nach dem andern fuhr wieder davon . Barfüßele hielt sich zum Gefährte ihres Meisters , das eben auch angespannt wurde . Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder , daß sie den Burschen und Mädchen aus dem Dorfe versprochen habe : heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen , und es verstand sich nun von selbst , daß der Bauer nicht allein mit der Magd fuhr . Das Bernerwägelchen rasselte heim . Die Rosel mußte Barfüßele gesehen haben , aber sie that , als ob sie nicht da wäre und Barfüßele ging noch einmal hinaus , den Weg , den der fremde Reiter dahin geritten war . Wohin ist er nur geritten ? Wie viel hundert Dörfer und Weiler liegen hier nach diesem Weg hinaus , wer kann sagen , wo er sich hingewendet ? Barfüßele fand die Stelle , wo er sie heute früh zum Erstenmal begrüßt ; sie wiederholte laut seine Anrede vor sich hin . Sie saß noch einmal dort hinter der Haselhecke , wo sie heute Morgen geschlafen und geträumt . Eine Goldammer saß auf einer schlanken Spitze und ihre sechs Töne lauteten gerade : was thust denn du noch da ? Was thust denn du noch da ? Barfüßele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt . War denn das nur ein einziger Tag ? Sie kehrte wieder zurück zum Tanze , aber sie ging nicht mehr hinauf , sie ging allein heimwärts nach Haldenbrunn , wohl den halben Weg , aber plötzlich kehrte sie wieder um , sie schien nicht fortzukönnen von dem Ort , wo sie so glückselig gewesen war , und sie sagte sich nur , es schicke sich nicht , daß sie allein heimkehre . Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mädchen ihres Dorfes gehen . Als sie wieder vor dem Wirthshaus in Endringen ankam , waren bereits Mehrere aus ihrem Orte versammelt . Und : So ? Bist auch da , Barfüßele ? das war der einzige Gruß , der ihr ward . Nun gab es ein Hin- und Herlaufen , denn Manche , die gedrängt hatten , daß man heimkehre , tanzten noch oben , und jetzt kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drängten , daß man nur noch diesen Tanz dableibe . Und in der That willfahrte man und Barfüßele ging mit hinauf , aber sie sah nur zu . Endlich hieß es : wer jetzt noch tanzt , den lassen wir da ! Und mit vieler Mühe , mit Hin- und Herrennen war endlich der ganze Haldenbrunner Trupp beisammen vor dem Hause . Ein Theil der Musik gab ihnen das Geleite bis vor das Dorf und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus , und da und dort kam eine hier verheirathete Gespielin , die nicht mehr zum Tanze ging , an das Fenster und rief : Glück auf den Weg ! Die Nacht war dunkel . Man hatte lange Kieferspäne als Fackeln mitgenommen , und die Burschen , die sie trugen , tanzten damit auf und nieder und jauchzten . Kaum aber war die Musik zurückgekehrt , kaum war man eine Strecke vor Endringen hinausgekommen , als es hieß : » Die Fackeln blenden nur ! « und besonders zwei beurlaubte Soldaten , die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren , spotteten im Bewußtsein ihrer angehängten Säbel über die Fackeln . Man verlöschte sie in einem Graben . Nun fehlte noch Dieser und Jener und Diese und Jene . Man rief ihnen zu und sie antworteten aus der Ferne . Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von Lauterbach begleitet , aber kaum war er fort und kaum war sie bei ihren Ortsangehörigen , als sie laut sagte : » Ich will Nichts von Dem . « Einige Bursche stimmten ein Lied an und Einzelne sangen mit , aber es war kein rechter Zusammenhalt mehr , denn die Soldaten wollten neue Lieder zum Besten geben . Es wurde nur manchmal laut gelacht , denn einer der Soldaten war ein Enkel des lustigen Brosi , der Sohn der Gypsmüllerin Monika , und der brachte allerlei Witze vor , denen besonders der Schneiderjörg , der mit ging , zum Stichblatt dienen mußte . Und wieder wurde gesungen und jetzt schien man sich geeinigt zu haben , denn es tönte voll und hell . Barfüßele ging immer hinter drein , eine gute Strecke von ihren Ortsangehörigen entfernt . Man ließ sie gewähren und das war das Beste , was man ihr anthun konnte . Sie war bei ihren Ortsangehörigen und doch allein und sie schaute sich oft um nach den Feldern und Wäldern : wie war das wunderlich jetzt in der Nacht , so fremd , und doch wieder so vertraut . Die ganze Welt war ihr so wunderlich wie sie sich selbst geworden war . Und wie sie ging , einen Schritt nach dem andern , wie fortgeschoben und gezogen , und nicht wußte , daß sie sich bewegte ; so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst , hin und her ; das schwirrte von selbst so fort , sie konnte es nicht fassen , nicht leiten ; sie wußte nicht was es war . Ihre Wangen erglühten , als ob jeder Stern am Himmelszelt eine heißstrahlende Sonne wäre und in ihr entstammte das Herz . Und jetzt , ja als hätte sie ' s selbst angegeben , als hätte sie ' s selbst angestimmt , sangen ihre vorausgehenden Ortsgenossen das Lied , das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen war . Es waren zwei Liebchen im Allgäu , Und die hatten einander so lieb . Und der junge Knab zog in Kriege : » Und wann kommst du wiederum heim ? Das kann ich dir ja nicht sagen Welches Jahr , welchen Tag , welche Stund « ... Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen und Amrei sang mit aus der Ferne : Zur schönen guten Nacht , Schatz lebe wohl ! Wenn alle Leute schlafen So muß ich wachen , Muß traurig sein . Zur schönen guten Nacht , Schatz lebe wohl ! Leb immer in Freuden Und ich muß dich meiden Bis ich wiederum komm . Wenn ich wiederum komm , komm ich recht zu dir , Und dann thu ich dich küssen Und das schmeckt so süße , Schatz , du bist mein . Schatz du bist mein und ich bin dein ! Und das thut mich erfreuen Und du wirst ' s nicht bereuen , Schatz , lebe wohl ! Man kam endlich am Dorfe an und eine Gruppe nach der andern fiel ab . Barfüßele blieb an ihrem Elternhause bei dem Vogelbeerbaum noch lange sinnend und träumend stehen . Sie wollte hinein und der Marann ' Alles sagen , gab es jedoch auf . Warum heute noch die Nachtruhe stören und wozu soll ' s ? Sie ging still heimwärts , Alles lag in festem Schlaf . Als sie endlich in das Haus eintrat , kam ihr Alles noch viel seltsamer vor als draußen : so fremd , so gar nicht dazu gehörig . » Warum kommst du denn wieder heim ? Was willst du denn eigentlich da ? « Es war ein wundersames Fragen , das in jedem Tone für sie lag , wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte , wie die Kühe im Stalle brummten , das Alles war ein Fragen : » Wer kommt denn da heim ? Wer ist denn das ? « Und als sie endlich in ihrer Kammer war , da saß sie still nieder und starrte in ' s Licht und plötzlich stand sie auf , faßte die Ampel und leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz und sie selber fragte fast immer : » Wer ist denn das ? ... Und so hat er mich gesehen , so siehst du aus , « setzte ein zweiter Gedanke hinzu . » Es muß ihm doch was an dir gefallen haben , warum hätt ' er dich sonst so angesehen ? « Ein stilles Gefühl der Befriedigung stieg in ihr auf , das noch gesteigert wurde durch den Gedanken : » Du bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden , du bist bis daher immer nur zum Dienen und Helfen für Andere dagewesen . Gut Nacht , Amrei , das war einmal ein Tag ! « Aber es mußte doch endlich dieser Tag ein Ende haben . Mitternacht war vorüber und Barfüßele legte ein Stück nach dem andern von ihrer Kleidung gar sorglich wieder zusammen . » Ei , das ist ja noch die Musik , horch , wie der wiegende Walzer tönt ! « Sie öffnete das Fenster . Es tönt keine Musik , sie liegt ihr nur in den Ohren . Drunten bei der schwarzen Marann ' kräht schon der Hahn , die Frösche quaken , es nahen Schritte von Männern die des Weges kommen , das sind wohl späte Heimgänger von der Hochzeit , die Schritte tönen so laut in der Nacht . Die jungen Gänse im Hause schnattern in der Steige . Ja , die Gänse schlafen nur stundenweise , so bei Tag , so bei Nacht . Die Bäume stehen still , unbewegt . Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage ! Solch eine geschlossene dunkle Masse , wie ein Riese in seinem Mantel . Wie muß das sich regen in dem unbewegt stehenden Baume . Was ist das für eine Welt , in der solches ist ! - Kein Windhauch regt sich , und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den Bäumen ; das sind wohl Raupen und Käfer , die niederfallen . Eine Wachtel schlägt , das kann keine andere sein , als die beim Auerhahnwirth eingesperrte . Sie weiß nicht , daß es Nacht ist . Und schau , der Abendstern der bei Sonnenuntergang entfernt und tief unter dem Monde stand , steht jetzt nahe und über ihm , und je mehr man ihn ansieht , je mehr glänzt er . Spürt er wohl den Blick eines Menschen ? Jetzt still , horch , wie die Nachtigall schlägt , das ist ein Gesang , so tief , so weit ; ist es denn nur ein einziger Vogel ? Und jetzt - Amrei schaudert zusammen - mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel vom Dach und fällt klatschend auf den Boden . Amrei zittert , wie von Gespensterfurcht gepackt , sie zwingt sich , noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen , dann aber schließt sie das Fenster . Ein Nachtfalter , der wie eine große fliegende Raupe mit vielen Flügeln aussieht , hat sich mit in das Dachstübchen gewagt und fliegt um das Licht , angezogen und abgestoßen , so grau und grauenhaft . Amrei faßt ihn endlich und wirft ihn hinaus in die Nacht . Indem sie nun Haube , Goller und Jacke in eine Truhe legte , ergriff sie unwillkürlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her , das sie noch aufbewahrt hatte , und sie las darin , sie wußte selbst nicht warum , allerlei Sittensprüche . Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet . Ja , es mochte sie aus diesen Blättern etwas anmuthen , daß sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt , denn es schien , daß das Alles verschwunden war . » Jetzt hurtig in ' s Bett ! « rief sie sich zu ; aber mit der ganzen Bedachtsamkeit ihres Wesens knüpfte sie die Bänder alle leise und ruhig auf , und verknotete sich einmal eine Schlinge , sie ließ nicht ab bis sie mit Fingern , Zähnen und Nadeln auseinander gebracht war . Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Knoten entzwei geschnitten , und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verließ sie ihr bedachtsamer Ordnungssinn nicht , und es gelang ihr das anscheinend Unentwirrbarste zu lösen . Endlich löschte sie ruhig und behutsam die Ampel und lag im Bett ; aber sie fand keine Ruhe , rasch sprang sie wieder heraus und legte sich unter das offene Fenster , hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das Sternengeflimmer , und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie Busen und Hals mit beiden Händen . Das war ein Schauen und Sinnen , so schrankenlos , so wortlos , so nichtswollend und doch Alles fassend . Eine Minute Gestorbensein und Leben im All , in der Ewigkeit . In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgethan alles unendliche Leben , alle Hoheit und alle Seligkeit , die der Mensch in sich schließt , und diese Hoheit fragt nicht , wer ist es , aus dem ich erstehe , und die ewigen Sterne erglänzen über der niedersten Hütte .... Ein Windzug der das Fenster klappend zuschlug , weckte Amrei auf , sie wußte nicht , wie sie in ' s Bett gekommen war , und jetzt war Tag . 11. Wie ' s im Liede steht . » Kein Feuer , keine Kohle Kann brennen so heiß , Als heimlich stille Liebe , Von der Niemand nichts weiß . « So sang Amrei Morgens am Herdfeuer stehend , während Alles im Hause noch schlief . Der Roßbub , der den Pferden zum Erstenmal Futter aufsteckte , kam in die Küche und holte sich eine Kohls für seine Pfeife . » Was thust denn du schon so früh auf , wenn die Spatzen murren ? « fragte er Barfüßele . » Ich mache eine Tränke für die Kälberkuh , « antwortete Barfüßele , Mehl und Kleie einrührend , ohne sich umzuschauen . » Ich und der Oberknecht wir haben dich gestern Abend beim Tanz noch gesucht , aber du bist nirgends zu finden gewesen , « fragte der Roßbub . » Freilich , du hast nimmer tanzen wollen ; du bist zufrieden , daß dich der fremde Prinz zum Narren gehalten hat . « » Es ist kein Prinz und er hat mich nicht zum Narren gehabt . Und wäre das auch , ich möcht ' lieber von so Einem zum Narren , als von dir und dem Oberknecht zum Gescheiten gehabt sein . « » Warum hat er dir aber nicht gesagt , wer er ist ? « » Weil ich ihn nicht gefragt habe , « erwiderte Barfüßele . Der Roßbub machte einen derben Witz und lachte selber darüber ; denn es giebt Gebiete , in denen der Einfältigste noch witzig ist . Das Antlitz Barfüßele ' s flammte auf in doppelter Röthe , angeglüht vom Herdfeuer und von innerer Flamme , sie knirschte die Zähne über einander und jetzt sagte sie : » Ich will dir was sagen : du mußt selber wissen was du werth bist und ich kann dir ' s nicht verbieten , daß du vor dir selber keinen Respect hast ; aber das kann ich dir verbieten , daß du vor mir keinen Respect hast . Das sag ' ich dir . Und jetzt gehst du hinaus aus der Küche , du hast hier nichts zu thun , und wenn du nicht gleich gehst , will ich dir zeigen , wie man hinauskommt . « » Willst du die Meistersleute wecken ? « » Ich brauch ' sie nicht , « rief Barfüßele und hob ein brennendes Scheit vom Herde , das knatternd Funken sprühte . » Fort , oder ich zeichne dich . « Der Roßbub schlich mit gezwungenem Lachen davon . Barfüßele aber schürzte sich hoch auf und ging schwer aufathmend mit der dampfenden Tränke hinab in den Stall . Die Kälberkuh schien es mit Dank zu empfinden , daß sie schon in so früher Stunde bedacht wurde , sie brummte , setzte mehrmals ab im Saufen und schaute Barfüßele mit großen Augen an . » Ja , jetzt werd ' ich viel gefragt und gehänselt werden , « sagte Barfüßele vor sich hin , » aber was thut ' s ? « Mit dem Melkkübel auf eine andere Kuh losgehend sang sie : » Dreh dich um und dreh dich um Rothg ' scheckete Kuh , Wer wird dich denn melken Wenn ich heirathen thu ? « » Was da ! Einfältiges Zeug ! « setzte sie dann , wie sich selbst ausscheltend hinzu . Sie vollführte ihre Arbeit nun still , und allmälig erwachte das Leben im Hause , und kaum war Rosel erwacht , als sie Barfüßele nachlief und sie ausschalt , denn Rosel hatte ein schönes Halstuch verloren . Sie behauptete , sie habe es Barfüßele zum Aufbewahren gegeben , diese aber habe in ihrer Mannstollheit Alles weggeworfen als der Fremde sie aufforderte , und wer weiß ob ' s nicht ein Dieb war , der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten einbringt , und es sei eine Schande gewesen , wie Barfüßele laut beim Tanze gejauchzt habe , und sie solle sich in Acht nehmen , denn der Enzian-Valentin habe gesagt : wenn eine Henne kräht wie ein Hahn , schlägt das Wetter ein und giebt ' s Unglück . Sie habe sie zum Ersten- und Letztenmale mit zum Tanz genommen ; sie habe sich fast die Augen aus dem Kopf geschämt , daß sie sich überall habe müssen sagen lassen : so Eine dient bei Euch ! Wenn ihr die Schwägerin nicht die Stange hielte und es ihr nachginge , müßte die Gänshirtin sogleich fort aus dem Haus . Barfüßele ließ alles ruhig über sich ergehen , sie hatte heute schon die beiden Endpunkte dessen wahrgenommen , was sie nun erfahren müsse , und sie hatte darauf von selbst gethan , wie sie es nun immer halten wollte : wer sie ausschimpfte , den schüttelte sie mit Schweigen von sich ; wer sie ausspottete , den trumpfte sie ab . Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der Hand wie beim Roßbuben ; sie hatte Blicke und Worte , die den gleichen Dienst thaten . Barfüßele konnte der schwarzen Marann ' nicht genug erzählen , was ihr die Rosel anthat , und da sie es zu Hause nicht thun konnte , ließ Barfüßele hier ihre Zunge los und schalt auf die Rosel mit den heftigsten Worten . Schnell aber besann sie sich wieder und sagte : » Ach Gott , das ist nicht recht , die macht mich jetzt auch so schlecht , daß ich solche Worte in den Mund nehme . « Die Marann ' aber tröstete : » Daß du so schimpfest , das ist brav . Schau , wenn man etwas Ekelhaftes sieht , muß man ausspeien , sonst wird man krank , und wenn man etwas Schlechtes sieht und hört und erfährt , da muß man schimpfen , da muß die Seele auch ausspeien , sonst wird sie schlecht . « Barfüßele mußte lachen über die wunderlichen Tröstungen der schwarzen Marann ' . Tag um Tag verging in alter Weise und man vergaß bald Hochzeit und Tanz und Alles was dabei geschehen war . Barfüßele aber spürte ein ewiges Hinausdenken , das sie gar nicht bewältigen konnte . Es war gut , daß sie der schwarzen Marann ' Alles anvertrauen konnte . » Ich meine , ich habe mich versündigt , daß ich damals so über Alles hinaus lustig war , « klagte sie einmal . » An wem hast dich versündigt ? « » Ich meine , Gott straft mich dafür . « » O Kind , was machst du da ? Gott liebt die Menschen wie seine Kinder . Giebt es für Eltern eine größere Freude als ihre Kinder lustig zu sehen ? Ein Vater , eine Mutter , die ihre Kinder fröhlich tanzen sehen , sind doppelt glücklich , und so denk ' auch : Gott hat dir zugesehen wie du getanzt hast und hat sich recht gefreut und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch gefreut . Laß du die ungestorbenen Menschen reden was sie wollen . Wenn mein Johannes kommt , hei , der kann tanzen ! Aber ich sage nichts . Du hast an mir einen Menschen , der dir recht giebt ; was brauchst du denn mehr ? « Freilich , Wort und Beistand der schwarzen Marann ' waren tröstlich , aber Barfüßele hatte ihr doch nicht Alles gesagt ; es war ihr nicht bloß um das Gerede der Menschen zu thun , und es war nicht mehr wahr , daß sie sich daran genügen ließ : nur Einmal vollauf glücklich gewesen zu sein . Sie sehnte sich doch wieder nach dem Manne , der ihr wie eine erlösende Erscheinung gekommen war , der sie so ganz verändert hatte , und nun nichts mehr von ihr wußte . Ja , Barfüßele war sehr verändert . Sie ließ es an keiner Arbeit fehlen , man konnte ihr nichts nachreden ; aber eine tiefe Schwermuth setzte sich in ihr fest . Jetzt kam noch ein anderer Grund dazu , der sich vor der Welt offen geltend machen durfte . Dami hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben und sie vergaß sich so weit , daß sie einmal zur schwarzen Marann ' sagte : » Es heißt nicht umsonst im Sprüchwort , wenn man Feuer unter einem leeren Topf hat , verbrennt eine arme Seel ' . Unter meinem Herzen brennt ein Feuer und meine arme Seele verbrennt . « » Was ist denn ? « » Daß der Dami auch nicht schreibt ! Das Warten , das ist die schrecklichst gemordete Zeit , es giebt keine , die man ärger umbringen kann als mit dem Warten ; da ist man ja in keiner Stunde , in keiner Minute mehr daheim , auf keinem Boden mehr fest , und immer mit einem Fuß in der Luft . « » O Kind ! Sag ' das nicht , « jammerte die Marann ' . » Was willst denn du vom Warten reden ? Denk ' an mich und ich warte geduldig und ich warte bis zu meiner letzten Stunde und geb ' s nicht auf . « In der Erkenntniß fremden Kummers löste sich der Schmerz Barfüßele ' s in Thränen auf und sie klagte : » Mir ist so schwer , ich denk ' jetzt immer an ' s Sterben . Wie viel tausend Kübel Wasser muß ich noch holen und wie viel Sonntage giebt ' s noch ? Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grämen , das Leben hat ja so bald ein Ende , und wenn die Rosel zankt , denk ' ich : ja zank ' du nur , wir sterben Beide bald , dann hat ' s ein End ' . Und dann überfällt mich wieder eine Angst , daß ich mich so arg vor dem Sterben fürchte . Wenn ich so liege und will mir denken , wie es ist , wenn ich todt bin : ich höre nichts , ich sehe nichts , dieses Auge , dieses Ohr ist todt . Alles da um mich her ist nicht mehr da , es wird Tag und ich weiß nichts mehr davon ; man mäht , man erntet , ich bin nicht mehr dabei . O warum ist denn das Sterben ! .. Was willst du machen ? Haben andere auch sterben müssen und die waren noch mehr als du . Man muß es ruhig ertragen . - Horch , der Schütz schellt aus , « so unterbrach sich Barfüßele in der seltsamen Klage , und sie , die eben sterben wollte und wieder nicht sterben wollte , hätte doch gern erfahren , was der Dorfschütz noch ausschellt . » Laß ihn schellen , er bringt dir doch nichts , « sagte die Alte wehmüthig lächelnd . » O was ist der Mensch ! Wie muß Jeder wieder die harte Nuß aufzuknacken suchen und sie doch endlich ungeöffnet bei Seite legen ! Ich will dir sagen , Amrei , was mit dir ist : du bist jetzt sterbensverliebt . Sei froh , so gut wird es wenigen Menschen , es wird wenigen Menschen so wohl , daß sie eine rechte Liebe in sich spüren ; aber nimm dir ein Beispiel an mir , laß die Hoffnung nicht fahren . Weißt , wer schon bei lebendigem Leib gestorben ist ? Wer nicht von jedem Tag , absonderlich wer nicht von jedem Frühling meint : jetzt fängt das Leben erst recht an , jetzt kommt etwas , was noch gar nie dagewesen ist . Dir muß es noch gut gehen , du thust ja lauter Gottesthaten . Was hast du an deinem Bruder gethan , was an mir , was am alten Rodelbauer , was an allen Menschen ! Aber es ist gut , daß du nicht weißt , was du thust . Wer Gutes thut und betet und immer daran denkt und sich was drauf einbildet , der betet sich durch den Himmel durch und muß auf der andern Seite die Gänse hüten . « » Das hab ' ich schon hier gethan , davon bin ich erlöst , « lachte Barfüßele uud die Alte fuhr fort : » Mir sagt eine Stimme , daß der , der mit dir getanzt hat , mein Johannes gewesen ist , kein anderer Mensch . Und ich will dir ' s nur sagen : wenn er nicht verheirathet ist , dich muß er nehmen . Sammetkleider hat mein Johannes immer gern gehabt und ich denk ' jetzt so : er läuft jetzt um die Grenze herum , bis unser König stirbt , dann kommt er herein in ' s Land : aber Unrecht ist ' s , daß er mir nichts sagen läßt und es thut mir so and ( bang ) nach ihm . « Barfüßele schauderte vor der unverwüstlichen Hoffnungskraft der schwarzen Marann ' und wie sie sich immer und immer an ihr festhielt . Sie erwähnte fortan selten den Fremden , nur wenn sie von der Hoffnung auf Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte , konnte sie sich nicht enthalten , dabei auch zugleich an den Fremden zu denken . Er war ja nicht über dem Meer und konnte doch auch wiederkommen und schreiben ; aber freilich , er hat dich ja nicht gefragt : wo du her bist . Wieviel tausend Städte und Dörfer und Einsiedelhöfe giebt ' s in der Welt , vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder . Aber nein , er kann ja in Endringen fragen . Er kann nur den Dominik fragen und das Ameile und die werden ihm gut Bescheid geben . Aber ich weiß nicht , wo er ist , ich kann nichts thun . « Es war wieder Frühling geworden und Amrei stand bei ihren Blumen am Fenster , da kam eine Biene daher geflogen und saugte sich fest an dem offenen Kelch . Ja so ist ' s , dachte Barfüßele , so ein Mädchen ist wie eine Pflanze festgewachsen an den Ort , das kann nicht herumgehen und suchen , das muß warten bis das da zufliegt . » Wenn ich ein Vöglein wär ' Und auch zwei Flügelein hätt ' , Flög ich zu dir ; Weil ' s aber nicht kann sein , Bleib ich allhier . Bin ich gleich weit von dir , Bin ich doch im Tranrn bei dir Und red ' mit dir ; Wenn ich erwachen thu ' , Bin ich allein . Es vergeht kein ' Stund in der Nacht , Daß nicht mein Herz erwacht Und an dich denkt - So sang Barfüßele . Es war wunderbar , wie jetzt alle Lieder auf Barfüßele gesetzt waren , und wie viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen und wie viel Tausende werden sie sich noch aus der Seele singen . Ihr , die ihr euch sehnt und endlich ein Herz umschlungen haltet , ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller derer , die je waren und sein werden . 12. Er ist gekommen . Barfüßele stand eines Sonntags Nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die Thürpfoste des Hauses gelehnt und schaute träumend vor sich hin ; da kam der Enkel des Kohlenmathes das Dorf herausgesprungen und winkte schon von fern und rief : » Er ist gekommen ! Barfüßele , er ist gekommen ! « Barfüßele zitterten die Kniee und mit bebender Stimme rief sie : » Wo ist er ? wo ? « » Bei meinem Großvater im Moosbrunnenwald . « » Wo ? Wer ? Wer schickt dich ? « » Dein Dami . Er ist drunten im Wald . « Barfüßele mußte sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen , aber nur eine Minute , dann bezwang sie sich selbst , richtete sich straff auf mit den Worten : » Mein Dami ? Mein Bruder ? « » Ja , des Barfüßele ' s Dami , « sagte der Knabe treuherzig , » und er hat mir versprochen , du gäbest mir einen Kreuzer , wenn ich zu dir Boten gehe und es dir sage ; jetzt gieb mir einen Kreuzer . « » Mein Dami wird dir schon drei dafür geben . « » O nein , « sagte der Knabe , » er hat ja zu meinem Großvater geheult , weil er keinen Kreuzer mehr habe . « » Ich habe jetzt auch keinen , « sagte Bafüßele , » aber ich bleib ' dir gut dafür . « Sie ging schnell zurück in ' s Haus , bat die Neben magd an ihrer Statt die Kühe zu melken , wenn sie zum Abend nicht wieder da sei ; sie müsse schnell einen Gang machen . Mit Herzklopfen , bald im Zorn auf Dami , bald in Wehmuth über ihn und sein Ungeschick , bald in Aerger , daß er wieder da sei und dann wieder in Vorwürfen , daß sie ihrem einzigen Bruder so begegne , ging Barfüßele das Feld hinaus , das Thal hinab nach dem Moosbrunnenwald . Der Weg zum Kohlenmathes war