Sturm , Schnee , Regen gehudelt , und trübsinnig , nutzlos , stöckisch sind alle seine Bewohner ; scheint sie , so taut alles unwillkürlich auf , der Sturm schweigt , der Regen hört auf , ein fröhliches Treiben beginnt , und wie die Lerchen am liebsten in den blauen Himmel hinein ihre Lieder schmettern , ertönen heitere Lieder ums Haus , und jeglicher bewegt sich , als ob ihm Flügel zu wachsen begönnen . Annelisi tanzte ihrem Tschöplituch nach und ängstigte den Schneider , Resli suchte Gespräche mit dem Vater und strich in stiller Freude um die Mutter herum , und mit fröhlichem Herzen , aber mit dem Kopfe in der Hand , als ob grausames Weh ihn plagte , saß Christen , der junge , hinter einer Teekanne , welche ihm die Mutter ungeheißen schon zweimal gefüllt , und ungefragt hatte der Vater ihm schon den Doktor anerboten . So verging die Woche ohne ein einziges Wölkchen , denn alle Abend ward der Friede inniger und gefestigter , und als der Samstag kam , hatte Änneli kein Bangen mehr , sie wußte , daß er bleibend sei und nicht wie eine Morgenwolke , die bald vergeht . So kam der Samstag und mit ihm sein früher Feierabend , der hier , wie in vielen andern Häusern , pünktlich gehalten ward . Es ist nämlich noch Sitte , daß am Samstag nach sechs Uhr oder nach dem Feierabendgeläute nicht mehr gearbeitet wird ; man macht lieber am Sonntag morgens fertig , was Samstags vor sechs Uhr nicht beseitigt werden konnte . Obs ein Überrest des jüdischen Sabbats ist oder eine freie Zeit sein soll zur stillen Vorbereitung auf den kommenden Sonntag , wissen die Leute selbst nicht recht , und die Einen legen es so aus , die Andern anders . Besonders willkommen ist sie dem jungen Volk , besonders den Dienstboten . Diese benutzen sie selten genug zur stillen Einkehr in sich selbst , sondern fahren ihren Verrichtungen nach , zu denen sie in der Woche keine Zeit hatten , zu Schneider und Schuhmacher , zum Krämer , suchen nebenbei gut Schick . Die Bursche rotten sich zusammen , die Mädchen flattern hin und her wie Mücken ums Licht oder wie Kinder , die neckisch vor jemand laufen und in einem fort schreien : » Nimm mich , wenn du kannst , nimm mich doch ! « Es war abgegessen worden , das Vieh besorgt , die Mägde waren ausgeflattert , die Knechte weggestopfet , auf dem Banklein vor dem Hause saß der Vater mit Resli . Christen stund auf der Bsetzi , wußte nicht was machen , und Annelisi trug Meyenstöcke hin und her . Da kam die Mutter heraus und frug : » Hast du es ihnen gesagt ? « » Nein « , sagte der Vater , » aber du kannst es ihnen ja selbst am besten sagen . « » He « , sagte die Mutter , » das kann ich wohl . Es wäre mein Wunsch , daß wir morgen alle zum Nachtmahl gingen mit einander . Ihr wißt wohl , es war lange etwas Ungutes unter uns . Wir meinten es Beide gut , ich und der Vater , aber wir haben uns nicht mehr recht verstanden . Es war uns nicht von wegen uns , sondern von wegen euch , denn für wen husen die Eltern als für die Kinder ? Daran war ich den Mehrteil schuld , und grusam habe ich da gefehlt . Das habe ich nun eingesehen und dem Vater es gesagt , und er hat mir verzogen . « » Aber Mutter « , sagte der Vater , » ich habe gefehlt so gut als du , ich habe so gut als du nicht gewußt , was das Glück ausmacht , und während wir meinten , wir seien unglücklich geworden , hatten wir sGlück noch ganz unversehrt gehabt und trieben es dann selbst vor lauter Ängstlichkeit von uns weg , und ich noch mehr als du . Wenn ich mich etwas besser nachegla hätte , so wären die fünftausend Pfund bald verschmerzt gewesen . « » O Ätti , wir wollen jetzt nicht worten , ich weiß es im Herzen wohl , wie ich gefehlt und wie ich mich vor lauter Ängstlichkeit nicht nur am Vater , sondern auch an euch versündiget habe , denn ihr mußtet auch darunter leiden , und während ich , wie ich meinte , um euer Glück jammerte , machte ich euch unglücklich . Aber jetzt weiß ich , daß Glück und Geld ganz verschiedene Dinge sind , und ihr habt es auch , so Gott will , für euer Lebenlang erfahren . Gott hat uns das zeigen wollen , darum wollen wir nicht klagen ; aber eines möchte ich noch , daß ihr mir nämlich alle so von Herzensgrund verzeihen möchtet vor Gott selbsten , damit wir so recht den Frieden besiegelt hätten , damit wenn ich von euch muß , ich weiß , ihr seid mit mir zufrieden und traget mir nichts nach , vor den Menschen nicht und vor Gott nicht . « » Aber Mutter « , sagte Resli , » was sinnest auch , dir tragen wir ja nichts nach und auch dem Vater nicht . Es hat uns schon lange gedrückt , daß ihr so nötlich tut wegen dem Geld , und wir haben es wohl gewußt , daß es unsertwegen ist ; das hat uns bsunderbar plaget , aber wir konnten nichts daran machen . Wir haben es schon die ganze Woche gemerkt , daß etwas gegangen ist , und es dünkte uns , es gehe ein Schatten ab der Sonne , und es war ein ganz anderes Dabeisein , es hat uns allen geschienen , wir seien auf Federn . Ja , von Herzen gern wollen wir morgen zum Nachtmahl kommen , aber nicht von wegen dem Verziehen , sondern um dem lieben Gott zu danken , daß alles so gegangen , und nicht von wegen dem Sterben , du sollst erst jetzt sehen , Mutter , wie lieb wir dich haben . Es ist gut , wenn es alle Leute wieder sehen , daß wir nichts wider einander haben , sondern uns Gott und Menschen zusammen zeigen dürfen . « » Ja « , sagte Annelisi , » ich habe gegen dich gefehlt , Mutter , und es ist mir leid ; aber wenn wir morgen zum Nachtmahl gehen wollen , so muß ich geschwind noch ins Dorf hinter den Schneider her , der hat wieder versprochen und wird nicht halten , und wenn ich mein neues Tschöpli nicht bekomme , so kann ich nicht mitkommen , denn im alten darf ich mich nicht mehr zeigen . « » Du bist immer das gleiche Annelisi « , sagte der Vater , » und hast nur deine Narretei im Kopf , sonst wurdest du jetzt nicht an dein Tschöpli sinne , sondern daran , was es heißt , wenn Vater und Mutter und Brüder und Schwester mit einander zum Nachtmahl gehen wollen , zu einem Versöhnungsbunde , damit sie auch mit Gott versöhnet bleiben . Denk daran , wenn du deinen Sinn immer an der Hoffart hast , so wirst du unglücklich und machst unglücklich , wer um dich ist . Jetzt weiß ich , was es heißt : Wo euer Schatz ist , da ist auch euer Herz , und wenn der Schatz verloren wird , so geht das Herz im Jammer unter . Darum müssen wir nach einem Schatze trachten , der nicht verloren geht , um deswillen wir nicht Gott und Menschen hassen müssen . Nein , Annelisi , heute gehst du nicht deinem Tschöpli nach , sondern lässest Tschöpli Tschöpli sein und bleibest bei uns , und wenn du scholl einmal ein Kapitel lesen wurdest , so wurde es dir nichts schaden . Auf mich mußt du nicht sehen , ich habe mehr zu tun und zu denken als du , und dann brauche ich nicht immer zu lesen , wenn ich an etwas Gutes sinnen will , ich kann noch gar manchen Spruch , den du nicht kannst ; öppis Guets z ' lehre ist man zu vornehm , und es soll manchen neumodischen Lehrer geben , der sich der Bibel schämt und der übers Fragebuch nume zäpflet . Ich habe scholl manchmal gedacht , wie es endlich kommen müsse und daß man sich nicht verwundern dürfe , wenn die Kinder nur an Tschöpleni denken wenn man vom Nachtmahl redet . « » O Ätti , zürnt nicht , ich habe das so gesagt und nichts weiters gesinnet , aber ich bleibe ja gern daheim , und es ist nicht , daß ich nur an Tschöpleni sinnen muß . Wenn morgen der liebe Gott in mein Herz sieht , so wird er auch sehen , daß ich an Vater und Mutter sinnen kann und daran , wie ich sein müsse , daß sie mich doch lieb haben könnten auch so recht . Gell , Müetterli , du glaubst es ? « sagte Annelisi , legte ihren Ellbogen auf deren Achsel und streichelte ihr die Backen , wie kleine Kinder es so gerne zu tun pflegen . Es sei notti ein Gutes , sagte die Mutter , wenn man schon zuweilen nicht wisse , woran man mit ihr sei , und meinen sollte , sie hätte lauter Flausen im Kopf ; aber wenn sie sterben sollte , so werde Annelisi nicht die Letzte sein in der Haushaltung und zeigen , daß sie noch etwas anderes wisse als Flausen machen und hoffärtig sein . So saß die Familie in ernsten und lieben Gesprächen ungestört zusammen bis in den tiefen Abend hinein . Vieles wurde verhandelt , aber die Hauptsache drehte sich immer um Ännelis Glaube , daß sie bald sterben werde und daß sie morgen das letzte Mahl mit ihren Kindern hielte . Weichmütig , aber heiter hielt sie diesen Gedanken fest , wie sehr die Andern ihn ihr auch ausredeten . Sie redete viel von Ahnungen und von Exempeln aus ihrer Familie , daß den Kindern die Herzen immer weicher wurden , bis endlich der Vater sagte : Er hülfe , sie wollten hinein und ein Kapitel lesen , da wisse man doch , daß es wahr sei , und könne sich trösten damit ; bei solchen Sachen aber wisse man nicht , was daran sei , und sie machten einem nur traurig und unnötig z ' förchten Er wolle hoffen , der liebe Gott werde sie noch lange im Frieden bei einander lassen ; hätte er ihrem Streit zugesehen , so werde er jetzt auch seine Freude an ihrer Liebe haben wollen . Sie erbauten sich an Gottes Wort , und in feierlicher Stimmung , fast wie am Abend vor dem ersten Abendmahl , suchten sie die Ruhe . Feierlich steigt ein heiliger Sonntag übers Land herauf ; da hört man keine Kutschen , Chaisen rollen . Niemand kommt es in Sinn , Gott und seinem Gewissen entrinnen zu wollen ; da weiß man noch , was der städtische Pöbel , zusammengesetzt aus Herrn V. und Herrn X. , nicht mehr weiß , daß wenn man auch Flügel der Morgenröte nähme und flöge ans Ende des Meeres , der auch da sei , der den Wurm im Staube sieht und jeglichen Schlingel , sei er zu Fuß oder zu Wagen ; da weiß man noch , daß man nicht Ärgernis geben soll , und schämt sich des städtischen Pöbels , der gerade an den heiligen Tagen rings auf dem Lande Zeugnis ablegt , wie nahe er trotz seiner guttuchenen Kutte dem Vieh verwandt sei und wie er , ohne seiner Ehre Abbruch zu tun , jedem Schweine » Götti « sagen kann . Feierlich steigt der Tag herauf und stille ists , das Säuseln des Herrn hört man in den Zweigen der Bäume , die Seufzer der Gewissen rauschen in den Seelen , das Beten der Herzen tritt flüsternd auf die Lippen . So war es auch in unserm Hause , und in jedem Herzen war noch das Weh über den unwürdigen , unheiligen Streit vom letzten Sonntag , der die eiternde Beule zur Reife gebracht und aufgebrochen . Um so weicher war eines jeden Stimmung , um so inniger war ihr Sinnen an den heiligen Tag , um so inbrünstiger eines jeden übliche Gebete , um so freundlicher und weicher ihr Begegnen . Ihre Gefühle taten sich nicht durch besondere Gebärden kund , sie traten kaum ins Auge ; aber im Tone der Stimme gaben sie sich zu erkennen , im Zuvortun bei allen Geschäften , in der Teilnahme , mit welcher jedes Wort aufgenommen wurde , im Zueinanderstehen , ohne daß man sich eben etwas zu sagen hatte . Selbst Annelisi war innig bewegt und dachte nicht ans neue Tschöpli , als es das alte anzog , war früh fertig , sorgte der Mutter für einen schönen Rosmarinstengel und wollte den Brüdern auch welche geben , aber diese sagten , sie begehrten heute keine . Alle warteten der Mutter vor der Türe , die noch die Jungfrauen zu brichten hatte über ihre Pflichten und wie sie zu allem zu sehen hätten , damit das Essen nicht verdorben , das Haus nicht verwahrloset würde . Sie ließ zwar hinaussagen , man solle ihr doch recht nicht warten , aber ohne Mutter wäre Keines vom Hause gegangen , und Keines ward ungeduldig , und Keines rief ins Haus hinein : » Mutter , kömmst nicht bald ! « Als sie kam , sich entschuldigend , sagte Christen : » Wir hätten dir noch lange gewartet , säumtest du dich ja um unseretwillen ; es hatte jedes von uns nur für sich selbst zu sorgen , du aber für alle « . So war keine Ungeduld in keinem Herzen , und eines Sinnes , ohne viele Worte , in stiller Andacht zogen sie dem Hause des Herrn zu . Es ist doch schön , wenn so eine ganze Familie eines Glaubens , eines Sinnes zum Hause des Herrn zieht , Keines vornehmer im Geiste als das Andere , jedes gläubig wie das Andere , vom gleichen Gott sein Heil erwartend , den gleichen Weg vor Augen , nach dem gleichen Himmel trachtend . Es ist doch schön , wenn Eltern mit ihren erwachsenen Kindern zur Kirche ziehen können , wo sie dieselben taufen ließen , und nicht nur sagen können : Siehe , Herr , hier sind die , die du mir gegeben hast , und Keines ist verloren gegangen , sondern noch danken können , daß der Herr durch die Kinder die Eltern geheiliget und die Kinder Stützen geworden seien , nicht nur für den Leib in den alten Tagen , sondern auch für den Geist auf dem Wege der Heiligung . Wenn so eine ganze Familie zum Mahle des Herrn geht als wie zum letzten Mahle und doch im gläubigen Vertrauen , daß der Herr nicht scheiden werde , was sich hier gefunden , daß wenn schon der Tod als wie ein Schatten vor das Eine oder das Andere sich stellt , dieser Schatten über Kurzem wieder schwinden werde im Lichte des ewigen Lebens , es ist doch schön . Es wehet in einer solchen Familie eine Kraft des Vertrauens , des Glaubens , der Liebe , welche die Welt nicht gibt , welche die Welt nicht kennt . Bald waren sie nicht mehr alleine ; hieher kamen Leute und dorther , freundliche Grüße wechselten , die Einen hemmten ihren Schritt , die Andern beschleunigten ihn , ein jedes richtete seinen Schritt nach der Andern Schritt , weil es nicht alleine wallen wollte auf dem Wege zur Kirche , sondern in Gemeinschaft mit den Andern . Warum aber nur auf dem Kirchwege seinen Schritt modeln nach der Andern Schritt , warum nicht auch auf dem Lebenswege ? Nur eine kleine Anstrengung , nur ein klein weniger Eigensinn , nur einiger Tage leichte Übung , und einmütig und gleichen Schrittes , eine Gemeinschaft der Heiligen , würde durchs Leben wallen , was auf ewig auseinandergeht , weil das Eine seinen Schritt noch kürzt , während das Andere den seinigen verlängert . Die Leute sahen mit Verwundern die Fünfe so einträchtig zusammen gehen , drückten aber die Verwunderung nicht einmal mit den Augen aus , geschweige daß jemand nach der Veranlassung des nach der bekannten Spaltung um so auffallenderen gemeinsamen Kirchganges gefragt hätte . Jeder machte seine Mutmaßungen und behielt sich vor , dieselben daheim beim Mittagessen vorzubringen , und fast in allen Häusern war dies das Tischgespräch . Vermutungen aller Art wurden laut , und allerdings war die Bewegung Ännelis am vorigen Sonntag in der Kirche nicht unbemerkt geblieben , aber das Rechte erriet doch so recht niemand , von wegen wenn man etwas begreifen will , so muß man den Sinn , aus welchem es hervorgegangen , selbst in seiner Brust tragen . Das wissen aber die wenigsten Leute , darum so viele Mißverständnisse , darum werweisen die Meisten so dummes Zeug , wenn sie von einer guten , uneigennützigen Tat hören ; sie tragen halt den Sinn dazu nicht in ihrer Brust . Hingegen weiß so Mancher , daß er selbst für die schlechtesten , eigennützigsten Absichten die schönsten Gründe hat . Mancher vermag zum Beispiel Amt , Stellung , Staat auf die schändlichste Weise zu mißbrauchen zur Sättigung seiner Lust oder seines Geldsäckels , während er von lauter System , Gemeinwohl und Volksinteresse überfließt . Die Leute strömten immer zahlreicher , je näher man der Kirche kam , denn an Pfingsten , wenn die Sonne schön warm scheinet , wagt so manches alte Mütterli , das durch Kalte und Kot nicht mehr kam , noch so gerne einen Kirchgang und labet seine Seele , die auch gerne da oben wäre an des Herrn Mahl ; es weiß nicht , was der Herr im nächsten Winter mir ihm vorhat , es sucht , wo es kann , den Herrn , damit wenn der Tod kommt , der Herr es finde . Wenn sie schon früh waren , so fanden sie doch mit Mühe Platz in der Kirche . Wer es vermag , sollte immer frühe gehen , wer hintendrein hastet , kömmt sehr selten mehr in die rechte Stimmung , so wenig als der Pfarrer , der weltliche Geschäfte abmachen muß , ehe er ans heilige Werk gehen kann . Es ist gar eigen , unser Gemüt , und stille und feierlich muß es um dasselbe sein , wenn es stille und feierlich in ihm werden soll , so wie auch die Winde aufhören müssen zu wehen , wenn die Wellen sich legen , das Meer sich ebnen soll . Wenn man da so sitzt im stillen , weiten Raume , vielleicht ein schönes Lied von der Orgel tönt oder ein schönes Wort aus der Bibel kömmt , und Die Glocken rufen die draußen herein , da , wie die Augen im Dunkel des Kellers allmählig aufgehen und zu schauen vermögen , so geht es unsrer Seele : sie öffnet sich Eindrücken , für welche sie sonst verschlossen war , und wenn der Prediger kommt und als geistiger Säemann frommen Samen streut , so fällt dieser Same in offene Seelen , wo er sonst nur Ohren gefunden hätte , und Ohren , die nicht hörten . So wurden ihre Seelen noch weiter , empfänglicher ihr Herz , gespannt harrten sie auf die Textesworte des Pfarrers , welche an bewegte Seelen kommen wie eigene Losworte oder vielmehr wie Worte aus des Herrn eigenem Munde und vom Geiste , der alles weiß , auch die Bewegung jeglicher Seele , dem Pfarrer in den Mund gelegt für diese oder jene Seele . Und darum haben solche Textesworte für bewegte Seelen eine ganz eigene Kraft , und nach Jahren , wenn die Predigt längst vergessen ist , hört man noch solche Worte anführen , durch welche die Seele niedergeschlagen worden oder aufgerichtet . Da schlug der Pfarrer das heilige Buch auf und las die Worte : » Was fehlt mir noch ? « Diese Worte fielen nicht zündend in ihre Seelen , sondern fast kamen sie ihnen allerdings vor wie eine Frucht vom heiligen Baume , aber eine fremdartige , mit welcher sie nichts zu machen wußten ; betroffen wiederholten und betrachteten sie dieselben , aber die Beziehung auf sich fanden sie nicht . Da begann der Pfarrer zu reden von seiner letzten Predigt und wie er ermahnt , daß man jedes Abendmahl genießen möchte als ein Abschiedsmahl , versöhnt mit allen Menschen . Aber nicht bloß an die , welche man lasse , hätte man zu denken , sondern auch an das , was vor einem liege , an die , zu denen man wolle ; nicht nur Abschied habe man zu nehmen , sondern auch zur Reise sich zu rüsten , und da müsse jedem die Frage von selbst kommen : Bin ich fertig , oder was fehlt mir noch ? Habe ich , was zum Himmelreiche hilft , oder was mangelt mir ? Da sei es , wo man so leicht sich täusche , und man täusche sich allemal , wenn man das Ziel ergriffen zu haben meine . Es seien aber deren so Viele , die mit aller Zuversicht den Himmel erwarteten und vollkommen mit sich zufrieden seien , sich innerlich gerne zum Beispiel Anderer aufstellten , mit aller Behaglichkeit auf Andere herabsähen und selbst ihre Fehler zu beschönigen wüßten , als wären es Tugenden , und sie selbst Gott als solche anrechneten , fast wie zuweilen ein Mensch den andern zu betrügen suche mit einem gemeinen Steine , den er für einen kostbaren Edelstein ausgebe . Wenn man so im Allgemeinen und von weitem an den Tod dächte , so meine man nur zu gerne , man wäre fertig und es sei leicht zu sterben ; aber wenn er plötzlich vor einem stünde , so käme es einem anders , und was man leicht geglaubt , das käme einem schwer vor , und was man nicht gesehen , für das gingen einem die Augen auf . Sie sollten nur an den reichen Jüngling denken , wie der guten Muts zu Jesus gekommen , willens , das ewige Leben zu gewinnen , und das Gewinnen leicht glaubend , weil er schon so vieles getan und die Gebote gehalten von Jugend auf Was fehlt mir noch ? habe auch der gefragt . Geh , verkaufe , was du hast , und gib es den Armen , sagte Jesus . Darauf war der Jüngling nicht vorbereitet , er ging betrübt hinweg ; er , der gemeint , er hätte alles getan , was er schuldig gewesen , dem fehlte noch alles zum Himmelreich . Dem fehlte der christliche Sinn , der gehorsam ist bis zum Tode am Kreuz , ihm fehlte die Liebe , die Gott über alles hält , den Nächsten als sich selbst ; der war zu allem bereit , aber nur zu dem , woran er gewöhnt war , und nicht zu dem , was der Herr von ihm forderte ; er war getreu , bis der Herr seine Treue erproben wollte ; ihm fehlte der Geist , der in alle Wahrheit leitet und den Menschen bewahret in jedem Verhältnis , in jeder Anforderung ein Kind Gottes bleiben läßt , wie er die Apostel das Rechte reden ließ vor jeglichem Richter . » Nun leben Tausende dem reichen Jünglinge gleich , wissen nicht , daß die Hauptsache ihnen fehlt . Sie leben in stiller Rechtlichkeit , im Geleise , in welchem Vater und Mutter gegangen , geben keinen Anstoß und finden keinen Anstoß im Leben , aber ihnen unbemerkt leben sie doch für etwas , und dieses Etwas ist ein Zeitliches , es ist ihr Gut , und ihnen unbemerkt leben sie für dieses Gut , in einer immer festeren Angewöhnung , auf besondere Weise , und dies Gewohnheit wird ihr Meister und regiert sie , sie merken es nicht . Tritt nun etwas Besonders in ihr Leben , fordert Gott ein Opfer von ihnen , streckt er seine Hand nach ihrem Gelde aus , rüttelt er an ihren Gewohnheiten , machen sie Verluste oder tun ihre Ausübungen , welche gegen kein Gebot stoßen , Andern weh , verbittern sie ihnen das Leben , dann , dann zeigt es sich , was ihnen fehlt und an was sie ihr Leben gesetzet und wie ihr Leben ihr Meister geworden und nicht sie ihres Lebens Meister , denn der Geist ists , der ihnen fehlt . Ob der Angst ums Geld vergessen sie Gott , haben weder Vertrauen auf ihn noch ein Ergeben in seinen Willen ; sie werden betrübet , gehen hinweg vom Heile , dem reichen Jüngling gleich , werden erbittert im Gemüte über die Menschen , vermögen ihrer Gewohnheit keinen Zwang anzutun ; Friede und Eintracht werden gebrochen , weil sie nur gebaut gewesen auf die äußeren Verhältnisse , auf des Lebens gewohnten Gang und nicht auf den lebendigen Geist , der zu jeder Stunde zu jedem Opfer bereit ist , bereit ist , das Auge auszureißen , die Hand abzuhauen , von denen Ärgernis kommen . « Sie sollten doch nur nachdenken , wie oft ihr Friede auf diese Weise gestört würde , wie oft ihr eigenes Gemüt Zeugnis rede , daß Gott ihnen nicht über alles sei , wie sie zu schwach seien für das kleinste Opfer , der geringsten Anforderung erliegen und betrübet werden . Ja , sie sollten nachdenken , wie viele Menschen und Haushaltungen auf diese Weise äußerlich und innerlich zugrunde gegangen seien , eben weil sie nie erkannt , was ihnen fehle . Heute sei der Pfingsttag , und solange er wiederkehre , sei gültig die Verheißung , daß Gott seinen Geist geben wolle denen , die darum bitten . So sollten sie erkennen , daß dieser Geist die höchste Gabe sei , welche Gott uns Menschen werden lasse , sollten an sein Gewinnen das Leben setzen . » Dies ist der Geist , der in Christo die Welt überwunden hat , in jedem sie überwindet , der in Christo ist ; er ist köstlicher als Silber und Gold ; die Welt nimmt ihn nicht , der Tod raubt ihn nicht , er bewahrte das Glück in jedem Verhältnis , den Frieden in jedem Hause , das Genügen in jedem Herzen ; es ist der , der uns den Vorgeschmack der Seligkeit gibt und der Schlüssel zum Himmelreich ist . « » Dieser Geist wars , der dem reichen Jüngling fehlte , der noch so Vielen fehlt , und ohne diesen ists dem Menschen schwerer , ins Himmelreich zu kommen , als es einem Kamel wird , durch ein Nadelöhr zu gehen , und schwer besonders ists dem Reichen , weil er sein Genügen in seinen Besitztum setzet und es vergißt , daß weit über dem Gelde etwas anderes ist , in dem einzig das Genügen wohnet , das fest bleibet im Leben und im Sterben , in gesunden und kranken Tagen , in jeglichem Wechsel dieser Welt ; und wenn ihm dann sein Geld Jammer bringt oder kein Genügen mehr gibt , dann geht es ihm wie dem Menschen , der ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann , in zappelnder Angst beschleunigt er seinen Untergang . Die Besonnenheit hat er nicht , die Hand zu sehen , die rettend sich ihm bietet ; er fasset sie nicht , er stößt sie von sich , er gehet unter . « So redete der Pfarrer im Allgemeinen , führte aber das Allgemeine im Besondern näher durch und belegte alles mit dem Leben . Da ward den Gliedern der Familie der Text lebendig ; der Stein ward zum Diamant , der die hellsten Strahlen durch ihre Seele warf , alle Falten erleuchtete . Es war ihnen , als sehe der Pfarrer in ihrem Herzen eine eigene Schrift und lese ihnen die ab , und diese Schrift erzähle alles , was sie erlebt und wie es in ihren Seelen gewesen , wie ein Irrtum sie an den Rand des Abgrundes geführt , und lese nun auch ab , was in solchem Zustande helfen könne und was ihnen wirklich geholfen . Wunderbar wurden sie gerührt und erhoben , als sie im Wechsel ihrer Seelen , in den Regungen , die sie füllten , das Wehen des Geistes erkannten , der ihnen so lange gefehlt , als sie deutlich dessen sich bewußt wurden , daß Pfingsten geworden sei in ihrem Herzen , daß sie ein Gut erlangt , welches über alle Güter ist , dessen Mangel die ganze Welt nicht ersetzt , daß der Herr sie in die Finsternis geführet , damit in der Angst der Nacht ihre Seelen den Morgen suchten , ihre Augen nach dem Aufgang sich richteten , bis die Sonne kam . In Staunen , in frommer Bewegung versunken horten sie , wie von der Kanzel herab abgelesen ward vor der ganzen Gemeinde ihrer Herzen Geschichte und Zustände ; es war , als stünde dort oben ein wunderbarer Zauberspiegel , in welchem zu sehen wäre das Innere der Herzen , welches sonst den Augen der Menschen verborgen ist . Und daß der Pfarrer so deutlich auf sie rede , ihr Geheimstes vor der ganzen Gemeinde erzähle und erläutere , sie zum Gegenstand der allgemeinen Betrachtung mache , das zürnten sie nicht ; es war ihnen , als müsse es so sein , als seien gerade solche Erlebnisse Gemeingut und sollten nicht unter den Scheffel gestellt werden , sondern auf einen Leuchter , damit die Herzen der Nächsten auch gewonnen würden . Es kam manchmal sie an , daß sie fast des Wortes sich nicht enthalten konnten zur Bestätigung oder Erläuterung dessen , was der Pfarrer sagte . Wenn er ihre Namen genannt hätte , sie hätten es nicht gezürnt , denn , meinten sie , müsse doch jedes Kind , welches in der Kirche sei , wissen , wen