der eingesprengte Stoff in der Spalte , strahlend , rundlich , goldgelb , und in weißrötlicher Druse hafteten Opalkristalle . Prüfend sah Ekkehard auf das abgelöste Stück . Der Stein war ihm fremd . Edelstein war ' s nicht ; die gelehrten Männer haben ihn später Natrolith getauft . » Seht Ihr , daß ich etwas weiß ! « sprach Audifax . » Was soll ich damit ? « fragte Ekkehard . » Das wißt Ihr besser als ich , Ihr könnt ' s schleifen lassen und Eure großen Bücher damit verzieren - gebt Ihr mir jetzt den Zauber ? « Ekkehard mußte des Knaben lachen . » Du sollst Bergknappe werden « , sprach er und wollte gehen . Aber Audifax hielt ihn am Gewand . » Ihr müßt mich jetzt aus Eurem Buch lehren ! « » Was ? « » Den stärksten Spruch ... « Eine Anwandlung des Scherzes kam über Ekkehards ernstes Antlitz . » Komm mit mir « , sprach er , » du sollst ihn haben , den stärksten Spruch . « Frohlockend ging Audifax mit ihm . Da sagte ihm Ekkehard lachend den virgilianischen Vers : » Auri sacra fames , quid non mortalia cogis PectoraA1 ? « und mit eiserner Geduld sagte Audifax die fremden Worte her , bis er sie sprachrichtig dem Gedächtnis eingeprägt . » Schreibt mir ' s auf , daß ich ' s auf dem Leib tragen kann « , bat er ihn . Ekkehard gedachte den Scherz vollständig zu machen und schrieb ihm die Worte auf einen dünnen Pergamentstreif , der Knabe barg ' s in seiner Brusttasche ; hoch schlug sein Herz , wiederum küßte er Ekkehards Gewand - in Sprüngen , wie sie die kletterfroheste Ziege nicht machte , sprang er aus dem Hofe . » Bei diesem Kinde gilt Virgilius mehr als bei der Herzogin « , dachte Ekkehard . Des Mittags sah Audifax wieder auf seinem Steinblock . Aber es perlten keine Tränen mehr in seinen scheuen Angen ; seit langem zum erstenmal war die alte Sackpfeife wieder mit ihm auf die Ziegenhut ausgezogen , der Wind trug die Klänge ins Tal hinab . Vergnügt kam seine Freundin Hadumoth zu ihm herüber . » Wollen wir wieder Seifenblasen machen ? « frug sie ihn . » Ich mache keine Seifenblasen mehr ! « sprach Audifax und blies auf seiner Pfeife weiter . Dann stund er auf , sah sich sorgsam um , zog Hadumoth zu sich - sein Auge glänzte seltsam : » Ich bin beim heiligen Mann gewesen « , raunte er ihr ins Ohr , » heute nacht heben wir den Schatz , du gehst mit . « Hadumoth versprach ' s ihm . Der dienenden Leute Nachtessen in der Gesindestube war zu Ende ; gleichzeitig standen sie alle von ihren Bänken auf und stellten sich in die Reihe ; zu unterst waren Audifax und Hadumoth gesessen , die junge Hirtin sprach den grobkörnigen Menschen das Gebet vor , sie zitterte heut mit der Stimme ... Eh ' der Tisch abgeräumt war , huschte es wie zwei Schatten zu dem noch unverschlossenen Burgtor hinaus , es waren die zwei Kinder , Audifax ging voran . » Die Nacht wird kalt sein « , hatte er zu Hadumoth gesagt und ihr ein langhaariges Ziegenfell umgeworfen . Da , wo der Berg jäh nach Süden hin abfällt , war ein alter Erdwall gezogen , dort machte Audifax halt - sie waren vor dem Herbstwind geschützt . Er streckte seinen Arm in gerader Richtung aus : » Ich meine , hier soll ' s sein ! « sprach er . » Wir müssen noch lang ' warten , bis Mitternacht . « Hadumoth sprach nichts . Die beiden setzten sich dicht nebeneinander . Der Mond war aufgegangen , sein Licht zitterte durch halbdurchsichtiges Gewölk . Auf der Burg oben waren etliche Fenster hell , sie saßen wieder über dem Virgilius droben ... am Berg war ' s still , selten strich der Schleiereule heiserer Ruf herüber . Nach langer Frist fragte Hadumoth schüchtern : » Wie wird ' s werden , Audifax ? « » Ich weiß nicht « , war die Antwort . » Es wird einer herkommen und wird ihn herbringen , oder die Erde tut sich auf und wir steigen hinunter , oder ... « » Sei still « , sprach Hadumoth , » ich fürcht ' mich . « Und wieder war eine gute Frist vergangen , Hadumoth hatte ihr Haupt an Audifax ' Brust gelehnt und war eingeschlummert , er aber rieb sich den Schlaf aus den Augen , dann schüttelte er seine Gefährtin . » Hadumoth « , sprach er , » die Nacht ist lang , erzähl ' mir was . « » Mir ist was Böses eingefallen « , sprach sie . » Es war einmal ein Mann , der ging pflügen ums Morgenrot , da pflügte er den Goldzwerg aus der Furche , der stand vor ihm und grinste ihn freundlich an und sprach : Nimm mich mit ! Wer uns nicht sucht , dem gehören wir , wer uns sucht , den erwürgen wir ... Audifax , ich furcht ' mich . « » Gib mir deine Hand « , sagte Audifax , » daß du mutig bleibest . « Die Lichter auf der Burg waren erloschen . Dumpfer Hornruf des Wächters auf dem Turm kündete Mitternacht . Da kniete Audifax nieder , und Hadumoth kniete neben ihn , er hatte seinen Holzschuh vom rechten Fuß gezogen , daß er mit nackter Sohle auf dem dunkeln Erdreich aufstand , den Pergamentstreifen hielt er in der Hand , und mit fester Stimme sprach er die Worte , deren Sinn ihm fremd : » Auri sacra fames , quid non mortalia cogis Pectora ? « er hatte sie wohl behalten . Und auf den Knien blieben die beiden und harrten dessen , was da kommen sollte ... Aber es kam kein Zwerg und kein Riese und die Erde tat sich auch nicht auf ; die Gestirne glänzten zu ihren Häupten kalt und fern , kühl wehte die Nachtluft ... Doch über einen Glauben so fest und tief , wie den der beiden Kinder , soll niemand lachen , auch wenn damit keine Berge versetzt und keine Schätze gefunden werden . Jetzt Hub sich ein unsicheres Leuchten am Himmelsgewölb ' , eine Sternschnuppe kam geflogen , ein flimmernder Glanzstreif zeichnete ihre Bahn , viel andere folgten nach - » es kommt von oben « , flüsterte Audifax und preßte krampfhaft das Hirtenkind an sich , » auri sacra fames ... « rief er noch einmal in die Nacht hinaus , strahlend kreuzten sich die Meteore , das erste erlosch , das zweite erlosch - es war wieder ruhig am Himmel wie zuvor ... Lang ' und scharf sah sich Audifax um . Dann stand er betrübt auf . » Es ist nichts « , sagte er mit zitternder Stimme , » sie sind in See gefallen . Sie gönnen uns nichts . Wir werden Hirten bleiben . « » Hast du des heiligen Mannes Spruch auch recht gesagt ? « fragte ihn Hadumoth . » Wie er ihn mich lehrte . « » Dann hat er dich nicht den rechten gelehrt . Er wird den Schatz selber heben . Vielleicht hat er ein Netz dorthin gelegt , wo die Sterne fielen ... « » Das glaub ' ich nicht « , sprach Audifax . » Sein Antlitz ist mild und gut , und seine Lippen sprechen kein Falsch . « Hadumoth sann nach . » Vielleicht weiß er den rechten Spruch nicht ? « » Warum ? « » Weil er den rechten Gott nicht hat . Er hat den neuen Gott . Die alten Götter waren auch stark . « Audifax hielt seiner Gefährtin den Finger auf die Lippen . » Schweig ! « sprach er . » Ich fürchte mich nicht mehr « , sagte Hadumoth . » Ich weiß noch eine andere , die versteht sich auch auf Sprüche . « » Wen ? « Hadumoth deutete hinüber , wo aus lang gestrecktem Tannensaum ein dunkler Bergkegel steil aufstieg . » Die Waldfrau ! « antwortete sie . » Die Waldfrau ? « sprach Audifax erschrocken . » Die , die das große Gewitter gemacht , wo die Schloßen so groß wie Taubeneier ins Feld einschlugen , und die den Centgrafen von Hilzingen gefressen hat , daß er nimmer heimkam ? « » Eben darum . Wir wollen sie fragen . Die Burg ist uns doch verschlossen und die Nacht kalt . « Das Hirtenmägdlein war keck und mutig geworden . Das Mitleid um Audifax war groß in ihr ; sie hätte ihm so gern zu seiner Wünsche Erfüllung verholfen . » Komm ! « sprach sie lebhaft , » wenn dir ' s bange wird im Wald , so blas ' auf deiner Pfeife . Die Vögel antworten . Es geht dem Morgen entgegen . « Audifax erhob keinen Einwand mehr . Da gingen sie miteinand durchs dichte Gehölz nordwärts , es war ein dunkler Tannenwald , sie kannten den Pfad . Niemand war des Weges . Nur ein alter Fuchs stand lauernd auf einem Rain , aber er war vom Erscheinen der beiden Kinder so wenig befriedigt , als diese von den schnell verflogenen Sternschnuppen . Auch bei Füchsen kommt oft etwas ganz anderes , als sie wünschen und erwarten . Darum zog er seinen Schweif ein und schlug sich seitwärts . Sie waren eine Stunde weit gegangen , da stunden sie vor dem Fels Hohenkrähen . Zwischen Bäumen versteckt stund ein steinern Hauslein ; sie hielten . » Der Hund wird Laut geben ! « sprach Hadumoth . Aber kein Hund rührte sich . Sie traten näher , die Tür stand offen . » Die Waldfrau ist fort ! « sprachen sie . Aber auf dem Fels Hohenkrähen brannte ein verglimmend Feuerlein . Dunkle Gestalten regten sich . Da schlichen die Kinder den Felspfad hinauf . Schon stand ein heller Luftstreif hinter den Bergen am Bodensee . Es ging steil in die Höhe . Oben , wo das Feuer glimmte , war ein Felsenvorsprung . Eine breitgipflige Eiche breitete ihre dunklen Äste aus . Da duckten sich Audifax und Hadumoth hinter einen Stein und schauten hinüber . Es war ein Tier geschlachtet worden , ein Haupt , wie das eines Pferdes , war an den Eichstamm genagelt , Spieße standen über dem Feuer , Knochen lagen umher . In einem Gefäß war Blut . Am einen zugehauenen Felsblock saßen viele Männer , ein Kessel mit Bier stand auf dem Stein120 , sie schöpften daraus mit steinernen Krügen . An der Eiche kauerte ein Weib . Sie war nicht so liebreizend wie jene alemannische Jungfrau Bissula , die dem römischen Staatsmann Ausonius einst trotz seiner sechzig Jahre das Herz berückte , daß er idyllendichtend auf seiner Präfekturkanzlei einherschritt und sang : » Sie ist von Augen himmelblau , und golden das rötliche Haar , ein Barbarenkind , hoch über allen Puppen Latiums , der sie malen will , muß Rosen und Lilien mischen121 . « Das Weib auf dem Hohenkrähen war alt und struppig . Die Männer schauten nach ihr . Zusehends hellte sich der Himmel im Osten . In die Nebel über dem See kam Bewegung . Jetzt warf die Sonne ihre ersten Strahlen vergüldend über die Berge , bald stieg der feurige Ball empor , da sprang das Weib auf , die Männer erhoben sich schweigend ; sie schwang einen Strauß von Mistel und Tannreis , tauchte ihn in das Gefäß mit Blut , sprengte dreimal der Sonne entgegen , dreimal über die Männer , dann goß sie des Gefäßes Inhalt in das Wurzelwerk der Eiche . Die Männer hatten ihre Krüge ergriffen , sie rieben sie in einförmiger Weise dreimal auf dem geglätteten Fels , daß ein summendes Getön entstand , hoben sie gleichzeitig der Sonne entgegen und tranken aus ; im gleichen Takte setzte jeder den Krug nieder , es klang wie ein einziger Schlag . Dann warf ein jeglicher seinen Mantel um , schweigend zogen sie den Fels hinab122 . Es war die Nacht des ersten November . Wie es still geworden auf dem Platz , wollten die Kinder vortreten zur Waldfrau . Audifax hatte sein Streiflein Pergament zur Hand genommen - aber das Weib riß einen Feuerbrand aus der Asche und schritt ihnen drohend entgegen . Da flohen sie in Hast den Berg hinunter . Fußnoten A1 Gräulicher Hunger nach Golde , wozu nicht zwingst du der Menschen nimmersattes Gemüt ? Neuntes Kapitel . Die Waldfrau . Audifax und Hadumoth waren in die Burg von Twiel zurückgekehrt . Ihres nächtlichen Ausbleibens war nicht geachtet worden . Sie schwiegen von den Begegnissen jener Nacht . Auch unter sich . Audifax hatte viel nachzudenken . In seiner Ziegen Hut war er säumig . Eine seiner Untergebenen verlief sich nach den platten Hügeln hin , die den Lauf des dem Bodensee entströmenden Rheines umsäumen . Da ging er , sie zu suchen ; einen Tag blieb er aus , dann kehrte er mit der Entronnenen zurück . Hadumoth freute sich des Erfolges , der ihrem Gefährten Schläge ersparte . Der Winter kam mählich heran , die Tiere blieben im Stall . Eines Tages saßen die Kinder am Kaminfeuer in der Knechtstube . Sie waren allein . » Du denkst noch immer an Schatz und Spruch ? « sagte Hadumoth . Da zog sie Audifax geheimnisvoll zu sich : » Der heilige Mann hat doch den rechten Gott ! « sprach er . » Warum ? « frug Hadumoth . Er ging in seine Kammer hinüber ; im Stroh seines Lagers hatte er allerhand Gestein untergebracht , er griff einen heraus und brachte ihn herüber : » Schau an ! « sprach er . Es war ein glimmeriger grauer Schieferstein , er umschloß die Reste eines Fisches , in zartem Umriß waren Haupt , Flossen und Gräten dem Schiefer eingedrückt . Den hab ' ich drüben am Schiener Berg123 mitgenommen , da ich die Ziege suchen ging . Der muß von der Flut sein , von der der Vater Vincentius einmal gepredigt hat , und die Flut hat der Herr Himmels und der Erde über die Welt gehen lassen , da er den Noah das große Schiff bauen ließ , davon weiß die Waldfrau nichts . Hadumoth wurde nachdenklich : » Dann ist die Waldfrau schuld , daß uns die Sterne nicht in den Schoß gefallen sind , wir wollen sie beim heiligen Mann verklagen . « Da gingen die beiden zu Ekkehard und berichteten ihm , was in jener Nacht auf dem Hohenkrähen vorgegangen . Er hörte sie freundlich an . Des Abends erzählte er ' s der Herzogin . Frau Hadwig lächelte . » Sie haben einen seltsamen Geschmack , meine treuen Untertanen « , sprach sie . » Überall sind ihnen schmucke Kirchen gebaut , sanft und eindringlich wird das Wort Gottes verkündet , stattlicher Gesang , große Feste , Bittgänge mit Kreuz und Fahnen durch wogendes Kornfeld und Flur , - und doch ist ' s nicht genug . Da müssen sie noch in kalter Nacht auf ihren Berggipfeln sitzen und wissen selber nicht , was sie dort treiben , außer daß Bier getrunken wird . Wir kennen das . Was haltet Ihr von der Sache , frommer Ekkehard ? « » Aberglaube ! « sprach der Gefragte , » den der böse Feind noch immer in abtrünnige Gemüter säet . Ich hab ' in unsern Büchern gelesen von den Werken der Heiden , wie sie im Dunkel der Wälder , an einsamen Wegscheiden und Quellen und selbst an den dunkeln Gräbern der Toten ihre zaub ' rischen Listen treiben . « » Sie sind keine Heiden mehr « , sagte Frau Hadwig . » Ein jeder ist getauft und seinem Pfarrherrn zugewiesen . Aber es lebt noch ein Stück alte Erinnerung in ihnen , die ist sinnlos geworden und zieht sich doch durch ihr Denken und Tun , gleich dem Rhein , wenn er in Winterszeit tief unter des Bodensees Eisdecke geräuschlos weiter fließt . Was wollt Ihr mit ihnen beginnen ? « » Vertilgen ! « sprach Ekkehard . » Wer seinen Christenglauben bricht und dem Gelübde seiner Taufe untreu wird , soll fahren in die ewige Verdammnis . « » Halt an , junger Eiferer « , sagte Frau Hadwig ; » meinen Hegauer Mannen sollt Ihr darum das Haupt noch nicht abschlagen , daß sie die erste Nacht des Herbstmonats lieber auf dem kalten hohen Krähen sitzen , als auf ihrem Strohlager schlafen ; sie tun doch , was sie müssen , und schon im Heerbann des großen Kaiser Karl haben sie dereinst gegen die heidnischen Sachsen gefochten , als wär ' ein jeder zum erlesenen Rüstzeug der Kirche geweiht . « » Mit dem Teufel « , rief Ekkehard hochfahrend , » ist kein Friede . Wollet Ihr lau im Glauben sein , Herrin ? « » Im Regieren einer Landschaft « , sprach sie mit leisem Spott , » lernt sich manches , das in Euren Büchern nicht steht . Wißt Ihr auch , daß der Schwache wirksamer durch seine Schwäche geschlagen wird als durch die Schneide des Schwerts ? Wie der heilige Gallus einst in die Trümmer von Bregenz drüben einzog , da lag der heiligen Aurelia Altar zerstört , drei eherne Götzenbilder stunden aufgerichtet ; um den großen Bierkessel , der niemals fehlen darf , so oft man hierlands in alter Weise fromm sein will , saßen sie und tranken . Der heilige Gall hat keinem ein Leides getan , aber ihre Bilder hat er in Stücke geschlagen und hinausgeschleudert , daß sie zischend einfuhren ins grüne Gewoge des Sees , und in ihren Bierkessel hat er ein Loch gehaucht und das Evangelium gepredigt an derselben Stelle ; es fiel kein Feuer vom Himmel , ihn zu verzehren , sie aber sahen , daß ihre Sache nichts war , und bekehrten sich124 . Verständig sein heißt nicht lau im Glauben sein ... « » Das war damals « ... begann Ekkehard . » Und itzt « - fiel ihm Frau Hadwig ins Wort , » itzt steht die Kirche aufgerichtet vom Rhein bis ans nördliche Meer , stärker als die Kastelle der Römer zieht sich eine Kette von Klöstern durchs Land , Festungen des Glaubens ; bis in die Wildnisse des Schwarzwalds ist längst das Wort christlicher Bekenner gedrungen , was wollt Ihr mit den Nachzüglern vergangener Zeiten so schweren Kampf fechten125 ? « » So belohnet sie denn « , sprach Ekkehard bitter . » Belohnen ? « sagte die Herzogin . » Zwischen entweder und oder führt noch manches Sträßlein . Wir müssen einschreiten gegen den nächtlichen Unfug . Warum ? Kein Reich mag gut bestehen bei zweierlei Glauben , das führt die Gemüter gegeneinand in Schlachtordnung und ist unnötig , solange draußen Feinde genug lauern . Des Landes Gesetz hat ihnen das törichte Wesen untersagt , sie sollen merken , daß unser Gebot und Verbot nicht in Wind gesprochen ist . « Ekkehard schien von dieser Weisheit nicht befriedigt . Ein Zug von Mißmut flog über sein Antlitz . » Höret « , fuhr die Herzogin fort , » was ist Eure Meinung von der Zauberei überhaupt ? « » Die Zauberei « , sprach Ekkehard mit Ernst und schwerem Atemzug , der auf den Vorsatz einer längeren Rede zu deuten schien , » ist eine verdammliche Kunst , wodurch der Mensch sich die Dämonen , die allenthalb in der Natur walten und nisten , dienstbar macht . Auch im Anlebendigen ruht Lebendiges verborgen , wir hören es nicht und sehen es nicht , aber verführend weht es an unbewachtes Gemüt , mehr zu erfahren und mehr zu wirken , als ein treuer Knecht Gottes erfahren und wirken kann - das ist das alte Blendwerk der Schlange und der Mächte der Finsternis ; wer sich ihnen zu eigen macht , kann ein Stück von ihrer Gewalt erlangen , aber er herrscht über die Teufel durch deren Obersten und verfällt ihm , wenn seine Zeit aus ist . Darum ist die Zauberei so alt wie die Sünde , und statt daß der eine wahre Glaube sei auf der Welt und die eine Mildigkeit der Werke , anzubeten den dreieinigen Gott , gehen noch Weissager umher und Traumdeuter und Traumscheider und Liedersetzer und Rätsellöser , vor allem aber sind unter den Töchtern Evas die Anhängerinnen solcher Künste zu suchen ... « » Ihr werdet artig « , unterbrach ihn Frau Hadwig - » Denn der Frauen Gemüt « , fuhr Ekkehard fort , » ist allzeit neugieriger Erforschung und Ausübung verbotener Dinge zugewendet . Wenn wir mit Lesung des Virgilius fortschreiten , werdet Ihr den Ausbund der Zauberei in Gestalt des Weibes Circe angedeutet sehen , die auf unzugänglichem Vorgebirg ' singend haust , lieblich duftender Span von Zedernholz erleuchtet die dunkeln Gemächer , mit fleißigem Weberschifflein webt sie viel zartes Gezeug , aber draußen im Hof tönt seufzendes Knurren von Löwen und Wölfen und der Schweine Gegrunz , die sie alle aus Menschen durch zauberischen Trank in der Tiere Gestalt verwandelt ... « » Ihr sprechet ja wie ein Buch « , sagte die Herzogin spitz . » Ihr sollet Eure Wissenschaft von der Zauberei weiter bilden . Reitet denn auf den hohen Krähen hinüber und untersuchet , ob die Waldfrau eine Circe , und regieret in unserem Namen , wir sind neugierig , was Eure Weisheit ordnet . « » Es ist nicht meine Wissenschaft « , erwiderte er ausweichend , » wie man die Völker regiert und die Dinge der Welt gebietend schlichtet . « » Das findet sich « , sprach Frau Hadwig , » es hat noch selten einen in Verlegenheit gebracht , am wenigsten einen Sohn der Kirche . « Ekkehard fügte sich . Der Auftrag war ihm ein Beweis von Vertrauen . Andern Morgens ritt er nach dem hohen Krähen . Den Audifax nahm er mit , daß er ihm den Weg zeige . » Glückliche Reise , Herr Reichskanzler ! « rief ihm eine lachende Stimme nach . Es war Praxedis . Bald kamen sie vor der Waldfrau Behausung . Auf einem Vorsprung , in halber Höhe des steilen Felsens , stand ihre steinerne Hütte , mächtige Eich- und Buchstämme breiteten ihre Äste darüber und verdeckten den ragenden Gipfel des hohen Krähen . Drei wie Stufen geschichtete Klingsteinplatten führten ins Innere . Es war eine hohe dunkle Stube . Viel getrocknete Waldkräuter lagen aufgehäuft , würziger Geruch entströmte ihnen ; drei weißgebleichte Pferdeschädel grinsten gespenstig von den Pfeilern der Wand herab126 , ein riesig Hirschgeweih hing dabei . In den hölzernen Türpfosten war ein verschlungenes Doppeldreieck geschnitten . Ein zahmer Waldspecht hüpfte in der Stube umher , ein Rabe , dem die Schwingen gekürzt , war sein Genosse . Die Inwohnerin saß am glimmenden Feuer des Herdes und nähte an einem Gewand . Ein hoher behauener , halb verwitterter Stein stand ihr zur Seite . Von Zeit zu Zeit bückte sie sich zum Herde und hielt ihre magere Hand über die Kohlen ; Novemberkälte lag auf Berg und Wald . Die Zweige einer alten Buche neigten sich schier zum Fenster herein , ein leiser Windeshauch bewegte sie , das Laub war herbstgelb und morsch und zitterte und brach ab , etliche welke Blätter wirbelten in die Stube . Und die Waldfrau war einsam und alt und mochte frieren : » Da liegt ihr nun verachtet und welk und tot « , sprach sie zu den Blättern , » und ich gleiche euch . « Ein fremdartiger Zug umflog ihr runzlig Antlitz . Sie dachte vergangener Zeiten , da auch sie jung und frühlingsgrün gewesen und einen Liebsten gehabt - aber den hatte sein Schicksal weit hinausgetrieben aus dem heimischen Tannwald , raubende Nordmänner , die einst mit Sengen und Brennen den Rhein herauffuhren , hatten ihn und viel andere Heerbannleute gefangen mitgeschleppt , und er war bei ihnen geblieben über Jahresfrist und hatte den Seemannsdienst gelernt und war wild und trotzig geworden in der Strandluft des Meeres , und wie sie ihn wieder frei gaben , trug er die Nordseesehnsucht mit sich in schwäbischen Wald , - die Gesichter der Heimat gefielen ihm nimmer wieder , die der Mönche und Priester am wenigsten , und das Unglück fügte es , daß er in zornigem Aufbrausen einen wandernden Mönch erschlug , der ihn gescholten , da war seines Bleibens nicht fürder . Der Waldfrau Gedanken hafteten heut immerdar auf jener letzten Stunde , die ihn von ihr geschieden . Da hatten ihn die Gerichtsmänner vor seine Hütte im Weiterdinger Wald geführt , sechshundert Schillinge sollte er als Wehrgeld für den Erschlagenen zahlen , und wies ihnen statt dessen Haus und Hofmark zu und schwur mit zwölf Eideshelfern , daß er nichts unter und nichts ober der Erde mehr zu eigen habe . Drauf ging er in sein Haus , sammelte eine Hand voll Erde , stand auf die Schwelle und warf mit der Linken die Erde über seine Schultern auf seines Vaters Bruder , als Zeichen , daß seine Schuld auf diesen seinen einzigen Blutsverwandten übergehen solle , er aber griff einen Stab und sprang im leinenen Hemde ohne Gürtel und Schuhe über den Zaun seines Hofes ; das Recht der chrene chruda127 schrieb ' s so vor , und damit war er seiner Heimat ledig und ging in Wälder und Wüsten - ein landflüchtiger Mann , und ging wieder ins Dänenland zu seinen Nordmännern und kam nimmer zurück . Nur eine dunkle Kunde sagte , er sei mit ihnen nach Island hinübergefahren , wo die tapfern Seefahrer , die ihren Nacken nicht beugen wollten vor neuem Glauben und neuer Herrschaft , sich ein kaltes Asyl gegründet . Das war schon lange , lange her , aber der Waldfrau war es , als sähe sie ihren Friduhelm noch , wie er ins Waldesdunkel sprang ; sie hatte damals ins Weiterdinger Kirchlein einen Kranz von Eisenkraut gehängt und viel Tränen vergossen ... kein anderer hatte sein Bild aus ihrer Seele verdrängt . Die traurige Jahreszeit gemahnte sie an ein altes Nordmännerlied , das er sie einst gelehrt ; das summte sie jetzt vor sich hin : » Der Abend kommt und die Herbstluft weht , Reifkälte spinnt um die Tannen , O Kreuz und Buch und Mönchsgebet - Wir müssen alle von dannen . Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt , Trüb rinnen die heiligen Quellen : Du götterumschwebter , du grünender Wald , Schon blitzt die Axt , dich zu fällen ! Und wir ziehen stumm , ein geschlagen Heer , Erloschen sind unsere Sterne - O Island , du eisiger Fels im Meer , Steig ' auf aus nächtiger Ferne . Steig ' auf und empfah unser reisig Geschlecht - Auf geschnäbelten Schiffen kommen Die alten Götter , das alte Recht , Die alten Nordmänner geschwommen . Wo der Feuerberg loht , Glutasche fällt , Sturmwogen die Ufer umschäumen : Auf dir , du trotziges Ende der Welt , Die Winternacht woll ' n wir verträumen ! « Ekkehard war indes draußen abgestiegen und hatte sein Roß an eine Tanne gebunden . Jetzt trat er über die Schwelle ; scheu ging Audifax hinter ihm drein . Die Waldfrau warf das Gewand über den Stein , faltete die Hände in ihren Schoß und sah starr dem eintretenden Mann im Mönchsgewand entgegen . Sie stand nicht auf . » Gelobt sei Jesus Christ ! « sprach Ekkehard als Gruß und Ablenkung etwaigen Zaubers . Unwillkürlich schlug er den Daumen der Rechten ein und schloß die Hand , er fürchtete das böse Auge128 und seine Gewalt ; Audifax hatte ihm erzählt , die Leute sagten von ihr , daß sie mit einem Blick ein ganzes Grasfeld dürre zu machen vermöge . Sie antwortete nicht auf den Gruß . » Was schafft Ihr Gutes ? « hub Ekkehard das Gespräch an . » Einen Rock bessern « , sprach die Alte , » er ist schadhaft geworden . « » Ihr sucht auch Kräuter ? « » Such ' auch Kräuter . « - » Seid Ihr ein Kräutermann ? Dort liegen viele : Habichtskraut und Schneckenklee , Bocksbart und Mäuseohr , auch dürrer Waldmeister , so Ihr begehrt . « » Ich bin kein Kräutermann « , sprach Ekkehard . » Was macht Ihr mit den Kräutern ? « » Braucht Ihr zu fragen , wozu Kräuter gut sind ? « sprach die Alte , » Euer einer weiß das auch . Es stünd ' schlimm um kranke Menschen und krankes Tier und schlimm um Abwehr nächtiger Unholde und Stillung liebender Sehnsucht , wenn keine Kräuter wären . « » Und Ihr seid getauft ? « fuhr Ekkehard ungeduldig fort . » Sie werden mich auch getauft haben ... « » Und wenn Ihr getauft seid « , rief er mit erhobener Stimme , » und dem Teufel versagt habt und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden , was soll das ? « Er deutete mit seinem Stab nach den Pferdeschädeln an der Wand und stieß einen heftig an , daß er herunterfiel und in Stücke brach ; die weißen Zähne rollten auf dem Fußboden umher . » Der Schädel eines Rosses « , antwortete die Alte gelassen , » den Ihr jetzt zertrümmert habt . Es war ein junges Tier , Ihr könnt ' s am Gebiß noch sehen . « » Und der Rosse Fleisch schmeckt Euch ? « frug Ekkehard . » Es ist kein unrein Tier « , sagte die Waldfrau , » und sein Genuß nicht verboten . « » Weib ! « rief Ekkehard und trat hart vor sie hin - » du treibst Zauberkunst und Hexenwerk ! « Da stand die Alte auf . Ihre Stirn runzelte sich , unheimlich glänzten die