müssen Freunde haben , sie liebt uns . An Clemens Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons . Kleine 3. Falsche 5. Verm . 7. Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons : Quintsextakkord , die zweite auf der Quart : Terzquartakkord , die dritte auf der Sext ist der Sekundenakkord . Ich hätte dies sollen in mein Studienbuch schreiben , ich will Dir nur zeigen , daß ich studiere . Ich kann leichter eine Melodie erfinden als sie in ihre Ursprünglichkeit auflösen . Innerlich ist alles tiefer zu fassen in der Musik als sich ans Gesetz zu halten ; dies Gesetz ist so eng , daß der musikalische Geist jeden Augenblick es überschwemmt . Was mich selber bilden soll , das muß aus mir auch hervorgehen , drum möchte ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden . Es kommt mir wie Frevel vor , daß ich mich einer Leitung hingebe , die vielleicht das Ursprüngliche in mir verleitet . So war ' s mit der Gachet , und was Du über Freundschaft sagst in Deinem Brief , das macht mich flüchten vor ihr . Gäb es Höhlen und Verberge , in die man sich könnte zurückziehen vor gewissen Gefühlsanrechten , ich würde dahin flüchten . Ich schaudre vor solchen Allgewalten des Daseins , sie erregen die Eifersucht der Eigentümlichkeit ; Freundschaft ist aber gewiß eine die höchsten Seelenkräfte verzehrende Schmarotzerpflanze . Ich soll doch mein eigen werden , dies ist doch der Wille meines Ichs , denn sonst wär ich umsonst ; dies eine , was mich eigentümlich aus dem Gesamtsein heraus bildet , das ist der Adel des freien Willens in mir ; anders kann ich ' s nicht ausdrücken . - Sich dem Begriff und Willen eines andern unterwerfen , der auch kein Selbstsein hat - denn sonst würde dieser Wille nicht die Geistesnatur des Freundes zu seinem Herd wählen , sondern in sich selber aufflammen , - das ist Verzichten auf diesen Adel des freien Willens . So steht das in mir fest , daß ich den nicht aufgebe . Die Freundschaft behauptet zwar , die edlere Natur im Freund hervorzurufen ; wie aber kann dieser Adel des Willens sich bilden , wenn nicht in sich und durch sich selber ? Raubt da die Freundschaft nicht die Kraft der höchsten Tätigkeit dem Freund , der dann nicht mehr den Willen in sich trägt des besonderen Seins ? - Die Freundschaft hat ihn ausgelöscht . Held sein ist nicht befreundet sein , Selbstsein ist Held sein ; das will ich sein . Wer selbst ist , der muß die Welt bewegen , das will ich . - Dies helle Selbstsein soll nicht verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft ; ich brauch das nicht , ich kann den Sonnenbrand vertragen , und Freundschaft ist Brudermord . - Ich hab zu fechten mit meinen Gedanken , sie fahren gleich auf und wollen immer recht haben . Am Generalbaß hab ich auch meinen Ärger . Ich möchte diese Gevatterschaft von Tonarten in die Luft sprengen , die ihren Vorrang untereinander behaupten , und jeden , der den Fluß der Harmonien beschifft , um den Zoll anhalten . Aber so wahr diese unumstößlichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind , die der Genius mit der Ferse von sich stößt , so wahr werden diese Gefühlsanrechte , denen ich drohe , daß sie mir nicht auf den Hals kommen sollen : als Freundschaft , Großmut , Milde , Mitleid ( das ist das allerekeligste ) , Gerechtigkeit , Nachsicht , Ehrgefühl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen - es sind Vampire , die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lüstern aufsaugen . Alle Tugend komme von Gott , steht im Katechismus . Schachert der Gott so mit dem Pfennig des Verdienstes ? - Verdienst ist Schimäre , ist Lüge . Das fühlt der freie Geist , und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich ausmünzen , die man abwägen könne ; nein , sie ist das Selbstsein . Wer ist der verdienstlose freie Geist ? - Der soll König sein ! Von ihm fällt der Verdienst ab , er muß frei sein . Verdienst macht ihn unfrei , denn er muß sich ihm verpfänden . Dies ist aus meinem Tagebuch , worin ich meine Revolutionsgedanken aufschreibe : » Der ist nicht König , der aus Hilfsmitteln der Not das augenblickliche Mögliche benützt , um seine Verdienste daraus zu bilden . Nur der ist König , der ganz frei , ganz mächtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit ausbildet . - Willkür kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens , sie ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung , die der Egoismus der Klugheit ausgedacht hat . - Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener Bildung , die den Platz des freien Willens sich angemaßt . « - Ich könnte Dir noch mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen , die wie mutwillige junge Herden untereinander sich stoßen , die aber ein gewaltiger Hebel sind dieser freien Natur in mir . Ich hab der Großmutter draus vorgelesen , und sie meint , ihr sei bange , ich könne vom Fels stürzen . » Auch im Geist kann man sich versteigen , mein Kind « , sagte sie und erzählte mir die Geschichte des Kaisers Max auf der Martinswand , sie sagte , die Engel sollen ihn da wieder heruntergetragen haben , aber nicht immer sind diese bereit , wenn man sich so mutwillig versteigt . - » Was brauch ich denn wieder herunter , liebe Großmama , wenn ich mich oben erhalten kann ? - Könnte ich denn nicht auch ein Wolkenschwimmer werden ? « - » Kind meiner Max « , sagte sie , » was hast du vor wunderliche Gedanken « . Auch darüber kann ich mich trösten , wenn meine Gedanken nicht mit der Klugheit der Menschen übereinstimmen ; diese Klugheit verträgt sich nicht mit meiner hüpfenden und springenden Natur , die in allem sich selber verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft . » Das weiß Gott « , sagte die Großmama . » Aber Kind , wie sieht es aus in dir ? « Wie es aussieht in mir , liebe Großmama ? Nicht wie hier in Offenbach die Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Fluß bescheiden und lieber , das rasche Bächlein mit seinen großen Eichen überwölbt , und die große Bleiche , wo alles so früh schon tätig ist , und die engen Schleichwege zwischen blühenden Hecken , die ums Dorf führen - und denn ganz in der Ferne die Gebirgslinie , die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet , an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten , ohne Glaubenszwang sich hingibt ; dazu die blaue Heerstraße der Wolkenzüge . Nein , dies Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele , es ist mir doch , ich komme anders woher ! - Hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk , an dem der Rasen schüchtern hinaufklettert , und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt , an dem die Nebel sich zerreißen . - Wege des Geheimnisses zwischen brausenden Wassern immer tiefer in unverständlichen Windungen , wo der Sonnenstrahl herabblitzt ins enge Tal und nährt zärtlich die blauen Blüten , und das Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein , der in der Sonne erschwitzt . Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange , und ich weiß nicht , was Glück ist , als nur - daß die Natur dies heimliche Vertrauen zu ihr so mächtig beantwortet . Dort wohnt der Knabe , von dem will ich erzählen , wie er in der Nacht sich eilig rüstet , soweit die Sterne leuchten , zu wandern , wo neue Berge heraufsteigen und Wälder , und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Länder wallen . Die Sonne steigt , er kommt herab zum Feigenbaum , im feuchten Sand zu ruhen , die Wolke kühl , vom Wind heraufgetragen , regnet auf ihn nieder , er schöpft den Trunk aus der Quelle , er ersteigt den Baum nach den Feigen , die sind noch herb , und er harrt unter dem belaubten Dach , daß die Sonne sie soll reifen . Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Großmama , so sehe es aus in mir ; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum und warte , daß die Feige mir in den Schoß falle , und vergesse aller Zukunftsgedanken . Der Großmama gefiel dies alles , sie sprach von poetischen Gesichten und Geistergegenden und die Seele könne oft in ganz andern Klimaten gedeihen als der Leib . - » Und , « sagte sie , » wenn man reiset , kommt man in Gegenden , in denen die Seele zu Haus ist , da kommt man mit ihr zusammen ; und lernt erst ihre Persönlichkeit verstehen . « Es ist wahr , Clemens , in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten , alle Natur weit ausgebreitet , die überschwenglich blüht in vollen Pulsschlägen , und das Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles . Wenn ich die Augen zudrücke mit beiden Daumen und stütze den Kopf auf , recht fest , dann zieht diese große Naturwelt an mir vorüber , was mich ganz trunken macht . Der Himmel dreht sich langsam , mit Sternbildern bedeckt , die vorüberziehen ; und Blumenbäume , die den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschießen . Gibt es wohl ein Land , wo dies alles wirklich ist ? Und seh ich da hinüber in andre Weltgegenden ? - Besinn Dich doch darauf . Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben , ich bin zu schläfrig , die Großmama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt ; und Kolibris , so klein und fein ; wie Schönheitspfeile gucken sie mit ihren spitzen Schnäbelchen aus den Blüten . Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmütze gemacht , wie ich selbst eine aus Übermut trage , aber ohne den Lorbeerkranz , den ich darum gewunden , den er aber immer aus Übermut tragen kann , weil dieser mir scheint der Flußgott zu sein , der die Urne seines Geistesstromes ergießt . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich habe Deinen lieben lieblichen Brief vor zwei Minuten erhalten ; ich hab ihn noch nicht in mich selbst verwandelt , das Herz bebt noch . Ritter wird sich freuen , Ritter , dieser große Ritter , zu dem Goethe sagte : » Gegen ihn sind wir alle Knappen ! « - Lieb Mädchen , er wird Dir danken , daß Du ihn nie wieder vergißt . In seinem letzten Brief schrieb er , er lasse schon ein weißseiden Felleisen machen , die Dankbriefe an Dich zu schicken . Leb wohl , Engel , bald bin ich bei Dir im Himmel . Dein Clemens An Clemens Ich habe geglaubt , Du würdest kommen , so sind nun schon vierzehn Tage herum , wo ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb , und noch wegen etwas anderem . Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin , wenn ich an Dich denke , und versäume oder vergesse vielmehr darüber , an Dich zu schreiben , was ich denke . Ich will Dir nun erzählen , wie mir ist , und wie ich bin , damit Du keine Sorge um mich haben sollst . Ein Tag wie der andere : frohsinnig , lustig , ja manchmal fast ausgelassen , und dennoch find ich innerlich recht viel ernste Fragen . Die erste Frage bist Du . Der Clemens , sagt mir eine innere Stimme , hat viele Fäden ins Weltgewebe eingesponnen , alle sind sie Geist und Feingefühl , aus Schönheit und Güte hergeleitet , und man kann die edle und erhabne Natur von ihm daran beweisen , aber doch führen sie alle wieder zu Mißkenntnis und Undank und auch nicht dahin , wo der Clemens meint , und dem er doch so viele Glückseligkeit der Gegenwart opfert . - Und dann denk ich gar , Du wirst durch Aufopferung Dich wohl um allen Vorteil dessen bringen , was die Menschen als Glück erringen möchten . Wie komme ich dazu ? - Ach verzeih mir ' s , ich habe ein Buch von Dir gelesen . - Bei der Großmama lag es - und ich hörte , daß sie darüber sprach - sie wollte aber gar nicht , daß ich es wissen sollte , sie legte es auch sorgfältig unter andre Bücher . Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war , denn ich schlafe da , damit eins von uns in der Nähe von der Großmama nachts ist . - Es ließ mich nicht schlafen , ich dachte immer , es sei wohl besser , nicht nach dem Buch zu suchen , aber ich hab ' s doch gelesen . Du hattest mir nie davon gesagt , und ist ' s denn wahr , daß es von Dir ist ? - und so vieles , was mich ganz verwirrt ! - Große und kleine , törichte und vernünftige Begebenheiten scheinen mir darin verflochten , und dann scheint es mir so sonderbar geschwärmt , und Höhen und Tiefen , die meinem Geist wie ein Rätsel daliegen . Marias Satire heißt dies Buch - ist das vielleicht , wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte Rolle spielen in der Welt , oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten und Behandeln der Verhältnisse und Menschen ? - Was frag ich doch , es geht mich ja gar nichts an , und wir zwei sind ja bis jetzt immer in - der Liebe und dem Geist - sehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen , wo Du recht wie Maitau , von dem man wächst und gedeiht , auf mich gewirkt hast . - Nun aber ist mir ' s , als wärst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab , wenn Du bei mir bist . - Und da kommen mir Gedanken über Dein Glück , die mich verwirren . Ach , ich hoffe , daß Du es nicht der Mühe wert halten wirst , auf meine mir selbst unverständige Gedanken und Gefühle zu achten . Ich will lieber von mir sagen : ich hab jetzt viel zu tun , noch außer den Büchern von Dir lese ich auch noch viel vor , französisch-politische Sachen . Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen ; obschon es mich immer dahin bringt , daß ich an die Zukunft denken muß wie an einen großen freien Plan , auf dem die Welt ganz unabhängig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden und sollte sich abwaschen von den Zeitumständen und von Leidenschaften und Begierden und alten Satzungen und sollte die besten , nützlichsten Kräfte und die erhabensten Empfindungen entwickeln . Denn bis jetzt scheint mir , als sei das noch nicht so gekommen ! - Und soll ich denn fortfahren , Dir alles zu sagen ? Wenn es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren ? - Ach , was nützt Erfahrung ? sie verführt nur dazu , daß die Leute mit Eigensinn an dem einmal Festgestellten hängen und durchaus sich nicht zugestehen , daß die Vernunft das Bessere oder das Wahre erfinde . Zu was nützt es denn , einen forschenden Geist zu haben , wenn es nicht wäre um die Mittel zu einer neuen Schöpfung zu finden , worin dieser Geist als in einer Ordnung , die von ihm ausgeht , die zugleich ihn trägt und ernährt , das Göttliche schafft . - So groß und einfach wie ich mir das alles denke ! Wie könnte ich je glauben , daß ich selbstgedachte Ideen über Welt und Menschenwesen würde können geltend machen ? - Und doch muß ich mich dem hingeben , als sei es der Fußpfad , der durch unbewanderte Gegenden mich leitet , vielleicht über gefahrvolle Klippen , die aber in mir Kräfte bilden , mit welchen ich vielleicht manches erwerben könnte , wovor andre zurückschrecken und erbleichen , ich aber nicht . - Wenn ich manchmal still stehe und mich nach andren Menschen umsehe , so fühle ich , wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme , wenn ihre Herzen von außen her erschüttert und berührt werden , dann zeigen sich Tugenden ; das ist ja aber der Zufall , der hier wirkt , was ist das aber , eine Tugend des Zufalls ? - Ich möchte Dir alles vertrauen , was mir im Herzen liegt , aber es liegt so viel drin , was ich selbst nicht erkenne . Ich möchte beinah sagen , alle Tugend sei mir zuwider ! - Ja ! - Ich glaube dies , daß der Mensch ganz das Echte sein soll und nicht das Unechte . Tugend ist ja aber , was von dem Unechten sich gestaltet als eine Seeleneigenschaft , die wir in ihrer Übung Tugend nennen . Wenn aber die Echtheit der große Ozean wär , der zwar alle Strömungen in sich aufnimmt , nie aber überwallet , sondern alles umfasset ? - Können wir dann sagen , der Ozean ist tugendreich ? - ( flüssereich ) oder nur : der Ozean ist er selber ! - Sein und Werden ist zweierlei , das sag ich mir auch , und Werden ist für das wirkliche Leben Kraft fühlen und diese anwenden , und nicht bloß sich zum Helden träumen . Und dies ist , was mich oft vor mir erschreckt , daß ich im Lande der Phantasie mir eine große Rolle auserwählt habe , die ich zwar ohne Gefahr spiele , die aber nicht die Wirklichkeit berührt . - Wie mache ich ' s , daß ich aus dieser Verbannung des Wirklichen erlöst werde ? Dann wär ich nicht mehr traurig , wenn es mir deutlich würde , was ich will , kann und soll ! Dann würde ich mich mit den Plänen meiner eignen Gedanken beschäftigen ; die Welt wäre mein , ich brauchte nichts von andern und meine Liebe würde gar nicht ein sehnendes Verlangen , sondern eine wirkende Macht sein . Clemens , ich bin dumm , daß ich solche Gewaltsgedanken habe , und sage mir oft : » Das ist Dichtung , Du willst aber nicht bloß aus feuriger Einbildungskraft Dich selbst erdenken wie Du sein möchtest , sondern Du willst selbst sein . « - Prüfungen und Gefahren bestehen , die aus der Tätigkeit hervorgehen , das ist Tugend üben , daraus geht das wirkliche Sein erst hervor . Tugend ist also das Werden , das Sein aber ist Allmacht . - Clemens ! Welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein ! - Aus sich selbst handeln , fühlen , daß man das Schicksal beherrsche , weil alle Keime zu allem , was mir widerfahren kann , durch mein Tun lebendig werden und zum Blühen kommen und zu Früchten werden muß . - Mit andern Worten vermöge meines Charakters und meiner Kraft handeln und , was ich überschaue , auch bemeistern in meinem Innern ; das scheint mir der Herd des Lebens oder der Altar , auf dem die Opferflamme alles Irdische verzehrt dem innern Gott zu Ehren , und ich will dies immerhin Religion nennen , obschon dies ganz und gar das innerste tiefste Wurzellager ist des Geistes , während Religion doch eine über uns selbst erhabne Einwirkung auf uns übt . O Sonne schein hernieder und helle mir den Sinn auf , und daß ich nicht schüchtern vor dem Schatten fliehe , und daß die Zukunft nicht einst wie ein schwerer Hammerschlag auf meine Vergangenheit falle und sie als nichtig zusammenschmettere ! - Clemens , da siehst Du , wie das in mir ist , was andre Menschen mit Gebet ersetzen , ich auch rufe an ein himmlisches , aber kein mit Tugenden ( die ich in mir nicht umfasse ) ausgeschmücktes Phantom ! - Ich rufe an , alles was meine Tätigkeit reizt , ich sage mir , du willst alles , was aus der Natur des Menschen entspringt , mutig ertragen , du willst mit rechter Erkenntnis dich von der Erkünstlung und der Verstimmung des menschlichen Geistes ablösen und diese überwinden . Und dann sag ich mir : Wer ist Gott ? - Gott ist die Zukunft ! Wen diese nicht göttlich an sich reißt , daß er sich von den Ketten befreie aller Vergangenheit und in der Zukunft ganz aufgehe , den führt ' s nicht zu Gott . Ich weiß und fühle , daß ich recht habe ! - Denn dies allein löst alle Ungleichheiten des Glückes auf . Weltbegebenheiten , die gefährlich aussehen für die Ruhe und die Gegenwart , die wallen da als reiner geistiger Strom zwischen politischen Ufern , die von schwarzen stupiden Geistern bevölkert sind , dem Göttlichen zu ; das heißt : dem die Freiheit zeugenden Gott . Politik aber ist ein aus sehr beschränktem Interesse hervorgehendes sehr stupides Handeln und führt nicht zu Gott , nicht in die Zukunft , sondern es fesselt die Sinne an eine schon im Werden vergehende Gewalt . So träume ich , so denke ich , wenn ich manchmal in der Nacht aufwache und der Mond scheint ins Zimmer , wenn das immerwährende Treiben in den Wolken die Frage an mein Geheimnis richtet , was wird wohl aus meinem Leben werden ? - Viel soll daraus werden , geb ich den Wolken zur Antwort , aller Kampf und Widerwärtigkeit in der dunkeln Flut der Seele rinnt in der Schöpfungskraft der Zukunft entgegen . Vieles übt das Mondlicht in mir , wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt für mich und übt Talente in meiner Phantasie und erhebt mich so hoch über mein Sein , daß ich gleichsam das Bewußtsein davon verliere und in dem Spiel mich selbst gar nicht mehr herausfinden kann . Ach , welche schöne Träume , - ach , wenn ich denen nachkommen könnte ! Aber wenn der Mond untergegangen ist und der Schlaf hat mich überfallen , dann beim Erwachen ist keine Spur mehr von diesem Zauber in meinem Geist . Die Veilchen , die kleine Goldstickerin , von der ich Dir im vorigen Jahr schon manchmal sprach , die hat mir von manchen jüdischen Religionsgebräuchen erzählt ; wenn der Jude den Neumond erblickt , dann sammlet er seinen Geist , als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen . - Und der Jude klagt ihm und betet , daß ihn der Haß gegen die Feinde nicht verblende , und daß die Verachtung dieser ihn nicht niederdrücke ; und er stellt sich vor dem Richterstuhl des Mondes , und auf seinen Heimwegen aus Fremde , da öffnet er sein Gewand dem Neulicht , daß es seine Brust bescheine . Möchte es auch nichts als bloß Gebrauch sein , so deutet es doch darauf , daß er will zu einer höheren Sphäre emporgehoben sein durch den Neumond , er verlangt von der Gewalt der Natur , daß sie ihn erhebe . Wie schön ist dies und wie viel wahrer , als wenn ich ein Register mache meiner Sünden und mir diese schlimme Rechnung auszulöschen erbitte von Gott ! - Clemens , ich habe mir dies aus der jüdischen Religion angenommen , oder es ist vielmehr in mich wie ein Blitz hereingefahren , daß ich zu dem Mond eine Ehrfurcht hege und ein Vertrauen und ich könnte Dir noch viel mehr sagen , aber auch von den Türken habe ich gelernt das Abwaschen ; wenn ich abends meine Hände wasche , so dient mir das statt Abendgebet ; es macht mich unendlich heiter beim Schlafengehen ; - als liege ich in der Wiege einer schöneren Welt und als werde ich aus dieser Wiege herausfliegen und - jetzt schweig ich , Clemente , denn Du sollst Dich nicht verwundern über den Trieb solcher Eigenheiten , es ist ja auch nichts Tiefes , es ist nur ein leises Berühren mit der Natur . Und was mögen wohl andere für Gesichte und innerliche Seltsamkeiten haben ! - Da fallt mir die de Gachet ein , sie war am Rhein , wo sie sich ein kleines Gut gekauft hat , manchmal möchte ich bei ihr sein , und ich glaube auch und fühle , daß sie vortrefflich ist wie Du und Deine Freunde , aber oft zweifle ich noch an ihr , wenn ich höre , wie sie bei jeder Gelegenheit von dem spricht - was ihr heilig sei , sagt sie ; und ich hab darüber eine Unterhaltung mit ihr gehabt , sie wohnt auf vierzehn Tage in Oberath , wo sie jetzt unwohl ist , aber sie wird bald wieder an den Rhein gehen , sie frug mich , ob ich nicht mit Dir auch bloß von dem spreche , was mir heilig sei ? - Ich lachte sie aus . - Das machte sie böse , sie suchte mich zu überführen , daß ich ganz kindisch sei und noch nichts vom Leben begriffen habe , denn ich habe noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen . - Ich sagte , der trage Äpfel und ich mache mir nichts aus Äpfeln ; wenn ich nun noch dazu gewarnt sei , daß die Äpfel von diesem Baum eine so wunderliche , unangenehme Erkenntnis des Bösen einem beibringen , das dann überall einem in den Weg trete , um einem das Vergnügen am Leben zu verderben , so wolle ich lieber nie Äpfel essen und lauter Kartoffeln , die nicht schädlich sind . - Sie sah mich so gemischt an - sie sagte lieber gar nichts mehr . - Ich guckte zum Fenster hinaus nach den kleinen Pflänzchen , die eben begossen wurden , und nach dem Feld , wo der Landmann den Acker furchte , sie wohnt bei diesem Mann , um das Pflügen zu lernen , denn sie will im Rheingau ihr Feld selbst bestellen , und sie ging hinaus , um eine Lektion von Hot und Haar zu nehmen , den Pflug ordentlich wenden zu lernen , sie begleitete mich noch , nachdem der Pflug ausgespannt war , durch die Hecken hinter der Gerbermühle weg ; sie fragte , ob das nicht was Heiliges sei , die Erde zu bestellen . - Das kann wohl sein , aber daß man gegenseitig sich ergieße über seine Heiligkeit , daß kommt mir fremd vor . - » Ja « , sagte sie , » fremd kommt einem das Heilige vor , aber das Unheilige befremdet nicht , das wie ein unheimlicher Strom aller Unterhaltung das ganze Leben mit sich reißt und überall seinen Schlamm zurückläßt . Wer kann noch darauf rechnen , daß der Boden des Geistes wieder gereinigt werde von bösen Dünsten ? Die Welt , die so schön könnte sein , wird untergehen , weil das Heilige vertauscht wird mit dem Scheinheiligen . Es wird eine große Verwirrung werden im Geist der Menschen , und die das Große zu tun berufen sind , die werden das Kleine tun , so geht es mit der Revolution ; der Strom des Unheiligen darin ist zu stark , und die ihm widerstehen , die werden darin untergehen . Das Große zu bewirken kann man immer nur die heiligsten Mittel ergreifen , wo aber zum edelsten Zweck ein unheilig Mittel dient , da ist er verloren und erzeugt nur Übel « , sagte sie . Sie war so schön vom Feuer ihrer Rede und von der Morgenluft . Du hättest sie lieben müssen , ich auch liebte sie , und sie sprach weiter : » Wer das Große tut aus reinem Genie , nämlich ohne sündhafte Vermittlung der eignen Schwäche , die ja doch das Große nicht zu fassen vermag , der kann nicht untergehen . Umstände , Zufälle , Geschicke reichen diesem aus . - Seine Größe muß alles decken , erzeugen , zaubern . War unser König wirklicher König , der nur seine Kraft sammelte durch das Genie , das immer heilig ist . - Wer konnte ihm widerstehen ! Nicht die Nation ! - Geist ist alles , er ist die Macht des Heiligen - er fühlt sich , und dies Gefühl eben macht ihn zum Herrscher . Die Zuflucht aber zu fremden Mitteln ist unheilig , und sei der Zweck auch noch so edel und groß , er wird nie verehrt , er wird unter den eignen Trümmern begraben . - Und die Welt sieht das alles mit Staunen an und gewöhnt sich zuletzt an die umgestürzten Trümmer , und baut ihr herabgewürdigtes Leben darauf fort . « - Wie die Frau das alles sagte , so fühlte ich mich so sehr beklommen vor ihr , und wie ich sah , daß sie keine Tränen wollte fließen lassen , ging ich zurück hinter einen Baum und sah mich nicht mehr um nach ihr ; sie stand bald auf von dem Stein , wo sie gesessen hatte , sie sagte noch zum Abschied , ich solle immer bedenken , daß jeder Mensch das Recht habe , der größte zu werden , und daß darin die ganze Erziehung der Seele begründet sei , - und daß dazu nicht die äußere Größe und Anerkenntnis gehören , aber die Geschicke , die seien der Tempel aller Größe und ihr eignes Geschick beweise es , daß sie diesen Gedanken immer vor Augen gehabt , sie wolle groß werden in ihrem Schicksal . » Cette pensée est mon pilote « , sagte sie , » et il me menera par tous les mondes et cieux ! « - Ich vergaß Abschied zu nehmen , ich sprang zwischen den Hecken fort . Wie ich mich nach ihr umsah , stand sie noch da , ich winkte ihr mit dem Sacktuch , sie nickte mir und ging weg , und jetzt legte ich mich an die Erde und ließ mein Herz