wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen wäre ; aber er ist klug , er benutzt sogleich Eure Bemühungen für den alten Bösewicht , um sich ganz frei zu machen . « - Er verschloß die Bücher und ging dann , die Hände auf dem Rücken , im Saale ziemlich lange auf und ab . Hierauf stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton : » Wie wär es denn , wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte ? Wenn Ihr auch nicht viel wißt , so wißt Ihr doch genug , um mich und den guten Gevatter da unten in seiner Apotheke verraten zu können . Am kürzesten zum mindesten wäre es so entschieden . Der schlaue , vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort . « Der Graf , ohne die Fassung zu verlieren , erklärte noch einmal bündig seine Absicht , und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei , eine bedeutende Summe für die Befreiung des Gefangenen zu verwenden , daß die Grausamkeit , ihn selbst zurückzubehalten , oder gar zu ermorden , eine ganz überflüssige sei : auch würden seine Anverwandten in Bologna , die Gerichte dort in Rom , ja die Kardinäle , der Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen , da sich die Größten des Landes , wie die Fürstin Margareta von Parma für ihn und sein Unternehmen interessiert hätten : ja , da , wie nicht unbekannt , Herren und Fürsten selbst diesen Bündnissen heimlich zugehörten , so könnte er wohl gar von diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden . Auch warte in der Engelsburg Ascanio auf seine Rückkehr ; dieser würde , im Fall sein Beschützer ausblieb , gewiß nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fäden in der Hand habe , ihnen wohl den allergrößten Schaden zufügen , weil unter solchen Umständen ihn der Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen würde . » Ihr seid ein kluges Männchen , Graf « , sagte Antonio , » und habt fast so viele Fassung wie unsereins . Die Sache , wie Ihr sie da vorstellt , ist nicht ohne . Der verwünschte Ascanio weiß gar zu viel , und so klug wir uns zu sein dünken , ist er denn doch vielleicht noch klüger . Nehmt nur , wenn ich Euch freigebe , die eine Überzeugung mit hinweg , daß , wenn Ihr Euch gelüsten ließet , irgendeinem sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten , was Ihr seitdem erfahren habt , Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein könntet . Übrigens ist Euer Ansuchen zu wichtig , die Sache zu verwickelt : ich für mich selbst kann nichts entscheiden , ich darf es nicht auf mich nehmen , und viele der Schiedsrichter sind nicht zugegen . Nur ein Mittel gibt es . Kommt mit dem Neumond mit Eurem Ascanio selber wieder hierher : dann ist der große Rat versammelt . Übrigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals . « - Der Graf begab sich wieder auf den Rückweg , indem er die seltsamen Verhältnisse der Welt übersann , wie er so freundlich und höflich noch vor wenigen Tagen von Kardinälen und fürstlichen Damen aufgenommen und beschützt war , und wie er in diesem Augenblicke in der Abhängigkeit eines gemeinen Menschen gewesen sei , der ihm eine große Gnade in seiner Meinung dadurch erwiesen habe , daß er ihn seine Straße wieder frei habe ziehen lassen . Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten , verständigen Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia . Der alte Mann erstaunte über die hohe Gestalt der noch schönen Matrone , über den Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung . Er faßte dadurch sogleich ein gutes Vorurteil für den Geist und den Charakter einer Frau , die sich mit solchem Wesen ankündigte . Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal nur in kirchlichen Funktionen gesehn , weil er die gewöhnlichen Zusammenkünfte der Menschen vermied ; sie verstand aber sein kluges Auge und wußte durch den verstorbenen Gatten , wie konsequent , umsichtig und beharrlich er sich von je in allen Geschäften des Lebens betragen hatte . Nach den ersten höflichen Begrüßungen sagte die Matrone : » Eminenz , es gehört zu den glücklichsten Vorfällen meines Lebens , mit einem so echten , wahrhaft tugendhaften Mann in nähere Verbindung zu kommen . Haltet es für keine Schmeichelei , denn ich spreche nur Wahrheit , daß ich unter allen Umständen ein solches Bündnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten , vornehmsten , ältesten Familien würde vorgezogen haben . « » Ich glaube Euch , würdige Dame « , antwortete der Kardinal ; » denn Euer hoher Sinn , Euer Edelmut wird von aller Welt gerühmt . Auch ist Euer und Eurer Tochter Entschluß deshalb zu loben , weil ihr es beide sehr gut Wißt , daß ich diesem meinem angenommenen Sohne keine großen Reichtümer , Schätze oder liegenden Gründe übermachen kann ; denn ich habe jene krummen Wege , mir Reichtum zu erwerben , immerdar vermieden . Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten werdet Ihr erhalten , und ein so anständiges , ja reichliches jährliches Einkommen , daß Ihr Euch dieser Vermählung wegen nicht einzuschränken braucht , und wenn das Haus , welches Ihr machen werdet , auch nicht zu den glänzendsten gehört , so wird es jeder Billige doch gewiß zu den anständigen und wohlhabenden rechnen . Ihr werdet Gesellschaft sehn , Diener halten ; die Mobilien , die Zierden des Hauses , sind edel , wenn auch nicht kostbar , und wenn Ihr noch Euer Vermögen mit diesen Einkünften vereinigt , werdet Ihr allen Sorgen des Lebens enthoben sein , und Freunden Euch gastfrei und wohltätig erweisen können . Auch ich hätte für meinen Neffen wohl eine berühmte hochadliche Familie finden können , die ihn nicht ungern aufgenommen hätte ; doch bin ich überzeugt , daß er in solcher Umgebung zugrunde gegangen wäre . Meine Familie , die mich ans Licht gebracht hat , war eine der ärmsten in der ganzen Mark , mit saurem Schweiß erbeutete sie ihr Leben ; sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wünschten , so konnten sie doch nicht das mindeste für mich tun ; wie mein frommer Freund und Beschützer , der in Gott selige Pius der Fünfte , bin ich in meinen frühsten Jahren nur ein Bettler gewesen , der lange von Wohltaten anderer leben mußte , die fast ebenso dürftig waren , als ich selbst . Glaubt mir , edle Frau , in der Armut , Hülflosigkeit , wo wir immerdar auf des Himmels Gnade und den persönlichen Beistand Gottes aufschauen müssen , tut sich eine Heiligkeit , eine süße Weihe kund , von der die Wohlhabenden niemals etwas erfahren . Und auf diesem Wege habe ich die Güter der Welt geringe achten lernen , ohne sie vorsätzlich zu verschmähen , aber kein Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen dürfen ; in Venedig , Spanien , in meinen Diözesen , immerdar war ich mir und meiner Überzeugung getreu . Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen können , aber Ihr habt Euch ebenfalls nie verleugnet , nicht den Großen aufgesucht , seines Einflusses wegen , noch vor dem Reichen , seines Goldes wegen , gekniet . Stark und fest seid Ihr , männlich und hochdenkend , und das hat mich hauptsächlich bestimmt meine Einwilligung so schnell zu geben , obgleich mein Neffe , streng genommen , zum Ehegatten noch zu jung und unreif ist . Ich sah es aber , wie bald er von dieser jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde ; ich liebe das Kind , ich wäre fähig , für diesen Jüngling alles zu tun , und drum übergebe ich diesen weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Führung , daß Ihr ihn zum Manne bildet , daß er Recht von Unrecht , Wahrheit von Lüge unterscheiden lernt . « » Die Aufgabe ist nicht leicht « , erwiderte die Matrone ; » damit es aber völlig gelingen könne , ist es notwendig , auch für das Heil meiner Tochter , daß Ihr mir eine Bitte bewilligt , und sie auch mit den Mitteln durchsetzt , die Euch gewiß zu Gebote stehen . « Sie erzählte ihm hierauf von der wilden , fast tierischen Leidenschaft des jungen Luigi Orsini , und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe , wie man vor ihm und seinen nichtswürdigen Helfershelfern , wie den besoldeten Banditen , in jeder Stunde zittern müsse . Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken . » Diese Ruchlosigkeit « , sagte er dann , » ist der wahre Wurmfraß unseres Staates , das Gift , welches schon seit lange alle seine Lebensadern durchdringt . Ein Drako täte uns not , der aber auch Kraft und Ansehen genug besäße , um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen . Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden , wenn es ja irgendeinmal besser werden soll . Unser verehrungswürdiger Heiliger Vater ist zu schwach , zu friedliebend , ja er ist so sehr Menschenfreund , daß er gern noch im tückisch verruchten Mörder das Bildnis seines Bruders anerkennt . Er vergißt nur , daß ein verziehener Mord zehn neue erzeugt . - Doch seid ruhig , denn in diesem Falle ist es meine heiligste Pflicht , dem drohenden Übel zu steuern , und es wird mir auch gelingen . Ich verspreche es Euch bestimmt , der wilde Jüngling soll Eure Schwelle niemals wieder betreten , und Euch weder in Gesellschaft , noch auf öffentlichen Straßen , oder in den Tempeln verletzen , wenn er nicht den Bann auf sein Haupt herniederziehen will . Das wird mir der Papst bewilligen , wenn er auch sonst nicht mein persönlicher Freund ist ; aber hier wird seine eigene Ehre , die meinige unmittelbar in Anspruch genommen . Er wird in dieser Sache die strengsten Befehle erteilen , und sie auch seinem Sohne , dem Gouverneur , schärfend mitteilen ; auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen . - Dann werde ich Rücksprache nehmen mit einem ältern Vetter des jungen Irrwisches , dem Herzoge Paul Giordano , dem tüchtigen , gedienten Bracciano . Vor diesem Mächtigen , wenn er sich erhebt , zittern alle diese Wildfänge ; ihm entgegenzuhandeln , wagen sie nicht , und er hat sich bisher immer als mein persönlicher Freund erwiesen . Also seid über diesen Punkt ohne alle Sorge . « » Ihr nanntet , Verehrter « , fuhr die Donna fort , » mein Vermögen ; es ist für eine Witwe wohl nicht unbeträchtlich , doch aber kaum zureichend , da ich noch Söhnen damit , die unversorgt sind , forthelfen muß . Und , was das schlimmste , ich bin nahe daran , es durch Schikanen einzubüßen . « - Sie erzählte ihm kürzlich , wie gerecht ihre Sache sei , wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden , und wie nur kürzlich , um sie zu quälen und vielleicht ihre Tochter zu verderben , ein Großer , den sie nicht nennen wolle , auf krummen Wegen es so weit gebracht , daß ihre Advokaten scheu zurücktraten , und die feindliche Partei nahe daran sei , zu gewinnen . » Ich kann wohl den erraten « , sagte Montalto , » den Ihr mit so vieler Klugheit verschweigt ; seid ruhig , ich werde diese Sache selber in die Hände nehmen , und meine tugendhaften Kollegen , der Medicäer Fernando und Borromäus werden mir Beistand leisten . Jener Ungenannte wird es niemals wagen , mit seinem offnen Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten , und so werden Advokaten und Richter ihre Bahn von selber wiederfinden . « Jetzt stand die Donna auf , faßte die Hand des Kardinals , küßte sie mit Inbrunst , indem sie von ihren heißen Tränen benetzt wurde . - » Was ist Euch ? « fragte der Alte erschrocken . - » O jetzt , jetzt « , rief sie schluchzend , » die größte Gnade das größte Opfer , das Ihr mir noch bringen müßt , um das Elend , das mich ins Grab drückt , wenn Ihr mein Flehn nicht erhört , abzuwenden - das Leben meines ungeratenen Sohnes ! « Er hörte die Geschichte des verirrten Jünglings ruhig an , und sagte am Schlusse : » Auch diese Bitte gewähre ich Euch , ob eine solche Verzeihung gleich meinen Gundsätzen und Überzeugungen völlig widerspricht . Auch dies muß mir Papst und Gouverneur bewilligen ; denn es ist das erstemal in meinem Leben , daß ich dergleichen verlange . Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte , er wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes gerier , so sind , das vergeßt mir nicht , für ihn meine Lippen versiegelt . « Sie trennten sich , beide füreinander mit der größten Hochachtung erfüllt . In ihrem Hause angelangt , fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter sitzen , mit der er schmeichelnd zart , verbindlich und fein , vielfache Gespräche führte . Die Matrone , als sie hereintrat , erschrak fast über die Schönheit der Tochter , die sich so blühend wie in dem Meisterwerke eines großen Malers von dem alten , klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob . Vittoria benutzte die erste Gelegenheit , sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn , und als die beiden allein waren , sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit : » Wo wart Ihr bis jetzt , geehrte Freundin ? « » Beim Kardinal Montalto « , antwortete jene . » Was wollt Ihr bei dem Duckmäuser ? « rief Farnese laut lachend ; » dieser kriechende , träge Esel aus der Mark , der in seinen Gebärden noch immer den Bettel seiner Eltern zur Schau trägt , der noch immer die Sprüchwörter der Kärrner und Viehtreiber von dort im Munde führt , ein würdiger Liebling jenes fanatischen Pius des Fünften , der ebenso armutselig entsprossen war - warum erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen , von der besten Gesellschaft , die Ihr gewohnt seid , so tief hinab ? « » Mäßigt Euch , Verehrtester « , sagte sie gelassen , » soeben haben wir abgeschlossen ; sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter . « - Dem Kardinal versagte das Wort im Munde , er war totenbleich geworden . Er , der dafür berühmt war , daß er nie , auch bei den größten Vorfällen des Lebens , in Verlegenheit geraten könne , konnte die Rede nicht wiederfinden , stotterte heftig und sagte endlich in lallendem Ton : » So ? - Das habt Ihr , wie Ihr glaubt , klug gemacht ? herrlich fabriziert ! Diesen gelblichen Strohgimpel , diesen unflüggen Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen ! « Er stand auf , stampfte mit den Füßen und knirschte mit den Zähnen . - » Ich dachte « , fing er wieder an , » Ihr würdet als eine verständige , erfahrne Frau , meine Vorschläge reiflich erwägen - aber nein , auch sie ist eine gackernde tugendhafte Gans , wie die übrigen schwatzenden regelrechten Maschinen . « Es war ihm unmöglich , seine Wut zu verbergen , und so verließ er das Haus . Sechstes Kapitel Nach kurzer Zeit , nachdem Graf Pepoli nach Rom zurückgekommen war , machte er sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen . Als sie im Felde waren , sagte der Freigewordene : » Nur zwei Arten von Menschen wissen das Glück der Luft , der Landschaft und des hellen Wetters zu würdigen , der Kranke , der eine tödliche Krankheit in seinem Bette überstanden hat , und sich nun wiedererholt , um die Natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Kräften zu begrüßen , und der Gefangene , der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete . Ach , welches Glück , Licht und Luft zu genieren ! Wen sie so in die freie Landschaft hinaushängen , der ist auf keinen Fall so übel daran , als dem sie in einem engen Gefängnishofe den Kopf abschlagen . « » Habt Ihr nun Hoffnung « , fragte der Graf , » daß wir unser Geschäft bald vollenden , und sogleich den armen Alten werden befreien können ? « » Wenn ich aufrichtig sprechen soll « , erwiderte jener , » so habe ich dazu die Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben , je mehr ich mir die Sache und ihre Schwierigkeiten überlegt habe . Denn ich sehe ein , sie haben seit meiner Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren ; viele Dinge müssen sich geändert haben , daß jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte . Wenn Ihr mir also mißtraut , mein Wohltäter , oder wenn Ihr irgend zagen wollt , da ich selbst nicht mehr weiß , wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe , so mögen sich hier unsere Wege auf immerdar trennen , und ich werde mich ewig Eurer Wohltat erinnern , die ich Euch nicht habe vergelten können . « » Und jener arme Gefangene ? « rief Graf Pepoli aus , » dessen einzige Hülfe und Hoffnung ich auf Erden bin ? Nein , mein guter Ascanio , laßt uns beide das Letzte , das Äußerste versuchen . Wenn man nur den Mut nicht verliert , so gestalten sich die Sachen immer besser , als man es erst erwarten konnte . « » Ich wandle mit Euch « , rief jener , » und wenn es in den Tod ginge . « Sie näherten sich dem Gebirge , und Ascanio fand es jetzt notwendig , sein Antlitz und seine Tracht zu verstellen . So kamen sie nach Subiaco , und ohne sich beim Apotheker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello . Der Kleine lächelte verschmitzt , als er ihnen die Tür öffnete . Oben saß in einem andern Zimmer , als jenem leeren , das Oberhaupt der Häscher . » Richtig « , rief ihnen dieser entgegen , » heute haben wir Neumond , und ihr seid weder zu früh noch zu spät gekommen . Wir gehn hinauf , nach dem Gebirge , denn die Versammlung ist dort . Ihr , Ascanio , kennt den Ort wohl : dort ist schon manches Urteil gesprochen worden , dort hat sich auch schon manche Strafe und Hinrichtung vollstreckt . « Antonio hatte indessen auch eine gewöhnliche Tracht angelegt , und unten im Hause trafen sie vier Sbirren , welche als Bauern gekleidet waren . Ascanio betrachtete diese Anstalten mit großen Augen , denn sie schienen ihm nichts Gutes zu verkündigen , und der Graf , der die Angst seines Reisegefährten wohl bemerkte , fing auch an , unruhig zu werden . In der Einsamkeit , als sie den Hügel überstiegen hatten , begegneten ihnen immer mehr und mehr Menschen , die sich ihnen anschlossen , so daß nach einiger Zeit ihr Zug ein sehr ansehnlicher war . Ascanio schaute ängstlich um sich , redete diesen und jenen an , da ihm aber keiner antwortete , so schwieg er endlich verlegen und überließ sich gefaßt und stumm seinem Schicksal . Jetzt waren sie mitten im Walde , weit abgelenkt von der gewöhnlichen Straße . Sie standen auf einem runden , grasbewachsenen Platze , der mit hohen Felsenstücken steil umgeben war . Hier wurde haltgemacht , und hinter den Felsen traten mehrere Gestalten hervor , die dem Ascanio sehr wohl bekannt waren , die aber alle beim ersten Auftreten sich so fremd gegen ihn stellten , als wenn sie ihn niemals gesehn hätten . Plötzlich sprang ein großer , rüstiger Mann in ihre Mitte und rief : » Jetzt sind wir beisammen , um Gericht zu halten . « Derjenige , der so rief , war in seiner Gestalt und seinem Antlitz auffallend genug . Er war ganz schwarz gekleidet : ein breiter Hut bedeckte sein Gesicht , auf welchem eine schwarze Feder schwankte . Sein Gesicht hatte den Ausdruck ungeheurer Wildheit , von einer großen Narbe , die quer über die linke Wange lief , noch mehr entstellt ; in seinen Gebärden , wie in seinen Reden war er sehr hastig , so daß er in seiner Eile oft stotterte und manche Worte nur undeutlich zu vernehmen gab . » Hierher , Ascanio ! « schrie dieser unbändige schlanke Mann : » Rechenschaft wird abgelegt , wen du von uns verraten hast , und warum du mit einem ganz fremden Mann ein Komplott geschmiedet hast , um uns alle an das Messer zu liefern ? « Ascanio erzählte alles genau und umständlich : seine zufällige Gefangennehmung , wie man ihn von den übrigen getrennt und auf die Engelsburg gesetzt habe , ein Ereignis , das ganz gewiß von den Anführern der Brüderschaft selber herrühre . Nun sei der bekannte Strada zum Tode verdammt , dieser habe dem Grafen Pepoli , der sich um den Gefangenen aus Subiaco großmütig bemüht , zuerst den Ascanio genannt , weil dieser vielleicht Mittel und Wege angeben könne , den wohltätigen Zweck zu erreichen . Sei irgendein Verrat vorgefallen , oder etwas dem Ähnliches , so sei einzig und allein dieser Verbrecher zu schelten . » Es war wohl natürlich « , endete der Sprechende , » daß ich meine Freiheit wünschte , und die Gelegenheit ergriff , die mir ein edler Mann anbot , und ihr solltet alle jubeln darüber , weil ich nicht weiß , was die Schwäche meiner menschlichen Natur auf der Folter oder die Furcht vor dieser möchte ausgesagt haben . Nun seid ihr dieser Besorgnis los und es gilt nur noch , wegen des alten Gefangenen mit dem Grafen zu unterhandeln , und dabei überdies ein ansehnliches Geld zu verdienen . « » Nein ! « rief der große , wilde Mensch , und stampfte dazu mit den Füßen ; » keine Auslösung , wenn es nach mir geht ! Wozu haben wir den alten Graubart dort seinem weichen Bett entrissen ? Um ein Beispiel aufzustellen , um die Gerichtshöfe , Häscher und Soldaten einzuschüchtern , daß keiner allzu dreist uns in die Zügel zu greifen wage . Der Preis , den wir festgesetzt , sollte nur dienen , Überkluge , Vorwitzige herbeizulocken , und die kennenzulernen , die uns etwa jetzt oder in Zukunft gefährlich werden könnten . Auch diese wollten wir verderben , und nachher die Glieder des Alten , zum Schrecken und Entsetzen der Gerichte und Häscher , in den Städten und Dörfern als Denkmal unsrer Macht und unerbittlichen Grausamkeit aufstecken . Nun soll alles dies durch Wort und Rede eines schwächlichen Verräters und auf sein Ansinnen vergeblich sein und widerrufen werden ? Nein , ihr meine männlichen starken Freunde , laßt euch nicht so arg von einer glatten Zunge betören . Der Fremde , der so vorwitzig unsere Kreise betrat , er falle zuerst , zum abschreckenden Beispiel anderer Überklugen und Anmaßlichen . Nachher mögen wir untersuchen , ob uns Ascanios Leben oder Sterben nützlicher sei , denn er weiß allerdings zu viel , als daß wir ihn nicht als eines der bedeutendsten Glieder unseres Bundes betrachten sollten . So zieht denn die Schwerter ! « Mit einem wilden tierischen Geschrei waren mehr als hundert Waffen entblößt . Bei diesem Anblick sprang Ascanio wie rasend von seinen Begleitern fort und stellte sich dem Redenden gegenüber . » Halt ! « schrie er , so laut er es vermochte : » seid ihr unsinnig ? Bist du , Hauptmann , trunken ? Diesen Großmütigen , den harmlosen Fremden wollt ihr in eurer tierischen Wut aufopfern ? Und ich soll ihn auf die Schlachtbank geliefert haben ? Ich , der Befreite , seinen Wohltäter ? Wenn ihr denn nicht Mensch , wenn ihr denn rohes Vieh sein wollt , so nehmt mein Blut zuerst , so treu ich euch und dem Bunde immer war , schlachtet mich zu eurer Sicherheit , der ich um alle eure Geheimnisse weiß , aber ihn , den edlen Mann laßt zu seiner Heimat sicher und ungefährdet zurückkehren . Das sei das letzte Zeichen eures Wohlwollens für mich , eures ehemaligen Vertrauens , daß ihr mich statt seiner , als freiwilliges Opfer annehmt . « » So sei ' s fürs erste ! « schrie der Unbändige mit schäumendem Munde , und so war es in einer Sekunde um Ascanio , und wohl auch um den Grafen geschehen , wenn nicht in demselben Augenblick schnell wie ein Blitz vorspringend , ein schöner schlanker Jüngling vor dem Wütenden gestanden hätte . - » Steckt eure Degen und Dolche ein « , rief er mit lauter , wohlklingender , aber doch gebietender Stimme ; » ich habe alle eure Reden vernommen , ich war noch kürzlich selbst in der Stadt , und kenne die Umstände genau ; ich weiß , Ascanio ist unschuldig , und ganz im Recht , ihr wart im Begriff einen Mord zu begehn , anstatt ein Strafurteil zu vollziehen . Willst du , Ascanio , nun wieder zu uns treten , oder darfst du es wagen , für dich selbst dein Leben zu führen , uns unbekannt , und keinen kennend , wer dir auch von uns jemals wieder erscheinen wird ? « » Das letzte ist mein Wunsch , edler Hauptmann « , sagte Ascanio mit bittender Stimme . » Und Ihr , Graf « , fuhr der Jüngling fort , » wünscht Euren alten Vetter wiederzuhaben , und selbst ungefährdet aus diesem zornigen Kreise zurückzukehren ? « » So ist es « , antwortete Pepoli . Der junge Mann entfernte sich hierauf mit dem Grafen tiefer in den Wald , wo sie von niemand gehört werden konnten . » Ihr seid mir dankbar « , fing er an , » wenn ich Euern Wunsch erfülle ? « » Ohne Zweifel . « » Und was tätet Ihr wohl , wenn das alles in Freundschaft , und selbst ohne das mindeste Lösegeld erfüllt würde ? « » Alles « , antwortete der Graf , und sah ihn mit Verwunderung an . » Es geschehe « , fuhr jener fort , » wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt , niemals , von allem , was Ihr gesehn und gehört , zu irgend jemand zu sprechen , keinen von uns zu kennen , wo Ihr ihn auch wieder treffen mögt , oder ihn gar auf diese Begebenheiten anzureden - und , zweitens , wenn Euch jemand diese Chiffer bringt , ihn aufzunehmen , einige Stunden zu verbergen , und heimlich und sicher weiterzuschaffen . Wenn Euch diese Kleinigkeit ein Äquivalent ist für jenes Alten und Euer eigenes Leben so reicht mir die Hand an Eides Statt , daß Ihr diese nicht schweren Bedingungen erfüllen wollt . « Der Graf gelobte . » So geht denn mit Eurem Ascanio zur kleinen Stadt zurück ruht und erholt Euch dort im Gasthofe , binnen einer Stunde wird der Alte , der so lange entfernt war , bei Euch sein « So geschah es . Der Alte ward zu seinem Verwandten , der um ihn so viel gewagt hatte , unbeschädigt und ziemlich wohl hingeführt : die Freude , sich wiederzusehn , wurde von beiden nicht ohne Tränen gefeiert . Man machte Anstalten , bequem nach Rom zu reisen , Ascanio aber , der eine Sehnsucht zu den Seinigen hatte , die im Florentinischen lebten , wollte auf dem kürzesten Wege zu diesen eilen . Der Graf gab ihm die ganze Summe zum Geschenk mit , die er für die Auslösung seines Verwandten bestimmt hatte . Langsam und bequem ward jetzt mit dem kränkelnden Alten die Reise nach Rom unternommen . In der Nähe der Stadt stieg der Graf vom Wagen , um zu Fuß durch das Tor zu gehn . - Am frühsten Morgen schon hatte Donna Julia den feinsten und zierlichsten Brief vom Kardinal Farnese empfangen . Er sagte in diesem : der sicherste Beweis , welche Leidenschaft ihn schon seit lange für Vittoria entzündet habe , sei die rohe Ungezogenheit , zu welcher er sich in seinem vorgerückten Alter habe hinreißen lassen , wodurch er sich und seinen Stand entwürdigt , sowie seine liebste und teuerste Freundin gekränkt und verletzt habe . Wie es aber edlen Seelen anstehe , dergleichen traurige Augenblicke , in welchen wir uns nicht selbst angehören , zu vergessen , so sei er auch überzeugt , die Großmütige habe ihm schon vergeben , und sein Bestreben solle sein , durch alle nur irgend möglichen Beweise der Freundschaft sie auch diese schwarze Stunde vergessen zu machen . Er hoffe also , als ein Zeichen der Vergebung die Erlaubnis erneuert zu sehen , ihr Haus besuchen zu dürfen , um Zeuge des Glückes zu sein , und seinen Geist , wie es immer geschehe , an diesen herrlichen Gemütern der beiden Frauen zu erheben und zu erfrischen . - Es war beschlossen , das Fest der Vermählung nur mit wenigen der vertrautesten Freunde zu feiern . Der Kardinal fühlte sich zu unwohl , um zugegen sein zu können , doch war der alte Caporale eingeladen , einige Edelleute mit ihren Frauen , und der Graf Pepoli , von dem man aber erfuhr , daß er verreist sei und keiner den Tag seiner Wiederkehr bestimmen könne . Jetzt trat aber Graf Pepoli umgekleidet vor die Kirchentür , indem der Zug der Hochzeiter sich aus dem übervollen Tempel drängte , denn Adel und Unadel waren zugegen gewesen , um die Zeremonie anzusehen . Der Graf begrüßte die Mutter nicht ohne Bewegung , indem er sagte : » Wie glücklich ist dieser junge Bräutigam , wie sehr könnte ich ihn beneiden ! « - Die Mutter flüsterte ihm entgegen : » Wenn Ihr mir früher im Ernst so gesprochen hättet , wäre ich auch wohl glücklich . « - Pepoli stutzte . Geputzt ,