die Gegenwart eines blutjungen unschuldigen Kindes heraufzubeschwören , daß er wahre Wunder der Naivität beging und die Herzogin unwillkürlich in den Strudel der süßesten Liebesraserei mit sich fortriß . » Unglücklich bin ich « , rief der Ritter , » unglücklich geworden seit zehn Minuten , weil ich noch daran verzweifeln muß , ob ich je wieder glücklich werde . Eine Rose fand ich - darf ich sie brechen ? Eine Perle fand ich - darf ich sie an meine Brust drücken ? « - Ähnliche Phrasen entschlüpften dem Ritter zu Dutzenden . Die Herzogin gestand sich , daß sie schon viel dummes Zeug im Leben gehört habe , gewiß aber nicht so viele verliebte Schnörkel , wie sie der Ritter in Zeit von einer halben Stunde produzierte . » Reisen Sie , Ritter ! Suchen Sie Trost und Zerstreuung auf Reisen - « » Gnädige Frau , verstoßen Sie mich nicht . « » Jagen Sie , Ritter ! Suchen Sie Zerstreuung auf der Jagd - « » Gnädige Frau , verjagen Sie mich nicht . « » Treiben Sie Künste und Wissenschaften , Ritter , zerstreuen Sie sich ! « » Lassen Sie mich das nicht in der Kunst suchen , was ich im Leben vor mir habe - « So dauerte die Unterredung fort , und immer schwärmerischer schaute der Ritter auf die Dame , und immer entzückter blickte die Dame auf den Ritter . Doch ich kann von meinen Freunden nicht erwarten , daß sie die Liebesduselei zweier alter Sünder bis zu Ende lesen sollen . Das Geschwätz zweier Liebenden ist unter allen Umständen langweilig , und wenn auch eine Konversation wie die der Herzogin und des Ritters schon ihrer Heuchelei wegen interessanter ist als eine wirkliche , aufrichtige , jugendliche Aventüre , so bleiben die mehr oder weniger abgedroschenen Phrasen doch immer dieselben . » Der süße Gram « und die » holde Not « machen sich in schlecht stilisierten Briefen und in erbärmlichen Redefloskeln Luft , und die Faseleien der Liebe sind unerträglich . Erst da wird die Liebe interessant , wo sie rein sinnlich auftritt . Die sinnlichen Engel auf Erden sind ganz leidliche und interessante Geschöpfe , aber die geschlechtslosen Engel im Himmel wollen wir dem lieben Gotte überlassen . Alle Leute , heißt es in unsern Manuskripten , die seinerzeit auf dem Schlosse des Grafen anwesend waren und die Manöver des Ritters der Herzogin gegenüber zu beobachten Gelegenheit hatten , meinten vor Lachen zu sterben . Der Ritter betrug sich wie der sentimentalste Affe , und er führte diese Rolle mit einer solchen Konsequenz durch , daß die Herzogin sich immer mehr täuschen ließ und wunderbarerweise zuletzt gar nicht mehr daran zweifelte , daß der Ritter ihr mit demselben Verlangen entgegeneile , wie sie sich zu ihm hinübersehnte . Die Herzogin gestand sich , daß sie noch nie so geliebt worden sei . Alle ihre Jugendträume kehrten wieder ; alles , was sie genossen , wurde aufs neue bei ihr lebendig . Sie glaubte sich in jene Tage zurückversetzt , wo einst die Blüte der französischen Jugend zu ihren Füßen lag , und in der Gestalt unseres Ritters erschienen ihr alle Männer , von denen sie Liebes erfuhr . Dem Ritter war es gelungen , was ihm der Graf als die schwierigste Aufgabe geschildert hatte . Es war ihm gelungen , die Jugend der Herzogin in ihr Alter zurückzuzaubern . Als der Ritter aber soweit gelangt war , da kannte die Dankbarkeit der Herzogin keine Grenzen mehr . Wäre es Schnapphahnskis Wunsch gewesen : sie hätte wirklich mit Freuden ihre Schlösser in Brand gesteckt und ihre Demanten ins Meer geschleudert . Diese Dankbarkeit der alten , unverwüstlichen Dame soll etwas Rührendes gehabt haben . In dem abscheulichen Gewirr der Lügen , der Heuchelei , der widerwärtigsten Eitelkeit und der schamlosesten Intrigen tauchte diese Dankbarkeit , dem geschmolzenen Gold in seinen Schlacken ähnlich , als das einzig erquickliche Gefühl auf und versöhnte gewissermaßen das Bizarre und Ekelerregende des ganzen Umgangs . Auf unsern Ritter wirkte dies zurück . Zum ersten Male in seinem Leben schämte er sich . Er hatte zu sehr gesiegt , um sich nicht zu schämen . Aus der ersten , unnatürlichen Annäherung wurde ein jahrelanges , zärtliches Verhältnis . Nach dem Besuch auf dem Landsitze des Grafen kehrte damals die Herzogin nach ihrem Schlosse zurück , und es verstand sich von selbst , daß sie unsern Ritter mitnahm . Es erfolgte nun ein Zusammenleben , daß man unmöglich hinlänglich beschreiben kann . Ein griechischer Kultus wird eingerichtet ; die Herzogin läßt die Badegrotte mit asiatischem Luxus neu möblieren , und hier weilen die Liebenden halbe Tage lang . Odysseus und Kalypso . » Also geschah ' s ; da sank die Sonne , und Dunkel erhob sich . Beide gingen zur Kammer der schöngewölbten Grotte und genossen der Lieb und ruheten nebeneinander . « Todmüde und nach Luft schnappend , zieht sich der Ritter endlich nach seinem Gute zurück . Aber hierhin folgt ihm die Schöne , voll ungestillten Verlangens , in Mannskleidern - - - Groß wie der Dienst war auch schließlich der Lohn . Auf einen Schlag erhält der Ritter 200000 Taler . XVIII Das Resultat Komisch würde es sich ausnehmen , wenn man auf unsern heutigen Bühnen bei hellem , lichtem Tage Theater spielen wollte . Unter der ganzen gemalten Herrlichkeit würde das Eselsohr der Wirklichkeit hervorschauen . Blumen und Bäume würden ihren Glanz verlieren , und Salons und prächtige Hallen würden zu wahren Ställen und schofeln Korridoren hinabsinken . Auch die Künstler würden sich ganz anders ausnehmen . Unter einem Almaviva würde man trotz der besten Maske den Herrn Meyer erkennen , Marquis Posa käme als Herr Fischer zum Vorschein , und so würde man einen jeden an seinen Blatternarben erkennen , an seinem schlechten Schnurrbart oder an irgendeiner andern Vernachlässigung der Schöpfung , und der Herr Direktor würde bald vergebens sein Haus zu füllen suchen . Wie es dem Direktor mit dem Theater geht , so ging es mir mit der Herzogin von S. Meine letzten Schilderungen würden ebenfalls hübscher geworden sein , wenn ich sie bei Lampenlicht hätte geben können . Aber nur in trocknen Worten , bei unzweifelhaftem Tageslichte mußte ich die Schönheiten jener hohen Dame zergliedern ; da half kein Bitten und kein Flehen , die Sache wollte nun einmal beschrieben sein , so oder so , jedenfalls aber gemäß der Wahrheit , und leider mußte ich gehorchen . Meine Leser werden bemerkt haben , daß dies nur mit großem Widerstreben geschah , ich zog die Sache soviel wie möglich in die Länge und würde mich durch das Zwischenschieben anderer , fremdartiger Geschichten wohl noch länger dagegen gesträubt haben , wenn mich mein Gewissen nicht daran erinnert hätte , daß es besser sei , lieber um kein Haar breit von meinem Texte abzuweichen und allein der Wahrheit die Ehre zu geben . Ich blieb bei der Wahrheit , und ich war deshalb zehnmal weniger interessant , als wenn ich die Göttin der Lüge umarmt hätte . Wahrheit und Lüge ! Die Göttin der Wahrheit ist wie ein sechs Fuß hohes Mädchen mit blonden Haaren und mit kaltem , aber schneeweißem Teint . Aus zwei großen blauen Augen , die wie zwei Himmel in ruhig heiterer Herrlichkeit zu dir niederlächeln , schaut dich die Seele der reinen , keuschen Göttin so unbefangen und doch so feierlich an , daß du nur schüchtern zu nahen wagst , um ihr höchstens die Stirn zu küssen , die hohe olympische Stirn , und dann eines Befehles zu harren in banger Unterwürfigkeit , den langen , lieben , langweiligen Tag . Es geht uns mit der Wahrheit wie Cupido mit den sämtlichen Musen . Ich entsinne mich nämlich , gelesen zu haben , sagt Meister Alcofribas , daß einst Cupido , den seine Mutter Venus frug , warum er nicht die Musen anfiel , zur Antwort gab , er fände sie so schön , rein , ehrbar , sittsam und stets beschäftigt , die eine mit Betrachtung der Sterne , die andere mit Berechnung der Zahlen , die dritte mit geometrischen Maßen , die vierte mit rednerischer Erfindung , die fünfte mit poetischen Künsten , die sechste mit Musikbesetzung usw. , daß er , wenn er zu ihnen käme , seinen Bogen abspannte , den Köcher zuschlöß und die Fackel verlöschte , aus Scham und Scheu , ihnen weh zu tun . Auch nähme er sich die Binde von den Augen , sie offenen Angesichts zu schauen , ihre artigen Lieder und Oden zu hören : dies wäre ihm die größte Lust der Welt , so daß er sich öfters schier verzückt fühle in ihrer Anmut und Lieblichkeit , ja in der Harmonie entschliefe , geschweige daß er sie überfallen oder von ihren Studien sollte abziehen . - So geht es uns denn auch mit der Wahrheit . Oh , wie anders ist es mit der Lüge ! Die Göttin der Lüge oder der Phantasie , wenn ihr sie lieber so nennen wollt , ist nicht wie die der Wahrheit ihre sechs Fuß hoch ; sie trägt auch keine blonden Haare - nein , eine kleine schwarz- oder braungelockte Person ist sie , südlich dunkler Gesichtsfarbe , mit schelmischem Rosenmund und so verführerisch zierlich an Taille , Händen und Füßen , daß man wirklich gleich auf allerlei Irrwege geraten würde , wenn die beiden feurigen Augen der Kleinen nicht so sehnsüchtig verlangten , daß man sich taumelnd in ihnen verlöre wie eine Mücke im flammenden Lichte . Ruhig nicht und ernst ist die reizende Göttin , nein , sie ist lebendig , beweglich ; sie tanzt und singt und schmückt ihre Locken mit lustigen Blumen , lachend und weinend , wie es ihr gerade einfällt , und immer bleibt sie graziös . Der Wahrheit mußt du huldigen wie einer Königin , und was sie dir gibt , das gibt sie dir aus Gnade . Nicht so die Phantasie . Statt ihr nachzulaufen , läuft sie mitunter dir nach , und bist du ein hübscher Junge , da besucht sie dich in den Nächten des Frühlings und schlingt ihre weichen Arme um deinen Nacken und küßt dich , und am Morgen wachst du verwundert auf . Die nackte Wahrheit ist eine englische Ehefrau ; die schöne Lüge eine französische Grisette . Doch zurück zu Schnapphahnski ! Es war die höchste Zeit , daß unser Ritter in seinen Unternehmungen reüssierte ; er siegte noch gerade zur rechten Zeit über die Herzogin ; ihre Großmut konnte ihn noch retten . Die bedeutenden Besitzungen der Schnapphahnskischen Familie im östreichischen Schlesien sollten nämlich öffentlich verkauft werden , da der Ritter nicht mehr imstande war , sie zu halten . Schon war der Versteigerungstermin bestimmt , und ein Bevollmächtigter des K. von H. präsentierte sich , um die enorme Besitzung zu erstehen . Da trat jene Wendung in dem Leben unseres Ritters ein ... Die Herzogin von S. schwärmte für Schnapphahnski , und kein Opfer war ihr zu groß , um dem unglücklichen Manne zu helfen . Durch ihren Einfluß wußte sie es dahin zu bringen , daß der K. von H. seinen Bevollmächtigten zurückzog und die Idee des Kaufes fahren ließ . - Andere Bieter waren bei der ungemeinen Beträchtlichkeit der Herrschaft nicht zu fürchten und nicht vorhanden , und die Herzogin gab dann dem Ritter 200.000 Taler , damit er die ganze Geschichte halten konnte . Hiermit nicht zufrieden , veranlaßte der Ritter seine Gönnerin außerdem noch , nach und nach die Hypotheken , welche auf den andern Gütern lasteten , abzulösen und so mit seinen bedeutendsten Schulden tabula rasa zu machen - unser Freund war einer der Glücklichsten unter der Sonne . Ihr erinnert euch jener Sage von einem verwünschten Schlosse ? Disteln und Dornen waren hoch um die alten Mauern gewachsen und bildeten mit den efeuberankten Bäumen des Waldes einen undurchdringlichen Kranz , der die ganze Feste einschloß . Totenstille herrschte in dem prächtigen Raume . Auf dem Hofe schlummerten Hunde und Katzen ; regungslos standen im Stalle die edlen Rosse , eben noch bedient von rüstigen Knechten , die plötzlich bei der Arbeit eingeschlafen waren und mit halb geschlossenen Augen träumerisch an den Krippen lehnten . In der Küche nickten Koch und Küchenjunge , und da und dort saßen die andern Dienstboten , alle wie vom Schlage gerührt . In den Hallen des Saales ruhten aber auf weichen Polstern : Herren und Damen , beim Bankett vom Schlafe überrascht , die Becher noch in Händen , mit gesenkten Häuptern . Kurz , alle lebenden Wesen des Schlosses , von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand , waren behext und vom Zauber berückt , und schlafen würden sie vielleicht noch heute , wenn sich nicht einst ein jugendlicher Ritter mit dem Schwerte Bahn durch die Disteln und Dornen geschlagen hätte und keck hinein in den verwünschten Raum gedrungen wäre . Er sah sich verwundert um , und er begriff , daß dieser Zauber nur auf ganz eigentümliche Weise gelöst werden könne . Wochenlang hätte er die Herren und die Diener rütteln und schütteln können : sie würden doch nicht wach geworden sein . Er schritt daher die Wendeltreppe des Turmes hinauf , und als er hoch oben in ein kleines Gemach trat , da fand er auf weiche Kissen hingegossen : die schönste Jungfrau . Die Locken ruhten neben dem lieblichen Köpfchen , und die Lippen leuchteten in rosiger Frische . Entzückt war der Ritter , und lange schwelgte er in dem seligen Anblick . Als er sich aber genug erquickt hatte , da bog er sich hinab , und es verstand sich von selbst , daß er die Schöne mitten auf ihren roten Mund küßte - da war der Zauber gelöst ! Im Hofe erwachten Hunde und Katzen ; im Stall die Rosse samt ihren Knechten ; in der Küche fuhr Koch und Küchenjunge empor , und erwachend reckten die übrigen Dienstboten ihre steifgewordenen Glieder . Die Herren und Damen des Saales regten sich nicht minder : sie fuhren in ihrem Bankett fort und ahnten kaum , daß sie ein paar Hundert Jahre lang geschlafen hatten . Kurz , alles wurde lebendig , von den Helden des Saales an bis zu der Fliege an der Wand , denn oben im Erker küßte der Ritter die Jungfrau , und vom Traume erwachend , sank sie liebeseufzend an seine Brust . Gelehrte Leute behaupten , der ganze Zauber rühre von dem Stich einer Spindel her und nur durch einen Kuß könne so etwas wiedergutgemacht werden - - Ich weiß nicht , wie es darum steht , soviel ist aber gewiß , daß die Umarmung des Ritters Schnapphahnski und der Herzogin von S. denselben Einfluß auf die verschuldeten Güter des erstern hatte wie der Kuß des Ritters der Sage und der schlafenden Jungfrau auf das verwünschte Waldschloß . Der Kuß des Ritters entzauberte das Schloß ; die Umarmung unseres Schnapphahnski enthypothezierte seine sämtlichen Besitzungen . Wie die Rosse des Waldschlosses froh in die Luft hinauswieherten , daß endlich der Spuk gelöst sei , so huben sich auch die Merinomutterschafe und Böcke der Schnapphahnskischen Güter freudig empor und blökten ihrem schuldenfreien Herrn ein lustiges Willkommen . Schnapphahnski hatte keine Schulden mehr . Jeder , der einmal Schulden hatte , wird die Seligkeit dieses Gefühles zu begreifen wissen . Schulden gehören zu den unangenehmsten Rückerinnerungen ; Schulden sind gewissermaßen der Katzenjammer längst verrauschter Genüsse . Alle dummen Streiche , die wir im Leben begingen , treten in den steifen Ziffern unserer Schulden noch einmal ärgerlich vor unser Gedächtnis , und mit widerlichen Grimassen grinst die Vergangenheit in unsere Gegenwart herein . Das Schlimmste bei den Schulden ist indes , daß wir mit den Schulden Gläubiger bekommen ! Diese ernsten , mürrischen Leute , die uns auf der Straße mit Nasenrümpfen anschauen , die schon in der goldenen Frühe an unsere Tür pochen , um uns all ihren Jammer vorzuleiern , ja , die uns gar bei der Arbeit überraschen , wenn wir mit den höchsten Weltinteressen beschäftigt sind , um uns von dem Sinai unserer Gedanken in das tote Meer ihrer kleinbürgerlichen Misere hinabzuziehen - oh , es ist entsetzlich ! Aber das ist die Ironie des Schicksals , daß schon mancher Titane , der für das Heil der Menschheit schwärmte , nicht einmal seine Hosen bezahlen konnte - - Mensch , mache keine Schulden ! Ein Gläubiger ist erboster als eine Hornisse , beständiger wie der Teufel und langweiliger als ein Engel . Mit dem Bezahlen der Schnapphahnskischen Schulden glaubte die Herzogin indes , noch nicht genug getan zu haben . Vor allen Dingen wollte sie ihm wieder Bahn in die Berliner Gesellschaft brechen . Nur eine Herzogin von S. konnte eine solche Aufgabe übernehmen . Eine Frau , die alle Intrigen des Ancien régime und der Revolution kannte , die alle Wechselfälle des Kaiserreichs , der Restauration und der Dynastie mit durchgemacht hatte , schrak vor nichts zurück . Imponierend durch ihre Kühnheit , durch ihre Erfahrung und durch ihren kolossalen Reichtum , sehen wir sie zugleich mit unserem Ritter in Berlin auftreten . Die alten Feinde Schnapphahnskis regen sich an hundert Orten ; aber ohnmächtig sind sie gegen die Energie der Herzogin ; die heillosesten Geschichten ihres Freundes werden zu den liebenswürdigsten Abenteuern ; Haß , Spott , Gelächter : alles weiß sie zu besiegen . In einer Audienz bei dem Gespiel ihrer Jugend weiß sie Schnapphahnskis Zulassung zu den höchsten Kreisen durchzusetzen . Der Ritter wird wieder » möglich « , er faßt Fuß , er bekommt eine Stellung und - muß geduldet werden . Schnapphahnskis politische Laufbahn beginnt . XIX Die Römerfahrt Ehe wir unserm Ritter auf dem dornenvollen Pfade der Politik folgen , müssen wir noch eine Episode seines Lebens berühren , die zu merkwürdig ist , als daß sie übergangen werden dürfte . Es tut uns nur leid , daß wir etwas weit von dem bisherigen Schauplatz der Begebenheiten abschweifen müssen . Schon einmal begleiteten wir unsern Helden bis nach Spanien ; heute müssen wir ihm nach Italien folgen . Damals begleiteten wir ihn bis in das Leihhaus von Pampeluna ; heute folgen wir ihm bis zu den Füßen des Heiligen Vaters . Wir haben nämlich nichts mehr und nichts weniger zu erzählen als die Römerfahrt unsres Ritters . Alle großen Sünder verrauschter Jahrhunderte hielten es für ihre Pflicht , wenigstens einmal im Leben , wenn auch nicht nach dem Heiligen Grabe , so doch nach Rom zu wallfahrten , um dort , von allen Skrupeln erlöst , desto ruhiger in einen neuen Sündenabschnitt ihres Lebens hineinzusteuern . Jede Zeit hatte ihre Sitte ; so auch die damalige . Die Griechen brachten den Göttern Hekatomben ; das Mittelalter pilgerte nach Rom ; wir sündigen Menschen der Jetztzeit pilgern höchstens nach Paris . Nach Paris , dem welschen Babylon ! Nach der heiligen Stadt der schönen Babylonierinnen ! Auf den Boulevards zu spazieren , zu tanzen in den Champs-Élysées und zu Mittag speisen bei Véry für 48 Francs . - O welches Vergnügen ! Wie ein Araber in Mekka , wenn er , die Arme kreuzend und blumenreiche Gebete murmelnd , in die heilige Kaaba tritt , so trat ich , Mabille , in deinen Garten und neigte mich , o Babylon , vor deinen Frauen ! Die Rosen dufteten , die Seide rauschte . » Hörner , Pauken und Trompeten Tönten jubelnd die Fanfare , Und wir riefen alle : Heil ! Heil der Königin Pomare ! « Herr von Schnapphahnski hielt aber fest an den Sitten der Väter ; Se . Hochgeboren waren ein guter Katholik - niemand wird ihm dies verdenken . Die protestantische Religion ist eine Religion für Kaufleute und Fabrikanten - - Herr von Schnapphahnski war weder Kaufmann noch Fabrikant , sondern , wie gesagt , ein guter Katholik . Nichtsdestoweniger machte er aber von Zeit zu Zeit seine Bilanz , d.h. seine geistige oder Seelenbilanz , indem er sich dann jedesmal den Saldo seiner Sünden von der guten Mutter Kirche quittieren ließ . Eine materielle Bilanz brauchte der Ritter um so weniger zu machen , da ja die Herzogin von S. seine sämtlichen Schulden bezahlt hatte . Mit der geistigen oder Seelenbilanz unseres Helden sah es diesmal schlimm aus . Der edle Ritter hatte viel auf dem Herzen . Seit mehreren Jahren hatte er die Sündenconti seines Gewissens nicht abgeschlossen , und wenn er die Folioseiten seines Gedächtnisses durchblätterte , so fand er nur gar zu viele dittos in seinem Debet - höchst wenige im Kredit.b Unser Ritter ging daher eines Tages sehr ernstlich mit sich zu Rate ; er zerbrach fünf Federmesser und zerschnitt zehn Bleistifte . Nachdem er aber die fünf Federmesser zerbrochen und die zehn Bleistifte zerschnitten hatte , schnitt er mit dem sechsten Federmesser den elften Bleistift und entwarf die folgende : Geistige oder Seelen-Bilanz des berühmten Ritters Schnapphanski Unsere Leser werden gestehen , daß diese Abrechnung eben nicht sehr günstig für unsern Ritter ausfiel . Wenn nicht der Papst ebenso großmütig war wie die Herzogin von S. , so ließen sich die geistigen Angelegenheiten unseres Helden bei weitem nicht so leicht ordnen , als es eben erst mit seinen materiellen Verhältnissen geschah . Herr von Schnapphahnski wollte aber nichts unversucht lassen , und so trat er denn eines Morgens in das Zimmer der Herzogin und sprach in der Weise Ritter Tannhäusers die folgenden berühmten Worte : » Mein Leben das ist worden krank , ich mag nit lenger pleiben ; nun gebt mir urlob , frewlin zart , von eurem stolzen leibe ! « Die Herzogin erschrak natürlich im höchsten Grade und begriff nicht gleich , was die Geschichte zu bedeuten hatte . Sie war erst eben so gefällig gewesen , die Schulden ihres Freundes mit baren 200000 Talern zu bezahlen , die Ablösung vieler kleinen Hypotheken ungerechnet ; und nun wollte der Ritter schon wieder fortziehn : das war nicht recht ! Es fiel ihr im Traume nicht ein , daß der Ritter zur Buße seiner Sünden nach Rom pilgern wollte - - Ohne sich daher an der altdeutschen Sprachweise ihres Freundes zu stören , fuhr die Herzogin in der Manier der Frau Venus fort zu reden und erwiderte : » Danhäuser , nit reden also ! ir tund euch nit wol besinnen ; so gen wir in ain kemerlein und spilen der edlen minne ! « Die Herzogin lispelte diese Worte geradeso verführerisch , wie sie einst Frau Venus gesprochen haben mag . Der Ritter schien aber wenig davon erbaut zu sein ; er schüttelte mit dem schönen schwarzlockigen Kopfe , und ohne von den Tränen Notiz zu nehmen , die aus den Augen der hohen Dame in den roten Kaschmirschal rieselten , öffnete er zum zweiten Male den holdseligen Mund und antwortete , indem er die Hände in die Hosentaschen steckte , mit sehr akzentuiertem Tone : » Eur minne ist mir worden laid , ich hab in meinem Sinne : fraw Venus , edle fraw so zart ! ir seind ain teufelinne . « Hierüber entsetzte sich die Herzogin nur um so mehr , so daß sie unwillkürlich ein Kreuz schlug , was sie seit dem Einzug der Alliierten in Paris nicht mehr getan hatte . Tödlich wäre es der Herzogin gewesen , ihren Schnapphahnski zu verlieren ; hätte sie nicht ihren kahlen Kopf gefürchtet , sie würde die Perücke vor Verzweiflung unter die Decke geschleudert haben . Mit den Zähnen konnte sie ebenfalls nicht knirschen , denn , wie unsern Lesern bekannt ist , waren sie mehr ein Produkt des Zahnarztes als der Mutter Natur . Das Rollen der gewaltigen Augen durfte daher einzig und allein den Zorn ihres Innern zu erkennen geben , und dies Augengeroll war entsetzlich : zwei Roulettescheiben glaubte man in wilder Bewegung zu sehn . Vergebens waren aber alle Anstrengungen : der Ritter beharrte auf seinem Vorhaben , und die Herzogin würde sich gewiß mit einer Haarnadel den Tod gegeben haben , wenn der muntere Schnapphahnski nicht plötzlich den Schluß des berühmten Tannhäuser-Liedes gesprochen und ihr erklärt hätte : » Ich will gen Rom wol in die statt gott well mein immer walten ! zu einem bapst der haist Urban ob er mich möcht behalten - - « Als nämlich der Ritter diesen Vers zitiert hatte , trocknete die Herzogin ihre Tränen aus beiden Roulettescheiben und sprang empor mit dem Schrei des Entzückens . » Ja , zum Papst ! Zum Papst Urban ! « rief sie . » Wenn er dich auch nicht behalten soll , so soll er dich wenigstens erlösen . Ja , nach Rom , zum Papst ! Ich werde dich begleiten - - « Mit beiden Armen umschlang die Herzogin ihren geliebten Ritter . Am nächsten Morgen waren sie auf dem Wege nach Italien . Meine Leser können unmöglich verlangen , daß ich ihnen die Abenteuer dieser italienischen Reise haarklein erzähle . Ich dachte damals noch nicht an den Ritter Schnapphahnski und bestach daher weder einen Kutscher noch eine Kammerfrau , um mir alle die süßen Geheimnisse mitzuteilen , die zwischen der kalten Jungfrau und dem feurigen Vesuv vorgefallen sein mögen . Genug , unser glückliches Paar reiste von der Jungfrau bis fast an den Vesuv , d.h. bis nach Rom . - Es versteht sich von selbst , daß unsere Pilger nicht wie die Pilger von ehedem zu Fuß in härenem Gewände ihre Straße zogen . Nein , sowohl Frau Venus als Ritter Tannhäuser stimmten in der Ansicht überein , daß der religiöse Fanatismus mit einer bequemen Karosse wohl zu vereinbaren sei . Indem sie nicht nur bequem , sondern höchst elegant reisten , befolgten sie sogar recht eigentlich das Prinzip des Katholizismus , denn die katholische Religion ist die Religion des Glanzes und der Pracht . Gerade das macht den Katholizismus liebenswürdig , daß er ein Auge für das Schöne , für das Sinnliche hat . Alles , was sinnlich ist , ist aber ewig , und so glaube ich auch an die Ewigkeit des Katholizismus . Man lache mich ja nicht aus ! In keinem Falle muß man mir aber mit den Griechen kommen . Man könnte mir nämlich vorwerfen , die Griechen seien auch im höchsten Grade sinnlich gewesen , und trotzdem wären ihre Götter verschwunden , und niemand denke und niemand glaube mehr an sie - - dummes Zeug ! Die Griechengötter leben bis auf den heutigen Tag . Oh , ich habe das einem meiner alten Lehrer an der Nase angesehen . Am Morgen gab er uns nämlich den nüchternen protestantischen Religionsunterricht , und dann war er ledern , zum Verzweifeln . Steif wie ein Stockdegen stand er vor uns , seine Ohren waren länger als gewöhnlich , seine Gesichtsfarbe war bleiern fahl , und die Worte haspelten sich aus seinem Munde los wie ein dünner langweiliger Zwirnsfaden von einer unbeholfenen Spule - oh , es war entsetzlich , wie man uns peinigte ! Da kam der Abend ; und derselbe Mann , der uns morgens den Katechismus einpaukte , er schlug den Homer auf und las uns einen Gesang der Odyssee vor . Anfangs holprig und poltrig . Man merkte , daß der arme Mann erst das Christentum vergessen mußte , um ganz wieder Heide zu werden . Aber allmählich ging es besser , mit jeder Strophe gewann seine Stimme an Wohlklang . Es war , als wenn der ganze Mensch von Minute zu Minute anders geworden wäre . Der Rücken hörte auf , steif zu sein , die Ohren wurden kleiner , sein Gesicht belebte sich , seine Augen funkelten ; der Schulmeister war ein Mensch geworden , ja , der arme Teufel war plötzlich ein schöner Mann , und er riß uns fort , und atemlos horchten wir , und war er zu Ende und blitzten Freudentränen in seinen Wimpern , da stürzten wir auf ihn los , und warm drückte er uns die Hände , und heiter eilten wir in die Nacht hinaus , wo die Sterne am dunkeln Himmel heraufzogen , feierlich , prächtig - ach , und wir glaubten an die alten Götter . Der Mann , der uns zu Christen machen sollte , er machte uns zu Heiden . Ich werde ihm das nie vergessen . Dankbar will ich seiner gedenken . Herrn von Schnapphahnski erwartete in Rom der beste Empfang . Frau Venus protegierte ihn herrlich , und zum Lohn für seine Sünden schmückte man seine Brust mit einem der höchsten Orden der Christenheit . XX Die Politik Von Rom kehrte unser Ritter zurück nach Berlin . Er trat jetzt bei weitem anders auf als früher , denn die Herzogin hatte ja alle Schwierigkeiten seines Daseins aus dem Wege geräumt . Herr von Schnapphahnski konnte sich nicht nur wieder auf der Straße sehen lassen , nein , er hatte auch wieder Zutritt zu den besten Kreisen , und allerhöchsten Ortes stand er von neuem sehr gut angeschrieben . Zu allen diesen Errungenschaften kam jetzt noch die Huld des Papstes und der Nimbus , die ihm die ganze italienische Reise verlieh - in der Tat , es gab nicht leicht einen Menschen , der in so kurzer Zeit mehr auf den Strumpf gekommen wäre als unser Ritter . Alles drängte sich an ihn heran , um ihn zu protegieren und um von ihm protegiert zu werden . So machte man Schnapphahnski z.B. zum Direktor eines großen industriellen Unternehmens , eine Stellung , die er dadurch geschickt zu seinem Vorteile zu benutzen wußte , daß er die ganze Anlage auf den Namen einer der höchstgestellten Personen des Landes taufen ließ und sich natürlich dadurch die besondere Gunst derselben sicherte . Vor allen andern war es aber stets die Herzogin , die unserm Ritter getreu blieb . Sie konnte nicht mehr ohne ihn leben . Ging er von seinen Gütern nach Berlin , so folgte sie ihm ; reiste sie nach Berlin , so mußte er ihr folgen . Schnapphahnski beutete diese