ein Bett des einen Zimmers . Gute Nacht ! sagte er ihm und ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan . Er rückte behutsam sein Bett an die Verbindungsthür , um lauschen zu können , ob sich Hackert legte . Als er bemerkte , daß dieser völlig ruhig war , das Licht löschte , die Thür zuriegelte und sich aufs Bett warf , entkleidete er sich selbst . Er hatte von dem Gespräch , dem Wein und der Entdeckung über Hackert ' s unglückliche Nervenstörung selbst halb verwirrt , sich kaum niedergeworfen , als er in der Ferne Schlurck ' s Wagen zu hören glaubte , so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der plötzlich verschwundene genußsüchtige Spötter aus dem Hofe gefahren . Über die Beziehung , in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand , noch länger nachzudenken , fehlte ihm die Sammlung der Sinne . Unten aber hatte der Heidekrüger , als er erfuhr , daß der Nachtwandler des fremden jungen Mannes Kutscher war , erst noch wissen wollen , ob der Justizrath diesen kenne , dann aber , als Schlurck leichenblaß schwieg und sich nur eilig in seinen Wagen setzte , ihn mit der Bemerkung : Der Reubund ist doch Muckerei ! wieder zur Besinnung bringen wollen . Schlurck aber scherzte nicht mehr . Mit der Bemerkung : Gehen Sie zu Bett , Justus , Sie haben zuviel getrunken ! hatte er ihn vom Wagenschlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt , deren Inhalt wir im nächsten Capitel erfahren werden . Justus , der Heidekrüger , hatte , wie freundliche Herrschaften , die ihren Dienstboten gern Trinkgelder gönnen , die Gewohnheit , sich jedesmal , wenn seine Gäste die Börse zogen , zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu überlassen . Wir wissen nicht , ob auch dieser Charakterzug in dem Buche erwähnt ist , welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus ' Portrait und Lebenslauf enthielt . Es hieß , wenn wir nicht irren : » Deutschlands Biedermänner . « Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit , bis er , erschreckt von allen diesen Erlebnissen , in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief . Achtes Capitel Der Spion Der Morgen brach unfreundlich an . Die Westwolken , die schon die Nacht drohten , hatten sich über den ganzen Horizont gezogen . Das liebliche Blau der vergangenen Tage war verschwunden ; die Schwüle der Luft war noch wie bisher dieselbe . Blüte und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen . Noch standen die Wolken starr und fest , noch wollten sie sich auf die staubige Erde nicht niedersenken . Schon arbeiteten die Schnitter im Felde , um vor den drohenden Gewitterstürzen die Ernte in Sicherheit zu bringen , als Dankmar mit Hackert ausgefahren war , um die begonnene Reise fortzusetzen . Der Heidekrüger schlief wol noch , aber die kluge geschäftige Hausmagd , die sich Liese nannte und der die Sorge für das große Hauswesen ganz allein obzuliegen schien , war schon früh bei der Hand in dem von Arbeitern und Mägden belebten Hofe . Auch das Städtchen Schönau erblickte Dankmar jetzt am fernern Rande des Waldes und mancherlei lebhaften Verkehr , durch welchen diese Wirthschaft des Heidekrügers Justus bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde . Es erklärte sich ihm jetzt das sichere Gefühl , mit dem der Heidekrüger von seinem Einflusse auf die nächstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte . Als Dankmar in den Hof gekommen , fand er Hackert schon mit Aufzäumen des Pferdes beschäftigt und vor ihm die Liese , die ihm mit furchtsamem Ausdruck , eingedenk des gestrigen Abends , zu seinem Erstaunen eine gefüllte Börse mit den Worten hinhielt : Die Herrschaft in der Nacht hat Dies für Sie dagelassen . Wer ? fragte Hackert verdrießlich . Der Herr Justizrath ! sagte die Liese . Sie irrt sich wol . Das Geld ist wol für Sie bestimmt .... Die Magd Dankmarn erblickend , rief ihm , ihr beizustehen . Der Herr Justizrath hätten , erzählte sie , dem Heidekrüger gestern Nacht diese Börse mit all ' dem Gelde drin geben wollen , der hätte aber wie immer gethan , als könnte er blank nicht fünf zählen .... Was ? sagte Dankmar . Eine gute Magd , die so ihren Herrn verleugnet ? Liese wurde roth . Ich merkte schon lange , setzte Dankmar scherzend hinzu , daß Liese mit ihrer Herrschaft nicht im Reinen ist .... Ach , sagte das schon ältere Mädchen , der Heidekrüger ist ein braver Herr , aber zu hoch studirt . Wie ich herzog zu ihm - es sind jetzt an acht Jahre , die Frau Heidekrügerin lebte damals noch - ging Alles nach der Schnur ; denn die Frau führte das Regiment . Als sie starb , wollt ' ich fort , weil mir der Herr zu hochgestapelt war und für Unsereins kein Gehör hat .... Der Heidekrüger hochgestapelt ? Kein Gehör ? Ein Volksmann ? sagte Dankmar . Ich ließ mich beschwatzen und blieb , und es ging auch , weil Die von der Polizei dem Herrn alle Bücher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde von ihm im Loche sitzen mußten . Da ließ er die großen Staatssachen und das Geschäft hier kam wieder in Gang . Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im Brand . Nicht eine vernünftige Antwort hat man von dem steifen Mann . Was soll ich da ? Ich will in einen andern Dienst . So , so , Liese ! Nun , als ehrlich kann man Sie empfehlen . Was soll die gefüllte Börse ? Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb herüber . Der Justizrath wollte die Börse dem Heidekrüger geben , daß er die Zeche abzieht und den Rest da an den ... An meinen Kutscher ... sozusagen ... ? Ja Herr , an den ... Sie blinzelte Dankmarn zu , als wenn man nicht recht wisse , wie man mit dem gespenstischen jungen Menschen dran wäre und ihn näher bezeichnen solle .... Schon gut , sagte Dankmar , der steife Heidekrüger hat viel Vertrauen zu seiner ungetreuen , unpolitisch gestimmten Liese .... Gezählt hab ' ich ' s nicht . Aber Das merk ' ich schon , es ist mehr als mein ganzer Lohn auf drei Jahre beträgt . So nehm ' er doch ! Damit wandte sie sich , fast collegialisch , wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren . Hackert wies sie finster zurück . Als Dankmar zureden wollte , bat er ihn ungeduldig , endlich einzusteigen und die Gans schnattern zu lassen . Gib mir den Beutel , setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die Häkelarbeit der Börse . Es war rothe Seide mit Gold durchzogen , das Ganze sehr kunstvoll durcheinandergewirkt . Laß mir den Beutel ! Behalte nur getrost das Übrige ; Verrätherin , die ihren Herrn verleugnet ! Als ihm die Magd den Beutel reichte , schüttete er den ganzen Inhalt erst in seine volle Hand und sagte wirklich : Halt ' die Schürze auf , Hexe ! Dann warf er die aus Gold- und Silberstücken bestehende bedeutende Summe der Liese in den Schoos und murmelte : Die Börse will ich behalten . Was drin war , gib entweder deinem Herrn , er soll ' s dem Schlurck wiederzustellen , oder behalte es selbst . Ich will nichts behalten . Wir stehlen hier nicht , antwortete die Magd , empfindlich über Hackert ' s grobes Benehmen und sein ... Anhexen . Ist Sie großmüthig ? Eine Tugendprahlerin ? So gibt sie auf Heller und Pfennig , fuhr Hackert fort , dem Heidekrüger das Geld da oder stellt in meinem Namen , in Fritz Hackert ' s Namen , hört Sie , Fritz Hackert ' s , dem Justizrath Schlurck das Ganze zurück , wenn er des Weges kommt , oder schickt ' s ihm . Verstanden ? Lateinisch redet Ihr nicht ! brummte die Magd ärgerlich und zugleich doch aufs äußerste erstaunt . Der Herr da will zahlen , fuhr Hackert resolut fort , indem er Dankmarn , der ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte , die Rede abschnitt . Was ist er schuldig ? Einen Thaler fünf Groschen , sagte die Magd , und überreichte eine Rechnung . Dankmar nahm einen der Hackert ' schen Scheine aus seiner Tasche , nicht ohne Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher hinüberblickend . Hackert erwiederte diesen Blick und schielte , indem er die Rechnung einsteckte , zu den Thalerscheinen , als kennte er sie . Ist der Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich ? dachte Dankmar und wußte sich diesen Gegensatz nicht zu reimen . Doch war Hackert ' s Blick auf den Inhalt seiner Rocktasche nur ein flüchtiger . Die von der Magd erhaltene Börse fesselte ihn lebhafter . Er betrachtete die Häkelarbeit mit der Andacht eines Menschen , der an der Echtheit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt , weil er das tiefe Bedürfniß fühlt , sie zu verehren . Wäre Hackert allein gewesen , er hätte die Börse , deren Inhalt er so stolz verschmähte , vielleicht geküßt . Mindestens betrachtete er sie mit andächtigster Theilnahme . Jetzt hinter einem Manne zu sitzen , von dem er wußte , daß er bei Nacht im Schlafe wandelte , war Dankmarn natürlich peinlich genug . Die Erinnerung an die Erlebnisse der vergangenen Nacht überhaupt und die aufregenden Gespräche trat verworren und wüst in ihm auf . Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck , die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen werthvollen Besitzes , würde vielleicht in den Hintergrund getreten sein , wenn Schlurck ' s Reden ihn nicht aufs lebendigste geweckt hätten . Was er in diesen Tagen nur über die alten Zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte , stimmte mit den Äußerungen Schlurck ' s , das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend , merkwürdig zusammen . Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklärten Märtyrerglanze erschienen , wie sie auf dem Bilde seines Bruders strahlten . Schlurck sprach zwar auch in seiner Weise hochachtend über sie . Diese war aber für ihn eine geringschätzende . Endlich gewann ihm Das , was Schlurck über den Reubund gesagt hatte , ein lebhaftes Interesse ab . Hinter dem Spotte des Justizraths lag ein gewisser Ernst , dessen einschmeichelnde Macht er nicht zurückweisen konnte . War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Armuth verlassen ? Schmachtete sie nicht nach Thaten des Geistes und neuen Offenbarungen ? Einen Augenblick überkam ihn der Gedanke : Wie , wenn du in diesen von der Regierung geduldeten Modebund trätest und ihn zu deinen Ansichten herüberleitetest ! Wie , wenn Das , was ein Bollwerk des Absolutismus sein soll , eine Schutzmauer des Kampfes gegen ihn würde ? Hatte er neben sich in Hackert einen Ausnahmemenschen , dessen Zustand auf dunkle Nachtseiten der Natur führte , so war ihm auch das Ordenswesen plötzlich eine geheimnißvolle Nachtseite der Gesellschaft und er konnte nicht umhin , sich selbst zu sagen : Wer sieht schon jetzt die ganze Reihenfolge Dessen ab , was Alles im Menschen- und Völkerleben als Keim zukünftiger Entwickelungen liegt ? Kein sterbliches Auge verfolgt die schlummernden Möglichkeiten . Wer ahnte einst die Gestaltungen , die nun voll und kräftig in der Gegenwart reifen ? Wer verfolgt die Wege , die sich tief im Schooße der Erde der Maulwurf des Weltgeistes gräbt ? Welche wunderbare Entwickelung hätte der Tempelherrnorden nehmen können , wenn ihn vereinte weltliche und geistliche Macht nicht unterdrückt und aus der Wettbahn der Kräfte , die das Mittelalter stürzten , hinausgedrängt hätte ? Die Päpste bereuten später bitter genug , daß sie im französischen Exil , abhängig von der Willkür französischer Herrscher , den Templerorden aufgehoben hatten , diesen gewaltigen Arm , der ihnen nach dem Verluste des heiligen Grabes und einer veränderten Bestimmung des Ordens im Herzen der weltlichen Gewalt die Waffe hätte führen können , die ihnen später erst das Gift und die Intrigue des Jesuitenordens wurde ! Dreißigtausend Tempelherren hätten - Philipp der Schöne fürchtete es - bewaffnet in Frankreich allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten können , und was wäre es denn auch für ein Unglück gewesen , wenn immerhin der Geist eines Innocenz des Dritten über den weltlichen Supremat gesiegt hätte ? Es früge sich , ob wir uns nicht besser ständen , wenn der Monarchismus in der absoluten Weise , wie er jetzt auf den Völkern Europas lastet , im theokratisch regierten Europa niemals sich hätte entwickeln können ? Es früge sich , ob wir nicht durch die Kirche , die doch allein die Bewahrerin der Bildung geblieben ist , trotz ihrer theilweisen Verfinsterung doch wol zu größerer Wahrung unserer Menschenfreiheit gediehen wären , als durch den Staat , der uns Revolutionen über Revolutionen brachte und jetzt erst recht im neunzehnten Jahrhundert begonnen hat , ohne alle Rücksicht auf Leben und Tod , mit grausamster Consequenz , für sein frivoles , irdisches , egoistisches Bestehen förmlich , wir sehen es täglich , zu wüthen ! Das erkannte Philipp der Schöne , der klügste politische Kopf seiner Zeit , und rottete die bewaffneten Vertheidiger der Hierarchie mit Hülfe eines von ihm eingesetzten lasterhaften Papstes aus . Das templerische Element flüchtete sich in den Johanniterorden , der leider keines größern Gedankens mehr fähig war . Man fühlte Das . Man dachte an Erneuerung . Immer und immer sollte der Bund wiederhergestellt werden , der dem Papste Kraft über die Gemüther gegeben hätte und zugleich seinen Arm bewaffnet . Aber erst , als das Papstthum sich überlebt hatte , gelang ihm der alte römische Plan durch Ignaz Loyola und Franz Lainez . Eine geistliche Ritterschaft war nun wieder da . Freilich bewaffnet mit dem Schwerte der Scholastik . Das Kreuz des reinen Templermantels ... mit heimlichem und offenem Blute gefärbt . Diese verspätete Ritterschaft kämpfte für eine verlorene Welt , für eine verwelkte Blüte der Jahrhunderte ..... Warum aber erhob sich nicht die Reformation zu einem Gegenbunde gegen die Jesuiten ? Warum brachte sie es nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferenten Anschauungen der Maçonnerie ? Die Freimaurer sind der Gegenbund der Jesuiten , aber welch ein Feld ist noch übrig , um aus dem Logenschurzfelle des Maurers einen echten Templermantel zu machen , aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu schmieden , aus dem Hammer ein Schwert , blank und im Kampfe haarscharf ? Diese Gedanken regte bei Dankmarn Schlurck ' s Wort im Allgemeinen an . Im Besondern aber trat ihm auch die Äußerung , daß er jenen berühmten Proceß führte , der ihn nun bald selbst betreffen konnte , mit beklemmender Überraschung entgegen . Durch den Verlust Dessen , was er eben so bedeutungsvoll gewonnen hatte , sah er sich zwar ausgeschlossen von der Theilnahme an einem alten Rechtshandel , dessen Führung bei Schlurck in den gewandtesten Händen war ; allein sollte er das Verlorene wiederfinden , wie konnte er in diesem Falle nicht noch mit Schlurck in Gegensätze gerathen , die greller waren als die der verflossenen Nacht ? ... Doch warf Dankmar bald diese Grübelei aus seinen Betrachtungen fort und hielt sich an das Nächste , an die Natur und an die Abenteuerlichkeit seiner Reise , zu deren Räthseln vorzugsweise Hackert und jetzt auch seine Beziehung zu Schlurck gehörte , dessen Geschenk an den nervenkranken Nachtwandler von einer auffallend innigen Theilnahme zeugte . Hackert störte die unhörbaren Selbstgespräche seines Gefährten nur durch das Knallen der Peitsche , die am Walde widerhallte , und ein Locken und Pfeifen des Mundes , immer wenn er Vögel sah und diese vom Wege in die Schatten der Bäume zurückhüpften . Als er merkte , daß Dankmar geneigt war , auf ihn zu hören , begann er : Im Stalle gestern lag ich schlecht ; ich zog doch vor , oben in einem guten Bett zu schlafen . Haben Sie gut geruht ? Dankmar bemerkte wohl , daß Hackert seine plötzliche Erscheinung im obern Corridor auf natürliche Weise erklären wollte , als einen freiwilligen Entschluß . Warum sollte er ihm diese Beschönigung seiner Krankheit stören ? Es rührte ihn vielmehr , daß der Mensch über Etwas , das ein angeborenes Schicksal ist , das Gefühl der Scham haben konnte ! Er erinnerte sich , daß Siegbert oft beim Anblick elend geborener oder körperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte : Wie finden sich diese Menschen nur mit ihrem Schöpfer zurecht ! Wie tragen Sie nur ihr Leid , nicht sehen , nicht hören , nicht sprechen zu können ! Welche langen Kämpfe des Gemüths gehören dazu , bis der unheilbar Kranke , der ewig liegen muß , sich nicht mehr frei bewegen kann , sein Schicksal als unabänderlich hinnimmt und sich von den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt , daß er denkt : Das bleibt dir doch noch ; Das lohnt sich doch noch , all diesen Jammer zu tragen , und mit ihm auszuharren , und wär ' es nur der warme , milde Sonnenschein ! Dankmar , um sich dem Kranken gegenüber ganz unbefangen zu zeigen , vermied jede weitere Frage , auch die wegen Hackert ' s näherer Beziehung zu Schlurck . Er lenkte von Allem , was seine Neugier reizte , auch von dem Inhalt der Börse , die er zurückbehalten , und der schönen Häkelarbeit , auf Etwas hinüber , das ihm jetzt schon für gleichgültiger erschien , seine Ankunft in Hohenberg und die Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verübten Raubes . Bei den Leuten auf dem Heidekrug , sagte Hackert , hab ' ich mich erkundigt . Wir passiren noch eine kleine Stadt , Dassel geheißen , dann kommen wir ins Hohenbergsche nach Berghübel und gegen Abend sind wir in Plessen am Fuße des Schlosses Hohenberg . Es ist ganz Recht , dort treffen wir noch lustige Gesellschaft . Alle Creditoren der Hohenberg ' schen Masse , Schlurck ' s Frau , seinen Buchhalter Bartusch , dann einen Bankier von Reichmeyer und ein Dutzend Vampyre aus der Stadt , die alle in den fürstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt glauben , weil sie unter adeligen Wappen schlafen können . Wenn Prinz Egon - aber sehen Sie nur - Sie werden ja da gegrüßt ! Dankmar hatte mit Theilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und forschte in seinen Zügen nach einem Verständniß dieser jedenfalls noch unentwickelten und doch schon so überreifen , in sich wohl unklaren Natur . Das Wägelchen ging langsamer , weil sich der Wald in die Höhe zog . Sich nun umwendend , erblickte er am Rande des kleinen Grabens , der frisch ausgehöhlt neben der Straße sich zog , den Tischlergesellen von gestern Nacht . Er trug den leichten Ranzen über dem Rücken , hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines Lustwandelnden als eines ermüdeten und schwertrabenden Wanderers . Dankmar hatte ihn seit gestern Abend , wo er bei den politischen Unterhaltungen einen schlafenden Zeugen abgab , aus dem Gedächtniß verloren ; jetzt aber trat er ihm wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit , die ihn schon gestern in seiner zurückgezogenen Bescheidenheit umgab , auffallend genug entgegen . Sein Gruß war höflich , ohne unterwürfig zu sein . In seinen schönen Zügen lag ein feines Lächeln . Kein Wunder , dachte sich Dankmar , daß eine französische Dichterin in unsern vorschreitenden Zeiten gewagt hat , einen sogenannten Kunsttischler in einem ihrer communistischen Romane so liebenswürdig hinzustellen , daß er selbst das Interesse einer hohen gebildeten Dame erwecken konnte ! Wir sollten den Mann einladen mitzufahren , meinte Dankmar . Es ist ein Tischler und von überraschender Bildung .... Höflich sein auf der Landstraße ? antwortete Hackert kalt und wollte das Pferd antreiben . Er machte ein Gesicht , das alle Merkmale eines Neides ansichtrug , der aus ihm über die Theilnahme , die der Handwerker fand , deutlich zu sprechen schien . Es ist ja Platz neben mir ; fuhr Dankmar fort . Neben Ihnen ? Warum denn nicht hier vorn ? Wir vergessen überhaupt unsern Vertrag , fiel Hackert unruhig und fast heftig ein . Nur Mitleid mit einem so großen Unglück Hackert ' s , wie er es gestern entdeckt hatte , bestimmte Dankmarn darüber zu lächeln . Das wär ' ein Tischler , sagen Sie ? fuhr Hackert fort . Den Gauner hab ' ich heute früh schon im Hofe als verdächtig erkannt . Ein Batisttasehentuch in der Blouse ! Wenn er ' s nicht gestohlen hat , ist ' s ein Beweis mindestens für Spionage . Sei Einer ja behutsam jetzt , wenn man sogenannte Arbeiter sieht , die von dem Rechte der Arbeit reden , aber keine Schwielen in der Hand haben . Die Polizei weiß sehr gut , was sie jetzt Alles auszustöbern hat . Hier herum wimmelt ' s von jungen Accessisten , die ihr Probestück ablegen mit einem falschen Paß .... Probestück mit falschem Paß ? Was heißt Das ? fragte Dankmar . Lieber Gott , die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt für die sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus . Um jetzt eine Polizeicommissariusstelle zu bekommen , verkaufen hundert Referendare , Assessoren sogar und Lieutenants ihre Seele , wenn sie eine haben , und leisten , was Blindschleichen und Menschen nur können , die eine Anstellung finden und gern heirathen möchten . Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht ? fragte Dankmar , doch erstaunt , weil er sich gewisser Äußerungen erinnerte , die auch Schlurck gestern fallen ließ . Ach ! Es sind jetzt wenig Menschen Das , was sie scheinen , sagte Hackert . Wie bei gewissen Koffern , mit denen man nach Frankreich und Rußland reist , haben zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden . Ich wohne in der Brandgasse . Mein Vicewirth , Hausmann , oder wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen wollen , ist ein Schlosser , seine Frau eine Flickschusterin , und Abends treibt der Mann Polizeigeschäfte , und sie - nun sie kuppelt . Nebenan wohnt ein verdorbener Klempner . Das ist ihr und sein College . Nach oben hinauf ist ' s nicht besser . Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht ! Der schnüffelt , Der heuchelt , Der gibt an ! Und Den da , den hab ' ich auch schon längst weg . Für was halten Sie ihn ? Im Heidekrug beschnüffelte er Alles . Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an , wie die Kuh das neue Thor , und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab . Ich gebe mein Wort . Es ist entweder Assessor Müller selbst , der auf dem Polizeipräsidium arbeitet , oder sonst Einer , der von ihm hierher geschickt ist , um Recherchen zu machen , natürlich politische . Die Spitzbuben haben ja jetzt die schönsten Tage . Die Polizei spürt nur nach Revolution . Neulich sagte ein junger Mensch , der seit mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht , weil er in seiner Kindheit einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist : Es ist ordentlich beleidigend , sagte er , für unsereins ; wir sind ganz aus der Mode gekommen ! Wenn Einer bei dem Hofjuwelier selbst einbräche , nicht drei Tage würde davon gesprochen ! Dankmar fand diese Vermuthung über den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich , und so wenig Neigung er sonst hatte , mit Spionen oder den offenen unsanften Armen der weltlichen Hermandad in Berührung zu kommen , so hätte er doch vielleicht noch Gelegenheit finden können , sie heute für sich in Anspruch zu nehmen . Seines verlorenen Schreins gedenkend , sprang er aus dem Wagen und wandte sich zum großen Ärger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinüber . Haben Sie in dem Wirthshaus eine gute Nacht gehabt ? fragte er , als der angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschloß , daß Beide nebeneinanderschritten . Ich schlief später noch in einem Zimmer neben Ihnen ! antwortete der Fremde . Aufrichtig ! Ich hatte mich nur so gestellt , als wollt ' ich im Wirthshaussaale bleiben . Der Schlemmer interessirte mich , und als vollends noch Sie hinzukamen und das Gespräch belehrend für mich wurde , schloß ich die Augen ohne zu schlafen . Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett . Da haben Sie uns also ... belauscht ? bemerkte Dankmar , erstaunt über diese Offenheit . Wenn Sie ' s so nennen wollen ! sagte der Fremde ; ja ! Hätt ' ich mich wach gezeigt , so würd ' ich dem Manne haben sagen müssen , warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte , oder was noch schlimmer gewesen wäre , ich hätte mich hinreißen lassen , seinen jämmerlichen Lebensansichten zu widersprechen .... Dem Wirth , glaub ' ich , sagte Dankmar lachend , würde dann doch die Geduld gerissen sein . Er schien Sie längst nur mit großer Selbstüberwindung in einem Saale zu dulden , wo einer seiner Gäste Trüffeln und Champagner ausbreitete . Ich weiß ! Vor unserer Umwälzung hätt ' er mich zur Thür hinausgeworfen und auf den Heuboden verwiesen , antwortete der Wanderer . Die Zeiten werden schon wiederkommen und vielleicht mit Recht . Was anmaßend und zudringlich ist , bleibt zu allen Zeiten besser vor der Thür als drinnen . So wandeln Sie wohl , sagte Dankmar , in politischen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrügers ? Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck eines Lächelns , das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu für fein und geistreich zu erkennen . Dies Lächeln entwaffnete ihn . Er mußte einen Augenblick schweigen . Nach einer Weile begann der Fremde von selbst : Ist denn Das auch ein System ? Ist denn Das auch eine Meinung ? Was diesen Heidekrüger beseelt , ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit ! Dieser Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten , die unter seinem Dünkel leiden . Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern ? Er krankt , jedes seiner Worte verräth ' s , an der traurigen Großmannssucht , welche die Hauptrolle in unsern politischen Kämpfen spielt . Er kommt mir vor und Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer , die bei Anlegung einer neuen Eisenbahn durchaus verlangen , daß die Linie an ihrem Eigenthum vorübergehen soll . Ohne sie gibt es nichts . Ohne sie kein Wind und Wetter . Ohne sie nicht Sonnenschein und Mondschein . Es ist dabei ein Trost , daß diese Menschen nicht ganz servil sind . Sie stellen sich der Regierung gegenüber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfüße und wollen erobert , wollen gesucht , wollen geschmeichelt sein . Aber erst große Worte ! Erklärungen ! Die Hand aufs Herz ! Lafayette ! Lafayette ! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwäche gefangen , so kann man Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen größern Ochsen sehen als ein solches , um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes , früher liberal gewesenes Hornvieh . Dankmar fühlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernäußerung , daß , wenn der Fremde ein Spion war , er als Agent provocateur in der That Talent besaß . Unmöglich konnte er ein Tischler sein . Er beschloß jedoch , harmlos zu bleiben , nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen Überzeugungen , die er immer frei bekannte , keine Furcht zu verrathen . Da ihn diese Unterhaltung bei dem trüben Wetter und der einförmigen Gegend nur erfreuen konnte , trat er ohne weiteres Mistrauen , ohne ängstliche Furcht , ganz offen mit seinen Empfindungen hervor . Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen , sagte er , die leider zu sehr den Schwerpunkt unserer Zustände bilden ! Sahen Sie nicht , wie scheinbar uneigennützig dieser Biedermann jeden Anspruch auf persönliche Auszeichnung vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade so nur stellte , daß sie auf ihn allein zutreffen mußten ? So machten es Cäsar und Cromwell auch , als sie in Versuchung geriethen , sich krönen zu lassen , und nicht wußten , was ihnen größer stehen würde , die Krone oder der Schein , sie ausgeschlagen zu haben ! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen Tartüffe vom Lande , den deutschen patriotischen Ehrenmann , der nur das » Gute « will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt , wo man vor dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt ! Ja ! Ja ! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube ! sagte der Fremde mit nachdenklichem Ernst . Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten Heuchler , diese doctrinair gewordenen Spießbürger ! Auch der Nihilismus taugt nichts , sagte der Fremde , der sich immer gebildeter zeigte und Dankmarn überraschte . Aus nichts wird nichts . Ein Nihilist bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist . Der Nihilist springt von Meinung zu Meinung , gehorcht Jedem , der gerade die Gewalt hat , und ist der rechte Widersacher , der Erzfeind aller guten Dinge . Wir leiden an keinem Übel so sehr , als an der Eitelkeit und an der Genußsucht . Die Genußsucht ist der eigentliche rothe Faden der Revolution , der sich durch alle unsere Gesellschaftsschichten zieht . Die Genußsucht stürzt die Staaten im Grunde um , sie lockert das unterste Gebäude . Sie lehrt jenes Übermaß im Siege bei allen Parteien . Paris ! Paris ! Das ist nicht der Heerd der Gedanken , sondern der Heerd der Genußsucht ! Wissen Sie , was die ganze , die ganze Welt regiert ? Der Cours der französischen Rente . Ich war in Frankreich . Der Franzose arbeitet bis in sein funfzigstes Jahr . Dann will er noch zwanzig