zu entsinnen , - doch , der Gefangenwärter eines des Diebstahls verdächtigen Maschinenarbeiters aus der Borsigschen Fabrik , Namens Ralph - - - Der völlig unschuldig ist - bemerkte der Prinz . - Sie kennen ihn ? - Durch Alice . - Hm ! ! - Also dieser Gefangenwärter zeigte mir an , daß Ralph einige Mal im Selbstgespräch mit drohendem Tone den Namen Gilbert ausgerufen . - Ist der arme Mensch schon wieder frei ? - Nein . Zwar hat der Chevalier St. Just das Mißverständniß mit dem Goldstück aufgeklärt , doch habe ich höhern Orts Befehl erhalten , die Freilassung noch zu verschieben . Wie kommen Euer Königliche Hoheit jedoch auf Gilbert ? - Alice hat recht gehabt : er ist ein Verräther - sagte leise der Prinz , und fuhr dann fort : Dieser Mensch scheint vom Schicksal bestimmt , mir überall , wo ich ihn finde , hindernd den Weg zu versperren , meine liebsten Wünsche zu vernichten . Zuerst trat er mir in Straßburg entgegen . Jenes Mädchen , es war nicht von hohem Adel , wie Sie sagten , aber ein Engel an Liebreiz und Unschuld - jenes Mädchen , das , nachdem sie den schändlichsten Verführungsversuchen und den niederträchtigsten Verläumdungen , welche auf meine Rechnung geschmiedet wurden , widerstanden , endlich durch eine teuflische List dem fürstlichen Wüstling in die Arme geführt wurde , war - meine Geliebte , und der Nichtswürdige , welcher das Bubenstück dem Fürsten ausführen half , war jener Gilbert , den wir bei der Gräfin Bedford unter der Maske des Chevalier St. Just kennen gelernt haben . Herrn v. M. entfuhr ein Ausdruck des Erstaunens . - Wo waren meine Augen - fuhr der Prinz in verbissener Wuth fort - daß ich den Elenden nicht gleich erkannte ! Aber eine geheime Stimme sagte mir , daß ich ihn hassen müsse . Ich glaubte aber den Grund dieses Hasses in meiner Eifersucht rücksichtlich der Gräfin suchen zu müssen . - Vortrefflich - sagte nach einer Pause Herr v. M. - der Vogel ist so gut wie gefangen . - Lassen Sie mich dafür sorgen . Inzwischen waren sie bei den » Zelten « angelangt , wo bereits um die fast in der Mitte des Platzes stehende Tribüne eine große Menge Volks versammelt war . Die an den Pfeilern der Tribüne angebrachten Oellampen warfen ein trübes Licht über die Menge und auf die düstern Rumpfe der blattlosen Bäume des Thiergartens . Das unheimliche Colorit der ganzen Scene wurde durch den herabrieselnden feinen Nebelregen noch mehr verdüstert . Auf der Balustrade der Tribüne , den linken Arm um den Pfeiler geschlungen , stand ein junger Mann , welcher mit lauter , fast schreiender Stimme die an den König gerichtete Adresse verlas , welche nun , da der König die zur Ueberbringung derselben gewählte Deputation nicht empfangen wollte , auf anderm Wege an ihn abgesandt werden sollte . Man hatte die Stadtverordneten , welche ebenfalls eine Adresse vorbereitet hatten , ersucht , die von der Volksversammlung beschlossene der ihrigen beizulegen . Dies war abgeschlagen worden . Es traten Redner auf , welche für Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen . Andere erklärten offen , man müsse für die Deputation eine Audienz erzwingen , und schlugen daher eine Ministerpetition vor . Wie gewöhnlich bei solchen Versammlungen ernteten auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall . Diese psychologische merkwürdige Thatsache läßt sich aus demselben Grunde erklären , der uns den Aufenthalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht , je drohender draußen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht . Der Wanderer draußen hat natürlich einen andern Begriff davon . Es beruht dies nur auf » Ansichten . « Die Petition wurde also beschlossen . Gegen 12 Uhr trennte sich die Menge , und zog in großen Trupps singend und disputirend dem Thore zu . - Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung ? - fragte Herr v. M ... den Prinzen , indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen ließen . - Ich muß gestehen , daß trotz des vielen Unpolitischen , Uebertriebenen und Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein - wenn auch nur halbbewußtes - Bedürfniß ihrer politischen Rechte fühlt . Und dann liegt in der Macht , welche ein Gedanke , wie absurd er auch sonst sein mag , auf eine große Menge ausübt , sie wie ein Mann zu fühlen und zu denken zwingt , immer etwas Imposantes , selbst Ehrfurchtgebietendes für mich . Und Sie ? - Sie sind glücklich , sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu können . Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie , aber es war kein erfreulicher . Ich denke mit bangem Herzen an die Ströme Blutes , welche dieser Enthusiasmus der Menge für eine politische Idee als Consequenz fordern wird . - Sie sehen zu schwarz - mein Lieber . - Herr v. M. lächelte . Ein Vorwurf , der mir in diesem Falle schmeichelhafter ist , als Sie denken . Denn es liegt darin die Anerkennung , daß das Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat . Aber im Ernste : ich bin fest überzeugt , daß die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Bürgerkriege sein wird , dessen Ende sehr zweifelhaft sein dürfte . Oder glauben Sie , daß das einmal erwachte Rechts- und Freiheitsbewußtsein des Volks sich eben so leicht wieder in Fesseln schlagen läßt , als es in den Fesseln zu halten war ? Nein , nein ! Gerade der Glaube an die Möglichkeit , oder doch an die Leichtigkeit einer solchen Wiederfesselung wird den Sieg zweifelhaft machen . - Wie aber , wenn man an die Wiederfesselung nicht dächte , dem Strome seinen Lauf ließe , wie dann ? So hätten wir eine Ueberschwemmung zu fürchten , nicht wahr ? - Nein , oder doch eine , welche nicht verheert , sondern befruchtet . Aber das sind Chimären , an deren Möglichkeit Sie im Ernste nicht denken können . Der Prinz schwieg . - Haltet ihn fest ! Laßt ihn nicht los ! Schlagt ihn todt , den Spion ! - tönte es plötzlich im Rücken der beiden Dahinwandelnden . Eine gährende Bewegung fluthete durch die Menge . Man drängte , fluchte , stürzte durch einander , ohne in der Dunkelheit weder Freund noch Feind zu erkennen . Der Prinz trat mit seinem Begleiter aus dem betretenen Wege heraus zwischen die Bäume , um besser beobachten zu können . Das Geschrei und Getose kam näher . - - Nach der Laterne ! nach der Laterne ! rief man plötzlich . - Die Rasenden werden ihn ermorden - rief der Prinz , mitten in den Haufen springend . Kaum vermochte ihm sein Begleiter zu folgen , der ihm zurief , nicht unnütz sein Inkognito abzulegen . Herr v. M. kannte das Berliner Volk besser , er vermuthete ganz richtig , daß man nicht um ein blutiges Exempel zu statuiren , sondern einfach , um den Beschuldigten besser erkennen zu können , nach dem Lichte sich hindränge . Als man bei einer Laterne angelangt war , die die Hauptgänge des Thiergartens , trotz ihrer enormen Entfernung von einander , die sie als bloße Irrlichter erscheinen läßt , zu erleuchten die Anmaßung haben , erblickte Herr v. M. einen alten Graukopf , welcher mit vor Zorn bebenden Lippen auf einen bleichen Menschen wies , den er mit der linken Hand beim Halstuch gefaßt hielt , während ein junger Mann sich alle erdenkliche Mühe zu geben schien , die Wuth des Alten zu beschwichtigen . - Ins Dreiteufels Namen , Steiger - hörte Herr v. M. , der sich dicht neben Letzterem befand , ihn dem Alten ins Ohr flüstern - wollt ' ihr uns denn Alle ins Unglück stürzen ? ... Das Weitere war nicht zu vernehmen , doch schienen die Worte ihre Wirkung auf den Zornigen nicht zu verfehlen . Er ließ das Halstuch fahren und packte den Angegriffenen beim Arm . - Schlagt ihn todt , den Spion - ertönte es wieder aus der Menge , die um so lauter diesen Ton ertönen ließ , je weniger sie vom Vorgange bemerken konnte , als wolle sie sich dadurch für die Entbehrung des Schauspiels entschädigen . - Was ist mit Ralph geschehen ? - donnerte der alte Steiger . - Sprich Halunke ? - Was weiß ichs ? - erwiederte trotzig der Angeredete , in welchem Herr v. M. jetzt den Chevalier erkannte . - Habt Ihr ihn mir zur Aufsicht übergeben ? Herr v. M .. dachte hier an den alten Spruch der Bibel : Soll ich meines Bruders Hüters sein ? Aber er schwieg . - Schon recht , Du willst nicht bekennen , weil ichs Dir nicht beweisen kann . Aber nimm Dich in Acht , Judas , ich werd ' s schon erfahren und dann werd ' ich Dich schon auch zu finden wissen . Jetzt - Herr v. M ... , der den alten Steiger als ehrlichen , obgleich wunderlichen Menschen kannte , trat näher zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr : - Nehmt Euch vor unnützen Reden in Acht , Steiger , es könnte Euch schaden . Auch sorgt , daß der Kerl seines Wegs geht . Morgen , wenn Ihr Vormittags zu mir kommt , sollt Ihr Ralph sehen . Und nun macht dem Dinge ein Ende . Verwundert drehte sich beim Ton dieser Stimme der Alte um , aber während er sprach , stand Herr v. M ... im Schatten , und war gleich darauf im Dunkeln verschwunden . - Schlagt ihn todt ! erschallte es wieder aus der ungeduldig werdenden Menge . - Ruhe , Ihr da hinten - brüllte Steiger . Man konnte jetzt das Fallen der vom Winter übriggelassenen Blätter hören . - Wir wollen ruhig nach Hause gehn , Kinder , so muß ' s sein . Es ist ein Irrthum gewesen mit dem Spion . Dummes Zeug , weiter nichts . Und nun kommt ! Während noch Steiger sprach , hatte Gilbert die Gelegenheit benutzt , und war still durch die Menge hindurch in den Wald geschlüpft . Erst als er mehrere hundert Schritte vom Schauplatz , der eben erzählten Begebenheit entfernt war , hielt er an und sah sich um . Er hörte noch die letzten Worte des alten Steiger herübertönen . Dann setzte die Menge ihren Weg zum Thore fort . - Das Verderben über die Canaille - sagte er laut , und erhob drohend die Hand . Aber bald wird der Tag der Vergeltung kommen , und dann wehe Euch ! - Ja , der Tag der Vergeltung wird kommen - tönte eine Stimme hinter ihm . Der Mond warf in diesem Augenblick einen matten Strahl zwischen den Bäumen hindurch . Gilbert erkannte des Prinzen bleiches Gesicht . - Königliche Hoheit ! Sie ! - So spät in dieser Waldeinsamkeit . - Der Prinz achtete auf den Spott in dem Tone Gilberts nicht , sondern blickte ihn stolz verächtlich an , und sagte , sich zur Ruhe zwingend : - Was hat Dir Deine Heldenthat in Straßburg eingebracht , Seelenverkäufer ! - Nicht von der Stelle , Elender . Mich gelüstet ' s , den Beichtiger an Dir zu spielen . - Gilbert fühlte die kalten Läufe eines Doppelterzerols an seinen Schläfen . Er sank in die Kniee . - - Wo ist sie geblieben ? - donnerte der Prinz . - Was habt Ihr mit der Unglücklichen gemacht ? sprich ! - Tödten Sie mich nicht , Prinz . Ich werde reden . - Wo ist sie ? - Als die Herzogin hinter den Streich des Fürsten kam , verlangte sie ihre Auslieferung , als Geißel , wie sie sich ausdrückte . - Der Fürst gehorchte , wahrscheinlich war er auch schon ihrer überdrüßig . - Und die Herzogin ? - Darüber weiß ich nichts Bestimmtes . Der Fürst sprach nicht gern davon . Doch habe ich zufällig gehört , daß - - Nun ? - Daß die Herzogin den Ausdruck » Geißel « wörtlich genommen , das arme Mädchen , auf einer ihrer » Herrschaften « eingesperrt , und mit Ruthen gegeißelt habe , um sie für ihren künftigen Beruf vorzubereiten . - O Himmel ! - rief der Fürst aus , indem er das Gesicht mit den Händen bedeckte . - Weiter ! - Nachher soll sie sie in ein böhmisches Kloster geschickt haben . - Genug ! - Und Elend , Schmach , Verzweiflung haben die Aermste nicht getödtet ? Gilbert schwieg . - Geh ' von mir ! Ich will meine Hände nicht mit Deinem Schurkenblut besudeln . - - Zum Danke - sagte höhnisch Gilbert - will ich Ihnen eine Nachricht geben , die Sie erfreuen wird : Morgen kommt der Fürst Lichninsky nach Berlin . Mit diesen Worten war er verschwunden . Der Prinz aber setzte sich auf einen verdorrten Baumstamm - und weinte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Als der alte Steiger am Arm seines Freundes Hartwig das Brandenburger Thor passirte , erblickten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen den » Pariser Platz « mit Dragonern besetzt . Verrath fürchtend , wollten sie wieder zurück , da traten ihnen zwei Jäger mit vorgestreckten Karabinern entgegen . Auf den Pistons blitzten wie Johanniswürmchen die rothen Zündhütchen im Mondenschein . - Zurück hier ! - herrschte man den harmlosen Arbeitern entgegen . Die Hähne knackten . Steiger und Hartwig traten verdutzt einen Schritt zurück und wußten nicht , nach welcher Seite sie sich wenden sollten . Hatte man ihnen eine Mausfalle gestellt ? - Eine Droschke fuhr eben zum Thore herein und hielt in ihrer Nähe . - Geht nach Hause , Kinder , und fürchtet nichts - tönte aus der Droschke eine Stimme , welche Steiger heute schon einmal gehört . Rasch trat er an den Schlag , um Aufklärung über diese drohende Maßregel zu gewinnen . Aber er erblickte nichts , als einen Herrn mit einer Dame ; im nächsten Augenblicke wollte der Wagen schon fort . Es war Herr von M. und seine Freundin Lucie . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wir erleben noch was in der andern Woche - sagte bedenklich der alte Steiger , als er mit seinem Freunde Hartwig die vier Treppen zu ihrem gemeinschaftlichen Schlafgemach hinanstieg . - Was sollte das heute mit den Weiß- und Grauröcken bedeuten ? - - - Gut ; sie fangen an , uns zu fürchten . Wißt Ihr wohl , Steiger , daß ich mich heute mit einem Gefühl - na , wie soll ich sagen , mit ' nem Gefühl von Stolz auf ' s Stroh lege . - Narrheiten sind ' s , mein Junge , damit holla ! Aber denk daran heute über 8 Tage , wenn Du noch daran denken kannst , es wird blutige Köpfe setzen , passe auf ! Damit legten sie sich zu Bett . Der alte Steiger war ein Prophet . 8 Tage später um diese Zeit hatte der » stolz gewordene « Hartwig die Worte des » alten Vaters « Steiger bereits vergessen . - Eine Kartätschenkugel hatte ihm den Kopf und damit auch das Gedächtniß weg gerissen . - VII - Herr Präsident , es ist eine Dame draußen , die Sie zu sprechen wünscht . - Bekannt ? - fragte Herr v. M. den diensthabenden Polizeidiener . - Nein . - Führen Sie sie in mein Privatzimmer . Ich werde sogleich erscheinen . Herr v. M. war nicht neugierig , aber eine innere Stimme sagte , daß dieser Besuch für ihn von Interesse sei . Er beendete rasch , was ihm eben vorlag , und eilte durch das Entree in sein Privatzimmer . - Ei sieh da , schöne Frau ; wie komme ich zu dieser Ehre ? - Nicht wahr , Herr Präsident - erwiederte Alice lächelnd - Sie wollen sagen , der umgekehrte Fall sei passender ? - Allerdings wäre es längst meine Pflicht gewesen , Ihnen meinen Besuch abzustatten . Indeß - - - Ach , Herr v. M. , Sie wollen mir ausweichen , doch mag es drum sein . Was mich zu Ihnen führt ? Eine Bitte , unterstützt von Ihrem Freunde - - Meinem Freunde ? Ich wüßte nicht , daß ich Freunde hätte , welche dritte Personen , und wären es selbst so schöne Frauen wie Sie , in das Geheimniß dieser Freundschaft einzuweihen sich veranlaßt fühlen könnten . Also dieser Freund - - Ist der Prinz A ... - sagte Alice , ihn ruhig fixirend . - Oder sollte ich mich irren ? - Und die Bitte ? - fragte Herr v. M. , einer Antwort ausweichend , obschon er fast versucht war , den Prinzen für seine Indiskretion durch Desavouirung dieser Freundschaft zu bestrafen . Er lieferte damit den Beweis , daß selbst der feinste Menschenkenner , und das war sicherlich Herr v. M. , in seinem Urtheile sofort unsicher wird , wenn seine eigene Persönlichkeit dabei ins Spiel kommt . Hätte die Sache nicht ihn , sondern eine dritte Person betroffen , so würde er den Prinzen nicht der Indiskretion verdächtigt , sondern sich des alten Satzes erinnert haben , daß ein Weib in Ton und Blick Geheimnisse erkennt , welche der Mund verschweigt . - Mich auf eine halbe Stunde zu dem Arbeiter Ralph ins Gefängniß zu lassen . - Das wird nicht angehen . - - Haben Sie es doch dem alten Steiger versprochen . - - Auch das wissen Sie ? - Das war etwas Anderes , es sind Cameraden . - Mit einem Worte , Sie wollen nicht ? - Ich kann nicht . Sie wissen ganz wohl , daß die Polizeispione auf nichts mehr ihr Augenmerk richten , als auf den Chef der Polizei . Der Gefangenwärter würde mich verrathen . - Aber nicht der Castellan , nicht wahr ? - Wieder blickte Alice den Präsidenten fragend an . Herr von M. versuchte zu lächeln . - Eine Zeile von Ihnen an den Castellan der Hausvoigtei genügt . - Wohlan , es sei ! sagte der Präsident nach einigem Bedenken . - Ich danke Ihnen , und werde Ihre Freundlichkeit zu vergelten wissen . - Ich nehme Sie beim Worte . Wollen Sie mir eine Frage mit Aufrichtigkeit beantworten ? - Jedem Andern würde ich unbedenklich mit » Ja « antworten . Ihnen gegenüber kann ich nicht anders sagen , als : » Je nach dem . « - Wie stehen Sie mit dem Chevalier St. Just ? - Mit Gilbert , wollen Sie sagen . - Auch das wissen Sie ? - Durch mich weiß es der Prinz , durch diesen Sie . - Wie ich mit ihm stehe ? Er glaubt , ich kenne ihn so wenig wie die Andern , aber er täuscht sich . Ihn kennen und verachten aber ist Eins . Dennoch sind wir einander nicht gleichgültig . - Also doch ! - Wir haben Interesse an einander , obwohl ein verschiedenes . Er fürchtet mich und ich hasse ihn ; das ist Alles . - Es ist ein gefährlicher Mensch . - Auch für Sie . - Warum ? - Weil er im Solde einer Partei steht , die Sie einst stürzen wird , wenn sie nicht selbst vorher gestürzt wird . - Und welcher von beiden Fällen ist der wahrscheinlichere ? Alice zuckte die Achseln und blickte zum Fenster hinaus . - Darf ich Ihnen einen gutgemeinten Rath geben , Herr Polizeipräsident ? - Wenn Sie nicht die Bedingung daran knüpfen , daß ich ihn befolgen soll , ja . - Sie werden ihn befolgen , denn er giebt Ihnen den einzig denkbaren Weg an , zwischen der Scylla und Charybdis hindurch zu schiffen , ohne - - Drücken Sie sich ohne Allegorien aus . - Ich meine , daß Sie damit die beiden Extreme der entschiedenen Demokratie und der entschiedenen Reaktion am sichersten vermeiden , und sich folglich » möglich « erhalten können . - Ich bin begierig , diese Kunst zu lernen . - Jetzt mögen Sie spotten , erwiederte Alice , über die stereotype Ironie in des Präsidenten Tone gereizt - nach einigen Tagen werden Sie mir danken . Mein Rath ist : Vermeiden Sie den Schein , als wollten Sie sich populär machen ; noch vielmehr aber vermeiden Sie , in den Ruf der Unpopularität zu kommen . Das Erstere wäre eine Schwäche , das Zweite eine Unvorsichtigkeit . Beides aber führt seine besondern Gefahren mit sich . Praktisch gefaßt würde mein Rath lauten : Mischen Sie die Polizei oder wenigstens Ihre eigene Person so wenig wie möglich in die zwischen Volk und Militär ausgebrochenen Konflikte - das Alles sind nur die Präliminarien einer größern Entscheidung . Wenn diese kommt , und daß sie kommen wird , wissen Sie so gut wie ich , dann ist der Augenblick für Sie gekommen , zu handeln , das heißt : zu vermitteln . Denn , Herr v. M. , ein kluger Mann , der auf die Zukunft spekulirt , sucht nie eher zu vermitteln , als bis die Vermittelung unmöglich geworden . Wem dann auch der Sieg zufällt , sein sind die Früchte . Herr v. M. war nachdenklich geworden . Er fühlte die Wahrheit in den Worten Alicens , aber er mißtrauete ihren Motiven . - Und warum sagen Sie mir dies Alles ? - fragte er . - Aus zwei Gründen : Weil ich Sie achte und weil ich für » uns « den Kampf nicht erschweren möchte . Herr v. M. verbeugte sich lächelnd , ohne eine Antwort zu geben . Als auch Alice schwieg , sagte er , sie verlassend : - Verziehen Sie einen Augenblick , ich werde Ihnen das versprochene Billet an den Castellan schreiben - - Als Alice sich empfahl , begleitete Herr v. M. sie bis an die Treppe . Unten angekommen , nahm sie eine Droschke und fuhr nach dem Frankfurter Eisenbahnhofe . Als Alice dort ausstieg , bemerkte sie noch eine zweite Droschke , die dicht hinter der ihrigen gekommen sein mußte . Absichtlich merkte sie nicht darauf , sondern stieg schnell die Stufen des Perrons hinan und trat ein . Da erst wandte sie sich um und sah , wie eine Dame ebenfalls die andere Droschke verließ . - Lucie - sagte sie spöttischen Tons . - O , Herr v. M. , diese Beleidigung sollen sie mir büßen . Wenn Sie mir einen Spion nachsenden wollen , so müssen Sie einen geschickteren wählen . Ein langgezogenes Pfeifen kündigte ihr die Annäherung des Breslauer Zuges an . Alice eilte , ohne auf Lucie zu achten , auf einen Waggon erster Klasse zu und rief freudig : Felix ! Dann , über die Zudringlichkeit Luciens empört , sagte sie , - hier , lieber Felix - habe ich das Vergnügen , Dir die Freundin unseres Polizeipräsidenten vorzustellen . Grüßen Sie Herrn v. M. freundlichst - und sagen Sie ihm , er hätte Ihnen den Weg hierher ersparen können , da ich es jedenfalls für meine Pflicht gehalten hätte , ihn dem Fürsten Lichninsky vorzustellen . Mit diesen Worten ließ sie die verschmitzte Freundin des Präsidenten stehen und eilte mit dem Fürsten nach seinem Hotel . Unterwegs theilte er ihr die Nachricht von der glücklich beendeten Revolution in Wien mit . - Meine Akademiker haben wie Löwen gekämpft . Sobald der Sieg des Volkes entschieden und seine Friedensbedingungen angenommen , bestieg ich , da die Eisenbahn noch nicht zu benutzen war , meinen Renner , nahm in der nächsten Stadt Kurierpferde und war schon am andern Tage in Breslau . Unmöglich kann vor mir schon die Nachricht angelangt sein , wenn die Regierung nicht auf telegraphischem Wege davon in Kenntniß gesetzt ist . Aber auch das glaube ich nicht , da alle öffentlichen Gebäude vom Volke besetzt waren . Laß uns die Zeit benutzen . Vorgestern war die Wiener Revolution , übermorgen muß die Berliner vollendet sein . - Einer unserer einflußreichsten Volksführer sitzt im Gefängniß . - Wer ist ' s ? - Ralph . Ich glaube , Felix , daß Gilbert ein Verräther ist . - Das wäre des Teufels ! Hast Du Beweise ? - Vorläufig nur Vermuthungen . Doch ich werde noch heute klar sehen . - Was macht Lydia ? - fragte der Fürst . Alice schüttelte lächelnd den Kopf . - Du bist eifersüchtig , Alice ? - Nichts weniger . Aber was soll die Frage ? Du weißt , daß ich das Mädchen wie meine Tochter liebe und nie zugeben würde - - - Beruhige Dich . Ich fragte aus reinem Interesse . Doch wenn Du es nicht wünschest , sprechen wir nicht davon . Die Equipage hielt am Hotel . Sie stiegen aus . - Jetzt lasse Dich erst herzlich umarmen , Geliebte - sagte der Fürst , als sie auf seinem Zimmer angelangt waren . Alice duldete seine Umarmung schweigend , fast seufzend . Sie dachte an den armen Ralph . Es erschien ihr wie ein Verbrechen gegen den Gefangenen , daß sie sich den Liebkosungen des Fürsten überließ , während sie jenem , wenn nicht Hülfe , so doch Trost hätte bringen müssen . - Wie ? Du willst mich schon verlassen , Alice ? - Ich habe ein nicht aufschiebbares Geschäft abzumachen . Doch heute Abend werde ich Dich zu einem politischen Spaziergange abholen . - Horch , das war ein Schuß - rief plötzlich der Fürst - noch einer . - - In der That - sagte Alice ruhig - doch das ist jetzt in Berlin nichts Ungewöhnliches mehr . Die armen Soldaten thun mir am meisten dabei leid ; seit 8 Tagen müssen sie Tag und Nacht gewärtig sein , ihre Kasernen zu verlassen und gegen das Volk zu marschiren . So häuft sich auf beiden Seiten die Erbitterung an , bis eine allgemeine Explosion stattfindet . Doch ich will eilen . Auf heute Abend also . Der Fürst war , nachdem Alice ihn verlassen , nachdenklich geworden . Ihr kalter Empfang , ihr schnelles Forteilen erregte seine Besorgniß . Auch brachte seine einmal durch die Furcht aufgeregte Phantasie damit die kurze Scene auf dem Eisenbahnperron in Verbindung , deren er sich jedoch nur noch dunkel erinnerte . Doch war er sicher , den Namen des Polizeipräsidenten dabei gehört zu haben . Was sollte dieser im Munde Alicens ? Eine unheilvolle Ahnung durchblitzte seine Seele - er sprang auf und eilte hinaus . Denn er war jetzt fest überzeugt , daß man sich seiner bemächtigen wolle . Der Fürst war im weitesten Sinne des Worts ein Phantast . Das Thatsächliche und Reale ließ ihn kalt , die Möglichkeiten mit ihrer unbeschränkten Zaubermacht erwärmten ihn ! Wie sehr ihn daher auch die Gegenwart mit ihren Bedürfnissen zur Ironie stimmen konnte , wie rücksichtslos er gegenwärtigen Personen und Gefahren gegenüber sich verhalten konnte , so sank sein Muth und seine Besonnenheit in Nichts zusammen vor einem Phantom , das er sich selbst geschaffen . Der Schein dessen Hoherpriester er war , rächte sich an ihm dadurch , daß er die Macht der Wirklichkeit gegen ihn ausübte ; eine Macht , die durch die Unbegränztheit , welche Alles , was nur möglich ist , mit den Chicanen des Unbegreiflichen umkleidet , zur Allmacht werden muß für Jeden , der sich von der Wirklichkeit losgesagt hat . Die bloße Möglichkeit , Alice könnte ihn verrathen , nahm sofort für ihn den Schein der Wirklichkeit an , und trieb ihn , den eingebildeten , aber desto schrecklicheren Gefahren zu entfliehen . Erst als er sich plötzlich , ohne zu wissen , wie er dahin gekommen , im Thiergarten befand , kehrte seine Besonnenheit zurück . In Gedanken versunken wandelte er vor sich hin , als er seinen Namen nennen hörte . Es war Gilbert . - Gut , daß ich Sie treffe - sagte der Fürst - was haben wir für Aussichten ? - Schlechte bis jetzt - antwortete jener und begann , dem Fürsten Bericht über seine Thätigkeit zu erstatten . - Wie kommts , daß Ralph im Gefängniß sitzt ? Man sagt , Sie seien Schuld daran . - Man sagt ? Wer sagt das , mein Fürst ? - - Gleichviel - ich hab ' s gehört und , wie ich glaube , aus guter Quelle . Gilbert wußte , daß der Fürst seine alten Verbindungen mit dem preußischen Gouvernement nicht aufgegeben . Er war deshalb in Zweifel , ob er die Wahrheit sagen müsse . Denn er war es allerdings gewesen , welcher der Regierung einen Wink über Ralphs Thätigkeit gegeben , um sich diesen gefährlichen Aufpasser von der Seite zu schaffen . - Ralph ist ein aufbrausender , leidenschaftlicher Mensch , der Alles verderben könnte - sagte er einleitend . - Außerdem glaubte ich zu bemerken , daß ein Einverständniß zwischen ihm und Alice existire , welches zu manchen Gedanken Veranlassung geben konnte . Gilbert wußte von der Verbindung des Fürsten mit Alicen Nichts ; es konnte ihm daher auch nicht einfallen , mit jener Andeutung auf die Eifersucht desselben spekuliren zu wollen . Es war ein glücklicher Wurf , den er von Ungefähr that und er gelang über Erwarten . Als er des Fürsten Bewegung bei diesen Worten sah , erzählte er ihm zum Beweise , wie Alice durch Ralphs Schwester die frühere Verbindung mit diesem wieder angeknüpft hatte , schilderte den Zorn Alicens über seine Gefangenschaft und den Versuch derselben , ihn im Gefängniß zu besuchen . Das Letztere hatte er kürzlich durch Lucie erfahren . - In diesem Augenblicke , schloß er seine Rede , befindet sie sich noch bei ihm . Hatte ich also nicht Ursache , aufmerksam zu sein