Urtheilen Sie in Ihrer Angelegenheit mit dem kalten Blute des Greises , nicht mit Ihrem heißen Herzen , und lassen Sie mich wissen , wofür Sie sich entschieden haben . Und was thäten Sie ? fragte Alfred . Ich habe durch vierzig Jahre gelernt , mein Glück in dem Wohle Anderer zu suchen ; ich habe nichts für mich erstrebt ; meine eignen Wünsche früh begraben . Fragen Sie mich nicht , es muß Jeder aus seiner eignen Natur den rechten Weg ermitteln . Gott sei mit Ihnen , werther Freund ! Alfred umarmte den Greis gerührt und eine Thräne perlte in seinen Augen . Ob sie der Zorn , ob sie der Schmerz erpreßt ? wer wollte das entscheiden , in einer Stunde , in der so verschiedene Gefühle ihn bestürmten ! XIII Die Nacht verging dem heftig Erregten ohne Schlaf . Er legte das Wohl seiner Untergebenen gegen seine eigenen Wünsche in die Wagschale ; er hielt es sich vor , wie man seinen Sohn von ihm trennen , ihn in einer Richtung erziehen werde , die ihm verwerflich schien . Bald wollte er Alles opfern , um nur frei zu werden , bald fühlte er den Muth , dem Glück der Liebe zu entsagen , um in Pflichterfüllung Ruhe und geistige Befriedigung zu erlangen . Je länger er wachte , je mehr erhitzte sich seine Phantasie . Jeder Athemzug des schlafenden Knaben berührte schmerzlich sein Ohr . Das Kind schlief so ruhig , es ahnte nicht , welch schweren Kampf sein Vater in sich kämpfte , wie er mit sich rang , dem Sohne das größte Opfer zu bringen . Alfred konnte keine Ruhe auf dem Lager finden , er stand auf , um dem Präsidenten den Vorfall zu berichten . Dann schrieb er dem Domherrn und bat , wenn sie zu schaffen sei , um eine Abschrift des betreffenden Codicills . Darüber kam endlich der Morgen heran , und noch lastete die in bangen Zweifeln verlebte Nacht schwer auf seinem Geiste . Die Stunden der Dunkelheit hatten seinen Blick in die Zukunft getrübt ; er sah die Welt in den düstersten Farben an , und athmete erst auf , als der erste Lichtstrahl in sein Auge fiel , als er das Licht wieder in der Natur erblickte . Damit wachte die Hoffnung in ihm auf , sein Muth belebte sich und die Fähigkeit zu kräftigen Entschlüssen fing sich in ihm wieder zu regen an . Aber sein Kopf glühte , sein Körper war fieberisch erregt , er ging hinaus ins Freie , um sich abzukühlen . Ein frischer Reif hatte sich über den Boden gelegt und zitterte glitzernd auf Gras und Laub . Es war empfindlich kalt , indeß diese Kälte that dem Aufgeregten wohl . Die Gegend erschien ihm doppelt schön , sein Besitz war ihm doppelt lieb , da er an die Möglichkeit dachte , sich von allem Diesem trennen zu müssen . Er band im Garten ein paar junge Bäume fest , die er einst selbst gepflanzt hatte ; es that ihm leid , daß man sie in seiner Abwesenheit nicht gehörig besorgt hatte . Mitten in der Arbeit hielt er inne : Das Schicksal eines Baumes bewegt Dich , sagte er , und Du könntest daran denken , das Loos aller Deiner Untergebenen , das Loos Deines Sohnes einer fremden Hand anzuvertrauen ? Unmöglich ! Sein Entschluß , in seinem bisherigen Wirkungskreise zu bleiben , befestigte sich in seiner Seele ; aber als er ihn gefaßt , als er ihn ganz durchdacht hatte , da drängte sich ihm schmerzlich die Frage auf , wie er es tragen werde , auf das Glück zu verzichten , das er sich in der Vereinigung mit Therese erhofft hatte . Er wollte ihr schreiben . Was sollte , was konnte er ihr aber sagen ? Er zweifelte nicht an ihrer Liebe , er wußte , daß sie die seine kenne . Durch Julian mußte sie erfahren , wie es ihm unmöglich werde , den Wünschen seines Herzens zu folgen ; wie er sich Dem opfere , was er für seine Pflicht halte . Zu schreiben fehlte ihm der Muth , dennoch verlangte er lebhaft sie wiederzusehen . Um die Frühstückszeit kehrte er in das Schloß zurück . Er küßte Felix und drückte ihn an sich mit einer Bewegung , die dem Knaben nicht entging . Lange hielt er ihn in seinen Armen fest , er erkaufte den Sohn mit dem Glück der eignen Zukunft . Sein Begegnen mit Caroline war kalt . So sehr er dagegen kämpfte , er konnte eines Grolles gegen sie nicht Herr werden , den er früher nicht empfunden hatte . Es war ihm , als stände nicht das Testament des Onkels , sondern sie allein zwischen ihm und seinen Wünschen , als trenne sie allein ihn von seinem Glück . Der Tag verging in Thätigkeit mancher Art. Er hatte Berechnungen durchzusehen , die Arbeiten im Felde und in den Fabriken zu revidiren . Eine Vermessung des Forstes war nöthig , sie sollte am heutigen Tage angefangen werden , und Alfred wollte dabei sein . Er ritt hinaus , nahm den Knaben mit sich ; aber er konnte die rechte Lust an der Arbeit nicht finden . Er fühlte sich innerlich gehemmt . Die Leute , mit denen er sprach , fanden ihn nicht so klar und so bestimmt wie sonst , ihm selber war zu Muthe , als trete er heute den Besitz aufs Neue an ; aber er freute ihn nicht , denn er litt noch zu sehr von dem Opfer , durch das er sich ihn erwarb und erhielt . Ein reitender Bote war zum Domherrn nach Maria-Gnad gesendet . Er kam zurück und brachte die Antwort , der Domherr werde wieder zu ihm kommen , und der würdige Greis hielt ihm sein Wort . Alfred ging ihm bis an die Grenze seines Parks entgegen . Des Domherrn Blicke fragten , was er beschlossen habe ? Alfred verstand die stumme Frage und sagte tiefaufathmend , sobald er mit dem Freunde allein war : Ich bleibe hier , mein Freund ! Aber die Worte klangen so muthlos , daß der Domherr ihn bekümmert ansah und ihn fragte : Und erhebt Sie der schöne Entschluß nicht , den Sie gefaßt haben ? Nein , antwortete Alfred , ich bringe das Opfer nicht freudig ; ich fühle meine Pflicht wie eine schwere , drückende Bürde . Das ist der erste Schmerz , meinte der Domherr ; Sie werden ihn überwinden , glauben Sie mir , und Glück und Freude wird Ihnen daraus erwachsen . Alfred schüttelte ungläubig das Haupt und schwieg . Dann sagte er : Nun habe ich eine Bitte an Sie , theurer Freund ! Uebernehmen Sie es , mit meiner Frau die Maßregeln zu besprechen , die für unsere Zukunft nöthig sind . Ich würde es gern sehen , wenn sie von Rosenthal , das mir besonders werth ist , fortzöge . Sie soll wählen , ob sie auf Worben oder auf Plessen wohnen will . Das Gut , das sie vorzieht , will ich ganz nach ihren Wünschen einrichten lassen ; gleichviel , ob sie es für immer oder nur als Sommeraufenthalt zu bewohnen gedenkt . Sie selbst soll das Jahrgeld bestimmen , das sie zu bedürfen glaubt , und jede Verfügung treffen , die ihr für ihr Leben angenehm scheint . Ich werde in Berlin bleiben , meines Sohnes wegen , denke aber alle sechs , acht Wochen mindestens ein paar Tage hieherzukommen . Ohne das Auge des Herrn gedeiht nichts , das sehe ich , und ich hoffe , auf die Weise , die ich Ihnen andeutete , all meinen Pflichten genügen zu können . Der Domherr hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann : Es ist mein Beruf , zu versöhnen , nicht zu scheiden . Ihren Gütern habe ich Sie durch meine Bitten erhalten ; wäre es mir doch möglich , Sie auch Ihrer Frau zu erhalten ! Was Gott verbunden hat , soll der Mensch nicht trennen . Bedenken Sie nur , daß aller Vortheil dieser Trennung Ihnen allein zu Gute kommt . Sie behalten den Sohn , Sie haben ein freies , durch Thätigkeit mancher Art ausgefülltes Leben ; was hat eine Frau zu erwarten , die man von ihrer Familie trennt ? Kein schlimmer Loos , als ich alle diese Jahre hindurch an ihrer Seite erduldet habe , sagte Alfred . Aber Sie hatten den Sohn , sich zu trösten ! wendete der Domherr ein . Und was hat das vortreffliche , edle Mädchen , das ich liebe , dem ich entsage , sich zu trösten , als sich selbst ? rief Alfred bitter . Muß dieses , das schuldlos leiden wird , nicht trachten , mit sich einig zu werden , in sich die Kraft für ihr Leben zu finden ? Muß ich nicht ein einsames Dasein erdulden ? Muß ich nicht darben , wo ich ein Glück genießen könnte ? - Nein , nein , lieber Freund ! verschwenden Sie Ihre wohlgemeinten Bemühungen nicht . Ich weiß , was mir frommt , was uns frommt . Gehen Sie zu meiner Frau und machen Sie meinen Wünschen sie geneigt . Ich bin zu jedem Zugeständnisse bereit , wenn wir uns auf friedlichem Wege trennen können . Aber trennen müssen wir uns ! Vergebens machte der Domherr neue Friedensvorschläge , Alfred beharrte auf seinem Willen und Jener verfügte sich zu Caroline , um ihr die Wünsche ihres Mannes mitzutheilen . Sie hörte den Greis , der ihr durch sein geistliches Amt ebenso Ehrfurcht gebot , wie durch seine Person , mit mehr Ruhe an , als ihr sonst eigen war , beschwerte sich dann bitter über das Loos , mit einem so phantastischen , launenhaften Manne verbunden zu sein , klagte Alfred wegen einer Menge Fehler an , und sagte endlich : sie könne keinen Entschluß fassen , sie wolle sich erst mit dem Kaplan berathen , da ihr Mann den Domherrn zu seinem Beistand erwählt habe . Damit erklärte dieser sich , wiewohl ungern , einverstanden , weil er dem Kaplan mißtraute , und ging zu Alfred zurück , ihn von dem Erfolg seiner Sendung zu benachrichtigen . Im Hause herrschte danach ein sehr peinlicher Zustand . Die Gatten sahen sich gar nicht , außer während der Mahlzeiten . Alfred saß verdüstert an der Tafel , Caroline ließ ihren Mißmuth an der Dienerschaft aus , die verlegen und eingeschüchtert ihr Amt verrichtete , und selbst Felix ward scheu und unlustig . Er kam Alfred wie ein Vogel vor , der bei herannahendem Sturm instinktmäßig die Gefahr empfindet , bange umherflattert und nicht weiß , wie er sich schützen soll , da er das Uebel nicht kennt , das ihn bedroht . Das Kind that ihm sehr leid und machte ihm durch seine sorglosen Fragen Kummer . Alfred erwartete deshalb die Entscheidung mit Ungeduld ; aber der Kaplan war für ein paar Tage verreist und man mußte sich bis zu seiner Rückkehr bescheiden . XIV Sobald der Kaplan heimgekommen war , verfügte er sich zu Caroline . Er hörte ihr zu , als sie ihm klagte , und hatte , wie es seine Art war , das Gesicht in die Hand gelehnt , so daß er den Ausdruck seiner Züge verbarg . Als sie ihren Bericht geendet hatte , sagte sie : Nun wissen Sie Alles , nun rathen Sie mir , was soll ich thun ? Was wünschen Sie zu thun ? fragte er . Können Sie das fragen ? rief Caroline . Ich habe es Ihnen tausend Mal gesagt , es ist eine wahre Thorheit , daß mein Mann an eine Scheidung denkt ; es ist gar kein Grund dazu vorhanden . Mein Gott ! ich habe ja nie geleugnet , daß es dann und wann einen Streit zwischen uns gegeben hat , aber wo wäre eine Ehe , in der das nicht vorkäme ? Mein Vater hat mit beiden Frauen wie die Engel im Himmel gelebt und nach jedem kleinen Zank ist die Versöhnung eine neue Freude geworden . Warum nimmt mein Mann denn Alles so gar schwer ? Also wünschen Sie mit ihm vereint zu leben ? fragte der Kaplan weiter ! Natürlich ! sagte Caroline . Ich allein habe mich im Grunde zu beklagen . Ich weiß , daß mein Mann in der Stadt in vielfachen Verhältnissen lebt , die meine Rechte beeinträchtigen , während ich ihm ganz und gar ergeben bin . Ich habe das getadelt , ich habe ihm gesagt , daß ich eifersüchtig sei , aber muß man sich deshalb trennen ? Was gewinne ich denn durch eine Trennung ? Mein Sohn wird mir entzogen , das ist das Schrecklichste für eine Mutter . Aus einer Frau , die jetzt die schönste Stellung in der ganzen Provinz hat , die Jeder beneidet , soll ich zu einer Wittwe werden , die ein Gnadenbrot genießt . Und weshalb ? Weil Alfred sich einbildet , unglücklich zu sein . Aber ich habe mich nicht unglücklich gefühlt , und ich will es auch nicht werden . Alfred wird allmälig seine poetischen Grillen vergessen und wir werden wieder ganz zufrieden leben wie bisher . Eigentlich war es eine Kleinigkeit , ein unbedeutender Streit , der den ganzen Aufruhr veranlaßte ; ich wäre also thöricht , wollte ich nachgeben und mich in die Vorschläge meines Mannes fügen . Glauben Sie , daß Herr von Reichenbach sich von Ihnen zu einer Wiedervereinigung bewegen läßt ? fragte Ruhberg . Ich zweifle daran , denn er ist sehr eigensinnig . Und Sie wollen sich um keinen Preis von ihm trennen ? Nein ! rief Caroline bestimmt . So vertrauen Sie mir , sagte der Kaplan , und folgen Sie unbedingt meinem Rathe . Ich bin ganz Ihrer Meinung . Sie allein sollen schwere Opfer bringen , damit Herr von Reichenbach seinen Neigungen ungehindert nachgeben könne , und obenein will er sie zwingen , eine Sünde zu begehen . Da sei Gott für , daß ich dies geschehen lasse ! Ihre Seele ist vom Himmel meiner Obhut anvertraut , ich muß jenseits Rechenschaft für sie ablegen , und ich darf und werde nicht zugeben , daß man Sie dazu drängt , ein Unrecht zu begehen . Er hielt inne und sagte dann nach einiger Ueberlegung : Verwerfen Sie alle Anträge , die Herr von Reichenbach Ihnen macht . Erklären Sie fest , daß Sie sich nicht von ihm trennen wollen , daß Sie verlangen , er solle Sie in alle Ihre Rechte wieder einsetzen . Und wenn er es verweigert ? So bestehen Sie dennoch darauf . Einstweilen bleiben Sie äußerlich in der Stellung , die Ihnen werth ist , und wir gewinnen Zeit ; und Zeit gewonnen , Alles gewonnen ! Aber wohin soll das führen ? Zu einer Vereinigung Derer , die zueinander gehören , sagte der Kaplan . Zögert Herr von Reichenbach , sich mit Ihnen auszusöhnen , so thun wir , als ob Sie eine gerichtliche Scheidung verlangten oder gänzliche Vereinigung . Zu der Ersten kann er es aus Gründen , die ich Ihnen seiner Zeit enthüllen werde , nicht kommen lassen ; er wird den friedlichern Ausweg wählen und ich hoffe , Sie werden es nicht zu bereuen haben , daß Sie sich mir vertrauten . Mein Mann wünscht in einigen Tagen von hier abzureisen und will meinen Sohn mit sich nehmen , sagte Caroline nachdenkend und zögernd . Hindern Sie ihn nicht daran , diese Trennung ist für den Augenblick nothwendig . Sie müssen Beide ruhiger werden , um sich mit einander verständigen zu können . Herr Kaplan ! rief Caroline , ich habe nur den einzigen Sohn , ich liebe ihn wie mein Leben ; fühlen Sie , wie mir der Gedanke das Herz bricht , mich von ihm zu trennen ? Arme Frau ! sagte Ruhberg und drückte zärtlich ihre Hand . Mag das Beispiel der gebenedeiten Gottesmutter Sie stärken . Je schwerer der Kampf , desto schöner der Sieg . Sie bringen sich selbst zum Opfer , um Ihren Gatten zu seiner Pflicht zurückzuführen . Solche Werke gefallen Gott wohl . XV Am Abend dieses Tages begab sich Caroline in das Zimmer ihres Mannes , der mit dem Domherrn über Land gefahren war . Sie hatte Alfred ihren Entschluß schriftlich mitgetheilt , Ruhberg den Brief gezeigt und ging jetzt , ihn auf den Schreibtisch zu legen , damit jener ihn bei seiner Rückkehr fände . Schon wollte sie sich wieder entfernen , als ein anderer Brief ihre Aufmerksamkeit fesselte . Er war an Alfred gerichtet und offenbar von weiblicher Hand geschrieben . Carolinen ' s Mistrauen war augenblicklich angefacht . Sie hielt den Brief prüfend gegen das Licht . Das Couvert war von dunklem Papier , sie konnte nichts von dem Inhalt erspähen . Sie schwankte eine Weile , dann sah sie nach der Uhr , berechnete , daß ihr noch eine lange Zeit bis zu Alfred ' s Rückkehr bleibe , nahm den Brief und eilte damit in ihr Zimmer . Dort angekommen , eröffnete sie ihn . Er war französisch geschrieben und » Sophie Harcourt « unterzeichnet . Ihre Eifersucht flammte hell auf . Der Brief lautete : » Mein theurer Freund ! Ich habe bis jetzt vergebens Ihre Rückkehr erwartet , ich habe darauf gehofft , wie auf das einzige Glück , das mir noch werden kann . Mein Herz verlangt darnach , sich vor Ihnen zu öffnen , keine Falte meiner Seele soll Ihnen verborgen bleiben ; ganz und ungetheilt sollen Sie mich kennen . Ich bin gewiß , Sie werden mich nicht verdammen , Sie werden den Schritt billigen , den ich zu thun gedenke . O ! wüßten Sie , was ich für Sie empfand in der Stunde unseres Begegnens ; wüßten Sie , mit welchen Gefühlen ich an Sie denke ! Sie haben mich vor schwerem Verbrechen bewahrt . Eifersucht , Verzweiflung durchtobten mich , ich war zu dem Aeußersten bereit . Da kamen Sie wie mein guter Engel , wie zu meinem Schutzgeist blicke ich zu Ihnen empor ! « So weit hatte Caroline zitternd gelesen , als sie das Rollen eines Wagens hörte . Sie steckte den Brief in das Couvert , machte dies geschickt wieder zu und eilte , es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen , der gleich darauf in das Zimmer trat . Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung , daß sie alle seine Vorschläge verwarf . Das hatte er nicht erwartet , er begriff nicht , was sie zu erreichen hoffte , was sie mehr verlangen könne . Die neuen Hindernisse verstimmten ihn , mehr noch die Art , in welcher der Brief geschrieben war . Mit der kalten Gewohnheit des Geschäftsmannes öffnete er das andere Schreiben und las es mit immer wachsender Theilnahme und Rührung . Nach der ersten Einleitung hieß es weiter : » Ich bin in einer Welt erzogen , in der man die hergebrachten Sitten und Gewohnheiten geringschätzt , ich habe sie verachten gelernt . Ich habe Frauen und Männer gekannt , die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lüsten fröhnten . Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon wenig Wochen darauf kniete der Mann , der einem Engel der Unschuld Treue gelobt , zu den Füßen eines Weibes , das nicht werth war , jenem Engel die Schuhriemen zu lösen . Ehrenmänner vertrauten der Tugend ihrer Frauen , die in den Armen junger Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben - und die Welt hielt jene Frauen für rein , jene Männer für untadelhaft ! In meinem Beruf darauf angewiesen , durch den Schein die Wahrheit darzustellen , ist mir der Schein verhaßt geworden und mein ganzes Dasein ist ein Streben nach Wahrheit gewesen . Jene Verbindungen , die aus Habsucht und tausend andern Rücksichten geschlossen , mit dem ehrbaren Namen einer rechtmäßigen Ehe die ungezügelte Freiheit des Lasters heiligen , widerten mich an . Mich dünkte die Fessel unwürdig , die man sich mit einem Eide auferlegt . Waren doch so Viele nur zu bereit , die drückende Kette zu lockern , sich so frei darin zu bewegen , als möglich . Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet . Man setzt einen Preis für die gegenseitige Liebe fest , man zügelt dies Gefühl bis zu der Stunde , in der ein fremder Mann , ein Priester , erlaubt , daß man sich angehören dürfe . Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint ; in perlendem Wein erhitzen sich die Geister , freier und kühner werden die Scherze der glückwünschenden Männer vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut , und mitten aus dem wilden Gewühl entführt sie der Bräutigam zu den Mysterien der Liebe , wie ein Sultan die Odaliske , und das freche Lächeln der Hochzeitgäste begrüßt am nächsten Morgen die Neuvermählte . Das nennt man Sitte , das nennt man Keuschheit und Civilisation ! das heiligt die Kirche , das beschützt der Staat ! Wie tief entwürdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib , wie roh die Menschen , die solche Hochzeitsfeier heilig nennen ! Wie glücklich , wie rein fühlte ich mich in dem Gedanken , einem geliebten Manne zu gehören , ohne Eid und Schwur ; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzückung , in der wir die Welt im Herzen trugen , die heiligste Welt der Liebe , die keiner geputzten Hochzeitzeugen bedarf , weil sie das Recht zu gänzlicher Vereinigung in sich selbst besitzt ! Ich habe geglaubt , der Mensch bedürfe keines andern Zwanges ; die Erkenntniß des Wahren , die Liebe , das Recht , das seien die Gesetze , das sei die Religion für den Denkenden . Ich wollte nicht heimlich thun , was ich für Recht hielt , ich wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte . Frei und stolz , habe ich gesagt , so handle ich , und ich handle Recht , weil ich weiß , daß ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde . Ich habe nie verlangt , daß Julian sich mir mit heiligen Schwüren gelobe , ich habe ihm niemals Treue versprochen . Schwört man denn zu halten , was man nicht unterlassen kann , ohne in Verzweiflung unterzugehen ? Hätte ich je aufhören können , Julian zu lieben , so würde ich mich für frei gehalten haben . Oft habe ich ihm das gesagt ; oft ihn versichert , er solle frei sein von jedem Bande , das ihn an mich binde , sobald er mich nicht mehr seiner Liebe würdig fände . Ich war meiner so gewiß ; ich hielt seine Liebe für so unwandelbar als die meine . Ich habe mich getäuscht . Ich habe dem Herkommen , der Sitte Hohn gesprochen , jetzt rächen sie sich an mir . Julian , den ich frei wähnte von den Vorurtheilen der andern Menschen ; Julian , dem ich rückhaltlos vertraute , verläßt mich jetzt . Seine Liebe ist erkaltet . Er läßt sich von mir reißen durch den Tadel , den die thörichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft . Ich habe ihn verloren , mein Leben ist damit zu Ende . Ich wollte sterben , weil ich nicht zu leben wußte , weil außer Julian kein Mensch für mich lebte in der Welt ; weil Alles mir gleichgültig war außer ihm . Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid . Da kamen Sie ! - Ein Mensch ! rief es in mir . Ihr Wort war mild , Ihr Ton , Ihr Blick Erbarmen . Gott lohne es Ihnen , Sie haben mich vom Tode gerettet ; Sie wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben , ich folgte Ihnen gern , aber ich vermag es nicht . Wie könnte ich heiter schaffen , wie könnte ich jetzt noch Andere erfreuen ? Was könnte mich belohnen , wenn sein Auge mir nicht mehr folgt , mir nicht mehr Beifall winkt ? Die Zeit des Spiels , des Glückes ist vorüber , die Tage der Buße sollen ihr folgen . Ich vermaß mich im thörichten Uebermuth der Jugend , freier , stärker zu sein , als es dem Menschen gegeben ist . Mein Glück sollte ein Beweis werden , daß nur in der Freiheit der Liebe die Reinheit der Ehe bewahrt bleibe ; daß der Mensch die Freiheit verdiene , daß sein Gewissen die Gottheit sei , die sich Gesetze gibt nach dem eigenen Bedürfniß . In den Stunden des tiefsten Leides , als meine Kraft mich verließ , schlug ich angstvoll die Hände zusammen und hob sie empor gen Himmel . Von Oben kam mir Stärkung und Trost . Ich fühlte , daß Einer über den Wolken lebt und daß wir Staub sind . Ich habe beten gelernt . Jetzt ist mir wohl , ich bin müde , aber frei von Schmerz und Kampf . Ich weiß , was allein mir für die Zukunft frommt . Ich habe gefehlt gegen die Gesetze der Sitte , die Gott und Menschen mit hoher Weisheit zwischen uns und unsere Leidenschaften stellten . Gott und die Menschen muß ich versöhnen , damit ich Ruhe finde in mir . Mein Entschluß steht fest , ich hoffe , Sie werden ihn billigen . Kommen Sie bald . Gott sei mit Ihnen und mache Sie glücklich ! « Sinnend betrachtete Alfred das Blatt , als er den Brief geendet hatte . Wer wirft den ersten Stein auf sie ? fragte er sich selbst . Das Schicksal der Verlassenen rührte ihn sehr . Sophie , die von der Welt , von unsern Sitten Gebrandmarkte , Sophie , auf welche die Frauen der guten Gesellschaft mit schnöder Verachtung hinabblickten , wie rein und schön stand sie vor ihm ! Welche Liebe , welche Wahrheit und welche kühne Seele offenbarten sich in den Fehltritten dieser Frau ! Warum stand ihr kein schützender Vater , keine treue Mutter zur Seite ? fragte es in ihm . Warum ward diese edle Natur hingeschleudert in den Kreis einer Sittenverderbniß , von der sie sich verletzt abwendete , um sich den misverstandenen Lehren einer Schule zuzuneigen , die zwar Wahrheit und Recht erstrebt , aber auf falschem Wege ? Warum ihr der furchtbare Kampf ? Warum ihr das schwere Leid ? Das waren Fragen , für die er keine Lösung in sich fand , und mit bewegtem Gemüth seufzte er , als er den Brief von sich legte : Gott gebe , daß sie jetzt wirklich richtig erkenne , was ihr frommt , daß sie Ruhe und Frieden finde . Da stürzte Felix in heftiger Aufregung in des Vaters Zimmer : Vater ! rief er , Vater ! die Mutter weint und schilt auf Dich . Sie sagt , Du wärst ein schlechter Mann und Du hättest sie betrogen . Ich sage , das ist nicht wahr , denn das thust Du nicht . Da hat die Mutter mich von sich gestoßen und gesagt : ach ! Du bist wie der Vater , gehe zu ihm , ich mag Dich nicht ! Noch während des Knaben Erzählung trat die Mutter ein . Caroline ! rief Alfred , was hast Du gethan ? Ist es meine Schuld , daß der Knabe so Schmachvolles erlebt ? Kann eine Mutter so wenig Achtung vor ihrem Kinde haben ? Was hat Dich denn jetzt wieder so ganz verwirrt ? Und Du kannst noch fragen ? Verstoßen zu werden um einer Schauspielerin , um einer Dirne willen ? rief Caroline völlig außer sich . Aber ich will es nicht erleben , daß eine solche die Stiefmutter meines Kindes werde , an meiner Festigkeit sollen alle Deine Ränke scheitern ! Jetzt erst begriff Alfred , was geschehen war . Geh hinaus , Felix ! die Mutter ist krank , sie redet irre , ich bleibe bei ihr , sagte er , und führte den Sohn hinweg . Dann kehrte er zu seiner Frau zurück . Ich weiß , woher Dein Argwohn stammt , sagte er , Du hast wieder einmal meine Briefe zu lesen versucht und mußt dabei gestört worden sein . Du sollst vollenden , was Du begonnen hast . Hier ist das Blatt , lies es zu Ende . Ich finde keine Unterhaltung in Liebesbriefen , die Schauspielerinnen meinem Manne schreiben ! spottete Caroline . Nicht von meiner Liebe ist darin die Rede , entgegnete Alfred , sondern von Julian ' s , den Verhältnisse zwingen , sich von einer Frau zu trennen , welche seiner vollen Liebe werth ist . Auf seinen Wunsch habe ich sie einmal gesehen . Aber lies den Brief , so unrecht es ist , Sophien ' s Vertrauen preis zu geben , so kann sie in diesem Falle nur dabei gewinnen , und ich nehme die Verantwortung auf mich . Lies ihren Brief , ich fordere es von Dir . Sie that , wie er ' s verlangte , aber ihre Hände zitterten dabei , sie schämte sich des Unrechts , das sie ihrem Manne angethan , und er wußte ihr diese Bewegung Dank , sie stimmte ihn milder gegen sie . Kaum aber hatte sie den Brief beendet , kaum sah sie die Spannung , mit der ihr Mann sie betrachtete , als sie sich ihrer weicheren Gefühle wie einer Schwäche anzuklagen begann . Die Geliebte Julian ' s schien ihr keines Mitleids werth , jede Beziehung ihres Mannes zu einer leichtfertigen Schauspielerin eine Sünde gegen sie und gegen die eheliche Treue . Sie legte den Brief mit kalter Miene aus der Hand , und sagte mit verächtlichem Achselzucken : Warum vergaß sie Pflicht und Ehre ? Da bleibt die Reue niemals aus . Verdienen solche Personen es denn anders ? Können sie Besseres erwarten ? Und um solch elende Geschöpfe werden wir verlassen