren so ungewöhnlich , daß ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte , derselben eine solide Basis im Sinn der Welt zu geben , nämlich ein großes Vermögen . Darauf war sein ganzes Streben gerichtet . Das Streben seiner Frau ging dahin , sich und ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen , und blendend wie ein Meteor in der Welt zu erscheinen . Sie selbst war noch schön und sie hing mit Leidenschaft an Luxus , Eleganz und allen Arten und Abarten modischer Verfeinerung . Dies zu bedenken , anzuschaffen , einzurichten füllte ihre Zeit dermaßen aus und nahm alle Stunden , die nicht den Pflichten und Freuden der Gesellschaft gewidmet waren , so ganz in Anspruch , daß sie sich nur noch mit der Leitung ihres Hauses , doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter abgeben konnte . Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister , gab ihr in London eine Französin , in Paris eine Deutsche zur Gouvernante , und als Judith bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb , eine ganz brillante Stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte , frohlockte die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung . Die Seele ihrer Tochter war ihr gänzlich fremd ; oder besser gesagt : sie wähnte , daß die Summa des Erlernten , durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet , das geistige Sein ihrer Tochter ausmache ; sie hielt Bildung für Seele . Übrigens liebte sie Judith zärtlich , kam allen Wünschen zuvor , erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur immer , daß Judith nicht das enorme Vergnügen empfinde , welches sie selbst bei jeder Art von geselliger Unterhaltung , und bei allem , was Tand und Flitter war , mit vollen Zügen genoß . Judith war ernst und blieb ernst , im Salon ihrer Mutter , im Theater , auf dem Ball ; sogar bei der Toilette , wenn die reizendsten Kleider , Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen ; sogar bei den Huldigungen , welche die junge Männerwelt ihr darbrachte . Sie wußte , daß sie schön und daß ihr Vater reich sei ; sie wußte , daß man damit in der Gesellschaft herrscht ; sie sah durchaus nicht ein , weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte , wenn andere das anerkannten . Ihr mit äußerem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie , ohne zufrieden zu stellen . Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der Leidenschaft jäh auffahren und da , wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt , furchtbare Verwüstung anrichten . Judith hatte das erlebt an ihrer Schwester , die in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen Herzen starb . Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht klar ; allein es genügte , um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen , in denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten . Judith hatte mit zärtlicher Liebe an ihrer Schwester gehangen ; deren Verlust erbitterte sie , wie der Tod jeden erbittern muß , der glaubenslos an einem teuren Grabe steht . Kein Funke eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen . Ihre Eltern gehörten dem Rationalismus an , der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit macht , wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird . Man ist reich , man ist klug , man ist gebildet , man ist angesehen , man zählt in der Gesellschaft ; das alles hat man erlangt ohne Gott ; höheres als das gibt es nicht : also weshalb sich um Gott bekümmern ? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht , daß nicht bloß der alte , außerweltliche , persönliche Gott längst von seinem Nimbus entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist , sondern auch , daß er aufgehört hat , als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen , welches man ihm in dieser Form eine Zeitlang gönnte , weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am göttlichen Sein gelangte , was für manche etwas Schmeichelhaftes hat . Aber auch die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben , als die Materie , seitdem die Erforschung der Natur , ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine sehr bewunderte Schule bildet , die es sich zur Aufgabe macht , die Schöpfung von der Offenbarung abzulösen , die Geschichte der Menschheit , welche deren Zusammenhang beweist , beiseite legt , mit dem vereinsamten Ich an das Studium des Universums geht , insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen und Schlüsse hinaus reicht , und dann , bewaffnet mit Lupen , mit Seziermesser , mit Fernröhren , mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Maß und Zahl und Kraft beruhend findet , daß sie in dieser abgerundeten und geschlossenen natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt , um mit dem Astronomen Lalande zu erklären : » Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur Gottes gefunden . « Dies ist nun gar nicht überraschend ; mit Lupe und Fernrohr entdeckt man Gott nicht . Sehr überraschend ist aber der Schluß , den jene Schule daraus macht : Also gibt es keinen persönlichen , außerweltlichen Gott , Schöpfer und Gesetzgeber dieser Natur . Ebensogut könnte ein Kind sagen , nachdem es das Einmaleins durchgerechnet hat : Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist darin ; also gibt es keinen Gott . Am allerüberraschendsten würde es sein , daß eine solche Schule gläubige Adepten findet , wüßte man nicht , daß der Erdgeist , der in jeder Menschenbrust sich regt , wenn er nicht von geheiligter Willenskraft gebändigt wird , die Brücke schlägt , auf der die Lehren , die ihm zusagen , ins Menschenherz einziehen . Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch , daß er sich aus freiem Entschluß Gott unterwirft , und solche Unterwerfung bewirkt nur der Glaube an eine göttliche Offenbarung , weil in dieser eine göttliche Liebe sich offenbart . Doch von der wußte Judith nichts . Sie lebte unter dem Einflusse einer tiefen Glaubenslosigkeit , die ihr Innerstes zu einer Felsenöde , starr , kalt und einsam machte . » Haben Sie viel Leid im Leben gehabt , Herr Ernest ? « fragte Judith , nachdem sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluß des Gespräches überdacht hatte . » Nicht der Rede wert , Fräulein Judith ! Das Leid , das vor uns liegt , erscheint uns hoch wie ein Berg ; hinter uns - ist ' s ein Maulwurfshaufen . « » Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung . « » Gewiß ! Wenn ' s kein Leid gäbe , woran sollte es sich bilden , das selbstsüchtige Menschenherz ? Leid tut ihm weh und im Weh denkt ' s an Gott ; und je mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken , desto heilsamer ist ihm das Leid gewesen . Sie meinen aber wohl , weil ich ein Maler bin , so ein Stückchen von einem Genie , müßt ' ich ganz idealische Leiden gehabt haben . Fehlgeschossen ! Ein bischen Hunger und Kummer , einige Ängste und Nöten - Punktum . « » Auch Hunger , Herr Ernest ? « » Warum nicht , Fräulein Judith ? Ich bin ein armer Bauernbube , der älteste von elf lebenden Kindern , aus Berchtesgaden , wo man gar geschickt ist im Holzschnitzen . Das trieb auch der Vater und ich half ihm fleißig , suchte aber immer mein Schnitzwerk zu kolorieren , was mir verboten wurde . Allmählig entdeckte man Talent in mir ; ich fand Gönner und Beschützer ; ich kam nach München , lernte , arbeitete . Ich ging nach Italien , wie es alle Künstler zu machen pflegen , studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen Malerschulen ; schlug mich durch , manchmal mühselig genug , mußte Geld verdienen und in die Heimat schicken , denn ein Schlagfluß lähmte den Vater , die Mutter konnte mit all ' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden , und als sie starb , die brave , fromme Mutter , konnten ' s die armen Kinder noch weniger werden . Da hieß es denn arbeiten , Fräulein Judith , vom Morgen zum Abend , bei knapper Kost , bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren , und Gott danken , wenn ich nur immer Arbeit hatte . Deshalb verlegte ich mich auf ' s Porträtieren ; die Arbeit geht so leicht nicht aus , denn die Leute sind so erpicht darauf , ihr Gesicht gemalt zu sehen , als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die Wahrheit von ihm erfahren hätten , daß es eigentlich nicht der Mühe wert sei , solch ein Alltagsgesicht zu verewigen . Nun , ich danke dem lieben Gott für diese allgemein grassierende Ophthalmie und malte , malte , malte .... « » Aber das muß ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben , « unterbrach ihn Judith . » Ganz recht , mein Fräulein , und das war vielleicht mein größtes Leid , mein schwerster Kampf ; denn es war ein Etwas in mir , das sich zu höherem Schaffen erschwingen wollte und sich ducken mußte ; mußte , weil Gott von mir verlangte , nicht daß ich ein großer Maler , sondern ein treuer Sohn und Bruder sei . Und sehen Sie , Fräulein Judith , den Willen Gottes zu tun ist süßer , als des heiligen Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael . Kurz , ich sorgte für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem ehrlichen Fortkommen . Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir wie an einem zweiten Vater . Einige sitzen auf einem grünen Zweig , andere auf einem dürren - wie das so geht in einer zahlreichen Familie ! Mein Pinsel tut noch immer seine Schuldigkeit . Aber meine jüngste Schwester , die Klara , hat mich auch königlich belohnt . « » Das glaub ' ich nimmermehr ! « rief Judith . » Dann würden Sie nicht in diesem kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen . « » Was Rock ! was Paletot ! Nein , Fräulein Judith , einen Lohn , der durch Schneiderhände - unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk ! - einen Umweg macht , hat die Klara zu gering für mich erachtet . O nein ! die Klara ist ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem Nonnberg zu Salzburg , und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder . « Judith sah ihn starr an , als erwarte sie einen Aufschluß , eine Erklärung dieser Worte . Aber Ernest , der immer so sprach , als gebe es auf der ganzen Welt nur gute katholische Christen - Ernest schwieg und es flog nur ein Blick voll seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf . » Sie sind sehr exzentrisch , wie man in der Welt sich auszudrücken pflegt , Herr Ernest , « sagte sie endlich . » Exzentrisch sein , bedeutet außerhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt sein , « erwiderte er . » Es kommt also ganz darauf an , was man zum Mittelpunkt des Menschenlebens oder Wesens setzt . Die Welt nimmt an , ihre Gesetze , ihre Vorschriften wären das notwendige Zentrum , um welches man sich zu bewegen habe . Da ich nun das nicht tue , so mögen Sie mich meinethalben exzentrisch nennen , Fräulein Judith ! ich weiß ja doch , daß ich mein Zentrum , und zwar ein ganz festes , unerschütterliches , in Gott habe . « » Da Sie es so schön finden , daß Ihre Schwester Nonne ward , warum sind Sie denn nicht Mönch geworden ? « Ernest lachte hellauf und erwiderte : » Weil es zweierlei ist , etwas schön zu finden und schön zu sein . Ich mit meiner Wanderlust , mit meinem ungebundenen Sinn - ein Mönch , der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt ! nein , das ist mir nie eingefallen . In ' s Heiligtum muß man durch die Gnade berufen werden , nicht sich hineindrängen . « » Und an wen ergeht ein solcher Ruf ? « » An die , welche Gott so lieben oder so lieben wollen , daß sie sich mit der Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mögen . « » Das wäre etwas für mich , « sagte Judith , » wenn ich einen Gott hätte , den ich lieben könnte . Aber auf solche phantastische Träumereien laß ' ich mich nicht ein . « Ein Wagen fuhr vor ; Türen öffneten sich . In einen superben persischen Shawl gehüllt , mit Boa und Muff von Zobel , rauschte Madame Miranes durch die Gemächer und ins Zimmer ihrer Tochter . Die Lektion war zu Ende . Ernest verbeugte sich tief vor der prächtigen Dame , die ihm in ihrer Art recht gut gefiel , denn sein Wohlwollen umschloß alle Geschöpfe Gottes . Sie entließ ihn huldreich und er dachte auf dem Heimweg bei sich selbst : In einem Gemälde , als die stolze Königin Vasthi , würde sie sich trefflich machen ! recht eine Gestalt für den Pinsel des Veronese ! Der Beruf Nachdem sich Graf Damian von der Verwunderung erholt , in welche Regina ihn versetzt hatte , überlegte er , was nun zu tun sei . Zwang , Befehl würden vergeblich sein gegen diesen festen Entschluß , das sah er ein . Auch würde Uriel darauf nicht eingehen . Widerspruch reizt zum Eigensinn , besonders so einen kapriziösen Mädchenkopf , der sich einbildet , die Welt müsse nach seiner Pfeife tanzen . Sie muß dahingebracht werden , von selbst ihre Klosterideen aufzugeben . Das dauert vielleicht ein Jahr oder zwei und dann läßt sie sich überwinden . Uriel muß Geduld haben und soll immer in unserer Nähe sein . Wäre der politische Horizont nicht so wetterdrohend , so ginge man nach Italien oder Paris und Uriel reiste mit . Es ist aber nicht geheuer in der Ferne und Fremde , man könnte in ein Wespennest hineingeraten ! So mag sich denn Uriel der Gesandtschaft in Frankfurt attachieren lassen . Ein wohlerzogener Gesandtschaftsattache , aus gutem Hause , der sein eigenes Geld splendid ausgibt , ist überall willkommen . Wir gehen dann auch hin . Regina ist wie eine Festung , die man mit dem Glück , den Freuden , den Zerstreuungen und Unterhaltungen der Welt blockieren , und der man die Zufuhr religiöser Lebensmittel möglichst abschneiden muß . Mit diesem Plan zu einer Wetterkampagne gegen seine Tochter war der Graf äußerst zufrieden . Er teilte ihn Levin mit , welcher erwiderte : » Es ist gut , daß sie geprüft werde ; Gott wird ihr beistehen . Nicht umsonst heißt es in der heiligen Schrift : Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die Gewaltigen werden es an sich reißen « Als Uriel erfuhr , mit welchem Rival er um Reginas Herz zu kämpfen hatte , geriet er in heftige Aufregung . Er fand es geradezu empörend . Es gefiel ihm außerordentlich gut , daß Regina so fromm war und wie in einer Glorie von Glaubensglut stand ; aber , daß Gott dies gleichsam benutzte , um ihr Herz an sich zu reißen - nein ! das war unerträglich ! das ging über die Rechte Gottes hinaus ! ein solcher Eingriff in die heiligsten Verhältnisse und süßesten Empfindungen war nicht zu dulden ! Hätte sie einen anderen geliebt , nun , so resignierte man sich zum Schmerz ; oder niemand geliebt , so hatte man Hoffnung ! Aber Gott zu lieben , Gott allein , Gott ausschließlich und dabei gar nicht das zerstörte Glück eines Menschenherzens zu berücksichtigen - - » Nein , lieber Onkel ! « rief er , » Regina träumt , Regina irrt sich ! Erlaube mir , mit ihr zu sprechen ; sie wird gewiß zur Besinnung kommen . « » Nichts ist mir lieber ! « entgegnete der Graf und rieb sich vergnügt die Hände . » Ich bin froh , daß Du endlich Feuer fängst und aus Deinem blöden Schäferstand heraustrittst . Ich erlaube Dir , stante pede zu ihr zu gehen . Du wirst ein besserer Anwalt Deiner Sache sein , als der Papa ist . « Mutig wie ein Eroberer flog Uriel im Sturmschritt die Treppen hinauf . Als er an ihre Türe klopfte und das : » Herein ! « ihrer weichen Stimme hörte , sank ihm der Mut und beträchtlich herabgestimmt trat er ein und sagte : » Verzeih ' , wenn ich