jedoch dafür , daß die neuen einer möglichen Bestechung weniger zugänglich sein würden , als die alten ? und waren diese es überhaupt ? - Lieber keine Nachforschungen anstellen , als sie anstellen und zu keinem Resultat kommen ! Ich verhielt mich passiv und sprach nur mit Sedlaczech über diesen mysteriösen Dämon , der seinerseits höchst activ war . Einmal wurde Beethovens C moll-Symphonie unter meinem Balkon von der vortreflichen östreichischen Regimentsmusik ausgeführt . Ein andres Mal folgte eine Barke mit Sängern der meinen , und liebliche Barcarolen und andre Volkslieder begleiteten meine Spazierfahrt . Zufall konnte das Alles nicht sein , weil es immer Bezug auf Aeußerungen hatte , die ich gemacht und deren ich mich sehr wol erinnerte . » Aber was soll eigentlich dies Alles vorstellen ? fragte ich einmal ganz ungeduldig Sedlaczech . Dieser liebenswürdige unsichtbare Sylf beginnt mich zu langweilen . « » Soll das heißen , daß er sichtbar werden möge ? entgegnete Sedlaczech . Nehmen Sie sich in Acht ! er erfüllt pünktlich Ihre Wünsche .... und wer weiß in welcher abschreckenden menschlichen Gestalt er sich Ihnen nächstens präsentiren wird . « » Das wäre unangenehm ! « rief ich unbefangen . » Also interessiren Sie sich genug für ihn um ihn in Ihrer Vorstellung liebenswürdig zu finden ? « » Aufrichtig gesagt - ja ! Es ist unmöglich der Gegenstand einer so aufmerksamen und ausdauernden Huldigung zu sein , ohne sich mit Demjenigen zu beschäftigen der sie uns darbringt ; und da ist es doch ebenso unmöglich ihn in der Phantasie zu einem Monstrum zu machen . « » Wär ' er es nicht , so würde er vielleicht längst zu Ihren Füßen liegen . « » Wie sollt ' er das anfangen ? ich kenne ihn ja nicht . « » Sie kennen ihn nicht , d.h. er ist Ihnen nicht in aller Form mit Namen , Rang und Würden feierlich vorgestellt worden ! .... Ist denn diese ceremoniöse Etikette sogar Ihnen gegenüber , wenn eine Seele in Flammen lodert , nothwendig ? sagen denn auch Sie : Ich bitte um Namen , Stand und Herkunft , mein Herr , bevor ich mich entschließe ob ich mich soll von Ihnen lieben lassen oder nicht . « » So ist die Welt ! entgegnete ich halb lachend und halb mißachtend ; - und ich gehöre ihr an . « » O Sibylle ! rief er , das sollten Sie nicht so kalt eingestehen . Wer der Welt Aug ' in Auge gesehen und sich als ihr Kind erkannt hat , dem müßte es gehen wie dem Basilisken : ihm graut vor seinem eigenen Bilde , er stirbt an seinem eigenen Blick . O Sibylle ! diese hohlen Existenzen , die nach Regeln der Convenienz leben , statt nach Idealen - schmähen die ewige Wahrheit und die heilige Natur ! Nicht daß sie alle und immer selbstbewußt der Lüge und Falschheit anheimfielen ; aber Unnatur ist die Sünde wider den heiligen Geist , die ihren Fluch in sich selber trägt , denn sie entwurzelt so zu sagen den Menschen , und macht aus ihm , diesem erhaben-organischen Gebilde - eine Maschine , die ohne Zusammenhang mit der Natur , und abgelöst von der Gottesidee ist . Das rächt sich durch die sittliche Verkümmerung des Geschlechts . Das macht ehrlos d.h. bewußtlos über die wahre Ehre . O Sibylle , stellen Sie sich nicht mit so kalter Entschlossenheit in die Reihen der Welt . « Mit grenzenlosem Staunen hörte ich ihm zu , wenn unsre Gespräche eine solche Wendung nahmen . Ich konnte seine Ansicht nicht in Einklang bringen mit seinem Leben , konnte nicht begreifen wie er zu derselben gekommen sein mogte . Er lebte fleißig und zurückgezogen wie ein Künstler der alten Tage , mäßig wie ein Brahman , keusch wie ein Anachoret , er hatte seinen eigenen Aeußerungen zufolge nie anders gelebt - woher denn dieser feindliche Contrast mit der Welt ? - - » Sie tragen die Farben Ihres Gemäldes zu grell und hart auf , entgegnete ich , und das rührt daher , weil Sie der Welt wirklich nicht Aug ' in Auge - sondern sie durch irgend einen entstellenden Zerrspiegel gesehen haben . Es sind auch gute Elemente in ihr , und edle Geister wandeln auf ihr . Ein Mensch wie Sie , Fidelis , müßte vor allen Andern an das Gute und Wahre im Menschen glauben . « » O ich glaube daran ! rief er lebhaft . Liebe und Wahrheit sind die Gottesidee in uns , und diese bildet den Keim und Kern des Ideals zu dem wir streben , dem wir nachleben , wozu wir uns möglichst entwickeln sollen . Daran zweifle ich nicht , daß dies Aetherflämmchen die irdische Form beseelt - nur daran , daß es in der Welt zu einem reinen Feuer aufflamme . Es wird erstickt im Wust und im Staube des fremden Unwerths und der eigenen Schwäche - die auch unwerth macht und unwerth ist . « » Die auch unwerth ist ! « wiederholte ich wie ein bewußtloses Echo - dermaßen trafen mich solche Worte im Mittelpunkt meines Wesens . Ich war mir so recht dieser Schwäche bewußt , die nicht im Stande ist das heilige Feuer zu pflegen , weil es dabei Vigilien und lange kalte Nächte giebt . Sedlaczech machte mich durch dergleichen Gespräche ohne es zu beabsichtigen namenlos traurig indem er mich zugleich exaltirte . Ich wünschte mich zu opfern , mich beherrschen zu lassen , gar Ketten zu tragen , nur um aus dem Bewußtsein der inneren Unsicherheit gerettet zu werden . Ich betete um irgend eine entscheidende Wendung meines Lebens , die mich auf einen bestimmten Pfad und zu einem bestimmten Ziel führen müsse . Bei diesem Gebet vergaß ich nur daß äußere Umstände von geringer Wirkung sind , sobald die innere Entschiedenheit der Seele fehlt . Der Winter war gekommen und hatte kältere Nächte und zuweilen Stürme gebracht . Ich wagte mich nicht mehr so viel in die Lagune hinein ; dadurch fiel ein großer Theil meiner Unterhaltung fort ; ich sah der langen Weile entgegen und um einen Versuch zu machen ihr zu entgehen beschloß ich etwas in die Gesellschaft einzutreten und den Brief abzugeben , den mir mein Onkel an den Gouverneur von Venedig , seinen langjährigen Freund , fast aufgezwungen hatte - weil ich damals durchaus nichts von Bekanntschaften wissen wollte . Jezt schienen sie mir doch nothwendig zu sein , und heimlich hofte ich dem Sylfen zu begegnen und ihn zu erkennen . Also ich machte und empfing Besuche , ich hatte Soireen , ich nahm eine Loge in der Fenice , ich ließ mich bei Hof vorstellen , als der Erzherzog Vicekönig auf einige Zeit nach Venedig kam - und langweilte mich gräßlich , weil ich mit Ansprüchen von Belebung in die Gesellschaft trat , welche nie in diesem großen Getümmel gefunden werden kann . Ich kleidete mich , ich sprach , ich tanzte , ich that wie die Uebrigen , aber mit maschinenmäßiger Gleichgültigkeit . Heimlich hatte ich wol die Hofnung gehegt irgendwo dem Unbekannten zu begegnen oder irgend etwas über ihn zu erfahren . Das schien vergeblich ! nichts ereignete sich was mich an ihn hätte erinnern können - gar nichts als der eine kleine Umstand , daß die Loge neben der meinen im Theater Fenice stets geschlossene Vorhänge hatte , obgleich sie allabendlich - oder wenigstens immer wenn ich in der Oper war , besucht war . Während längerer Zeit bemerkte ich es gar nicht , man sieht häufig geschlossene Vorhänge ; entweder sind die Eigenthümer nicht in der Loge oder sie wollen nicht gesehen sein . Endlich einmal , im Augenblick wo das ganze Publikum lauschend in den Gesang der Prima Donna vertieft war , rauschte vernehmlich , wiewol leise der Vorhang . Ich sah mich neugierig um , weil ich die Erscheinung einer schönen Frau erwartete , und bemerkte mit Erstaunen , daß der Vorhang nicht in der Mitte von einandergezogen , sondern nur nach meiner Loge seitwärts ein wenig aufgehoben worden war . Er fiel hastig herab als ich die wahrscheinlich unerwartete Bewegung machte , und ich sprach unwillkürlich zu mir selbst : Das ist er . Mir klopfte doch ein wenig das Herz bei dieser Vorstellung . Weshalb vermied dies mysteriöse Wesen so scheu meinen Blick , da es sich doch so sehr mit mir beschäftigte und den Wunsch an den Tag zu legen schien , daß ich mich mit ihm beschäftigen möge ? welche Furcht entfernte - welcher Umstand trennte es von mir ? Mit leisem Herzpochen betrat ich nun allabendlich meine Loge . Immer lag seitdem auf ihrer Brüstung ein köstlicher Blumenstrauß ; immer verkündete mir eine leise Bewegung der festgeschlossenen Vorhänge der seinen , daß mein geheimnißvoller Nachbar gegenwärtig sei . Diese stete Aufmerksamkeit war mir weder lästig noch peinlich , und streifte doch an Beides . Wer ein so unausgesetztes Interesse mir bewies mußte , nach meiner Meinung , nicht in diesem seltsamen Schleier bleiben . Im Unmuth hierüber verließ ich einen Abend im ersten Zwischenact die Oper , und warf im Hinausgehen den Blumenstrauß vor die Logenthür des Unsichtbaren . Am andern Morgen fand ich auf meinem Frühstückstisch ein Billet , das ich in der Erwartung irgend einer Einladung erbrach . Statt dessen las ich folgende Zeilen in italienischer Sprache : » Sie zürnen mir , denn ich erscheine Ihnen trotz aller Zurückhaltung dennoch zudringlich . Darum wird ferner kein Zeichen meiner Huldigung Sie belästigen . Aber gönnen Sie mir - ich sage nicht : einen Blick ; sondern nur : Ihren Anblick allabendlich in der Oper , und verkürzen Sie nicht grausam die wenigen Stunden in denen ich selig - weil in Ihrer Nähe bin . « Eine anonyme Liebeserklärung oder eine Mystification , und Eines ist so unbehaglich als das Andre sprach ich halblaut zu mir selbst ; das muß ein Ende nehmen ! - Und ich ging in drei Tagen nicht in die Oper . Am Morgen des vierten ein abermaliges Billet . » Ich habe Sie verstanden : Sie wollen mir mein demüthiges Glück nicht gönnen . Gut ! ich störe Sie ferner nicht . Gehen Sie in die Oper .... ich werde nicht mehr dort sein , mein Wort darauf . Ich beschwöre Sie fürchten Sie keine Zudringlichkeit ! - aber sehen .... muß ich Sie und werd ' ich Sie . « Er wird mich sehen , aber ich ! .... werde denn ich ihn nie sehen ? sprach ich gedankenvoll und beklommen zu mir selbst ; und die unbestimmte traumhafte Sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand . Schon diese Bestimmtheit that mir wol . Mir war wie Einem , der nach langer Seereise endlich einmal wieder festen Boden unter den Füßen fühlt ; ich empfand nicht mehr das ermüdende Schaukeln der Wogen ; ich hatte Land gewonnen . Ich begann etwas Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wünschen : ich war fast glücklich ! Ich ging Abends in die Fenice . Die Nachbarloge war leer , weitgeöfnet der Vorhang . Wo konnte er nun sein ? mein Blick schweifte gedankenlos über die Menge dahin ; was war sie mir ? was war ich ihr ? ein buntgefärbtes Nebelbild ohne Wesen , ohne Wahrheit ; eine vergängliche Erscheinung , die heute gefällt und morgen vergessen ist . Dein Leben oder Tod .... Dein Glück oder Leid wiegt keines Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge - sprach ich zu mir . Ist denn solche schauerliche Vereinzelung - Leben zu nennen ? Leben ist Reflex des eignen Seins im andern , Gegenseitigkeit , Wechselwirkung , Entwickelung . Wo das fehlt - existirt man in einer Schattenwelt , und ihr ist der Tod vorzuziehen , der wenigstens ungestörte Ruhe bringt . Aber mein Wesen im fremden Herzen gefaßt und getragen - das lebt , und lebt ewig ; denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit groß . Am nächsten Tage ging ich in die Marcuskirche , nicht zur Messe , nur zum Gebet . Bisweilen wurde mir unaussprechlich wol in diesen ernsten , heiligen Räumen , die sich seit langen Jahrhunderten feierlich über die geheimsten und tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewölbt hatten . Wie beseelt von Allem was sie gehört und gesehen , kamen mir die majestätischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor . Es that mir wol mit so viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schooß mich zu betten , und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen , welches selten , selten ! ein Mensch vor dem Andern enthüllt . Denn vor unsers Gleichen schämen wir uns unsrer Sünden , unsrer Thorheit , unsers Elends mehr , als vor höheren Naturen . Unsers Gleichen kennen wir als schwach , und ach ! die Schwäche im Bewußtsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Härte gegen Andre . Die höhere starke Natur , welche die Schwäche nur kennt , aber nicht theilt , ist barmherzig . Hierin liegt die tröstende Macht der katholischen Beichte auf das Gemüth . Aber giebt es denn Menschen , die so stark und so gut sind , daß wir uns mit unserem Elend nie vor ihnen gedemüthigt fühlen ? - Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestört , der ganz in meiner Nähe sein Gebet verrichtete . Endlich erhob er sich , trat zu mir heran und bat um Almosen für die Armen seines Klosters . Ungeschickter Weise trug ich nie Geld bei mir , und Gino , der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister war , lag mit der Gondel an der Piazzetta . Ich zog eine goldne Nadel mit einem Knopf von Perlen und Türkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte : » Verkaufen Sie dies , mein Vater , geben Sie den Ertrag den Armen .... und beten Sie für mich . « Er stand gebückt vor mir , beugte sich noch tiefer und fragte : » Sie sind jung , gesund und reich , Signora ... um was soll ich beten ? « » Um Ruhe , mein Vater , und um Kraft . « » Dies ist das Allerwelts-Leid , Signora . « » Ja , mein Vater , aber es drückt den Einzelnen darum nicht minder schwer ! Es ist vielgestaltig und nimmt jede Form an .... daher sieht es für Jeden anders aus , so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht . « » So jung .... und schon so nachdenkend ! « sagte er . Es machte mich lächeln , daß ihn eine ganz oberflächliche Bemerkung frappirt habe und ich fragte : » Glauben Sie denn daß man nur im Kloster und bei fünfzig Jahren die Kunst des Nachdenkens üben könne ? « » Ich glaubte nur daß man in der Welt andre Dinge zu thun habe , Signora , als sich mit den Händen im Schooß hinzusetzen und den Gedanken im Kopf nachzuhängen . « » Für die Männer ist das richtig , mein Vater ; die verbrauchen ihr Leben ! wir .... müssen es verträumen oder vertändeln - und da ich für das Letztere nicht die Gaben habe , so begnüge ich mich mit dem Ersteren . « » Aber unwillig ? « » Nicht unwillig , mein Vater , nur traurig , sehr traurig wie Derjenige es sein mag , der sich verschmachten fühlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als Orangen - während er sich nach einem derben Stück Brot sehnt . Er ist nun aber einmal auf Orangen angewiesen und muß mit ihnen leben und sterben , und noch gar hören , daß Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost . « » O Signora , das ist ein eingebildetes Leid ! Derjenige den das Schicksal in einen Orangengarten gestellt hat , kann auch über einen Bäckerladen befehlen . Umgekehrt ist es nicht so leicht . « » Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichthum , Jugend und Unabhängigkeit über Alles geht .... weil er sie nicht besitzt ! « rief ich mit einiger Bitterkeit . » Ich weiß zu schätzen was ich besitze und was ich nicht besitze , Signora ! entgegnete er sehr gelassen . Unabhängigkeit , Jugend und Reichthum besitze ich nicht ; allein ich betrachte sie als vortrefliche Mittel zu schönen Zielen , wenn sie mit Einsicht und Vernunft gepaart sind .... welche letztere Ihnen zu fehlen scheinen ; - denn sonst würden Sie wol auch das besitzen um was ich in Ihrem Namen beten soll : Kraft ! - Sie ist nichts als Ausübung unsrer Selbsterkenntniß . « Er verbeugte sich und entfernte sich rasch durch das Mittelschiff , während ich ihm bestürzt nachblickte und plötzlich ganz laut rief : Ah ! das war er ! - denn sein Gang und die Haltung seiner Arme verriethen deutlich , daß er kein Klosterbruder sei . Ich ärgerte mich , daß ich mich in solchem unvortheilhaften Licht ihm gezeigt , und freute mich doch vollkommen unbefangen und aufrichtig gewesen zu sein . Hatte ihm das mißfallen , so - würde er sich mir nicht wieder nähern . Oder .... sollte es ein Maskenscherz irgend eines meiner Bekannten gewesen sein ? das war nicht unmöglich .... wir waren im Fasching ! und ich hatte ihm unbesonnen die Nadel geschenkt . - - In großer Unruh verbrachte ich die nächsten vier und zwanzig Stunden ; dann ging ich wieder in die Marcuskirche . Ich bildete mir ein , wenn er der Kapuziner sei , würde ich ihn dort finden . Und siehe , er war da ! Er grüßte mich demüthig . Die Kapuze war tief über sein Obergesicht herabgezogen , und das Untergesicht in einem grauen langen Bart begraben ; dazu die tiefe Dämmerung die stets in dieser Kirche herrscht ; es war unmöglich auch nur einen Zug seines Antlitzes zu erkennen . Ich grüßte ihn wieder und sagte : » Ich muß Sie um Verzeihung bitten , daß ich einen Maskenscherz für Ernst genommen habe . In meinem Lande kennt man das nicht , und diese Unkenntniß mag mich entschuldigen . Ich erlaube mir nur eine Frage , mein Herr : haben Sie die Nadel zum Besten der Armen verkauft ? « Ich sprach ernst und ruhig und in demselben Ton antwortete jezt der Kapuziner : » Nein Signora ! ich habe das Doppelte ihres Werthes den Armen gegeben und .... die Nadel behalten . « » Sie legen dadurch ein seltsames Interesse für mich an den Tag , mein Herr , welches nicht von der Art ist um das meine zu wecken . « » Das habe ich auch nie gehoft , Signora . « » Durch diese Aeußerung sprechen Sie wenigstens aus , daß Sie es wenn nicht gehoft .... doch versucht haben . « » Und wenn ich das eingestanden ? « » So würde ich fragen : weshalb diese Blumen , diese Musik , diese Unsichtbarkeit in der Loge , diese Billets , diese gegenwärtige Verkleidung - da es doch unendlich viel einfacher gewesen wäre und unsre Bekanntschaft mehr gefördert hätte , wenn Sie den Zutritt in meinem Hause gesucht hätten , den ich keinem wolerzogenen Mann verweigere . « » Einfacher , d.h. hergebrachter wär ' es gewesen , Signora ; doch ich zweifle daß es unsre Bekanntschaft gefördert hätte . Denn das ist nicht Jemand kennen : seinen Namen wissen und von tausend Gleichgültigkeiten mit ihm sprechen ; sondern das ist es : den Grundzug seines Herzens kennen - und Sie kennen den meinigen . « » Nun gut , mein Herr ! ich kenne ihn also ! - was weiter ? « fragte ich kalt . » Sie interessiren sich für mich . « » Ja , mein Herr , das Menschenherz ist so wunderlich beschaffen , daß es sich vom Geheimniß gelockt fühlt . « » Also Sie denken an mich , Signora , Sie beschäftigen sich mit mir , Sie interessiren sich für mich - folglich nehme ich einen Platz in Ihrem Leben ein ! - Ich sagte Ihnen vorhin , daß ich soviel nie gehoft hätte . « » Mein Herr ! nahm ich entschlossen das Wort , dies Alles hat seine amüsante , seine rührende , seine ridiküle und seine unschickliche Seite . Ich wünsche dringend daß diese mysteriöse Huldigung aufhören möge , und ich wünsche Denjenigen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen , der sie mir seit dreiviertel Jahren mit so seltsamer Ausdauer darbringt . Nennen Sie das Interesse oder gewöhnliche Weiberneugier ; ich muß es mir gefallen lassen ! aber ich sage Ihnen die Wahrheit . Haben Sie einen Grund meine Bekanntschaft zu meiden , so kommen Sie nicht ; allein hören Sie auf mir Ihre Theilnahme so seltsam und unbegreiflich wie bisher an den Tag zu legen . « » Kann ich die Ehre haben Sie morgen früh um zwölf Uhr allein zu finden , Signora ? und wird Ihre Nadel , die ich dem Portier vorzeige , genügen um mich zu Ihnen zu führen ? « » Ja mein Herr ! « sagte ich , grüßte ihn und verließ die Kirche in der größten Spannung . So sollte ich ihn denn sehen , den Sylf , den Verbannten , den Unsichtbaren , den Flüchtling , der meine Phantasie so lebhaft beschäftigt und mir mehr Theilnahme für ihn , den ich nicht sah , als für Alles was ich sah eingeflößt hatte . Ich schlief in der nächsten Nacht nicht fünf Minuten , ich stand drei Stunden früher als gewöhnlich auf ; ich befahl Denjenigen , der eine goldne Nadel mit blauen Steinen vorzeigen würde ohne Umstände zu mir zu führen ; - und verbrachte darauf in zitternder Erwartung die Stunden . Mit dem Glockenschlag zwölf gingen rasche Schritte durch den Saal - die Thür meines Cabinets flog auf - und Astrau trat ein . » Ah , Otbert ! wie kommen denn Sie hieher ? « rief ich ganz freudig und ahnungslos . » Kraft dieses Talismans ! « entgegnete er und zeigte mir die Nadel , die er wie eine Blume zwischen den Fingern hielt . » Sie .... Otbert ! Sie ? « stammelte ich in der höchsten Ueberraschung und lehnte mich zitternd an einen Stuhl . » Ja , nur Otbert .... sonst Niemand , « sagte er . Spannung , Erwartung , Träume , Phantasien , Ueberraschung , Gewißheit , Freude - alle diese chaotischen Empfindungen , die mir Herz und Nerven vibriren machten - brachen sich urplötzlich in einen Strom von Thränen . » So betrübt sind Sie , daß nur ich es bin , Sibylle ? « fragte Astrau sanft und traurig . » Nein nein ! rief ich hastig ; Sie wissen ja daß ich viel träume ! Vielleicht bin ich jezt erwacht und danke Ihnen mit meinen Thränen . « » Dürfte ich das hoffen , Sibylle ! « » Warum denn nicht ? ich hoffe es ja . « » Gewiß ? fragte Astrau mit stralenden Augen . O Sibylle .... dann wird auch der Glaube nicht fern und die Liebe nah sein .... dann werden Sie mir verzeihen , daß ich trotz Ihres kühlen abwehrenden Briefes aus Würzburg nicht zurücktrat , sondern Ihnen hieher folgte . « » Aber warum beachteten Sie mich nicht in München ? « » Um nicht zudringlich zu erscheinen ! - nur mit meinen Gedanken , nicht mit meiner Person wollte ich einen Platz erringen in Ihrem Leben . Sie sollten gewahr werden , daß unablässig die Richtung meiner Seele zu Ihnen gehe , und daß die Attraction , welche Sie auf mich geübt haben nicht jene gewöhnliche sei , die eine schöne Erscheinung mit sich führt und die aufhört wenn sie verschwindet . « - » Könnte ich das Alles glauben , Otbert , sagte ich zaghaft ; ach , ich mögte es so gern glauben ! Aber sehen Sie , ich kann und kann mir nicht vorstellen , daß die Seele unveränderlich von einem Gedanken bestimmt , von einem Bilde beherrscht werde . Sie folgt den äußern Eindrücken und Bedürfnissen , den innern Neigungen , je nachdem Umstände und Verhältnisse Eines oder das Andre begünstigen oder nicht . Sie fühlt dumpf daß es ihre Seligkeit sein würde in einen Hafen des Lebens-Oceans einlaufen und dort den Anker der Zuversicht : hier ist dein Platz ! fallen lassen zu dürfen ; aber sie bleibt schwankend auf hohem Meer , denn kein Sturm treibt sie gebieterisch in irgend einen Hafen , und sie selbst fühlt sich zu keiner Wahl veranlaßt . Jede wird ihr Gutes und ihr Schlechtes haben - jede wird von Hause aus den Stempel auf der Stirn tragen , den Alles trägt , was dem Menschen zu seinem Genuß , seiner Entwickelung , seiner Freude , seinem Streben und Gelingen und Erreichen gegeben ist - das eine fürchterliche Wort : Unvollkommenheit . Diese schließt sowol die Dauer als die Unwandelbarkeit aus ; denn nur die Vollkommenheit besitzt Einheit , und widersteht demnach jeder Wandlung und Auflösung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen muß .... weil sie Stückwerk ist . « Astrau sah mich traurig an während ich sprach , und traurig antwortete er : » Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist - mag bitter sein ! doch tausendmal bittrer ist es mit diesem eiskalten nüchternen Blick Bestimmung und Schicksal zu betrachten , und das Glück fallen zu lassen wie eine Südfrucht , die verschmäht wird , weil sie unter unserm gemäßigten , nicht unter ihrem eigenen tropischen Himmel reifte . Diese Nichtachtung der irdischen Zustände , Sibylle , mag die Wonne der Heiligen sein - aber sie ist die Qual des Menschen ! und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind , so sein Sie es wenigstens mit ganzem Herzen ; so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll Meditation , Andacht und Barmherzigkeit ; so widmen Sie sich ganz der Betrachtung und Uebung göttlicher Dinge , da Ihnen menschliche zu gering sind ; so wenden Sie sich überhaupt ganz und aufrichtig dem Schöpfer zu , und lassen Sie das Geschöpf nicht in dem Wahn , als wären Sie zugänglich seiner Empfindungsweise und seiner Sehnsucht ; so trennen Sie sich von uns ab , Sibylle , und sagen Sie uns redlich : » Ich habe mit euch Allen nichts zu thun und nichts zu theilen ! « - - Denn wer Sie zwischen uns sieht , beobachtet , wer Ihr phantastisches Dasein und die Melancholie und Gleichgültigkeit Ihres Wesens bei einer solchen Schönheitsfülle verfolgt - wer unter diesem schillernden Schleier Ihre hohe reine Natur erkannt hat - dem erscheinen Sie wie von einem bösen Zauber befangen , und er mögte Ihnen ein Wort zurufen , das denselben sprengte . Also sein Sie ganz ehrlich , Sibylle , und sagen Sie uns - Ich liebe euch nicht und nie ; ich liebe Gott . « » Aber Astrau ! wer sagt Ihnen daß ich Gott liebe ? entgegnete ich mit traurigem Erstaunen . Ich sage Ihnen : ich liebe ihn nicht ! Wer nicht der Liebe für das Geschöpf fähig ist - das Meinesgleichen in Gefühl , Gedanke und Richtung ist - das mich anspricht mit meinen Worten und Blicken , mit meinem Verlangen und meiner Bedürftigkeit - das wechselsweise Mitglied , Theilnahme , Wolwollen , Anregung in mir weckt - und dennoch trotz all dieser Anklänge und Harmonien nicht den Ton trift auf den meine Seele gestimmt ist und der , Einmal berührt , nicht wieder verhallt , sondern innerlich fortvibrirt wenn er auch nach Außen nicht immer laut klingt - - wer nicht Schwung genug im Herzen hat um ein Wesen seines Geschlechts zu umfassen , woher soll dem Glut und Macht kommen um sich an ein höheres anzuranken und anzusaugen ? Nein , Otbert ! durch die Liebe zur Creatur übt sich der Mensch in der Liebe zum Schöpfer , denn in ihren Wonnen und Schmerzen , in ihrer Begeisterung , in ihrer Läuterung , in ihren Wundern der Kraft , der Ausdauer und Geduld , erkennt er die Herrlichkeit des Geschöpfs , und nur durch sie ahnt er die Herrlichkeit des Schöpfers . Immer durch seine Boten , seine Gesandten , immer durch einen menschlichen Vermittler , hat Gott seine Offenbarungen auf die Erde geschickt , und was Allen geschehen ist das wiederholt sich auch im Einzelnen und Kleinen : die göttliche Liebe muß Mensch geworden sein damit mein Herz sie fasse .... und das ist mir nicht geschehen . « » Vielleicht lieben Sie Ihr Kind mehr als alles Andre ? « fragte Astrau mit tiefster Theilnahme in Blick und Ton . » Ich liebe das Kind mit meinem Thun , entgegnete ich nach kurzem Nachdenken . Hieße es : stirb für das Kind ! oder : geh betteln für das Kind ! so thät ' ichs ohne Besinnen .... aber ich mögte sagen : aus Instinct meines Herzbluts , nicht aus Liebe . Denn Liebe , wie ich sie verstehe , füllt die Seele , und das Kind füllt die meine nicht . « » Aber Sibylle ! rief Otbert beinah fassungslos vor innerer Bewegung - was um Gotteswillen , was regt sich denn eigentlich in Ihrer Seele ? « » Die intensivste Sehnsucht nach einem unbekannten Glück , Otbert , die so drängend , so heiß , so wild , so unbezähmbar ist , daß ich Meere durchschiffen und Welttheile durchpilgern mögte um es zu suchen . « » O suchen Sie es nicht ! geben Sie es .... und es ist da ! « rief Otbert , sank zu meinen Füßen nieder und ergriff meine beiden Hände wie um mich fest zu halten . » Warum zittere ich bei dem Gedanken , Otbert , jezt mit Entschiedenheit zu sagen : ich suche nicht mehr , denn