ich geboren bin , kriechend zu lernen wie die Raupe . - Wahrlich , ich möchte gern wissen - nicht wie mit der alten raupenfräßigen Geschichte . - Ach Gott ! - ich hab keine Aussicht ! - Gestern abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten ; da hört ich ordentlich das Gras wachsen , aber so was gilt nicht für Gescheitheit oder Verstand . Die grünen Äpfel am Spalier unterm grauen Laub , die bepelzten Pfirsich muß ich respektieren , die kommen vorwärts , aber ich - da wollt ich mich besinnen , auf was ich von je an gelernt hab , da kann ich doch nicht die Gebetchen mehr , die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte . Das Vaterunser , den Glauben , den englischen Gruß kann ich nur noch bruchstückweis ; den ganzen Sommerabend , auf den ich so lüstern war , hab ich versimuliert , um den Glauben wieder zusammenzuflicken : » Aufgefahren zu den Himmeln « - so weit - schreibe mir ' s im nächsten Brief was folgt . - Aber im Grund : - Aufgefahren zu den Himmeln , wär ein gut End , wenn Du ' s also auch vergessen hast , so schad ' s nichts , so brauchen wir beide es nicht zu wissen ; aber nachkommen tut noch was , das weiß ich . - Samstag Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein , die Mückchen und Käfer haben ihn vertanzt und versummt , die verstehen das Schwelgen im Genuß ; ich hab sie belauscht , im hohen Gras überbaut von der Leinwand , die da auf der Bleiche liegt . Die alte Cousine begoß sie ein paarmal in der Mittagsglut , es dauerte eine Weile , bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten , ich hörte da unten der Musikprobe zu von den Symphonien , die aus dem Boskett herüberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten über alles , was es nicht fassen konnt . Musik - in Tönen daher getragen durch die Lüfte , die ganze Gewalt der Offenbarung über uns ausströmend und dann verschwebend - wer kann sie wieder wecken , wenn sie verhallt ist ; ich bin so närrisch , mir deucht , ich müßt verzweifeln , daß sie verklungen ist und hab ihr nichts abgewinnen können . So wird ' s noch manchmal gehen , es wird klingen und ich werd ' s nicht fassen . Gestern sprach ich mit der Großmutter , die sagte : » Was der Verstand nicht faßt , das begreift das Herz . « - Ich begreif das wieder nicht . Heut morgen sagt der Hoffmann : » Der einfache Harmoniensprung ist , wenn zwischen zwei aufeinander folgenden Akkorden eine Harmonie im Verstande gehört wird . « - Ich hör nicht im Verstand diese Harmonie , ich bin ganz durchdrungen von dem , was ich fühle , nicht was ich versteh . - Glaub ' s , Musik wirkt , begeistert , entzückt , nicht dadurch , daß wir sie hören , sondern durch die Macht der übergangnen dazwischenliegenden Harmonien , diese halten den hörbaren körperlichen Geist der Musik durch ihre unhörbare geistige Macht verbunden mit sich . - Das ist das ungeheure Einwirken auf uns , daß wir durchs Gehörte gereizt werden zum Ungehörten ; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und durch alle mit jedem einzelnen besonders ; allein ich kann ' s sagen - gewiß , ich bin während der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen , wie Gott die Welt erschaffen hat . - Das große Wort : Es werde , leuchtet mir ein . Ohne das Eine ist Alles nichts ; ohne Alles ist nicht das Eine . Im Atemzug wallt die ganze Schöpfung : Feuer , Erde , Luft und Wasser , und alles Leben , und alles Sein ist Vermählung dieser vier Geister , die das Leben des Weltalls sind . Diese vier schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist , den sie ineinander vereinigen . Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander . In jedem Wesen , das lebt , erzeugen sich die Elemente ; das ist Geist , der ist Musik . Auch das Tier hat Musik , es ist sinnlich durchdrungen von Wasser , Luft , Erde und Feuer , von ihrem Geist , der in ihm sich erzeugt , darum wird ' s so aufgeregt durch Musik , weil seine Sinne in ihr schlummern , träumen , und alles hat gleiche Rechte an die Gottheit , was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird . - Ich hab ' s aufgeschrieben , ich starr diese Zeilen an und weiß nicht , was ich sagen wollte . - Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken , aber dort unter der Leinwand , wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte , wo ich im Netz gefangen lag all der blühenden Gräser , dort war mir ' s klar : Nicht , was wir mit den Sinnen vernehmen , ist wahre Wollust , nein ! - vielmehr das , was unsere Sinne bewegt - zum Mitleben , Mitschaffen , das ist Leben , das ist Wollust - wirkend sein ! - Genug , die Geister waren mächtig in mir während der Musik ; deutlich riefen sie mir zu : » Eine Geige nimm und fall ein , so wie du fühlst , daß du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst , und kannst ihn heben und dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung - und dort auf der Höhe dich ausdehnen , dich fühlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme mit . « - Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden , er müßte heimlich die Welt beherrschen , ohne daß es einer merkt , und das ganze Universum kläng ihm wie eine Symphonie , und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff und schalmeiete zu seinem großen Weltpläsier . Ja , ich versteh ' s , dem Hoffmann werd ich ' s zwar so nicht sagen , dem werd ich den ersten , zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen , und wie alles mir unterworfen ist zu dienen , wie ich jedem die Herrschaft übertragen kann und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche , solang ich im Strom göttlicher Harmonie mitschwimme . Adieu ! Ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner Wahrnehmungen und packe , was ich zuerst erwische , um mich aus dem eignen Unverstand loszuwinden . An die Bettine Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer ; daß er Dir möglichst kurz die Physiognomien der Völkerschaften umschreibt , ist ganz wesentlich . Du weißt jetzt , daß Ägypten mit Babylonien , Medien und Assyrien im Wechselkrieg war , fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein . Regsam und zu jeder Aufgabe kräftig - waren ihre Unternehmungen für unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig ; sie zagten nicht , bei dem Beginn das Ende nicht zu erreichen , ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer Städte , ihrer Tempel , ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in ihren Plänen , das wenige , was wir von ihnen wissen , gibt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willenskraft , die stärker war als die jetzige Zeit zugibt , und leitet zu dem Begriff hin , was die menschliche Seele sein könnte , wenn sie fort und fort wüchse , im einfachen Dienst ihrer selbst . Es ist mit der Seelennatur wohl wie mit der irdischen , ein Rebgarten auf einen öden Berg gepflanzt , wird die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen ; so auch wird die Seele auf Deine Sinne wirken , die vom Geist durchdrungen den Wein Dir spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch höherer Offenbarung . Die Seele ist gleich einem steinigten Acker , der den Reben vielleicht grade das eigentümliche Feuer gibt , verborgne Kräfte zu wecken und zu erreichen , zu was wir vielleicht uns kein Genie zutrauen dürften . Du stehst aber wie ein lässiger Knabe vor seinem Tagwerk , Du entmutigst Dich selbst , indem Du Dir den steinigten Boden , über den Dorn und Distel ihren Flügelsamen hin und her jagen , nicht urbar zu machen getraust . Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte Steppe gebettet , der aufgeht , um tausendfältig zu prangen . - Dein scheuer Blick wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen . Du gehst trutzig an Deiner eignen Natur vorüber , Du dämpfst ihre üppige Kraft mit mutwilliger Verschwörung gegen ihren Wahrnehmungsgeist , der Dir ' s dann doch wieder über dem Kopf wegnimmt , denn mitten in Deiner Desolationslitanei sprühst Du Feuer , wo kommt es her ? - Haben Dich die Erdgeister angehaucht ? - Fällt Dir ' s vom Himmel ? - Schlürfst Du ' s mit der Luft in Dich ? - Ich weiß es nicht , soll ich Dich mahnen , soll ich Dich stillschweigend gewähren lassen ? - Und vertrauen auf den , der Dir ' s ins Gesicht geschrieben hat ? Ich weiß es wieder nicht . - Ich möchte wohl , aber dann wird mir zuweilen so bange , wenn ich , wie in Deinem letzten Brief , das Vermögen in Dir gewahr werde , wie das lässig in sich verschränkt keinen Mucks tut , als ob der Schlaf es in Banden halte , und wenn ' s sich regt , dann ist ' s wie im Traum , nur Du selber schläfst um so fester , nach solchen Explosionen ! - Ob ich recht tue , Dir so was zu sagen ? - Das quält mich auch , man soll den nicht wecken , der während dem Gewitter schläft ! - Du kommst mir nun immer vor , als entlüden sich elektrische Wolken über Deinem verschlafenen Haupt in die träge Luft , der Blitz fährt Dir in die gesunkne Wimper , erhellt Deinen eignen Traum , durchkreuzt ihn mit Begeisterung , die Du laut aussprichst , ohne zu wissen , was Du sagt , und schläfst weiter . - Ja , so ist ' s. Denn Deine Neugierde müßte aufs höchste gespannt sein auf alles , was Dir Dein Genius sagt , trotzdem , daß Du ihn oft nicht zu verstehen wagst . Denn Du bist feige - seine Eingebungen fordern Dich auf zum Denken ; das willst Du nicht , Du willst nicht geweckt sein , Du willst schlafen . Es wird sich rächen an Dir - magst Du den Liebenden so abweisen ? - der sich Dir feurig nähert ? - Ist das nicht Sünde ? - Ich meine nicht mich , nicht den Clemens , der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht , ich meine Dich selbst - Deinen eignen Geist , der so treu über Dir wacht , und den Du so bockig zurückstößt . - Je näher die Berge , je größer ihr Schatten , vielleicht , daß Dich die Gegenwart nicht befriedigt , was uns näher liegt , wirft Schatten in unsre Anschauung , und daher ist gut , daß der Vergangenheit Licht die dunkle Gegenwart beleuchte . Darum schien mir die Geschichte wesentlich , um das träge Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen , in ihr liegt die starke Gewalt aller Bildung - die Vergangenheit treibt vorwärts , alle Keime der Entwicklung in uns sind von ihrer Hand gesäet . Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit , die in dem Menschengeist wogt , die andre ist die Zukunft , daher kommt jede Gedankenwelle , und dorthin eilt sie ! Wär der Gedanke bloß der Moment , in uns geboren ? - Dies ist nicht . Dein Genius ist von Ewigkeit zwar , doch schreitet er zu Dir heran durch die Vergangenheit , die eilt in die Zukunft hinüber , sie zu befruchten ; das ist Gegenwart , das eigentliche Leben ; jeder Moment , der nicht von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwächst , ist verlorne Zeit , von der wir Rechenschaft zu geben haben . Rechenschaft ist nichts anders als Zurückholen des Vergangenen , ein Mittel , das Verlorne wieder einzubringen , denn mit dem Erkennen des Versäumten fällt der Tau auf den vernachlässigten Acker der Vergangenheit und belebt die Keime , noch in die Zukunft zu wachsen . - Hast Du ' s nicht selbst letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt , wie der Distelbusch an der Treppe , den wir im Frühling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwärmen sehen , seine Samenflocken ausstreute : » Da führt der Wind der Vergangenheit Samen in die Zukunft . « Und auf der grünen Burg in der Nacht , wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten - sagtest Du damals nicht , der Wind komme aus der Ferne , seine Stimme töne herüber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang in die Zukunft hinüberzueilen ? - Unter dem vielen , was Du in jener Nacht schwätztest , lachtest , ja freveltest , hab ich dies behalten und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen großen Rosinen aufwarten , deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust . - Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs , nur daß ich armes Füchslein ganz unschuldig die flache Schüssel Geschichte Dir anbot , Du aber Langschnabel , hast Dir mit Fleiß die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbaß und Harmonielehre erwählt , wo ich denn freilich nüchtern und heißhungrig dabeistehe . Den Blumenstrauß hat der Jude4 abgegeben , den Wacholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt , sie umduften ihn , die blauen Perlen , und die feinen Nadeln sticheln auf ihn . - Wenn Du kommst , so verbrennen wir sie im Windöfchen in meiner Kammer , und alle bösen Omen mit , drum sei nicht ungehalten , wenn ich Dir manchmal ein wenig einheize , ich freu mich aufs lustige Feuerchen . Karoline Sei mir ein bißchen standhaft , trau mir , daß der Geschichtsboden für Deine Phantasien , Deine Begriffe ganz geeignet , ja notwendig ist . - Wo willst Du Dich selber fassen , wenn Du keinen Boden unter Dir hast ? - Kannst Du Dich nicht sammeln , ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen ? - Vielleicht weil , was Du zu fassen hast , gewaltig ist , wie Du nicht bist . - Vielleicht weil der in den Abgrund springt freudigen Herzens für sein Volk , so sehr hatte ihn Vergangenheit für Zukunft begeistert , während Du keinen Respekt für Vaterlandsliebe hast - vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt für die Wahrheit , während Du Deine phantastischen Abweichungen zu unterstützen nicht genug der Lügen aufbringen kannst , denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen süßen Trauben der Offenbarung , die über Deinen Lippen reifen . Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird , bin ich begierig zu erfahren . - Wenn er verstehen soll , ob Du recht verstanden hast , so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir . - Das ist es eben - die heilige Deutlichkeit - die doch allein die Versicherung uns gewährt , ob uns die Geister liebend umfangen . - Wenn ' s nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien , mit Deinen physikalischen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsätzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt ; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen können , ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen . - Karoline An die Günderode Du strahlst mich an mit Deinem Geist , Du Muse , und kommst , wo ich am Weg sitze , und streust mir Salz auf mein trocken Brot . - Ich hab Dich lieb ! Pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster , und ich reiß mich aus meinem mondhellen Traum auf und geh mit Dir . - Deine Schellings- philosophie ist mir zwar ein Abgrund , es schwindelt mir , da hinabzusehen , wo ich noch den Hals brechen werd , eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund , aber Dir zulieb will ich durchkriechen auf allen Vieren . - Und die Lüneburger Heid der Vergangenheit , die kein End nimmt , mit jedem Schritte breiter wird - Du sagst im Brief , der mir zulieb so lang geschrieben ist , sie sei mir notwendig zum Nachdenken , zur Selbsterkenntnis zu kommen ; ich will nicht widersprechen ! - Könntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden , die mich in dieser Geschichtseinöde verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten , auf dem Du so ruhig dahinwallest , und mir die Zaubergärten der Phantasie unsicher und unheimlich machen , die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten aufnehmen . - Tut der Lehrer den Mund auf , so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund , der die Mammutsknochen der Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug , das nicht keimen , nicht blühen mehr will , wo Sonn und Regen nicht lohnt . - Indes brennt mir der Boden unter den Füßen um die Gegenwart , um die ich mich bewerben möcht , ohne mich grad erst der Vergangenheit auf den Amboß zu legen und da plattschlagen zu lassen . Du sprichst von meinem Wahrnehmungsvermögen mit Respekt ; hab ich ' s aus der Vergangenheit empfangen , wie Du meinst - wenn ich Dich nämlich recht versteh , so weiß ich ' s doch nicht , wie ' s zuging . - Ist ' s der Genius , der dort herübergewallt kommt ? - Das willst Du mir weismachen ! - Feiner Schelm ! - Mein Genius , der blonde , dem der Bart noch nicht keimt - sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm ! - Wahrlich , es gibt Geister , die drehen sich um sich selber wie Sonnen ; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin , sie tanzen auf dem Platz , Taumeln ist ihr Vergnügen , der meinige ist ganz berauscht davon , ich lasse mich taumelnd dahintragen . Der Rausch gibt Doppelkraft , er schwingt mich auf , und wenn er mich auch aus Übermut den vier Winden preisgibt , es macht mir nicht Furcht , es macht mich selig , wie sie Ball mit mir spielen , die Geister der Luft ! - Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Füße zu stehen , mein Genius setzt mich sanft nieder - das nennst Du schlafen in träger Luft , das nennst Du feige ? - Ich bin nicht feige ; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken , meinst Du - und daß ich dann lieber schlafe , meinst Du - Ach Gott ! - Denken , das hab ich verschworen , aber wach und feurig im Geist , das bin ich . - Was soll ich denken , wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln , wie kann ich sie an den Morgen knüpfen , der mit mir vorwärts eilt ? - Das ist die Gegenwart , die mich mit sich fortreißt ins ungewisse Blaue , ja ins Ungewisse ; aber ins himmlische , blonde , goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen , der die Rosse gewaltig antreibt und weiter nichts . Der Abend fängt mich auf in seinem Schoß , sinnend lieg ich ein Weilchen , lausch in die Ferne ! Größere Helden deucht mir da auf der vollen Heerstraße der Geschichte , am heutigen Tag ihre mutigen Rosse tummeln zu hören ; ja , ich will , ich möcht hin , das Banner vor ihnen hertragen , wie wollt ich mich des Lüftchens freun , das drin flattert , wie wollt ich mich der eignen Locken freun , die getragen im jauchzenden Galopp mich umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen , wie kühn ins Leben hineingejagt , wie rasch hinter ihm drein , über die Heid ! - Wie lustig ! Aufwärts , vorwärts , hinab durch den Dampf . - Der auf dem Berg winkt , sein Aug ruht auf mir , seine Trommeln lenken , seine Trompete ruft ! - Und dann in der Nacht - vor seinem Zelt ! - Und schlaf fest , denn er , der Zeiten Genius , weckt zur rechten Stund , und im Schutze seines Gefieders schau ich die Gefilde ihn überwallen , die Völker wecken , sie anglühen mit seinem Feuerblick , daß sie freudig Hochzeit machen mit dem Tod , auf lorbeerumsproßtem Bett - nun , Kamerad , willst Du mit ? Heute hat die Vergangenheit ausgespien , so kurz wie möglich , denn ich saß ihr auf dem Dach , das assyrische Reich , von Asser gleich nach dem babylonischen Reich gestiftet ; das Wort » gestiftet « macht mir immer Zerstreuung , vom Kloster her noch , wo ich so oft hab vorlesen müssen , der heilige Bonifazius stiftete den heiligen Orden der Benediktiner , oder der Antonius von Padua oder Franziskus und so weiter , es gemahnt mich an jene Kämpfe , die diese heiligen Feldherrn mit der Legion Teufel zu bestehen hatten , und da denk ich mir gleich alle Völker , mit denen sie im Kampf waren , gehörnt mit Bocksfüßen , feuerspeiend und pestilenzialischen Gestank verbreitend , den mir die Vergangenheit herüberweht . - Die heiligen Assyrer aber in Kutten , die ihnen das Kämpfen erschweren . - Ich denk , ich denk - alle Teufel , unterdes Ninus der Eroberer von Mittelasien herüberwitscht , Ninive die Hauptstadt von Assyrien , erbaut , mit Tod abgeht , seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stück Babylon zu bauen übrig läßt , worauf sie glänzende Feldzüge macht - das alles versäumt über dem Kloster und Waldteufel samt heiligen Ordensmännern . - Durch Winkelzüge und Fragen kriegt ich ' s aus dem Lehrer noch heraus , daß weiter nichts passiert war . Über der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen lassen , daß sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens davonkommt , sonst wüßten wir gar nichts . In der Folge beherrschten die Meder Assyrien , es machte sich wieder frei , bis der Babyloner König Nabopolasar ( unter welchem ich mir einen Centaur denk , der Silbenfall seines Namens hat etwas Ähnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners ) es erobert und mit den Persern teilt . - Damit hat die Vergangenheit für heute noch nicht genug , sondern meldet ferner : Die älteste Geschichte der Meder ist unbekannt , Arbazes , ihr Statthalter , befreit durch Überwindung des Sardanapal vom assyrischen Joch im Jahr der Welt 3108 , genau gemessen , des Lehrers Phantasie erstreckt sich lediglich aufs Jahr der Welt . Dejozes erbaut Eckbatana ( lies Tians Offenbarungen über diese herrliche Stadt ) . - Astyages ( wo kommt der her ? ) vermählt seine Tochter dem Perserkönig Kambyses , dessen Sohn Cyrus seinen Großvater vom Thron stieß ( der also zu lang sitzen geblieben war ) - , er vereinigt Medien , Assyrien und Persien und stiftet das große medopersische Reich , der Jud Hirsch vom Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein , es in Besitz zu nehmen , er wird ' s unterjocht halten in seinem alten Sack , bis Du ' s befreiest , schmeißt Du ' s ins Ofenloch mit dem alten Papier , so bringst Du mich um einige schwer eroberte Vergangenheit . - Schreib vom Märchen . - Schreib dem Clemens nichts von mir , sag ihm nur nichts von meiner Ausgelassenheit , er meint gleich , ich wär besessen , er tut mir tausend Fragen , er ist ganz verwundert , daß ich so bin , er forscht , er sucht eine Ursach und frägt andre Leut , ob ich verliebt sei , wo ich doch nur im heiligen Orden meiner eignen Natur lebe . Zum Beispiel wenn er wüßte , daß ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase , würde er ' s gutheißen ? - Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen , ich kann ihm nichts versagen . - Red nichts von mir , laß die Leute bei ihrer herzlich schlechten Meinung von mir , es ist meine beste Freud , ich geh mit meinem Dämon um , der sagt : Du sollst dich nicht verteidigen . - Ich tu , was er will , alles andre ist mir einerlei ; einmal hab ich Visionen von ihm , so gut ward ' s der Psyche nicht , sie sah doch nicht seinen Widerschein ; denn es war stockfinstre Nacht um sie , ich aber , wenn ich ' s im Herzen fühl , so seh ich ' s auch , was mich entzückt , warum ich leben mag , himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl , vortretend , ein bißchen auf die Seit geneigt , steht er immer vor mir , nicht den Blick mir grade zuwendend , nein , bescheiden zeigt er sich in meiner Brust , der Gott , dem ich mich einschmeichle , mit süßen Tränen , der mich morgens vom Lager schüttelt , wo ' s kaum tagt , ich soll mich aufmachen , vielleicht begegne ich ihm bei Tagesanbruch , so eil ich flüchtig vorwärts , ich fühl mich schön im Herzen , ich fühl meine Schönheit , mein Geist ist ein Spiegel , der ist voll himmlischem Reiz - jeder Tautropfen am Weg sagt mir , ich gefalle meinem - ihm , was braucht ' s mehr , wem sollt ich noch gefallen wollen außer ihm ? - Nein , glaub ' s doch nur , er ist wirklich ! Er schreitet so leicht , er entschwindet mit jedem Tritt , aber er ist gleich wieder da ! Wie sich das Licht im Auge spiegelt , mich blendend deckt es sich im Schatten , dann faßt es wieder Licht , dann schwindelt ' s , es sieht den Strahl verschweben , doch leuchtet der fernerhin wieder auf , das Auge sucht ihn , es hat ihn schon gefunden , dann schließt sich ' s und siehet innerlich , das ist ein still Genießen . - O , ich weiß alles ! - Ich weiß zu lieben , aber nur den Genius . - Keiner darf wissen das Geheimnis , was sich im Feuerkreis um mich schwingt . - Wenn ich so dasteh , still - mit geschlossenen Armen . - Und der Blick , den nennt die Großmama starr - » Mädele , was starrst - sollt man glauben , Du wärst außer der Welt entrückt . « - Ich fuhr auf - da lacht sie . - » Gutes Kind , wo bischt ? - bischt beim Schutzengel ? « - und zieht meine Hand an ihre Brust - » so sagen die Schwaben , wenn einer so in sich verstummt . « - Ich wollt ' s bejahen und konnt doch nicht . - Der ruft mir : » Schweig ! « - und sollt ich einen Laut tun ? - ? Nein , er sagt : » Schweig ! « Das schließt mir den Mund auf ewig . - Ewig , Günderod . - Du bist der Widerhall nur , durch den mein irdisch Leben den Geist vernimmt , der in mir lebt , sonst hätt ich ' s nicht , sonst wüßt ich ' s nicht , wenn ich ' s vor Dir nicht ausspräch . - Dem Clemens sag nichts , als daß ich brav studier , wie ' s vom Himmel regnet , und daß nichts dabei herauskommt , das sage auch , aber von mir - von uns sag nichts . Er braucht ' s nicht zu wissen , daß wir so himmlische Kerle sind , heimlich miteinander , wo er nicht dabei ist und keiner . Schau auf , Günderod , gleich wird ein himmlischer Tänzer aus den Kulissen hervorschweben . Tanz ist der Schlüssel meiner Ahnungen von der andern Welt . Er weckt die Seel , sie red ' t irr wie ein Kind , was in Blumenlabyrinthen sich verliert , da schwankt ' s Kindchen , und die Ärmchen streckt ' s aus , nach blühenden Zweigen , weil ' s taumelt , weil ' s so lang im Kreise sich drehte - schaut ' s auf , da steht der Mond über ihm und sänftigt den Schwindel - mit angehaltenem , stillem Blick , an dem erholt ' s sich wieder . - Was meinst Du , was ich Dir da vorschwindel und muß die Tränen verbeißen . - Ich mein als , ich könnt die ganz Welt auf die Welt bringen mit meinem Mund , wenn der nur sprechen wollt , wie ' s Gott ihm auf die Zung legt , aber wenn sie heraus damit soll , dann stockt sie . Aber dabei bleibt ' s , wir mögen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen , wir wollen ' s einander alles still verborgen abhören , nicht wahr ? - wie auf der grünen Burg im Abendrot , wo wir im Feldgraben lagen , da war ich freudig mit der Zung , da war ' s immer , als wär einer hinter mir , der mir ' s einflüstre , Du frugst , was ich mich denn umdreh so oft ? - ich sagt : » Hinter mir tanzt ' s « - denn ich wollt nicht sagen : spricht ' s , denn es war mehr so getanzt und flüchtig geschwungen im Kreis , Nymphen , die sich bei der Hand hielten hinter den drei großen Zypressen hervor