Bild ihrer Seele vorüber , wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in seinen Armen sie nach Hause getragen , als wolle er mit ihr dem Schmerz entlaufen . Beim Frühstück fand Anna Leontinen fast noch besorgter , als sie selbst war . Gotthard ließ um Erlaubniß bitten , einen Augenblick zu den Damen herüberzukommen ; sie ward ihm gern gewährt ; man ist so ungern allein , wenn man sich fürchtet . Gotthard trat in seinem mit Pelz gefütterten Jagdrock ein ; er näherte sich der Gräfin mit der Frage , ob sie ihm gestatten wolle , eines der im Stalle befindlichen Pferde zu benutzen , um nach Grindelwald zu reiten . Anna sagte ihm , Duguet sei bereits hin , sie nehme indessen sein Anerbieten an , da jener der Sprache nicht mächtig . Wenige Minuten später hörte sie das Pferd vorübertraben . Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die Seelenmarter des Wartens . Diese Qual der Frauen - Männer kennen sie nicht , sie werden zornig , sie laufen fort , sie handeln , sie zertrümmern sogar - Frauen müssen warten ! Ach , wüßten Männer , was es ist , für so ein armes gequältes Frauenherz , zu warten , sie würden diese trostlose Pein nicht so oft über uns verhängen ! - Mich dünkt , ich würde dem Himmel entsagen , wenn ich ihn lange , lange erwarten sollte - wenigstens bedürfen unsere Seelen keines Fegfeuers . Das Warten der Liebenden auf den Geliebten , der Gattin auf den Gatten , der Mutter auf den nicht heimkehrenden Sohn - dies Uebermaß tausendgestaltiger Angst mag wol als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten . Gegen Abend zog der Lärm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse herauf - sie kommen ! Langsam , Schritt vor Schritt , nahte der Char-a-banc , Gotthard ritt daneben , mit angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurück , die andere wehte grüßend mit dem Tuch ; augenscheinlich traute er sich des Geräusches wegen nicht , Trab zu reiten . Im Wagen lag Otto , ob todt , ob verwundet , ließ sich nicht unterscheiden . Vrenely und Duguet hielten ihn stützend in ihren Armen . Gott sei Dank , er lebt ! rief Leontine , ich sehe es Herrn Gotthard an . Anna war bereits unten am Thore , Gotthard stand vor ihr . Ja , er lebt ! aber er ist verwundet , doch hoffe ich , nicht gefährlich . Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten Zuge an . Vrenely hatte fortwährend des betäubten , wie es schien , bewußtlosen , Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit , muthig und fest wie ein Mann . Das Tuch , das sie im Wagen über den Kopf genommen gehabt , war zurückgesunken , in reicher Fülle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten über Hals und Achsel und umschleierten ihr und Otto ' s bleiches Gesicht ; sie sah aus wie eine Mater dolorosa . Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stoßenden Zimmer gelegt ; Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen . Mit unhörbar leisen Bewegungen trug Leontine alles herbei , was zu des Kranken Pflege dienen konnte . Sophie , früh an solche Scenen gewöhnt , bereitete still dem Wundarzt das Nöthige zum neuen Verbande ; Duguet hatte ihr gesagt , daß Otto den Arm zwei Mal gebrochen . So erwachte , nach einem leichten Aderlaß , der so lange Jahre Vereinsamte , rings von liebenden , sorgenden Blicken umgeben , fast wie zu einem schmerzlichen Glück ; keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen . Anna ! war sein erster Laut ; als er sie neben sich sah , reichte er ihr die Hand und sank lächelnd , aber erschöpft zurück in die stützenden Kissen . Allmälig langten nun auch die übrigen Naturforscher an , mit denen er die verunglückte Expedition unternommen . Alle waren ihm besorgt und voll warmer Theilnahme gefolgt , und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin . Erst jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf . Lauterbrunn , Grindelwald und das Haslithal liegen nahe bei einander , nur die große und kleine Scheideck trennen sie . Am Tage , ehe die Gletscheruntersuchung vorgenommen werden sollte , hatte das Vrenely ihren Herrn Ohm , den gewesenen Landammann , nach Lauterbrunn begleiten müssen , wohin ihn ein Geschäft berief . Im Gasthof hörten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren , die am nächsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedächten . Auch dort ward das Wagstück vielfach getadelt ; ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich , er war den Weg über die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen , und sagte , Wind und Wetter seien drüben gar wüst ; auch erzählte er eine Menge schauerlicher Unglücksfälle , die bei derlei tollen Wagstücken sich ereignet . Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit , meinten andere , es werde sich wol kaum ein Führer finden nach so böser Nacht . Das Mädchen überkam eine dunkle , namenlose Angst . Ob er dabei sei , wußte sie nicht , nicht einmal , daß er Tags vorher nach Bern gekommen . Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch ; sie kannte den Seppi . Es führt ein gefahrloser Weg von einem Thal ins andere , der Gebirgspfad ist der bereits erwähnte über die große Scheideck hin . Der Fuhrmann war im Begriff , mit seinen Karren abzufahren . Vrenely schmeichelte dem Ohm die Erlaubniß ab , die Gelegenheit benutzen zu dürfen , um eine Bekannte in Grindelwald zu überraschen , sie wolle zeitig wieder zu Lauterbrunn eintreffen , versprach sie . Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal Zeit gehabt , sich auf das Ja oder Nein zu besinnen , so saß sie schon auf dem Wägelchen , neben dem Seppi und rollte mit ihm das Thal entlang . Als sie in die Weitung desselben kamen , begegneten ihnen Bauern und Hirten , die auch von den Fremden erzählten , die wirklich schon seit mehren Stunden aufgebrochen und dem Eismeer zugewandert wären . Unter einem Vorwande stieg das Mädchen am ersten Hause des Grindelwalds ab , in ihrer Seele hatte plötzlich die Sorge eine feste Gestalt bekommen , sie war Ahnung , ja fast Gewißheit eines drohenden Unglücks geworden . Es war grimmig kalt , obschon die Luft jetzt heiterer war , sie wickelte sich fest in ihr Mäntelchen und eilte querfeldein einem Sennbuben zu , der jetzt im Thal auf der Herbstweide das Vieh hüten half . Der Knabe war halb blödsinnig ; sie hatte ihn oft beschenkt , und er war ihr mit großer Neigung zugethan . Diesen holte sie jetzt und beredete ihn mit ihr hinauf nach dem untern Gletscher zu gehen , es mochte eine Stunde Wegs sein . Lange sahen sie nichts von den Fremden , endlich bei einer Wegkrümmung gewahrten sie hoch über sich am Schneegebirg schwarze , sich fortbewegende Punkte ; sie schienen nach dem oberen Gletscher sich hinzuziehen . Aber der Wind hatte sich heftig erhoben hier in der Höhe und wehte ihr den Schnee , der noch ganz weich und flockig in den Aarfen und Fichten hing , wie einen Schleier in ' s Gesicht ; noch immer vermochte sie nichts zu unterscheiden . Sie eilten weiter . Wo der obere Weg an die Gebirgsschlucht führt , sah sie von Neuem die dunkeln Gestalten . Herr , mein Gott ! fuhr das Vrenely fort , dort oben lag schon allenthalben fußhoher fester Schnee , und seitwärts an der Alp rollten donnernd Lawinen hinab in den Bach und in die Enge ; bald sah ich die Wanderer , bald sah ich sie wieder nicht . Mit der Gletschermessung wird es heute nichts ! dachte ich in meinem Herzen . Ob er nur dabei ist ? Es hatte mir Niemand die Namen der Fremden nennen können , und keiner von allen , denen ich begegnet , hatte sie mir zu beschreiben vermocht . Die kalte Bergluft versetzte mir den Athem und den Friedli fror und er wollte nicht weiter mit . Ich gab ihm alles Geld , was ich bei mir hatte , und lockte es dem Bübeli ab , daß wir noch fortstiegen . Jetzt sah ich die Männer wieder , aber seitwärts , hoch über uns und weit ; sie gingen sichtlich nach dem zweiten , dem Obergletscher . Scharf zeichneten sich ihre Gestalten gegen die hellgraue Schneeluft ab , dem Einen fiel im Gehen der Mantel von der Schulter , er haschte mit der Hand darnach . Mein Jesus ! das war er , an der Bewegung hatte ich ihn erkannt . Das Herz stand mir still vor Scham , was sollte ich nun sagen , wenn sie das Unternehmen aufgaben , das nicht gelingen konnte bei dem Wetter , und wenn sie herunterkamen und mich da fanden ? Schrillend scharf pfiff der Wind , grell wie ein Nachtvogelschrei . Der Schnee wirbelte immer dichter um mich her , ich mußte gar die Augen schließen , und dennoch litt mich ' s nicht , umzukehren . Als ich wieder aufblinzle , steht er ganz allein am Bergrand , und ich sehe keinen der Andern mehr um ihn , und wie ich beklommen scharf und schärfer hinüberschaue , kommt es weiß und schwer die Alpe heruntergerollt , zwei , drei kleine Lawinen zugleich stürzen tobend neben ihm und uns in die Thalschluchten . Die Gletscher konnte keine derselben treffen , ich fühlte es an der Windspur , und doch sträubte mir die Angst das Haar . Plötzlich fragt ' ich mich selbst : Wo ist er hin ? Ich sehe ihn nicht mehr . Da riß es mich vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt ; ich sprang , ich lief , das Friedli konnte nicht nach . Nun war ich oben an dem Gletschermeer . Es klang herüber wie fernes Rufen ; weiter noch gewahrte ich die Führer , sie gingen eilig hin und wieder , sie suchten , sie riefen . O , es war sein Name , den ich hörte ! Ich hab ' ein scharfes Aug ' , wie ein Falkenblick hielt es die Spitze fest , auf der ich ihn zuletzt gesehen . Immer ängstlicher rannten die Führer auf der Höhe an mir vorüber , indem sie rückwärts schrien , es könne ihn keine Lawine erreicht haben , und endlos seinen Namen wiederholten ; aber all ihr Umherlugen war umsonst , er blieb verschwunden . Ich , ich weiß , wo er ist ! kreische ich auf , mit einer Gewalt , daß mir fast das Herz in der Brust zerspringt , ich habe ihn gesehen ! und springe auf den Gletscher und packe den Führer am Arm und reiße ihn fort mit mir - es war der Jacquelin , ich kannt ' ihn wohl . Er ist in einen Eisspalt gefallen ; und der mir nach und alle Andern hinterdrein . Es fragt keiner , es zögert keiner , ich reiße sie mit mir fort , durch die unsäglich bebende Angst meiner Seele ; ich wußte , er war , von dem Brausen der Lawinen erschreckt , in irgend eine verschneite Tiefe getreten , im Fallen vom Schnee überdeckt ; ich wußte es gewiß , klar und deutlich , wie ich meines Lebens mir bewußt bin . Ich flog den Uebrigen voran , bis ich nicht mehr konnte , da nahm mich Jacquelin auf den Arm und kletterte mit mir über die Eisblöcke hin , um den Platz schneller zu erreichen . In den Spalten lag viel lockerer Schnee , er mußte kürzlich erst als Ball herabgekollert und durch die Schwere seiner eigenen Wucht geplatzt sein . Lange konnten wir nichts entdecken ; ein Riß sah aus wie der andere . Ich kroch auf Händen und Füßen bis an die äußersten Ränder . Nein , Gottes Barmherzigkeit wird es nicht zugeben , daß mein Gedächtniß fehle ! Es muß da sein ! Jetzt erst gewahrte ich etwas in dem tiefblauen Spalt , es schimmerte roth , es war das Futter seines Mantels . Ich sah hinab , daß mir die Augäpfel schier verglasten : es regte sich nicht ! Was ich von da an gethan , weiß ich nicht ; sie hatten Hacken , Schaufeln , Stricke geholt ; wie Jacquelin hinabgestiegen , wie sie ihn heraufgewunden , ich weiß es nicht . Ich war die Erste , fuhr sie nach einer Pause fort , die seine Hand ergriff , als er nun vor uns auf dem Eise lag ; sie war noch warm . Nach einigen Secunden schlug er die Augen auf und - erkannte mich . Das Andre weiß ich , du herzig Mädchen ! rief Leontine , indem sie dem Vrenely mit thränenüberströmtem Gesicht in die Arme fiel . Ich weiß , wie du , als er heraufgezogen ward , immer noch besonnen jede Handreichung thatest ; ich weiß , wie du voranliefst mit größter Gefahr und den alten Mann holtest , der ihn verband und seinen Arm schiente , wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest , bis endlich am Morgen Duguet kam und euch alles Nöthige brachte , noch eh ' dein Bote abgegangen . O Vrenely ! rief sie immer heftiger weinend , jetzt muß er dein werden ! Verlörst du ihn jetzt , du müßtest ja daran sterben ! Jetzt ? O nein ! sagte kopfschüttelnd das Mädchen , das Vrenely hat ja nun ein Glück für ' s ganze Leben ! O Fräulein , Fräulein ! fühlen Sie es denn nicht ? Ich , ich habe ihn gerettet ! Wenn er nun fort durch die Welt zieht , setzte sie träumerisch und tiefernst hinzu , in weit , weit entlegene fremde Länder und alle die großen Studien und Entdeckungen macht , von denen er manchmal so schön sprach , und wenn er immer berühmter wird und allen Menschen ein Gottessegen - das Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten , mit dem er das alles thut ! - Und - sie erröthete tief und schlug die Augen nieder - jetzt schäme ich mich auch gar nicht mehr , daß Sie - und er , und so viel andre Leute es wissen , daß ich ihn so lieb habe , ihm so ganz unaussprechlich gut bin , wie gar keinem andern Mann auf Erden ; denn sehen Sie - sie heftete den klaren Blick auf Leontinen - das Vrenely will ja nun gar nichts weiter in der Welt . Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine Straße ziehen , und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergißt , manchmal wird er doch daran denken . Das ist mein Segen bis an den Tod . Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mädchen Annen bei , als Otto nun schwer erkrankte . Mit unerschütterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen , dazwischen mußte Vrenely noch für den alten Vater sorgen und im Institut ihre Stunden geben . Otto ' s Zustand blieb mehre Tage bedenklich , er hatte eine starke Contusion am Hinterkopf und man fürchtete eine Hirnentzündung . Es war graulich , mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem Kopfe sich drängten , welch entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zügen sprach . Oft rief er halbe Stunden lang Anna ' s Namen . Vrenely saß still neben ihm , ihre Hand reichte ihm den kühlenden Trank und ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gütigen Ausdruck ; keine Thräne trat in ihr Auge , das , nur jedes seiner kleinen Bedürfnisse zu entdecken bemüht , für nichts Anderes einen Blick hatte . Allmälig legte sich der nervöse Zustand , er kam zur Besinnung , zur Erinnerung dessen , was geschehen . Als er kräftiger ward und die Frauen ihn mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens geübter Pflege überließen , saß Gotthard viel bei ihm . Die beiden jungen Männer kamen einander näher und ein Bandtiefer gegenseitiger Achtung schlang sich um beider Seelen . Lieben konnte Otto Gotthard nicht , er war ihm nur dankbar . Das Herz hat Fühlfäden , die unendlich weiter reichen , als das Erkennen des klarsten Geistes . Als Otto wieder auf zu sein vermochte , ließ er sich von Duguet zu Annen geleiten . Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen ! wie sorgsam rückte sie dem Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl ! Wie suchte sie , gleich einer liebenden Schwester , ihm alles recht bequem zu machen ! Sie war überglücklich , daß er lebe und genese . Otto sah sie mit unaussprechlich inniger Wehmuth an , dann reichte er ihr die Hand : Ach ! sagte er , du meinst es gut , unendlich gut , und doch , Anna , wie weh ' - er vollendete nicht . Wunderlich verschieden schien Otto ' s Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt zu haben , was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach . Leontine war an fast geister- oder elfenstiller Pflege kaum zu erreichen , sie flog mehr , als sie ging , und doch wie in unhörbar leisem Fluge . Sie saß oft viele Stunden bei ihm , meist unbemerkt , hinter dem Vorhang seines Bettes ; war er trübe , schaute sie hervor und erzählte ihm , sang ihm mit halber Stimme seine Lieblingslieder , oder sie las ihm ihre Gedichte vor , sie zeichnete bei ihm lauter närrisch-possenhaftes Zeug , das ihn lachen machte , so daß er seinen Schmerz vergaß . Anna war sich immer gleich , weich und ernst , errieth sie immer seine Seele . Sie schrieb für ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater . Sie that eigentlich weniger , als die Andern , beschwichtigte aber mehr und regte ihn weniger durch äußere Dinge auf , nur daß eben sie die Welt ihm sonnenhell und dennoch so finster machte ! Mit unbeschreiblicher Zartheit trat das Vrenely zurück , sowie seine Genesung vorwärtsschritt , mit jedem Tage sittsam scheuer , stellte sie sich wieder an die alte Stelle ; des ganzen Unfalls erwähnte sie mit keinem Wort . Verlangte er jedoch zufällig einmal gerade von ihr eine kleine Handreichung , dann zuckte der elektrische Strahl namenloser Seligkeit durch ihr ganzes Wesen , und man wußte kaum das Auge abzuwenden von dem Licht des Glücks , das ihre Züge durchleuchtete und allem , was sie that , den Zauber der tiefsten Herzensneigung verlieh , dem , einen sich ihm Jugend und Schönheit , kaum ein Männerherz widersteht . Anna ! sagte eines Morgens Otto , dieser Zustand muß enden . Ich kann meine Vorlesungen wieder beginnen , den linken Arm brauche ich nicht dazu , ich muß zurück nach Basel . Aber ich habe vorher noch vieles mit dir zu besprechen , eh ' wir scheiden . Wird es dich nicht angreifen , lieber Freund ? Er verneinte schweigend . Dann fuhr er fort : Ich muß es aussprechen , denn ich denke doch unaufhörlich daran . Soll ich dir entgegenkommen , Otto ? Soll ich dir sagen - Ich habe Kraft , liebe Anna ! Du weißt , genauer vielleicht , als ich selbst , was geschehen , was Vrenely für mich gethan . Ich kann kaum weniger thun , als ihr das Leben geben , das sie mir erhalten . Ich bin entschlossen - ihr meine Hand zu bieten . Anna sah ihn freudig an . Ich wußte es , Otto , und glaube mir , du wirst glücklich werden ! Glücklich ! Anna ! sagte er sehr trübe , du solltest jetzt nicht mehr so reden ! Sie erbleichte . Ruhig , Kind ! ich rufe keine Dämonen aus ihrem Dunkel an ' s Licht . - Ich will lieber unglücklich sein , als unglücklich machen ; siehst du , das ist Alles . Es kostet mich einen hohen Preis : die volle Freiheit meiner Wissenschaft . Anna blieb eine Weile nachdenkend stumm . Eine Ehe ohne gegenseitige Liebe , Otto - Laß das ! unterbrach er sie streng . Ein Mann , Anna , liebt einmal , einmal , nicht öfterer . Unsre Sinne und unsre Eitelkeit , unser Egoismus und eure Schwäche mögen uns in tausend Verhältnisse hineinziehen , vielleicht ist keiner sicher , in keinem Alter , in keiner Stellung , vielleicht bin ich es noch am ehesten durch meine Wissenschaft , sie hat mein Leben bisher mir erhalten , trotz seiner Gluten . Gluten , von denen deine Engelsseele keine Ahnung hat . Still ! still ! ich bin kein Teufel , aber ich bin nur ein Mensch , Anna , ein Mann ! Keiner von deinen Papiermaché-Weltfratzen . - Nun denn , versteh ' mich recht , hätte ich die Möglichkeit deiner Liebe noch vor mir , die Möglichkeit , sage ich - denn , fuhr er immer wilder fort , dein Mann ist sterblich und das Leben ist lang - nie würde ich einer Andern meine Hand reichen ; möchten die Geier dieser Qualen an mir nagen , gleichviel . Aber , komme es , wie es wolle , ich kenne dich , deine starke Seele , Anna ! mich wirst du nie lieben ; mich nicht , das Glück blüht nicht mir ! - O wer an ein Jenseits glaubte , so recht glaubte , mit der blinden Sicherheit des Köhlerglaubens , um sagen zu können : aber dort ! Nun gleichviel , - oder vielleicht ! ich bin kein Frömmler , aber ich glaube an ein Jenseits . Dort also - vielleicht ! Er neigte seinen Kopf auf ihre Schulter und schwieg . Lange saßen sie beide so stumm neben einander . Weißt du , fuhr sie nach einer Weile gepreßt fort - es war , als klammere sich ihre Seele gewaltsam an einen andern Gedanken , wie man im Wellenstrudel ein schwimmendes Bret ergreift - weißt du , daß Leontine dich liebt ? Ja , sagte er fest . Laß sie ! Ich bin wie ein dunkler Schmetterling durch ihr Blumenleben geflogen und habe einen fliegenden Schatten darauf geworfen . Ein Sonnenkuß des nächsten Tages - und sie hat mich vergessen . - Ach , diese glücklichen , ewig bewegten Naturen ! Er strich mit der Hand schwermüthig über seine edle Stirn und die noch feuchten Augen . Ich werde das Mädchen nicht betrügen , ich werde nicht heucheln ; ich kann ihr Treue geben , Liebe - Liebe in deinem und meinem Sinne nicht ! O bitte , bitte , fuhr er fast heftig auf , lehre mich nicht dein Herz kennen ! Ich fühle es wie das meine in der eigenen Brust . Was die Welt , was Millionen Weiber Liebe nennen , was sie selbst in ihrer zarten Unerfahrenheit so nennt und glaubt , das gebe ich ihr . Anna erwiderte nichts , sie hatte seine Hand gefaßt und lange in der ihren gehalten . Plötzlich beugte sie sich nieder und eine Thräne und ihre Lippen berührten sie zugleich . Anna ! Um Gottes willen , Anna ! schrie Otto . Er sprang auf , riß sich los , stand einen Moment wie besinnungslos schwankend , dann stürzte er vor ihr auf die Knie nieder und barg sein Gesicht in ihren Schoos . Endlich hob er die Augen wieder , umschloß sie , immer noch kniend , mit dem gesunden Arm , und sah sie so nahe , lange und innig an . Anna meinte zu vergehen ; sie hatte keinen Muth , keine Kraft mehr gegen dies Uebermaß der Qual , aber kein Hauch der Scheu vor der Gewalt seiner Leidenschaft befleckte auch nur eine Secunde ihre Gedanken . Da bog sich Otto noch näher zu ihr hinüber , küßte leise erst ihre Augen , dann ihren Mund - und ließ los . - Schon an der Thüre wandte er sich und sah sie noch einmal mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes an und ging stumm , ohne wieder aufzublicken , von ihr . Am nächsten Morgen aber ging er zum Vrenely und bat sie um ihre Hand . Er sagte ihr , daß sie ihm das theuerste Mädchen auf Erden sei , daß er die Hoffnung habe , sie glücklich zu machen ; sie möge ihm nun das Dasein wieder lieb werden lassen , das er ja nur ihr verdanke . Das gute Kind war tief bewegt , sie wehrte es nicht , daß Otto sie an seine Brust zog , und legte sanft ihr Köpfchen an sein Herz . Dann aber hob sie das Rosengesichtchen zu ihm auf und sagte , es sei nun allzuspät ihm zu bergen , wie sehr sie ihn liebe ; als er aber sie noch näher zu sich hinziehen wollte , wand sie sich still aus seiner Umarmung und sprach ohne Schüchternheit mit der zartesten Hingebung und doch ganz fest es aus , daß sie ihn genug liebe , um nicht sein schönes , der Wissenschaft geweihtes Leben verderben zu wollen . Wenn er sie heirathe , müsse er seine großen Reisen aufgeben , und das würde ihn gewiß unsäglich unglücklich machen - darum möge er von ihr ziehen , frank und frei , durch kein Versprechen an sie gebunden , und ihrer zuweilen gedenken . Sie aber wolle daheim den alten Vater pflegen und seiner auch nicht vergessen . Und käme er einst nach Jahren wieder und habe dann sein Sinn sich nicht von ihr gewandt , dann , ja dann werde sie unaussprechlich glücklich sein , ihm anzugehören . Nein ! sagte Otto ernst und bestimmt , indem er ihre Hand inniger drückte , dein schönes Herz irrt . Der Mensch hat nur den Augenblick , nur dessen ist er gewiß . Er ist der feste Strand , auf dem er sicher fußt , die Zukunft ist ein wild bewegtes Meer , man muß nicht unnütz sich ihm vertrauen . Und die Trennung , ach , armes Kind ! du kennst sie nicht , das ist die Brandung , an der das Schiff zerschellt . Nein , nein , jetzt laß mich in Basel dir und mir die neue Heimat gründen , den sichern Hafen bauen . Laß mich sogleich mit deinem Vater sprechen . Ich reise diese Nacht ab , aber ich hole dich - er wollte sagen , wenn Anna fort ist , sagte aber - wenn die nächsten Rosen blühen . Und , setzte er immer freundlicher hinzu , denn ihr Glück leuchtendes Gesicht erhellte auch sein Inneres , bist du erst eines Naturforschers Frau , ei nun , so mußt du eben mit forschen lernen . Warum kannst du denn nicht mit nach Schweden ? Wer weiß , ich könnte wieder in ein Schneeloch fallen - Vrenely hätte nicht so ganz Wahrheit und Natur sein müssen , um es zu vermögen , dem Drängen des so heiß Geliebten , der ja längst ihr ganzes Wesen beherrschte , zu widerstehen . Beide gingen zum alten Vater hinüber , dessen rührende Freude Otto ' n an den seinen erinnerte und sehr bewegte . Seinem Selbst zum Trotz fühlte er sich glücklich , und blieb es - bis er Annens Haus wieder betrat und sie sah . Er war aber den Einwohnern desselben nicht bestimmt , auf dem jeden von ihnen anders , aber doch so gewaltig ergreifenden Eindruck dieser Stunde zu weilen , noch war das Vorgefallene , obschon Allen bewußt , nicht zur Sprache unter ihnen gekommen , als sich die Thür öffnete und Herr Gotthard todtenbleich und mit zerstörten Zügen ins Zimmer trat . Er hatte soeben die Nachricht vom Verscheiden des Ministers H * * * * erhalten , der unerwartet auf dem Rückwege von Verona gestorben war . Der Brief , den seine zitternden Finger krampfhaft umschlossen , war im Augenblicke abgesandt , in welchem ein Courier die Trauerpost nach Berlin gebracht . Großer Gott ! schrie Anna , aufspringend und mit gerungenen Händen vor Gotthard hintretend , und alle Ihre Hoffnungen , alle Ihre Arbeiten - - Für den Augenblick vernichtet , gnädige Gräfin ! erwiderte er dumpf ; aber - Der Fürst ist todt ? riefen Leontine und Otto zugleich . Aber Kronbergs Gesandtenstelle , seine Reise nach Petersburg ? Das bricht ja alle seine Pläne , sagte Otto - und ward plötzlich noch bleicher , als vorhin Gotthard . Anna kam zur Besinnung , der kalte Schweiß trat ihr auf die Stirn . Sie hatte weder an Petersburg , noch an den Gesandtenposten gedacht . Es ist nicht zu redressiren , sagte Leontine vor sich hin ; sie hat ihn total vergessen . Otto war aufgestanden , die Stirnadern drohten ihm zu springen ; er trat ans Fenster , den innern wilden Aufruhr seines Wesens zu verbergen . Ein Brief vom Herrn Grafen , flüsterte Sophie Annen zu , ich habe ihn draußen Duguet abgenommen . Gott sei Dank ! nun werden die Frau Gräfin doch gleich erfahren , wo wir den Winter zubringen . Er enthielt die nämliche Nachricht . Gotthard hatte sich gefaßt ; er berichtete noch einige mit dem Todesfall in Verbindung stehende Nebenumstände und verließ dann den Salon . - Otto war wie vernichtet . Und Vrenely ? ach , die saß daheim überselig an ihrem Nähtischchen und nähte dem Verlobten , dem Geliebten ein längst heimlich gesticktes Halstuch fertig . Vor ihr saßen der alte Vater und die fast eben so alte Professorin , bei welcher sie ihren , ja , ihren Otto kennen gelernt , und alle drei erzählten einander zum hundertsten Mal jeden kleinen Umstand der glücklich-unglücklichen Zeit dieser Bekanntschaft und malten sich die Zukunft mit den glänzendsten Farben der Hoffnung und Erinnerung aus . Zuweilen sank dem Mädchen die Arbeit in den Schoos , die Thränen schossen ihr in ' s Auge ; sie mußte die kleinen Hände über