Wagen , ließ Clara einsteigen und setzte sich an ihre Seite . Bei dem Bübchen war dies Nachhausefahren das beste Linderungsmittel für den Schmerz um die kleine Schwester ; er schaukelte sich in den weichen Kissen , lief mit den Pferden Trab , das heißt , in seinen Phantasten , und indem er seine Beine so schnell als möglich auf und ab bewegte , trommelte er zur Abwechslung auf die Fensterscheiben und verfiel endlich in ein langes und tiefes Nachsinnen , als dessen endliches Resultat er Therese fragte , wo sie den Wagen eigentlich her habe und ob sie seiner Schwester Clara nicht auch einen ähnlichen verschaffen könne . Clara selbst hatte diese Frage überhört , denn sie dachte an allerlei , an verschiedene Leute , die auf dem Kirchhof waren , sowie an Andere , die sie nicht dagesehen , und als jetzt der Wagen bei einem gewissen großen Hause vorbei rollte - es war ein sehr stattliches Gebäude , welches an der Spitze gothische Fenster und mehrere Balkons hatte - da blickte sie erröthend auf die Seite und seufzte tief auf . Clara ' s Vater war inzwischen auf einem anderen Wege zur Stadt zurückgekehrt , und wenn er auch , je näher er an die Häuser kam , um so langsamer ging , so erreichte er dieselben doch am Ende , sowie auch das Ziel seines Ganges , obgleich er recht kleine Schritte , ja sogar wohl absichtlich einen Umweg gemacht ; auch rechnete er unterwegs viel zusammen , wenigstens spreizte er im Dahingehen die Finger seiner linken Hand oftmals weiter von einander und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten daran herum , worauf er nachdenkend zum Himmel aufblickte . Wir glauben aber nicht , daß das Resultat dieser Berechnungen für den alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel , denn so oft es beendigt zu sein schien , ließ er seinen Kopf ein paar Linien tiefer zwischen die Schultern sinken und zog auch wohl ein rothgelbes Sacktuch aus der Tasche , um damit über das Gesicht zu fahren . Endlich bog er aus der engen in eine breitere Straße ein und blieb vor einem Hause stehen , neben dessen Thüre ein kleiner schwarzer Schild angebracht war , auf dem mit goldenen Buchstaben geschrieben stand : » Johann Christian Blaffer und Comp . « Da es uns , geneigter Leser , kraft einer gewissen Zaubermacht , verliehen ist , mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu versetzen , ohne Treppen , Wege und dergleichen benützen zu müssen , ja sogar ganz verschlossene Thüren für uns kein Hinderniß sind , so wollen wir uns in den ersten Stock des gedachten Hauses begeben , und unsichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten , wo wir den Herrn des Hauses und des schwarzen Schildes , Johann Christian Blaffer , Verlagsbuchhändler , antreffen . Zwölftes Kapitel . Johann Christian Blaffer und Comp . Der würdige Mann , der diese Firma repräsentirte , saß bei seinem Frühstückstisch und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art : Zeitungen , Broschüren , Correcturbogen und dergleichen neben sich liegen ; er stöberte emsig darin herum , hatte aber die Gewohnheit , alle paar Minuten über das Blatt , das er gerade in der Hand hatte , hinwegzusehen und einen Blick in das Nebenzimmer , zu werfen , dessen Thüre halb geöffnet war ; meistens blieb es aber nicht bei diesem Sehen , denn sehr häufig räusperte sich Herr Blaffer sehr laut , oder er spuckte auf die Seite und rief alsdann mit heiserem , schnarrendem Tone : » Herr Beil ! - Herr Beil ! - ich glaube nicht , daß ich Sie auf meinem Comptoir angestellt habe , um Decke und Wände zu betrachtet : Sie thäten weit besser , Herr , wenn Sie sich um Ihr Buch bekümmerten , oder die Bestellzettel sortirten . Was Teufel haben Sie denn immer an die Decke zu schauen ? « » Es ist eine Art Naturwunder , Herr Blaffer , was meine Aufmerksamkeit zufällig in Anspruch nimmt , « antwortete eine tiefe Baßstimme . » Ich huste in Ihr Naturwunder ! « rief entrüstet der Prinzipal , und führte das auch wirklich aus ; nur bediente er sich des Spucknapfes dazu . » Eine Fliege , Herr Blaffer , « fuhr die Baßstimme fort , » im Monat Dezember eine lustige Fliege ; sie spazierte soeben an den Wänden und an der Decke umher . Es wäre mir von Wichtigkeit , zu ergründen , ob diese Fliege ein übrig gebliebener Familienvater vom vorigen Jahre oder ob sie ein zufällig neu geschaffenes Geschöpf ist . Ich möchte eine Abhandlung darüber schreiben , vielleicht könnten wir sie selbst verlegen . « » Sie sind ein Narr ! « entgegnete ärgerlich der Prinzipal , indem er emsig in einer Zeitung blätterte ; in Wahrheit blickte er aber schärfer als je in das Nebenzimmer . Es war dies das eigentliche Comptoir , ein Zimmer wie viele der Art , mit weiß getünchten Wänden , an welchen ein Posttarif und ein paar Landkarten hingen , mit einem eisernen Ofen , einem großen doppelten , zweisitzigen Schreibpult und einem Bücherschrank , worin sich die Werke befanden , die Herr Blaffer verlegt oder von seinen Freunden zum Geschenk erhalten . An dem Ende des Schreibpultes saß Herr Beil , ein Mann von einer merkwürdigen Persönlichkeit . Er war klein , engbrüstig , und sah bis zum Halse , von unten an gerechnet , etwas verwahrlost aus ; aber auf diesem Halse , der ziemlich lang war , befand sich ein Kopf , der wohl zu dem tiefen Basse der Stimme , aber durchaus nicht zum Körper des Mannes paßte . Dieses lange Gesicht , die breite Stirne , dieses schwarze Haupthaar und der wohlgepflegte Husarenbart hätte einem sechsfüßigen Untergestell alle Ehre gemacht , während das Alles zusammen hier ziemlich lächerlich aussah . Herr Beil war dabei ärmlich gekleidet und schien durchaus keine Vorliebe für weiße Wäsche zu haben ; unter dem alten blauen Ueberrocke sah man eine graue Weste , welche so fest an die hohe schwarze Merinohalsbinde anschloß , daß man auf die Vermuthung kam , sie sei oben angenäht , was wohl auch der Fall sein mochte . Dieses unvortheilhafte Aeußere war ihm , obgleich er kein schlechter Arbeiter war , schon oftmals bei Erlangung guter Stellen hinderlich gewesen , und er mußte sich daher mit sehr mittelmäßigen begnügen , was einer der Gründe war , weßhalb er sich denn auch jetzt hier auf dem Comptoir des Herrn Blaffer befand . Da ihm aber die Beibehaltung seiner Condition nicht besonders am Herzen lag , er auch wohl wußte , daß der Prinzipal für das wenige Geld , was er ihm gab , nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme , so nahm er sich , wie wir bereits vorhin gesehen , hie und da einige Freiheiten heraus , wofür er ein dankbares Publikum an dem Lehrling des Geschäftes hatte , der , den Prinzipal sehr fürchtend , sich außerordentlich darüber freute , wenn der Andere demselben ein paar passende Worte sagte . Besagter Lehrling war ein blasser blonder Mensch mit einem immerwährenden , halb blödsinnigen Lächeln auf den Lippen , der , wie wir später genauer erfahren werden , bei dem Herrn Blaffer im Hause wohnte und in seinen Freistünden Dienste verrichten mußte , die gerade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur zusammenhängen . Herr Beil warf einen durchdringenden Blick auf den Lehrling und zeigte ihm die bewußte Fliege , die in der That , aber ziemlich matt , an der Decke umher spazierte , rückte hierauf das große Buch vor sich hin und fing an einzutragen . Der Prinzipal trat in diesem Augenblicke in das Comptoir . Dieser war ein magerer , ziemlich großer Mann in die Vierzig ; er ging etwas vorn übergebeugt und liebte es , die Hände auf dem Rücken zu halten . Seine Kleidung , ziemlich alt , abgeschaben und nicht gewählt , bestand aus einem blauen Frack , dessen spitze Schöße hinten über einander gingen , aus einer grauen Hose , die , eng anliegend , die Mode der weiten Beinkleider glücklich überdauert hatte , und nun wieder elegant geworden wäre , wenn sich nicht die Schwächen des Alters an den Knieen sehr bemerkbar gemacht hätten . Herr Blaffer trug ziemlich große Schlappschuhe , und um dieselben nicht von den Füßen zu verlieren , hatte er sich einen Schlittschuhgang angewöhnt , vermittelst dessen er nun , die lange dürre Nase und das spitze Kinn emporgehoben , die gebogenen Kniee vorgestreckt , in dem Zimmer auf und ab fuhr . Dabei hatte sich dieser Mann ein unangenehmes Gesichterschneiden angewöhnt , indem er das linke Auge zukniff und den Mund höhnisch verzog . Dies that er namentlich , wenn er sich in einer Gemüthsaufregung befand , was bei seinem giftigen reizbaren Temperament häufig genug vorkam . Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und abgefahren war , blieb er mit einer plötzlichen Wendung vor dem Lehrling stehen , schlug ihn leicht an den Kopf und sagte » Sie sind ein junger verschwenderischer Taugenichts . Meinen Sie denn , das Makulatur hätte kein Geld gekostet , daß Sie mit Ihren Füßen darauf herum trampeln ? « » Da haben Sie Recht , Herr Blaffer , « versetzte der Commis , indem er geräuschvoll ein Blatt umwandte , » Makulatur ist eine theure Geschichte , namentlich die , womit er gerade einpackt . « » Ich habe Sie nicht um Ihre Ansichten gefragt , « antwortete entrüstet der Prinzipal , während er sein Gesicht auf die oben beschriebene Art verzog . » Es ist die Geschichte des türkischen Reiches , « fuhr der Andere mit lauter Stimme fort , » die vor vier Jahren gedruckt wurde , und von welcher von der ersten Ostermesse ein Exemplar mehr zurückkehrte , als fortgeschickt worden . - Ja , ja , so ist ' s , und Sie machten mir von diesem merkwürdigen Buch ein Exemplar zum Geschenk , das dient mir von da ab jede Nacht zum Einschlafen . - Ein schönes Werk ! - Pagina sechsunddreißig - Rostbraten und Comp . - sechs Exemplare : keine Hühneraugen mehr ! - 1850 , bei Johann Christian Blaffer . « - Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit großer Gemüthlichkeit , während er dabei das eben Bemerkte eintrug . Der Prinzipal hatte anfangs Lust , sich ernstlich zu ärgern ; da er aber seinen Untergebenen kannte , so begnügte er sich damit , die Arme über einander zu schlagen , seinen Commis mit einem festen Blick anzusehen und zu sagen : » Herr Beil , werden Sie denn eigentlich nie vernünftig werden ? - Es ist wahrhaftig schade , daß ein Mensch von wirklich einigen guten Anlagen durch seine ewigen Faseleien nie auf einen grünen Zweig kommt . « » Da haben Sie wieder einmal Recht , « antwortete der Commis scheinbar mit großem Ernste . » Ich bin fürchterlich herunter gekommen , wie gesagt - 1850 , bei Johann Christian Blaffer . - Es ist ganz entsetzlich ! « Der Prinzipal hatte keine Antwort erwartet , sondern sich in das Postpaket vertieft , das am frühen Morgen gekommen war , dann sah er nochmals die Bestellzettel durch , bald mit einem Lächeln auf den Lippen , bald mit einem finsteren Stirnerunzeln . Letzteres trat aber häufiger ein als ersteres , denn da Herr Blaffer zugleich ein Commissionsgeschäft hatte , so gehörten die dickleibigen Postpakete , welche jeden Montag und Donnerstag kamen , dem größten Theile seiner glücklicheren Collegen , und ihm selbst blieb nur äußerst wenig , und noch dazu meistens Artikel , die sich schlecht ausnahmen gegen die schweren Zahlen , die hinter andern Werken prangten . » Bah ! bah ! « machte der Buchhändler zuweilen und warf irgend einen Zettel mit geringschätzender Miene auf den Tisch . - » Was das deutsche Publikum nach und nach verwildert ! « sagte er dann seufzend , » es ist fabelhaft . Nichts als Schund , Schund und wieder Schund ! - Das zieht ! - Die schönsten Uebersetzungen gehen nicht mehr und die besten deutschen Originalwerke , für die der Verleger Zeit und Kosten aufgewendet , bleiben schmachvoll liegen . Pfui Teufel ! - Die besten , besten Werke ! « » Vierhundert Mittel gegen die Engbrüstigkeit und den Husten , « sprach Herr Beil , indem er seine Feder tiefer als gewöhnlich in ' s Dintenfaß tauchte . - » Gestatten Sie davon Disponenda ? « fragte er den Prinzipal , indem er sein linkes Auge , welches Herr Blaffer nicht sehen konnte , gegen den Lehrling auf eine bedeutungsvolle Art zukniff , so daß dieser harmlose junge Mensch beinahe laut aufgelacht hätte . Herr Blaffer legte nach einer kleinen Weile das Postpaket seufzend nieder und versetzte : » Wenn Onkel Tom nicht wäre , oder ein paar gangbare Dumas ' sche Romane , so sollte mich der Teufel holen , wenn ich noch länger deutscher Buchhändler bliebe . Da haben wir vierzig anständige Bestellungen auf die Hütte ; nehmen Sie und lassen Sie solche gut versenden . « - Damit reichte er ein Paket über den Pult hinüber . - » Ich hätte , weiß Gott , nie gedacht , « fuhr er nach einer Pause mit einem grinsenden Lachen fort , » daß der Sklavenhandel so ergiebig wäre . Es ist doch was Schönes darum , wenn man so jeden Posttag seine vierzig Schwarze verhandelt . « » Ja , ja , « entgegnete der Commis wie tiefsinnig , » dazu haben Sie auch alles Zeug , Herr Blaffer ; Sie haben eigentlich Ihre Bestimmung verfehlt . « » Und welche Bestimmung , Herr Beil , wenn ich fragen darf ? « » Sie hätten Ihren Papa seliger bitten sollen , daß er Sie in irgend einem Sklavenlande geboren werden ließ , da würden Sie mit der Zeit ganz artige Beiträge zu einer zweiten Ausgabe irgend einer Onkel Tom ' s Hütte geliefert haben . « Der Principal begnügte sich , die Achseln zu zucken und dann mit der Hand an seine Stirne zu fahren , als wollte er auf solche Art pantomimisch anzeigen , wo die schwache Seite seines Commis eigentlich zu finden sei . Herr Beil stöberte unterdessen eifrig in den Bestellzetteln und sortirte unter den vierzig , die ihm übergeben , mit sichtlichem Wohlbehagen einige Zehn heraus , die er lächelnd über den Pult zurück schob , indem er sagte : » Sie haben sich ein wenig geirrt , Herr Blaffer ; auf diesen Zetteln werden allerdings Onkel Tom ' s Hütten verlangt , aber von anderen Firmen . « Der Buchhändler , der unterdessen das Bestellbuch eifrig durchgesehen , würdigte diese Einwendung gar keiner Antwort , sondern schob die Zettel mit der Hand wieder zurück und versetzte anscheinend ruhig und bestimmt : » Wenn ich Ihnen Zettel zur Auslieferung übergebe , so liefern Sie aus und machen mir weiter keine unnützen Bemerkungen , denn - - « Da der Principal seinen Satz nicht beendigte , so hielt sich der Commis hiezu für verpflichtet und sagte : » Ich bin der Herr und ihr seid die Sklaven . - Also vierzig Onkel Tom ' s Hütte , erster Theil . - Gut ! « In diesem Augenblicke wurde leise und bescheiden an die Thüre geklopft . Der Buchhändler , der dies wohl hörte , that übrigens nicht , als ob ihn das Klopfen im Geringsten anginge , Herr Beil ebensowenig , obgleich er einen Augenblick in die Höhe schaute . Nur der harmlose Lehrling , der sich am nächsten bei der Thüre befand , wandte das Gesicht herum und rief von » Herein ! « die erste Sylbe , die zweite aber blieb ihm in der Kehle stecken , denn er erinnerte sich augenblicklich eines Verbots des Principals , nicht » Herein ! « zu rufen , bis ein zwei- oder dreimaliges Klopfen erfolgt sei . Herr Blaffer hatte dafür seine guten Gründe und er pflegte zu sagen : wer zwei- oder dreimal klopft , der verlangt selten was von uns , wer aber einmal und so bescheiden anpocht , ist größtentheils ein Bettler oder unbekannter Schriftsteller . » Habe ich Ihnen nicht schon hundertmal gesagt , « lispelte der Principal mit gedämpfter Stimme , aber trotzdem sehr eindrucksvoll , » daß Sie Ihr Maul halten sollen , wenn angeklopft wird ! Wie können Sie überhaupt Herein ! rufen ? - Wer will zu Ihnen ? - Niemand ! Sie - « » Junger Sklave ! « ergänzte Herr Beil , wobei er aufmerksam eine Illustration zum bewußten Buche anschaute , als gälte dieser der besagte Ausruf . Indessen klopfte es zum zweiten Male und etwas lauter . Auch diesmal gab der Buchhändler keine Antwort ; doch wurde der erste Commis von einem gewaltigen Husten überfallen , der ihm einen bösen Blick des Chefs eintrug und worauf sich dieser denn nun veranlaßt sah , sein gastliches » Herein ! « erschallen zu lassen . Die Thüre öffnete sich und der alte Mann trat herein , den wir vom Kirchhofe , vom Grabe seiner Tochter , hieher begleiteten und dem wir vorausgeeilt sind . Begreiflicher Weise hatte er seinen Hut schon draußen abgenommen , und als er nun so demüthig an der Thüre stehen blieb , strich er verlegen sein weißes Haar von der Stirne zurück , begrüßte den Principal , den Commis und sogar den Lehrling . » Ah ! Herr Staiger ! « sagte der Principal , indem er ihn mit einer Handbewegung begrüßte . » Setzen Sie sich einen Augenblick dort auf die Kiste , ich muß hier eben einen wichtigen Artikel in der Buchhändlerzeitung durchlesen , der auch auf Sie einige Beziehung hat . « Bei diesen Worten warf Herr Blaffer einen schnellen Blick auf seinen Commis , doch war Herr Beil anscheinend gänzlich vertieft in die Beschauung seiner Zettel . Der alte Mann ließ sich auf die Kiste nieder , nahm seinen Hut zwischen die Kniee und richtete die hellen , klaren Augen auf den Buchhändler , welcher übrigens nicht geneigt schien , diesen offenen Blick zu erwidern . » Ja , « fuhr Herr Blaffer fort , indem er mit seinem knöchernen Zeigefinger der rechten Hand über die Zeitung fuhr und etwas zu suchen schien ; » hier steht ' s. - Richtig ! Onkel Tom ' s Hütte bei Johann Christian Blaffer . - Geben Sie Achtung , ich muß es Ihnen vorlesen , obgleich es nicht gerade sehr angenehm klingt . - Von dieser unten Uebersetzung , der vierundvierzigsten in hiesiger Stadt und , wenn wir nicht , irren , der sechshundertsten im gesammten Deutschland , tritt uns als Uebersetzer ein ganz obscurer Name entgegen . - Wer ist dieser Herr Staiger , der u.s.w. u.s.w. Man muß indessen nicht zu viel auf Recensionen geben , « sagte Herr Blaffer , indem sein Blick das Zeitungsblatt verließ . » Wissen Sie , der Beurtheiler macht eigentlich mir allein den Vorwurf ; ich hätte mir sollen einen bekannten Namen erwerben , um ihn auf den Titel zu setzen , wissen Sie , einen Doktor so und so . Es hat ja deren genug , vollkommen genug , die außerordentlich zufrieden sind , wenn man ihnen Veranlassung gibt , ein anständiges Honorar zu erwerben . « Bei diesen Worten sah der alte Mann schmerzlich in die Höhe . » Dann spricht der Artikel ferner , « fuhr Herr Blaffer fort , » von mangelhaften Stellen in der Uebersetzung , und vor allen Dingen beklagt er sich über die Langsamkeit , mit der die einzelnen Lieferungen bei mir erscheinen . - Und das muß wahr sein , Herr Staiger , langsam geht die Geschichte vorwärts . An dem wievielsten Hefte sind wir eigentlich ? « » Am vierten , « entgegnete ruhig Herr Beil , » während vierundzwanzig andere Buchhandlungen hiesiger Stadt das zweite kaum ausgegeben haben . « » Die zweite Lieferung ! « rief Blaffer mit einem wahren Giftblick auf seinen Gehülfen . » Den zweiten Band wollen Sie sagen . - Doch das ist gleich viel . Sie müssen sich wahrhaftig beeilen , mein lieber Herr Staiger , sonst kommen uns die anderen weit zuvor . « » Ich arbeite Tag und Nacht , « erwiderte der alte Mann , » denn es ist mir selbst darum zu thun , etwas für mich und die Kinder zu verdienen . Hier ist Manuscript zur fünften Lieferung ; sie wäre schon ganz fertig , doch habe ich in den letzten Tagen einiges Herzeleid zu Haus gehabt , was mich am Arbeiten verhindert . Wenn man ein sterbendes Kind vor sich sieht , Herr Blaffer , so will es einmal so gar nicht recht vor sich gehen mit der Uebersetzung des Sklavenlebens eines anderen Welttheils . « » Es ist Ihnen ein Kind gestorben ? « fragte theilnehmend der Commis . » Doch nicht Mamsell Clara ? « » Nein , nein ! « entgegnete eifrig der alte Mann ; » das hat der liebe Gott denn doch nicht gewollt . Mein kleinstes Mädchen starb , ein armes Kind , das immer kränklich war . « » Nun , so danken Sie dem Schöpfer , daß er es zu sich genommen . Kinder sind ein Segen , aber auch eine Last . - Nun geben Sie ihr Manuscript her . - Aber da fehlen noch zwei Bogen , bis die Lieferung fertig ist . Ah ! ich wollte , wir hätten sie ganz ! « » Das wollte ich auch , « sprach Herr Staiger mit einem verlegenen Lächeln , indem er den Hut zwischen den Händen herum drehte und von der Kiste aufstand . - » Das wollte ich in der That auch , mein verehrter Herr Blaffer , denn sehen Sie , ich hatte darauf gerechnet , die fünfte Lieferung heute Früh noch zu beendigen , - es ist Mitte des Monats , das Bischen Einkommen meiner Tochter Clara ist längst verbraucht , die kleine Leiche hat meine Kasse in Anspruch genommen , und so wäre ich denn außerordentlich glücklich und zufrieden , wenn die fünfte Lieferung fertig wäre , um - um - das Geld dafür - - « » Auch ich wäre sehr zufrieden , wenn die fünfte Lieferung fertig wäre , « unterbrach ihn rasch der Buchhändler . Es ist sehr traurig , daß sie nicht fertig ist . Da wartet das Publikum , da wird man hinausgeschoben , da kommt man mit dem Buch in ' s neue Jahr hinein , und da muß man mit der Heimbezahlung warten , daß Einem Hören und Sehen vergeht . - Ah ! ihr Schriftsteller seid glücklich gegen uns zu nennen : hier das Manuscript , hier das Geld . Aber wissen Sie , wie lange ich warten muß , wie lange sich der Buchhändler überhaupt gedulden muß ? » Nein , ich weiß es nicht , « sagte geduldig der alte Mann . » Oft zwei Jahre , « fuhr der Buchhändler mit lauter Stimme fort und betonte die » zwei Jahre « außerordentlich stark . » Zwei volle Jahre ! Ja , das ist entsetzlich ! « » Alsdann nehmen Sie aber auch große Summen ein , « entgegnete Herr Staiger . » Aber hier handelt es sich nur um ein paar Gulden , die ich in zwei , höchstens drei Tagen wieder abgearbeitet habe , nur eine Kleinigkeit als - - - Vorschuß . « » Kommen Sie einem Buchhändler nicht mit Vorschüssen ! « rief entrüstet Herr Blaffer . » Diese Vorschüsse bringen doppelten Schaden . Erstens kosten sie uns Geld , das man noch nicht einmal schuldig ist , also verlieren wir Zins , und zweitens entfremdet es den Autor dem Verleger . Nur um Gotteswillen keine Vorschüsse ! « » Aber bei dem wirklich kleinen Honorar , welches Sie mir zahlen , « erlaubte sich der alte Mann mit großer Aengstlichkeit zu sagen , » könnten Sie mir wohl für einmal diesen Gefallen thun . Ich brauche nur vier Gulden . « » Kleines Honorar ! « rief entrüstet der Buchhändler . » Ich bitte Sie um Gotteswillen , Herr Staiger , Sie erhalten für den Druckbogen , glaube ich , einen Gulden und dreißig Kreuzer , und das nennen Sie ein kleines Honorar ! - Wer schrieb uns doch gestern , « wandte sich Herr Blaffer an den Commis , und bot uns eine Nebersetzung zu einem Gulden und zwölf Kreuzern per Bogen an ? - Es war sogar ein bekannter Name . - War es nicht Doctor Hintermaier ? - Soll ich Ihnen den Brief zeigen ? fragte er rasch den alten Mann . - » Beil , sehen Sie in H. nach und suchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doctor Hintermaier . « » Da werde ich vergebens suchen , « erwiderte ruhig der Commis , » das ist einer von den Briefen , die Sie angeblich in Ihrer Privatsammlung aufzuheben pflegen . « » Möglich ! möglich ! « unterbrach ihn rasch der Principal , denn er fürchtete , noch Unangenehmeres zu hören . » Ich werde ihn wohl in der Tasche meines Ueberrocks haben . - Nun , es ist ja gleichviel ! Aber ich versichere Sie : den Bogen zu einem Gulden und zwölf Kreuzern . « Herr Staiger schüttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll : » Das kann nicht mit redlichen Dingen zugehen ; da müßte man von anderen Uebersetzungen abschreiben . « » Ja , das ist auch eine Kunst , « versetzte der Buchhändler , indem er mit dem Daumen und Zeigefinger seine lange Nase zwickte . » Das ist nicht so ganz schlecht , aus drei Uebersetzungen eine vierte machen . Wenn man es geschickt anfängt , merkt ' s das Publikum nicht und der Verleger erspart sein theures Geld . - Aber das kann ich Sie versichern , mein lieber Herr Staiger : von Vorschüssen müssen Sie mir nicht sprechen . Vorschüsse bewillige ich selten , und nie bei Artikeln , an denen man so wenig verdient , wie bei diesem unglückseligen Buche . « Der Buchhändler hatte sich ordentlich in die Hitze hineingesprochen und seine Rede klang um so überzeugter , als er auf dem Gesichte seines ersten Commis zu lesen glaubte , daß dieser mit ihm übereinstimme , was äußerst selten geschah . Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen , den Kopf nachdenkend auf die Seite geneigt und sagte nach einer Pause mit der größten Ruhe und Ueberzeugung : » Sehen Sie , mein verehrter Herr Staiger , diesmal ist der Herr Blaffer vollkommen in seinem Recht . Sie wünschen einen Vorschuß - zu welchem Zwecke ? Wahrscheinlich um Holz zu kaufen , weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu Hause friert . Ferner um Brod zu kaufen , weil es Ihre Familie hungert ; dann endlich , um die Kosten des kleinen Begräbnisses zu bezahlen , weil dies , namentlich für arme Leute , ein theurer Spaß ist - - Ernst wollte ich eigentlich sagen . Dazu also wollen Sie Vorschuß ? - Habe ich nicht Recht ? « Der alte Mann nickte traurig lächelnd mit dem Kopfe . » Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen diesen Vorschuß , obgleich es nur ein paar armselige , lumpige Gulden sind . Und der Herr Blaffer , obgleich ein sehr ehrenwerther Mann wie der selige Brutus , kann nicht anders handeln . Sie sollen für ihn ein Buch übersetzen , das von allerlei großen und kleinen Leiden einer Menschenklasse handelt , die man Sclaven nennt . Darin kommen Hunger , Durst , frierende , auch sterbende Kinder und dergleichen schöne Sachen mehr vor . Das aber mit dem richtigen Tone wieder zu erzählen , würde Ihnen schwer fallen , wenn Ihnen nicht die große Güte des Herrn Blaffer Veranlassung gäbe , all ' diese schönen Dinge bei sich selbst zu erleben . Sehen Sie , nur aus dem Grund verweigert er Ihnen den Vorschuß . - Sie frieren zu Hans , Sie hungern auch ein klein wenig , Ihre Kinder ebenfalls , und Alles das macht Sie geschickt , die vortrefflichste Uebersetzung zu liefern für das bekannte Haus Johann Christian Blaffer und Compagnie . « Damit schlug Herr Beil dröhnend sein Buch zu , rutschte von dem Comptoirstuhl herab und verließ das Zimmer , nachdem er zuvor vor einem armseligen Spiegel in der Ecke seinen großen schwarzen Schnurrbart so horizontal als möglich nach beiden Seiten hinaus gestrichen . Der Buchhändler hatte anfangs nicht gewußt , was die Rede seines Commis bedeuten solle . Ja , sie war ihm zuerst sehr gutmeinend vorgekommen , und er hatte sie mit einem beistimmenden Kopfnicken begleitet . Bald aber hörte dieses Kopfnicken auf , die Nase hob sich drohend und immer drohender , sein aschgraues Auge blitzte und die zuckenden Finger suchten nach irgend etwas Schwerem , um es seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen . Doch bezwang er sich männlich , that einen tiefen Athemzug , und indem er mit der einen Hand verächtlich auf Herrn Beil zeigte , wie er noch vor dem Spiegel stand , wiederholte er mit der anderen die Pantomime von vorhin nach der Stirne . Während jener Rede hatte der alte Mann auf seinen Hut geblickt und den Commis nur ein einziges Mal angesehen . Aber dieser Blick , den er ihm zuwarf , war freundlich , ja dankend . Er schien auch jetzt vollkommen resignirt zu sein und zog sich nach der Thüre zurück , um das Zimmer zu verlassen , als dieselbe nach einem kurzen aber heftigen Anklopfen von außen so rasch geöffnet wurde , daß sie Herrn Staiger beinahe auf die Seite drückte . Dreizehntes Kapitel . Uebesetzungs-Angelegenheiten . Der junge Mann , der unter die Thüre des Zimmers trat und sich in diesem einen Augenblick umschaute , ehe er näher kam , war der Maler