und lächelnd sagte : » Es wäre auch schade , wenn Sie den Klosterberuf hätten ! - Aber was soll denn eigentlich aus Ihnen werden , Cunigunde ? « » Was Gott will ! « - sie faltete die Hände , legte sie auf die Bibel und neigte das Haupt . » Aber wie soll sein Wille sich Ihnen offenbaren , wenn Sie verstockt sind , und auf Wunsch , Rath , Bitte Ihrer besten Freunde nicht hören ? « » Meiner besten Freunde ? ja , das ist es eben - ich habe gar keine Freunde ! « » Ihre Eltern - mich .... « - » Ja , Sie , mein lieber Feldern , Sie sind wirklich mein Freund , und es ist nur gar zu traurig , daß diese Angelegenheit Sie selbst zu nah betrifft , um ganz unbefangen zu sein . Und meine Eltern ? ach mein armer , harmloser Vater , der grämt sich um mich , der möchte alle Welt fröhlich wissen , seine Lieben zuerst ; drum thut er ja Alles , was die Mutter will . Und meine Mutter ist eine kluge Frau , und auch eine gute Frau ! sie meint es gewiß gut mit uns Allen , auch mit mir . Sie spricht : ich sei arm und was ich denn weiter wolle , als einen braven Mann ; und so lange ich im Elternhause , hindere ich die Versorgung meiner Schwestern , da ich die schönste von ihnen , und deshalb die begehrteste sei . - Sonst aber hab ' ich keine Freunde und weiß auch Niemand , den ich mir zum Freunde wünschte , als .... « - » Nun , als ? « fragte Feldern gespannt . Und da sie schwieg : » Graf Mengen etwa ? « » Wen ? « sagte Cunigunde zerstreut . » Graf Mengen , der im Spätsommer mit mir einmal hier war . « » Ach nein ! keinen Mann . Eine Frau , eine himmlische , wunderbare Frau , der Sie mich im vorigen Winter auf dem Maskenball vorgestellt haben : die Gräfin Obernau . Ich habe sie nur das einzige Mal gesehen , aber ich kann sie gar nicht vergessen ! wie sie ansah und aussah , wie sie ging und stand , wie sie sprach und lächelte , immer fiel mir » das Mädchen aus der Fremde « ein , und ob ich nicht auch eine arme Hirtin sein könne , der sie eine Gabe brächte . « » Liebe Cunigunde , Sie sind wirklich ein wenig sentimental ! Das Liebesgefühl lebt in Ihrem Herzen , aber es scheint Ihnen zarter , überirdischer , engelhafter , eine Freundin zu lieben , als einen Freund , und so quälen Sie sich und mich . Die Gräfin Obernau ist zwar eine äußerst anmuthige Person , aber da nicht Jeder die Kraft und die Selbständigkeit hat , so frei das Leben zu beherrschen , so dürfte sie nicht als Richtschnur für allgemeine Verhältnisse dienen . « » Das begehre ich nicht ; ich wünschte nur , daß sie mich liebte . Wünschen Sie das nicht auch für sich ? « » Ganz und gar nicht - obschon es sehr angenehm ist , mit ihr zu leben . Möchten Sie bisweilen sie besuchen , so will ich sie darum bitten ; sie erlaubt es gern . Die Monotonie und Einsamkeit Ihres Lebens hier mag auch Ihre Nerven abspannen ; vielleicht thut sanfte Zerstreuung , ohne Tumult , ohne Geräusch , Ihnen gut . Theure Cunigunde , ich würde Sie so gern genesen und glücklich sehen . « Cunigunde gab ihm dankbar die Hand , froh der Aussicht , welche er vor ihr eröffnete . Sie wußte nichts Bestimmtes davon zu hoffen ; deshalb war ihr , als ginge sie dadurch ihrem Glück entgegen , ihrer Befreiung , ihrer Erlösung . Ihr schönes Gesicht , welches durch lange , reine Schmerzen unaussprechlichen Adel hatte , lichtete sich an der Hoffnung auf , wie eine frierende Blume am Sonnenstrahl . Freundlicher , als seit Monaten , schieden die Verlobten . Feldern dachte : Faustine hat zwar wunderliche und etwas unpraktische Ansichten von den geselligen und bürgerlichen Verhältnissen , aber Niemand ist weniger sentimental , als sie . Cunigundens Ueberspannung wird in ihrer klaren Atmosphäre weichen , und ist sie nur erst gewichen , so bin ich ja des Mädchens gewiß , das für keinen Andern Neigung gefaßt hat , sondern nur überhaupt ruhigen , kühlen Temperaments ist . Das werden die besten Frauen - Frauen , auf die man sich verlassen kann , ohne Schwankungen , ohne besorgnißerregende Allüren - Frauen , die den Mann nie hinreißen und ihm stets gefallen . Solche Faustine entzückt , aber wer hat den Muth , sie zu heirathen ? nicht einmal Andlau . Weibern gegenüber , die immer wie in einem Regen von Brillantfeuer stehen , kommt man sich so dunkel , so inferieur , so dumm vor , daß enorme Selbstverleugnung dazu gehört , um sie zu lieben . Vielleicht liegt aber in ihrer Liebe Lohn für diese Demüthigung . Der starke Mann fürchtet nicht zu der Geliebten emporzublicken ; er fühlt die Kraft in sich , mit einem Schwung ihr zur Seite zu stehen . Der eitle und schwache Mann hält sie gern in seinem Niveau ; er fürchtet die Ueberstrahlung , und fühlt nicht die Kraft , ein Gegengewicht in die Schaale zu werfen . Mengen fehlte nicht am nächsten Morgen bei Faustine . Der Bediente öffnete ihm den Salon . Er war leer . Mario ging hindurch und betrat das zweite Zimmer , welches er gestern nur durch die Thür gesehen . Heute sah er sich darin um ; denn dies war augenscheinlich das Gemach , worin Faustine sich am meisten aufhielt . An dem einen Fenster stand ihr Schreibtisch , nichts frappirte ihn auf demselben , als Andlaus Portrait in Aquarel sehr schön und sehr ähnlich gemalt ; ein denkender , ernster , melancholischer Kopf . Sieht man ihr gegenüber nicht heiterer aus ? dachte Mario . Am andern Fenster stand ein Tisch mit Lesepult und verschiedenen Büchern , und ein tiefer Lehnstuhl davor . An der einen Wand eine breite , niedrige , aus einzelnen Polstern zusammengesetzte Ottomane . Ihr gegenüber ein großer Toilettenspiegel , an dem nachlässig eine Echarpe und eine kleine Tafftschürze hingen . An der Hinterwand schlossen dunkelrothe Vorhänge den Alkoven . - Ein Zimmer ist das weitere Ueberkleid eines Menschen : es verräth dessen Formen und etwas von dem Wesen bleibt darin zurück . Darum sieht man so gern das Zimmer eines berühmten oder eines geliebten Menschen ; man wird darin die Seele gewahr . Mario hatte sich friedlich auf die Armlehne des großen Fauteuils gesetzt , und sah sich um . Er wartete nicht auf Faustine ; sie schien ihm gegenwärtig . » Tappt nicht Jemand da herum ? « rief ihre goldene Stimme durch eine Thür , die nur angelehnt war . » Ich harre Ihres Befehls , « sagte Mario , öffnete die Thür und stand in einem kleinen Cabinet , das man Atelier nennen konnte , denn es war ganz für die Malerei eingerichtet : nur ein Fenster , bis zur Mitte von unten auf zugesetzt ; Bilder , Zeichnungen , Kupferstiche , Skizzen von oben bis unten an den nackten Wänden , kein Ameublement als einige Staffeleien , ein paar Tische , worauf Mappen , Zeichengeräth , ein Todtenkopf , Gypsabgüsse von Armen und Beinen - und zwei Strohstühle , worauf auch allerlei Utensilien lagen . » Setzen Sie sich , « sagte Faustine . Sie saß vor einer Staffelei und arbeitete . » Das hat hier seine Schwierigkeiten , « sagte Mario und sah sich lachend um . » Ist es Ihnen unbehaglich hier , so erwarten Sie mich im Salon . In zehn Minuten bin ich mit dieser Anlage fertig . « » Ich muß mich nur arrangiren dürfen « - sagte Mario und kniete neben ihr nieder . » Das geht auch « - antwortete sie und malte gelassen weiter . Er betrachtete sie . Ihr Anzug war der unvortheilhafteste von der Welt : ein weißes Linonhäubchen , welches so dicht ihr Gesicht umschloß , daß kein Haar zu sehen war , eine große graue Schürze und graue Vorärmel . Für jede andre Frau würde es eine völlige Abwesenheit aller Eitelkeit verrathen haben , in diesem Anzug Besuch zu empfangen . Bei Faustine aber bedeutete es nichts , als daß sie mehr an ihr Bild , als an ihre graue Schürze dachte . Sie saß stumm da , die Lippen ein wenig geöffnet , als lausche sie auf etwas ; mit den breiten Augenliedern zuweilen ganz rasch die Augen zudeckend , wie um sie auszuruhen : die Lachtauben haben diese Bewegung . Endlich wendete Mario seinen Blick ihrer Arbeit zu . » Warum den finsteren Todtenkopf malen ? « fragte er ; » was wissen denn Sie vom Tode , Sie , bei der Licht und Wärme - und das ist Leben ! - zu Hause sind ? « » Ich wollte auch das Leben malen , « antwortete sie , » aber dazu fiel mir eben nichts Anderes ein , als eine Fülle von Blumen und der Todtenkopf dazwischen , halb versteckt , und doch Alles überragend . Sie haben ganz Recht ! mit dem Tode hab ' ich nichts zu schaffen , so gar nichts , daß ich ihn nicht einmal verstehe . Aus einer Form der Existenz zu einer andern übergehen , heißt bei mir nicht Tod , sondern eine neue Lebensentwickelung . Leben muß man , wie man liebt : durch Ewigkeiten hindurch . Wer nicht diese Ueberzeugung hegt , weiß nichts vom Leben , nichts von der Liebe . Wer nicht das Weltall zu einem Quell macht , aus dem er Leben und Liebe stets neu und frisch schöpft , sollte nur gar nicht dazu Miene machen . Sie sehen , ich bin eine entschiedene Gegnerin des Todes ; aber dem Körper gönne ich gern sein Ausruhen im Grabe , obgleich er dabei so garstig wird , wie mein alter Todtenkopf hier . « » Warum verdient der Leib dies Ausruhen , der sich doch nicht halb so viel anstrengt , als der Geist ? einen körperlichen Schmerz haben wir nach vierundzwanzig Stunden total vergessen ; von dem geistigen bleibt immer eine Narbe , oft eine Wunde zurück . Körperliche Ermüdung - was ist denn das ? man hat ein paar Nächte durchschwärmt - dann schläft man aus ! ein sehr angenehmes Mittel gegen Ermüdung ! - Aber gegen geistige Müdigkeit , die auf Ueberanstrengung folgt , und Flug und Schwung lähmt , giebt ' s keine angenehme Mittel , sondern Sturzbäder von Widerwärtigkeiten etwa , und Moxa der Leidenschaft , und ähnliche Kuren , welche der geschickte Arzt Schicksal zu verhängen weiß . « » Daher hat aber auch der Geist seine Freude , seinen Spaß , sein Glück , sein Fortkommen - und der arme , arme Leib nichts von dem Allen ! Wie muß das Blut rennen , die Nerve hüpfen , die Muskel ringen , wie müssen die Sinne , diese faulen Knechte und stummen Diener der Seele , sich abarbeiten , danaidenmäßig ! denn wenn nun der Leib meint , er habe sich ein Vergnügen arrangirt , so tritt plötzlich sein Tyrann auf , Geist , Seele , wie er heißen mag ! und spricht : Mit nichten , mein Guter , der Abhub der Tafel kommt dir zu ! - Dann schmaust der Tyrann die besten Bissen , und trinkt vom Champagner nur den Schaum , und der arme Leib steht demüthig hinterm Stuhl und freut sich , daß es seinem Herrn so gut schmeckt . Man kann sich gar nicht wundern , wenn er manchmal zur Unzeit verdrießlich wird , sich lang ausstreckt und sagt : Suche Dir einen andern Knecht ! ich hab ' s satt . « » Die Emanzipation des Fleisches , wie das Modewort heißt , welches jetzt gepredigt wird - entspricht also wol ganz Ihren Wünschen ? « » Unsinn , lieber Graf , kläglicher Unsinn , wie er von Leuten mit fixen Ideen nicht anders zu erwarten ist . All diese Prediger sind mit der Monomanie der Gleichheit behaftet , die sich durch eine Art von Berserkerwuth gegen Alles , was bisher dominirt und primirt hat , äußert . Die aristokratische Institution , daß Vernunft , Verstand , Wille den Plebs der Sinne beherrsche , soll nicht mehr gelten , nicht - weil sie nicht gut und nützlich wäre ; sondern tout bonnement , weil etwas Hochadliges darin liegt , rohes , ungebildetes Volk - gehorchen zu lassen . Im Mittelalter verliehen die Städte an Ritter und Herren das Bürgerrecht , und das war eine große Ehre , denn sie traten dadurch in eine ehrenwerthe Verbindung . Jetzt , wo alles Zünftige , als der Gleichheit und Freiheit widersprechend - abgeschafft wird , taucht plötzlich eine Zunft von Literaten auf , welche das Bestialitätsrecht verleihen möchte . Aber ich denke , sie werden es wol für sich behalten dürfen . - So . Nun bin ich mit der Anlage fertig . Jetzt sollen Sie die bewußten Bäume sehen . « Sie erhob sich , stellte ein Gemälde auf die Staffelei , und sprach zu Mario : » Setzen Sie sich davor hin . « Es war ein schroffer Felsenabhang über dem Meer . Eine Tanne und eine Birke , mit seltsam verschlungenen Zweigen , standen am äußersten Rande dieses Abhangs und bildeten den Vorgrund . Die Birke war ganz unbelaubt ; ihr weißer Stamm , die schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm . Die Tanne breitete ihre Aeste , worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren , schützend aus , gleich starken Armen . Der Himmel war winterlich hart , eisgrau , im Westen kupferroth . Tief unten dämmerte das Meer . Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemälde auf die Staffelei : ganz derselbe Gegenstand , aber im Frühling und im Morgenlicht . Die Birke , frisch und sonnenglänzend , schmückte die Tanne mit ihrem wehenden , schwebenden Laube , wie mit festlichen Guirlanden . » Gefallen Ihnen die Bäume ? « unterbrach Faustine endlich das Schweigen . » Sie verstehen zu malen ! « entgegnete Mario . » Sie verstehen die Dinge aufzufassen , und ihnen mit dem Pinsel ein poetischwahres Gewand umzuhängen . Aber wundern dürfen Sie sich nicht , daß Feldern , und vielleicht hundert Andere , nur eine schöne Landschaft in diesem Bilde sehen . Bilderschrift ist ein tiefsinniges Studium , wozu mehr gehört als des Kunstkenners Geschmack und Urtheil . Sie ist ein Sanskrit , nur von Wenigen verstanden . « In demselben Augenblick trat Clemens ein und sagte : » Verzeihung ! ich bin vom Diener hergewiesen . « Dann rasch hinter Mario tretend und das Gemälde betrachtend , rief er hocherfreut : » Die Tanne kenne ich ! Sie haben sie einmal auf einem Spaziergang in Oberwalldorf flüchtig gezeichnet : dabei habe ich sie mir eingeprägt . Es freut mich , daß Sie an etwas aus jener Zeit gedacht , wenn nicht an Menschen , doch an den Baum ! « » Ich denke an Alles , was der Erinnerung werth ist , « sagte Faustine . » Oder der Hoffnung ! « rief Clemens . » Ja ; und lieber noch ! « entgegnete sie , und machte eine Bewegung , welche die Herren einlud , mit ihr das Atelier zu verlassen . Schürze und Häubchen blieben darin zurück . Mario und Clemens mißfielen sich ungemein - gegenseitig , wie das gewöhnlich der Fall ist . Seltsam , daß nichts auf der Welt zwei Menschen , die sich einander völlig fremd sind , herzlicher verbindet oder feindlicher entzweit , als die Liebe für eine dritte Person - je nach der Beschaffenheit , dem Colorit , der Temperatur dieser Liebe . Der Freund , der Bruder der Geliebten wird unser Bruder , unser Freund ; wer aber Miene macht , sie auf unsere Weise anzubeten , ist unser Erzfeind . Clemens haßte Mario , weil er eifersüchtig auf ihn war . Er fühlte , daß Mario Faustinen besser als er gefallen könne , denn er war unbeholfen und sie hatte die gewandten Menschen so gern : » die Menschen , welche ihr zartes Händchen nur mit einem weißen Glacé- Handschuh anfassen - murmelte Clemens - und davon bin ich kein Liebhaber , obgleich ich , ihr zu Gefallen , auch recht gern weiße oder himmelblaue oder maigrüne Handschuhe anziehen würde . « - Mario hatte Clemens einen Augenblick mit dem unverhohlenen Erstaunen betrachtet , welches durch dessen brüskes Auftreten überall , wo man an bessere Manieren gewöhnt war , hervorgerufen werden mußte . Dann aber beachtete er ihn gar nicht mehr als ein selbständiges Wesen , sondern nur dann , wenn Jener auf irgend eine Weise gegen Faustine anstieß . Sie selbst litt gar nicht durch das unvortheilhafte Licht , worin Clemens sich zeigte . » Es ist den jungen Leuten sehr heilsam , wenn sie merken , was und wie viel ihnen fehlt , um in der Gesellschaft angenehm zu sein « - sagte sie einst . » Wenn sie von der Universität kommen , sind sie so aufgeblasen wie eine Mongolfiere , und gleich dieser , ihrer Himmelfahrt und des bewundernden Staunens des versammelten Volks gewiß . Warum so aufgeblasen ? entweder haben sie sich brav herumgehauen , oder sie haben enorm getrunken , oder der Himmel hat sie mit einem pompösen Bart erfreut , oder sie haben in irgend einem Examen sich nicht verblüffen lassen - « Clemens , der anspruchloseste Mensch unter der Sonne , war nur auf seinen Bart eitel ; deshalb unterbrach er gereizt Faustine und rief , weil er doch nicht die Bart-Stolzen vertheidigen konnte : » Sie haben gut reden , spöttisch und klug ! sollten Sie sich examiniren lassen , würden Sie auch vielleicht nicht bestehen . « » Das käme noch darauf an « - entgegnete sie unverzagt . » Und « - sagte Mario - » sich nicht verblüffen zu lassen ist gewiß eine eben so wichtige als richtige Regel darüber . Wenigstens einmal hab ' ich mich bei deren Befolgung mit Ruhm bedeckt . Ich wurde mit drei Gefährten examinirt . Alles ging charmant , bis der Examinator nach der Tages- und Jahreszahl irgend eines obscuren Edicts fragte . Nur zufällig hätte man dies behalten und beantworten können . Meine Gefährten schwiegen . Es ist aber doch allzu verdrießlich , wenn ein Mensch viermal fragt ohne eine Antwort zu bekommen : also nannte ich tapfer ein Datum , als ich gefragt wurde . Da sagte der Examinator sehr bedächtig : Es ist zwar nicht dieser Monatstag , sondern jener , und auch nicht diese Jahreszahl , sondern jene , welche das Edict bezeichnen ; aber man sieht doch ! « » Aber man sieht doch , « rief Faustine und klatschte fröhlich in die Hände , » wie leicht es ist , mit einiger Geistesgegenwart gut zu bestehen . « » Aber man sieht doch , « sagte Clemens , » wie leicht es ist , den Leuten Sand in die Augen zu streuen . « » Ja , « antwortete sie , » auf die Manier und die Manieren kommt freilich sehr viel an . « » Das sollten oberflächliche Menschen sagen dürfen , aber Sie nicht ! Sie müssen auf das Wesen sehen . « » Sehr gern ! sobald das Wesen ein goldener Apfel in silbernen Schaalen ist - wie es in der Bibel heißt . Ist aber der goldene Apfel in ein Igelfell gewickelt , so bin ich verwundet und abgeschreckt beim Anfassen , und tröste mich nur allmälig durch den Gedanken an den köstlichen Inhalt . Was soll mich aber trösten , wenn ein gemeiner , rothbäckiger , saurer Apfel im Igelfell liegt ? nehme er ein Silberflor-Mäntelchen von guten Manieren um , so wird er zwar nicht sonderlich genießbar , allein doch recht gut anzuschauen sein . Gute Manieren sind meine gebornen Freunde ; wo ich sie finde , werd ' ich mich - nicht immer heimisch , das liegt in einer andern Sphäre - jedoch nie unheimlich fühlen . Schlechte Manieren sind meine gebornen Tyrannen , machen mich zaghaft , machen mich bald übertrieben höflich , um auf meiner Seite doppelte Schranken zu haben , und bald so ungeduldig , daß ich rufen möchte : Geht zu Gevatter Schneider und Handschuhmacher , mit denen ihr zu verwechseln seid . « » Und was nennen Sie schlechte Manieren haben ? « » Eben verwechselbar mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher sein « - sagte Faustine gelangweilt , und Clemens beruhigte sich ; denn das paßte nicht auf ihn . Feldern wollte sein Cunigunden gegebenes Wort erfüllen . Er bat Faustine um die Gnade , seiner Braut zuweilen ihre Gesellschaft zu gönnen . Er sagte : » Ich bin des günstigsten Einflusses Ihres lichten Wesens auf das krankhaft sentimentale meiner Braut gewiß . « Faustine sah ihn scharf an und erwiderte : » Sie scheinen mir bestimmte Grenzen setzen zu wollen ; aber Sie sollten wissen , daß ich mich denen nicht füge , ohne sie wenigstens im vollen Umfang zu kennen . Erwarten Sie etwas Bestimmtes von mir , wie z.B. daß ich Fräulein Stein einige Anleitung in der Malerei gebe , oder dergl. , so sagen Sie es nur gerade heraus ; ich werde es gern thun . « » Cunigunde malt nicht , « entgegnete Feldern , » und überhaupt ist es nicht ein Lehrmeister , den sie in Ihnen finden möchte , sondern eine Freundin . « » Wer das in mir sucht , dem komme ich entgegen mit vollem , offnem Herzen , und ich bin Fräulein Stein im Voraus dankbar für ihr Zutrauen . Aber , mein bester Feldern , vergessen Sie nicht , daß ich nicht die Person bin , welche je ihre Meinung zurückhält , und daß , wenn man mich um Rath fragt , keine Rücksichten mich hindern , ihn nach meiner Ueberzeugung zu ertheilen . « Hätte Feldern den Muth gehabt , Faustinen sein gespanntes Verhältniß zu Cunigunden offen darzulegen , so hätte sie ihn beschworen , die widerstrebende Braut fahren zu lassen , und auf keinen Fall sie selbst mit einer Person in Verbindung zu setzen , deren Ansichten sie theilte . Aber Feldern beharrte in seinem Eigensinn , Cunigundens Benehmen als eine nervöse Sentimentalität zu betrachten , welche der Zerstreuung , der freundlichen Theilnahme , der rückkehrenden Jugendkraft weichen würde . Wich sie - warum sollte er vorschnell Fremde von der obwaltenden Spannung unterrichten ? Wich sie nicht - und diesen Fall mochte er kaum sich selbst heimlich gestehen - so erfuhr das Publikum ja immer früh genug den eclatirenden Bruch . - Jetzt setzte er ihr aber nur auseinander , wie anmuthig und belebend ihr Umgang für ein junges kränkelndes Mädchen sein müsse , dem in einer beschränkten Häuslichkeit , bei einer strengherrschenden Mutter und einem schwachen , geistlosen Vater , solcher Verkehr durchaus entzogen sei . Faustinens Sympathie ward rege . Cunigunde kam ihr wie ein Echo ihres eignen Wesens vor . Ungeduldig , wie sie war , rief sie endlich : » Nun , ich sehe ihr mit derselben Theilnahme entgegen , die sie für mich geäußert hat ! bringen Sie nur recht bald sie zu mir . « Cunigunde war entzückt durch diese Botschaft , welche Feldern am Nachmittag ihr hinaustrug , Frau von Stein zufrieden , daß doch irgend etwas im Stande sei , die Tochter aus der unnatürlichen Gleichgültigkeit aufzurütteln , und Herr von Stein sehr gern bereit , mit ihr nach Dresden zu fahren und ihr ein kleines Amüsement zu verschaffen . Faustine dankte in ihrer Seele dem Himmel , der ihr so gnädig von allen Seiten Menschen zusandte , mit denen sie sich gut unterhielt . Mario war da , täglich , ja , wenn sie es gewünscht hätte , stündlich ; Mario , der sie so gut verstand , auf Ernst und Munterkeit einging , stets das zu sagen wußte , was , wenn es ihr auch nicht gefiel , doch sie zum Widersprechen anregte , woraus hervorgeht , daß es keine flache Aeußerungen waren ; Mario , um den allmälig eine hohe Leidenschaft starke Wellen schlug , die sein Herz umdrängten und ihn zu dem schönen » Stern der Meere « hintrugen , welcher alle Wogen zu einem Element des unermeßlichsten Glanzes verwandelte ; Mario , an den sie so oft , so gern , mehr als sie wollte , dachte - nicht um ihn zu lieben , aber um sich an diesem Dasein voll seltner Kraft und seltner Gaben zu freuen und zu erquicken - so wähnte sie . Dann war auch Clemens da ; doch weder erfreulich noch erquickend für sie - wie sie es früher wol gewähnt . Die letzten Tage in Oberwalldorf hatten ihr die Ueberzeugung aufgedrängt , daß er eine lebhafte Neigung für sie hege ; aber sie glaubte sich auf eine Weise gegen ihn benommen zu haben , die auf immer jede Hoffnung in ihm tödten und ihm das Unstatthafte seiner Empfindung dargethan haben mußte . Als er in Dresden erschien , hielt sie ihn für erwacht aus seinem Traum , denn es war ihr unmöglich , an eine dauernde Liebe ohne Erwiderung zu glauben , und sie hoffte ihm vielleicht von einigem Nutzen bei seinem Eintritt in die Gesellschaft zu sein , und seine frische , unverdorbene Seele vor bösen Einflüssen zu bewahren . Doch das gestaltete sich sehr bald ganz anders . Clemens hatte keineswegs ein Gefühl aus seiner Brust verbannt , das ihn einst berührte , wie der Sonnenstrahl die eingewickelte Raupe . Faustine war ihm nun einmal zur Hieroglyphe für Schönheit und Glück geworden : bei ihr verstand er jene , durch sie verstand er dieses . Aber das Wesen , das uns in den zwiefachen Himmel der Schönheit und des Glücks erhebt - lieben wir es nicht ? ist Liebe etwas Andres , als Offenbarung unendlicher Schönheit und unendlichen Glücks ? - So dachte Clemens in den langen öden Tagen , die auf Faustinens Abreise von Oberwalldorf folgten , und daß sie ihn nicht liebe , dachte er auch wol zuweilen , aber nie ohne den demüthigen Zusatz : wie hätte ich auch das verdient ? ist ' s nicht meine Seligkeit , ihr mein Herz zu geben ? das ihre will ich ja gar nicht . Wird nicht der Bettler von der Fürstenkrone erdrückt ? aber nehmen soll sie mein Herz ; nehmen muß sie es - wenn sie es in den Staub träte .... nein , das kann sie nicht ! sie muß den Werth eines Herzens erkannt haben , so wie die Gottheit ihn erkennt . Mit diesen Gedanken kam er aus dem Einerlei seines beschränkten thätigen Lebens nach Dresden . Hier sah er Faustine in ganz andern Verhältnissen als zu Oberwalldorf . Sie war umringt , bewundert , gefeiert , Männer und Frauen wünschten sehnlichst ihren Umgang , ihre Bekanntschaft ; wer ihr nahte , huldigte ihr , und was mehr ist - huldigte ihr gern . Ihm kam es vor , als ob alle Männer sie liebten , das Herz vor ihr niederlegten ; als sei das seinige dadurch im Werth nicht , aber im Preise gesunken . Wodurch sollte er denn ihre Augen , die verwöhnten , auf sich ziehen ? Er verlief sich unter der Menge . Er wurde eifersüchtig , wie ein Kind , ohne Gegenstand , ohne Grund . Dies Aufpassen , dies Haschen , dies Lauern machte ihn unzufrieden mit sich selbst , und deshalb wurde er verdrießlich und Faustine zur Last , die gar nicht wußte , was mit diesem Menschen anfangen , als - ihn wegzuschicken , und dazu hatte sie kein Recht . Bisweilen , wenn er allein mit ihr war , rührte seine Andacht sie , und sie war freundlich und herzlich nach ihrer Weise ; wie sie selbst sie bezeichnete : » Ich bin freundlich gegen alle Menschen - die mir gefallen , « - aber sobald sie freundlich war , gerieth Clemens in Entzücken , und sie mußte spotten und lachen , um dadurch seine Freudenflammen ein wenig zu dämpfen . Kamen nun gar andre Menschen hinzu , gegen welche sie gleichmäßig freundlich war , weil sie ihr keine Veranlassung gaben , ihr Benehmen zu ändern ; kam vollens der gehaßte Mario , von dem Clemens sehr schnell erkannte , daß er für Faustine in einer andern Reihe , als ihre gewöhnlichen guten Freunde stehe , nämlich in gar keiner und ganz abgeschieden - so tobten Wogen von Groll und Bitterkeit durch seinen sonst so sanften Sinn , und sein Mangel an Erziehung veranlaßte ihn zu einem Benehmen , welches ihn bald lächerlich , bald unerträglich machte . Faustine hatte gehofft , die Furcht , lächerlich zu erscheinen , würde ihn , der nicht ohne Schüchternheit war , in seinen Grenzen halten , aber die Leidenschaft übersprang und überwog jede Rücksicht . Jetzt war Faustine ganz gleichmäßig ernst gegen ihn und er kam seltner . Sie fragte ihn einmal , wo und mit wem er seine Zeit hinbringe , und er antwortete : » Mit jungen Künstlern ! ich will auch Maler werden . « Sie lachte , aber sie freute sich , daß er doch irgend eine Beschäftigung habe , da das nichtsthuerische Leben ihm , dem Arbeitgewohnten , leicht gefährlich werden konnte . Cunigunde kam . Faustine empfing sie mit der ganzen Holdseligkeit , die sie bezaubernd machte , und die immer , wenn ihr Herz berührt wurde , wie eine Glorie sie umfloß . Sie waren lieblich anzusehen , die beiden schönen Gestalten ! Cunigunde glich der Nacht mit ihrem dunkeln Haar