tranken , und seine üblen Wirkungen empfanden , sollen wir darum den Wein selbst ausgießen ? Sollen wir zur Nüchternheit , zur Korrektheit zurückkehren ? Thut der Gärtner recht , der lauter exotische Gewächse in seinem Garten ziehen wollte , und sie kamen nur zum Theil oder verkrüppelt fort , der darum alle ausreutet , und meint , der Boden tauge nur zu Kartoffeln ? Legen wir doch das Geständnis ab , daß wir im Uebermuth , gelangweilt , und aus Verdruß über die ekle Schaalheit der Poesie , wie sie getrieben wird , uns in kecker Laune oft auf den Kopf stellten , und vom Publikum verlangten , es solle es mit uns thun . Wir fanden Anhänger und es ging eine Weile , wie alles Neue . Nun finden sie die Stellung unbequem . Ist das zu verwundern ? Sollen wir aber alles darum als Visionen fahren lassen , was wir in der Begeisterung , in dem seeligen Rausche sahen ? Hörten wir die Wälder , die Bäche nicht anders rauschen , als der Prediger in Werneuchen , blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück , nicht die Schauer der Ahnung , das Wesen der Wunder , welche die Welt erfüllen ? Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran , auch wenn wir uns mathematisch beweisen , daß es keine Hexenmeister giebt und keine Gespenster um die Grüfte schweben . Haben wir nicht Geister citirt , von denen unsere Väter nichts wussten ? Wie anders , lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an , als die Philologen mit den Perrücken sie sahen ? Lebt nicht der brittische Riese unter uns , ein geharnischter Geist , der unsere Theatermisère zertritt ! Citirten wir nicht Dante , nicht Calderon aus seinem vergessenen Grabe ? Diese können sie nie wieder todt machen , sie werden leben , und noch vieles mit ihnen , und wir mit Stolz sagen , wir wurden ihre zweiten Väter ! « » Das ist alles recht schön , « entgegnete Louis . » Wenn die Geister nur Mark und Bein bekämen , wenn sie unseren Geheimräthen und Ministern einen Rippenstoß geben könnten , und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen . Da es aber nicht ist , bin ich doch der Meinung Deines Gärtners , daß unser Boden nur zu Kartoffeln taugt . Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs , und Vetter Michel ein dito Mensch ? Er grämt sich nicht , er schämt sich nicht , erträgt Fußtritte und Prügel wie der Esel , wenn er nur Kartoffeln hat , und item : Sag ' mir nichts von gutem Boden , Nichts vom Magdeburger Land , Selig ruhen uns ' re Todten In dem leichten kühlen Sand . « » Vaterländisch ! « fuhr Walter auf . » Und hat die Schule nicht gerade auch unsere eigensten , zertretenen , vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem Staub und Rost ans Licht gezogen ? Was kannten wir davon ! Einzelne Aeolsharfentöne der Minnesänger . Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im Nibelungenliede ? Du lächelst weil die Thoren lachen . Wir erfuhren , unser Volk hat gelebt , wie die Griechen durch die Iliade wussten , daß sie gelebt , daß ihre Väter groß und herrlich waren , ehe es eine Geschichte gab . Das wussten wir nun auch , daß Krimhilden und Siegfriede , daß Günther und Hagen unserer Geschichte vorangingen . O welchen Born der Sage die Romantik uns erschloß ! Jetzt verstehen wir erst , nicht aus den nüchternen Chronisten , welch ein Volk wir waren unter den Hohenstaufen . Im alten Kyffhäuser schläft nur der Kaiser seiner Herrlichkeit , und die Raben krächzen um seine Trümmer , und die Geister warten auf seine Erweckung . Das , Louis , hat uns die Romantik enthüllt , der Du einen Fußtritt geben willst , weil sie nur Trugbilder zeigt , und Du willst Realitäten . Was hatten die Juden mehr von Palästina als ein Traumbild ? Das Traumbild weckte einen Moses . Laß einen Moses erweckt sein , und wir haben wieder ein deutsches Volk , eine deutsche Herrlichkeit . - Vielleicht , daß wir ' s darin versahen , « schloß der Aufgeregte , » wir machten aus der ungeheuren Sage nur für uns ein Spielzeug ; aber Andere mögen nach uns kommen , die unserm Volke diese gewaltigen Bilder anders hinhalten , einen kolossalen Spiegel vor dem unsere Erbärmlichkeit erschrickt - und sie können sich ermannen , können besser werden , wenn - « » Wenn ein Moses geboren wird ! « fiel Louis ein , drückte rasch Waltern die Hand und riß sein Pferd in den Fußsteig . » Da liegt es ! « tönte noch seine Stimme aus dem Korn . » Einen Moses ! Nur ein Moses ! Die Juden und die Ziegelstreicherknechte sind immer da . « Walter lag wieder in der Hagebutte . » Wenn er einen anderen Vater hätte , ein anderes Vaterland ! « Waren das nicht Streiflichter des ewigen Schmerzes , für den es keine Heilung giebt ? Waller starrte auf den Wasserspiegel . Auch die Frösche lagen wie matt von der Hitze auf den breiten Blättern der Wasserlilie , regungslos . » Ein Moses ! « Wo sollte der Moses herkommen , wenn auch über den Wassern nicht mehr der Athem Gottes schwebte ? Wenn die Verstockung auf dem Element , das die Erde umgürtet , sich niedersenkt ? Nein , es war nur die schwüle Luft . Die Augen fielen ihm zu , und die Natur übte ihren beschwichtigenden Zauber über die finsteren Gedanken . Die Falten verzogen sich um seine Brauen , der Mund fing wieder an zu lächeln , und man konnte denken , daß Traumbilder aus einer glückseligen Welt um seine Schläfen spielten . Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie , die blühenden Mädchenköpfe im Korn ? Schossen Elfen auf zwischen den Aehren ? Der Hagebuttenstrauch im Korn , der grüne Rain , der die Felder trennt , ist ja ihr Spielplatz . Hier führen sie Reigentänze , hier stampfen ihre zierlichen Füßchen die Ringelkreise , die der Landmann am Morgen findet , und der Abendthau fiel noch auf frisches Gras . Aber schnell , wenn ein Späherauge sie entdeckt , verschrumpfen sie , hängen sich an den Ginsterstrauch , sie klettern in die Hagebutte . Der Wind scheint in den Blättern und Zweigen zu spielen , aber es sind ihre leichten Körper , die sich daran schaukeln . Diese verschwanden nicht . Die Eine , eine schmächtige Brünette von dunkeln , aber etwas umflorten Augen , mit einem getrübten Blick . Die rothen Mohnblumen , die ihre losen Blätter im schwarzen Haar flattern ließen , passten zu der Gestalt , dem melancholischen Gesicht . Eine Else , die den Einen unwiderstehlich anziehen mochte , den Andern zurückstoßen . Die andere , kleinere , rundliche , ein nußbraunes Mädchen , mit Schelmengrübchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen ; wie wohl stand ihr der Kranz von Kornblumen , Aehren und Mohn im Haar . Aber die Dritte , die Elfenkönigin , Wie frei schaute ihr blaues Auge , blau wie die Kornblumen , blau wie der Himmel , aus der freien Stirn . Wie leicht bewegte sie sich , wie anders athmete sie die Luft ein ; nicht als gehöre die Welt ihr , aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft , von Farbe und Athem . Und wie hatten die andern , das konnte sie nicht selbst gethan haben , die Felder geplündert , um die eine auszustatten ! Ein dichter Kornblumenkranz war auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt , und eine Mohnblume , aber keine rothe , die hätte nicht hierher gepasst , eine seltene volle weiße , glänzte als Diamant über ihrer Stirn . Eine andere Guirlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe um ihren Nacken , und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen , die als scheckiges Unkraut zwischen den Aehren blühen , besetzt . Eine Hochzeit mit der Natur ? So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grünen Platz , drüben am Rande . » Ach wie hübsch ! « rief die Königin . » Da ist Wasser ! « und breitete die Arme aus , indem sie sich Luft nach der Brust fächelte . Das nußbraune Mädchen umfasste sie plötzlich und ergriff die Hand der Brünette : » Fass ' sie an , hier wollen wir tanzen - Ringel-Ringel-Rosenkranz . « Die Elfen schwebten im Ringeltanz bis es ihnen zu heiß ward . Sie lagerten sich auf den Abhang , die Königin in der Mitte . Sie scherzten und plauderten wie neckische Kinder . » Ich muß mich eigentlich schämen , « sagte die Königin , » wie habt Ihr mich ausgeputzt , und ich bin ' s doch nicht werth . « » Schäme Dich nicht ! « sagte die schmächtige Else mit dem schwarzen Haar , die ganz auf dem Boden ausgegossen lag , und drückte die Hand der Königin an ihre Lippen . » Herr Gott , « rief die Königin , » Du küssest mir die Hand , und ich glaube gar Du weinst . « Sie zog erschrocken die Hand zurück . Die Nußbraune lachte auf : » Die Jülli ist immer närrisch , und ich bin immer lustig . So sind wir , wir bleiben aber doch gute Freunde . Nicht wahr ? « » So wollen wir ' s alle drei sein , « sagte die Königin . » Ich komme mir nur so dumm unter Euch vor , Ihr seid in Leipzig gewesen . Das will mir gar nicht aus dem Kopf . Und Euer Onkel ist ein Offizier und gar in Indien . So was hätte ich in meinem Leben nicht geträumt . « Die Schwarzbraune schüttelte den Kopf : » Der ist nicht mein Onkel . « » Na , meiner auch nicht , « lachte die Nußbraune . Die Elfenkönigin bat die Gespielinnen nun , ihr Wort zu halten und ihr recht viel , so viel sie könnten , von Leipzig zu erzählen . Die Nußbraune hatte auch Lust dazu , nur brachte sie die Herrlichkeiten , die sie gesehen , etwas konfus heraus , und man wusste oft nicht , ob sie von den Menschen oder von den Waaren sprach . Aber Alles war herrlich dort gewesen , die Affen und die Seiltänzer , die Komödianten und die Buden auf den Straßen . Ueber die Griechen und polnischen Juden und die Türken hätte sie sich bucklicht lachen mögen , und vor ihren langen Bärten hätte sie sich zuerst grausam gefürchtet , aber dann hätte sie gesehen , daß es alle reiche und generöse Herren wären , mancher hätte mit den Dukaten um sich geworfen , wie mit Zahlpfennigen , und alle hätten gesagt , solche gute Messe hätten sie lange nicht erlebt und sie wünschten alle ihre Lebtage auf der Leipziger Messe zu sein . Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf : » Mir ist ' s hier viel lieber . Hier ist ' s hübsch . « » Wenn man nur Gesellschaft hätte ! « rief die Nußbraune . Ein stummer Blick der anderen schien sie zu strafen . Auch die Königin sah sie verwundert an und sagte : » Sind wir uns nicht genug ? Wir plaudern ja so allerliebst zusammen ; wenn ' s nur nicht so heiß wäre ! « » Wir könnten uns baden ! « rief plötzlich die Muntere . » Ja baden , baden ! Kinder , das ist prächtig ! « Der Gedanke zückte wie ein Blitz . Der Ort war so still und einsam , ein tiefer Kessel , geschützt durch einen Rand von über Manneshöhe , und darüber stand noch wie eine Ringmauer das Aehrenfeld . Wo sollte da ein Lauscherblick herkommen ? Selbst die Vögel flogen nicht mehr . Im Strauche regten sich die Blätter , die Kornähren wiegten sich durch ihre Schwere . Die Karoline war plötzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung , als wolle sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen . Jülli , die Schwarzbraune , sah fragend auf die Elfenkönigin , ob sie Lust habe ? - Lust hatte sie wohl , aber - aber sie machte die Bemerkung , man wisse ja nicht , ob das Wasser nicht zu tief sei ? Darauf wandte Karoline ein , sie wollten am Rande bleiben , und es zuerst versuchen . Adelheid erröthete jetzt , sie fühlte , daß sie nicht ganz die Wahrheit gesagt , sie wusste nicht und zweifelte sogar , ob ihre Eltern es erlauben würden . Jülli sagte : » So lassen wir es lieber ; wer weiß , ob es chère tante auch recht ist ! « » Wer wird denn ma chère tante fragen , wenn sie nicht bei ist ! « lachte Karoline , aber der Blick , den ihr Jülli zuwarf , schien sie doch unschlüssig zu machen . Man unterhandelte und kam überein , daß man sich nur die Strümpfe ausziehen wolle , und ein wenig die Füße baden , das gebe Erfrischung für den ganzen Leib , und sei auch gar nicht gefährlich . Die Füße sich waschen , ohne die Eltern zu fragen , sei doch wohl erlaubt , dachte Adelheid . Nur ihren kleinen Bruder hatte die Mutter einmal geohrfeigt , als er sich beim Regen die Strümpfe ausgezogen und durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war . Die Züchtigung hatte er indeß ausdrücklich nur erhalten , weil das die Straßenjungen thäten , weil es sich in einer Stadt nicht schicke , und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei . Diese drei Gründe griffen ja hier nicht Platz . Die Strümpfe und Schuhe flogen auf den Rasen und sechs zierliche Füße plätscherten im Wasser . Die Mädchen fassten sich an , um die Kühlung gemeinschaftlich zu genießen . Karoline zog die Anderen unmerklich etwas weiter : » Hier können wir bis am Knie stehen , ach das thut wohl ! « - » Herr Gott , Karoline , was willst Du ? « rief Jülli , die sah , daß Karoline Miene machte , ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen . - » Ich bin ja vom Kietz in Spandau , ich ertrinke nicht . « In dem Augenblicke fuhr ein Ton durch die Luft . War ' s das Gekreisch eines Reihers , war ' s ein Pfeifen , der Warnungsruf einer menschlichen Stimme ? Erschrocken sahen die Mädchen sich um , das war ein Moment . Im nächsten waren sie es , die laut aufschrieen , und , mit einem Sprunge am Ufer , nach Schuh und Strümpfen griffen . Ein dritter Moment : ein helles Gelächter vieler Männerstimmen , Säbel klirrten in der Scheide , Pferde wieherten . Mehrere Cavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg und Einer rief : » Hussei , richtig gesehen ! Badende Mädchen ; da wollen wir helfen ! « Zwei machten Miene vom Roß zu springen , während der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu bahnen suchte , ohne dabei besonders auf die Aehren Acht zu haben . Aber das Pferd scheute vor einer Unebenheit , und die Elfen gewannen den Vorsprung . Sie kletterten , sprangen , schwebten in athemloser Hast um den Rand des Sees , nach einem Ausweg suchend . Der , auf dem sie gekommen , war ihnen schon durch den Reiter versperrt . Sie fanden ihn in der Nähe des Hagebuttenstrauches . Den Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt , aber die Unordnung in den schwankenden Aehren verrieth noch lange die Richtung , in der sie verschwunden waren . » Echappirt ! « rief der vorderste Reiter , die Terrainschwierigkeiten als guter Cavallerist erwägend , und ließ den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen . » Wollen wir schwenken , nachpreschen , Dohleneck ? « fragte der Zweite . » Müssten ein ganzes Kornfeld niederreiten , « sagte der Rittmeister , » und das käme wieder zu des Königs Ohren . Ihr wisst , wie er die Bauern protegirt . « » Jammerschade ! « Der Zweite schlug . vor , abzusitzen , die Pferde anzubinden , und ihnen zu Fuß nachzueilen . » Die sind fix wie der Wind . « » Aber barfuß . Die Füßchen würden ihnen doch zu weh thun , so über Stock und Block . Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama ? Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strümpfe an , da attrapiren wir sie , und probiren , ob sie die Strumpfbänder nicht zu fest binden . Das ist schädlich , sagt Hufeland . « Der Rittmeister strich den Bart und sagte : » Meine Maxime sei , nie was suchen , aber die Ueberraschung hinnehmen . Das ist soldatisch . Und wenn wir sie bei nahe besehen , wer weiß , ob wir uns nicht schämen , ihnen nachgelaufen zu sein . « Hexen wären es nicht , meinte der Zweite , und der Dritte : er müsse die eine schon gesehen haben ; auch die andere kam ihm bekannt vor , aber er wusste nicht , wo sie hinbringen . Man beschloß endlich , beim Rückwege durchs Dorf zu reiten , wo man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird . Sie sprengten fort . - Es war still wie vorher . » War ' s ein Traum ? « dachte Walter , der sich hinter dem Strauch aufrichtete und über die Stirn fuhr . Die eingeknickten Aehren sprachen dagegen . Unfern von der Stelle , wo er gelegen , lagen Kornblumen , die sich von einem Strauß aufgelöst . » Das hatte sie an der Brust . « Er raffte die Blumen rasch auf . An einer halb geknickten Aehre flatterte ein blauseidenes Strumpfband . » Das hatte sie verloren . « Er ergriff es und schlang es um die Kornblumen zum Bouquet . » Und die Thoren wollen sagen , es gebe keine Romantik ! « Er blieb zaudernd stehen . Sollte er auch ins Dorf ? » Die Erscheinung war so schön , warum denn die Wirklichkeit aufsuchen , welche in einem Augenblick vielleicht den ganzen Zauber löst . « Dazu erinnerte er sich , daß er dem Geheimrath Lupinus versprochen , ihm bei der Collationirung zweier Manuskripte heute Abend zu helfen . Und Lupinus hatte gesagt , daß er ihm einige Privatstunden verschaffen zu können hoffe . Walter schlug vergnügt den Rückweg ein . Er war es , der bei Annäherung der Reiter das Warnungszeichen aus dem Busche gegeben , welches die jungen Mädchen vor einer Scene bewahrt , in der er unmöglich den stillen Lauscher spielen durfte . Aber welche Rolle hätte er spielen sollen ! Dreizehntes Kapitel . Das Gewitter . Auch die Sonne hat Flecken , und auch in der glücklichsten Ehe giebt es Familienscenen . » Ach , daß ein so schöner Tag so ausgehen muß ! « seufzte die Hofräthin , aber der Kriegsrath blieb unerbittlich . Es war doch wie vom Himmel gefügt , daß sie mit einer so vornehmen , liebenswürdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft gemacht . Die Herzensgüte sah man ihr an den Augen ab . Was konnte ihre Tochter davon profitiren ! Sie war ganz gewiß , daß die Obristin Adelheid zu sich einladen würde , und wer weiß , wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlössen , ob sie nicht an ihren Privatstunden Theil nehmen könnte . Ja , es wäre wohl möglich , daß die Obristin ihre Tochter ins Haus nähme , in Pension wollte sie gar nicht sagen , denn sie hätte wohl bemerkt , mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer angesehen . Und alle diese Vortheile und Aussichten wolle er muthwillig von sich stoßen . Und warum ? » Weil wir keine Equipage halten können , « recapitulirte der Kriegsrath . » Wie Du auch bist , Mann ! Wer redet denn davon . Aber den Christian von der Brösike könnten wir heimlich in die Stadt schicken , daß er uns eine Lohnkutsche holt von Herrn Verdrieß , dem Fuhrmann , er wohnt ja gleich am Halleschen Thor . Für einen Groschen thut ' s der Junge , ach er thut ' s umsonst aus Plaisir , daß er zurückkutschiren kann . Dann fährt der Kutscher vor , wir kommen mit Anstand in die Stadt zurück , und sie denken , es ist unser Wagen . « » Sie sollen nichts denken , was nicht wahr ist . « » Alter , verstehe mich nur , ' s ist ja auch nicht darum , daß wir was scheinen , was wir nicht sind . Für ' nen Registrator schickte sich ' s auch , aber - wenn Du nun Geheimrath wirst ! « » Kommt Zeit , kommt Rath . « » Und bis dahin kommst Du ins Gerede , und wirst am Ende gar nicht Geheimrath . « » Dann bleibe ich Kriegsrath . « » Und Deine Tochter bleibt sitzen . Sie kommt ins Gerede . Wenn wir nun mit Sack und Pack unter ' m Arm trotten , liebster , bester Mann , und die Obristin kommt gerollt in der schönen Equipage , und die Adelheid trägt wohl gar wieder den Korb - ach , wird sie denken , das sind solche Leute ! Und Du bist ' s , der das Glück Deiner Kinder verscherzt hat , aus Eigensinn ! « » Da können wir ja gleich die Obristin fragen . « Sie kam . Und ehe noch das Wort : » Du wirst doch nicht ? « von ihren Lippen war , musste die arme Frau hören , was sie doch nicht von einem Manne , der auf Reputation hält , für möglich gehalten . Er musste entweder sehr bös , oder bei sehr guter Laune sein . » Ach Du meine Güte ! « rief die Obristin . » Liebe Frau Kriegsräthin , mein Mann war auch nicht immer Obrist . Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Sammet getragen . Ein Korb am Arm , auch ein großer Korb , ist keine Schande ; wenn man sich nur nicht mit Jedem abgiebt , der gelaufen kommt , da kann man auch im blauen Kattunspencer ein honetter Mensch sein . Es ist schon recht , daß man auf Distinktion hält , und ich halte gewiß darauf , davon können Ihnen meine Niecen was erzählen ; aber pfui , wenn man darum einen Menschen nicht ästimiren wollte , wenn er nicht mit Vieren fährt ! Ich könnte Ihnen von Prinzen erzählen , haben den Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fuß aus , im Surtout bis über die Ohren zugeknöpft , und wenn sie anklopfen , man hört das gleich raus . So treten sie in die Hütten der Armuth , und wie Mancher , der hungert , wird von ihnen satt . Strecke Jeder sich nach seiner Decke , das ist meine Maxime . Wer seine Nebenmenschen nicht achtet , den achte ich auch nicht . Meine liebe Frau Kriegsräthin , was ist aller Glanz dieser Erde ! Eitelkeit , sagt der Herr Prediger , und wer solide handelt , der kommt noch am besten fort in diesem irdischen Jammerthal . Und wenn ich nur Platz hätte in meinem Wagen , mein Gott , ich würde es mir ja zur größten Ehre rechnen , wenn ich eine so solide Familie mitnehmen könnte . Einen Platz haben wir noch , der stuckert aber so sehr . Und als wir Abschied nahmen , so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und sagte : Eigentlich wollte ich bei Keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt ; aber Sie sind eine rechtschaffene , solide Frau , Frau Obristin , zu Ihnen komme ich , bis ich mir ein Quartier gemiethet habe . Na , den Herrn Prediger sollen Sie kennen lernen , wenn Sie mir die Ehre erzeigen , auf eine Schale Kaffee . In seiner Jugend hat er in Leipzig studirt , da haben wir geplaudert von - ich sage Ihnen , ein charmanter Mann . « Der Kriegsrath seufzte : » Ach Leipzig ! Sie wissen nicht , was mich das gekostet hat . « » Ja ' s ist theures Pflaster , und gar in der Messe . Na , das freut mich aber , daß Herr Kriegsrath auch da waren . « » Mich gar nicht , liebe Frau Obristin , « sagte der Kriegsrath , der gemüthlich seine Pfeife ausklopfte . » Es kostet mich meine Karriere . Ich ließ mich , da ich in Halle studirte , verführen , mit andern meiner älteren Kommilitonen einmal nach Leipzig hinüber zu reiten . Nur einen Tag ; am nächsten kehrten wir zurück . Als mein Vater es erfuhr , bekam ich einen Brief . Das war ein Brief , nicht mit Dinte , mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf ! Der verlorne Sohn in der Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben , sonst wäre er nicht verloren gegangen . Ich musste auf der Stelle zurück . Da standen schon die Pedelle , vom Rektor geschickt , und brachten mich auf die Post , und der Herr Postverwalter hatte mir einen Platz bestellt , neben dem Schirrmeister , daß er auf mich Acht habe . Und als ich nun ins elterliche Haus kam ! Meine arme Mutter in Thränen und meine Schwestern ! Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt , fast bei Wasser und Brod und musste die Psalmen auswendig lernen . Aber das war noch gar nichts dagegen , wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Thür öffnete , und mich so mit untergeschlagenen Armen ansah , ein Blick , daß mir das Herz im Leibe zu Stein ward , und mir ankündigte , daß es nun mit meinem Studiren aus sei . Nun versuche , Du ungerathener Sohn , sprach er , ob Du durch Dein ferneres Leben es wieder gut machen kannst , daß Du Deines Vaters Schweiß und Deiner Mutter und Schwester saure Händearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast . Der Bauerwagen stand vor der Thür , der mich in eine kleine Stadt brachte , wo ich als unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Carrierr anfangen musste . Sehn Sie , das kostet mich Leipzig ! « Die Kriegsräthin war erstaunt , aber nicht ganz unzufrieden , daß ihr Mann durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mittheilungen sich hinreißen ließ . Diese machte ihm ein Compliment : » wer weiß , wozu es gut gewesen . Die Studirten kämen oft nicht weiter , und wer klein anfinge , der hörte oft groß auf . « » Mein Vater war ein strenger Mann , aber ein braver Mann , und er hatte Recht , « sagte der Kriegsrath . » Denn meine Eltern mussten sich ' s schwer verdienen , daß sie nur durchkamen . Und was hatte ich in Leipzig zu suchen ! « Das gefiel der Kriegsräthin wieder nicht , daß er zu erzählen anfing , wie knapp es in seinem älterlichen Hause zugegangen . Die Obristin horchte aber sehr theilnehmend . Jetzt kamen auch die jungen Mädchen zurück . Sie hatten unter sich ausgemacht , nichts von dem Abenteuer zu erwähnen . Jülli und Karoline sprangen , als wäre nichts vorgefallen , Adelheid ging langsamer und bückte sich oft . Schlug ihr das Gewissen , daß sie etwas nicht Erlaubtes gethan , oder daß sie darauf eingegangen , es zu verschweigen ? Die Aufforderung , für das Abendessen zu sorgen , war ihr willkommen . Im Hause schlüpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und setzte den Fuß auf den Schemel , um mit einigen Flachsfäden aus dem Spinnrocken den Strumpf fest zu binden . War es die alte Wanduhr oder ihr Herz , das so laut schlug ? Ein heiseres Gelächter schallte plötzlich hinter ihr . Die Alte hatte sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an : » Verloren - Strumpfband verloren ! - hi ! hi ! hi ! Das bedeutet was . - Der ' s fand , wird sich freuen . Hi , hi , hi ! « - Das junge Mädchen floh , wie vor dem Spottgesang böser Geister . Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt , als der Milchreis zu Mittag . Die Kinder waren müde , die jungen Mädchen in Gedanken , die Aelteren hatten sich ausgesprochen . Alle drückte die Schwüle des Tages , der zum Abend geworden . Aus dem Kruge schallte Tanzmusik . Reiter gallopirten auf dem Fahrwege heran , es waren Gensd ' armerieoffiziere . Sie hielten plötzlich an , und lorgnettirten die Gesellschaft . Mit einem hässlichen Gelächter gab der eine ein Zeichen . Die Frauen schrieen , sie glaubten , die Reiter wollten den Tisch umreiten ; sie ritten nur um den Tisch , einer hinter dem andern im Kreise , oft so nahe , daß die Pferde die Stuhllehnen berührten . Die Kriegsräthin ward blaß vor Schreck , der Kriegsrath vor Unwillen , die jungen Mädchen senkten die Köpfe , die Kinder waren ängstlich vor den Pferden . Die Obristin fasste den Arm des Kriegsraths unter dem Tisch und flüsterte ihm zu : » es sind junge Leute . « Die jungen Leute aber beugten sich seltsam im Sattel , sie warfen Kußhände zu mit den Fingern , mit beiden Händen , sie miauten , schnalzten , krähten . Endlich waren sie wie der Sturmwind verschwunden , nachdem sie ein : » Auf Wiedersehen , allerliebste Engelchen ! « der Gesellschaft zugerufen . Der Schemel hinter ihm fiel auf die Erde , als der Kriegsrath aufsprang und der Aufbruch war