ja , was wollte er nicht alles ! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich als ein vernünftiger Köter Freundschaft mit dem dicken Pümpelschen Kater Hinz . Und dann - dann ward ich Redakteur der Knospen , unter der Bedingung , den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen ; dann ward ich von deinem Papa , meinem guten , dicken , vortrefflichen Onkel , in den deutschen Buchhandel eingeschossen , und dann -- Nun , Nannette , und dann ? - - - - - - - - - - - - - Meine Herren und Freunde , was hab ich Ihnen , da geschrieben ! - So geht ' s , wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will ! Die reine Unmöglichkeit ! Statt eines soliden , nach allen Regeln der Logik und Briefschreibekunst abgefaßten Berichts schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer . ' s ist göttlich ! Nun - was tut ' s ? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der Gelegenheit erfahren . Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen ; und wer hat diese vita nuova bewirkt ? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen und - meine kleine Beatrice , genannt Nannette Pümpel ! Gesegnet sei das Haus Pümpel & amp ; Komp . bis ins tausendste Glied ! ! - Ich schließe . Meine gentilissima verlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen . Mich soll ' s wundern , was sie schreiben wird ; ihre Augen leuchten gar arglistig . Dr. Wimmer Liebe , kleine Elise ! Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben , so kann ich doch halt nicht unterlassen , Dir , Herz , diesen ganz kleinen Brief zu schreiben , der böse Mensch hat nicht viel Raum übergelassen . So ganz böse freilich ist er doch nicht , denn er hat mir viel Gutes und Schönes von Dir erzählt , aber sage doch den beiden Herren , die ich auch nicht kenne , daß sie das törichte Zeuch , was er alles geschrieben hat , halt nicht alles glauben . Ich hab ihn durchaus nicht soviel ins Ohr gekneift , als er sagt . - Liebes Kind , Ihr müßt uns einmal alle besuchen . Ich habe zwei Kanarienvögel und einen Stieglitz , der sich sein Futter selbst heraufzieht . Ich hätte Dir gern eins von den Vögelchen geschickt , aber der Onkel Doktor meint , sie könnten das Fahren nicht vertragen , das könnte selbst sein häßlicher Puhdel nicht . Es ist nur gut , daß das schwarze Tier sich so vor meinem schönen bunten Hinz fürchtet ; sie beißen sich zwar halt nicht , aber sie sehen sich oft schief an von der Seite . Liebes Kind , besuche uns einmal und grüße den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schön ! Deine unbekannte Freundin Nannette P. P. Scr . Verehrtester , überreichen Sie doch meiner dicken Freundin , der Madam Pimpernell , beifolgende drei Fünftalerscheine ; da wird ein noch zu tilgender Schuldenrest sein . Dr. W. P. Scr . Ich muß in die Küche , sonst hätte ich mich eben noch recht über den Doktor zu beklagen . Er ist recht böse . Gestern hat er sein Dintenfaß über meine beste Tischdecke gegossen . Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus ! - Aber das ist das wenigste . - ' s ist nur gut , daß ich den Tabaksdampf gewohnt bin , auch mein Papa macht furchtbare Wolken , und die Gardinen müssen nun noch einmal so bald gewaschen werden . Adieu ! Nannette P. Scr . Der Onkel Pümpel hat sich ' s in den Kopf gesetzt , dem armen Puhdel , wie Nann ' l schreibt - auf seine alten Tage noch das Totstellen beizubringen . Dr. W. P. Scr . Bier mag er schon ! ( Ich meine halt den Pudehl - so wird ' s wohl recht geschrieben sein . ) Gott , ich muß wirklich in die Küchen ! N. P. Scr . Nannette ist fort ! Meine lieben Freunde , ich bin sehr glücklich und fidel ! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen . Gruß und Brüderschaft ! Euer H. Wimmer « Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der Sperlingsgasse erregt ! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahr 1841 , als er ankam , der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum ! Heute , wo ich ihn wieder hervorsuchte , ist weder Roder bei mir - sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt , sie fürchteten sich gewaltig vor ihm - , noch guckt das kleine Lieschen , auf einem Stuhl stehend , mir über die Schulter . Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen ; trotz dem Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist , da das Glück dem Kühnen lächelt , wohlbehalten , wenn auch etwas durchnäßt , bei mir angekommen . » Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden « , sagte er lächelnd , indem er mir die Nadel einfädelte , mit welcher ich das Dokument der Chronik anheften wollte . » Seit der Doktor den bösen politischen Husten , der ihn sonst plagte , losgeworden ist , hat er einen Umfang gewonnen , dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt . Und diese kleinen , fetten Wimmerleins : Hansl , Fritzl und Eliserl , das jüngste Wurm , wie der Doktor sagt ! - Und diese Nachkommenschaft des edeln Rezensent ! - Für jedes Wimmerlein ein Pudel , einer immer schwärzer und schnurrbärtiger als der andere . Wie heißen sie doch ? Richtig : Stulpnas ( gewöhnlich Stulp abgekürzt ) , Dinte und Quirl . Es ist ein Schauspiel für Götter , die Familie spazierengehen zu sehen . Voran schreitet der Doktor mit dem alten Großvater Pümpel , dann folgen Dinte und Quirl , die den Korbwagen ziehen , in welchem das Kroop Elise liegt . Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock , und zuletzt kommt die Nannerl , an der Rechten den Hans , an der Linken den Fritz . Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu : Wimmer , du wirst gleich dein Taschentuch verlieren ! Oder : Wimmer , renne nicht so mit dem Vater . Wir kommen halt nicht mit ! Oder : Wimmer , Stulp hat nur noch deinen Stock ! Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um , wirft einen Feldherrnblick über den langsam daherziehenden Heereszug , pustet und fächelt , knöpft die Weste auf , bindet das Halstuch ab oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt : Schatz , das Spazierengehen müssen wir aufstecken . Beim Zeus , es wird zu angreifend für unsereinen ! - Stulp , Schlingel , hol meinen Hut - dort , allons ! Während nun der Zug so lange hält , bis Stulp mit dem Verlorenen zurückkommt , sagt der Alte wohl : Heinerich , paß auf , das neue Komplimentierbuch geht nicht ! Weshalb nicht , Papa ? Wir sind hierzulande nicht recht dran gewöhnt ! lautet die Antwort . Das weiß ich schon aus den Nibelungen und dem Parzival , sagt der Doktor , eine gewaltige Rauchwolke auspuffend . Es soll aber schon gehen , Onkel und Schwiegerpapa Pümpel ! Das Ungewohnte und Ungewöhnliche macht am meisten Glück . Fritzl , laß den Frosch in Ruhe , setz ihn wieder ins Gras , sonst kriegst du ihn gebraten zum Abendessen , was keinem jungen Bayern angenehm sein kann ! - Vorwärts ! Yankee doodle doodle dandy ! Damit setzt sich das Haus Pümpel & amp ; Komp . wieder in Marsch . « Ich lachte herzlich über diese Schilderung . » Es wachse , blühe und grüne das Haus Pümpel & amp ; Kompanie wie - wie - - « » Hopfen ! - Vivat hoch ! « schrie der Zeichner , nahm den Hut und trabte wieder davon . Wo er gesessen hatte , stand ein kleiner Sumpf Regenwasser : einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten . Abends 11 Uhr Wie traurig hat dieser Tag geendet ! Ich wollte die Geschichte der armen Tänzerin über mir , die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiten , nicht erzählen , aus Furcht , diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen ; aber die unsichtbare Hand , welche die gewaltigen Blätter des Buches Welt und Leben eins nach dem andern umwendet , mit ihren zertretenen Generationen , gemordeten Völkern und gestorbenen Individuen , will es anders als der kleine nachzeichnende Mensch . Dunkel wird doch dieses Blatt , dunkel - wie der Tod ! » Herr Wachholder « , sagte die Frau Anna Werner , die um neun Uhr abends an meiner Tür klopfte . » Herr Wachholder , das Kind der Tänzerin stirbt in dieser Nacht ! Der Doktor Ehrhard , der eben oben ist , hat ' s gesagt . Ist ' s nicht schrecklich , daß die Mutter in diesem Augenblick tanzen muß ? Sie haben ihr nicht erlauben wollen , die schlechten Menschen , wegzubleiben diesen Abend : es wäre heute der Geburtstag der Königin , sie müsse tanzen ! « Arme , arme Mutter ! Ein hübscher , leichtsinniger Schmetterling , gaukeltest du , bist die Verführung kam und siegte . Verlassen , verspottet , suchtest du dein Glück nur in den Augen , in dem Lächeln deines Kindes , und jetzt nimmt dir der Tod auch das ! Arme , arme Mutter ! Mit geschminkten Wangen und den Tod im Herzen zu tanzen ! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge , du hörst nicht die rauschende Musik : das Ächzen des winzigen , sterbenden Wesens in der fernen Dachstube übertönt alles . - Ich steige die enge , dunkle Treppe hinauf , die zu der Wohnung der Tänzerin führt . Frau Anna und der gute , alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes . Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen ; hier und da liegt auf den Stühlen phantastischer Putz , eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem Tische . Der Doktor legt das Ohr dem Knaben auf die Brust und lauscht den schweren , ängstlichen Atemzügen ; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus . Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben ; aus einem Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen , schneidenden Töne einer Geige bis hier herauf . - Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst : » Sie muß sich beeilen ! « Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf ; die Hand des Todes drückt schwer und schwerer auf das kleine unwissende Herz , dem sich gleich ein Geheimnis enthüllen wird , vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht . Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf zehn . Der Wind macht sich plötzlich auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern . Die Februarnacht wird immer unheimlicher und düsterer . Unter Blumenkränzen sich verneigend , steht jetzt im Theater die große , berühmte Künstlerin , die Menge jubelt und klatscht Beifall ; der König , die Königin , das Publikum haben sich erhoben - der schwere , goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder . Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen gestiegen ; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang ; leer wird das eben noch so menschengefüllte Opernhaus , und - die arme Choristin ist halb bewußtlos an einer Kulisse zu Boden gesunken , um , wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend , mit dem herzzerreißenden Schrei : » Mein Kind , mein Kind ! « fortzustürzen . - Wir in dem kleinen Dachstübchen haben das nicht gesehen , nicht gehört , aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns , was dort in dem lichterglänzenden , musikerfüllten Gebäude am andern Ende der großen Stadt geschehe . Horch ! Ein Wagen rasselt heran ; er hält drunten . » Die Mutter « , sagt der Doktor aufstehend . » Es war Zeit ! « Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf ; eine Frau , in einen dunkeln Mantel gehüllt , erscheint todbleich und atemlos in der Tür . Sie läßt den regenfeuchten Mantel fallen , und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen , wie wir es in » Satanella « sahen , stürzt sie auf das Bettchen zu . » Mein Kind ! Mein Kind ! « flüstert sie , in gräßlicher Angst den Doktor ansehend . Sie beugt sich , sie hört den leisen Atem des Kindes : Es lebt noch ! - Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen . » Mama , liebe Mama ! « stöhnt das sterbende Kind , mit den kleinen fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend , daß die Steine darin blitzen und funkeln . - - Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper - - » Vorüber ! « - sagt der alte Doktor dumpf , mir die Hand drückend . Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen , bewußtlosen Mutter . Am 7. März Gestern nachmittag begannen die schweren Regenwolken , die wochenlang über der großen Stadt gehangen hatten , sich zu heben . Sie zerrissen im Norden wie ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu . Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber , um ebenso schnell zu schwinden ; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm , und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Straßen der Stadt . Wahrlich , jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann ; sie gleicht vielmehr seiner bessern Hälfte , die nun ihre Pflicht getan zu haben meint , erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt : » Puh ! Hab ich mich abgequält , aber gottlob , nun ist ' s auch mal wieder rein ! « Ja , rein ist ' s ! Verschwunden ist der Schnee , der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war ; viel mißmutige , verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt , und - die kleine Leiche von oben ist fort . Die alte Großmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt ; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt , als man den Sarg hinabtrug , und hat , gleichsam als wundere sie sich über etwas , lange das Haupt geschüttelt . Wer weiß , wieviel jüngere Leben sie noch dahinschwinden sieht ! Ich habe diese Blätter , glaub ich , einmal ein Traumbuch genannt - wahrlich , sie sind es auch . Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig , bald finster und traurig vorüber . Jetzt ist der dunkle Grund , aus dem sie sich ablösen , ganz bedeckt von Leben und Jubel ; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf . Die Freude verstummt , der Jubel verhallt , es ist tote Nacht allenthalben , die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht . Sei die Nacht aber auch noch so dunkel , ein Stern funkelt stets hinein : Elise ! - Ich brauche nur in meine alte Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken , und die Gespenster entfliehen , die Nebel sinken , und es wird wieder fröhlicher Tag in mir . Elise ! Die Knospe , die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß , entfaltet sich wie ein süßes , liebliches Geheimnis . Noch ein warmer Kuß der Sonne , und die Zentifolie , den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen , ist die schönste der Erdenblüten . Ich glaube an keine Offenbarung als an die , welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen ; sie allein ist wahr , sie allein ist untrüglich ; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott » von Angesicht zu Angesicht « . Die Zunge ist schwach und des Menschen Sprache unvollkommen ; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener , und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen ist ein arm töricht Beginnen . Ich drücke die Augen zu , und - sie ist vor mir mit ihrem süßen Lächeln , sie schlägt sie auf , diese großen blauen Augen , in denen ich Trost suche und finde . Elise , Elise , nun bist du ein großes , schönes Mädchen geworden , und das Bild dort , welches , dein toter Vater von deiner toten Mutter malte , gleicht einem Spiegel , wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm emporblickst . Die wilden Spiele , die tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorüber ( wenn auch noch nicht ganz , Schelm ) ; wo du sonst lachtest , Elise , lächelst du jetzt , wo du sonst weintest und klagtest , senkst du jetzt die Augen und träumst ; wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest , fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen - du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik , Elise ! Oftmals lässest du , vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend , die Arbeit lauschend in den Schoß sinken , das Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend . Eine helle , frische Stimme klingt dann von drüben herüber , ein Studentenlied anstimmend . Wo will Flämmchen hin , Elise ? - Einen Augenblick ; sitzt es auf ihrer Schulter , ihr ins Ohr zwitschernd , als habe es ihr ein wichtiges , ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen , dann verschwindet es aus dem Fenster . Wo ist es geblieben ? Die Stimme drüben , die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht , gibt Antwort darauf . Ein wohlbekanntes , wenig verändertes , braunes Gesicht , von dunkeln Locken umwallt , erscheint in Nr. zwölf am Fenster ; es ist der junge Maler Gustav Berg , der Vetter Gustav , der einstige Taugenichts der Gasse , jetzt ein » denkender « Künstler und , wie man munkelt , oft genug der » Taugenichts des Ateliers « beim Meister Frey in der Rosenstraße . » Kusine , Kusine Elise ! Onkel Wachholder ! « ruft er . » Die Mama ist außer sich ! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen und - Unordnung über Unordnung - nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fußboden , sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht . Es ist keine Möglichkeit , weiterzuarbeiten ! Wie wär ' s mit einem Spaziergang ? « Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer , der auch einst oft genug Ähnliches von drüben herüberrief ; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen wie alles in der Welt . - Elise setzt ihren Strohhut auf , und wir gehen hinüber . Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav , noch im leichten farbebeschmutzten Malrock , den Kanarienvogel auf dem Finger . » Da ist der Verbrecher « , lacht er . » Sieh , Lieschen , wie unschuldig er aussieht , grade wie du , die doch auch um kein Haarbreit besser ist als er . « » Was ? - Was hab ich denn verbrochen ? « fragt Elise . » Höre nicht auf den bösen Menschen « , sagt die Tante Helene , die jetzt in der Tür erscheint . » So ; - das ist ja prächtig , Mama ! Höre nicht auf den bösen Menschen ! Das ist himmlisch ! Onkel Wachholder , das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen ; ich rufe Sie zum Richter auf . Aber kommen Sie herein , die Sache ist zu wichtig , als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte . « Wir treten ein , jeder sucht sich einen Platz , und Gustav beginnt : » Hören Sie zu , Onkel ! Heute morgen gehe ich , mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm , ganz solide von hier weg . Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten meinen Busen , und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß , den ich heute beweisen wollte , verschiedene Bummeleien zugute . Ich wollte , ich hätte das Selbstgespräch , welches ich hielt , stenographieren können , es würde mir jetzt von großem Nutzen sein . An mancher Scylla und Charybdis , wo meine guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren , war ich diesmal glücklich vorbeigesegelt . Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte , hatte ich mich taub gestellt , als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte , hatte ich mich blind gestellt ; gefühllos zu sein , hatte ich geheuchelt , als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast ausrenkte , um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen , welches die unmoralischen Menschen , die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern , gaben . Ich entwickelte eine riesige Moral ! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um , die Ecke , die auf den Gemüsemarkt führt , und - renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin , die mir entgegenkommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt ... « » O dieser Lügner ! « fällt hier Elise ein . » Wer hat dir den Weg versperrt ? Hast du mich nicht angehalten ? Hast du mir nicht meinen Korb weggenommen ? Du ... « » ... die mir also den Weg versperrt und ... « » Verleumder ! - Hast du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die größte Mohrrübe hervorgezogen , um sie auf der Stelle mit deinem Messer ... « » ... die mir , wie gesagt , den Weg versperrt und sagt : .Sieh , das ist prächtig . Gustav ; jetzt sollst du wider deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein ; hier , nimm meinen Korb ! - Kannst du das leugnen , Liese ? « » Onkel , er lügt entsetzlich « , sagt Elise , » er verdreht die ganze Geschichte . Ich hätte ihn doch nicht den Korb tragen lassen ? ! Er war es , der ihn nicht wieder herausgab , und da er noch dazu zwischen jedem Biß , den er an seine Mohrrübe tat , an einem Rosenstrauch roch , welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte , so sagte ich : Ich habe keine Zeit mehr ... « » Onkel Wachholder « , unterbricht jetzt Gustav , » ich verband das Schöne mit dem Nützlichen ! Mama , sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen - gegen alles mögliche ? « » ... ich habe keine Zeit mehr , und wenn du den Korb einmal nicht wieder herausgehen willst , so behalte ihn und schleppe ihn meinetwegen ! « » Siehst du ! Seht ihr ! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein . Denken Sie , Onkel Wachholder , auf einmal dreht sie sich um , rennt davon wie eine Gazelle und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel , beladen mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm . Elise , Lieschen , Kusine Ralff ! rufe ich aus vollem Halse ; Liese , mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen ! Himmlische Kusine Lieschen , befreie mich von diesem Stilleben ! - Wer aber nicht hört , ist Elise . Was war zu tun ? Ich setze mich in Trab ; mit Korb und Mappe , mit Rüben und Rosen hinter ihr her . Solch eine Jagd ! - Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz- , Herings- , Butter- und Käsehandel - - ich glaube sie zu haben - Täuschung , da ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden ! Ich fange an , dem kaufenden und verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe , die ich noch immer krampfhaft in der Hand halte . Ich trete in einen Eierkorb ! Riesiger Skandal ! - Die Polizei erscheint ! Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte , sagt grinsend Polizeimann Nr. 69 , immer langtemang ! - Ich bezahle für den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln ; von Elise keine Spur ! - Neue Jagd - ich glitsche über einen Kohlstrunk aus - baff , da liege ich mit Korb und Mappe ; Kohlrüben , Rosen , Zwiebeln , meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her . O Jotte , det arme Kind , sagte eine dicke Gemüsefrau , ebent in die Eier und nu in den .. ! Soll ich Se ufhelfen , Männeken ? - Immer langtemang , grinst wieder der Polizeimann Nr. 69 , der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist . - Ich suche meine Schätze , die ich zu allen Teufeln wünsche , gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung . Außer Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an derselben Ecke , wo mein Leiden begonnen hatte . Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterm Gefühl hinein . Soll ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse ? Vorüber an der Kaserne der Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei ? - Einen Spitznamen hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg - drei Ellen lang ! Mein innerster Mensch sträubte sich zu mächtig dagegen . Eine Droschke konnte ich nicht nehmen , denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen , es blieb mir nichts anderes übrig , als eine neue Mohrrübe abzukratzen , meine Verzweiflung an ihr zu verbeißen . Das kommt davon , wenn man mit soliden Vorsätzen von Hause weggeht ! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick statt auf diesem fatalen Eckstein bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können ! Ich weiß nicht , wie lange ich so brütend da gekauert habe , als ich plötzlich , um zum Himmel zu schauen , meinen Blick aufschlage , aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse ! - - Da saß sie ! - Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der andern Straßenecke mir gegenüber , eine große , grüne , angebissene Birne in der Hand ! Guten Morgen , Vetter ! lacht sie , ohne sich vom Fleck zu rühren . Könntest du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben ? Ich muß wirklich nach Haus ; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen ! - Ich fahre mit der Hand über die Stirn , ich muß wirklich erst meine Sinne zusammensuchen ; ich stoße einen tiefen Seufzer aus - da erhebt sie sich , als schicke sie sich an , wieder fortzurennen . In Todesangst springe ich auf , bin in einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite , hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein neben ihr , um auch ihn als Sitzmittel zu probieren . - Hab ich dich aber gesucht , Gustav ! hohnlächelt die Boshafte . Gott , wie siehst du aus ? Wo hast du denn gesteckt ? - Daimonih ! murmele ich dumpf , während es noch dumpfer auf der unierten Kirche elf schlägt und die Atelierszeit ihrem Ende naht ; und so ziehen wir nach Haus , Elise immer kichernd voran , ich hinkend hinter ihr her , meine Rockschöße vorsichtig zusammenhaltend . Eine derangierte Toilette , ein leerer Geldbeutel , müde Beine , ein gräßlicher Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben und das bodenlose Gefühl , mich unendlich lächerlich gemacht zu haben , das waren die Ergebnisse dieses Morgens ! Und nun richten Sie , Onkel Johannes ! « » Onkel , laß das Richten nur sein « , sagt Elise . » Er hat sich schon selbst gerichtet . Hat er nicht ? « » Ich glaube auch « , sagt die Tante Berg . » Ich desgleichen « , gehe ich mein Verdikt ab . » Das dachte ich wohl « , brummt der denkende Künstler . » Wann hätte je die Unschuld gesiegt ? ! Abgemacht . Wie wird ' s nun mit unserm Spaziergang ? « » Ja , wo wollen wir hin ? « ruft Elise , und Gustav meint : » Ein Vorschlag zur Güte : wir gehen nach dem Wasserhof ; da ist bal champêtre ! Was meinst du , Lieschen ? « » Kann man da hingehen ? « fragt die Tante Berg bedenklich . » Warum nicht ? Sind wir doch dabei ! « sagt der denkende Künstler , gravitätisch den Halskragen in die Höhe zupfend . » Übrigens ist heute auch das Atelier mit seinen Schwestern da : ebenso der Professor Frey mit seinen sechs Nichten , und ... « » Nach dem Wasserhof ! « rufe ich elektrisiert . » Tante Berg , man kann dahin gehen ! « Und wir gehen hin . - Wer kennt nicht den Wasserhof ? Hat ihn nicht Goethe im » Faust « unsterblich gemacht ? » Der Weg dahin ist gar nicht schön . « Welcher Weg um diese Stadt ist schön ? Es lebe der Wasserhof ! Da gibt es Schatten und kühle Lauben am Tage , Musik , bunte Lampen und fliegende Johanniswürmer am Abend ; da gibt es Kellner mit einst weißen Servietten , die in der rechten Hosentasche stecken ; da gibt es vor allem einen - prächtigen Tanzplatz im Grünen ! » Lieschen , heute morgen hast du mir einen Korb gegeben ; ich will dir das verzeihen , wenn du mir jetzt keinen anhängen willst : Mein Fräulein , darf ich um den ersten Walzer