verband . Durch die prachtvoll in schönstem Farbenglanze strahlenden Bogenfenster quoll ein Meer von Glanz und Gluth - es war gleichsam die Inbrunst eines glühenden Gefühls , bei dem tausendstimmigen Hymnus des Gebetes , der von den Steinen , welche zu sprechen schienen , widerhallte , getragen von den tausend Armen und gefalteten Händen , welche die Pfeiler zur Feier des Höchsten emporstreckten . Auch über Max kam diese weihevolle Stimmung . Er wandte sich von dem Propst , der ihm weitläufig auseinander setzen wollte , daß diese köstlich gemalten Fenster erst kürzlich von Veit Hirschvogel wären vollendet worden , dessen drei Söhne zugleich die Kunst des Vaters übten und es wohl auch zur Meisterschaft bringen würden . Obwohl Max , sonst ein Freund aller Künstler , gern von allen erzählen hörte , und sie auch selbst aufzusuchen oder zu sich zu bescheiden pflegte , so mochte er doch im Augenblick , wo ein großer Gesammteindruck ihn erfaßt hatte , Nichts vom Einzelnen hören , und sagte kurz abweisend : » Wir sprechen nachher davon , « indeß er zu Ulrich sagte : » Hier ist Leben und Bewegung , und doch ein Bau , der von Ewigkeiten spricht , der Stand halten wird im Sturm der Zeiten . Tausende haben daran gebaut , und ist doch ein Geist in dem Ganzen , und hat doch jeder einzelne Stein seine Stimme , aber alle klingen zusammen in einer großen Harmonie . Ich wollte , ich könnte das deutsche Reich erbauen wie einen Dom . « » Erbau es nach einem solchen ! « sagte Ulrich feierlich . » Du bist der erste deutsche König , der einen Einblick gewonnen in die Mysterien eines solchen Baues ; zeige es den Geweihten , daß Du ein echter Schüler bist des Albertus Magnus und so durchdrungen von seiner erhabenen Lehre , daß Du gar nicht anders kannst , als sie auf alle Verhältnisse anwenden . Sieh ' , kein Profaner hat den Schlüssel zu dem geheimen Grundprinzip unseres Tempelbaues ; aber im Tempel selbst beten alle Profanen an , von der göttlichen Macht bezwungen ; sie verstehen nicht die heiligen Symbole , aber die gewaltige Harmonie , die aus den Steinen redet , klingt in allen Herzen wieder , alle beten an und fühlen : so muß es sein , so lobt das Werk die Meister , die sich selbst verbergen und nur still sich freuen , daß sie Ewiges geschaffen im Endlichen , geschaffen in einem Geist und doch mit tausend Händen . « » Bruder Ulrich , « versetzte Max , indem er dem begeisterten Sprecher tief in die Augen sah , » ich fürchte , wenn ich auch den Grundriß mache gleich dem besten Baumeister : die tausend Hände werden fehlen , die willig sind und geschickt , die Steine nach dem Plan zusammenzufügen zur Harmonie eines ewigen Baues . « » Sie werden nur fehlen , wenn der Aufschwung fehlt , der Glaube an die Macht des Ganzen ! « fiel ihm Ulrich in ' s Wort ; » aber Beides wird kommen , wenn die Stimme des Meisters ruft und sie den Grundstein gelegt sehen zu einem neuen Bau . Du hast die erhabene Sendung empfangen , das Haupt des deutschen Reichs zu sein : so stelle Dich hin mit Zuversicht in seine Mitte ; sei nicht nur der Baumeister , der den Plan entwirft , sei selbst der Mittelpunkt des Sechsortes , sei die Grundlinie in dem Achtort , sei der Zirkel , der darinnen steht und den heiligen Kreis um sich zieht , und das erste Quadrat trage Wahrheit , Freiheit , Recht und Kraft an seinen Spitzen , denn darin ruhet die Signatur Gottes , und das zweite Quadrat sei die Einheit , die das Achtort bildet , und darauf allein baue weiter : dann wird das ganze Volk in Deinen Tempel strömen , preisen und danken und sich neigen vor der göttlichen Macht . « » Fürwahr , « sagte Max , » ich möchte wissen , ob je Albertus Magnus sich hätte träumen lassen , daß seine Lehre vom Kirchenbau einmal solche Anwendung finden würde auf das Reich . « » Warum nicht diese ? « fragte Ulrich . » Er hat den Tempelbau als Gottesdienst selbst gelehrt , und solcher ist es auch den Tempel einer Nation zu erbauen ; das Höchste wird vollbracht , wenn es den höchsten Maßstab an sich legt . Hier ist Leben und Bewegung , sagtest Du vorhin selbst , und doch ein Bau , der Stand halten wird im Sturm der Zeiten ! Siehe , so ist es ! gerade nur ein solcher vermag zu dauern , den das Leben sich frei entfalten läßt und keine Bewegung verhindert . Denke Du auch so auf dem Thron des deutschen Reichs . Hindere keine Bewegung im Volke , die nicht das Ganze bedroht , hindere keine Bewegung im Reich der Geister , gieb nicht zu , daß die Pfaffen sie jemals hindern ! Was wir als Geweihte erkannt und um unsere Erkenntniß wenigstens anderen Geweihten durch Symbole mitzutheilen , und da und dort auch den Profanen , wenigstens solchen , die in den Steinen lesen können , in unsern Wahrzeichen kund thun , daß wir , die wir zum Kirchenbau berufen , doch die Gebrechen der Kirchendiener und Verfassung erkennen : das vergiß nicht draußen im Reich : herrsche mit der Krone und dem Scepter Karl ' s des Großen , aber laß den Kaiserthron mehr sein als einen Fußschemmel unter dem päpstlichen Stuhl . « Max antwortete nichts mehr , weil er nichts mehr hören mochte . Nur der freie Maurer durfte eine solche Sprache reden , nur als freier Maurer durfte er sie anhören . Noch war er ja nur König , noch nicht Kaiser . Er wandte sich von Ulrich zu Anton Kreß , der als stiller , staunender Zuhörer neben ihm geblieben war . Ihn schienen Maxens Blicke zu fragen : Was dünket Euch von solcher kühnen Rede ? Als Antwort flog ein väterliches Lächeln über das wohlgenährte Gesicht des Propstes und er sagte nur : » Ein begeisterter Schwärmer , der Entwürfe zu Riesenbauten in seinem Kopfe trägt , für die ein Dom von Stein noch eine zu kleine Aufgabe , so daß sie darüber hinaus sich in fremde Regionen wagen . Das legt sich mit den Jahren . Ich habe auch schon Steinmetzen gekannt , die Pläne zu himmelhohen Thürmen entworfen , und dann froh waren , wenn ein Sacramentshäuslein daraus zu Stande kam . « Als der König mit der Besichtigung der Lorenzkirche fertig war , begab sich der Zug der Baubrüder in die St. Sebastianskirche , denn auch dies herrliche Bauwerk hatte Max noch nicht gesehen , da er ja zum ersten Male in Nürnberg war . In der großen steinernen Bauhütte , die seit dem Kirchenbau dem Rathhaus gegenüber erbaut worden und stehen geblieben , sollte das Festmahl , die Zeche gehalten werden , da diese Bauhütte größer war als jene und jetzt auch nicht darin gearbeitet ward , der Raum darin also vollkommen frei war . Man hatte sie neu mit schönem Ultramarin ausmalen lassen , und überall glänzten auf dem himmelblauen Grunde Zirkel , Winkelmaß und Dreieck . Das Bild des heiligen Johannes befand sich in der Mitte auf Goldgrund gemalt , und in einiger Entfernung glänzte auf der himmelblauen Wand ein Kranz goldener Sterne darum . Das Sechs- und das Achtort waren zu beiden Seiten an die Wand gezeichnet . Unter jenem stand : » Des Steinwerks Kunst und all ' die Ding ' Zu forschen , macht das Lernen g ' ring . Ein Punkt , der in den Zirkel geht , Der im Quadrat und Triangel steht . Trefft Ihr den Punkt , so seht Ihr ' s klar , Und kommt aus Noth , Angst und Gefahr . Hiermit hab ' t Ihr die ganze Kunst . Versteht Ihr ' s nicht , so ist ' s umsunst . Alles , was ihr gelernt hab ' , Das klagt Euch bald , damit fahrt ab ! « Die Acht war den Theosophen von jeher die wichtigste Zahl als doppelte Vier die Signatur Gottes in der sichtbaren Welt . Die Zahlen des Achtortes umgaben hier dasselbe : 1. 3. 4. 5. 7. 9. 10. 12 als solche , die alle in dem Zirkel liegen und deren Grundlage die Wurzel 1 ist . Aus Eins entspringt Drei , aus Drei : Vier , die Zahl der Buchstaben im Namen Gott , der fast in allen Sprachen deren vier hat . Unter dem Achtort stand : » Was in Steinkunst zu sehen ist , Das kein Irr- noch Abweg ist : Sondern schnurrecht ein Lineal Durchzogen vom Zirkel überall . So findest Du Drei in Vieren steh ' n Und also durch Eins in ' s Centrum geh ' n. Auch wieder aus dem Centrum in Drei Durch die Vier im Zirkel ganz frei . « In der Mitte befand sich eine große Tafel mit blauen Bechern besetzt und hohen Armleuchtern , auf denen dicke Wachskerzen brannten , denn die Fenster der Hütte waren mit schweren Läden aus eichenem Holz mit Eisen beschlagen verschlossen , damit kein profanes Auge von außen einen Blick in die Hütte zu werfen wage . Drinnen wurden Bundeslieder gesungen und einander zugetrunken auf das Wohl der Baubrüderschaften und auf das des Bruders Max . Nachdem dieser schon manches schöne Wort gesprochen , das günstig für deren ferneres Gedeihen mochte gedeutet werden , und der Stoff der Reden erschöpft schien , stand er nochmals auf und sagte : » Ich habe noch Etwas auf dem Herzen . Es ist einem meiner Ritter unter Spott und Schimpf auf dem Feste der Bürgerschützen sein Schwert entrungen worden , und seiner Beschreibung nach ist es ein Trupp Baubrüder gewesen , der sich dessen unterfangen hatte . Ich will hier nicht Gericht als König hegen , aber ich will meine Brüder bei ihrem Eid befragen , wer das gewesen und wie sich die Sache verhält ? « Ulrich und Hieronymus standen auf und traten vor . Ersterer sagte : » Ich hieß den Ritter sein Schwert vom König fordern , wenn er es wieder haben wolle , da er allein entscheiden könne , ob er würdig sei es wieder zu empfangen . Bis dahin nahm ich es an mich . Ich dachte weder , daß der Ritter seine Schuld bekennen , noch daß er seinen Herrn so frech belügen würde . « Und er erzählte wahrheitsgetreu , was auf der Hallerwiese sich zugetragen , und Hieronymus bestätigte es . » Gehörte das Frauenzimmer zu den Familien der Genannten ? « fragte der König . Hieronymus antwortete : » Es war die Gemahlin des Herrn Christoph Scheurl , Elisabeth , aus dem hochangesehenen Geschlecht der Behaim . « Maxens Augen blitzten . Er sagte zu den Beiden : » Nicht wahr , es steht schlimm , wenn Ihr , die Ihr das friedliche Gewerbe heiliger Baukunst treibt und Euch fern halten müßt von allen holden weiblichen Wesen , genöthigt seid die Ritter eines solchen gegen einen Ritter meines Gefolges zu werden ? Ich werde ihm sagen , daß er sein Schwert wieder haben solle , aber erst wenn er die Ringmauer dieser guten Stadt hinter sich habe , die ich ihm befehlen werde schleunig zu meiden , da seine Gegenwart nur mir und meinen Begleitern zu Schimpf und Schande gereichen könne ! « Neuntes Capitel Frohe Feste Bei den Gastmählern , welche der Rath von Nürnberg auf dem Rathhause bei festlichen Gelegenheiten zu geben pflegte , war auch die Betheiligung der Frauen und Töchter der Rathsmitglieder Sitte , allein sie fanden ihren Platz an einer gesonderten Tafel . Die aufgetragenen Speisen wurden zuerst an der Tafel der Rathsherren herumgegeben , und die Frauen erhielten nur von denjenigen Schüsseln , deren Inhalt bis zu ihnen reichte . Demgemäß waren auch die Tafeln bei einem Mahl geordnet , das der Rath zu Ehren des Königs Max veranstaltet und ihn sammt dem Markgrafen Friedrich und allen andern Rittern und Herren geladen hatte . Als der König mit seinem Gefolge eintrat , waren die Nürnberger bereits alle versammelt und harrten in einem Halbkreis aufgestellt , die Herren auf der einen , die Damen auf der andern Seite , seiner Ankunft , die schmetternde Trompetenklänge verkündeten . Die beiden Loosunger Tucher und Holzschuher wiesen ihm seinen Platz oben an der Tafel an , den unvermeidlichen Kunz von der Rosen an seiner linken Seite und an seiner Rechten den Markgrafen von Brandenburg , daran reihten sich die beiden Loosunger , und nun wechselte je ein Rathsherr mit einem Ritter ab nach strengster Rangordnung . Kunz machte ein so erstauntes , auffallend dummes Gesicht und saß so regungslos wie vom Schreck gelähmt , daß der Markgraf zu ihm sagte : » Nun Kunz , Ihr seh ' t aus , als sei Euch die Butter vom Brode gefallen , und habt doch zur Zeit weder das Eine noch das Andere erhalten . « » Aber es sieht mir ganz danach aus , « sagte Kunz , » als wolle uns dieser hochedle Rath mit trockenem Brode abspeisen , denn die Unterhaltung mit diesen Herren wird sich mir bald wie trockene Krumme im Munde wälzen , wenn nicht das Lächeln der Frauen die Butter dazu sein darf . « Der Markgraf lachte : » Ja das ist so Nürnberger Art. Der Rath hat im Kampf wider den Putz der Frauen erliegen müssen , aber bei seinen Gastmahlen weiß er noch sich in Respect und sie im Zaum zu halten . « » Ei , das wollen wir doch sehen ! « sagte Kunz und schielte fragend nach dem König . Der aber antwortete : » Du bist mein Rath und ich nicht der Deine . Ich will hoffen , daß Dich Dein Witz nicht im Stiche läßt , uns vom trockenen Brode zu helfen ! « Kunz sprang auf , kehrte aber , da er schon einige Schritte gethan hatte , wieder um , nahm den bereits gefüllten Humpen in die Hand , der an seinem Platze stand , und sagte : » Beinah ' hätte ich vergessen mich gegen eine trockene Kehle zu verwahren ! « Mit einem Satze war er an der Frauentafel und stand vor Elisabeth . » Erlaubt , edle Frau , « sagte er , » daß ich Euren Platz für mich in Anspruch nehme , um Euch dafür den meinigen zu bieten . Sollte Euch der Tausch nicht genehm sein , so bleibt mir Nichts als meine Schalksfreiheit zu brauchen und den Sitz mit Euch zu theilen ; Ihr braucht nur ein wenig zuzurücken , so haben wir Beide Platz ! « Dieser Nachsatz genügte , daß sich Elisabeth eilig erhob , erglühend dem Hofnarren in ' s Gesicht sah und nicht wußte , was sie thun oder antworten sollte , indeß die neben ihr sitzende Katharina Haller schadenfroh lächelte und mit zärtlichem Neigen auf Kunz blickte , denn sie nahm sein Kommen und daß er gerade an ihrer Seite Platz nahm , für eine ihr dargebrachte Huldigung , und indeß ein Theil der Frauen laut lachte , verließ Markgraf Friedrich seinen Platz , ging auf Elisabeth zu , und indem er sich vor ihr verneigend ihre Hand faßte , sagte er zu den Herren an der Tafel gewendet : » Die anderen Ritter werden dem Beispiel folgen , das der lustige Rath gegeben , « und zu Elisabeth : » Erlaubt , daß ich Euch zur Tafel führe , wie es Ritterbrauch . « Und Kunz flüsterte ihr zu : » Nehm ' t es nicht übel , wenn Euch der Platz des Narren werden soll ; nur wenn Ihr es mir nicht Dank wüßtet , wäret Ihr eine Närrin . Ihr hörtet eben , daß mich der Herr Markgraf einen lustigen Rath genannt , und da könnt Ihr wohl meine Stelle besser ersetzen . Ich sah , wie die Adleraugen meines Königs zu Euch flogen , und obwohl er Falkenblicke hat und auch in solcher Entfernung keiner Eurer Reize ihm entgeht , so wird er sich Eures Anblickes doch lieber in der Nähe erfreuen . « Erglühend , aber mit stolzem Anstand schritt Elisabeth , von Friedrich geführt den Ehrenplatz an der Seite des Königs einzunehmen auf diesen zu , indeß die Ritter und einige jüngere Nürnberger aufstanden , um zwischen den Damen Platz zu nehmen oder sie mit sich zur königlichen Tafel zu führen . Es entstand ein buntes Gewirre , daß auch die ehrwürdigsten Rathsmitglieder , die mit Schrecken diesen Umsturz alles wohllöblichen Herkommens durch den Narren sahen , Mühe hatten durchzudringen und nur einen leidlichgeordneten Zustand herbeizuführen , wo eine völlige Anarchie einzureißen drohte . Endlich hatten wieder alle Platz genommen , und mit Elisabeth saßen noch elf Damen unter den Herren , während eben so viele Herren an der kleineren Damentafel Platz genommen , darunter auch Stephan , der den Platz neben Ursula erobert . Max versäumte zwar nicht die Pflicht des königlichen Gastes , sich Allen zu widmen und für Jeden , den sein Wort erreichen konnte , freundliche Rede und ein gefälliges Ohr für die eines Andern zu haben , aber er hatte daneben doch immer bewundernde Blicke für Elisabeth , und eben so oft , wie er ihr eine süße Schmeichelei zuflüsterte , sprach er auch laut mit ihr über dieselben Gegenstände , welche mit den Männern zur Sprache kamen , wobei sie oft klügere und geistvollere Antworten zu geben vermochte als manche von ihnen . Einmal fragte er sie leise : » Vermißt Ihr nicht Einen unter meinen Rittern ? « Sie ließ ihre Augen umherschweifen und verneinte die Frage . » Das nimmt mich Wunder ! « sagte er , » denn um Euretwillen habe ich Eberhard von Streitberg geboten die Stadt zu verlassen . « Elisabeth ward todtenblaß , und man sah , wie kalte Schauer ihre zarte , weiße Haut überrieselten ; sie blickte vor sich nieder und vermochte nicht zu antworten . » Habe ich das nicht recht gemacht ? « fragte Max mit dem Ausdruck der Verwunderung und suchte in ihren Augen zu forschen . » Ihr hab ' t nur zu befehlen , so ruft ihn ein Eilbote wieder zurück , und wenn ihm Eure Vergebung wird , soll ihm auch die meinige werden . « » Nie , nie ! « rief Elisabeth , und dann fügte sie hinzu : » Ich danke Eurer Majestät , die mich von einer großen Angst und Qual befreit hat . « Es war hier nicht der Platz zu einem weitern Gespräch , das nicht von andern Ohren gehört werden sollte , und so ward es durch andere Unterhaltungen beendet , bei denen Elisabeth lange die stumme Zuhörerin machte , denn die Nennung des Ritters von Streitberg hatte sie in eine kaum geringere Aufregung versetzt , als neulich seine Gegenwart . Um ihretwillen hatte ihn der König fortgeschickt ? Was wußte er von ihr und ihm ? hatte Eberhard unziemlich oder drohend von ihr gesprochen ? hatte er erfahren , wie sich jener auf der Hallerwiese gegen sie betragen ? durch wen denn , wenn nicht durch ihn selbst ; denn mit jenen Jünglingen oder den Steinmetzgesellen , die sie beschützten , konnte der König doch unmöglich selbst gesprochen haben ? Auch jene Aeußerung des Markgrafs , daß sie ihn so wenig wie den schwarzen Ritter habe bemerken wollen , fiel ihr jetzt schwer auf ' s Herz . Was hatte Eberhard von ihr gesprochen ? hatte er Lüge oder Wahrheit geredet - es dünkte ihr Beides gleich entsetzlich ! - Und doch war ihr , als könne sie jetzt erst freier athmen , seit sie von der Furcht befreit war , ihn wieder zu treffen , und es mischte sich ein Gefühl stolzen Triumphes bei , weil sie diese Befreiung der Gnade des Königs dankte - der Theilnahme , die sie in ihm erregt ; so war die ritterliche Höflichkeit , mit der er sie vor allen andern Frauen Nürnbergs auszeichnete , mehr als ein momentaner Sieg ihrer Schönheit , so dachte er ihrer auch , wenn er sie nicht erblickte , und handelte für sie . Inzwischen sagte an der andern Tafel Katharina Haller zu Kunz von der Rosen : » Ihr hab ' t wohl die Scheurlin schon früher gekannt , weil Ihr so vertraut mit ihr seid ? « » Ei , das ist mein Vorrecht wie bei dem König so bei den schönen Frauen , « antwortete Kunz , » sie machen die vernünftigsten Männer zu Narren , und da wüßte ich nicht , warum ihnen gegenüber ein Narr aufhören sollte einer zu sein . Uebrigens wißt Ihr ja , daß mein Herr und ich selbst zum ersten Male in Nürnberg sind . « » Deshalb hättet Ihr die Scheurlin doch schon gesehen haben können , denn sie ist einmal über ein Jahr fort gewesen , um sich in Venedig und Gott weiß wo Alles abenteuerlich umher zu treiben , « berichtete Katharina , und fügte hinzu , indem sie den Mund höhnisch spitzte : » Freilich , es ist wahr , wenn Ihr sie früher gekannt hättet , würdet Ihr sie schwerlich der erwiesenen Ehre würdigen ; in der Fremde hat sie sich , wie man hört , nicht viel besser betragen denn andere fahrende Frauen , und welch ' anstößiges Verhältniß sie mit dem hergelaufenen Poeten , dem Celtes gehabt , weiß ganz Nürnberg . « Ursula , die auf der andern Seite des Narren saß und zwar nur Aug ' und Ohr für Stephan hatte , vernahm doch diese Schmähung Elisabeth ' s , die ihr das Blut in ' s Gesicht trieb , und sagte : » Glaubt das nicht , Herr von der Rosen ! Frag ' t andere ehrsame Frauen und Männer in Nürnberg nach der edlen Frau Scheurlin , und alle werden mit Achtung und Anerkennung von ihr sprechen . « » Solche ausgenommen , « fiel ihr Stephan in ' s Wort , um ihre Rede zu vollenden , » die ihre geistigen und körperlichen Vorzüge ihr mißgönnen , weil sie sich dadurch in den Schatten gestellt fühlen . « » Ereifert Euch nicht , werthe Damen und Herren , « antwortete Kunz mit um so größerer Ruhe ; ich müßte kein Narr sein , wenn ich nicht wüßte , daß die Menschen sich überall gleich sind , was Neid und Verleumdung reden , spaziert bei mir zu dem einen Ohr herein , um zu dem andern wieder hinaus zu gehen , und sagt mir nur , wie wenig von den Leuten zu halten , die also sich bemühen Andere herabzusetzen ; vor denen aber , welche Andere vertheidigen , nehm ich meine Kappe ab ! « Damit verneigte er sich ehrerbietig vor Ursula und schüttelte Stephan die Hand . Die gedemüthigte Katharina saß sprachlos vor Wuth da und wendete sich zu ihrer stumm gebliebenen Nachbarin Beatrix Immhof , einer hübschen , stillen Jungfrau , und sagte zu ihr : » Nun sieht man doch , daß die alte Sitte gut ist , wenn wir Frauen für uns allein speisen ; die Gegenwart der Männer verbittert die Unterhaltung . « Beatrix fühlte sich gerade nicht veranlaßt dem beizustimmen , denn neben ihr saß der Ritter Apel von Weyspriach und erzählte ihr Wunderdinge von seiner Reise aus dem heiligen Lande . Dieser wandte sich jetzt zu Frau Katharina und sagte leise : » Ihr hab ' t nur einen mißlichen Platz neben dem Narren ; sobald er uns einmal von seiner Gegenwart befreit , möcht ' ich gern von Euch Näheres über Celtes und die Scheurlin hören , und wie die gefeierte Schönheit noch dazu gekommen , einen zwanzig Jahre ältern Mann zu heirathen , der ihr freilich das Leben nicht schwer zu machen scheint ? « Katharina nickte ihm hocherfreut und beifällig zu , aber sie hielt ihre Zunge im Zaume , so lange Kunz neben ihr saß , von dem sie noch mehr als eine derbe Anspielung über neidische und klatschsüchtige Frauen hören mußte . Die Mahlzeit währte bis zur Dämmerung , wo sich die Frauen entfernten , um zum darauf folgenden Ball sich umzukleiden ; indeß zechten die Männer noch weiter , und es gehörte viel Muth und Tanzlust der Frauen dazu , zu dieser wüsten Geschellschaft wieder zurückzukehren und von den angetrunkenen Männern im Tanz sich schwenken zu lassen . Indeß war es so Sitte , selbst im ehrbaren Nürnberg , über dessen Zucht und Ordnung die Rathsherren sorgfältiger wachten , als in einer anderen Stadt geschah , und das von allen zeitgenössischen Schriftstellern als ein Muster von würdigem Anstand und feinen Sitten hingestellt wird . Aber auch von dieser Stadt schreibt Konrad Celtes selbst , der sich in ihr so wohl fühlte , wie sonst nirgends : » Bei den meisten deutschen Völkerschaften giebt es Anlaß zu blutigen Zänkereien und zu vielen andern Uebeln und Ausschweifungen , daß sie einander nach gewissen Gesetzen und Gebräuchen aus großen Bechern zutrinken , wobei sie sich wie über einen großen Sieg rühmen , wenn sie einen sinnlos und gleichsam todt zu Boden gebracht haben . Hier in Nürnberg sind die Tischgespräche gar artig und gegen die Weise der Deutschen gesetzt , ohne Händel und ohne freches Gelächter , sondern durch bescheidenes Stillschweigen niedergehalten . Das Schimpfen und Fluchen ist hier weniger an der Tagesordnung als anderswo . « Die Nürnbergerinnen kehrten also wieder zurück , nachdem sie die schweren Woll- und Sammetstoffe mit leichteren Kleidern von dünner Seide und jenem zarten Stoff vertauscht hatten , welchen die alten Dichter seiner Durchsichtigkeit wegen » gewebte Luft « nannten , Haar und Gewänder mit lebendigen Blumen geschmückt . König Max selbst eröffnete den Tanz mit Eleonore Tucher , indeß Markgraf Friedrich mit Elisabeth tanzte . Dafür widmete der König dieser später mehr als einen Tanz und erwies ihr jede ritterliche Huldigung . In welchen Rausch von Stolz und Glück sie auch dadurch versetzt ward , so gehörte sie doch auch jetzt nicht zu den selbstsüchtigen Naturen , die alles Andere über sich selbst vergessen . Darum sagte sie zu dem König : » Darf ich mir eine Gnade von Euch erbitten ? « » Ihr wißt , es wird mich glücklich machen , Euch Alles zu erfüllen , was ein König erfüllen darf . « » Nun so tanzet den nächsten Tanz mit der blonden sanften Jungfrau im weißen Kleid mit Rosen geschmückt , die eben mit Stephan Tucher an uns vorüberschwebt , « sagte Elisabeth . Der König lächelte : » Da hätte ich jede andere Bitte erwartet als eine solche ! Wer ist das hübsche Kind ? « » Die Tochter Gabriel Muffel ' s , der unter den Rathsherren Euch vorgestellt ward . Es giebt Leute , die es der Enkelin wollen entgelten lassen , daß ihr Großvater vor zwanzig Jahren hier als Loosunger gerichtet ward . Sie ist das edelste und sittsamste Mädchen von Nürnberg , erhebt sie durch Eure Gnade vor diesen ungerechten Menschen . « » Es soll geschehen , « sagte der König ; » aber hab ' t Ihr nichts Anderes zu wünschen ? « » Stephan Tucher , « fuhr Elisabeth fort , » wird Euch begleiten , wie ich höre , laßt ihn Eurer Gnade empfohlen sein . « Max lächelte : » Darf Euer Gemahl diese Fürbitte hören ? « » Er würde sie wiederholen , wenn Ihr ihm dieselbe Gnade erwieset wie mir , « versetzte Elisabeth ruhig ; » dieser Tucher liebt die Jungfrau Muffel , aber der Eigensinn der Väter widersetzt sich dieser Verbindung - nehm ' t Ihr das liebende Paar in Euren gnädigen Schutz . « Max ließ seine Blicke auf Elisabeth mit reiner Bewunderung gleiten , die jetzt nicht ihren Körperreizen , auch nicht ihren Kenntnissen , sondern den Eigenschaften ihres echtweiblichen Herzens galten , die sich jetzt ihm offenbarten , und sagte bewegt : » Keine andere Bitte ? « » Doch ! « versetzte Elisabeth , » wenn Eure Majestät mich noch länger anhört . Heute bei der Tafel erzählte man Euch von Konrad Celtes , und wie Euer erlauchter Vater , unser gnädigster Kaiser und Herr mich ausersehen , ihm den Dichterkranz auf ' s Haupt zu setzen ; vor all ' den anderen Herren wagte ich nicht weiter von ihm zu sprechen , jetzt aber möcht ' ich Euch bitten : leset seine Schriften und wollet bedenken , daß der nächste Platz neben dem Fürsten dem Dichter gebühren sollte . Ich wollte , er wäre jetzt noch hier : er würde Euch verstehen wie kein Anderer , und Ihr würdet seine Verdienste erkennen und zu würdigen wissen wie kein Anderer ! « » Ihr seid ein wunderliches Weib ! « rief der König ; » was kümmern Euch Andere ? warum denkt Ihr nicht an Euch selbst ? « » Nur wenn ich an Andere denken kann , leb ' ich mir selbst ! « antwortete sie , und fügte bei sich selbst hinzu : wenn ich für Andere nicht leben kann , so will ich doch an sie denken ! Dann fuhr sie fort : » Mich kümmerte es wohl , die beiden einzigen Männer , die ich als die edelsten ihres Geschlechtes verehre , berufen dem gesunkenen deutschen Reiche wieder aufzuhelfen , Hand in Hand wirken zu sehen und die neue Zeit heraufzuführen , der Alle , welche denken können , sich entgegensehnen . « Max hatte über dieses Gespräch des Tanzen vergessen - so hatte noch keine Frau zu ihm geredet . » Eine neue Zeit ! « wiederholte er sinnend . » Ihr werdet mit mir die Tage der vergangenen Herrlichkeit und Kraft des Kaiserreiches wiederkehren sehen , der Thron Karl ' s des Großen wird seinen alten Glanz entfalten und die Ritterlichkeit jener alten Zeit sich durch mich