mein Lieb ! Jenny fragte scherzend , was er denn in ihren Augen heute besonders zu finden geglaubt ? Den Schmerz , den sie ausgedrückt , als Du in dem Bilde gesessen , sagte er . Wenn ich Dich jemals so traurig sehen müßte , wenn ich es sehen müßte und könnte den Schmerz aus Deinen Zügen nicht verscheuchen , wie unglücklich würde ich dann sein ! Welch ein Gedanke ! Wie kommst Du nur darauf ? fragte sie ihn ängstlich . Weiß ich ' s ? antwortete er . Dort im Saale , als sie in Deiner Bewunderung kein Ende finden konnten , verdroß es mich , daß Du auch für Andere schön bist , daß ich den Genuß , Dich anzustaunen , mit gleichgültigen Menschen theilen soll . Ich wünschte Dich fort von hier , wo kein Auge Dich sähe als meines ; wie ich es damals wünschte , als Du mich im Figaro errathen lassen , was ich kaum zu hoffen gewagt hatte . Dann überfiel mich wieder der Gedanke , ob ich allein Dir genügen , Dir Ersatz für die ganze übrige Welt sein könnte , wie Du mir ! - Wenn ich Dich einst weniger glücklich sehen müßte , als in dieser Stunde , wenn Du es je bereuen könntest , die Meine geworden zu sein ! rief er , und preßte sie so heftig an sich , daß sie davor erschrack und abwehrend bat , er möge sie lassen ; er aber drückte sie nur fester an sich und sagte : Sieh , daß ich Dich so halten kann mit starkem Arm , daß Du nun mein bist , meinem Willen angehörend - o ! schilt mich nicht roh , nicht ungroßmüthig - daß Du von mir , von meinem Wollen abhängst , das macht mich glücklich , ja das macht mich glücklich ! - Bei den Worten ließ er sie plötzlich los , küßte sanft und still ihre Stirne , streichelte ihr Haar und schickte sich an , sie zu verlassen . Da war es Jenny , die ihn zurückhielt und , indem sie ihre Hände in den seinen ruhen ließ , sank sie langsam vor ihm nieder und flüsterte in Liebe aufgelöst : So bin ich Dein , Du Starker , so ganz Dein ! mein Schicksal ist fortan in Deiner Hand . - Die Mutter , welche Jenny vermißte , kam sie holen , damit ihre Abwesenheit nicht bemerkt werde . Hughes , dem sie den nächsten Tanz versprochen , hatte sie bereits gesucht und sich , seine Tänzerin erwartend , zu Erlau gesellt , der im Treibhause die Decorationen für das nächste Bild anordnete . Wenn ich nur wüßte , sagte er , worin es lag , daß dieses Bild heute einen so mächtigen Eindruck auf mich machte , während das Original , trotz seiner Vorzüge , mich doch ziemlich kalt ließ ? Das will ich Ihnen wohl sagen , theurer Sir ! antwortete Erlau , und ich bilde mir nicht wenig darauf ein , mit dieser Aufstellung die Wirkung gemacht zu haben , die es heute auf Jeden hervorgebracht hat . Sie haben heute zum ersten Mal trauernde Juden gesehen , während Bendemann trauernde Düsseldorfer in fremdartiger Kleidung gemalt hat ! Hughes gab zu , daß Erlau recht haben könne . - Gewiß habe ich recht . Ich hatte , als ich in dem Katalog der Ausstellung » Trauernde Juden « von Bendemann las , eine rechte Herzensfreude . Ich liebe die Juden ; sie sind nicht mehr Das , was sie vor tausend Jahren gewesen sein mögen , aber es ist noch Originalität , Race in ihnen , und darum sind sie für den Maler interessant . Nun dachte ich , wenn ein Jude den Muth hat , Juden zu malen , wenn dieser Maler Bendemann ist , da muß es ein Stück Arbeit werden , das Hand und Fuß hat . Ich dachte , er würde sich köstliche Gestalten , üppige Weiber mit Flammenaugen gewählt haben - nicht doch ! so weit reicht sein Muth nicht . Er nimmt ein Sujet aus dem Judenthume , aber er tauft seine Juden sammt und sonders , er übersetzt sie fein säuberlich ins Düsseldorf ' sche , und nun sitzen die deutschen Männer und Weibsen , und sehen , so hübsch sie sind , doch nur aus , wie Düsseldorfer Gärtner , denen die Raupen den Kohl aufgefressen haben . Hughes lachte - Was ist da zu lachen ? fragte Erlau , der ganz ernsthaft wurde , sobald es die Kunst galt , die er heilig hielt . Gestehen Sie , es ist , wie ich sage . Ist schon irgend ein Mensch so thöricht gewesen , sich blonde , deutsche Modelle zu nehmen , wenn er neapolitanische Fischer malen wollte ? Das thut Niemand . Würde nicht alle Welt lachen , es abgeschmackt finden , wenn man Zigeuner mit der Physiognomie eines phlegmatischen Holländers malte ? - oder Paria ' s mit goldblonden Locken und einer Lilienhaut ? Auch dem Paria muß sein Recht werden , sonst laßt ihn lieber ungemalt und ungeschoren ; und dasselbe verlange ich für die Juden . Sehen Sie einmal den Steinheim , die Jenny an ; denken Sie an das junge Weib , das sie heute im Tableau gesehen ; sind das nicht Köpfe , die sich mit allen italienischen Modellen messen können ? - Hughes gab es zu , daß auch ihm , trotz der widerwärtigen Carricaturen , die man unter den Juden sähe , eine Menge wahrer Schönheiten sowohl unter Männern als Frauen aufgefallen wären . Das sage ich ja , eiferte der Maler . Es ist mit den Juden wie mit den Fürstenhäusern und dem hohen Adel , die sich auch so untereinander rekrutiren . Die Race artet aus ins Krüppelhafte oder sie veredelt sich . Sehen Sie die feinen Glieder , die schönen dunklen Augen , die Ueppigkeit des Orients , die finden Sie heute noch oft bei den Juden und die Beweglichkeit ihrer Züge empfiehlt sie dem Maler . Darum wählte ich heute das Bild und diese Personen zu dem Bilde ; und ich wollte , Bendemann selbst hätte es gesehen . Da er sich hoffentlich nicht schämt , ein Jude zu sein , hätte er an dieser Darstellung vielleicht den Muth gewonnen , auch Juden zu malen ; denn , unter uns gesagt , feig sind die Juden doch ! - Mowbray Du lügst ! rief Steinheim ' s Stimme dazwischen , der , mit Eduard eintretend , die letzten Worte hörte . Leider lügt er nicht , sagte Eduard ernsthaft , wenn er von moralischem Muthe spricht . Denn jene sogenannte Courage , die jeder Raufbold in sich erzwingt , um während eines Duells oder sonst einer Viertelstunde Parade zu machen , die schlage ich sehr gering an . Der Feigste , wenn er nur eitel genug ist , sich zu schämen , bringt das zu Stande . Aber der moralische Muth , der fehlt uns . Jahrhunderte lang hat die Sklaverei auf uns gelegen und das Volk so gedrückt , daß es sich glücklich fühlt , Ruhe zu genießen , anstatt mit aller Kraft die Rechte zu fordern , die man uns vorenthält ! Wahr ist ' s , bekräftigte Hughes , und um so auffallender , als man nicht leugnen kann , daß es verhältnißmäßig eine Menge von Fähigkeiten und Talenten unter Ihrem Volke gibt . Mich wundert , daß diese sich nicht durch die ganze Erde vereinen , daß sie nicht alle ihre Mittel aufbieten , um zum Ziele , zur Gleichstellung zu gelangen . Weil sie das nicht thun , nannte ich sie feig , sagte begütigend Erlau , dem es unangenehm war , jene Aeußerung gethan zu haben . Und mit Recht , war Eduard ' s Antwort . Was Du mir über Bendemann ' s » Trauernde Juden « neulich sagtest , war vollkommen wahr ; indeß so machen sie es alle . Michael Beer , der die Schmach der Unterdrückung auch sehr lebhaft fühlte , den es drängte , die Ungerechtigkeit darzustellen , machte ein Trauerspiel daraus . Aber er schilderte nicht das Elend seines Volkes ; damit hätte er ja daran erinnert , daß er selbst ein Jude sei : er malte lieber die Unterdrückung sub rosa , er schrieb den » Paria « und dachte , vielleicht versteht man meine Meinung , und ich habe doch nichts gesagt , wenn man sie nicht verstehen will . Das ist Feigheit . Und Thorheit obenein , sagte Steinheim . Die Geschichte hat bis jetzt kein Beispiel , daß irgend eine Unterdrückung aufgehoben worden wäre , weil der Unterdrücker in großmüthiger Laune sagte : » Car tel est mon plaisir « , außer der Bertha im Tell , die abgehend ihr » und frei erklär ' ich alle meine Knechte « , ausruft . Es heißt im Christenthume : » Bittet , so wird euch gegeben , klopfet an , so wird euch aufgethan « , und es wäre Zeit , daß die Juden tüchtig anklopften , wenn das Bitten nicht hilft , und die Christen zeigen müßten , ob sie den Spruch ihres Heilandes zu erfüllen bereit sind . Erlau hatte während der Unterhaltung nicht nach den Vorbereitungen zu dem nächsten Bilde gesehen . Ein Diener kam ihn daran zu erinnern , meldend , daß die Herren und Damen bereits angekleidet wären . Das machte dem Gespräch ein Ende , weil Erlau die Herren bat , ihn zu verlassen . Aber wir kommen nächstens auf dies Thema zurück , das gerade auch für den Unparteiischen eine psychologisch interessante Seite unsers Jahrhunderts zeigt , sagte er , als die Andern davon gingen . Da blieb Steinheim stehen und sprach : » Greift nur hinein ins volle Menschenleben ! Ein Jeder lebt ' s , nicht Vielen ist ' s bekannt , und wo Ihr ' s packt , da ist ' s interessant ! « Zehn Minuten später öffnete sich das Treibhaus der Schaulust auf ' s Neue und einige glücklich gewählte Bilder folgten rasch auf einander . Den Beschluß machten Jenny und der Hauptmann mit der Scene aus dem Ivanhoe ; und als eben der Vorhang vor dem letzten Bilde gefallen war , schlug die letzte Stunde des alten Jahres . Einen Augenblick schwieg Alles in ahnender Ungewißheit , in Rückerinnerung und Erwartung ; dann ging ein fröhliches Leben an . Glückwünsche und Scherze flogen von Mund zu Mund ; Freunde suchten sich gegenseitig ; Eltern und Kinder hatten sich , wenn auch nur für einen Augenblick , vereint , und ganz natürlich hatten auch Reinhard und Jenny sich gefunden , um den Anfang des neuen Jahres , mit dem für sie ein neues gemeinsames Leben beginnen sollte , gemeinsam zu begrüßen . Nächsten Sylvester sind wir allein in unserm Hause , flüsterte Reinhard in Jenny ' s Ohr , ihre Hand in der seinigen drückend , als der Vater sie zu holen kam . Er trat mit Jenny und Reinhard in die Mitte des Zimmers und sprach zur Gesellschaft gewendet : Erlauben Sie mir , meine Freunde , Ihnen beim Beginn des neuen Jahres ein neues Mitglied meiner Familie vorzustellen . Herr Reinhard und meine Tochter sind seit acht Tagen verlobt und ich empfehle dies junge Paar Ihrer Freundschaft . « Größeres Erstaunen hätte die unerwartete Ankunft des Großsultans nicht erregen können , als diese einfachen Worte . Des Fragens , Wunderns , Glückwünschens war kein Ende ; und mancher junge Mann sah mit Neid auf Reinhard , an dessen Arm Jenny , noch im Costüme der Rebecca , durch die Zimmer ging . Sie sah schön aus in der prachtvollen Kleidung , das Haar mit Brillanten durchflochten , den weißen Turban auf die schwarzen Locken gedrückt ; und Reinhard konnte nicht unterlassen , sie nochmals zu seiner Mutter zu führen , um auch von ihr zu hören , wie schön seine Jenny sei . Niemand wollte erlauben , daß sie sich entferne , um ihre Kleidung zu wechseln . Einige ältere Damen , die neben der Pfarrerin standen , hielten die holde Braut mit freundlichen Worten zurück ; da trat auch Erlau glückwünschend hinzu und sagte leise : » So ganz unrecht hatte ich also neulich doch nicht , als ich von dem Einfluß und der Erlaubniß eines gewissen Theologen sprach ? « - Sie sind ein arger Spötter und haben mir damals eine traurige Stunde bereitet ! entgegnete ihm Jenny und mußte dann der Pfarrerin erzählen , was Erlau ' s Worte zu bedeuten hätten . Den Zeitraum benutzte der Maler , Reinhard in seiner gewohnten Art zu gratuliren . Dir , Du Mann Gottes , hat es der Herr wahrhaftig im Schlafe gegeben , sagte er . Da setzt sich der Mensch hin und langweilt das arme Kind zwei Jahre lang mit alten , unnützen Geschichten , nach denen kein Hahn mehr kräht , und hat gewiß wacker auf den gottlosen Paris geschimpft , der die Helena entführte und den braven Menelaus mit langer Nase stehen ließ . Nun aber , ehe man sich ' s versieht , hat er selbst die Schönste am Arme , geht mit ihr davon und läßt uns à la Menelaus zurück . Ich glaube , auch meine Nase muß sich in diesem kritischen Moment ein wenig verlängern , und Steinheim ' s und des armen Joseph ' s Riechwerkzeuge wachsen gigantisch . - Halt , glückseliger Bräutigam , fuhr er fort , als Reinhard davon gehen wollte , so kommst Du mir nicht los ! Daß Du mich neulich veranlaßt hast , dem schönen Mädchen eine trübe Stunde zu machen , das mag Dir Gott vergeben ! Und künftig machst Du den Templer , wenn Jenny es will , Du seltener Tugendritter ! - Mit der Keuschheit und der Armuth wird ' s nun bald ein Ende haben , wie der feurige Brillant an Deiner Brust , den ich jetzt erst bemerke , und Deine noch feurigern Blicke mir deutlich beweisen ; aber das dritte Gelübde - Gehorsam , dazu kann Rath werden . Ich wünsche Dir nur so viel Geduld , als Du Glück hast ! Denn das Commandiren und Wollen verstehen Fräulein Jenny und Papa Meier aus dem Fundament . Hätten sie mir nur befohlen , Dich zu allen Teufeln zu jagen und statt Deiner die holde Rose von Saron zu freien , Du hättest sehen sollen , ob ich ' s nicht gethan hätte ! Ohne auf Reinhard ' s Ungeduld zu achten , drehte sich der Wildfang dann plötzlich zu Jenny und sagte : Auf mein Wort , Fräulein ! wenn Reinhard nicht der beste Gatte wird , ist ' s seine Schuld . Ich habe ihm seine Pflichten strenge vorgehalten und verlange zum Lohn nur die Gunst , die künftige Frau Pfarrerin in diesem Costüme malen zu dürfen , um den Pastor stets zu erinnern , daß er , so gescheut er ist , doch noch mehr Glück als Verstand hat . Mit diesen Worten eilte er lachend davon . Aber seine Rede ließ ein unangenehmes Gefühl in Reinhard ' s Brust zurück , der es sich nicht verbergen konnte , wie man ihm den Besitz Jenny ' s für ein nicht zu erwartendes Glück anrechne und sich allgemein darüber wundere . Ein paar Tage lang war diese Verlobung ein Gegenstand der Unterhaltung bei Allen , die , wenn auch nur entfernt , mit einem der beiden Theile bekannt waren . Manche lobten es , daß der Vater bei der Wahl eines Gatten für seine Tochter nur auf ihre Neigung gesehen ; Andere und gerade die Freunde und Verwandten des Hauses machten ihm einen Vorwurf daraus , daß er , der angesehenste Jude der Stadt , seine Tochter zum Christenthum übertreten lasse . Dergleichen hatte aber auf den klaren Sinn des würdigen Mannes keinen Einfluß . Nachdem der Entschluß reiflich überdacht und ausgeführt war , stand er als Thatsache unwandelbar vor ihm und kein fremdes Urtheil vermochte seine Ansicht darüber zu erschüttern . Anders war es mit der Mutter . Auf sie blieben die wiederholten Bemerkungen der Leute , daß Jenny zu ganz andern Verbindungen berechtigt gewesen wäre , wenn sie nun einmal Christin werden sollte , nicht ohne Einfluß ; und während ihr Mann mit der Wahl seiner Tochter vollkommen zufrieden geworden war , fing die Mutter sie zu bereuen an . Sie überlegte , wie diese und jene Tochter eines reichen Kaufmanns einen berühmten Künstler , einen Baron , einen Grafen geheirathet hatte . Reinhard war ihr sehr lieb ; sie vor Allen hatte das Verhältniß gebilligt und geschützt gegen die frühere Ansicht ihres Mannes , und diese Verbindung war ihr vollkommen ausreichend zu Jenny ' s Glück erschienen , bis das unnütze Geschwätz von Dritten , die ihr damit zu schmeicheln wähnten , die Saat der Unzufriedenheit in ihre Brust streuten . Vergebens wiederholte sie sich , daß ihre Tochter glücklich sei ; es fiel ihr unaufhörlich ein , es hätte doch noch beglückender für Jenny sein müssen , wenn Reinhard nicht ein junger Theologe , sondern ein Mann von Stande gewesen wäre . Daß er es nicht war , konnte sie ihm zwar nicht zur Last legen ; es mußte ihn aber ihrer Meinung nach veranlassen , durch besondere Zuvorkommenheit , durch gänzliche Selbstverläugnung Jenny dafür zu entschädigen . Mit ihrem Manne oder mit Eduard davon zu sprechen , wagte sie nicht , weil sie überzeugt war , auf Tadel zu stoßen . Sie fühlte das Thörichte dieser Ansicht , denn sie war eine verständige Frau ; aber immer wieder trug die Verblendung und Eitelkeit der Mutterliebe den Sieg davon . Es war und blieb ihr unangenehm , daß man ihre Jenny nicht auch in dieser Beziehung beneidenswerth fände , und sie beschloß , obgleich ihr das sonst niemals in den Sinn gekommen , durch einen verdoppelten Luxus in Allem , was Jenny umgab , der Welt zu zeigen , daß ihre Tochter in der Lage sei , eine glänzende Heirath entbehren zu können . Dadurch aber kam die arme Jenny von dem ersten Tage an in eine peinliche Lage . Während die Mutter unaufhörlich auf ein gewisses Schaustellen drang , verweigerte Reinhard dies entschieden , und die junge Braut mußte oft beschwichtigend und versöhnend auftreten , worin sie von der Pfarrerin glücklicherweise unterstützt wurde . Schon an dem Tage , an dem das Brautpaar die üblichen Besuche machen sollte , gab es kleine Mißhelligkeiten . Die Mutter hatte ein langes Register derjenigen Personen entworfen , denen die Verlobten sich vorstellen sollten , und ihrem Diener die größte Sorgfalt für die Equipage anbefohlen , als Reinhard erklärte , er begreife nicht , weshalb sie zu einer Menge gleichgültiger Leute fahren müßten , mit denen sie schwerlich in Berührung bleiben würden . Er hoffe , recht bald eine Stelle zu bekommen und die Stadt zu verlassen ; seiner Meinung nach genüge es daher vollkommen , wenn sie die nächsten Verwandten und Freunde der Familie besuchten . Zu diesen könne er mit Jenny hingehen , wolle gleich heute damit anfangen und hoffe , seine Braut ebenso wohlbehalten heimzubringen , als ob sie gefahren wäre . Davon wollte jedoch die Mutter nichts wissen . Sie versicherte , kein Mensch habe jemals Verlobungsbesuche zu Fuß gemacht , und fügte hinzu : Glauben Sie mir , lieber Reinhard , Jenny ist gar nicht im Stande , so weite Wege zu gehen . Ja , das ist freilich übel , erwiderte Reinhard lächelnd ; aber wie soll das werden , wenn wir später keine Equipage haben werden ? Da wird sie sich doch daran gewöhnen müssen ! Jenny , die Reinhard ' s Widerstreben sofort begriff , legte sich ausgleichend in das Mittel . Sie schlug vor , ein Paar der Anstands-Besuche in dem Wagen ihrer Eltern , die andern aber zu Fuß zu machen , und alle Parteien waren für den Augenblick damit zufriedengestellt . Indeß es sollte nicht das letzte Mal sein , daß Jenny ' s Vermittelung nöthig wurde . Zu des Vaters Freude , der das Brautpaar in der Stille mit sorglicher Liebe beobachtete , entwickelte Jenny bei diesen Versuchen , Reinhard ' s und der Ihrigen Wünsche zu vereinen , eine ganz neue Seite ihres Charakters . Sich selbst vergessend , war sie unaufhörlich bemüht , sich den Ansichten der Andern zu fügen , den leisesten Wünschen ihres Verlobten zuvorzukommen . Hatte ein geräuschvoll verlebter Abend ihn unbefriedigt gelassen , so erlangte sie am nächsten Morgen gewiß die Erlaubniß , den ganzen Tag bei der Pfarrerin zuzubringen , um ihm zu zeigen , daß ihr im traulichen Beisammensein mit ihm die reinste Freude erblühe . Dann war Reinhard glücklich ; dann konnte er nicht aufhören sich ihrer zu erfreuen , und es entzückte ihn , wenn sie sich seiner Mutter bereitwillig zu kleinen häuslichen Hülfsleistungen anbot , zu denen sich in ihrem elterlichen Hause , wo eine große Dienerschaft jedes Winkes harrte , die Gelegenheit nicht bot . So sehr sie früher darauf gehalten hatte , auch in Kleinigkeiten ihren Willen zu haben , so fügsam wurde sie jetzt . Einzelne unbedachte Aeußerungen ihrer Mutter ließen sie vermuthen , daß ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein großes Opfer betrachteten , welches sie dem Glücke ihres Kindes gebracht hatten . Das bewog Jenny , den Ihrigen nachzugeben so weit es irgend möglich , und machte andrerseits sie noch zärtlicher gegen Reinhard ; denn es that ihr leid um seinetwillen , daß er den Eltern nicht der erwünschteste Sohn unter allen Männern auf der Welt , wie ihr der Geliebteste war . Mit jedem Tage , den sie bei seiner Mutter verlebte , wurde er ihr theurer und verehrungswürdiger . Sein reicher Geist , seine unbestechliche Gradheit zeigten sich in all ihrem Glanze , wenn er sich ohne Rückhalt gab . Oft , wenn er sich dann in süße Schwärmereien verlor , hörte sie mit einer Andacht , mit einer Erhebung zu , von der die Pfarrerin innig gerührt war . So , sagte sie einst zu ihrem Sohne , mag Maria zu den Füßen des Herrn gesessen haben , und Jenny bemerkte lächelnd : Mehr als ich ihn liebe , liebte auch gewiß Maria den Herrn nicht . Das vollkommenste Einverständniß herrschte unter den Liebenden , und selbst der Vater gewann Vertrauen für die Zukunft seiner Tochter . Man war seit Jenny ' s Verlobung daran gewöhnt , sie mehrere Tage der Woche der Pfarrerin zu überlassen . Damit nun den Eltern dieses Entbehren ihrer Tochter nicht zu empfindlich werde , hatte man Therese eingeladen , an jenen Tagen Jenny ' s Stelle bei der Mutter zu ersetzen , und man kam schließlich überein , Therese für den Sommer , den die Familie auf ihrem Gute zuzubringen gewohnt war , als Hausgenossin mit hinaus zu nehmen . Auch die Pfarrerin wollte dann die Stadt verlassen , um einige Zeit bei einer Freundin zu verleben . Deshalb strebte man jetzt , jemehr der Winter sich zu Ende neigte , die letzte Zeit vor dieser kleinen allgemeinen Auswanderung noch recht mit Bewußtsein zu genießen . Durch Hughes und Clara war der engere Kreis der Hausfreunde im Laufe des Winters vergrößert worden , nachdem Clara , wenn auch nur schwer , die Erlaubniß erlangt hatte , Eduard ' s Familie in Begleitung ihres Vetters öfters wiederzusehen . Erfreut durch diese Erlaubniß , die ebenso sehr William ' s Liebe für Clara entsprach , als seiner Freundschaft für die Familie Meier , warf William sich zum Protector dieses neuen Verhältnisses auf . Er stellte der Commerzienräthin vor , wie es gerade ihr , einer der vornehmsten Damen der Stadt , wohl anstände , ein Beispiel zeitgemäßer Bildung zu geben , indem sie allem Gerede zum Trotz , Jenny und Clara , die einander sehr zusagten , auch ungestört mit einander umgehen lasse . Sie haben früher den Doktor Meier zu Ihrem Arzte gewählt , liebste Tante , sagte er schmeichelnd , und es sind viele Familien unserer schönen Welt Ihrem Beispiele nachgefolgt . Vor Ihrem klaren Verstande können jene Vorurtheile , welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Confessionen verursachten , nicht mehr Stich halten . Wenn ich Ihnen nun sage , daß Sie mir den größten Gefallen thun , so oft sie die Cousine meiner Begleitung anvertrauen , und daß Clara sich vortrefflich in der Meierschen Familie unterhält , so darf ich hoffen , Sie heben für Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen völlige Freiheit für ihren Verkehr . Die Commerzienräthin that darauf , als ob William ' s Gründe sie überredet hätten , und wenige Tage , nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden war , erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause der Commerzienräthin , die aber nur Eduard annahm , weil Jenny sich nicht entschließen konnte , ohne den Bräutigam hinzugehen . Dem Vater war dies ganz gelegen , da er im Ernste meinte , was er nur scherzend aussprach , er sähe es gern , wenn Leute , die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzeigen glaubten , lieber über zu viel Zurückhaltung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten . In jenen Tagen wurde nun Jenny ' s Verlobung bekannt gemacht und Clara gehörte zu Denjenigen , welche am meisten davon überrascht wurden , sich am meisten darüber freuten . Sie saß im Zimmer ihrer Mutter , als am Neujahrsmorgen ein Diener das Meldungsbillet hereinbrachte . Die Commerzienräthin gerieth in die beste Laune , nun sie mit Zuversicht wußte , daß sie die einst gefürchtete Nebenbuhlerin für ihre Clara nicht mehr zu scheuen habe , und reichte das Billet , nachdem sie es gelesen , ihrer Tochter mit der Bemerkung hin : Da sieht man deutlich , wie solchen Leuten selbst der Reichthum zu nichts hilft : ein Candidat der Theologie ! Für Dich soll einmal eine andere Wahl getroffen werden ! Clara antwortete keine Silbe , denn sie hatte in ihrer freudigen Ueberraschung gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehört . Sie hielt das Blatt in den Händen und las mit klopfendem Herzen immer wieder die Worte , welche ihr Jenny ' s Verlobung mit Reinhard verkündeten . Das war ein Lichtstrahl von oben , der urplötzlich die Nacht ihres Kummers erhellte . Jetzt war Alles gut , all ihr hoffnungsloses Leiden beendet , jeder Zweifel gehoben . Wenn Jenny sich mit Reinhard verlobte , konnte auch der Liebe Eduard ' s zu ihr kein Hinderniß von seiner Seite im Wege stehen ; und sie wünschte nur zu erfahren , durch welche Verhältnisse dieser glückliche Wechsel der Ansichten in der Meierschen Familie hervorgebracht worden war . Sie bestürmte Hughes mit Fragen , sie wollte wissen , ob der Doctor mit dieser Heirath einverstanden sei , ob die Eltern sie gern sähen ; und die Versicherung ihres Cousins , daß Alle sehr glücklich und erfreut darüber wären , reifte ihre Hoffnung zu beseligender Ueberzeugung , so daß sie freudestrahlend Eduard entgegenging , der im Laufe des Tages hinkam , ihnen zum neuen Jahre zu gratuliren . Der Umgang zwischen den beiden jungen Mädchen gewann bald eine große Innigkeit , nachdem die ersten Schritte gethan waren . Clara hörte nur zu gern von Eduard erzählen ; was er gesagt , gewollt , gethan , Alles war für sie von Wichtigkeit . Was nur in irgend einer Beziehung zu ihm stand , erregte ihre Theilnahme , und sie fühlte sich zu Jenny doppelt hingezogen , weil sie mit ihr stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte , ohne , wie sie wähnte , irgend einen Verdacht zu erregen . Darin aber täuschte sie sich freilich . Jenny , der die leidenschaftliche Liebe Eduard ' s zu Clara längst außer allem Zweifel war , hatte auch bald in Clara ' s Seele gelesen . Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das Beisammensein mit Clara höchst angenehm , sie fand an ihr , was sie an Therese stets vermißt hatte , ein Gemüth , das mit ihr in rascher Empfänglichkeit sympathisirte , und eine Tiefe des Gefühls , welche Therese nicht in dem Grade besaß , oder mindestens nicht zu äußern vermochte . Solch eine Schwägerin hatte sie sich gewünscht ; auch ihr schien es nur zu natürlich , daß Eduard kein Opfer scheuen werde , um Clara zu besitzen , und Beiden wurde es zu einer süßen Gewohnheit , zu einem Bedürfniß , häufig bei einander zu sein . In ungetrübter Freude waren so einige Wochen verflossen , als Hughes eines Abends verstört in die Stube seiner Tante trat , und indem er ihr einen Brief reichte , die Worte ausrief : Ich muß fort , Tante ! mein Vater liegt zum Sterben ! Die Commerzienräthin erschrak so sehr als die kaltblütige Frau es überhaupt vermochte . Denn so unangenehm ihr auch die plötzliche Entfernung William ' s erschien , so leuchtete ihr doch der materielle Vortheil ein , der für den Sohn entstände , wenn er schon jetzt in den Besitz der väterlichen Schätze käme . Sie versäumte also nicht , in wohlgewählten Worten ihr tiefes Bedauern über das Unglück auszudrücken , das ihrer Schwester durch den Tod des Gatten drohe ; sie brachte es selbst bis zu Thränen bei dem Gedanken an William ' s Abreise ; und dieser , aufgeregt durch die entsetzliche Nachricht , die ihn bis in das Herz getroffen , ließ sich von der künstlichen Theilnahme der schlauen Frau täuschen . Er mußte Jemanden finden , dem er seine Gefühle enthüllte , und Clara , vor der er es am liebsten gethan hätte , war seit einigen Stunden bei der Freundin . Er fragte nach ihr , er wolle und müsse Abschied von ihr nehmen . Beruhige Dich , sagte die Commerzienräthin , ich will sie rufen lassen , und sie soll den Rest des Abends mit Dir verbringen . Sie wird wie ich untröstlich sein über den Verlust , der