sollte es sonst sein ? - Berger fürchte ich nicht . Doch diese Frauen führen selbst den Teufel an , wenn sie es darauf anlegen . « Während dieses Selbstgesprächs hatte er den Gasthof erreicht . Schnell ließ er sich den Schlüssel zu seinem Zimmer geben . Jede Begleitung zurückweisend , nahm er dem Kellner das Licht aus der Hand und ging allein die Treppe hinan . Er öffnete vorsichtig die Thüre von Nr. 20. und verriegelte sie eben so vorsichtig , nachdem er eingetreten war . Als er sich in großer Stille entkleidet , setzte er sich auf ein Sopha , das neben der Zwischenthüre stand . » Sollten sie ein anderes Zimmer gewählt haben ? « fragte er sich , weil sich nicht das geringste Geräusch hören ließ . » Oder sollten sie mein Kommen gehört haben ? « Nach einiger Zeit schien es , als ob in dem Nebenzimmer eine weibliche Stimme flüsterte . Landsfeld behielt ruhig seinen Platz . » Ich begreife Deine Verzweiflung vollkommen « - sagte die Stimme , » und finde sein Betragen grausam und unedel obendrein . Aber giebt Dir das ein Recht , auch grausam und unedel zu sein ? Und gegen wen ? Gegen ein Wesen , das an der ganzen Sache völlig schuldlos ist . Nein , Arthur , das ist Deiner unwürdig . « » Nenne mir ein anderes Mittel « - erwiederte eine dumpfklingende männliche Stimme - » so will ich es mit Freuden ergreifen . Wo ist dieser Mensch zu verwunden ? Ich kenne keine Stelle als diese . Und dann , ist sie gegen mich nicht auch grausam gewesen ? Hat sie mich nicht von sich gestoßen , als ich verzweifelnd zu ihren Füßen lag ? « » Warum wirfst Du nicht alle Schuld auf mich ? « - fragte sie traurig . » O , es ist mein Schicksal , überall den Saamen des Unheils und des Verderbens auszustreuen , wo ich beglücken wollte . Alle , denen ich bisher meine Liebe geschenkt , sind dadurch elend geworden . Auch an Deinem Unglück bin ich schuld . « Eine lange Pause trat ein . Dann sagte die männliche Stimme : » So willst Du also nicht die Hand dazu bieten ? « » Nein ! « - » So leb ' wohl ! - Doch noch Eins . Du wirst uns nicht verrathen ? « » Uns ? « - » Mich - wollt ' ich sagen . « » Das hängt von den Umständen ab . Aber ich werde Euern oder Deinen Plan vereiteln . « - Er schlug ein lautes Gelächter auf : » Gieb Dir keine Mühe . Es wird Dir zu Nichts helfen . - Leb ' wohl ! « - Landsfeld hörte eine Thüre öffnen , schließen und von Innen verriegeln . Männliche Schritte erschallten auf dem Korridor - die Treppe hinab - die Hausthüre öffnete sich - dieselben Tritte tönten von der Straße herauf - dann ward ' s still . - Landsfeld erhob sich und öffnete einen Kleiderschrank , der an derselben Wand stand . Er war leer . Seinen Mantel fest um sich schlagend , so daß er nur die rechte Hand frei behielt , stieg er ganz in den Schrank hinein und tastete wie suchend an der Hinterwand desselben umher . Endlich schien er gefunden zu haben , was er suchte . Denn wie durch ein Zauberwort öffnete sich plötzlich die Wand , welche eine verborgene Tapetenthüre war , und ließ Landsfeld einen Blick in das andere Zimmer thun . Es rührte sich nichts darin . Er öffnete sie so weit , daß sein Körper gerade hindurch konnte und schloß sie dann mit derselben Behutsamkeit von der andern Seite . Dieses ganze Experiment war so geräuschlos vollbracht worden , daß die Inhaberin des Zimmers , in welchem Landsfeld jetzt war , noch nichts davon merkte , als er schon vor ihr stand . Sie lag auf dem Sopha , den Kopf nach der anderen Seite gewandt und schien zu schlafen . » Alice « - sagte er sanft . Erschreckt hob sie den Kopf und sprang , als sie die verhüllte männliche Gestalt erblickte , mit einem Satz empor , indem sie einen raschen Griff in ihren Busen that . » Laß ihn stecken , Alice « - er meinte den Dolch , den Alice stets bei sich zu tragen pflegte - » hast Du den Ton meiner Stimme schon vergessen ? « - » Du bist ' s , Richard ! Wie bist Du hereingekommen ? « » Das will ich Dir ein anderesmal erzählen . Jetzt hab ' ich etwas Wichtigeres . Berger war bei Dir . Was beabsichtigt er ? « » Wenn Du weißt , daß er bei mir war , so wirst Du auch wissen , was er mir davon gesagt hat . « - » Nein , ich bin erst vor wenigen Minuten zurückgekommen und habe nur das Ende Eures Gesprächs gehört . - Was beabsichtigt er ? - Warum antwortest Du nicht ? « - » Weil ich nicht will . Du täuschest Dich in mir , Richard , wenn Du glaubst , ich sei ein Weib , wie andere Weiber , und zu lenken , wie sie . Habe ich Verpflichtungen gegen Dich ? Hast Du noch Ansprüche auf meine Erkenntlichkeit ? - Ich sage Nichts . « - Darauf hatte Landsfeld nicht gerechnet ; und doch war es ihm klar , daß er um jeden Preis das Geheimniß erfahren mußte ; aber durch welche Mittel ? Durch Furcht war Alice eben so wenig als durch Versprechungen zu gewinnen , und an seine Liebe würde sie nicht glauben . » Warum willst Du es mir nicht sagen , Alice ? « fragte er endlich . » Ich habe keinen Grund für das Gegentheil , lieber Richard . - Es thut mir leid , daß ich weder einfältig noch gutmüthig genug dazu bin , mich als Mittel brauchen zu lassen ; und etwas Anderes würde ich Dir nie sein können . Du achtest mich - ob mit Recht oder Unrecht , mag dahin gestellt sein - zu wenig , um mich Deines Vertrauens würdig zu halten . Dagegen habe ich nichts einzuwenden , obschon es mir wehe thut , weil ich fühle , daß ich besser bin als Du glaubst . Mich aber zu den vielen Nullen zählen zu lassen , zu denen Du die Eins bildest , dazu , Richard , bin ich zu stolz . - Unterbrich mich nicht ! Ich freue mich , daß einmal der Augenblick gekommen , wo ich mich offen hierüber gegen Dich aussprechen kann . Richard , ich halte Dich nicht blos für einen unglücklichen , sondern auch für einen thörichten Menschen , weil Du nach Liebe umherspähest , ohne zu bedenken , daß man selber der Liebe fähig sein muß , wenn man sich in der Liebe Anderer befriedigt fühlen will . Nur so viel Gefühl man selbst in ein Verhältniß hineinträgt , so viel Glück und Freude trägt es ein . Wärst Du nur Egoist , Richard , so wäre nichts dagegen zu sagen . Jeder schafft sich seine eigene Welt . Wolltest Du nur Liebe erwecken und Egoist bleiben , so würde auch dies noch passabel vernünftig sein . Aber Du willst nicht blos Egoist sein , und geliebt werden , sondern auch wahrhaft glücklich sein , durch diese Liebe : das , Richard , nimm es mir nicht übel , ist einfältig - denn es ist eine Unmöglichkeit . « Landsfeld war in tiefe Gedanken versunken , aber er antwortete Nichts . Alice fuhr fort : » Sieh , Richard , das ist der Grund , weshalb Du auch mich nicht verstanden hast . Dein Egoismus wurde durch meine Art zu lieben verletzt ; Du begriffst nicht , daß mir die Persönlichkeit des Geliebten nur der zeitweilige Träger meines Liebeideals sein konnte . So glaubtest Du von mir hintergangen zu sein , als ich fand , daß Du dies Ideal nur nach einer Seite hin verwirklichtest , also die unbedingte ausschließliche Liebe , welche Du fordertest , nicht verdientest . Berger , wie er damals war , sein reines , kindliches Gemüth zog mich gerade durch den Gegensatz zu Dir an . Und dennoch hätte ich an Dir festgehalten , wärst Du nicht kleinlich genug gewesen , auf ihn eifersüchtig zu sein . Schon deshalb war es ein Akt der Humanität , ihn glücklich zu machen . - Daß ich es ohne Dein Wissen und Willen that , daran warst Du selbst schuld . Du zwangst mich dazu durch Deine despotische Eifersucht , denn - unbedingte Herrschaft kann ich meiner Natur nach keinem Manne einräumen . - Doch ich will darüber schweigen , denn die Zeiten sind vorbei . Jetzt lieb ' ich weder Dich noch Berger mehr . Aber eben darum wirst Du begreifen , warum ich Keinen dem Andern aufopfern kann . - Ich bitte Dich aufrichtig , keine Bitte an mich zu verschwenden . Die Versagung würde Dich nur gegen mich erbittern , und das würde mir leid thun . Denn ich halte Dich noch immer hoch und werth . « Diese mit völlig leidenschaftsloser Freundlichkeit und ruhiger Herzlichkeit gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf Landsfelds aufgeregtes Gemüth . Er fühlte sich hier zum erstenmale einem weiblichen Charakter gegenüber , der , an Selbstständigkeit und Festigkeit dem seinen so nahe verwandt , ihm ein unwillkührliches Gefühl der Achtung abzwang . Er glaubte merkwürdiger Weise diesmal an die Wahrheit dessen , was er so eben gehört , und grade diesmal wurde er , wenn auch nicht ganz , so doch theilweise getäuscht . Alice liebte ihn wirklich noch , und vielleicht glühender als je ; aber mit jenem Scharfblick , der nur Frauen eigenthümlich ist , hatte sie den einzigen möglichen Weg , auf dem sie sein Vertrauen , und dadurch vielleicht seine Liebe wieder erwerben konnte , richtig erkannt und mit großer Selbstverläugnung eingeschlagen . Nur dadurch , daß sie eine völlig unbefangene , selbstständige Stellung ihm gegenüber einnahm , war es möglich - das fühlte sie - ihn zur Verlassung der seinigen , und zur Annäherung an sie zu bewegen . Sie wurde allerdings hierin durch ihren natürlichen Edelmuth , von dem er sich selbst durch Anhörung jenes Gesprächs überzeugt hatte , so wie durch den Zufall , der sie in den Besitz eines ihm wichtigen Geheimnisses gesetzt hatte , von dem sie übrigens weniger wußte , als er glaubte , bedeutend unterstützt ; aber alle diese Vortheile hätten ihr nichts genützt , wäre sie schwach genug gewesen , ihm ihre vom Erlöschen noch sehr ferne Liebe zu ihm ahnen zu lassen . » Ich kann Dich nicht zwingen , Alice « - sagte er mit einer Art von Resignation , die diesem starken Menschen einen Ausdruck von Sanftmuth verlieh , welcher das Herz Alicens zu verdoppelten Schlägen trieb . » Doch noch habe ich selbst Kraft genug , um mein Heiligthum vor Entweihung zu schützen . Wehe dem , der es wagt , Lydia mit einem Worte zu verletzen . Wehe auch denen , die schwiegen , als sie reden konnten . « » Reden werd ' ich nicht , Richard . Aber daß ich nicht handeln wollte , wenn ' s Zeit dazu ist , habe ich Keinem versprochen . - Jetzt lasse mich allein , der Morgen dämmert schon . « Sie reichte ihm die Hand , er drückte sie herzlich . Landsfeld eilte in den Hof hinab , bestieg sein Pferd , und trabte , gefolgt von seinem Bedienten , durch den grauen Herbstnebel , welcher sich dicht auf die noch menschenleeren Straßen gelagert hatte . Neuntes Kapitel Etwa acht Tage nach den oben erzählten Scenen standen zwei tiefverhüllte Gestalten an der langen Mauer , welche die eine Seite der Anhalt-Straße bildet und blickten aufmerksam nach der Bel-Etage eines der reizenden Häuser dieser schönen Straße hinüber . Ein dichter feiner Regen verdüsterte die Luft und schien selbst den hellerleuchteten Gaslaternen ihren flammenden Athem zu benehmen . Eben schlug es eilf Uhr ; ein langanhaltendes immer stärker werdendes Pfeifen durchschnitt die Luft . Es war das Ankunfts-Signal des letzten Zuges der Anhaltischen Eisenbahn . Mit unverwandten Blicken schaueten die Beiden hinüber nach den Fenstern . Endlich sagte die kleinere , dem Anschein nach weibliche Gestalt : » Was nützt es , daß wir hier im Regen stehen und uns ennuyiren ? Lassen Sie uns nach Hause gehen ! Ich leide ohnehin an Rheumatismus . « Ein tiefer krampfhafter Seufzer war die Antwort . - Nach einer Pause erwiederte eine männliche Stimme : » Gehen Sie immer hin , Sie Glückliche , die Sie noch nicht verlernt haben sich zu langweilen . « Das tragische Pathos , mit dem diese Worte gesprochen wurden , mußte etwas Komisches enthalten , denn Jene lachte , als sie mit demselben pathetischen Accent erwiederte : » Sie Glücklicher , der Sie verlernt haben , sich zu langweilen « - und fuhr dann mit verändertem Tone fort : » Aber ernsthaft gesprochen : Sie sind ein Narr , daß Sie sich so selber quälen , nehmen Sie mir den Ausdruck nicht übel . - Apropos . Wie weit sind Sie mit Laura gekommen ? « - Es lag ein solcher Ausdruck von boshafter Schadenfreude in der Art , wie diese Frage gethan wurde , daß der Andere zornig , aber mit leiser Stimme erwiederte : » Sie sind ein wahrer weiblicher Mephisto , Cornelia ; Sie verstehen sich vortrefflich darauf , den moralischen Henkersknecht zu spielen . « - » Mäßigen Sie sich , theurer Freund , den ich gern meinen Faust nennen würde , wäre er nicht ungeschickt genug gewesen , sich sein Gretchen fortschnappen zu lassen . « - Sie lachte über ihren vortrefflichen Witz und wollte fortfahren , als er ihr in ' s Wort fiel : » Schweigen Sie und reizen Sie mich nicht zum Aeußersten ! Ich bin gerade in der Stimmung , um Sie dahin zu schicken , wohin Sie eigentlich gehören : in die Hölle . « » Das werden Sie bleiben lassen , Berger , « erwiederte sie ruhig . » Wer würde dann den gutmüthigen Narren spielen , der seine Pfote hergiebt , Ihnen die Kartoffeln aus dem Feuer zu holen ? « » Es ist wahr ! « - erwiederte er , ohne daran zu denken , welche arge Beleidigung er damit sagte . Als Erwiederung für seine Aufrichtigkeit setzte sie höhnisch hinzu : - » Aber nicht eher , mein Freund , nicht eher stecke ich die Pfote in ' s Feuer , als bis die Kartoffeln tüchtig gebraten und gar sind . Ha , ha ! « » Weib ! « - rief er zähneknirschend , indem er sie wüthend an der Schulter packte . - » Bringe mich nicht zum Rasen , sag ' ich . Ich möchte bei Gott vergessen , daß - - « die Wuth erstickte seine Stimme . » Daß ich Dich noch gebrauchen kann « - ergänzte sie ruhig . » Meinten Sie nicht das ? - Nun gut ; ich will schweigen , unter der Bedingung , daß Sie diesen verdammt langweiligen Ort verlassen . « » Einen Augenblick noch « - bat er , indem er seine Aufregung bekämpfte . » Sehen Sie « - setzte er zitternd hinzu . » Die Lichter werden schon ausgelöscht . « - In der That nahm die Helligkeit drüben sichtbar ab . Endlich schien nur noch ein Licht in dem Zimmer zurückgelassen zu sein . Da trat ein Mann an ' s Fenster und blickte hinaus . » Er ist es « - flüsterte Berger , den Athem anhaltend . Jetzt wandte sich der Mann oben um , als spräche Jemand zu ihm . Gleich darauf wurde eine weibliche Gestalt sichtbar . Sie lehnte sich an ihn an , er drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn . » Hölle und Teufel « - knirschte Berger halblaut . Der Mann am Fenster schien etwas gehört zu haben . Denn noch einmal lehnte er sich aus dem Fenster und blickte forschend auf die Straße . Aber der Nebel war zu dick , auch hatte sich Berger mit Cornelien hinter die Gaslaterne postirt , deren Schein ihn blenden mochte . Er zog den Kopf zurück und schloß das Fenster . Jetzt schien er , zu der jungen Dame gewendet , etwas zu sprechen . Denn plötzlich fiel sie ihm um den Hals und verbarg ihren Kopf an seiner Brust . - Gleich darauf verschwanden sie von dem Fenster und das Licht verlosch . Berger starrte noch immer zu dem Fenster empor , als sei er überzeugt , daß es sich noch einmal erhellen müsse . Aber er wartete vergeblich . - Wie aus einem schweren Traum erwachend , fuhr er sich über die Stirn und sagte mit gebrochener Stimme : » Sie hatten doch Unrecht , Cornelia , als Sie mich davon abhielten , ihn zu ermorden . « - » Morgen werden Sie das Vernünftige meines Raths selbst einsehen . « Sie ergriff ihn beim Arm und führte ihn fast willenlos fort . - - - - - - - - - - Es war der Hochzeitstag Landsfelds und Lydia ' s. Sie hatten ihn ganz in der Stille gefeiert , weil Lydiens Mutter noch zu schwach war , um das Geräusch und die Aufregung , welche eine große Gesellschaft stets mit sich bringt , ertragen zu können . Nur der Hofrath und eine Jugendfreundin der Forsträthin , welche zugleich als Zeugen der Trauungsceremonie beigewohnt hatten , waren bei diesem Feste zugegen gewesen , hatten sich jedoch bald nach zehn Uhr von der Forsträthin und dem jungen Paare verabschiedet . » Ich bin ermüdet , lieben Kinder « - sagte Frau von Dornthal , welche in einem bequemen Lehnsessel mehr lag als saß - » und werde mich zur Ruhe begeben . « Landsfeld , welcher fühlte , daß er in diesem Augenblick die beiden Frauen einander überlassen müsse , stand auf und ging in das Nebenzimmer , in welchem er die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis auf ' s letzte auslöschte und , dann an ' s Fenster tretend , auf die Straße hinabsah . Lydia folgte ihm nach einigen Minuten . » Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen « - sagte sie , sich an ihn schmiegend . - » Sie grüßt Dich herzlich . « » So laß uns auf die unseren gehen « - erwiederte er , sie umfassend . - » Komm , Geliebte , komm , jetzt gehören wir ganz einander an . Verstehst Du , Lydia , was das heißt ? « - Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn an seine Brust . Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam , und leise den Kopf schüttelnd ; dann führte er sie mit sich fort , indem er das letzte Licht auf dem Tische mit sich nahm . Das Schlafzimmer der Neuvermählten lag nach dem Garten heraus . Es war einfach aber höchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet . Durch ein schmales Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf- und Arbeitszimmer Landsfelds , nach der andern von dem Speisesaal getrennt , aus dem eine Thür nach dem ebenfalls mit seinem Arbeitszimmer zusammenhängenden Wohnzimmer Lydiens , die andere nach den auf der anderen Seite liegenden Gemächern der Forsträthin . Um die Mutter nicht zu stören , gingen sie , statt direkt durch den Speisesaal , durch das Arbeitszimmer Landsfelds . » Geh ' , Geliebte « - sagte Landsfeld , sie mit Innigkeit umschlingend , nachdem sie das letztgenannte Zimmer betreten . - » Geh ' , laß Dich von Gertrud entkleiden . « - Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirthschafterin in den neuen Hausstand mit eingetreten . - » Bist Du nicht allzu müd ' , mein Herz , so komme ich noch auf ein paar Minuten mit Dir zu plaudern . « Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin . Vielleicht hoffte er , daß sie ihm antworten werde , aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter schamhaftem Erröthen und eilte schnell zur Thüre hinaus . Er blickte ihr lange sinnend nach , als suche er den Grund von Etwas , das er sich nicht erklären könne . » Wer mir doch Gewißheit geben könnte « - sagte er vor sich hin . » Zwar erstaunte sie nicht über das , was ich ihr sagte , sie schien es ganz natürlich zu finden - aber warum erröthete sie denn ? - Und endlich frage ich : Kann eine solche Unschuld , wie sie sie zu haben scheint - vielleicht nur scheint - möglich sein bei einem Mädchen von 19 Jahren ? Ist es denkbar , daß der Zufall sie vor jedem zweideutigen Worte , vor jeder verschleierten Anspielung , vor jedem - « Bilde , wollte er sagen , aber er sprach das Wort nicht aus , sondern schloß mit einem bittern Lachen , da ihm einfiel , daß man sich durch dergleichen Fragen in der keuschen Residenz , dem züchtigen Berlin - nur lächerlich machen könnte . Und dennoch that er ihr durch diese Zweifel unrecht . Lydiens Phantasie war in der That völlig rein und fleckenlos . Noch hatte sie keine Ahnung - oder doch gewiß keine Vorstellung von einer andern als wie geistigen und gemüthlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten . Vielleicht war es nicht klug gehandelt von der Forsträthin , daß sie ihre erwachsene Tochter über die Ehe nie aufgeklärt hatte . Aber sie konnte es nicht über ' s Herz bringen , den Kindeshimmel dieses reinen Gemüths zu zerstören . Daß Lydia durch andere zufällige Anlässe zu einer Kenntniß in dieser Beziehung kommen könnte , ohne daß es von dem mütterlichen Auge wahrgenommen würde , hielt sie für unmöglich . Denn sie wußte , daß , wenn ein jungfräuliches Herz seine Reinheit so lange ungefährdet erhalten hat , es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede Verunreinigung besitzt und daß übrigens , sollte doch ein unvorhergesehener Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern , seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und groß sein würde , als daß es ihn vor dem Scharfblick mütterlicher Liebe verbergen könnte . Die Bedenken , welche Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege erhielten , und welche nur bewiesen , daß er von der wahren Reinheit des weiblichen Gemüths keinen Begriff hatte , ließen sich sämmtlich durch die einfache Thatsache widerlegen , daß Lydiens Ohren und Augen über solche Anspielungen und Anschauungen entweder theilnahmlos fortglitten , weil sie sie nicht verstand , oder aber - waren sie zu deutlich und folglich zu kraß - sie von ihnen , ohne sich eigentlich des Grundes bewußt zu werden , nur einen unangenehmen , wiederwärtigen Eindruck erhielt , den sie so schnell wie möglich wieder los zu werden suchte . Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im Geringsten dadurch , höchstens wurde ihr Geschmack beleidigt . Aber jetzt war sie in einer ihr selbst unerklärlichen tiefen Bewegung . Der Gedanke , jener von den Mädchen eben so ersehnte als gefürchtete Augenblick , welcher die Grenze zwischen dem Jungfrauen- und Frauenleben bildet , sei jetzt gekommen , setzte sie vielleicht in desto größere Spannung , und ließ ihren Busen vielleicht um so ängstlicher auf- und abwogen , je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner wahren Bedeutung hatte . » Ach , Gertrud « - sagte sie zu ihrer Amme , » sag ' mir nur , warum mir so angst ist . - Fühl ' einmal , wie mir das Herz schlägt . « Bei diesen Worten nahm sie die trockene , harte Hand Gertruds , welche sie bereits entkleidet hatte und eben im Begriff war , ihr das Nachtkleid überzuwerfen , und legte sie unter ihre linke jugendliche Brust . » Laß nur gut sein , Lydchen « - erwiederte Gertrud lächelnd , welche das Recht hatte , ihre junge Herrin noch als ihr Pflegekind zu behandeln . - » Laß nur gut sein . Ich kenne das , bin auch mal jung gewesen und habe gezittert und gebebt , als sie mir in der Kammer den Brautkranz aus dem Haare nahmen . Aber ' s giebt sich halt mit der Zeit . « - Sie seufzte . » Aber sag ' mir , Kindchen , warum willst Du denn noch aufbleiben , warum legst Dich nicht in ' s Bettchen ? « - » Richard kommt ja noch zu mir ; Gertrud ! « - » Kommt er noch ! « - erwiederte Gertrud , wie verwundert über diesen Grund , mit fast ironischem Tone . » Freilich , Gertrud . Er hat es mir ja versprochen « - sagte Lydia treuherzig . » Hat er wirklich ? « - fragte Gertrud wie vorhin , indem sie den Kopf schüttelte . » Nun ja . Was fällt Dir dabei auf , Gertrud ? - ist er nicht mein Mann ? « - Sie erröthete , als sie mit schamhaftem Lächeln von ihrem » Manne « sprach . Die Alte schüttelte noch immer fort . » Du bist ja heut ' ganz wunderlich , Gertrud . - Geh ' nur - Richard wird gleich kommen . « Gertrud drückte sie mit einer Mischung von Zärtlichkeit und Feierlichkeit an das Herz ; - zündete dann die in einer Glocke von rosafarbenem Glase hängende Nachtlampe an und entfernte sich langsam und leise auftretend durch den Corridor nach ihrem Schlafzimmer neben dem Zimmer der Forsträthin . Lydia hatte sich in die Ecke des kleinen mit weißseidenem Zeuge überzogenen Sopha ' s geworfen , und saß , den schönen Kopf in die Hand gestützt , in Gedanken versunken da , als ein leises Pochen an der Thüre sie emporschreckte . » Er ist ' s « - sagte sie fast athemlos zu sich , indem sie beide Hände über den ungestüm wallenden Busen legte , als fürchte sie , die Bewegung möchte ihre Brust zersprengen . Sie hatte weder die Kraft , zu rufen , noch einen Schritt zu thun . Ein zweites stärkeres Klopfen gab ihr endlich ihre Kraft zurück . » Richard « - rief sie mit bebender Stimme . Landsfeld trat herein . Er war mit einem einfarbigen grünen sammetnen Morgenrock bekleidet , welcher durch eine dicke Seidenschnur von gleicher Farbe um den Leib gehalten , bis auf die feinen Morgenstiefel herabfiel . Sein Hals war frei und nur mit einem weißen Hemdkragen umgeben , der sich leicht und glatt über den Shawlkragen des Morgenrocks legte . » Du schliefst schon , Geliebte « - sagte er lächelnd , auf sie zu tretend , indem er einen langen aber sanften Kuß auf ihre Stirn drückte . » Ach nein , Richard , ich schlief nicht . Dein Klopfen - ich weiß nicht warum - nahm mir die Kraft - die Stimme versagte mir « - Er sah ihr tief , tief in das glänzende Auge , welches sie mit offner Liebe zu ihm aufgeschlagen hatte . » Komm ' , setze Dich zu mir , « - sagte er dann hastig , indem er sie zum Sopha führte . Er umschlang sie mit der einen Hand und zupfte mit der andern an den Bändern des zierlich gestickten Nachthäubchens , welches Lydiens Haar gefangen hielt . » Ich liebe das nicht « - flüsterte er kosend - » ist nicht die Natur überall schöner als die Kunst , besonders wenn diese dazu dienen soll , die erstere zu verhüllen . « Ohne ein Wort zu erwiedern , löste Lydia die Bänder und warf das Häubchen von sich . Voll und glänzend fielen wie ein dunkelgoldiger Strom die entfesselten Locken über ihre Schultern und ihren Nacken . » Wie weich und elastisch ist Dein Haar , Lydia ! « - Er ließ es spielend durch die Finger gleiten . Weißt Du , wie schön Du bist ? Sag ' mir das , Lydia ! « » Welche Frage , Richard ! Wie schön man ist , das kann man wohl nicht wissen , sollte ich denken . Daß ich manchmal , wenn ich vor dem Spiegel gestanden , mich darauf angesehen , ob ich hübsch bin , will ich nicht läugnen - aber « - » Nun ? « - » Aber ich that es doch immer im Gedanken an Dich . Ich dachte dann : kann er Dich wohl hübsch finden ? Und dann freute ich mich ; denn Richard , ich will es Dir nur gestehen , ich antwortete dann gewöhnlich ganz leise : Ja . - Meinst Du nun , daß ich eitel bin , Richard ? « Es lag eine solche Kindlichkeit und Harmlosigkeit in dem , was Lydia sagte , daß ein Mann von so eisernem Willen und so titanischer Selbstüberwindung , wie Landsfeld , dazu gehörte , um dem einmal gefaßten Entschluß , das höchste Glück sich zu versagen , so lange treu zu bleiben , bis durch längere Beobachtung seine Ueberzeugung von der Wahrheit dieses weiblichen Herzens eine unerschütterliche Festigkeit erreicht hatte . Je mehr er gerade jetzt geneigt war , zu glauben , desto mehr fühlte er gegen sich die Verpflichtung , sich nicht eher diesem Glauben hinzugeben , als bis jede Möglichkeit von Zweifel verschwunden war . - Aber diese Entsagung wurde ihm schwerer , als er es geahnt hatte . Wäre Lydia ein Weib wie Laura gewesen , so würde er eine Art egoistischen Triumphs darin gefeiert haben , ihre Sehnsucht ungestillt zu lassen . Denn die Macht sinnlicher Reize , obwohl er selbst feurigen und leidenschaftlichen Temperaments war , konnte doch die Energie seines Geistes , seinen Stolz nicht erschüttern . Aber sie