» Aber wahrhaftig , « fuhr er begütigend fort , » ich versichere Ihnen , mein Herr Hofrath , Ihre Anstalt muß berühmt , von vielen Fremden besucht werden - es soll in der feinen Welt bald zum guten Ton gehören , ein paar Wochen in Hohenheim zu leben . - Alles kommt ganz darauf an , ob mein Freund , Graf Szariny , will : - erklärt er Hohenheim für berühmt , so wird es dasselbe auch in Kurzem sein - und daß ein Engländer gerade schon da ist , wird uns sehr zum Nutzen gereichen , man braucht da weniger aufzuschneiden . - Was meinen Sie , mein Freund ? « Jaromir hatte nur scheinbar dem Gespräch zugehört , seine Gedanken waren anders beschäftigt gewesen , er glaubte jetzt den Kern des Gespräches ganz richtig erfaßt zu haben , als er antwortete : » Man wird doch in Deutschland nicht immer so bornirt sein , alles dumme Zeug nachzuäffen , was ein Engländer angiebt . « Der Hofrath stand entrüstet auf . Die gnädige Frau war unbeschreiblich verlegen . Der Rittmeister nöthigte zum Trinken . Jaromir sah sehr harmlos die ganze bestürzte Gesellschaft der Reihe nach an . Waldow wußte sich nicht mehr zu helfen , und hielt sich laut lachend die Seiten - endlich sagte er : » Sie sehen , Herr Hofrath , an welchem fürchterlichen Spleen mein armer Freund bereits leidet - Sie werden eine glänzende Genugthuung von ihm erhalten , denn über kurz oder lang werden Sie ihn in Ihrer Anstalt finden . « Eh ' man über dieses Mißverständniß sich deutlicher erklären konnte , fuhr unten ein Wagen vor , und ein Diener meldete Herrn Felchner . Der Rittmeister ward ein Wenig blaß . » Der Mensch kommt in Geschäften zu mir , welche keinen Aufschub leiden , « sagte er , und fügte eilig , wie sich besinnend hinzu : » Es betrifft Grenzstreitigkeiten und Ablösungsverhältnisse . Ich bitte zu entschuldigen , wenn ich mich in mein Zimmer zurückziehe . « Auch der Wagen des Hofraths hielt unten , und so trennte man sich für den Augenblick schnell von einander . Die Gattin des Rittmeisters warf diesem einen flehenden Blick zu , und ging ebenfalls in ihr Zimmer - Waldow warf sich gähnend in eine Sophaecke , wo er alsbald entschlief , während Jaromir ein Packet Zeitungen ergriff , eine Cigarre anzündete , und damit in den Garten ging . Es war ein unerquickliches Geschäft , was der Rittmeister mit Herrn Felchner abzuthun hatte . Er trug auch hier seinen alten grauen Hausrock - diese Misachtung aller conventionellen Sitte im Haus eines Aristokraten war für ihn charakteristisch . » Gehorsamer Diener , « sagte er im Eintreten , » wollte mir nur selbst die Antwort auf meine beiden Briefe holen , welche Sie mir schuldig geblieben sind . « » Es freut mich , daß ich das Vergnügen habe , Sie selbst persönlich bei mir zu sehen , « sagte der Rittmeister höflich , aber Felchner fiel ihm in ' s Wort : » Sie entschuldigen , daß ich Ihre höflichen Redensarten unterbreche , allein wir Geschäftsleute haben immer nicht viel Zeit , dergleichen zu erwidern und anzuhören , und heute bin ich ganz besonders pressirt . Wir wollen uns einander nicht unnöthig mit höflichen Redensarten aufhalten . Mein Besuch , fürcht ' ich , wird Ihnen nicht erwünscht sein , denn Sie werden wohl wissen , weshalb ich komme , sollken Sie sich dessen , was wir zusammen verabredet haben , jedoch gar nicht mehr erinnern , so werde ich mir selbst die Freiheit nehmen . « Mit diesen Worten zog Herr Felchner aus seinen großen Rocktaschen einige actenmäßig aussehende Papiere . » Herr Felchner , « sagte der Rittmeister vertraulich , » wir haben immer gute Nachbarschaft gehalten , wir wollen nicht um eines solchen Bagatells willen - « » Bagatell ! « unterbrach ihn dieser , und seine kleinen Augen funkelten , seine Nase ward noch spitzer , als sie ohnehin war . » Bagatell ! Wenn es Ihnen das ist , so zahlen Sie mir meine zehn Tausend Thaler aus ! Für einen Fabrikanten giebt es kein Bagatell , dem Industriellen ist jeder Groschen ein Kapital , das seine Zinsen tragen muß , sonst stocken die Geschäfte - sprechen Sie nicht von Bagatell ! « » Beruhigen Sie sich , ich meinte nur nicht dieses Geld allein , sondern Geld überhaupt sei eine Bagatell dem Glücke uns nahestehender Personen gegenüber , von welchen ich mit Ihnen vor allen Dingen zu sprechen wünschte . « » Ich verstehe Sie nicht , aber ich muß Sie bitten , zur Sache zu kommen , ich habe durchaus nicht viel Zeit . « » Nun - Sie haben eine erwachsene , liebenswürdige Tochter - « » Ja , wahrhaftig ! Sie ist mein Stolz und meine Freude . « » Ich habe einen einzigen Sohn , welcher jetzt auf Reisen ist - « » Ich bitte - zur Sache , zur Sache ! « und Herr Felchner rutschte ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her . » Wir sind Nachbarn , unsere Besitzungen stoßen aneinander - « » Weiß es , weiß es , verschmelzen immer mehr in einander , « sagte Felchner höhnisch . » Das ist auch meine Meinueg , « fiel der Rittmeister rasch in ' s Wort , ohne den Hohn in der Stimme des Fabrikherrn zu bemerken , oder bemerken zu wollen , und fuhr freundlich fort : » Es würde Sie schmerzen , jemals Ihre Tochter weit von sich zu entfernen - nun , ich denke , Sie schlagen mit Freuden ein , Sie müssen meinen Sohn von früher kennen , Sie haben den Vortheil , daß Ihre Tochter Ihnen unentführt bleibt , den Vortheil ihrer Standeserhöhung - schlagen Sie ein , mein lieber Freund - wir wollen aus unsern Kindern ein glückliches Paar machen - « und der Rittmeister hielt dem Fabrikanten mit freundlichem Lächeln die Hand hin . Dieser aber , statt , wie Jener wohl erwarten mochte , mit seiner Hand in die dargebotene einzuschlagen , schlug heftig mit dem Actenstück darauf , das er in der Hand hielt , warf aufspringend den Stuhl um , auf dem er gesessen , und zitternd vor Wuth brachte er nur die Worte heraus : » Nein , das ist zu unverschämt . « Bleich stand er da , sein lederartiges Gesicht zuckte in jedem Fältchen seiner Haut , die zornsprühenden Augen drehten sich wild nach zwei verschiedenen Seiten , die einzelnen Haare seines Hauptes sträubten sich zur Decke . Auch der Rittmeister sprang auf , und indem er einige Schritte gewissermaßen furchtsam zurücktrat , sagte er : » Welches Benehmen , mein Herr - in meinem Zimmer ! « » Ich frage Sie , « sagte Herr Felchner , auf ' s Aeußerste gereizt , » wie kamen Sie dazu , mir dieses unverschämte Anerbieten zu machen ? Wie konnten Sie denken , ich werde die Hand meiner einzigen Tochter einem Krautjunker geben , ja einem Krautjunker , von dem ich noch dazu weiß , daß er in Kurzem ein Betteljunker sein wird , da ich die Wirthschaft seines Vaters kenne ! Oder konnten Sie sich wirklich einbilden , ich solle es mir zur Ehre schätzen , wenn meine Tochter eine gnädige Frau würde ? Die adligen Freier werden sich zu Duzenden finden , denn das Mädchen ist ein Engel , und wäre sie häßlich wie die Sünde , ihr Geld würde sie in den Augen altadliger Hungerleider doch zu einem Engel machen . - Aber bilden Sie sich nicht ein , daß heut zu Tage ein Industrieller noch Respect hat vor einem großen Wappenschilde und einem vornehmen Namen - Herr Rittmeister - das sind Bagatellen - Bagatellen , zu erbärmlich , sie nur zu beachten . « » Es ist gut , « fuhr er ruhiger fort , nachdem er die heftige Rede abgebrochen und hochaufathmend frische Kraft zum Weitersprechen gesammelt hatte - » das Wort Bagatell bringt mich wieder auf die Ursache meines Kommens , und auf die zehn Tausend Thaler zurück , welche Sie für ein Bagatell erklärten , und welche ich Ihnen wahrscheinlich mit meinem Kinde schenken sollte - Sie haben das Vaterherz so in Wuth gebracht , daß ich beinah Narr genug gewesen wäre , darüber meine zehn Tausend Thaler zu vergessen - sie waren schon vor einem Monate gefällig - Sie werden meine Nachsicht zu schätzen wissen - ich bin da , um das Geld in Empfang zu nehmen . « » Mein Herr Industrieller , « sagte der Rittmeister , der unterdeß mühsam nach Fassung gerungen , und vergebens überlegt hatte , wie er sich noch am Besten aus der Schlinge ziehen könnte , mit beleidigtem Ton in der Stimme und einem Anflug von Spott , » es ist mir unmöglich , mit Leuten , welche alle Rücksichten und Höflichkeiten aus den Augen setzen , auf die jeder Mensch von Bildung Anspruch macht , zu verhandeln , ich werde Ihnen Ihr Geld noch heute in Ihre Wohnung schicken - « und der Rittmeister kehrte dem Fabrikanten vornehm den Rücken , und war im Begriff , das Zimmer zu verlassen . » Sie können bleiben , « sagte dieser , » ich werde gehen - Ihre elende Ausflucht ist eines Aristokraten des neunzehnten Jahrhunderts würdig . Sie haben das Geld nicht , ich sehe sehr wohl ein , daß ich es also nicht mitnehmen kann , und werde daher gehen . Brechen Sie aber Ihr Wort abermals , und ich erhalte das Geld nicht noch heute , so begebe ich mich morgen mit dieser Verschreibung zu den Gerichten , und Ihre Waldung ist mein Eigenthum . Ich empfehle mich Ihnen . « Mit diesen Worten ging der kleine graue Mann zu der großen Flügelthüre hinaus , und fuhr dann in seinem glänzenden Staatswagen heim . Während er einen Blick auf die nahe Waldung warf , rieb er sich vergnügt die Hände , und sagte zu sich selbst : » Es ist nicht möglich , daß er das Geld bis heute Abend schafft , der Wald ist also mein , und ich habe im Grunde keinen schlechten Handel gemacht . Den Wald lasse ich umhauen , benutze den Platz zu einer Bleiche , der Bach , welcher durchfließt , läßt sich zu einem Graben machen , und kann eine neue Walkmühle treiben - nein , nein , es ist wirklich kein schlechter Handel - es ist gut , wenn ich auf so billige Art , und ganz allmälig meinen Grundbesitz vergrößern kann « Dem Rittmeister merkte man bei Tafel nicht an , welchen großen Aerger er kurz vorher gehabt , in welcher innern Aufregung er sich noch befand , welche schlimmen Sorgen er sich machen mußte . Er war der liebenswürdige Wirth , wie gewöhnlich . Als man die Tafel aufhob , sagte er : » Ich muß heute noch einen Besuch bei Graf Hohenthal machen , wollen mich die Herren begleiten , so werde ich mich freuen , Sie vorstellen zu können . « Jaromir und der Neffe waren mit Vergnügen dazu bereit . XI. Wiedersehen » Ein Thor , wer auch die Hefen schlürfte , Weil er den Becher ausgeleert ; Wir wären , wenn ' s so enden dürfte , Eines des Andern nimmer werth . « Franz Dingelstedt . Die Langeweile war es , welche Jaromir noch lange an Bella gefesselt hatte , obwohl sein Herz längst Nichts mehr wußte von diesem Bande . Auch hatte sich das Verhältniß geändert , früher war er der Sklave ihrer Launen gewesen , später mußte sie die seinen ertragen . Zuweilen war er lange außen geblieben , aber endlich war er doch immer wieder zu ihr gegangen , weil er für die Stunden , die er bei ihr zuzubringen pflegte , doch nirgends andern Ersatz fand . Um es mit einfachen Worten kurz zu sagen : es fehlte ihm Etwas , wenn er lange nicht bei ihr gewesen war , und so ging er immer wieder zu ihr . Wollte sie ihn dann mit Vorwürfen empfangen , daß er so lange nicht da gewesen , so setzte er ihrer leidenschaftlichen Heftigkeit eine ernste , fast schwermüthige Ruhe entgegen , welche sie bald entwaffnete - ja sie selbst war auch so an ihn gewöhnt , daß sie oft über der Freude , den lang Vermißten wiederzusehen , vergaß , daß sie ihm hatte grollen wollen . Einmal jedoch , als eine ganze Woche vergangen war , ohne daß Jaromir bei Bella gewesen war , erwachte die Eifersucht in ihr - sie fürchtete , daß er eine Andere liebe . Das schöne junge Mädchen - Elisabeth - fiel ihr wieder ein , mit welchem ziemlich zugleich sie einst Jaromir hatte das Haus , welches sie bewohnte , verlassen sehen . Zwar hatte ihr später Jaromir gesagt , daß er von Thalheim gekommen sei , mit dem er ein Geschäft abzumachen gehabt - sie mochte denken , ein literarisches - aber sie war sich doch genau bewußt , daß seit diesem Tage Jaromir ' s Stimmung verändert war , daß er von diesem Tage an aufgehört hatte ihr Sclave zu sein . Baron Füßly , welcher mit Aurelie Treffurth wirklich ein kleines Liebesverhältniß angesponnen , und bei ihren Eltern um ihre Hand geworben hatte , da er sie für eine gute Partie betrachtete , war zurückgewiesen worden , da umgekehrt Aureliens Eltern , welche von seinen Schulden und ausschweifendem , thatlosem Lebenswandel hörten , ihn für eine sehr schlechte Partie hielten , und ihre Tochter seinen Ueberredungskünsten dadurch entzogen , daß sie dieselbe aus der Residenz in ihren Familienkreis zurückriefen , wo Aurelie , die erst stolz darauf war , sich bald verheirathen zu können , es nun auch darauf war : einen Korb ausgetheilt zu haben , und sich über diese Trennung weiter nicht grämte . Füßly aber war über diese fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich verstimmt , und suchte bei der schönen Schauspielerin seine üble Laune zu vergessen . Er fand auch ziemlich Gnade vor ihren Augen , und von ihm , als Jaromirs intimsten Bekannten , konnte sie wohl erfahren , welche Gesellschaften dieser jetzt besuche , und welches neue Interesse ihn fesselte . Es wäre nun vielleicht in Füßlys Interesse gewesen , Jaromir bei Bella zu verdrängen , aber in seinem noch größeren war es , ihn sich zum Freund zu erhalten , denn außer von der Nachsicht seiner Gläubiger lebte Füßly jetzt nur noch von Jaromirs Großmuth . Daher suchte er Bella die reine Wahrheit zu sagen , daß Jaromir in keiner Gesellschaft eine Dame besonders auszeichne , daß er überhaupt meist nur in Herrengesellschaft gehe , und daß sein verändertes Benehmen wohl Nichts sei , als eine Dichterlaune , da er jetzt an einem größeren Werke arbeite . Bella war dadurch noch nicht vollkommen beruhigt , und verschmähte es nicht , auch durch ihr Kammermädchen , welche mit Jaromirs Diener vertraut war , über ihn Erkundigungen einzuziehen . Aber auch hier blieb es dabei : Jaromir erhielt weder Briefe oder Billette von einer Dame , noch schrieb er dergleichen an solche , ging auch nicht heimlich aus , noch fand sich überhaupt bei seinem ganzen Thun irgend etwas Geheimnißvolles . Bella konnte sich beruhigen . Eines Tages , als er nach langer Abwesenheit wieder bei ihr eintrat , und wie gewöhnlich neben ihr auf dem Sopha Platz nahm , schmiegte sie sich zärtlich an ihn , und sagte : » Ist es auch Recht , daß Sie jetzt über Ihren Dichtungen das wirkliche Leben ganz vergessen ? Ist es Recht , daß Sie über Ihren Traumbildern Ihre Geliebte vernachlässigen ? « Er sah sie halb erschrocken an , machte sich von ihr los , stand auf , und sagte sehr ernst : » Also immer noch diesen Traum , Bella ? Diesen Traum , aus dem ich längst aufgewacht bin , in dem ich Sie schon lange nicht mehr befangen glaubte . « Sie erhob sich rasch , ihr Gesicht glühte . » Und das sagen Sie so ruhig . - Sie bekennen , daß Sie mich getäuscht haben , daß Sie eine Andere lieben ! « rief sie außer sich . Er schüttelte langsam die dunkeln Locken : » Getäuscht ? Was sind alle Liebesverhältnisse , ja alle Lebensverhältnisse überhaupt anders , als eine Kette oft gezwungener , immer wenigstens absichtsloser Täuschungen ? Ich eine Andere lieben ? Nein , das ist für mein Herz vorbei - das hat gelernt , daß das Glück der Liebe nur ein Traum ist . In der Zeit , wo aus der knospenden Kindheit ein heiliger Zauberschlag die volle Blüthe reifer Jugend entfaltet - da liebt man ganz und wahrhaftig , da lebt man im lachenden Frühling , wo der Himmel ewig blau ist , und die ganze Natur grün und blühend und ein seliges Paradies . - - Aber jeder Mensch muß sein Paradies verlieren ; die Einen treibt der Racheengel gewaltsam fort , die Andern kehren ihm langsam , aber freiwillig den Rücken , freiwillig - bis sie plötzlich gewahr werden , was sie verloren , und nicht mehr zurück können . « Er hielt inne - er hatte begeistert , aber sanft gesprochen , als wenn er daheim allein an seinem Schreibtisch säße , und nur sein Papier zum Zeugen hätte - seine Augen glänzten , seine Lippen zuckten schmerzlich lächelnd , ein sanftes Roth lag auf seinen Wangen - sie hatte ihn nie schöner gesehen . Sie setzte sich wieder , und wagte Nichts zu entgegnen , endlich sagte sie : » Sprechen Sie so weiter , « und während ihre Augen innig an ihm hingen , fuhr er fort : » Was man später von Liebe spricht , so ist es ein Spiel , das man nicht mit dem fremden Herzen allein , sondern auch mit dem eignen treibt - aber das Spiel ermüdet , man läßt das Spiel auch fallen - und wenn es dabei zerbricht , so sagt man mit einem Seufzer , wie das Kind : ich habe Nichts dafür gekonnt ; ich hab ' es nicht zerbrechen wollen - oder man wendet sich mit Ekel ab - oder - « » Jaromir ! « fiel sie ihm außer sich in ' s Wort . Er fuhr ruhig fort , wo er abgebrochen : » Oder man sagt einander : Wir sind zum Spielen zu alt , wir wollen das aufgeben , und nicht mehr kindisch sein - unsere Puppen taugen nicht mehr , sie sind schlecht geworden , wir wollen das elende Zeug bei Seite werfen , es soll uns nicht mehr quälen ! « Er setzte sich wieder neben sie , und nahm ihre Hand : » Bella , unsere Liebe war ein Spiel , unsere Freundschaft wird uns dauernd beglücken . « Sie sah stumm vor sich nieder . » Bella , « wiederholte er wieder , » erinnern Sie sich noch des Abends in Berlin , als Sie die Armida gegeben hatten ? Sie waren wirklich diese allgewaltige Zauberin gewesen , welcher Niemand widerstanden hatte , Rinaldo nicht auch Jaromir nicht . Ich begleitete Sie in Ihre Wohnung . Sie waren erschöpft von der Anstrengung der Rolle - ich trug Sie halb ohnmächtig in Ihr Zimmer ; ich legte Sie auf Ihr Sopha , und knieete zu Ihren Füßen - ich war nicht um Sie beschäftigt , Sie wieder zum Bewußtsein zu bringen , ich hielt nur Ihre kleine Hand zwischen der meinen , und schaute Sie unverwandt an - Sie kamen wieder zu sich , und wir lagen einander in den Armen , aber wir sprachen nicht . Wir waren allein , Ihre Verwandte lag krank in einem entfernten Zimmer , bei ihr waren Ihre Dienerinnen - - ich vergaß Alles , ich vermeinte in den Zaubergärten Armidens zu sein - von einer andern Wirklichkeit wußte ich Nichts , als von der , daß mich Armida in ihren Armen hielt . « » Warum diese Erinnerung ? « fragte sie erröthend . » Warum das jetzt ? « » Eben weil es eine Erinnerung ist , die niemals wieder Gegenwart werden kann , « versetzte er , und fuhr fort : » Wir waren allein , unsere Küsse wurden Flammen - da riefen Sie plötzlich : Schonung ! Ich bin ein schwaches Weib - da besann ich mich , ich erwachte aus meinem Sinnentaumel - ich hatte mich einer Zauberin ergeben - an ein schwaches Weib hatte ich nicht gedacht - ich sagte : ja ich muß fort - und schied plötzlich . - Sie sind stumm ? « fügte er nach einer Pause hinzu . » Es ist nicht zart , daß Sie mich bei einer solchen Erinnerung zum Antworten zwingen wollen , « sagte sie , und sah vor sich nieder . » Wir müssen einmal wahr gegen einander sein , sonst kann es zu keiner Freundschaft kommen , wie ich sie ersehne ; wir müssen uns einander keine Erklärung schuldig bleiben . Wir haben ja keine That begangen , vor der wir erröthen müßten - und was Sie Hundert Mal auf der Bühne ohne Erröthen geschildert haben , und schildern gehört , das können wir ja einander auch ein Mal ohne Vorstellung und ohne Redepomp im wirklichen Leben sagen , « antwortete er ernst mit unveränderter , sanfter , freundlicher Stimme . » Nun , « erwiderte sie , » seit jenem Abend sagte ich mir : Jaromir ist kein Lüstling , wie die andern Männer , er ist edler - ich muß ihn höher achten , als die andern - aber vielleicht hat er auch keine Leidenschaften , vielleicht auch kein Herz . « » Es kann sein , daß man mir das Herz ertödtet hat , « sagte er dumpf , » erkältet wenigstens hat man es gewiß . - Nach jenem Abend sahen wir uns einige Tage nicht - ich war mit mir zufrieden . Ich prüfte mein Herz - ich fragte mich , ob uns Beide die Ehe beglücken könnte . - Sie lächeln ? « » Ich werde mich nie vermählen , « sagte Bella . » Sie wissen es , eine verheirathete Schauspielerin ist eine Art Amphibie - sie muß dem verwässerten Element der Ehe angehören , und doch zugleich auf dem Land der Bühne leben - sie wird weder vom Gatten , noch vom Publikum vernachlässigt sein wollen - und vielleicht wird sie es gerade von Beiden sein . Nein , nein ! Niemand kann zweien Herren dienen , ich wäre eine sehr schlechte Gattin , und hätte dabei vielleicht auch die Aussicht , eine schlechte Sängerin zu werden , « fügte sie mit munterm Ton hinzu . » Jetzt endlich sind Sie wieder Sie selbst , « rief Jaromir , » und legen die Sentimentalität ab , mit welcher Sie mich vorher empfingen , und die mir an Ihnen so fremd ist . - Was Sie da von sich selbst gestehen , dacht ' ich auch , und noch mehr : wenn ich mir sagte , daß sie keine hingebende Gattin , und als solche auch nicht glücklich sein würden , so sagte ich mir auch noch , daß ich als Gatte vielleicht der unerträglichste , bestimmt aber der unglückseligste aller Menschen sein würde . « » Das ist ein sehr naives Geständniß ! « sagte Bella . » Gewiß , « fuhr Jaromir lebhaft fort , » ich sagte mir , daß ich nicht einmal einige armselige Tage in der Ehe würde glücklich verträumen können , wie es doch die Andern im Stande sind , eben weil ich mir mitten in jedem leidenschaftlichen Rausch sagen konnte : morgen wirst Du nüchtern und ermüdet sein . Ich fühlte , daß Ihr Besitz mit einem elenden , gefesselten Leben zu theuer erkauft sei - und weil ich dies fühlte , erkannte ich , Sie nicht wahrhaft zu lieben , denn der Liebe ist kein Preis zu theuer ! Und dazu , Bella , liebte ich Sie eben zu sehr - oder , wenn das deutlicher ist : Sie waren mir zu werth , ich stellte Sie zu hoch , um Ihnen Reue und Kummer zu bereiten . - Bella ! Sie sind mir heute so theuer und so werth , ja so unentbehrlich , als irgend einmal - aber niemals haben Sie wieder jenes stürmische Verlangen in mir erweckt , wie an jenem Abend in Berlin - : urtheilen Sie , ob ich noch leidenschaftlicher Liebe fähig bin . Nein , ich habe Sie für immer begraben ! - Und wissen Sie , wenn das war ? - An jenem Tage , als Sie sich zuerst darüber beklagten , daß ich gegen Sie verändert und unhöflich gewesen . Ich sage Ihnen Alles . Meine erste Liebe war ein allmächtiges , heiliges Gefühl , das mein ganzes Dasein , mein ganzes Streben ausfüllte - meine erste Geliebte ward mir untren - begreifen Sie , was das heißt ? Meine Liebe war mein Leben gewesen , sie allein hatte ihm Farbe und Glanz gegeben , und diese Liebe ward verhöhnt , in den Staub getreten , und dadurch ward mein ganzes Leben zu einem wesenlosen , finstern Schemen . O , es ging Alles sehr natürlich zu - es war gar nichts Außergewöhnliches - das Mädchen war gewiß sehr vernünftig , « sagte er höhnisch , indem er dabei innerlich zitterte - » es machte eine gute Partie - es war arm , und ich damals auch , und hätte auf mich noch lange warten müssen - der Andere wandte ihr den Brautkranz sogleich in ' s Haar - so Etwas geschieht alle Tage - warum nicht auch eines Tages mir ? - Jahre sind vergangen , ich hatte meine Verzweiflung und das Mädchen vergessen - an jenem Tage , wo sie zuerst über mich klagten , stand ich an dem Sterbebette dieser Einstgeliebten - wohin sie mich verlangt hatte . Ich brachte keine Liebe mehr mit zu ihr - keine Liebe - sie war für immer aus meiner Brust gerissen - und das war der Fluch ihrer That ! - Aber ich kam zu der Erinnerung von ehemals , ich hatte wieder das klare Bewußtsein von dem , was Liebe eigentlich sei , was sie einst aus mir gemacht , wie sie mich beglückt und erhoben hatte - und da fühlte ich , daß es für mich damit aus sei . « Er hielt beinahe erschöpft inne , sie hatte sanft seine Hand ergriffen , und drückte sie theilnehmend , indem er fortfuhr : » Vielleicht begreifen Sie nun , daß mich plötzlich wieder jedes Liebesspiel anekelte , daß ich keinen zärtlichen Liebhaber spielen mag , da ich erkannte , daß ich nur ein Mal es wirklich gewesen , und außerdem Nichts als ein gemeiner Gaukler , der aber seine Kunst so weit gebracht hat , daß er sogar sich selbst zu betrügen gelernt ! - Darum , Bella , fordern Sie keine zärtlichen Worte und Blicke mehr von mir , aber seien Sie meiner Freundestreue gewiß . Sie sind mir unentbehrlich , lassen Sie mich bei Ihnen die Stätte finden , wo ich meine besten Freuden genieße ! « Sie fühlte , wie Recht er hatte , sie hatte Mitleid mit ihm , sie war gerührt - und ihr Stolz war geschmeichelt , daß er sich nicht ganz von ihr losreißen konnte , ihrer Eitelkeit war genug gethan , daß er keine Andere liebte - sie selbst hatte auch keine tiefe Leidenschaft für ihn empfunden , aber sie vermißte ihn schmerzlich , wenn sie ihn entbehren mußte , und deshalb sagte sie in heiterm Tone : » Nun , so sollen Sie denn das Recht haben , ein ungalanter Liebhaber zu sein , wenn Sie nur ein desto treuerer Freund sind - ich werde mir andere Anbeter suchen müssen , sie sind ja auch keine Seltenheit - aber treue Freundschaft ist eine , und so wollen wir denn davon ein musterhaftes Exemplar zu Stande bringen . « So aufrichtig war dies neue Bündniß zwischen diesen Beiden geschlossen worden . Aufrichtig , denn was Jaromir verschwieg , das schlummerte selbst in seiner Seele Tiefen als ein ungelöstes , heiliges Räthsel . Er hatte Elisabeth zum zweiten Male gesehen , er war von diesem Augenblicke an wieder ein begeisterter Dichter geworden . Aber er hatte nicht nach ihr geforscht , er hatte sie nirgends gesucht . Wie ein wunderherrliches Traumbild war sie ihm erschienen , so , sagte er sich , sollte sie in ihm fortleben . Warum auch diese himmlische Erscheinung hereinziehen in die gemeine Wirklichkeit ? Sie würde in ihr doch auch in ein leeres Nichts zerfließen , so meinte er , und das wollte er sich ersparen ; er wollte nicht auch dieses Ideal vernichten , um es mit zu den andern umgestürzten Göttern seines Innern und seines Lebens zu werfen , deren Fall er schon beweint oder verspottet hatte . Dieselbe Macht , welche sie ihm zwei Mal in den Weg seltsam geführt , die werde es auch noch ein drittes Mal so fügen , er wußte es - aber er fragte weiter nicht darnach , er bemühte sich nicht darum . Aber wie eine leuchtende Gestalt stand sie immer vor seiner Seele , und es gab Momente , wo er sinnend in selige Träumereien versank - sie kamen ihm dann , wenn er ihrer gedachte . Der Frühling war gekommen . Bella nahm Urlaub zu einer Kunstreise . Jaromir hatte sich nun noch mehr , als je gelangweilt . Er hatte daher mit Vergnügen den Vorschlag eines seiner Bekannten , von Waldow , angenommen , ihn auf das Gut seines Oheims , welchen er früher schon einmal kennen gelernt , zu begleiten , um fern von der Stadt in Bergen und Thälern den Frühling in seinem ersten Kommen zu belauschen . Und so hält denn