ihrer wunderlichen Lage , die der der » Sklavin in goldenen Fesseln « nicht unähnlich war , zu beschäftigen , so gut es bei ihrem geringen Arbeitstriebe und den aufgewühlten Stimmungen ihres Innern gehen wollte . Wieder war sie ganz auf die Unterhaltung des Kammerherrn , auf seine Pflege angewiesen , denn der geistig Leidende kränkelte auch körperlich . Er gehörte dabei ganz zu den Kindern , die eine Tasse Milch nur von dieser Schwester , einen Teller Suppe nur von jener Magd wollen gereicht erhalten . Er nahm nichts als nur von Lucinden . Sonst trieb er sein altes Wesen . Er zeichnete , malte , porträtirte Köpfe , die ersten besten vom Oekonomiehofe oder aus der Brennerei , sogar Hunde und vor allen jetzt Türck , den nun von ihm besonders bevorzugten . Mishandelte er nicht die schönen Künste , so drechselte er , und wiederum verband er damit die stereometrische Philosophie des Sehers und Zukunftsphilosophen Laurenz Püttmeyer zu Eschede , einem kleinen Städtchen nördlich von Witoborn , rechtsab vom dem sogenannten großen nach dem Westen führenden » Hellwege « , der auch in der That in manchen Dingen der einzige helle Weg , die Straße des Lichts , durch eine große ägyptische Finsterniß genannt werden kann . Das Eckzimmer gehörte zu einer Suite von Zimmern , die dem Reichthum und den gesellschaftlichen Ansprüchen der Wittekinds entsprachen . Das Schloß war geräumig , aber nicht eben luxuriös gebaut . Die nüchterne Stimmung des vorigen Jahrhunderts hatte in baulichen Dingen nur das Nützlichkeitsprincip im Auge . Desto gewählter war aber theilweise die Ausstattung . Einige dieser Zimmer waren geradezu fürstlich , sowol in der Tapezirung wie in der übrigen Ausschmückung durch Marmor , Bronze und Glas . Nicht nur die Spiegel , auch die Tische , die auf geschweiften Füßen standen , boten die reichste Vergoldung ; die Platten waren von köstlichen Marmorarten und spiegelblank . In den Ecken standen Spieltische mit getäfelter und ausgelegter Arbeit von seltenem Geschmack und hohem Werthe . Das Schnitzen in Holz und Elfenbein ist von jeher in diesen Gegenden mit Meisterschaft getrieben worden . Die alten Bilder , wie die gelbsammtenen Ueberzüge der Möbel waren mit Staubvorhängen bedeckt . Diese Zimmer , wol fünf bis sechs an der Zahl , jedes in einem andern Geschmack , verzweigten sich nach den Seitenflügeln und nach der Hinterfronte mit Corridoren , die an den Wänden in ganzer Höhe , von der Erde bis an die Decke , mit Spiegeln bekleidet waren . An den Plafonds waren Malereien angebracht von einem keineswegs nazarenischen Geschmack . Einzelne Vasen , die auf Marmorgestellen die Einförmigkeit dieser Corridore unterbrachen , zeigten vortreffliche Malereien aus der Schule Albano ' s. Daß diese Corridore an den Wänden von rings hinlaufenden Divans , die gleichfalls mit gelbem , blumenartig gepreßtem Plüschsammt überzogen waren , begrenzt wurden , bewies , wie sie einst zu großen Gesellschaften gedient hatten . Auch fehlten alte Kronleuchter von langhängenden Krystalltropfen und Glasberlocquen nicht . An den Wänden waren Vorrichtungen angebracht zu Girandolen , immer zu fünf und fünf Flammen . Man sah es , daß hier einst ein regierender Minister eines der nahe gelegenen Fürstenthümer , dann ein quiescirter österreichischer Feldzeugmeister gewohnt hatten , dann und wann ein Erzbischof zu längerm Besuch gekommen war , alles Vorvordere , Angehörige und Verwandte des Hauses , zunächst bis auf die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück . Der jetzige Stammhalter liebte nicht mehr den Luxus . Doch hatte es auch bei ihm einst Zeiten gegeben , wo alles im Lichterglanz schwamm . Es waren nicht die Zeiten gewesen , wo noch die frühverstorbene Mutter des Regierungsraths und des Kammerherrn lebte , wohl aber unmittelbar darauf , wo es zuweilen hieß , die Damen , die eine Zeit lang hier hausten , wären Cousinen des regierenden Stammherrn oder Tanten und Nichten desselben . Meist aber waren es über Kassel gekommene Französinnen oder Italienerinnen , die eine Zeit lang blieben , mit Freudenfeuern empfangen wurden und plötzlich über Nacht verschwanden , ohne daß man je wieder von ihnen erfuhr . Gewöhnlich hörte man kurz vor diesen Abreisen in den eleganten Zimmern oben eine Scene , deren Charakter , um ihn volksthümlich zu bezeichnen , Mord und Todtschlag war . Dann wurde es plötzlich still ; aber auch so plötzlich , wie mit Geistern im Bunde . Zuweilen zuckte noch irgendein Laut auf , irgendwo in einem der düstern Pavillons des Parks , in irgendeinem der tiefgelegenen Keller des Schlosses ; dann war ' s für immer still . Verschlossene Wagen entfernten Nachts die von ihrem Glanz Herabgestürzten . Mit diesen Vorgängen stand , wie Lucinde im Pavillon erfahren hatte , der Name des Fräuleins von Gülpen oder der Frau von Buschbeck in Verbindung . Diese Räthselhafte war unverheirathet geblieben , war allerdings die Verlobte eines in Java dienenden Kriegers gewesen , lebte aber von keiner niederländischen Pension , sondern von einer Rente des Kronsyndikus , bei dem sie vor vielen Jahren mindestens ebenso viel gewesen war wie jetzt die Lisabeth , die von allen mit Respect behandelt wurde , obgleich sie nur eine Bäuerin war und vollkommen für Stephan Lengenich paßte . Der Kronsyndikus hatte sich nach den erinnerungsreichen Verirrungen der Vergangenheit ganz den Kreisen zugewandt , die nur unter ihm standen . Was Lucinde von allen diesen Dingen allmählich herausbekam , verdankte sie theils Klingsohr ' n , theils den alten Stammers , bei denen sie wohnte , vorzugsweise aber , da auch diese von der Vergangenheit bitter berührt zu werden schienen , dem selbst schon grauhaarigen Sohne derselben , einem buckeligen Musikanten , der im Lande herumstrich und der vorzüglichste Bote war , dessen sich Klingsohr für seinen Briefwechsel bediente . Der Kronsyndikus wohnte im Parterre , wo sein unruhiger Sinn gleich ins Freie konnte , wenn er bei den vielen Rathschlägen und Hülfen , die er leisten mußte und die auch Er nur allein leisten konnte , rasch zur Hand sein wollte . Manchmal blieb er des Nachts ganz aus . Seine Güter erstreckten sich weit , und obgleich bei einem Theil derselben die unmittelbaren Beziehungen durch das Pachtverhältniß des Deichgrafen unterbrochen waren , so ließ er doch als eigentlicher Herr sich seine Laune , da und dort hineinzureden , nicht nehmen ; bald kehrte er dann hier , bald dort ein , auf eigenem oder fremdem Gebiet . Eines Tages war er wieder einen weiten Weg ausgeritten . Es handelte sich darum , gegen den Deichgrafen , der , um vielleicht wirklich Landrath zu werden , schon einen kleinen Gutskauf abzuschließen suchte , zwei maskirte Gegengebote zu veranlassen . Die Regierung unausgesetzt um Beförderung oder Versetzung anzugehen , drängte den » schönen Enckefuß « eine von Jahr zu Jahr sich mehrende Schuldenlast . Nun gab ' s Hin- und Herritte , Verhandlungen mit der Geistlichkeit , den Advocaten im nahen zum Kreis gehörenden Städtchen Lüdicke , Umtriebe , um , wenn es zum Wählen eines neuen Landraths kommen sollte , den Wahlmodus durch Zusammenlegung dieser oder jener heterogenen Districte zu paralysiren , und was sonst dergleichen Künste des Regierens und Politisirens jetzt geworden sind , von der Wahl eines Gemeindeschulzen auf dem Dorfe an bis zum Landstand und Mitglied eines Herrenhauses . Zunächst den Gutskauf des Deichgrafen rückgängig zu machen , war ein Ziel » des Schweißes der Edeln werth « . Der Haß des Kronsyndikus gegen seinen alten Freund kannte keine Grenzen , und die Vorfälle im Düsternbrook , wo der Deichgraf inzwischen mit Gensdarmen einen Grenzstein aufgestellt hatte , den jedoch der Kronsyndikus schon wieder hatte wegnehmen lassen ( wofür ihm eine Citation in die Kreishauptstadt geworden ) , hatten das Feuer immer noch mehr geschürt . Es war vier Uhr . Der Kammerherr saß und porträtirte seinen Hund , seinen Retter von der wie der Tod gefürchteten Ehe . Türck war von den vielen Hunden , die auf dem Schlosse knurrten und bellten , gerade derjenige , den Lucinde nicht leiden mochte . Sie nannte ihn gerade so , wie der Kronsyndikus zuweilen den Deichgrafen nannte , einen » Calfacter « , ein Wort , dessen Ursprung ihr der Kammerherr im Begriff war mit dem ganzen ihm eigenen Aufwand seiner noch haften gebliebenen Schulkenntnisse zu erklären . Calefacio , calefeci , calefactum , calefacere , wiederholte er und fing an , indem er malte , mit sich selbst , wie er sagte , zu » certiren « und sich gleichsam von diesem oder jenem seiner alten Mitschüler übertreffen zu lassen . Imperfectum zweite Person Singularis ! rief er mit befehlender Stimme . Dann mit lispelnder und schüchterner : Calefixis ! Falsch ! donnerte er . Klingsohr , Sie ! Calefaxisti ! Falsch ! Plüddemann , Sie ! Calefeceritis ! Falsch ! Wer kommt ! Der Folgende ! Der Folgende ! Herr von Wittekind , Sie ! Calefaciebas ! Bravo , Herr von Wittekind ! Setzen Sie sich über Plüddemann , Klingsohr , Katerkamp und Vincke ! Diese Selbstgespräche und Selbstlobeserhebungen war Lucinde schon lange gewohnt . Oft mußte sie Zumpt ' s Grammatik nehmen und ihm überhören . Sie lernte selbst dabei . Früher that sie es sogar ganz gern . Jetzt aber , seit Klingsohr in ihrem Herzen lebte , unterhielt es sie wenig . Da auch Klingsohr zu den Mitschülern gehört haben sollte , die ein wie es schien doch geborener Dümmling immer übertraf , so sprach sie heute ihre Verwunderung darüber aus , erntete jedoch für die Anerkennung des Doctors eine Flut von Beschuldigungen gegen den alten Kameraden ; er wisse gar nichts , er hätte auf der Universität nachholen wollen und sich nun erst recht lächerlich gemacht , da die Andern schon ihre Freiheit genossen hätten ; dann hätte ihm der Deichgraf kein Geld mehr geschickt , allen wäre er verschuldet gewesen und hätte sich , wenn er nicht bezahlen konnte , nicht anders loskaufen können als durch Wetten , zum Beispiel : Zwölf Maß Goslarer Bier an einem Abend zu trinken und dann doch noch in eine Gesellschaft zum Justizrath Bauer oder zum Pandektisten Hugo zu gehen und mit den elegantesten Damen dort über den Begriff des Romantischen oder » Die bezauberte Rose « von Ernst Schulze zu streiten . Das Bild einer wüsten Vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd ; aber er klagte sich ja selbst an ! Und zu hell leuchteten seine klugen Augen im letzten Mondenschein , zu süß war seine Rede in dem flüchtigen Augenblicke gewesen neulich , wo er zum ersten mal leise ihre Stirn geküßt hatte , zu tief und anregend war alles , was sie schriftlich von ihm durch den verschmitzten Musikanten besaß und auf dem Herzen trug , um es in jeder unbelauschten Minute zu durchfliegen . Heute hatte Klingsohr versprochen , Abends gegen sieben Uhr einen solchen Umweg zur Wohnung seines Vaters zu nehmen , daß er , heimkehrend von der Kreisstadt , wo er den Gutsankauf zu betreiben helfen sollte , am Schloß vorüberreiten mußte . Einige Blumen , die sie in demselben Augenblick , wo er an ihrem Fenster vorüber mußte , ihm entweder zuwerfen oder , wenn dies nicht möglich wäre , wenigstens an die Lippen drücken wollte , standen schon , frisch aus den Beeten des Vorparks genommen , in einem Glase bereit vor ihr . Ihre sich kreuzenden Gedanken nicht zu verrathen , unterbrach sie den immer noch fortcertirenden Kammerherrn mit der Frage , wie denn nur sein Vater einen doch immerhin so rüstigen , thätigen , energischen und charaktervollen Mann wie seinen Pachter , den Deichgrafen , so oft » Calfacter « nennen könnte ? Plüddemann ! Was ist ein Calfactor ? fiel der Kammerherr zur Antwort ein . Mit veränderter Stimme antwortete er : Calefactor , Warmmacher , ist ein Pedell - Pudel ! unterbrach er sich selbst ... Pudel ? Wer sagt das ? Klingsohr ! Wer nannte hier den Pedell einen Pudel ? Große Untersuchung ... ( immer spricht der Kammerherr ) . Kein Resultat ... Ein Calefactor ist ein Ofenheizer , ein Mann , der ' s statt cale , welches bekanntermaßen nicht kalt , sondern warm heißt , warm macht , id est im Ofen ... Katerkamp flüstert : Auch an andern Orten ... Allgemeines Gelächter . Auch der Conrector lacht . Sintemalen vor kurzem erst sieben Quartaner übergelegt worden sind und ab calefactore warm gemacht bekamen cum Bim-Bam-Bam-Bum-Baculo ! Nun sang der Geistesschwache Studentenlieder ... mit dem Refrain des Crambambuli ... Wie paßt das aber alles auf den Deichgrafen ? fragte Lucinde , an dergleichen gewöhnt und durch das offene Fenster forschend . Calfactor , sagte der Kammerherr , am Türck wieder fortmalend , Calfactor ist ein Subject , ein dienendes Instrument , ein Farbenreiber , ein Pinsel , eine Drechselbank , ein Pudel , der apportirt ... Nein , nein , nein ! unterbrach Lucinde . Einen Calfacter nennt man bei uns zu Hause einen Hund , ganz wie Ihren Türck , den man jeden Augenblick daran erinnern muß , wer sein Herr ist , der an jedem Stein stillsteht und schnuppert , was unter ihm stecken mag , der , wenn man ihn freundlich anredet , den Schweif zwischen die Beine klemmt und wie mit bösem Gewissen davonläuft , einen elenden Ueberläufer , der im Stande ist , nach einem halben Jahre seinen eigenen Herrn nicht mehr zu erkennen und ihn anzufallen ... Bravissima ! rief der Kammerherr . Recht , meine Heilige ! So handelte der Deichgraf am Vater ! So vergalt er seine Wohlthaten ! Heinrich muß mir mindestens noch hundert Pistolen schuldig sein oder er hat sie wenigstens nur mit einer ausgetrunkenen Tonne Goslarer Bier bezahlt , die ich dann auch wieder auf meine Rechnung habe nehmen müssen ! Sind das keine Calfacters ? Der Alte war sonst ein Demagog und nun will er Landrath werden . Sind das keine Calfacters ? Lucinde erwiderte Partei nehmend : Die Regierung ist aufgeklärter geworden ; sie braucht die Unterstützung der Vernünftigen gegen die Unvernünftigen . Die Gensdarmen machen es dabei nicht allein , und wie ich gehört habe , Ihr eigener Bruder , der Regierungsrath , soll ja ganz ebenso denken und dem Deichgrafen einen Besuch gemacht haben ... Was ? Wie ? Mein Bruder ? schrie der Kammerherr und sprang auf . Ich höre es wenigstens , lenkte Lucinde ein . Man hätte erwarten sollen , der Kammerherr würde nach einer Flinte , mindestens nach seiner Windbüchse gesucht haben . Jetzt zeigte sich der schwachwillige Charakter des Kranken in dem bloßen Verweilen bei der Thatsache , in der bloßen Freude , dies dem Vater - anzeigen zu können ! Lachend rief er : Schöne Zeiten das ! Ein Wittekind unter den Gensdarmen ! Aber - Roma nondum locuta est setzte er feierlich hinzu . Was heißt das ? fragte Lucinde ärgerlich . Der Kammerherr wollte wieder Plüddemann und Vincke und seine andern detmolder Schüler diese Phrase übersetzen lassen , als er vom Hufschlag eines in galopirender Eile dahersprengenden Pferdes unterbrochen wurde . Lucinde sah schnell zu dem nach der Fronte des Schlosses führenden Fenster hinaus , denn von daher kam das Geräusch . So verwegen durfte von den Leuten des Schlosses niemand in dessen Nähe reiten ! Es war aber Klingsohr nicht , sondern der Kronsyndikus selbst . Wie kam der heute schon so früh heim ? Wie kam er von einer Gegend heim , die keinen andern Zugang bot als den nach dem Düsternbrook ? War er wol gar den Grund selber hinaufgeritten ? Das Pferd schäumte , und fast flog dem Reiter die grüne Mütze ab , als er mit einem gewaltigen Ruck in das offene Seitenthor des Schlosses schwenkte . Nach dem ersten Augenblicke des Erstaunens , wie der Kronsyndikus diesen beschwerlichen Weg hatte wählen können , wollte man zur Arbeit und Uebersetzung der Worte : Roma nondum locuta est ! übergehen , als Türck voll Unruhe an die geschlossene Thür sprang , die Schwelle bekratzte und hinaus wollte . Der Calfacter ! murrte Lucinde , während ihm der Kammerherr schmeichelte , um ihn zum Bleiben zu bringen . Man mußte aber öffnen ; das Thier heulte vor Ungeduld , hinauszukommen . Bald vernahm man ein Rennen und Laufen im Hause , ein Rufen durcheinander . Man erfuhr , daß der Kronsyndikus befohlen hatte , einen Wagen anzuspannen . Darin lag an und für sich nichts Auffallendes , es kam oft vor . Aber die Eile war nie so dringend wie eben . Lucinde ging in ein Zimmer , das in den Hof führte . Sie sah den Kronsyndikus , bis an den Hals zugeknöpft , in seinem grünen Reitrock und in den hohen , schweren Stiefeln im Hofe stehen und mit stummen Geberden zur Eile winken . Sonst pflegte er solche Befehle mit einer Flut nicht eben gewählter Commandowörter zu unterstützen ; heute ging alles still , mit Winken und nur zuweilen mit einem ungeduldig aufgestoßenen Fuße zu . Er wandte , im Hofe stehend , dem Schlosse den Rücken . Den Hirschfänger , ohne den er nie ausritt , selbst in Zeiten , wo es keine Jagd gab , mußte er schon abgeschnallt haben , und doch tastete er immer nach demselben hin und schüttelte den Kopf , wie wenn er erstaunte , vergessen zu haben , daß er schon abgelegt war . Nun wandte er sich und schritt wie taumelnd wieder zum Schlosse zurück , wo er in seinen Zimmern schon gewesen zu sein schien . Lucinde erschrak . Das sonst so geröthete Antlitz des Greises war so auffallend bleich , daß die rothen Flecke , die es immer hatte , wie Wunden aussahen . Die Mütze war ihm entweder bei dem Schwenken in den Thorhof wirklich noch entfallen oder auch schon abgelegt worden . Grell stachen die weißen Haare von der Luft ab ; sie schienen sich zu bäumen ; der weiße Backenbart ging grauenhaft auf und nieder , wie wenn die Kinnladen fröstelnd aneinanderschlugen . Das weibliche Personal der Bedienung und ganz besonders die Lisabeth , immer voll Umsicht und großer Rührigkeit , war ängstlich um ihn her beschäftigt . Wie er wieder auf die wenigen Stufen , die zum Schloßeingang führten , treten wollte , glitt er fast aus ; er hatte , da die Hände immer an der obern Klappe seines Frackes knöpften , vergessen sich am Geländer zu halten . Lucinde eilte jetzt selbst hinunter . Als sie ankam , hieß es , der Kronsyndikus hätte sich in seinem Zimmer eingeschlossen . Was ihm wäre ? fragte sie . Er ist mit dem Pferde gestürzt ! Ist er den Grund hinaufgeritten ? Man wußte keine Antwort . Manche sagten : Das doch wol nicht ! Inzwischen donnerte die gewohnte Stimme gleichsam wie mit jetzt erst hervorgelassener , bisher zurückgehaltener Kraft : Wird ' s mit dem Wagen ? Schon zog man die Kalesche heraus . Und wie er ihrer ansichtig wurde , befahl dieselbe Stimme : Der Kammerherr soll mitfahren ! Nach Eggena ! Es war eines seiner Vorwerke , auf dem er gern in der Jagdzeit verweilte . Damit schlug er die Fenster so heftig zu , daß eine Scheibe zerklirrte . Alles das konnte allerdings an sich nicht anders als Lucinden sehr erwünscht kommen . Es war über sechs Uhr ; gegen sieben Uhr sollte sie Klingsohr ' n erwarten , mit dem sie nun vielleicht sprechen , ihn eine Strecke begleiten konnte , so sehr auch jeder ihrer Schritte von den Spionen des Schloßhofs oder des Parks bewacht wurde ... Dem Kammerherrn kam der Befehl höchst ungelegen . Da dieser Befehl jedoch von einer der Mägde wiederholt wurde - die sogenannte Dienerschaft , auch der Diener des Kammerherrn , arbeitete in den verschiedenen Branchen der Wirthschaft und legte nur bei besonderer Veranlassung Livree an - , so half kein Widerstand . Am Hufschlag des Rosses hatte der Furchtsame schon vernommen , wie sein Vater in einer Stimmung war , bei welcher ihm Stock oder Peitsche nicht zu entfernt lagen . Er sah ängstlich nach dem Wetter . Es hatte sich leidlich mit dem Regen beruhigt , aber düster hingen die grauen Wolken und weit , weit über der ganzen Gegend hin . Während der Kammerherr sich nun im Nebenzimmer ankleiden mußte und Lucinde ganz schon nur dem Wunsche lebte , daß die Minuten doch lieber langsamer verrinnen möchten , nur damit Vater und Sohn erst auf dem Zweispänner säßen und weiter auf dem Wege nach Eggena voraus wären , hörte man plötzlich den allgemein ausgestoßenen entsetzlichen Schrei : Feuer ! Feuer ! Feuer ! Lucinde stürzte wieder hinunter und fand den ganzen Hof in Verwirrung . Die Ursache des Rufes mußte ihr beim Herabspringen von der steinernen Treppe selbst sogleich begreiflich werden an einem brandigen Geruch , der sich im Hofe verbreitete und verbunden war mit einem leise aus der zerbrochenen Scheibe des Wohnzimmers des Kronsyndikus hervordringenden Rauche ... Man schlug heftig an die von innen verschlossene Thür des Parterre und wiederholte den Ruf : Excellenz ! Es brennt ja ! Keine Antwort . Er ist erstickt ! hieß es . Die Beschließerin war außer sich und rief nach den Knechten . Ihr erster Ruf galt dem Stephan Lengenich , jenem Küfer , der von ihr begünstigt wurde . Von diesem aber hieß es , er arbeite irgendwo im Walde , vielleicht im Düsternbrook . Nach einer Weile machte der Kronsyndikus das Fenster auf und sagte mit matter Stimme , sie sollten sich alle - alle zum Teufel und an ihre Arbeit scheren . Er hätte ja nur - er hätte Papiere verbrannt ... Wo der Kammerherr wäre ? ... Es ginge nach Eggena ! ... Ob der Wagen bereit stünde ? ... Wo das Fräulein Schwarz wäre ? Lucinde meldete sich , indem sie von den Stufen des Eingangs sich vorbeugte ... Ein erzwungenes Lächeln begrüßte sie von einem Kopfe , den man kaum wiedererkannte . Vom Verbrennen der Papiere im Ofen mußte ihm der Ruß ins Gesicht geschlagen sein . Der Contrast des geschwärzten Antlitzes , der weißen Haare , des Bartes , der Augenbrauen und des Hauptes mit einem vornehmen Staatskleide , das der Aufgeregte plötzlich wie in der Zerstreuung angezogen , mit einem Kleide , auf dem beständig das goldene , achtspitzige Kreuz des Welfenordens haftete , wäre burlesk gewesen , wenn nicht die Situation selbst etwas Schreckhaftes gehabt hätte . Ich komme noch hinauf , sagte er . Gehen Sie , Liebe ! Gehen Sie ! Ich bitte ! So artig hatte der Tyrann nie mit ihr gesprochen . Durch seinen Paroxysmus war er wie umgewandelt . Lucinde hatte nur die siebente Stunde im Kopfe ... Der Kammerherr , der an Ordrepariren gewöhnt war , kam schon mit Regenschirm , Hutschachtel und sogar einem Pelze ... Lucinde fragte ihn lachend , ob er nach Sibirien reisen wollte ? Sie holte dem Halbweinenden einen Ueberzieher und behielt den Pelz zurück . Der Brandgeruch zog sich inzwischen durchs ganze Haus . Es war ein Geruch weit mehr von verbrannten Haaren oder Tuch als von Papier . Daß der Dampf so groß sein konnte , um durch alle Oefen zu dringen , mußte aus dem Verschütten von Wasser auf die Flammen entstanden sein . Zuletzt kam der Kronsyndikus wirklich in den ersten Stock und schloß , wie sie erstaunend bemerkte , alle Staatszimmer auf . Welches Bedürfniß konnte er haben , eine gestickte Uniform , seinen liebsten Orden zu tragen und seine Staatszimmer zu öffnen und hin und her zu durchschreiten ? Alle Läden riß er auf . Er lüftete vielleicht nur . So kam er in das Eckzimmer , wo Lucinde schon am Nähtisch stand , so stand , als müßte sie ihre Blumen bewachen . Der Greis bot den seltsamsten Anblick . Das Gesicht war jetzt gereinigt . Aber zu seiner Landstandsuniform mit dem hannoverischen Orden der Welfen stand im sonderbarsten Contrast der Hirschfänger , den er wieder umgeschnallt hatte . Die Hände waren mit den weißesten Handschuhen geschmückt , als wenn er zu Hofe gehen wollte . Voll Unruhe blickte er um sich und stotterte : Lüftet doch ! Lüftet doch ! Wie erstickend ! Wie dumpf ! Wie rauchen die Oefen ! Verbrenne nur ein bischen Papier und es riecht gleich wie der lebendige Satan ! Dabei zuckten ihm seine ohnehin schon unheimlichen Augenbrauen krampfhaft auf und nieder ... Der große , baumstarke Mann stand wie von einer Ohnmacht bedroht . Und indem er mit den Fingern der linken Hand immer in seinen Bart , bald da , bald dort , wie in einer kreisenden Bewegung griff , sagte er , als wollt ' er Gleichgültigkeit zeigen : Hab ' mich wieder ' n mal geärgert ! Ueber den verd - Landrath ; nein - ja - den - Rittmeister ! Und diese Briefe vom Fritz ... In den Ofen damit ! ... Immer Aerger ! Immer Aerger ! ... Lucinde , die kaum merkte , daß er die Gründe seines Aergers offenbar fingirte , war ihm , um ihn nur zu beruhigen , so zuthunlich , wie er sonst wünschte . Sie bewunderte die prächtige Uniform , besah das wunderschöne Comthurkreuz mit seinen goldenen Kugeln , seinem welfischen Löwen , seinem weißen Roß und seinen Eichenzweigen ; sie wußte schon , was die alte deutsche Geschichte zu erzählen hatte von dem Löwen des mächtigen braunschweiger Herzogs Heinrich Welf und dem Kniefall des Hohenstaufen vor dem Löwenherzog und von den Römerzügen und der gespaltenen Einheit des deutschen Vaterlandes ... Der Alte lächelte jetzt zu all diesem » Kram « , wie er ' s eben nannte , und suchte über das zu scherzen , was ihm in seinen jeweiligen Wuthanfällen auf die Regierung und den Deichgrafen sonst ein » blutiger Ernst « war . Welfen und Ghibellinen ! rief er oft . Ihr Ghibellinen mit euern Kaisern , wir Welfen mit unserm Rom ! ... Heute aber hielt er das Nächste fest . Wieder und wieder rief er mit äußerster Ungeduld : Ob nun bald gepackt wäre , der Koffer auch , Kleider für ihn und den Kammerherrn ? Dabei sah er nach der Uhr , brummte vom » Landrath heute in Lüdicke « , » Eggena nach Lüdicke drei Stunden « und ähnliche Berechnungen . Dann starrte er in die Gegend hinaus , nahm ein Fernglas , dessen sich sein Sohn zu bedienen pflegte und das auf dem Nähtisch Lucindens lag , und zog es auf und nieder . Dies that er eine Weile wie gedankenlos , wie mechanisch . In dem mehrfach hervorgestoßenen Namen Enckefuß schien eine große Beruhigung für ihn zu liegen . Plötzlich aber rief er : Was ? Wie ? Wer kommt denn da ? Er deutete auf einen leichten Wagen , den man bei einiger Aufmerksamkeit auch mit bloßem Auge sehen konnte . Lucinde blickte erschreckend hinaus . Es war erst wenig vor halb sieben , ja gerade die Stunde , die der Deichgraf nach dem Urtheil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte , zwei Minuten vor halb sieben . Der Wagen ging bergan , und die Strecke von unten herauf war lang und steil , der Wagen fuhr langsam ; gegen sieben konnt ' es sein , wenn er endlich auf der Höhe war . Sollte Heinrich , statt zu Roß , im Einspänner kommen ? Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt , daß es wirklich der » Doctor « war . Die Wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste . Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können , wie der Kronsyndikus krampfhaft sich am Nähtisch hielt und , da dieser leicht war , fast mit ihm umstürzte . Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen , hatte sie sich nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt . Was will denn der Doctor ? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kürzer athmend ... Der Junge - der Junge - der - was will denn der ? Was soll denn der ? Wozu kommt denn schon der ? Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schießen ganz anderer Art , als die er gewöhnlich über das » Volk da unten in der Buschmühle « aussprach . Der Wagen kam näher . Es war ein Einspänner , den wirklich der junge Klingsohr führte . Was will er denn ? Was hat er denn ? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei nicht an Lucinden , die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgniß beschäftigt war und sich abwandte , um ihr Erröthen zu verbergen . So nur konnte es geschehen , daß sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht bemerkte , nicht sein Hin-und Wiederrennen , nicht sein Oeffnen des nach der Seitenfronte gehenden Fensters , nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr , das er zitternd aus- und einzog . Endlich , als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riß und wieder kam und wieder ging , lachte er plötzlich laut auf , rief Lucinden in die Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene : Lucinde ! Lucinde ! Höre , Kind ! Ich sag ' dir etwas ! Herr Kronsyndikus ! rief diese und eilte näher . Satan , schwarzer - ! Excellenz - Engel ! Schlechte Person - liebst den Kerl , den Doctor ! Er lachte dabei convulsivisch . Hast recht ! ließ er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie . Hast recht ! Er kann ' s einem schon anthun ! Aber Excellenz - Weiß alles , verdammte Hexe ! Ihr saht euch in dem gottverfluchten Grunde , saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im Mondschein ... Glaubst du , der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit ? ... Aber ... aber hast recht ... sollst recht haben , Kind ... Wie kann man einen Narren lieben ? Da ... den ...